Jesus von Nazareth


Teil 1

Textmarken: Jesus aus Sicht der Historiker,    Pilatus - blutrünstig und geldgierig,    Jesus ein Freiheitskämpfer,    Ungereimtheiten um seine Herkunft,   


Der Glaubwürdigkeit der Person Jesus kommt im christlichen Glauben eine besondere Bedeutung zu, denn nach der Trinitätslehre ist das Leben jenes Jesus von Nazareth eine Selbstaussage Gottes, ein kosmisches Ereignis, eine Offenbarung seiner grenzenlosen Liebe, die mit der Selbstaufopferung für unsere Sünden ihren Höhepunkt und Abschluss erreicht.

Jesus - aus Sicht der Historiker

Im ganzen ersten nichtchristlichen Jahrhundert erwähnt kein Historiker jenen Jesus von Nazareth. Selbst Philon von Alexandrien (etwa 20 v. Chr. bis 50 n. Chr.), der ungerechtfertigte Hinrichtungen durch Pontius Pilatus anprangert, erwähnt die eines Jesus aus Nazareth nicht. [1] Daher zweifeln manche Autoren, die sich mit Jesus beschäftigt haben, heute daran, ob er überhaupt existiert hat. Aber kann man auf einem Gerücht eine Bürgerbewegung aufbauen? Ein Kunstprodukt würde als perfektes Kunstwerk erscheinen und wäre daran erkennbar. Ein Beispiel für ein solches Kunstprodukt ist die Vorstellung vom Himmel und von der Hölle. Aber wie wir noch sehen werden, gab es auch durchaus Anlass zur Kritik und zum Zweifel an der Person jenes Jesus von Nazareth. Ein Beispiel ist die unerwartete Hinrichtung des Messias, die mit Prophezeiungen des Alten Testament erklärt wird, die aus ihren Zusammenhang gerissen wurden, wie wir noch sehen werden.

Ein anderer Punkt der Kritik ist die Zuverlässigkeit der Zeugen. Jener Saulus, alias Paulus, dessen Leben die Apostelgeschichte beschreibt, kennt die Geschichte von Jesus nur aus zweiter Hand. Ein Erlebnis vor Damaskus, macht ihn nach eigenen Angaben zum Prediger für diesen Glauben. Es ist wohl anzunehmen, dass sich Paulus als Wundertäter (Apostelgeschichte 19:11) und Geschichtenerzähler (damals ein Beruf) ein Zubrot verdiente, nachdem er vorher von Kopfprämien lebte, die auf die Mitglieder der Sekte der Nazarener (Apostelgeschichte 24:5) ausgesetzt waren. Von Beruf war er Zeltmacher (Apostelgeschichte 18:3).

Lukas 13:1-5 Eine der wenigen Stellen in den Evangelien, in denen Pilatus so geschildert wird, wie er war, ein blutrünstiger Herrscher, der ganz bewusst die religiösen Juden provozierte, um das Vermögen aufmüpfiger Juden einziehen zu können.

Die Ungereimtheiten um jenen Jesus von Nazareth beginnen schon bei seiner Geburt. Die Bibel berichtet, dass Joseph und seine Frau Maria sich geradezu beeilt haben, um zur Volkszählung des Augustus in ihr Heimatdorf zu gelangen. Dagegen berichtet der Geschichtsschreiber Josephus Flavius - er lebte ca. 90 n. Chr. - von dem Aufstand eines Galiläers mit dem Namen Judas (vergleiche Apostelgeschichte 5:37). Lukas (Lukas 13:1-5) berichtet von Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. [2]

Die Volkszählung war nämlich ein Mittel, um noch mehr Steuern aus den Provinzen herauszupressen. Jene Kinder, die zur Geburt von Jesus angeblich von Herodes ermordet wurden, waren wohl in Wirklichkeit "die Kinder Israels" nämlich Patrioten, die sich gegen die römischen "Beschützer" und gegen ihre massiven Tributforderungen zur Wehr setzten. Der Aufstand wurde in einem Blutbad erstickt. Pontius Pilatus - in der Bibel als ein Herrscher geschildert, der nur unter dem Druck der jüdischen Priester und unter dem Druck der Volksmassen, Jesus kreuzigen lässt - wird die Kreuzigung von mindestens 6000 Juden angelastet.[1]

Im Zusammenhang mit der Steuereintreibung gibt Jesus eine doppeldeutige Antwort: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Da sagte Jesus zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Und sie waren sehr erstaunt über ihn. (Markus 12,16). Man kann diese Aussage so interpretieren, dass jeder seine Steuern bezahlen soll. Es könnte aber auch heißen zahlt es ihm heim, dem Kaiser.

Die Kreuzigung - eine Hinrichtungsart, die von den Römern eingeführt worden ist! Nach den Gesetzen Moses hätte Jesus wegen Gotteslästerung gesteinigt werden müssen, wie Stephanus (Apostelgeschichte 7:59) oder Jakobus, einer der Brüder von Jesus. Eine Hinrichtungsart, die auch zu jener Zeit, als Jesus noch lebte, durchaus üblich war (siehe Johannes 10:31).

Die Evangelien sind recht zurückhaltend, was Kritik an der römischen Besatzungsmacht anbetrifft. Die Römer werden als Ordnungsmacht geschildert, zum Teil skrupellos, wie der Steuereintreiber Zachäus vor seiner Bekehrung (Lukas 19:1-10), zum Teil brave Soldaten, wie der Offizier Kornelius (Apostelgeschichte 10:22). Bei der Kreuzigung von Jesus durch Pontius Pilatus hat man den Eindruck, dass diese Kreuzigung nur auf Druck des Hohen Priesters und der Volksmenge erfolgte. Dies erstaunt umso mehr, als die Evangelien in einer Zeit der Christenverfolgung durch die Römer entstanden sind. Nur an wenigen Stellen wird berichtet, welche Rechte sich Römer herausnehmen konnten.

Apostelgeschichte 8:3

Saulus (römischer Staatsbürger) jedoch begann gegen die Versammlung zu wüten. Er drang in ein Haus um das andere ein, und sowohl Männer als auch Frauen fortschleppend, lieferte er sie jeweils in’s Gefängnis ein.

Lukas 19:8

Zachäus aber stand auf und sagte zum Herrn: "Siehe! Die Hälfte meiner Habe, Herr gebe ich den Armen, und was immer ich von jemand durch falsche Anklage erpresst habe, erstatte ich vierfach.

Zachäus verspricht hier nichts anderes als im Geiste Jesu zu handeln, das heißt weg mit dem ungerechten Reichtum (Lukas 16,1-9)

In den Jahren 70 bis 73 n. Chr., nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, kämpften in Masada insgesamt 973 Sikarier gegen eine Übermacht von 15.000 römischen Legionären der X. Legion unter dem Befehlshaber Flavius Silva.

Flavius Josephus berichtet, dass die Belagerten, unter Führung von Eleazar ben-Ya'ir, in dieser aussichtslosen Lage beschlossen, lieber als freie Menschen zu sterben, als den Römern in die Hände zu fallen. „Ein ruhmvoller Tod ist besser als ein Leben im Elend.“ Per Los bestimmten sie einige Männer, die den Rest der Gruppe und anschließend sich gegenseitig töten sollten. Als die Soldaten die Festung stürmten, fanden sie nur Totenstille: 960 Männer, Frauen und Kinder hatten sich getötet. Nur zwei Frauen und fünf Kinder hatten sich verborgen und konnten berichten, was geschehen war.  (Quelle: Wikipedia)

In dieser Zeit entstanden angeblich jene Bücher, die von Jesus berichten. Oberflächlich betrachtet vermitteln die Berichte die Lebens- und Leidensgeschichte eines Wundertäters und Wanderpredigers. Andererseits wird Jesus zu seinen Lebzeiten als Messias verehrt und das lässt auch den Schluss zu, dass er eine kleine jüdische Widerstandsgruppe anführte. Einige Hinweise in den Evangelien und in der Apostelgeschichte scheinen dies zu bestätigen.

Als Paulus in Jerusalem verhaftet wird, erinnert sich der Oberst der römischen Kohorte, die ihn festnimmt, an einen Ägypter, der vor einiger Zeit viertausend Sikarier (Dolchmänner, jüdische Freiheitskämpfer) aufgewiegelt und in die Wüste hinausgeführt hat (Apostelgeschichte 21,38). Man erinnere sich: Jesus hat gemäß dem Matthäus-Evangelium seine Kindheit in Ägypten verbracht (Matthäus 2,13-15) und bei einem der Brotwunder waren es ca viertausend Menschen, die ihn als Messias verehrten (zu den Zahlenangaben in der Bibel siehe das Kapitel zur hebräischen Zahlensymbolik). Nach seinem Tod waren es immerhin noch etwa 120 Brüder, die sich unter der Leitung von Petrus versammelten (Apostelgeschichte 1,15)

Im Matthäus-Evangelium wird die Vorbereitung des berühmten Abendmahls so geschildert:

Matthäus 26,17-19
Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten? Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister läßt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern. Die Jünger taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.

Geht in die Stadt zu dem und dem. . .   Meine Zeit ist da . . . Jesus hat hier ganz offensichtlich Leute mobilisiert.

Simon, einer der Jünger Jesu, wird zweimal als Zelot bezeichnet, als jüdischer Freiheitskämpfer (Lukas 6:15; Apostelgeschichte 1:13). Sein Jünger Judas hat den Beinamen Iskariot. Ein Wort das ähnlich klingt wie das Wort sicarius (Dolchmann), möglicherweise ein Schreibfehler, der beim Anfertigen der Abschriften der Evangelien nach Diktat, durchaus entstanden sein kann. Jesus gibt Petrus einmal den Beinamen "Bar Jona" (Matthäus 16:17). Dies könnte "Sohn des Jona" bedeuten, im aramäischen bedeutet jedoch "Bar Jona" ein Verbannter, Geächteter. Aber von wem geächtet - von den Römern? Der Spitzname "Donnersöhne" ("Söhne des Zebedäus") für zwei seiner Jünger deutet auf deren Gewalttätigkeit hin und sie verhalten sich auch demgemäß. In Lukas 9:54 schlagen sie Jesus vor, die ungastlichen Samariter zu verprügeln. Jesus hält sie davon ab. Aber an anderer Stelle empfiehlt Jesus seinen Jüngern sogar: "Wer kein Schwert hat, der verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert!" (Lukas 22:36). [2]

Ob die Römer ihren Vasallen das Tragen von Waffen erlaubten? Die Jünger waren jedenfalls bewaffnet. In Lukas 22:38 ist von zwei Schwertern die Rede. Bei der Gefangennahme jenes Jesus von Nazareth fließt Blut (Lukas 50:22, Matthäus 26:51, Markus 14:47, Johannes 18:10). Der hohe Rat arbeitet hier mit der römischen Besatzungsmacht zusammen.

Johannes 18,3
Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und der Pharisäer, und sie kamen dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen. (Mt 26,47-56; Mk 14,43-50; Lk 22,47-53 Kommentar der Einheitsübersetzung: Soldaten, wörtlich: die Abteilung (Kohorte). Damit wird sonst die römische Garnison, die in Jerusalem lag, bezeichnet.)
 
Markus 15,16
Die Soldaten führten ihn in den Palast hinein, das heißt in das Prätorium, und riefen die ganze Kohorte zusammen.

Eine ganze Kohorte (ca 600 bis 800 Mann) hatte man angeblich aufgeboten und das alles, um einen nur mäßig beliebten Wanderprediger dingfest zu machen?[2}

Auch der Grund für die Hinrichtung "König der Juden", den die Römer an seinem Kreuz (Pfahl) befestigten, deutet auf Jesus als Anführer einer nicht unbedeutenden  Gruppe hin (Matthäus 27,37).

Aber nehmen wir einmal an, diese Evangelisten hätten aus Ehrfurcht vor der Person Jesu die Wahrheit über ihn berichtet, und lesen wir einige Passagen aus den Evangelien.

Quellenangaben:
[1] Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums
[2] Pinchas Lapide, Ist die Bibel richtig übersetzt

 

Jesus - Ungereimtheiten um seine Herkunft

Übereinstimmend berichten die Evangelien, dass Maria die Mutter von Jesus ist. Er selbst wird in den Evangelien mal Sohn Gottes genannt (Johannes 11:4), mal Sohn des Menschen, der erhöht wird (Johannes 9:35). Auch Aussprüche wie, "ich und der Vater sind eins" (Johannes 10:30) und "ich bin das Licht der Welt" (Johannes 8:12,9:5), kann man in den Evangelien finden. Nur einige begriffsstutzige Leute behaupteten damals, dass sein Vater der Zimmermann Joseph war.

Matthäus 13:55

"Ist dieser nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt seine Mutter nicht Maria und seine Brüder Jakobus und Joseph und Simon und Judas? Und seine Schwestern sind sie nicht alle bei uns? Woher hat dieser Mensch denn all’ dies."

Johannes 6:42

"Ist dieser nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kommt es, dass er nun sagt: ‘Ich bin vom Himmel herabgekommen?’"

Um aber keinen Zweifel an den Prophezeiungen Jesajas (Jesaja 9:7, 11:1,10) aufkommen zu lassen, ist in zwei Evangelien auch der Stammbaum von Jesus aufgeführt.

Wenn man den in Lukas aufgeführten Stammbaum mit der ersten Chronik und dem ersten Buch Mose vergleicht, fällt auf, dass zwischen Arpachschad und Schelach bei Lukas (Lukas 3:34- 38) der Name Kainan auftaucht. Weder in 1. Mose 10:22-24 noch in der 1. Chronik 1:17-27 taucht dieser Name auf. Aber was ist schon ein Name mehr oder weniger unter Freunden. Lukas ist eben genau. Er nennt ja auch zwischen David und Joseph 15 Namen mehr als Matthäus. Wenn wir auch außer Nathan, Schealtiel und Serrubbabel in der 1. Chronik keinen dieser Namen wiederfinden, sollte uns das noch nicht misstrauisch machen. Bei Matthäus sind es dafür ein paar Namen weniger als in der 1. Chronik, wie ein Vergleich von 1. Chronik 3:11-12 mit Matthäus 1:8-9 ergibt.

Dabei sagt Matthäus doch:

Matthäus 1:17

Matthäus ging es wohl darum durch Zahlensymbolik die Bedeutung der Person Jesu zu steigern. Diese Zahlenmystik hatte damals einen hohen Stellenwert. Sie findet sich noch öfters in den Evangelien. Etwa bei den 40 Tagen, die Jesus angeblich gefastet hat und bei der Wahl der zwölf Apostel. Siehe hierzu das Kapitel "Hebräische Zahlensymbolik in der Bibel"

"Alle Generationen von Abraham bis David waren also vierzehn und von David bis zur Wegführung nach Babylon vierzehn Generationen und von der Wegführung nach Babylon bis zum Christus vierzehn Generationen.

Die Söhne Resa und Abiud, die bei Lukas und Matthäus als Söhne Serubbabels genannt werden, werden in der 1. Chronik nicht genannt (1. Chronik 3:19-20).

Wegen der vielen Unterschiede in den Stammbäumen von Matthäus und Lukas wird von christlichen Fundamentalisten vermutet, dass der Stammbaum des Lukas eigentlich der Stammbaum der Maria ist. Der Vater des Joseph ist nämlich in dem einen Fall Heli (Lukas 3:23) und im anderen Jakob (Matthäus 1:16).

Aber wie sagte schon Goethe: "Name ist Schall und Rauch".

Und Paulus warnt:

Titus 3:9

Doch meide törichte Streitfragen und Geschlechtsregister und Zank und Streitigkeiten wegen des Gesetzes (Moses), denn sie sind nutzlos und nichtig. (siehe auch 1. Timotheus 1:4)

Wenden wir uns also einem anderen Thema zu.


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