Die Kritik an der Bibelkritik


Anmerkung: Vorausgegangen ist dieser E-Mail ein Schriftwechsel, in dem ich Herrn Dr. S. eine aus meiner Sicht humorvoll / satirisch verpackte Kritik an der Taufe zugesandt habe (siehe das Kapitel "Mit allen Wassern gewaschen"). Diese Kritik war jedoch aus Sicht von Herrn Dr. S. sachlich ungenügend fundiert und für den Dialog ungeeignet, da die Position des Diskussionspartnern lächerlich gemacht wird. Ich habe daraufhin in den folgenden Monaten theologische Kommentare zum Thema Taufe durchgearbeitet und gestützt auf dieses Quellenmaterial das Kapitel "Kritische Anmerkungen zur Taufe" verfasst. Als ich dann in einer weiteren E-Mail Herrn Dr. S. auf das Kapitel "Der Koran, die Bibel und die Naturwissenschaft" aufmerksam gemacht habe, antwortete er mit dieser E-Mail.


E-Mail von Dr.  S.  vom 8. 12. 2004

Sehr geehrter Herr Spreter von Kreudenstein!

Sie sind ja wieder sehr produktiv. Danke für die Hinweise zu den entsprechenden Stellen auf Ihrer Homepage. Das Missionsengagement für Ihre Position üben Sie wirklich sehr engagiert aus. Kurze Rückmeldung, ohne in eine intensive Begründung einzusteigen (dafür sind unsere Positionen einfach zu diametral entgegengesetzt).

  1. Ich freue mich darüber, dass Ihr Text zur Taufe konsequent (soweit ich sehe) tatsächlich darauf verzichtet, die gegnerische Position lächerlich zu machen. Dies respektiere ich ausdrücklich und ich freue mich darüber.

  2. Ihrer Gleichsetzung von Magie und Sakrament würde ich natürlich entschieden widersprechen, wie Sie sich denken können. Vom Äußeren her mögen Sie Ansatzpunkte für Ihre Deutung finden, das christliche Selbstverständnis liegt völlig anders: nicht das Materielle handelt, sondern Gott durch dieses hindurch.

  3. Prof. Gerd Lüdemann als "Theologen" zu bezeichnen, ist für diesen selbst wahrscheinlich eine intensive Beleidigung. Nachdem er sich zum bekennenden Atheisten gewandelt hat (aber natürlich seinen theologischen Lehrstuhl behalten wollte; wer verzichtet schon auf Geld, nur weil er seine Überzeugung wechselt? Da hört dann das Ethos auf), sollte man ihn maximal als Religionswissenschaftler bezeichnen. Aber sein eigentliches Berufsgebiet ist zweifellos der Kampf gegen jenes Christentum geworden, das ihm früher Heimat war.

  4. Zur Blutstaufe: das Entscheidende daran war, dass Ungetaufte, die wegen ihres Bekenntnisses zu Christus gemartert wurden, durch dieses radikale Lebensbekenntnis gleichsam "getauft" wurden - ein früher Beleg dafür, dass das angeblich magische Wirken des Wassers gar nicht so gesehen wurde, und immer schon die Taufe mit Wasser nie als absolut alleiniger Weg zum Heil angesehen wurde, was für die spätere theologische Entwicklung wichtig wurde.

  5. Martin Werner - ich habe mich mit ihm intensiv auseinandergesetzt, weil ich über einen seiner Schüler meine Doktorarbeit schrieb. Die Wernersche These vom Nichteintritt der Eschatologie und damit zusammenhängend das Entstehen der Kirche als Ersatz für das nicht erfolgte Ende ist wissenschaftlich seit Jahrzehnten überholt.

  6. Die Dogmatik von Scheffzcyk und Ziegenaus ist sicherlich ein fast klassischer Text. Aber sie ist kein Dogma, und andere Dogmatiken sollten mit ihren jeweiligen anderen Deutungsansätzen ebenfalls herangezogen werden. Womit ich zu Ihrem Koran-Text komme.

  7. Der Textvergleich Koran/Bibel und moderne Naturwissenschaft ist eine große Fleißarbeit, aber eindeutig unter Ihrer Würde. So primitiv, wie Sie es darstellen, ist nicht einmal zu Zeiten Darwins miteinander umgegangen worden. Da fallen Sie gleich wieder zu Beginn in Ihren Sprachstil: "Aus der Trickkiste der Vertreter des Glaubens". Mit anderen Worten: die Vertreter des Glaubens tricksen prinzipiell. Das mögen sie zwar denken und auch sagen und schreiben (frei nach dem Motto, das Sie immer so selbstsicher unter Ihren Namen setzen). Geschenkt! Aber eine Einladung zum Dialog ist es nicht. Wenn Sie den wollen, müssen Sie Ihrem Gegenüber schon Ehrlichkeit zugestehen, sonst ist jede Auseinandersetzung von vorneherein sinnlos, weil ich mein Gegenüber mit seinen Beiträgen nie realistisch einschätzen kann, da er doch nur trickst.

  8. Schließlich: wenn Sie theologische oder Glaubensaussagen wirklich so verstehen, wie Sie dies hier vorführen, kann ich nur sagen - in aller Direktheit -: Sie haben keine Ahnung, worüber Sie schreiben. Theologische Aussagen sind Sinndeutungsaussagen mit einem eigenen Genus litterarium, wie es Dutzende anderer genera litteraria auch noch gibt (Dichtung, Polizeibericht, Diplomatie, Liebesbrief usw. usw.). Nur ein Beispiel aus Ihrer Reihe für Ihr Missverständnis: Wenn der Satz aus Psalm 19,5 "Dort hat der Sonne ein Zelt gebaut" dafür herhalten muss zu beweisen, wie dumm heutzutage diese Texte doch wirklich sind, weil man der Sonne kein Zelt bauen könne, die es sonst verbrennen würde, dann ist das so hanebüchen, dass sich jede weitere ernsthafte Auseinandersetzung verbietet. Wenn Sie dies wirklich so meinen, wie Sie es geschrieben haben, dann müssten Sie - wenn Ihre Frau zu Ihnen sagt: "Ich habe Dich zum Fressen gern" - tatsächlich sofort zur Polizei rennen und Ihre Frau wegen versuchten Kannibalismus anklagen.

  9. Und so geht es dann seitenlang weiter. Wie gesagt: unter Ihrer Würde. Löschen Sie es in Ihrem eigenen Interesse möglichst schnell... 

Ansonsten wünsche ich Ihnen gute Winterzeit. Ich persönlich freue mich sehr auf das Weihnachtsfest. Sie werden an diesen Tagen sicher arbeiten und sich nicht frei nehmen, da es für Sie echte Werktage sind. "Silvester" können Sie ja leider auch nicht feiern, weil das der Name eines Papstes ist, der an diesem Tag beim Gottesdienst gefeiert wird. Aber an "Neujahr" sind wir wieder beisammen. In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen alles Gute,

Ihr Florian S.

 


 

Sehr geehrter Herr Dr. S.!

Vielen Dank für Ihre Antwort, die mir immerhin zeigt, wie die beiden Kapitel aufgenommen wurden und wo ich meine Argumentation anpassen muss. Geändert habe ich in diesem Fall die Einleitung zu dem Kapitel "Der Koran, die Bibel und die Naturwissenschaft". Im Text wurde noch ein weiterer Link auf das Kapitel "Gottesbild und Weltbild im alten Israel" hinzugefügt.

Mit dem Hinweis auf das Kapitel "Aus der Trickkiste der Vertreter des Glauben" wollte ich darauf hinweisen, dass man alles, was in der Bibel oder dem Koran steht, mit den Mittel der Exegese rechtfertigen kann und Ihr Hinweis auf die Deutung des Psalm 19,5 zeigt dies ja auch. In diesem Kapitel werden Sie alle diese Argumente finden, einschließlich des Arguments von Kardinal Ratzinger, dass der Glaube sich eines Weltbilds bedient, aber nicht mit diesem identisch ist (siehe Teil 4 des Kapitels "Aus der Trickkiste der Vertreter des Glaubens"). Auch dies könnte man ja auf Psalm 19,5 antworten. Wenn man erkennt, dass alles zu rechtfertigen ist, dann stellt sich für mich die Frage, an welchen Wahrheitskriterien sich diese Buchreligionen überhaupt orientieren und damit stellt sich die Frage nach der Seriosität der Argumentation, die ich nicht gleichsetze mit der Seriosität der Person.

Ich glaube Ihnen durchaus, dass aus Ihrer Sicht die Bibel Gottes Wort ist. Ich meine aber, dass man auch mir zugestehen muss, dass ich meine Zweifel daran habe und dies begründe mit der Art wie hier argumentiert wird.

Ich könnte natürlich den Titel des Kapitels "Aus der Trickkiste der Vertreter des Glaubens" entschärfen, indem ich es umbenenne in "Zweifel an der Argumentationsweise" oder "Die Grenzen der Interpretation" nach dem Buchtitel von Umberto Eco (dtv-Verlag 1999 ISBN 3-423-30168-6), aber würde das Kapitel dann noch jemand lesen? Gedacht ist dieses Kapitel als Argumentationshilfe für Atheisten gegen christliche Fundamentalisten.

Als Fundamentalisten bezeichne ich jene, die behaupten die Bibel / der Koran / . . . ist wahr! Dieses Buch wird allerdings von vielen falsch verstanden! In diesem Fall sind nämlich nicht mehr die von der Naturwissenschaft und Philosophie entwickelten Wahrheitskriterien das Fundament, sondern ein Buch das nur noch "richtig" interpretiert werden muss, im Grunde genommen aber gar nicht zur Diskussion steht.

Zu Psalm 19,5: Ich meine, dass diese Stelle im historischen Kontext und damit im Kontext des damaligen Weltbilds gesehen werden muss. Dafür sprechen zahlreiche weitere Bibelstellen. Auch wenn man hier Hiob 26:7 "Er spannt den Norden aus über dem Leeren und hängt die Erde über das Nichts." als Gegenargument anführen kann. Die symbolische Auslegung kommt nicht in Betracht, da diese Stelle früher durchaus wörtlich verstanden wurde. Siehe die Deckengemälde in vielen Kirchen. Dies führt dann zu dem Argument von Kardinal Ratzinger, das auf eine Zweiteilung der Bibel hinausläuft. Man teilt die Bibel damit auf in wahren inspirierten Teil und einen historischen, wobei die Kirchenleitung dann jeweils festlegt welche Stelle vom Geist Gottes inspiriert ist. Nur kann man dann die Bibel nicht mehr uneingeschränkt als das Wort Gottes bezeichnen.

Zum Niveau des Kapitels "Der Koran, die Bibel und die Naturwissenschaft": Ich gebe Ihnen recht, das das Niveau unter dem mancher anderer Kapitel auf meiner Webseite liegt. Ich habe mich in diesem Kapitel ausschließlich auf Zitate beschränkt, da es nicht ganz ungefährlich ist den Koran aus atheistischer Sicht zu kommentieren (siehe hierzu den auf dieser Webseite angegebenen Link auf die Ethik-Seite des bfg). Ich habe mich daher auf eine Gegenüberstellung der Buchreligionen mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft beschränkt.

Zu Prof. Lüdemann: Wenn man Beruf mit Berufung gleichsetzt, so haben Sie sicher recht. Man kann aber auch einen Beruf lediglich als Broterwerb betrachten. Prof. Lüdemann hat sich in einem anderen Vortrag dahingehend gerechtfertigt, dass man auch Marxismus lehren kann ohne Marxist zu sein.

Ihre Vorstellung, dass Atheisten an Weihnachten / Silvester arbeiten, bedarf einer kleinen Korrektur. Atheisten feiern natürlich ebenfalls, zum Teil auch mit Weihnachtsschmuck und Atheisten essen ebenfalls gerne mal einen Elisen-Lebkuchen. Im Freidenkerverband, wo ich Mitte der achtziger bis Anfang der neunziger Jahre Mitglied war, gab es regelmäßig eine Jahresabschlussfeier mit Musik und satirischen Einlagen. Im Bund für Geistesfreiheit gab es im vergangenen Jahr eine Sonnwendfeier, was den ursprünglichen Sinn dieses Datums ins Gedächtnis ruft. Gefeiert wurde mit einem Essen bei romantischer Beleuchtung mit Musik aus dem CD-Player. Auch dieses Jahr ist wieder eine Sonnwendfeier geplant und für die aktiven Mitglieder gibt es am kommenden Freitag ein Essen in einer Gaststätte. Dazu sind auch Gäste aus anderen atheistischen Vereinen eingeladen. Es geht also auch bei der Konkurrenz fröhlich ins Neue Jahr.

In der Hoffnung auf ein friedliches, gesundes und erfolgreiches Neues Jahr

Dietrich Spreter von Kreudenstein

Eines bescheidenen Mannes Rede verleiht der Wahrheit Wert und seiner Worte Mäßigung lässt seinen Irrtum entschuldigen.

Aus dem Tandschur (vgl. Aphorismen)


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