Erziehung zur Kritikfähigkeit


Anmerkung: Die folgende E-Mail bekam ich nach einer E-Mail, in der ich meinen Bekannten mitgeteilt habe, dass jetzt Nietzsches Buch "Zur Genealogie der Moral" auf meiner Homepage unter dem Link Querdenker gespeichert ist. Diese Webseite enthält die Antwort eines Bekannten und meine Antwort an ihn.


Hallo Dieter,

nun, Nietzsche bin ich zwar nicht, aber vielleicht erging es mir ähnlich wie ihm in meinem Leben. Bevor ich Atheist/Agnostiker wurde (was ich eigentlich richtig bin, vermag ich nicht genau zu beurteilen) war ich Katholik. Sogar Lektor war ich in der Gemeinde St. Paul in München.

Bevor ich merkte und einsah, auf welchem Holzweg ich mich befand, musste ich erstmal klar Schiff machen, recherchieren, was alles in meinem Leben in weltanschaulicher Hinsicht "verbogen" wurde, fragen, welches die Hintergründe waren und nach Erklärungen suchen.

Klaro, unter anderem machte ich mir auch über das Gewissen Gedanken. War es doch Hauptbestandteil in Sachen religiöser Erziehung (besser Ver-Ziehung). Es wurde als Richtschnur verwendet um eine "Sünde" erstmal zu definieren: Alles, was gegen sein eigenes Gewissen mit klarer Zustimmung getan wird, ist lt. Religionslehre eine solche. Gäbe es keine Sünde, wäre die ganze Religion für die Katz . . .

Auf dieses Gewissen will ich eingehen und sagen, was ich mir darunter vorstelle. Gewissen ist an sich überhaupt nichts Religiöses. Ich vergleiche die Abläufe im menschlichen Gehirn immer mit einem Computer und seinem Datenverkehr. Im Gehirn ist eine Software, ein Betriebssystem, das in der Kindheit durch die Erziehung programmiert wurde. Das BIOS als fester Bestandteil war, seit das Gehirn überhaupt arbeitet, immer da und beinhaltet die ureigenen Eigenschaften, Anlagen und Körperabläufe und -funktionen, die das eigentliche Ego ausmachen. Nun sind aber an dieser Programmierung (übertragen auf den menschlichen Gehirncomputer, hier Erziehung) nicht nur die Eltern und Eigenerlebnisse beteiligt, sondern auch andere Mitmenschen in der Gesellschaft, Bekannte, Lehrer nehmen Einfluss darauf, einfach, weil sie zur Erlebniswelt gehören. Und last, aber überhaupt nicht least, auch die Kirche mischt sich da ein. An der empfänglichsten Stelle des jungen Menschen setzt sie an. Soll doch mal ein tüchtiger Geldgeber aus dem Knaben werden, nicht wahr? Je früher desto besser. Und wehe, die Eltern machen nicht was die Kirche vorschreibt. Dann sündigen sie und tragen Verantwortung! Tut das Kind desgleichen, muss es erstmal von dieser schiefen Bahn weggebracht werden. Und dann wird feste gedroht: Mache ja nicht, was gegen die christliche Doktrin ist. Du sündigst sonst und kommst so im Todesfalle in die Hölle! Diese Erziehung wird dann, genau wie wieder eine Software, durch diese Drohung auf erste, oberste Priorität eingestellt. Jedes andere Programm muss warten. Und dann kommt das Jämmerliche: Durch diese Sünden- und Höllendrohungen wird das Kind in ein Schema gezwungen und willfährig gemacht, aus dem es möglichst nie wieder rauskommen soll. Kommt es in eine Gelegenheit, etwas zu tun, was außerhalb des Schemas liegt, beginnt automatisch seine anerzogene Software zu vergleichen: Wenn ich tue, was ich jetzt gerade will, dann ist das nicht der Willen Gottes oder der Kirche, also Sünde. Tu ich es nicht, habe ich aber die Chance, einer potenziellen Höllenstrafe zu entgehen und kann dafür mit dem Himmel belohnt werden. Und schon haben wir, was das Gewissen ist. Eine "If"-Abfrage und ein Vergleich. Quasi eine Selbstregelung.

Solche Vergleiche sind grundsätzlich notwendig, sie sind Lernprozesse. Jedoch können sie wie oben geschildert, missbraucht werden. Durch Indoktrination von Scheinfakten, für die es keine Grundlage gibt. Und die die ganze Kindheit hindurch, in der ein Mensch das meiste lernt, ins Gehirn gewaschen werden. Das halte ich für überaus perfide und eine Abhängigmachung, ein Missbrauch von Schutzbefohlenen und Untergebenen. Genau wie die Einflössung einer Droge. Entgegensetzen können die armen Kinder dem nichts, wie auch? Gewöhnlich, so meine ich, ist so was im Wesen sogar ein Straftatbestand! Es obliegt nämlich das primäre Erziehungsrecht lt. Grundgesetz den Eltern und nicht irgendwelchen dritten.

Ich kann nicht sagen, ob mir gelang, alle Wurzeln der mir angediehenen Religionserziehung auszureißen. Das kommt einem Drogenentzug gleich. Aber ich arbeite ständig an mir und meine, viel ist nicht mehr da. Denn ich kann nicht von der Existenz eines Gottes ausgehen, weil ich keinen mehr erkenne. Und damit ist zum Glück jeder Glauben verschwunden. Das dauerte natürlich sehr lange, und ging nicht von heute auf morgen.

Trotzdem behaupte ich, dass jeder leben kann und Sinn in seinem Leben finden kann, wenn er nur mal einen gründlichen Reset, einen Clear macht, in sich geht, etwas Sozialbewusstsein mitbringt und nachdenkt. über sich, was mit ihm gemacht worden ist, und die Welt und seine Mitmenschen, mit denen er lebt. Wie man bei einem Computer statt Windows z. B. Linux installieren kann, kann man auch ein religionsfreies Leben lernen. Zu alt dazu ist niemand, denn man lernt niemals aus.

Die neulich verstorbene Autorin Kriemhild Klie-Riedel hat mit ihrem kleinen Gedicht "Warum ich bin" mehr gesagt als tausende Bibel- oder Koranseiten.

Warum ich bin

Mich schuf kein Schöpfergott,

kein Weltengeist.

Ich bin ein Zufallsmensch,

ein evolutionärer.

Nur trägt sich dieses Wissen

weitaus schwerer,

als wenn mich jemand

ein Kind Gottes heißt.

Denn so muss ich

dem blinden Zufallsleben

erst einen Sinn, den es

aus solcher Sicht nicht hat,

allein verantwortlich

an Gottes eigener Statt

nach eigenem Ermessen

selber geben.

Das fordert mich!

Die große Daseinsfrage

wird täglich neu

und sehr real gestellt,

und ihre Antwort kommt

allein von dieser Welt

und nicht aus einem Jenseits

fern und vage.

Warum ich lebe?

Weil ein MENSCH ich bin

geworfen in die

Zufallsspanne Zeit,

um einzig sie zu fülln

mit MENSCHLICHKEIT.

Das ist, so meine ich,

der Sinn,

warum ich bin.

* Nur Religionsanhänger lernen nicht, sie glauben *

Mit freundlichem Gruß,

Helmut


Hallo Helmut,

vielen Dank für Deine ausführliche E-Mail, denn oft, wenn ich eine Massenmail als Info verschicke, kommt keine Antwort und man selbst hat dann den Eindruck ein Prediger in der Wüste zu sein.

Zur religiösen Indoktrination: Mich hat mal vor einigen Jahren eine Schulkollegin gefragt, wie man seine Kinder vor dem Einfluss von Sekten schützen kann. Ich habe ihr damals geantwortet, dass man die Kinder zur Kritik-Fähigkeit erziehen muss, d. h. man muss ihnen Kriterien mitgeben, anhand derer sie beurteilen können, was wahr oder wahrscheinlich wahr ist und was auf jeden Fall unwahr ist. Wir müssen fähig sein zur konstruktiven Kritik, aber auch zur Selbstkritik. Kritik an der eigenen Meinung ist sicherlich nicht angenehm. Je nachdem wie sie vorgetragen wird, verletzt sie die Eitelkeit und das Selbstwertgefühl. Aber jede Kritik weist auf  Fehler hin und wenn sie konstruktiv ist, zeigt sie andere, vielleicht bessere Lösungen auf. So kann in einem freundschaftlichen Dialog eine bessere und manchmal sogar eine alle Seiten zufrieden stellende Lösung gefunden werden.

Wir leben ja heute in einem Zeitalter, wo man ständig mit Infos überschüttet wird und da ist es fast lebensnotwendig die Infos zu plausibilisieren, sonst wird man zum Opfer von Betrügern oder gutgläubigen Propagandisten.

Ich selbst bin aus den Mühlen der evangelischen Kirche herausgekommen, weil ich jede Info (auch die Infos anderer Religionsgemeinschaften), die mir angeboten wurde, gelesen habe. Die Kirche droht zwar auch hier, dass mit dem Verlust des Glaubens das ewige Leben verloren geht und man deshalb schon gar nicht zuhören soll, es könnte ja die Stimme des großen Verführers, des Teufels sein.

Aber diese Drohung habe ich irgendwann nicht mehr ernst genommen, weil ich mir sagte, dass Ehrlichkeit wohl mehr wert ist, als ein nachgeplapperter Glaube und es heißt ja auch man soll prüfen, was man glaubt. (Siehe hierzu auf meiner Homepage unter "Gottesbeweise Teil 6" das Kapitel "Das angeblich furchtbare Vielleicht" sowie unter Religionskritik "Pascals Wette"). Mit den unterschiedlichen Infos hatte ich aber widersprüchliche Infos und musste mich nun an Wahrheitskriterien orientieren. Hier hat auch mein Vater bei mir schon den Grundstein gelegt, indem er mir beibrachte, wie man eine Rechnung in der Mathematik rasch plausibilisiert.

Immunisiert hat mich aber auch meine naturwissenschaftliche Ausbildung.

Das Thema Sünde und Schuld sehe ich auch als einen der Knackpunkte des Glaubens, deshalb der Verweis von der Startseite meiner Homepage auf das Kapitel zum Sündenfall.

Mit freundlichen Grüßen

Dieter


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