Briefwechsel mit einem Pharisäer

Teil 1


Vorbemerkung


Als die Texte des Buches bis auf ein paar kleinere Korrekturen feststanden, erzählte ich einem Bekannten von meiner Absicht diese Texte als Buch zu veröffentlichen. Der Bekannte - er gehört der evangelischen Landessynode an - bat mich damit noch zu warten. Er hatte inzwischen über Kirchenrat Ratz den evangelischen Theologieprofessor Dr. Hans Schwarz ausfindig gemacht, der bereit war sich meine Schriften anzusehen und darauf entsprechend zu antworten.

Nun - dachte ich mir: Es kann nicht schaden, die Schriften auf den Prüfstand zu stellen, um zu sehen, was Bestand hat und was nicht. Die Briefdiskussion dauerte nur etwa drei Monate. Auf meinen Brief vom 3.8.93 habe ich bis heute keine Antwort erhalten.

Als ich Prof. Dr. Hans Schwarz zu Weihnachten 1994 dann das Buch 

"Mit Argumenten 

 gegen die Zeugen Jahwes" 

zusandte. Hat er mir in einem Brief für die faire Wiedergabeweise gedankt und betont er stehe zu seinen Worten von damals.  

Mit dem Titel Pharisäer möchte ich diesen Theologieprofessor übrigens nicht als Heuchler abqualifizieren, wie dies Jesus tat. Ich betrachte Pharisäer so, wie sie auch Paulus in der Apostelgeschichte beschrieben hat, als Schriftgelehrte, ehrenwerte Menschen, die den jüdischen Glauben sehr ernst genommen haben und versucht haben, danach zu leben (Apostelgeschichte 26:4-5).

Der volle Wortlaut der Briefdiskussion ist in diesem Kapitel wiedergegeben.


 

München, den 28.04.93

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schwarz!

Von Herrn Dr. G., Mitglied der Landessynode der evangelischen Kirche in Bayern, wurden Sie mir als Ansprechpartner für Grenzfragen von Naturwissenschaft und Theologie genannt.

Kurz zu meiner Person:

Jahrgang 1944, verheiratet, eine geistig behinderte Tochter, Abitur 1965, einige Semester Physik, 1967 Eintritt in's Berufsleben, heute (1993) Organisationsprogrammierer. 1975 Austritt aus der evangelischen Kirche, da mir die Antworten nicht mehr plausibel erschienen! Seitdem arbeite ich in meiner Freizeit an religionskritischen Schriften, die ich im Verwandten- und Bekanntenkreis verteile. Die Herausgabe eines Buches ist geplant (ist inzwischen erschienen siehe Angebot).

Der beiliegende Artikel zum Thema "Gottesbeweise" ist eine dieser religionskritischen Schriften. Er behandelt diverse Argumente, mit denen die beiden großen christlichen Kirchen den Gottesglauben auch heute noch rechtfertigen. Sie merken schon ich bin ein überzeugter Atheist, bin aber für jedes Argument offen, und akzeptiere prinzipiell das Argument, von dem ich aus meinem Wissen heraus überzeugt bin, daß es der Wahrheit am nächsten kommt. Der Grund für diese Haltung liegt in meiner Lebensauffassung. Ich hatte lange Jahre starke rheumatische Beschwerden. Durch meine Strategie Wissen über die Krankheit und biochemische Zusammenhänge zu sammeln und dies konsequent in meiner Lebensweise anzuwenden, ist es mir gelungen die Krankheit weitgehend zu kompensieren (siehe hierzu den Artikel "das kleine 1x1 der Systeme").

Die Motivation für meine Arbeit gegen die Kirchen rührt aus Diskussionen mit Zeugen Jehovas (1972 - 1974). Die Zeugen Jehovas werden mit psychologischem Druck in Ihrer Kirche gehalten. Erkenntnisse der Naturwissenschaft werden von der Kirchenleitung abgewertet. Meiner Ansicht nach ein Täuschungsmanöver, mit dem die technische, naturwissenschaftliche, aber auch die gesellschaftliche Entwicklung stark gebremst wird. Ein anderer Motivationsfaktor ist der Selbstmord meiner Mutter (1964), einem überzeugten Mitglied der evangelischen Kirche. Sie glaubte in eine bessere Welt hinübersegeln zu können.

Ich würde mich freuen, wenn ich zu dem Artikel "Gottesbeweise - Wege oder Irrwege zu Gott" eine kompetente Antwort erhalten würde oder wenn hierzu eine Diskussion in Gang kommen würde. Wahrheit liegt im Streit, sagt Ihr Kollege Heinz Zahrnt. Vielleicht kommen wir dadurch der Wahrheit ein Stück näher.

Mit freundlichen Grüßen

von Spreter

 


Regensburg, 10. Mai 1993

Lieber Herr von Spreter,

Vielen Dank für Ihre Zusendung vom 28. 4. Nachdem ich erst vergangenen Samstag von einem langen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt bin, wird meine Antwort etwas auf sich warten lassen. Ich lese aber gerne die Ihrem Brief beigelegten Ausführungen und werde auch entsprechend darauf reagieren. Doch bis dahin bitte ich noch etwas um Geduld.

Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich

Ihr

Hans Schwarz

 


Regensburg, 17. Mai 1993

 

Lieber Herr von Spreter,

nun habe ich Ihre Arbeiten gelesen und weiß nicht so recht, wie ich Ihnen antworten soll.

Am Ende Ihrer Ausführung über "Das kleine 1x1 der Systeme'' schreiben Sie: ''Eines Tages wird es uns gelingen, den Alterungsprozess in einen Optimierungsprozess umzuwandeln. Dies ist meine Hoffnung.'' Aus dem '"Wenn," und dem "Vielleicht" des vorhergehenden Satzes wird plötzlich ein Faktum konstruiert, was dann zum Ausgangspunkt einer Hoffnung wird. Für mich ist hier einfach die Frage, ob solch eine Grundlage tragfähiger ist als die christliche Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten. Auch wenn Sie sich als kühler Rechner und von der Ratio bestimmter Mensch geben, sind Sie doch ein Gläubiger, wenn auch nicht von der christlichen Seite.

Sehr schön fand ich den abschließenden Passus in Ihren Ausführungen "Gottesbeweise". Dort berichten Sie von einem Rabbi, der sagte: "Gott wohnt, wo man ihn einlässt." In unserer modernen westlichen Welt und auch bei Ihnen scheint aber eine eklatante Wohnungslosigkeit Gottes ausgebrochen zu sein. Man lässt Gott nicht mehr herein, da man ihn nur als eine Hypothese kennengelernt hat, die mehr Probleme einbringt als löst. Muss dies aber so sein? In Ihren Ausführungen "Gottesbeweise" habe ich fast nichts mir Unbekanntes vorgefunden. Nur sind meine Schlussfolgerungen anderer Art als die Ihrigen. Ich möchte das nicht nur damit erklären, dass ich historisch differenzierter denke, dass für mich das Alte Testament wirklich ein altes Testament ist, dass für mich Theologen auch in ihrer Vorstellungswelt befangen sind, wie wir oftmals, sondern der Grund scheint mir darin zu liegen, dass mir durch Gott vieles plausibler und persönlich dynamischer erscheint, als wenn ich ihn ausklammern würde. Sonst würde mich ja nur ein teilnahmsloses, kaltes Weltall anstarren, dessen unabänderlichen Prinzipien ich unterworfen wäre. Friedrich Nietzsche hat das ja in "Zarathustra" so treffend dargestellt und wahrscheinlich auch selbst empfunden. Natürlich ist eine Hypothese eines Schöpfergottes nicht notwendig. Die Evolution schließt allerdings Gott als Schöpfer auch nicht aus. Hat aber Gott die Welt geschaffen und mit ihr den Menschen, dann sind wir eben keine Vagabunden am Rande des Universums, sondern, wie uns Jesus dargetan hat, von Gott geliebte und geschätzte Menschen. Das heißt noch lange nicht, daß alles so zugeht, wie wir uns das wünschen und vorstellen, denn Leid, Schmerz und Zerrissenheit ist eben ein Teil dieser gefallenen Schöpfung. Wir tragen ja auch kräftig in vielerlei Weise dazu bei, dass sich die Schmerzensgestalt dieser Welt nicht zum Positiven verändert.

Wenn Sie erwartet hätten, dass ich Ihnen Ihre Aussagen widerlege und statt dessen die Existenz Gottes beweise, so mögen Sie vielleicht von meinen Ausführungen enttäuscht sein. Solches konnte kein Anselm von Canterbury und das kann ich auch nicht. Ein bewiesener Gott wäre nicht Gott, sondern einer unseresgleichen. Ich kann Ihnen nur bestätigen, dass das teilnehmende Dasein Gottes unserem Leben Wärme, Sinn und Geborgenheit gibt.

Mit freundlichen Grüßen und allen guten Wünschen

verbleibe ich

Ihr

Hans Schwarz


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