Briefwechsel mit einem Pharisäer - Teil 3

München, den 28.06.93

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schwarz!

Vielen Dank für Ihre sehr sachliche Antwort und den Hinweis auf eine Schwachstelle in meiner Argumentation (das Zerreißen der Kleider des Hohenpriesters). Mir war neu, daß das Zerreißen der Kleider die rituelle Besiegelung der Verurteilung war. Ich habe diese Stelle nochmal überdacht. Im alten Israel war das Richteramt getrennt vom Priesteramt (siehe 2. Mose 18, 1. Samuel 7:1-6 und 8:4). Was in den Evangelien berichtet wird, war demnach eine Kompetenzüberschreitung des Hohenpriesters. Es wird wohl so gewesen sein, daß der Hohepriester als Kläger befragt worden ist, und dann der Ältestenrat Jesus verurteilt hat.

Was allerdings Leviticus 21,6 damit zu tun hat, war mir nicht ganz klar.

3. Mose 21:6

Sie sollen ihrem Gott heilig sein und nicht entheiligen den Namen ihres Gottes, denn sie opfern die Feueropfer des Herrn, die Speise ihres Gottes, darum sollen sie heilig sein.

Anmerkung: Den ursprünglichen Text, betreffend das Zerreißen der Kleider, habe ich im Buch um eine Fußnote ergänzt.

Bei manchen Ihrer Argumente werde ich den Eindruck nicht los, daß Sie meine Briefe nur sehr oberflächlich lesen. So schreiben Sie zum Beispiel, daß Gott nur selten unmittelbar, meist jedoch vermittelt wirkt. Mit diesem Argument, das auch Karl Rahner in seinem Grundkurs des Glaubens nennt, habe ich mich in dem Kapitel über Gottesbeweise auseinandergesetzt. Diese Gottesvorstellung ist gleichzusetzen mit dem aristotelischen unbewegten Beweger, dem reinen Geistwesen. D. h. hier stellt sich die Frage, wie entstehen geistige Leistungen? Und wenn man dies beantwortet hat, kann man klären, ob ein reines Geistwesen überhaupt existieren kann. Hierzu nur kurz einige Tatsachen. Ich weiß durch Befragung eines Kollegen, der nach einem schweren Autounfall halbseitig gelähmt war, daß er sich an bestimmte ihm bis dahin vertraute Personen nicht mehr erinnern konnte. D. h. hier war ein Stück Geist durch den Autounfall verloren gegangen. Wenn Geist nicht an Materie bzw. an deren Ordnungszustand gebunden ist, dann dürften Gedächtnisinhalte nicht durch einen Unfall verschwinden. Schwere Hirnverletzungen sind immer unmittelbar mit schweren geistigen Behinderungen verknüpft. Umgekehrt wirken Demütigen, ungerechte Beschuldigungen oder andere sogenannte seelische Verletzungen sich zwar u. a. auf unseren Adrenalinspiegel aus, aber dies hängt auch davon ab, wie wir dies bewerten und wie wir den Umgang mit anderen Menschen gestalten. Ich leugne damit nicht die wechselseitige Abhängigkeit von Geist und Materie. Materie hat die Eigenschaft als Schalter, d. h. signalsteuernd zu wirken, aber was ein Signal ist und was nicht, sind Konventionen, die in unserer evolutionären Entwicklung festgelegt wurden. Eine Pflanze oder ein Tier reagiert auf das gleiche Signal völlig anders als wir. Ich habe mich mit diesem Thema sehr ausführlich beschäftigt und auch dazu ein Kapitel verfaßt (siehe Dimensionen des Geistes) und einige Literatur gesammelt, möchte Sie aber nicht mit einer Papierflut zudecken.

Erst einmal sollten wir das Thema Jesus ausdiskutieren. Wir können dann gerne noch einmal auf das Geistwesen zurückkommen.

In dem Jesus-Kapitel kam es mir nicht nur darauf an Widersprüche aufzuzeigen und die Evangelien lächerlich zu machen, sondern dies ist eine Folge der Entstehungsgeschichte dieses Kapitels. Das Jesus-Kapitel ist aus Diskussionen mit den Zeugen Jehovas entstanden. Die Zeugen Jehovas traten mit der Behauptung auf, die Bibel sei ein Buch, exakt wie ein Mathematikbuch, eine wortgetreue Überlieferung göttlicher Gedanken. Von den Hunderten von Argumenten, die ich gegen die Zeugen Jehovas in zwei Jahren (alle 14 Tage sonntags vormittags) und später noch in langen Briefen vorgetragen habe, sind die widersprüchlichen Stellen jene, die übrig geblieben sind.

Als ich dieses Kapitel dann in meinem christlichen Bekanntenkreis zur Diskussion stellte, merkte ich allerdings bald, daß eine Argumentation nach dem Motto, "haha hier ein Widerspruch, dort ein Widerspruch", nur zu der Antwort führte, die ich von Ihnen auch bekommen habe. Sinngemäß: "Na ja ein paar Widersprüche, was soll's, den wahren Gehalt der Bibel berührt das nicht."

Ich selbst hatte damals schon etwas weiter gedacht. Ich hatte mich auch darum bemüht den wahren Kern der Bibel zu isolieren. Ich ging davon aus, daß die Verfasser der Evangelien in ihrem Glauben befangene (wer ist das nicht), aber ansonsten ehrliche Menschen waren. Insbesondere bei Markus und Johannes1 war eine gewisse Offenheit zu spüren. Um an die wahre Gestalt jenes Jesus heranzukommen, mußte ich also alle jene Stellen herausstreichen, die einen erläuternden, beschönigenden Text enthielten. Und da stellte sich nun heraus: Dieser Jesus war nicht nur hilfreich, edel und durch und durch ein vorbildlicher Mensch. Er hatte wie jeder andere Mensch auch schlechte Charaktereigenschaften. Er war gewalttätig (Tempelreinigung, Drohungen statt Argumente, völlig unnötige Beschimpfungen, siehe Anhang). Damit war der Heiligenschein weg, den die Kirche auch heute noch jenem Jesus aufsetzt.

Ich begann nun die Gestalt Jesus etwas nüchterner zu betrachten. Bei der Zusammenstellung war mir aufgefallen: Jener angeblich so gute Mensch Jesus war auffallend häufig Mordanschlägen ausgesetzt (siehe Anhang). Wesentlich häufiger als die Propheten, die ja auch unangenehme "Wahrheiten" verkündeten. An der unangenehmen "Wahrheit" konnte es also nicht gelegen haben, denn die einzige unangenehme "Wahrheit", die er verkündete (Sohn Gottes zu sein, die Kraft Gottes zu besitzen), war nicht neu. Er war nicht der Einzige, der damals behauptete ein Sohn Gottes zu sein oder im Namen Gottes zu reden (Apostelgeschichte 8:9). Nein! Das war nicht der alleinige Grund. Das Bild, das sich hier bot, war das eines Wunderheilers, dessen Stern im Sinken war. Er war unglaubwürdig geworden. Nur wenige glaubten noch an ihn und gefolgt ist ihm gegen Ende seines Lebens kaum jemand (Johannes 7:1-13, siehe Anhang).

Nun hatte ich ich zumindest die negative Seite jenes Jesus im Klartext vorliegen. Aber es stellte sich noch immer die Frage: War Jesus ein Durchschnittsmensch mit einigen göttlichen Erleuchtungen oder war er ein Scharlatan, der sein Geld mit fragwürdigen Wunderheilungen und als Wanderprediger verdiente?

Nun verraten sich sogenannte Wunderheiler auch heute noch durch den Gebrauch von Ausreden, wenn ihr Täuschungsmanöver einmal nicht geklappt hat. Und eine dieser Ausreden findet sich auch im Matthäus-Evangelium wieder.

Matthäus 12:43-45

Wenn ein unreiner Geist von einem Menschen ausfährt, durchwandert er dürre Orte, um eine Ruhestätte zu suchen, und findet keine. Dann sagt er: 'Ich will in mein Haus zurückkehren, aus dem ich ausgezogen bin'; und bei seiner Ankunft findet er es unbewohnt, doch sauber gefegt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, die bösartiger sind als er selbst, und nachdem sie eingezogen sind, wohnen sie dort; und die letzten Umstände jenes Menschen werden schlimmer als die ersten.

Ähnlich wie bei Moses haben Krankheiten (in diesem Fall Epilepsie) bei Jesus eine rein geistige Ursache, auch wenn er gelegentlich einen Augenkranken mit einem Lehmbrei heilt (Johannes 9:6). Die rein geistige Ursache einer Krankheit haben aber auch damals schon viele angezweifelt, vor allem griechische Ärzte.

Ein Lügner verrät sich immer durch Kleinigkeiten und über Kleinigkeiten stolperte auch jener Jesus.

So verrät er an zahlreichen Stellen seine Einstellung zur Konsumdroge Alkohol. Heute weiß man: Selbst verdünnter Alkohol ist in Mengen, die über ein Schnapsglas hinausgehen, schädlich. Im Unterschied zu Moses (3. Mose 10:8-11), Jesaja (Jesaja 5:22) und Jeremia (Jeremia 16:8) gibt es bei Jesus keine Einschränkung zum Alkoholgenuß. Im Gegenteil! Jesus trank mit, wo es etwas zu trinken gab (Matthäus 1:19, Lukas 7:34-35) und Weinberge spielen auch in seinen Gleichnissen eine nicht unerhebliche Rolle (siehe Anhang).

An anderer Stelle erkennt man, daß Jesus und seine Jünger den Sinn der von Moses verordneten Hygieneregeln nicht erkannt haben (Markus 7:1-6, Lukas 11:37-46).

An einigen Stellen verrät er auch sein eigenes Weltbild.

Die Stelle in Matthäus 4:8 wird gewöhnlich so interpretiert, dass hier Satan Jesus auf jenem hohen Berg geistige Reiche versprochen hat. Satan wird aber an anderer Stelle als Fürst dieser Welt beschrieben (Johannes 12:31) und er kann nur das versprechen, was er hat, nämlich diese Welt. Und um jemand ein geistiges Reich zu zeigen, braucht man ihn nicht in der Wüste auf einen hohen Berg zu führen. Außerdem sagt Jesus in Johannes 18:36 "Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Und in Matthäus 10:28 heißt es: Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 
  • Er glaubte an die Sintflut und auch an die übertriebene Geschichte des Jonas.

  • Jesus glaubte offenbar jenen, die behaupteten, die Erde sei eine Scheibe (Matthäus 4:8, weitere Bibelstellen siehe  Jesus Teil 8). 

Dabei gab es in vorchristlicher Zeit durchaus unterschiedliche Meinungen über die Gestalt der Erde. Hesiod dachte sie sich als von Wasser umgebene Erdscheibe. Anixamander meinte sie habe eine zylindrische Gestalt. Und der Grieche Eratosthenes  aus Kyrene (um 230 v.Chr.) entwickelte als erster eine Methode zu Berechnung des Erdumfangs. In Ägypten in seiner Wirkungsstätte Alexandria - er war dort Leiter der in der Antike berühmten Bibliothek - las er in einem Bericht, dass jeweils zur Zeit der Sommersonnenwende in Syene (südlich von Alexandria in der Nähe von Assuan) die Sonne sich zur Mittagszeit in einem tiefen Brunnen spiegelte und ein Stock keinen Schatten warf. Also musste dort die Sonne senkrecht über der Erdoberfläche stehen. Eine Überprüfung ergab, dass dies zur gleichen Zeit des Jahres in Alexandria keineswegs der Fall war: In Alexandria hat der Schatten eines Obelisks auf einen mittäglichen Zenit-Winkel der Sonne von 1/50 des Vollkreises schließen lassen. Eratosthenes soll einen Freund gebeten haben, diese Entfernung von Alexandria nach Syene zu bestimmen. Die Messung ergab, dass Syene 5 000 Stadien (1 Stadion entsprach 157,5 m) von Alexandria entfernt war. Der Erdumfang musste also nach Eratosthenes 50 * 5 000 Stadien = 250 000 Stadien, das entspricht 39690 km sein (exakter Wert des Äquatorumfangs 40 075,017 km).

Man kann sich hier also nicht darauf berufen, daß die Gestalten der Bibel göttliche Gedanken durch die Brille ihrer Zeit sahen und dies den Mitmenschen mitteilen wollten. Nein! Die Gestalten der Bibel haben von mehreren möglichen Alternativen, die sich ihnen boten, angeblich unter göttlichem Einfluß, die falsche Alternative herausgegriffen.

Jesus irrte sich auch in seiner Einschätzung anderer Autoren der sogenannten heiligen Schrift. In den Evangelien bezieht er sich an zahlreichen Stellen auf Moses. Sein Gesetzbuch verehrt er ebenso wie andere Juden als göttliches Werk (Matthäus 5:17-22). Dabei braucht man nur einmal nachzuzählen, wie viele Kapitel ausschießlich den zahlreichen Opfergaben gewidmet sind, um die wahre Intention jenes Moses zu erkennen. Der Heilkunde ist dagegen kein einziges Kapitel gewidmet. Hier unterscheidet sich die christliche Religion ganz wesentlich von anderen Religionen. Religiöse Führer wie Benedict von Nursia haben ihren Anhängern sogar verboten, Medizin zu studieren. Die Hexenverfolgung im Mittelalter war auch ein Kreuzzug gegen Frauen, die in der Naturheilkunde bewandert waren. Die Kirche bremst auch heute den medizinischen Fortschritt in der Gentechnik, denn je mehr den Menschen bewußt wird, daß Leben aus chemischen Prozessen resultiert, desto weniger passen die alten Antworten der Kirche zu diesem Thema, die Antworten aus der Schöpfungsgeschichte.

Der Sündenfall reicht heute nicht mehr als Erklärung für das Altern und den Tod. Man kann den Alterungsprozeß heute mit medizinischen Mitteln verlangsamen. Man weiß heute, daß der Tod kein exakt zeitlich fixierbares Ereignis ist. Es ist vielmehr so, daß die einzelnen Zellen des Körpers eine unterschiedliche Lebensdauer haben. Viele Zellen stellen oft schon Jahre vor dem klinischen Tod des ganzen Organismus ihre Funktion ein (Stichwort Wechseljahre). Länger zu leben, ist heute eher eine Frage des Geldes, des medizinischen Wissens und einer gesundheitsbewußten Lebensweise, als eine Frage von Sünde und Schuld. Mit dem Wertewandel, der u. a. auch beim Tierschutz stattgefunden hat (dafür stand die Frage "wieviel Tiere Gott wohl dafür geschlachtet hat" in dem Artikel zum Sündenfall), hat sich die Meßlatte für Sünde und Schuld verschoben.

Es war also nicht wie Sie vermutet haben eine seelische Verletzung, die mich zum Kirchenaustritt veranlaßt hat, etwa der Selbstmord meiner Mutter, sondern es waren unbeantwortete Argumente, die im Laufe der Jahre auf mehr als hundert Schreibmaschinenseiten angewachsen sind.

Der Tod meiner Mutter lag bei meinem Kirchenaustritt bereits zehn Jahre zurück. Mich selbst hat der Tod meiner Mutter weniger berührt als meinen Vater und meine Schwester, für die dieser Tod zudem völlig überraschend kam. Ich habe damals, wie sich herausstellte, als einziger die Selbstmorddrohungen meiner Mutter ernst genommen. Und ich hatte befürchtet, sie würde mich mitnehmen. Aus der Sicht meiner Mutter war mein damaliges Leben lebensunwert. Ich hatte ständige rheumatische Schmerzen. Während andere in die Disco gingen, saß ich zu Hause. Trotzdem habe ich mich stets für das Leben entschieden. Damals aus Angst vor dem Tod und der Ungewißheit vor dem Jenseits, heute aus Liebe zum Leben als dem einzigen wirklichen Besitz. Über alles andere verfügen wir nur mehr oder weniger. Der unnötige Selbstmord meiner Mutter ist zwar heute ein Motivationsfaktor für meine Arbeit als "praktizierender Atheist", aber nicht wegen der seelischen Verletzung, die ihre freie Entscheidung hinterlassen hat, sondern weil ich anderen dieses Schicksal ersparen möchte. Mein Denken ist immer auf die Zukunft gerichtet. Aus der Vergangenheit kann man lernen, aber was geschehen ist, kann man nicht durch ein "hätte ich nur damals . . ." ändern. Mich reizt es die Wahrheit herauszufinden, insbesondere wenn ich mich betrogen fühle. Ich suche aber auch den Nutzen der Philosophie für das eigene Leben.

Ich weiß natürlich, daß es für Sie viel Arbeit bedeutet überhaupt meine Briefe zu lesen, trotzdem möchte Sie bitten mir zumindest zu den oben genannten Stellen eine Antwort zukommen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

von Spreter

 


Regensburg, 14. Juli 1993

Lieber Herr von Spreter,

herzlichen Dank für Ihre nochmalige Zuschrift vom 28. Juni. Nachdem Ihre Auseinandersetzung mit der Bibel und dem christlichen Gottesglauben schon eine so lange Geschichte hat, bin ich mir sehr unsicher, ob unser kurzes Gespräch hier noch wesentliche Akzente setzen kann. Doch möchte ich versuchen, einige Dinge zu verdeutlichen.

Zunächst Gottes indirektes Wirken: Wie Sie richtig feststellen, besteht beim Menschen eine Wechselwirkung von Geist und Materie. Sie könnten auch damit Recht haben, daß man von einer wechselseitigen Abhängigkeit spricht. Problematisch wird es allerdings dann, wenn man Gottes Geist in Analogie zu unserem Geist sieht, denn dann würde Gott analogen Beschränkungen wie wir unterliegen. Er wäre damit ein dem Menschen analoges Wesen. Wie jedoch z. B. das Alte Testament mit dem Begriff des Geistes Gottes aufzeigt, ist er der, der uns unseren Geist gibt und uns dadurch Leben ermöglicht. Wenn man Gott als reines Geistwesen versteht, darf man dessen Geist keineswegs in Analogie zu unserem Geist sehen, auch nicht in superlativer Überhöhung.

Sie haben zu Recht die Problematik gesehen, daß man die Bibel nicht wie ein Mathematikbuch behandeln kann, das eine wortgetreue Überlieferung göttlicher Gedanken darbietet. Schon allein durch die Uberlieferungsgeschichte haben sich hier auch Fehler eingeschlichen. Sie sehen auch richtig, daß das Bild Jesu in den Evangelien ihn als jemanden aufzeigt, dessen Stern im Sinken war. Gerade zur Zeit Jesu gab es vielfältige messianische Hoffnungen und Erwartungen in Israel. In vielfacher Weise hat auch Jesus diese Erwartungen geweckt, wenn er sich etwa als Menschensohn bezeichnete, um sich damit mit einer endzeitlichen Gestalt zu identifizieren, oder wenn er in autoritativer Weise das Gesetz auslegte und sich somit gleichsam an die Stelle Gottes setzte. So waren auch unter seinen Nachfolgern manche, die erwarteten, er würde sich einmal als Messias öffentlich zu erkennen geben. Im Klartext hieß das für die meisten, er würde das israelitische Großreich wieder aufrichten und die Römer aus dem Land vertreiben. In dieser Weise ist auch der Einzug in Jerusalem zu verstehen und die damit verbundenen ,,Hosianna,"- Rufe. Doch Jesus tat nichts dergleichen, er vermied es immer als politischer Messias (miß)verstanden zu werden. So war es nicht verwunderlich, daß die Stimmung umschlug und aus dem ,"Hosianna", schließlich ein ,"Kreuzige ihn!" wurde. Vielleicht wollte sogar Judas Ischariot Jesus nur in die Enge treiben, damit er sich endlich zu seiner Messianität bekennen würde. Als er jedoch sah, was er angerichtet hatte, beging er Selbstmord. Auch daß bei der Festnahme Jesu einer der Jünger ein Messer zog, läßt wohl auf ihn als Sikarier, d.h. als Widerstandskämpfer, hinweisen, der sich Jesus in der Hoffnung angeschlossen hatte, dieser würde den Widerstand zu seiner Sache machen.

Ob Jesus geglaubt hatte, daß Krankheiten rein geistige Ursachen haben, möchte auch ich bezweifeln. Sicher ist, daß für Jesus alles Unvollkommene, Beschädigte und Behinderte bezeugte, daß in dieser Welt eine zerstörerische Kraft tätig ist, die Gottes gute Schöpfung in ihr Gegenteil verkehren will. Auch Menschen stellen sich gerne in den Dienst dieser zerstörerischen Kräfte. Genau gegen diese Kräfte wandte sich Jesus von Anbeginn seines Erdenwirkens bis dessen Ende. Nur in diesem Sinn kann man sagen, daß auch Krankheiten bei Jesus eine rein geistige Ursache hatten.

Über Ihr Urteil zur Konsumdroge Alkohol habe ich mich schon vorher gewundert. Nun ist allerdings das Weintrinken in südlichen Ländern eine Selbstverständlichkeit. Ähnlich wie in Bayern das Bier gilt in südlichen Ländern der Wein als Nahrungsmittel. In den messianischen Erwartungen und Vorstellungen des Alten Testaments spielten der Wein und Weinberge eine große Rolle. So sagte man in einem Bild, daß in der endzeitlichen Erfüllung jeder unter seinem eigenen Weinstock sitzen würde, daß er also genug zu trinken (und zu essen) hätte. Jesus knüpfte an diese Erwartungen an. Auch gab er sich nicht als Asket, denn die asketische Bewegung verstand sich als eine, die sich durch Verzicht des Alkohols auf den Anbruch des Reiches Gottes vorbereiten wollte. Für Jesus war mit seinem Kommen dieses Reich schon angebrochen, und deswegen hatte der Verzicht seinen Sinn verloren. Eine Verleitung zum übermäßigen Alkoholgenuß, die man als westlicher Mitteleuropäer der Neuzeit daraus herauslesen könnte, war sicherlich nicht gegeben. Wein war als Symbol der Freude und der Erfüllung verstanden, aber nicht wie im hellenistischen oder römischen Kulturkreis als berauschende Droge.

Daß Jesus selbstverständlich das Weltbild seiner Zeit in Palästina teilte, dürfte nicht überraschen, denn er war als Mensch ja in seine Kultur eingebunden. Hätte er sich hier viel anders gegeben, wäre er seinen Zeitgenossen noch unverständlicher gewesen. Auch der Hinweis auf Moses bezieht sich nicht immer auf die historische Gestalt, sondern vielmehr auf die Zweiteilung des Alten Testaments, so wie sie zur Zeit Jesu vorlag, als des Gesetzes = Moses und der Propheten. Die Geschichtsbücher kamen ja erst später zu ihrem kanonischen Recht.

Ich stimme Ihnen zu, daß der Sündenfall heute nicht mehr als Erklärung für das Altern und den Tod ausreicht. Das hat er noch niemals getan, denn wenn wir die Sündenfallgeschichte lesen, dann bewahrheitet sich eben nicht die ursprüngliche Drohung, daß der Mensch sterben wird, sobald er von der verbotenen Frucht ißt. Er wird allerdings von der Quelle des Lebens getrennt und damit auch von dem, das ihm Leben für immer verbürgt. Der Tod bekommt damit einen anderen Stellenwert, er kann auch als Strafe verstanden werden und als Hinweis darauf, daß man von der Quelle des Lebens getrennt ist. So hat z.B. Luther von einem dreifachen Tod gesprochen, dem biologischen Tod, dem ewigen Tod, der mit dem biologischen Tod zusammenfallen kann, und der Tod des Todes, wenn man wieder zur Quelle des Lebens zurückfindet.

Ich freue mich, daß Sie sich für das Leben entschieden haben. Damit haben Sie sicher die bessere Alternative gewählt. Das erinnert mich an den Titel der Festschrift für Erich Fromm, In the Name of Life. Ich freue mich auch, daß Sie den Nutzen der Philosophie für Ihr eigenes Leben suchen. Nur tut es mir leid, wenn Sie sich durch den christlichen Glauben betrogen fühlen. Natürlich gibt es in der Geschichte des Christentums viele dunkle Flecken, wie in jeder Menschengeschichte auch. Aber diese Geschichte ist nicht mit der christlichen Hoffnung gleichzusetzen, genau wie man die Kirche nicht mit dem Reich Gottes identifizieren darf. Da geht es um viel mehr und auch um Besseres.

Alle Ihre Einwände konnte ich auch dieses Mal nicht aufgreifen, doch hoffe ich, daß ich zumindest auf einige eingegangen bin.

Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich

Ihr

Hans Schwarz


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