Die geistliche Sichtweise


Textmarken: Widerspruch oder tiefere Wahrheit,    Zweifel an der Naturwissenschaft,    Die Schöpfung oder das Anfangsproblem,    glauben = vertrauen = für wahr halten,    naturwissenschaftlich materielle Sicht ./. geistliche Sichtweise,    Die Ernte Gottes,    Das Zitat des greisen Polykarp,    Antwort auf das Polykarp-Zitat


Mittwoch, 15. November 2006

Hallo Dietrich,

gerade habe ich ein wenig in Deiner Atheistenseite geschmökert.

Du hast Dir viele Gedanken gemacht und ich wünschte, manche Christen wären so ernsthaft wie Du.

Psalm 1

Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht. Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen. Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. Darum werden die Frevler im Gericht nicht besteh'n noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.

Ich lese täglich in der Bibel und wenn ich einen Widerspruch darin entdecke, dann meditiere ich („schnurre“ Psalm 1) darüber. Denn meist liegt hinter diesen Anstößen noch eine tiefere Wahrheit verborgen. Manchmal lege ich auch meine Fragen einfach beiseite und erfreue mich an den Dingen, die ich verstehe.

Ein gutes Buch, an dem du deine Argumente messen kannst, ist übrigens: „Der Fall Jesus“ von Lee Strobel. (Schulte und Gerth Verlag). Vielleicht kannst du es dir mal zu Gemüte führen.

Es tut mir Leid, wenn Dich viele Christen beschimpfen. Wenn man Angst hat, dann verhält man sich wie ein bellender Hund. Vielleicht haben sie Angst, dass ihr Lebensfundament wackeln könnte. Ihr Glaube muss noch wachsen. Also entschuldige bitte meine Geschwister.

Liebe Grüße

Martin


Donnerstag, 16. November 2006

Hallo Martin,

ich freue mich immer, wenn Christen den Mut haben, sich auch mal mit den Argumenten Ihrer Gegner zu befassen und ich freue mich noch mehr, wenn sie einen Fehler in meiner Homepage finden und so zur Optimierung meiner Homepage beitragen. Der Grundstock dieser Homepage entstand aus Diskussionen mit den Zeugen Jehovas. Die Argumente, die hier aufgeführt sind sind jene, die nicht widerlegt wurden.  

Zu Psalm 1: Der Psalm ist eine von mehreren Stellen, wo dem Ungläubigen mit der Hölle gedroht wird.

Ich meine: Man kann nur das glauben, was glaubwürdig ist. Alles andere ist ein frommer Selbstbetrug. Und ich verbreite daher nur das, was ich nach sorgfältiger Prüfung für wahr halte und nicht das, was in irgend einem der zahlreichen heiligen Bücher steht.

Zu Jesus: Vielen Dank für den Buchhinweis. Ich habe allerdings schon drei dicke Jesus-Bücher

1. A.N.Wilson Der geteilte Jesus

2. J.D.Crossan Der historische Jesus

3. Prof. Gerd Lüdemann Jesus nach 2000 Jahren - Was er wirklich sagte und tat.

>>. . .wenn ich einen Widerspruch darin entdecke, dann meditiere ich . . . . . Denn meist liegt hinter diesen Anstößen noch eine tiefere Wahrheit verborgen.<<

Gelegentlich entdeckt man auch das, wonach man nicht gesucht hat. Als ich angefangen habe mit den Zeugen Jehovas zu diskutieren, war ich ein engagiertes Mitglied der evangelischen Kirche, das die Zeugen Jehovas auf den richtigen Pfad, den der evangelischen Kirche, führen wollte. Durch die Diskussionen wurde ich zum Atheisten.

Ich habe mich dieses Jahr u. a. auch mit dem Weltbild des Jesus von Nazareth befasst und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es mehrere Bibelstellen gibt, die belegen, dass Jesus, aber auch andere Autoren der Bibel an das antike Weltbild geglaubt haben, wonach die Erde eine überschaubare Scheibe ist, über die der Himmel wie eine Käseglocke gestülpt ist.

Hier nur einige der Bibelstellen über die es sich lohnt nachzudenken:

Markus 13:24-27 (Lukas 21:26, Matthäus 24, 29-34)

Aber in jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, daß das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.

Der Vergleich mit dem Feigenbaum wird klar, wenn man bedenkt, dass Jesus und seinen Zeitgenossen die Apokalypse des Jesaja bekannt war.

Jesaja 34,4

...alle Hügel zerfließen. Wie eine Buchrolle rollt sich der Himmel zusammen, sein ganzes Heer (das Himmelsheer / die Sterne) welkt dahin, wie Laub am Weinstock verwelkt, wie Früchte am Feigenbaum schrumpfen.

Offenbarung 6,13-14

Die Sterne des Himmels fielen herab auf die Erde, wie wenn ein Feigenbaum seine Früchte abwirft, wenn ein heftiger Sturm ihn schüttelt. Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle>, die man zusammenrollt, und alle Berge und Inseln wurden von ihrer Stelle weggerückt.

Offenbarung 12,3 - 4

Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab.

Jesus wollte also damit sagen, wenn die Sterne wie die Feigen vom Himmel fallen, dann wisst ihr, dass das Ende nahe ist. Nur - die Sterne werden niemals wie die Feigen vom Himmel fallen, schon gar nicht alle auf einmal, weil sie, abgesehen von den Planeten, um ein vielfaches größer sind als die Erde und weil die Erde schon in der Nähe eines Sterns verglühen würde.

An diesen Bibelstellen erkennt man deutlich, dass Jesus, aber auch der Autor der Offenbarung die Größe der Sterne völlig unterschätzt hat.

Mehr dazu unter dem Link Bibelkritik und dem weiteren Link Jesus Teil 8.

Man kann mir vorwerfen, dass ich die Bibelstellen aus dem Zusammenhang gerissen habe, aber manche Aussagen sind unabhängig vom Zusammenhang entweder wahr oder falsch.

Mehr dazu siehe unter dem Link Bibelkritik und dem weiteren Link "Aus der Trickkiste der Vertreter des Glaubens Teil 2", wo auf einige der Auslegungspraktiken eingegangen wird.

Wo liegt übrigens Eupen?

Mit freundlichen Grüßen
Dieter

Die Annahme eines Schöpfers stammt aus einer Zeit als Naturkräfte wie der Wind wegen ihrer Unberechenbarkeit personifiziert wurden. So berichtet die Offenbarung (Offenbarung 7,1) über vier Engel, die an den vier Ecken der Erde stehen und die vier Winde (Winddämonen) festhalten. Auch Jesus droht dem Wind (Markus 4,39 - 41). Er sah also offenbar in dem Wind ein mit Vernunft begabtes Wesen. Der Überlieferung nach erzählt er seinen Jüngern, dass ihm der Teufel von einem sehr hohen Berg aus alle Königreiche dieser Welt gezeigt hat (Matthäus 4,8). Er sah angeblich den Teufel wie einen Blitz aus dem Himmel fallen (Lukas 10,18). Er glaubte also an die antike Weltsicht, wonach die Erde eine Scheibe ist über der das Himmelsgewölbe aufgebaut ist. Mehr unter

http://www.kreudenstein-online.de/Bibelkritik/Jesus_Teil8.htm#Weltbild_des_Jesus


Montag, 20. November 2006 12:41

Hallo Dietrich,

danke, dass Du so rasch geantwortet hast.

Zu Psalm 1: Ich wollte dir nicht mit der Hölle drohen. Ich wollte nur über eine Form des Umgangs mit der Heiligen Schrift schreiben (Vers 2). Man kann nämlich wohlwollend darüber nachsinnen und dadurch Wurzeln zu den verborgenen, tiefen Wassern des Glaubens schlagen.

Übrigens mit diesem Psalm belegen meines Wissens die Zeugen Jehovas ihre Lehre, dass es keine ewige Hölle gibt. Denn dieser Psalm geht von einer Art Vernichtung der Gottlosen aus – also einer Form von Nirwana.

Wie Du die Bibel auslegst, hat schon etwas für sich. Jedoch fehlt Dir das Codewort, um ganz in das Programm des Glaubens hineinzukommen. Bisher arbeitest Du nur mit einer Art Sharewareversion. Mit dieser Version stößt man sich immer wieder an Widersprüchen und man kommt nicht weiter. Der Schlüssel mit dem sich die Bibel öffnet, steht in Ps 1,2. Man könnte ihn auch „Demut“ oder „Gottesfurcht“ nennen.

Klar ist, dass man aus der Bibel kein naturwissenschaftliches Werk machen darf. Die Anschauungen der Naturwissenschaft ändern sich immer wieder. Zur Zeit von Aristoteles glaubte man, dass Leben allein durch etwas Fleisch in der Sonne entsteht. Dann würden Maden entstehen. Anfang des 20. Jahrhunderts noch war man der Meinung, dass eine Zelle durch ein paar Aminosäuren entsteht. Heute weiß man wie kompliziert der Aufbau einer Zelle ist mit einer eigenen Logistik, einem Informationsspeicher, mit eigenen Reproduktionsmöglichkeiten, Energiegewinnung usw.

Naturwissenschaft ist mit ihrer Erkenntnis nicht so absolut ist, wie man sie normalerweise hält. Wenn ich also mit meiner naturwissenschaftlichen Bildung gewisse Sätze nicht verstehe, dann muss ich mir Gedanken darüber machen, was Gott mir heute damit sagen will.

Der Ansatz des jüdisch-christlichen Glaubens geht davon aus, dass der unsichtbare Gott lebt, dass er eine Person ist, ansprechbar, erfahrbar, ja sogar auch verwundbar und verletzbar (das können die griechischen Philosophen z.B. überhaupt nicht verstehen). Ein Mensch kann ihn nie kennen lernen, wenn er aus ihm einen philosophischen Götzen macht. Ähnlich wie man auch nie einen Menschen kennen lernen kann, wenn man ihn nur aus medizinisch-biologisch materialistischer Sicht betrachtet. Sein Wesen liegt in und hinter seinem Körper verborgen. Man muss einen Menschen praktisch lieben und ihm vertrauen, um sein wahres Wesen zu entdecken. Genauso ist es auch mit Gott.

Deine Gedanken sind in sich richtig. Ich will Dir deswegen keineswegs irgendwelche Fehler nachweisen. Ich wünschte mir nur, dass Du den Code entdeckst und anwendest.

Viele liebe Grüße

Martin

P.S.: Eupen liegt auf belgischer Seite an der belgisch-deutschen Grenze in der Nähe von Aachen.


Montag 2. November 2006 18:28

Hallo Martin,

>>Klar ist, dass man aus der Bibel kein naturwissenschaftliches Werk machen darf. <<

Wieso denn nicht? Die Bibelschreiber behaupten die Wahrheit zu sagen und von Gott inspiriert zu sein.

>>Der Schlüssel mit dem sich die Bibel öffnet, steht in Ps 1,2. Man könnte ihn auch „Demut“ oder „Gottesfurcht“ nennen. <<

Demut ja, ich bin ja nicht unfehlbar, Gottesfurcht nein.

Dazu müsste mir erst mal jemand plausibel darlegen, wieso es einen Gott geben muss und wie er ins Dasein gekommen ist.

Die Annahme, dass es Geistwesen geben muss, beruhte ursprünglich auf der Überlegung, dass jede Bewegung in der Natur durch Lebewesen verursacht wird. Heute weiß man, dass Materie an sich einen Energieinhalt hat.

Sicherlich ist naturwissenschaftliches Wissen nicht absolut, aber es unterliegt doch heute strengeren Prüfungskriterien als zur Zeit des Aristoteles. Und man muss, wenn man naturwissenschaftliche Veröffentlichungen zitiert, streng trennen zwischen bewiesenen Inhalten und Vermutungen. Die ganze Kosmologie zum Beispiel beruht aus meiner Sicht nur auf mehr oder weniger begründeten Vermutungen. Mit der Struktur der Lebewesen ist das schon etwas anders. Es gibt einige Viren, die chemisch komplett entschlüsselt wurden. Bei der Fliege Drosophila hat man die genetische Struktur vollkommen entschlüsselt, aber die ganzen chemischen Mechanismen liegen noch teilweise im Dunkeln.

Die Schöpfungslehre löst nicht das Problem der Schöpfung (das Anfangsproblem). Sie verlagert es nur auf ein metaphysisches Wesen, auf ihre größte Schöpfung, auf Gott, den großen Alleskönner, dessen Herkunft sie als göttliches Geheimnis definiert. Die Schöpfungslehre setzt hohe geistige Fähigkeiten voraus, die sich auf unerklärliche Weise im Schöpfer konzentriert haben sollen.

Die Evolutionstheorie setzt dagegen nur die Existenz eines Weltalls voraus, in dem im freien Spiel der Kräfte Varianten der Kohlenstoffchemie zur Ausprägung kamen und so ein Wesen entstand, das die Fähigkeit für einen Stoffwechsel und die Fähigkeit zur Reproduktion beinhaltete. Sie behauptet, dass alles aus kleinsten Anfängen heraus entstanden ist. Auch geistige Fähigkeiten haben sich nach der Evolutionstheorie allmählich im Nervensystem konzentriert. Es ist hier ein gleitender Übergang vom gesetzmäßigen Sollen zum bewussten Wollen, von dem wir nicht wissen, wie weit dieses Wollen im unbewussten Bereich vorgegeben ist.

Ich hatte mich ja in meiner Antwort auf Bibelstellen bezogen. Wie interpretierst Du denn mit Deiner demütigen und gottesfürchtigen Herangehensweise diese Bibelstellen?

Mit freundlichen Grüßen
Dieter

Sprüche 12,1
Wer Kritik liebt, liebt Erkenntnis, wer Zurechtweisung hasst, bleibt dumm.


Montag, 20. November 2006 20:18

Hallo Dietrich,

ich gehe vom biblischen Grundsatz aus, dass, was gesät wird, auch geerntet werden muss. Das heißt, dass die Zeit einerseits auf eine große Ernte im Guten zugeht, aber auch im Bösen.

Ähnlich wie der Körper eines Menschen immer auch mit der Seele verbunden ist und umgekehrt und es auf Dauer immer eine Art Ernte gibt. Im Leben des Einzelnen kann man das oft klar erkennen. Wenn man zum Beispiel ständig etwas in sich hineinfrisst, bekommt man irgendwann mal Krebs . . .

Dies gilt ebenfalls für die Erde. Die Erde ist mit der Menschheit verbunden und die Menschen mit der Erde (Adam = Erdling oder Erdmann). Das heißt, das Tun der Menschheit steuert auf eine Katastrophe zu, die kosmische Ausmaße hat.

Das kann ich mir im materiellen Bereich als einen Meteoritenhagel vorstellen – im geistlichen Bereich, dass die personalen Mächte des Bösen plötzlich auf der Erde in der Geschichte ungehindert wirken können.

Man kann aus der Bibel kein naturwissenschaftliches Buch machen, weil ihre Kernaussagen keine naturwissenschaftlichen Aussagen sind.

Wenn es zum Beispiel in der Lutherbibel heißt: Der Hase ist ein Wiederkäuer, dann stimmt das nach unserer heutigen Erkenntnis nicht. Vielleicht ist mit Wiederkäuer Pflanzenfresser gemeint, also falsch übersetzt. Aber gesetzt den Fall, dass es richtig übersetzt ist - soll ich nun den Satz aus der Bibel streichen? Nein, denn dann wären wir bei Mohammed oder der liberalen Theologie des 20. Jahrhunderts.

Wenn die Bibel dagegen ein Buch des Glaubens ist, dann gilt es nachzudenken, was der Geist Gottes mir damit sagen will. Im Sinne von: „Soll ich nur geistliche Nahrung zu mir nehmen von Lehrern, die mehrmals über etwas nachgedacht haben usw.“ (das, was ich mit Psalm 1 sagen wollte).

Wahrheit“ ist im biblischen Sinne keine philosophische Wahrheit z. B. ob die Erde nun rund oder flach ist. Wahrheit im biblischen Sinne ist, ob ich mich auf etwas verlassen kann oder nicht. Sie ist personal („Ich bin die Wahrheit“ sagt Jesus). Wenn Gott also sagt: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“, dann liegt es an mir, ob ich ihm das glaube oder nicht. Ich kann das nicht mit einem Stromzähler messen oder nachweisen. Ich muss mich darauf einlassen oder nicht.

Liebe Grüße

Martin


Dienstag, 21. November 2006 22:37

Lieber Martin,

die Ernte im Guten, wie im Bösen . . . Es leuchtet ein, dass wir ernten, was wir gesät haben. Wie man in den Wald hinein schreit, so schallt es zurück. Gewalt zeugt wiederum Gewalt. Aber in der Bibel geht es ja darum, dass Gott erntet. Und er erntet offenbar nicht, was er gesät hat. Die biblische Vorstellung geht ja von einem letzten großen Strafgericht aus. Und da fällt dem großen Alleskönner offenbar nichts anderes ein als kräftig dreinzuschlagen. Aber Gewalt ist doch die dümmste aller möglichen Alternativen. Du wirst mir hier vermutlich erklären, dass Gott doch erntet. Er trennt die Spreu vom Weizen, weil er ja wie jeder Mensch nur die Guten in seiner Nähe haben will. Aber ist das nicht zu menschlich gedacht? Es heißt doch auch in der Bibel

Mt 5,45
... denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Hier spiegelt sich die menschliche Erfahrung wider. Im großen Weltgericht dagegen das menschliche Wunschdenken. Es gibt doch nicht nur jenen Gegensatz von Gut und Böse, sondern auch jenen Gegensatz von Realität und Phantasie.

Du behauptest, dass das Tun der Menschheit auf eine Katastrophe zu steuert, die kosmische Ausmaße hat.

Dazu muss Du Dir mal die Größenverhältnisse vergegenwärtigen. Wenn man die Erde auf ein handliches Maß von 1m Durchmesser verkleinert, dann ist der Mensch 1/10000 mm groß. Gut - wenn wir sämtliche Atombomben zünden würden, dann würden wir damit die Erde unbewohnbar machen. Auch ein Meteoritenhagel oder eine Supernova-Explosion könnte die Erde vernichten. Aber, was hätte denn jener Gott davon, wenn er seine Schöpfung vernichtet?

Du schreibst: "Wenn die Bibel dagegen ein Buch des Glaubens ist, dann gilt es nachzudenken, was der Geist Gottes mir damit sagen will."

Da wird doch ein Mohammedaner mit dem gleichen Recht behaupten, dass sein Buch ein Buch des Glaubens ist und dass wir dort ebenso prüfen müssen, was Allah uns zu sagen hat. Wieso nimmst Du Dir das Recht heraus, zu behaupten, dass Dein Buch ein Buch des Glaubens ist und Glaubenswahrheiten enthält.

Du schreibst: Wahrheit im biblischen Sinne ist, ob ich mich auf etwas verlassen kann oder nicht. Sie ist personal („Ich bin die Wahrheit“ sagt Jesus).

Ich hatte Dir ja in der vorangegangenen E-Mail schon die Frage gestellt, wieso es einen Gott geben muss. Diese Frage hast Du bisher nicht beantwortet, sondern Du gehst einfach davon aus, dass es einen Gott gibt und dass die Bibel Gottes Wort in Menschenwort ist, wie es so schön heißt. Das ist aber für mich keineswegs selbstverständlich, angesichts der zahlreichen Widersprüche und naturwissenschaftlichen Fehler. Aus Deiner Sicht sind das natürlich nur Kleinigkeiten. Du behauptest, dass die Kernaussagen der Bibel wahr sind. Aber was sind denn die Kernaussagen. Ist die Kernaussage, dass Gott die Sünder bestraft? Wieso hat er dann den Räuberhauptmann Jakob zum Stammvater der Israeliten gemacht? Wieso lässt er Hiob leiden? Alles nur wegen einer Wette? Ist das Gerechtigkeit?

>>Wenn Gott also sagt: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“, dann liegt es an mir, ob ich ihm das glaube oder nicht. <<

Ich zitiere da nur jenen Jesus:

Mk 15,34
Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloï, Eloï, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Mit freundlichen Grüßen
Dieter


Mittwoch, 22. November 2006 15:47

Hallo Dietrich,

Du hast mich gefragt, wie ich dazu denke. Es ist mir schon klar, dass das nicht deine Meinung ist. Ich gehe davon aus, dass Gott sich uns offenbart und es möglich ist, ihn kennen zu lernen. Du nicht. Wenn es Dich interessiert, wie man als Glaubender über bestimmte Dinge denkt, dann kannst Du mich gerne fragen. Wenn du mir aber nachweisen willst, dass das alles falsch und an der Haaren herbeigezogen ist, dann bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Mir geht es wie dem greisen Polykarp, der seinem Glauben abschwören sollte. Aus der Kirchengeschichte Eusebs: Der Prokonsul ermahnte ihn dringend und sprach: "Schwöre, und ich lasse dich frei, lästere Christus!" Polykarp antwortete: "Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir kein Unrecht zugefügt; wie kann ich da meinen König lästern, der mich gerettet hat?" Als jener beharrlich blieb und sagte: "Schwöre beim Glück des Kaisers", da antwortete er: "[…] höre mein offenes Bekenntnis: Ich bin Christ."

Viele liebe Grüße

Martin


Mittwoch 22. November 2006 22:44

Lieber Martin,

ich werde nur das bekennen, was ich auch erkennen kann und ich kann nur das glauben, was glaubwürdig ist.

Wer wird uns denn dafür bestrafen, dass wir die Wahrheit gesagt haben, so wie wir sie erkennen und nicht das, was andere von uns verlangen? Wenn wir nämlich das als Wahrheit verkünden, was andere von uns verlangen, dann verhalten wir uns ähnlich wie ein Maffiosi, der dazu aufgefordert wird, einem anderen Maffiosi ein Alibi zu geben. Wenn wir das nachplappern, was andere uns vorbeten, dann laufen wir Gefahr einem Betrüger auf den Leim zu gehen. Wir haben dann gegen unseren Geist / gegen unsere Vernunft gehandelt, also haben wir gelogen.

Nur wenn wir die Dinge so sehen, wie sie sind, und nicht so wie sie einige sehen wollen, wenn wir uns den Problemen stellen, werden wir auch Menschheitsprobleme, wie das Problem unserer kurzen Lebensdauer, in Angriff nehmen und auch irgendwann lösen.

Zum Polykarp-Zitat: >>Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir kein Unrecht zugefügt<<

Was Recht und was Unrecht ist, da hat die Kirche ihre eigene Definition. Ich sehe zum Beispiel die Meinungsfreiheit als ein Menschenrecht an. Wenn ein Angestellter der evangelischen oder der katholischen Kirche seine Meinung frei äußert, dann kann ihn dies den Job kosten, wenn seine Meinung nicht deckungsgleich mit der gerade vorherrschenden Meinung der Kirche ist.

In viel stärkerem Maße als heute wurde in biblischer Zeit auch das Umfeld des Täters für eine Tat verantwortlich gemacht. Heute bezeichnen wir dies als Schädigung durch das Milieu des Täters, aber es wird im Unterschied zur Antike kaum im Strafmaß berücksichtigt.

Nur ein Beispiel: In Richter 19 wird die Vergewaltigung und Ermordung einer Frau geschildert, die mit ihrem Mann auf der Durchreise durch das Stammesgebiet des Stammes Benjamin war. Täter waren einige Jugendliche. Dies hatte ein Strafgericht über den ganzen Stamm Benjamin zur Folge. Einen Krieg, bei dem ein großer Teil der männlichen Stammesmitglieder ums Leben kam. 

Dieses Rechtsverständnis, wonach auch die Gruppe, in der sich der Täter aufhält, für eine Tat verantwortlich gemacht wird, findet sich auch in den Evangelien. In Lukas 10:10-15 zum Beispiel verflucht Jesus mehrere Städte. Aus diesem Rechtsverständnis heraus wird uns auch klar, warum sich zumindest Teile der Verwandtschaft jenes Jesus von Nazareth bemächtigen wollten (Markus 3:19-21). Auch in der Offenbarung bezieht sich die Strafe immer auf Gruppen. Und selbst heute noch versprechen die christlichen Kirchen mit dem Bekenntnis zu ihrem Glauben, der natürlich nur durch die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen dokumentiert wird, die ewige Glückseligkeit. (vgl. meine Homepage Link Religionskritik und den weiteren Link "Schon mal nachgedacht über den Sündenfall?")

Bis heute hoffen die Gläubigen durch ein Gebet Einfluss auf die Unwägbarkeiten des Lebens nehmen zu können. Man trägt seine Anliegen vor und hofft, dass sie gehört werden. Wenn dies nicht hilft durch ein Opfer. Man hat ja gelernt: Wer etwas haben will, muss etwas geben. Der Logik dieses Glaubens folgend wird bei einem erneuten Fehlschlag das Opfer erhöht und so kam es in allen Glaubenskulturen, die dieser Logik folgten, zu einer Eskalation bis hin zum Menschenopfer. Die christliche Glaubenskultur durchlebte diese Phase ihrer Entwicklungsgeschichte in der Inquisition.

Aus dieser Logik heraus ist auch der Opfertod jenes Jesus von Nazareth für die Sünden der Menschheit zu verstehen.

Leiden und Sterben bewirken nach jüdischer Auffassung Sühne. Erlaubt ist nach dieser Auffassung auch die stellvertretende Sühne durch ein Tieropfer oder bei besonders schwerer Schuld durch ein Menschenopfer. Dieser Glaubensauffassung folgt auch Paulus in

Römer 3,25

Ihn (Jesus) hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben. (siehe auch 3. Mose (Leviticus) 16,12-15)

Hebräer 9,11-14 (Das einmalige Opfer Christi)
Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der künftigen Güter; und durch das erhabenere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Welt ist, ist er ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt. Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh die Unreinen, die damit besprengt werden, so heiligt, dass sie leiblich rein werden, wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen.

Der Opfertod in der Nachfolge von Jesus wird auch heute noch in der katholischen Kirche gewürdigt. Märtyrer werden als Heilige verehrt. Denn in Matthäus 10,39 steht:

Matthäus 10,39 (Matthäus 16,25, Lukas 17,33)
Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

Es werden allerdings auch besondere Leistungen mit der Heiligsprechung gewürdigt. Der Märtyrertod ist nicht die Bedingung zur Heiligsprechung.

Es steht Dir natürlich frei Dich an Polykarp zu orientieren und zu glauben um des Glaubens willen.

Ich orientiere mich eher an Kepler, der in seiner Astronomia nova schreibt: "Die Astronomie enthüllt uns die Ursachen der Dinge; die Bibel, welche Höheres lehrt, bedient sich, um verstanden zu werden, der Ausdrucksweise der Menschen und benutzt dazu Naturerscheinungen nach ihrer äußeren Gestalt." Und weiter heißt es: "Heilig ist zwar Laktanz, der die Kugelgestalt der Erde leugnete, heilig ist Augustinus, der die Kugelgestalt zugab, aber Antipoden leugnete, heilig ist das Officium unserer Tage, das die Kleinheit der Erde zugibt, aber ihre Bewegung leugnet - heiliger ist mir die Wahrheit. - Wer zu einfältig ist die Astronomie zu verstehen, oder zu kleinmütig, um ohne Angst für seine Frömmigkeit dem Kopernikus zu glauben, dem gebe ich den guten Rat, die Schule der Astronomen zu verlassen und sich seinen Geschäften zu widmen." (Quelle: Wer ist das eigentlich - Gott, Kösel Verlag 1969). vgl. meine Homepage Link Religionskritik und den weiteren Link Gottesbeweise - Wege oder Irrwege zu Gott Teil 6

Noch eine kleine Anmerkung zu Deiner vorangegangenen E-Mail. Du schreibst: "Wenn man zum Beispiel ständig etwas in sich hineinfrisst, bekommt man irgendwann mal Krebs … "

Die Voraussetzung für Krebs ist eine genetische Veränderung der Zelle. Solche genetischen Veränderungen, werden normalerweise vom Immunsystem des Körpers erkannt und eliminiert. Dies gilt solange genetische Veränderungen sich in Grenzen halten und unser Immunsystem gut funktioniert. Wenn man sich aber beispielsweise häufig starker Sonnenstrahlung aussetzt, Umweltgifte / Konsumdrogen (mutagene Substanzen) in Massen konsumiert, dann kann es zu Krebs kommen. Psychische Einflüsse machen sich nur dort bemerkbar, wo wir zum Beispiel psychische Defizite mit Konsumdrogen versuchen zu kompensieren.

Aber es entspricht natürlich christlicher Tradition die Psyche (die Seele, den Glauben) für alle Erkrankungen verantwortlich zu machen. Wenn Jesus Kranke heilt, verwendet er keine Medikamente, sondern treibt Dämonen aus. Mehr dazu siehe meine Homepage Link Bibelkritik und den weiteren Link "Jesus Teil 3"

Mit freundlichen Grüßen

Dieter


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