Das zusammengeschusterte "heilige Buch"

Der Kanon der Bibel


Eine der ersten Zusammenstellungen christlicher Überlieferungen und deren Übersetzung ins lateinische ist nach der Weltgeschichte des Severus die "Itala". Diese Übersetzung fand jedoch wenig Anerkennung. Ca 395 n. Chr. wird sie durch die so genannte "Vulgata" des Hieronymus ersetzt. Aber wie entstand jene Sammlung von Schriften, jener Kanon, der heute Bibel genannt wird.

1. Der Kanon der Bibel

Kanon (griechisch) heißt wörtlich: Stab, Maßstab; im übertragenen Sinne: Regel, Richtschnur. Im 4. Jahrhundert begann man, mit "Kanon" die Liste der biblischen Bücher zu bezeichnen.  Bücher die dem Gläubigen als Maßstab, als Richtschnur für Leben und Glauben dienen sollten. Der Kanon der Bibel ist nicht eine Sammlung hebräischer und griechischer Schriften, denen "Heiligkeit" und damit "Autorität" verliehen wurde, sondern eine Sammlung von Schriften, die bereits als heilige Schriften bekannt waren. 

a) Kanon des alten Testaments

Der geschichtliche Prozess der Kanonisierung des AT lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Fest steht, dass schon sehr früh der Pentateuch (Thora) als autoritatives Wort Gottes bekannt war (Jos 1,7-8; 1.Kön 2,3). In den Büchern der Propheten finden wir immer wieder den Anspruch bezeugt, von Gott eingegebenes Wort zu sein, und als solches wurden sie dann auch anerkannt (vgl. Dan 9,2 mit Jer 25,11-12).

Die Überlieferung berichtet, dass Nehemia eine Bibliothek anlegte und die heiligen Schriften sammelte (2.Makk 2,13). Auf jeden Fall fällt die Sammlung der Schriften in das 4. Jahrhundert v.Chr., denn bereits die Septuaginta (griechische Übersetzung des AT, entstanden im 3. Jahrhundert v.Chr.) enthält alle Bücher unseres AT.

Jesus, bzw. jene, die über ihn berichtet haben, kannten und anerkannten diesen Kanon:

Lukas 11,51

"von Abels Blut an bis hin zum Blut des Secharja, der umkam zwischen Altar und Tempel."

Der Mord an Abel wird in 1. Mose 4 berichtet, der an Secharja in 2.Chronik 24. Die 2.Chronik ist das letzte Buch in der hebräischen Anordnung des AT.

Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus (37 - 100 n.Chr.) berichtet:

"Man kann die Schriften nicht zum Gegenstand der Diskussion machen, denn man billigt unter uns nur, was die Propheten vor vielen Jahrhunderten geschrieben haben, die gelehrt wurden durch die Inspiration Gottes." (contra Apion 1,8)

In seiner Liste des hebräischen Kanons um 90 n.Chr. erwähnt er die Apokryphen nicht.

b) Apokryphen des alten Testaments

Außer den 39 Büchern (nach unserer Zählung) existierten noch weitere Bücher, die aus einer Zeit stammen, in der der Kanon des AT schon gebildet war. Wir kennen sie als Apokryphen, ein Begriff, den Hieronymus diesen Büchern gab. Mit Apokryphen bezeichnete man zu jener Zeit die Geheimschriften von Sektierern (das griechische Wort bedeutet soviel wie "die Verborgenen"). Diese Bücher fanden Eingang in die griechische Übersetzung des AT. Dennoch unterscheiden sie sich stark von den anderen kanonischen Büchern.

  • Die Apokryphen wurden nie in den hebräischen Kanon aufgenommen. (Deshalb finden sie sich auch nicht in der ursprünglichen Septuaginta.) Wir finden sie bis heute nicht in den hebräischen Bibeln.

  • An keiner Stelle der Apokryphen finden wir Aussagen wie "so spricht der Herr", "der Herr sprach" oder ähnliches.

  • Diese Bücher wurden größtenteils in griechischer Sprache verfaßt.

  • Sie unterscheiden sich in geradezu grotesker Weise von den kanonischen Büchern durch ihre Lehre, ihre Art und ihren Inhalt.

  • Außer von Augustin, der sie dem AT zuordnete, aber sie als nicht ganz so autoritativ ansah, wurden sie von den Kirchenvätern verworfen. So waren sie auch nicht von Hieronymus für die Vulgata (lateinische Übersetzung der Bibel) übersetzt worden, also in der ursprünglichen Vulgata nicht enthalten.

Als Martin Luther die Bibel in die deutsche Sprache übersetzte, hielt er sich strikt an den hebräischen Kanon. Deshalb setzte er die Apokryphen zwischen AT und NT und bemerkte: "Das sind Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleichgehalten und doch nützlich und gut zu lesen." In einigen Ausgaben der Lutherbibel sind sie heute enthalten.

Die katholische Kirche hingegen nahm eine andere Stellung ein. Aus den Apokryphen leitete sie z.T. ihre Sakramentslehre und andere Lehren ab (gemeint sind Lehren wie die vom Fegefeuer, von der Gerechtigkeit durch gute Werke und von Messen). Wir finden in den Apokryphen:

  • Erlösung ist ohne Jesus und göttliche Vergebung möglich (Weisheit 10,2)

  • der Zweck heiligt die Mittel (Judit 12,10 - 13,10)

  • abergläubische Praktiken sind erlaubt (Tobias 6,7-8)

  • durch gute Werke wird man errettet (Tobias 12,9)

  • Geld aus Sühnopfer auch für Tote (2.Makk 12,43+45)

  • Gebet für die Verstorbenen ist gut und heilsam (2.Makk 12,44)

Vergleicht man diese Lehren mit ihrer Wichtigkeit für den Bestand und das Wesen der Römisch Katholischen Kirche, so läßt sich leicht erkennen, daß die Apokryphen nicht aufgegeben werden konnten. Im Konzil zu Trient (1546) wurden die Apokryphen als kanonisch erklärt. Noch heute sind sie völlig unauffällig zwischen die anderen Bücher des AT gereiht. Die göttliche Inspiration dieses katholischen Kanons ist Inhalt der katholischen Glaubenslehre. Zumindest bei den ersten drei der genannten Bibelstellen wird allerdings jeder katholische Theologe bestreiten, dass es sich hier um Lehrinhalte der katholischen Kirche handelt.

Wenn es um spezielle Bibelstellen geht, dann bestehen Theologen zwar darauf, dass die kanonischen Texte (Kanon = Maßstab) Gottes Wort sind. Aber man darf sie nicht 1 zu 1 übernehmen, muss sie richtig interpretieren (zurechtbiegen) . . . Mehr dazu unter dem Kapitel  Aus der Trickkiste der Vertreter des Glaubens Teil 3. Nur verlässt man damit die im Alltag üblichen Wahrheitskriterien und setzt die Bibel als absolute Wahrheit voraus, die wir nur richtig verstehen müssen.

c) Kanon des neuen Testaments

Das Werden des NT-Kanons ist wesentlich komplizierter als die Sammlung der AT-Bücher. Wieder wird den einzelnen Schriften keine Autorität verliehen, sondern nur ihre Autorität anerkannt. Doch finden sich diesmal die Schriften nicht nur an einem Ort (wie beim AT im Tempel). Sie sind weltweit in einzelnen Gemeinden verstreut. In den ersten Jahrhunderten dürfte wohl kaum eine Gemeinde im Besitz aller NT-Bücher gewesen sein. Jede Gemeinde akzeptierte oder verwarf Bücher. Viele Bücher des Neuen Testament in der heutigen Fassung setzten sich dennoch im Laufe der Zeit durch. Die folgenden 7 Bücher waren jedoch umstritten:

  • Hebräer kein genannter Autor
  • Jakobus Inhalt angeblich in Widerspruch zu Paulusbriefen
  • 2. Petrus stilistischer Unterschied zum 1. Brief
  • 2. Johannes
  • 3. Johannes kurze Briefe, die nur den Gemeinden im Westen bekannt waren
  • Judas
  • Offenbarung stilistischer Unterschied zu den anderen Joh.-Büchern, war nur im Westen des römischen Reiches bekannt.

Die zeitweise unterschiedliche Beurteilung dieser Bücher macht die eigenständige Entscheidung der Gemeinden deutlich. Erst auf den Konzilen von Hippo 393 und Karthago 397 einigte man sich auf jene Bücher, die der Verkündigung dienen sollten.

d) Die Apokryphen des neuen Testaments

In den ersten Jahrhunderten entstanden auch Schriften, die neben den als apostolisch bekannten Büchern gelesen wurden. Diese Apokryphen des NT wurden nie in den Kanon aufgenommen.

Es handelt sich um sektiererische Um- und Nachbildungen kanonischer Schriften oder um kirchliche Legenden über das Leben des Herrn Jesu und der Apostel. Man unterscheidet demnach apokryphe Evangelien, Apostelgeschichten und Apokalypsen (griech.: "Enthüllung", Bezeichung für Text über die ferne Zukunft, besonders für die Offenbarung des Johannes).

Diese Schriften bzw. Schriftteile sind sehr zahlreich. Zu den bekannteren gehören: Evangelium des Jakobus, des Petrus, des Philippus und des Thomas; Evangelium über die Kindheit Jesu, über Maria und Joseph; Apostelgeschichte des Philippus, des Andreas, des Thomas; außerdem Apokalypsen des Petrus, des Paulus und des Thomas.

Quelle: www.theo-notizen.de


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