Das zusammengeschusterte "heilige Buch"

Die Überlieferung der Bibel


Wir haben bisher betrachtet, wie die einzelnen Schriften zu unserer Bibel zusammengefügt wurden. Nun wenden wir uns der Frage zu, wie denn diese Schriften, die es ursprünglich in nur jeweils einem Orginal gab, über die Jahrhunderte hinweg in unsere Generation gekommen sind.

a) Überlieferung des AT  
(1) Schreibmaterial

Aus alttestamentlicher Zeit wissen wir von verschiedenen Schreibmaterialien:

Sollten Texte besonders lange erhalten werden, so meißelte man sie in Stein.

 

2.Mose 32,15

"... die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand, die waren beschrieben auf beiden Seiten. Und Gott hatte sie selbst gemacht und selbst die Schrift eingegraben."

Mußten diese Texte nicht transportiert werden, so meißelte man sie in Fels. So wünscht sich Hiob, daß seine Reden zum ewigen Gedächtnis in Fels gehauen würden (Hiob 19,24).

Kleinere Texte (Sprüche, kleine Briefe, u.ä.) wurden mit Tinte auf weißgetünchte Steine (5.Mose 27,2) oder auch gebrannte Tontafeln (sogenannte Ostraka) geschrieben.

Natürlich waren diese Materialien für die Bücher unseres AT nicht geeignet. Hierzu war Material notwendig, auf das wesentlich längere Texte geschrieben werden konnten. So finden wir im AT häufiger den Ausdruck "Buch" oder "Rolle". An diesen Stellen ist von Papyrusrollen die Rede.

Papyrus wurde schon im 3. Jahrtausend v.Chr. in Ägypten hergestellt, gebraucht und exportiert. Man nahm die Stengel der Papyrusstaude (bis zu 6 m lang!), die man in Stücke zerlegte und mit scharfen Werkzeugen in Längsrichtung zu Streifen schnitt. Diese Streifen wurden nun nebeneinander gelegt, und dann eine zweite Schicht quer darüber. Unter Zusatz von Wasser wurden diese Bögen dann gepreßt und geglättet. Schließlich brauchte man nur noch die Ränder sauber abzuschneiden. Nun wurden die einzelnen Teile zusammengeklebt, so daß ein Stück in gewünschter Länge entstand. Dies konnte dann (meist auf der Seite mit den waagerechten Streifen) beschriftet und zur Rolle aufgedreht werden. Zu leicht lassen wir uns von Exponaten in Museen täuschen: Papyrus war nicht zerbrechlich, sondern geschmeidig; auch hatte er nicht diese braune bis dunkelbraune Farbe, die er durch die jahrhundertelange Lagerung im Sand erhielt. Wir müssen uns die ursprünglichen Papyrusbogen oder -rollen in hellgrauer bis hellgelber Farbe vorstellen.

Schließlich begann man wichtige Schriften und Urkunden auf Leder zu schreiben. Lederrollen waren noch haltbarer als Papyrusrollen - und das auch trotz häufiger Benutzung. Hergestellt aus dem Leder einzelner Tiere wurden sie, wie die Papyrusrollen, aus Einzelstücken zusammengenäht. Bis heute wird das Gesetz, das in der Liturgie verlesen wird, auf Lederrollen geschrieben.

Von der Stadt Pergamon in Kleinasien erhielt das Pergament seinen Namen. Abgehäutete Tierfelle (meist Schaf- oder Ziegenfelle) wurden gebeizt, geschnitten und mit Kreide und Bimsstein vorbereitet. Pergament war bedeutend haltbarer als die bisherigen Schreibmaterialien, bot eine glatte, helle Oberfläche, die sich gut zum Beschriften mit Tinte eignete. Ein Vorteil des Pergaments bestand auch darin, daß bereits einmal beschriebene Bögen "abgekratzt" werden konnten, also mit einem Schaber die alte Tinte entfernt werden konnte. Dies war auch aufgrund des Preises ein gern genutzter Vorteil (für 4 Seiten Manuskript benötigte man 1 Tier!). Ein solcher Bogen, dessen ursprünglicher Text abgeschabt und durch einen anderen ersetzt wurde, nennt man ein Palimpsest. Da der ursprüngliche Text mit Hilfe der Infrarotphotographie wieder sichtbar gemacht werden kann, fanden die Forscher viele alte Bibeltexte unter Urkunden und Texten des Mittelalters. Pergament ersetzte also nach und nach den Papyrus, der nach dem 4. Jahrhundert n.Chr. seine Bedeutung verlor.

Vergegenwärtigt man sich, daß die in Qumran gefundene alte Jesajarolle (Material: Leder) eine Länge von 7,24 m hat, und bedenkt man, daß sie beim Lesen von Hand gehalten werden mußte, so läßt sich leicht vorstellen, warum der Pentateuch in 5 Bücher (Rollen) unterteilt wurde!

Auf Ostraka, Papyrus und Leder wurde mit Tinte geschrieben (Jer 36,18). Sie wurde anfangs aus Ruß (von Olivenöl) und Harz bzw. Öl hergestellt.

(2) Schrift  

Wir erkennen heute die hebräischen Texte an der Quadratschrift. Es war die Schrift, die auch Jesus kannte (Mt 5,18 spricht vom Jota als kleinsten Buchstaben, dies ist nur in der Quadratschrift richtig!). Eigentlich handelt es sich hierbei um die aramäische Schrift, mit der die hebräische Sprache geschrieben wurde. Dieses aramäische Alphabet verdrängte in der nachexilischen Zeit die alt-hebräische Schrift, die zwar noch Jahrhunderte bekannt blieb, aber immer unbedeutender wurde.

Gleichgültig mit welchen Buchstaben sich das Hebräische im Laufe seiner Geschichte schrieb, die Kunst des Lesens und Schreibens war im Volk Israel weit verbreitet.

(3) Weitergabe

Ein Missverständnis

Ein Mann steht vor Gericht, weil er seine Frau geschlagen hat..

Der Richter:
"Das ist ein brutales Vergehen und wenn sie mit etwas Milde rechnen wollen, geben sie uns bitte eine plausible Begründung für ihr Tun."

Der Mann:
"Meine Frau hat mich mit ihrer Dummheit zur Weißglut getrieben. Da ist mir einfach der Geduldsfaden gerissen!"

Richter:
"Na, dann erzählen sie uns mal wie es dazu gekommen ist!"

"Also gut. Bei uns im Haus wohnt eine Liliputanerfamilie, der kleinste von denen ist 1,20m, der größte 1,50m groß. Sagt meine Frau: "Die tun mir richtig leid, diese Pyrenäen."

"Schatz, ich glaub du meinst Pygmäen."

"Nein, das ist der Hautfarbstoff."

"Das ist Pigment."

"Nein, auf Pigment haben die alten Römer geschrieben."

"Du meinst Pergament."

"Nein, Pergament ist, wenn ein Dichter etwas anfängt und nicht zuendemacht."

Herr Richter, sie meinte natürlich ein Fragment, aber ich habe es mir verkniffen, ich wollte nicht weiterdiskutieren. Aber eine Stunde später ging es weiter. Sie sagte:
"Liebling, weißt du schon? Ich nehme jetzt Französischunterricht bei einem Legionär."

"Du meinst einen Lektor."

"Nein, Lektor war der Held von Troja."

"Das war Hektor."

"Nein. Hektor ist ein Flächenmaß."

"Das ist der Hektar."

"Hektar ist der Göttertrunk."

"Du meinst den Nektar!"

"Der Nektar ist ein Fluss in Deutschland. Kennst du nicht das schöne Lied "Bald gras' ich am Nektar, bald gras' ich am Rhein"? Das hab ich neulich mit einer Freundin im Duo gesungen."

"Der Fluss heißt Neckar und gesungen wurde im Duett"

"Nee, Duett ist, wenn zwei gegeneinander kämpfen."

"Das ist ein Duell, verdammt noch mal!"

"Nein, Duell ist, wenn eine Eisenbahn aus einem finsteren Bergloch wieder herauskommt."

Herr Richter, da hab ich meinen Hammer genommen und sie totgeschlagen. Ich hielt es einfach nicht mehr aus!"

Fünf Minuten lang betretenes Schweigen im Saal.

Dann der Richter:
"Freispruch. Ich hätte schon bei Hektor zugeschlagen."

Die Orginale unserer AT-Bücher wurden immer wieder abgeschrieben und weitergegeben. Besonders in der Zeit nach der Gefangenschaft bildete sich eine Gruppe Männer heraus, die sich ganz dem Studium und der Weitergabe der heiligen Schriften verschrieben hatte. Diese Männer begegnen uns im NT als Schriftgelehrte und Lehrer (Rabbi).

Der Text des AT wurde sehr sorgfältig weitergegeben, war er doch für die frommen Juden heilig. Problematisch wurde es, als Hebräisch nicht mehr gesprochen wurde, und die Juden in alle Welt zerstreut waren. Der Konsonantentext mußte vom Leser ständig um die Vokale ergänzt werden. War dieser Leser aber nicht im Hebräischen zuhause, schlichen sich leicht Fehler ein. Da der Konsonantentext nicht geändert werden durfte, wurden nach syrischem Vorbild unter und teilweise auch über die Konsonanten Punkte gesetzt, die verschiedene Vokale darstellten. Diesen Vorgang nennt man "punktieren". Der punktierte Text war völlig identisch mit dem Konsonantentext, es hatte sich kein Buchstabe verschoben, es waren nur unter (bzw. über) den Buchstaben Vokale hinzugefügt worden. So konnte die Aussprache einzelner Wörter für die folgenden Generationen "konserviert" werden.

Die Gelehrten, die nach dem 5. Jahrhundert n.Chr. mit dieser Überlieferung beschäftigt waren, werden Masoreten genannt. Sie erhielten diesen Namen, weil sie rings um den Text einer Seite, also an allen 4 Rändern und am Schluß eines Buches Bemerkungen zum Text machten. Diese Bemerkungen heißen Masora. In der Masora wurden allerlei Bemerkungen zum Text gemacht, z.B. vor Stellen, die leicht zu Abschreibfehlern führten, gewarnt, oder auch eine Art kleine Konkordanz angeführt (so ist in 1.Mose 1,1 angegeben, daß "im Anfang" 5x im AT vorkommt, davon 3x am Versanfang). Uns kommen viele dieser Bemerkungen wie Spielereien vor, doch zeugen sie oftmals von der gewaltigen Ehrfurcht und Liebe, die die Gelehrten dem Text entgegenbrachten. Für uns ist interessant, daß auch offensichtliche Abschreib- oder Rechtschreibfehler nie im Text korrigiert wurden. Der Konsonantentext wurde, so wie er war, von Generation zu Generation weitergegeben, jedoch nicht ohne die entsprechende Korrektur in der Masora.

Nicht nur die Vokale wurden dem Text hinzugefügt. Die Masoreten trugen auch Sorge, daß die Sprachmelodie des Hebräischen erhalten blieb. In einem äußerst feinsinnigen und komplizierten System von Punkten, Kreisen und Strichen wurden die Akzente dem Text zugefügt. Alle diese Akzente, Vokale und Konsonanten machen das so charakteristische hebräische Schriftbild aus.

Der auf diese Weise überlieferte Text des AT wird als Masoretentext bezeichnet.

Abgenutzte Rollen, die nicht mehr gebraucht werden konnten, wurden sorgfältig in einer feierlichen Prozession zur Beerdigung in geweihter Erde getragen.

b) Überlieferung des neuen Testaments

(1) Schreibmaterial

Zur Zeit der Entstehung der neutestamentlichen Bücher waren Papyrus und Tinte die üblichen Schreibmaterialen.

(2) Schrift

Der griechische Text wurde fortlaufend, also ohne Abstände zwischen Wörtern und Sätzen in Großbuchstaben geschrieben. Wir nennen solche, nur mit Großbuchstaben geschriebenen Texte auch Majuskeln.

(3) Weitergabe  

Obwohl zur damaligen Zeit die Buchrolle die gängige Form längerer Texte war, benutzten die Christen von Anfang an eine andere Form: den Kodex (pl.: Kodexe oder Kodizes). In der Antike wurden Holztäfelchen, die mit Wachs überzogen und miteinander verbunden wurden, als Kodex bezeichnet. So kauften die Christen einen Stapel Papyrusbögen, falteten sie und verbanden sie. Man könnte also auch von der Geburtsstunde unseres Buches sprechen. Natürlich wurden nun beide Seiten der Papyri beschrieben, sowohl die waagerechten Fasern als auch die senkrechten. Diese Art von Buch brachte einen gewaltigen Vorteil, denn das Nachschlagen einzelner Textpassagen wurde wesentlich erleichtert. Eine Schriftrolle mußte nach dem Lesen arbeits- und zeitaufwendig zurückgewickelt werden. Einen Kodex schlug man zu und öffnete ihn an gewünschter Stelle wieder. Vielleicht spielten wirtschaftliche Überlegungen auch eine Rolle.

Nach dem 4. Jahrhundert setzte sich mehr und mehr das Pergament durch. Daß dieses Material den Papyrus nicht sogleich verdrängte, liegt vielleicht in den enormen Kosten begründet. Allein für eine Schriftengruppe (alle 4 Evangelien, oder die Briefe des Apostel Paulus) wurden 50-60 Tierfelle benötigt! Berücksichtigt man zusätzlich, daß viele Kodizes mehr als nur eine Schriftengruppe, ja vielleicht das gesamte NT und AT umfaßten, so erhält man eine Vorstellung über den Preis einer solchen Handschrift. Schließlich mußte das kostbare Material auch noch beschriftet werden.

Über die Jahrhunderte, in denen alle Texte mit Großbuchstaben geschrieben wurden, entwickelten sich rundere, leichter und schneller zu schreibende Buchstaben, nämlich die Kleinbuchstaben. Seit dem 9. Jahrhundert ging man dazu über, Texte mit diesen Kleinbuchstaben zu schreiben. Sie werden ihrer Schrift wegen als Minuskeln bezeichnet.

Quelle: www.theo-notizen.de


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