Die Stammväter - eine "ehrenwerte Gesellschaft"
Teil 1

Textmarken: Abraham der Sklavenhalter,    Abraham ein Rassist,    Inzucht,    Hausgötter,    Gott gesehen,    Polytheismus im alten Israel


Betrachten wir nun einige Biographien jener gottesfürchtigen Männer, die, wenn man der Bibel glauben darf, nach der Sintflut den Bestand der Menschheit durch verschiedene Bündnisse mit dem Herrscher aller Welten sicherten.

Ab 1. Mose 12 beginnt die Geschichte des Stammvaters Abraham. Gott ist von Abram, dem er den Namen Abraham (Vater vieler Völker) gibt, so begeistert, dass er ihn nach Kanaan reisen lässt, um ihm das Land zu zeigen, das er seinen Ur-ur-enkeln in 500 Jahren geben will (1. Mose 12,7; 1. Mose 13:1-15). Jeder Fatalist wird sich durch diese Stelle bestätigt fühlen.

Die Geschichte Abrahams, war vermutlich eine jener Geschichten, die von Wanderpredigern in Umlauf gesetzt wurde und die man sich am Lagerfeuer erzählte. Wanderprediger gehörten meist zu jenen, die keinen eignen Besitz erlangt hatten, von dem sie im Alter leben konnten. Also erzählten sie ihre Geschichten und bekamen so mal hier ein Mittagessen und dort ein Abendessen und vielleicht eine Unterkunft. Die Geschichte von Abraham ist eine Geschichte, die zu den verschiedenen Stämmen passte, die in der Gegend von Kanaan lebten. Durch seine Begegnungen mit Engeln war Abraham eine Sagengestalt. Ein kleiner Stammesführer mit allen Problemen der damaligen Zeit, eine Vaterfigur, mit der man sich identifizieren konnte, eine Geschichte über die man stundenlang reden konnte.

In Kapitel 14 des 1. Mose sind es schon wieder so viele Menschen, dass es Kriege gibt. Abrahams Neffe Lot und einige der Bundesgenossen Abrahams geraten in Gefangenschaft.

1. Mose 14:14-16

Hierauf bot er (Abraham) seine geübten Männer auf, dreihundertachtzehn in seinem Hause geborene Sklaven, und jagte ihnen nach bis Dan. Und bei Nacht ging er daran, seine Streitkräfte, er und seine Sklaven, sie gegen sie zu teilen, und so besiegte er sie und jagte ihnen weiter nach bis Choba, das nördlich von Damaskus liegt. Und er machte sich daran, die ganze Habe zurückzubringen, und er brachte auch Lot, seinen Bruder, und seine Habe und auch die Frauen und das Volk zurück.

Zum ersten Mal ist hier ganz selbstverständlich von Sklaven die Rede. Von Menschen, die nicht mehr wert waren, als das Geld, das man für sie bezahlt hatte. In 1. Mose 17:13 werden diese Untermenschen auch von Gott in die Gesetzgebung mit einbezogen

1. Mose 17:13

Jeder in deinem Hause Geborene und jeder mit deinem Geld Erkaufte soll unbedingt beschnitten werden; und mein Bund an eurem Fleisch soll als ein Bund auf unabsehbare Zeit dienen.

In den ganzen Büchern Mose nimmt Gott keinen Anstoß an der Sklaverei.

Nach der Schlacht, von der bereits die Rede war, wird erst einmal gefeiert.

1. Mose 14:18-20

Und Melchisedek, König von Salem, brachte Brot und Wein heraus, und er war Priester Gottes, des Höchsten. Dann segnete er ihn und sprach: "Gesegnet sei Abraham von Gott, dem Höchsten, dem, der Himmel und Erde hervorgebracht hat; und gesegnet sei Gott der Höchste, der deine Bedrücker in deine Hand geliefert hat!" - Darauf gab ihm Abraham den Zehnten von allem.

Priester durften damals offenbar noch Wein trinken. Bei Moses war dies verboten.

Abraham hat nun erst einmal andere Sorgen. Seine Frau Sara hatte ihm, trotz der göttlichen Zusage (1. Mose 13:15-16), immer noch keinen Erben geschenkt. Das Problem löste man nun so:

1. Mose 16:2

Daher sprach Sara zu Abraham: "Nun bitte! Jehova hat mich verschlossen, dass ich nicht Kinder gebäre. Bitte habe Beziehungen mit meiner Magd. Vielleicht kann ich durch sie Kinder bekommen." Da hörte Abraham auf die Stimme Saras.

Die Rechnung ging fast auf. Abraham bekam seinen Sohn Ismael (Gott erhört dich). Als jedoch später Sara doch noch ihren Sohn Isaak (den Lachenden) einen Sohn bekam, war Hagar mit dem gemeinsamen Sohn Ismael nicht mehr willkommen.

1. Mose 21:14-16

Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm Brot und einen Wasserschlauch und gab es Hagar, indem er es auf ihre Schulter legte, und das Kind, und dann entließ er sie. Und sie ging hin und irrte in der Wildnis von Beer-Scheba umher. Schließlich war das Wasser im Schlauch erschöpft, und sie warf das Kind unter einen der Sträucher. Dann ging sie und setzte sich allein hin, etwa einen Bogenschuss weit weg, denn sie sagte: "Möge ich es nicht ansehen, wenn das Kind stirbt." So setzte sie sich in einiger Entfernung und erhob ihre Stimme und begann zu weinen.

Den Bündnissen, die Gott mit Abraham geschlossen hatte (1. Mose 15:18, 1. Mose 17:2), tat dies keinen Abbruch. Lediglich ein recht grausamer Treuebeweis wird von ihm gefordert. Er soll seinen einzigen Sohn Isaak opfern und das, obwohl Gott ihm vorher versprochen hat, Isaak zum Stammvater eines Volkes zu machen (1. Mose 21:12). So muss diese Geschichte schließlich ein "happy end" haben, und Gott erneuert sein Versprechen, Isaak (der Lachende) zum Stammvater eines Volkes zu machen (1. Mose 22:17). Doppelt genäht hält besser.

Die Abgrenzung gegenüber anderen Stämmen hatte auch einen vermögensrechtlichen Hintergrund:

4. Mose (Numeri)  36,8

Jede Tochter, die Anspruch auf Erbbesitz in einem israelitischen Stamm hat, muß einen Mann aus einer Sippe ihres väterlichen Stammes heiraten, damit bei den Israeliten jeder im Erbbesitz seiner Väter bleibt.

Für Priester waren die Regeln noch etwas strenger

3. Mose (Leviticus) 21,13-14

Er soll nur eine Jungfrau heiraten. Eine Witwe, eine Verstoßene oder eine Entehrte, eine Dirne, darf er nicht heiraten; nur eine Jungfrau aus seinem Stamm darf er zur Frau nehmen;

Wobei Hesekiel einräumt, dass ein Priester die Witwe eines anderen Priesters heiraten darf. (Ezechiel (Hesekiel) 44,22).

Inzucht war damals offenbar kein Problem.

Genesis 11,27-29 Das ist die Geschlechterfolge nach Terach (der Mondanbeter): Terach zeugte Abram, Nahor und Haran; Haran zeugte Lot. Dann starb Haran, noch vor seinem Vater Terach, in seiner Heimat Ur in Chaldäa. Abram und Nahor nahmen sich Frauen; die Frau Abrams hieß Sarai, und die Frau Nahors hieß Milka; sie war die Tochter Harans (seines Bruders), des Vaters der Milka und der Jiska.
 

Als Abrahams Sohn Isaak ins heiratsfähige Alter kommt, lässt er seinen Diener eine Frau für ihn suchen. Abraham besteht darauf, dass seine zukünftige Schwiegertochter aus seinem Stamm kommt. Seine Frau Sara war schließlich seine Halbschwester (1. Mose 20:12). Vor allem darf seine zukünftige Schwiegertochter keine Kanaaniterin sein.

1. Mose 24:37

So ließ mein Herr mich schwören, indem er sprach: 'Du sollst für meinen Sohn keine Frau von den Töchtern der Kanaanitern nehmen, in deren Land ich wohne. Nein, sondern du wirst in das Haus meines Vaters und zu meiner Familie gehen, und du sollst für meinen Sohn eine Frau nehmen.'

Abraham ist überzeugt, dass Gott mit diesem Rassenhass einverstanden ist, und er glaubt, dass Gott extra einen Engel vor seinem Diener herschickt ( 1. Mose 24:7).

Sein Diener findet für Isaak Rebecka, die Enkelin eines der Brüder Abrahams. Nachdem auch die Erbfolge durch die Geburt der Söhne Jakob und Esau gesichert scheint, macht Abraham seinen Sohn Isaak zum Universalerben.

1. Mose 25:5-6

Später gab Abraham alles, was er hatte, dem Isaak, aber den Söhnen der Nebenfrauen, die Abraham hatte, gab Abraham Geschenke. Dann sandte er sie noch zu seinen Lebzeiten von seinem Sohn Isaak fort, ostwärts, nach dem Lande des Ostens.

Als Abraham stirbt taucht Ismael (der Sohn von Hagar) wieder auf. Gemeinsam mit Isaak und den anderen Söhnen begräbt er Abraham. Gott hat sich angeblich inzwischen persönlich um Ismael gekümmert (1. Mose 21:20). So berichtet es jedenfalls der Chronist.

Schon früh zeigte sich der unterschiedliche Charakter der Söhne Isaaks.

1. Mose 25:27-34

Und die Knaben wurden größer, und Esau wurde ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes, Jakob aber ein Mann ohne Tadel, der in den Zelten wohnte. Und Isaak hatte Esau lieb, denn es bedeutete Wildbret in seinem Munde, wohingegen Rebecka Jakob lieb hatte. Einmal kochte Jakob ein Gericht, als Esau vom Felde daherkam und müde war. Da sagte Esau zu Jakob: "Geschwind lass mich bitte etwas von dem Roten verschlingen - dem Roten da, denn ich bin müde!" Darum wurde ihm der Name Edom gegeben. Darauf sprach Jakob: "Verkaufe mir zuerst dein Erstgeburtsrecht!" Und Esau sprach weiter: "Siehe, ich gehe hin zu sterben, und von welchem Nutzen ist mir ein Erstgeburtsrecht?" Und Jakob fügte hinzu: "Schwöre es mir zuerst!" Und dann schwor er ihm und verkaufte dem Jakob sein Erstgeburtsrecht. Und Jakob gab Esau Brot und ein Linsengericht, und er begann zu essen und zu trinken. Dann stand er auf und ging seines Weges. So verachtete Esau das Erstgeburtsrecht.

Die Bibel berichtet noch einen weiteren Fall von Inzucht. Die beiden erwachsenen Töchter Lots gaben ihrem Vater Wein zu trinken und verführten ihn. Beide wurden von ihrem Vater schwanger. (1. Mose 19:30-38) Gott duldet dies offenbar, weil die Töchter keine andere Wahl hatten zu einem Mann zu kommen. Ihre Söhne wurden zu Stammvätern der Moabiter und der Ammoniter.

Was sich hier noch wie der scherzhafte Spruch "ein Königreich für einen Schluck Wasser" anhört, wurde für Esau zum bitteren Ernst. Mit einer von Rebecka ausgedachten List gelingt es Jakob schließlich, den greisen Isaak zu täuschen, und so kann Jakob das gesamte Erbe an sich bringen (1. Mose 27). Esau hatte sich bei Rebecka unbeliebt gemacht, weil er zwei Hethiterinnen geheiratet hatte (1. Mose 27:45). Als Jakob schließlich ein zweites Mal von seinem Vater Isaak gesegnet wird, versucht Esau seine Eltern versöhnlich zu stimmen, indem er eine Tochter Ismaels heiratet. Es lebe die Inzucht!

Jakob geht, gemäß dem Wunsch seiner Eltern, nach Paddan- Aram, um sich dort eine Frau zu suchen (1. Mose 28:26). Dort findet er seinen Meister. Laban, der Bruder seiner Mutter, lässt ihn sieben Jahre lang arbeiten und gibt ihm dafür genau jene Tochter zur Frau, die er nicht heiraten wollte. Für die andere Tochter lässt er ihn noch mal sieben Jahre lang arbeiten (1. Mose 29:18-30). Als Jakob schließlich mit seinen beiden Frauen nach weiteren sechs Jahren Laban heimlich verlässt, stiehlt seine Frau Rahel die Hausgötter (Teraphim) ihres Vaters. Jakob weiß davon nichts. Als ihn Laban deswegen verfolgt, nimmt er jedoch die Sache sehr ernst. Laban gegenüber sagt er:

1. Mose 31:32

Wer immer es ist, bei dem du deine Götter findest, er möge nicht leben.

Sein Glück ist, dass Laban die Hausgötter nicht findet. Laban lässt ihn noch bei seinen Göttern opfern und schwören, dass er die Hausgötter nicht hat, bevor er ihn ziehen lässt.

1. Mose 31:53

"Möge der Gott Abrahams und der Gott Nachors zwischen uns richten, der Gott ihres Vaters." Jakob aber schwor bei dem von seinem Vater Isaak Gefürchteten.

Jakob glaubte offenbar an die Existenz mehrerer Götter.

Die Geschichten von Abraham, Isaak, Jakob und Moses zeigen auch wie stark Gottesbilder dem Wandel der Zeiten unterliegen.

Wie manche andere Auserwählte darf auch Jakob angeblich das Angesicht Gottes sehen, ja er darf sogar mit ihm ringen und erhält dafür den Namen Israel, was Gottesstreiter bedeutet (1. Mose 32:22-32, 1. Mose 35:9-14).

1. Mose 32:30

Folglich gab Jakob dem Ort den Namen Peniel, denn: "Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und doch ist meine Seele befreit worden.

Die Gotteserscheinungen Abrahams, Isaaks und Jakobs werden bei Moses nicht verschwiegen (2. Mose 6:3). Man deutete sie jedoch später als als Visionen.

Numeri 12:5-9

Der Herr kam in der Wolkensäule herab, blieb am Zelteingang stehen und rief Aaron und Mirjam. Beide traten vor, und der Herr sprach: Hört meine Worte! Wenn es bei euch einen Propheten gibt, so gebe ich mich ihm in Visionen zu erkennen und rede mit ihm im Traum. Anders bei meinem Knecht Mose. Mein ganzes Haus ist ihm anvertraut. Mit ihm rede ich von Mund zu Mund, von Angesicht zu Angesicht, nicht in Rätseln. Er darf die Gestalt des Herrn sehen. Warum habt ihr es gewagt, über meinen Knecht Mose zu reden? Der Herr wurde zornig auf sie und ging weg. (Einheitsübersetzung)

Dagegen sagt

2. Mose 33:20 

Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

Zum Thema Gotteserscheinungen siehe auch das Kapitel Gottesbild und Weltbild im alten Israel.

Obwohl die jüdische und die christliche Religion heute von diesen Kirchen als moderne monotheistische Religionen gefeiert werden, finden sich sowohl im alten als auch im neuen Testament zahlreiche Hinweise auf Animismus und Polytheismus. Mehr dazu siehe das Kapitel Gottesbild und Weltbild im alten Israel.


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