Semester Nachlese oder was Jesuiten glauben


Textmarken: Prof. Keller,     Prof. Schöndorf


Dieses Semester (Sommersemester 2003 an der Philosophischen Hochschule in München) hatte ich zwei Vorlesungen belegt. Die eine Vorlesung bei Prof. Keller hatte den Titel: "Der Mensch ohne Alternative. Über die Möglichkeit des Unglaubens". Die andere Vorlesung bei Prof. Harald Schöndorf hatte den Titel "'Das worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann' Der Gottesbeweis von Anselms Proslogion und die Diskussion darüber" und handelte vom Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, speziell dem Dialog des Anselm mit einem seiner Kritiker, dem Mönch und  Philosophen Gaunilo von Marmoutiers.

Zu der Vorlesung von Prof. Keller:
 

Prof. Keller aufgenommen während einer Vorlesung am 6. 6. 2003

Es ging dabei im wesentlichen um den Begriff der Freiheit. Prof. Keller hat dazu ein Buch mit dem Titel "Philosophie der Freiheit" geschrieben (Verlag Styria ISBN 3-222-12294-6, 1994 erschienen). Prof. Keller, 1932 geboren, Studium der Theologie und der Philosophie, Mitglied des Jesuitenordens, Promotion 1962, Habilitation 1967, seit 1969 Prof. für Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München. Also einer der alten Hasen an der Hochschule. Sehr beliebt, weil zum Teil witzig, sollen auch seine Predigten sein. Jeden Donnerstag Mittag ist ja ein Gottesdienst der Jesuiten, der in der Kirche neben der Staatsbibliothek stattfindet und den auch die Studenten besuchen können.

Grundthese der Vorlesung war: Wir können zwar nicht alles wählen, aber wir haben zu allem eine Wahl, mit Ausnahme der Freiheit selbst. Die gedankliche Freiheit ist uns sozusagen aufgezwungen (Sartre). Der Begriff der Freiheit wurde hier in all seinen Facetten beleuchtet. Das begann mit der Einteilung des Seins bei den alten Griechen. Die alten Griechen haben unterschieden zwischen 

Sein und Nicht-Sein
belebt und nicht belebt
mit Sinnen begabt und nicht mit Sinnen begabt
vernunftbegabt und nicht vernunftbegabt

Zu diesen Unterteilungen gab es dann noch weitere Unterteilungen. Prof. Keller bezog sich hier auf den Baum des Porphyr eines Neuplatonikers. Unter Vernunft haben die alten Griechen die Seele des Menschen verstanden. Bei den alten Israeliten gab es keine Seele und damit auch kein Weiterleben nach dem Tod. Deshalb verspricht auch Moses kein Leben nach dem Tod. Der "Lebensgeist" ist nach Moses eine Eigenschaft, die von Gott verliehen ist und mit dem Tod wieder zu Gott zurück kehrt Siehe Genesis 6,3: Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen.

Die alten Israeliten sahen den Menschen noch als Einheit. Erst unter griechischem Einfluss kommt es zu einem Körper-Seele-Dualismus und unter griechischem Einfluss gab es dann auch in Israel Teile der Bevölkerung, die an ein Weiterleben nach dem Tod glaubten (die Pharisäer). Die Sadduzäer glaubten nicht daran (siehe Matthäus 22,23). Heute unterscheidet man zwischen Seele und Geist.

Nach Prof. Keller "scheinen aber beide Begriffe entbehrlich, zumal sie ohne weitere Erläuterung leicht als "immaterielle Substanz" verstanden würden. Es genügt nämlich von den Funktionen des Ich auszugehen, um ein Aktzentrum zu beschreiben, das als Träger von Vernunft und Entscheidungsfreiheit beschrieben werden kann. Dies lässt sich "geistig" nennen, womit aber dann nicht eine in sich bestehende Qualität eines Dinges, seine "Immaterialität" oder "Geisthaftigkeit" gemeint ist, sondern jene Eigenart menschlicher Fähigkeit, über alle empirischen Grenzen hinauszugreifen, die sich in der Wahrheitserkenntnis wie in der Selbstbestimmung zeigt," (Zitat aus seinem Buch Seite 59).

Diese Transzendenz des menschlichen Geistes war einer der Punkte, wo ich nicht ganz einverstanden war, wo mir aber durch die Diskussion auch einiges klar geworden ist. Unser persönliches Wissen ist z. B. begrenzt. Andererseits lässt sich ein einzelner Gedanke, soweit man überhaupt von einem einzelnen Gedanken sprechen kann, nur zeitlich fixieren. Außer der begründeten Annahme, dass er im Gehirn entsteht, kann man ihn nicht räumlich fixieren oder begrenzen. Wir können auch unser eigenes Denken nicht stoppen. Wir können höchstens unsere Gedanken um einen Punkt kreisen lassen. Aus meiner Sicht ein klarer Hinweis darauf, dass unser Denken durch die chemischen Prozesse im Gehirn getrieben wird. Hier widersprach mir allerdings Prof. Keller. Seiner Meinung nach besitzt der Mensch eine Entscheidungsfreiheit. Wenn er die nicht besitzt, dann ist er für seine Taten nicht haftbar zu machen. Einem Neurologen hat er in einer Podiumsdiskussion sogar einmal gesagt, dass er dann nicht zurechnungsfähig ist. In einer E-Mail habe ich ihm dann folgendes dazu entgegen gehalten.

Sie hatten in der gestrigen Diskussion Freiheit mit Schuldfähigkeit verknüpft. Gemäß deutschem Recht wird aber Schuldfähigkeit verknüpft mit den geistigen Fähigkeiten / Absichten, die anhand von gewissen Kriterien festgestellt werden (z. B. stand der Betreffende unter Alkoholeinfluss, weil ihn die Situation, seine Sucht dazu genötigt hat oder hat er sich unter Alkohol gesetzt, um als vermindert schuldfähig zu gelten). Insofern kann auch ein Determinist Schuldfähigkeit feststellen. Sie werden da fragen: Woher kommen die Kriterien, anhand deren die geistigen Fähigkeiten festgelegt werden? Die kommen zustande durch eine gesellschaftliche Willensentscheidung, die letztendlich darauf beruht, dass die Mehrheit ihr Überleben in Frieden sichern will und dieser Wille zu Überleben, meine ich, ist genetisch festgelegt, ist auch schon bei einem Tier feststellbar. Aus Sicht der Evolution kann man sagen: Es überleben nur Tiere, die auch überleben wollen.

Wo ich keine Freiheit habe:
Ich kann mir meine Träume nicht aussuchen, weil diese weitgehend durch das Tagesgeschehen bestimmt werden. Ich kann mich natürlich bis zu einem gewissen Grad von Informationen abschotten, dann werden sich auch meine Träume ändern (Habe ich selbst schon erlebt, dauert allerdings bis die Wirkung eintritt etwa 2 Jahre).

Ich kann nicht grenzenlos wach bleiben. Selbst wenn ich Aufputschmittel nehmen würde, würde dies irgendwann zum Zusammenbruch führen.

Ich kann meine Gedanken im bewussten Zustand nicht stoppen, ich kann sie höchstens um einen Gedanken kreisen lassen.

Ich kann einer Narkose nicht widerstehen.

Dies sind aus meiner Sicht Indizien, die darauf hindeuten, dass man sich biochemischen Gegebenheiten bei Denkprozessen nicht entziehen kann, so lange man, biologisch gesehen, lebt.

Diese Mail blieb aber unbeantwortet. Bei der Freiheit machte er allerdings die Einschränkung, dass wir nicht völlige Freiheit haben (Freiheit ist kein Totalbegriff, sondern ein gradueller Begriff), denn die Entscheidungen, die wir treffen, sind i. a. Vernunftentscheidungen, die wiederum von unserem Wissen und unserer Intelligenz abhängen.

Die freie Entscheidung machte Prof. Keller davon abhängig, ob es eine begründete Entscheidung oder eine Zufallsauswahl war. Wobei ein Tier seiner Meinung nach keine begründete Entscheidung treffen kann. Zumindest kann ein Tier dies nicht artikulieren. Das war aber ein Punkt wo ich nicht ganz seiner Meinung war. Prof. Keller lehnte nämlich die Versuche, die dazu gemacht wurden ab. U.a. zitierte er einen Versuch, wo man einen Esel vor zwei Heuhaufen gestellt hat. Der Esel ist natürlich nicht vor den beiden Heuhaufen verhungert, sondern ging zu einem der Heuhaufen. Aber hier meinte Prof. Keller der Esel hat nur gewählt, so wie wir uns in der S-Bahn auf irgend einen freien Platz setzen oder aus einer Zündholzschachtel irgendein Zündholz nehmen. Meiner Ansicht nach steckt dahinter aber eine kognitive Leistung, denn um einen der Heuhaufen auszuwählen, muss er ihn der Esel als Futter erkannt haben. Der Esel hat nicht irgend etwas gewählt, sondern das Futter, den Heuhaufen.

Ein anderes Thema dieser Vorlesung war, was einen Menschen definiert. Was ein Mensch ist, definiert erst mal die herrschende Mehrheit der Menschen, was allerdings bei rassistischen Regimen zu fatalen Folgen führen kann. Also ist diese Definition keine brauchbare Definition. Prof. Keller definiert daher den Menschen von seinen Anlagen her. Demzufolge ist auch bereits ein Embryo für ihn ein Mensch, denn der Embryo trägt bereits diese Anlagen in sich. Allerdings ist auch diese Begriffsbestimmung nicht ohne Tücken, etwa bei einem Menschen mit genetischen Fehlern, oder bei Contergan-Kindern, wo diese genetischen Anlagen nicht in menschliche Fähigkeiten umgesetzt wurden, also nicht zum Tragen gekommen sind.

Im Zusammenhang mit dem Transzendenzgedanken (wenn wir eine Grenze erkennen dann sind wir gedanklich bereits über der Grenze) kam auch die Sprache auf Gott. Denn wenn wir hier gedanklich die Grenzen überschreiten können, müssten wir auch zu einer vollständigen Gotteserkenntnis gelangen können. Da meinte Prof. Keller aber, dass Gott außerhalb unseres Vorstellungsvermögens ist. Gott ist auch außerhalb der Zeit. Worauf ich ihn dann darauf hingewiesen habe, dass es außerhalb der Zeit auch keine Dynamik gibt, denn Zeitmessung beruht auf dynamischen Prozessen (Beispiel Pendeluhr, Beispiel Atomuhr). Gott wäre dann nicht handlungsfähig. Darauf meinte Prof. Keller: Gott handelt auch nicht, mit Ausnahme der Schöpfung und vielleicht durch Jesus, aber da war er nicht Gott, sondern Mensch. Daraufhin habe ich ihn gefragt, welchen Sinn er dann in Gebeten sieht. Darauf Prof. Keller: "Gebete haben auf jeden Fall nicht den Sinn Gott zu bessern, ihn auf unsere Nöte, mit anderen Worten seine Versäumnisse aufmerksam zu machen. Wenn er diese Nöte nicht kennen würde, wäre er nicht allwissend." Gott wäre in diesem Fall auch durch Gebete bestechlich.  Welchen Sinn aber Gebete haben, dazu äußerte er sich nicht. Seiner Meinung nach kann man Gott nicht erkennen. Er hält deshalb auch nichts von Glaubenserfahrungen. Wenn wir Gott wie ein Ding erkennen könnten, wäre er ein Teil dieser Welt, dann wäre aber die Welt größer als Gott. Was wir da erkennen, kann nur ein Götze, ein Teilbereich der Wirklichkeit sein.

Der Transzendenzgedanke ist aus meiner Sicht fragwürdig, weil hier ein räumliches Analogon für die Welt der Gedanken und Informationen verwendet wird. Wenn ich nur ein begrenztes Wissen, eine begrenzte Menge an Informationen aufnehmen kann und auch das momentane Wissen der Welt begrenzt ist, dann kann ich zwar behaupten es gibt noch mehr und es ist ja auch eine Tatsache, dass es in unserem Weltbild Wissenslücken gibt, aber damit habe ich noch nicht über den Tellerrand hinaus gesehen, denn wenn ich darüber hinausgesehen hätte, wüsste ich mehr. Das einzige was ich da erkannt habe, ist die Wissenslücke und selbst die erkennen wir erst, wenn sich aus Rückschlüssen im naturwissenschaftlichen Bereich Widersprüche ergeben. Aber über die Wissenslücke selbst kann ich gedanklich nicht hinausgehen.

Interessant war auch Prof. Kellers Stellungsnahme zu der im christlichen Glauben verankerten Trinität Gottes. Prof. Keller ging dabei aus von der Wortbedeutung des Wortes Person. Das Wort kommt aus dem lateinischen per-sonare = durchtönen. Zu einer Persönlichkeit gehört nun aber immer die Rolle, die er selbst spielt und die er auch für andere spielt, z. B. als Bürgermeister einer Ortschaft oder als Sachbearbeiter in einer Abteilung eines Industriebetriebs. Die Rolle, die er spielt, ist also das, was ihn zur Persönlichkeit macht, was durchtönt. Von daher betrachtet besteht Gottes Persönlichkeit aus den drei Rollen, die er spielt - Vater, Sohn und heiliger Geist.

Auch das Wort Fanatiker löste Prof. Keller von seiner Wortbedeutung auf. Im Wort Fanatiker steckt das lateinische Wort fanum = das Heiligtum, profan = für heilig halten. Ein Fanatiker ist also jemand, dem etwas heilig ist und ein Fanatiker verteidigt dies. Auch wenn er für seinen Glauben tötet, glaubt er Gott damit ein gutes Werk getan zu haben. Er begeht nur den Trugschluss zu glauben, ein allmächtiger Gott benötige seine Hilfe. Ich habe mich da allerdings gefragt, warum Prof. Keller Priester geworden ist. Prof. Keller praktiziert allerdings einen Hingabeglauben. Er unterscheidet zwischen dem Hingabeglauben und Fürwahrhalteglauben, Der Hingabeglaube besteht in seiner Hingabe an Gott als jenem Ziel, das seiner Meinung nach über uns hinausweist. Wobei er selbst sagt, dass wir über Gott keine Aussagen machen können. Wie man dieses Ziel verfolgt, blieb aber unklar. Aber richtig ist: Auch jeder andere hat ohne Hingabe an irgendetwas kein Ziel.

Im Zusammenhang mit Freiheit und Schuld kamen wir auch auf das Thema Schuldverlagerung. Dabei erwähnte Prof. Keller, dass es schon ganz am Anfang der Bibel ein Beispiel für eine solche Schuldverlagerung gibt. Nämlich beim Sündenfall. Da sagt Adam in Genesis 3,12: "Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen." Adam verlagert also die Schuld für die Übertretung auf seine Frau. (siehe hierzu auch das Kapitel "Der Sündenfall" unter Religionskritik auf meiner Homepage).

Auch auf ein anderes Bibelzitat aus der Schöpfungsgeschichte ging er in diesem Zusammenhang ein, auf den Satz: "Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde." Das was den Menschen Gott ähnlich macht ist lt. Prof. Keller seine Vernunft und seine geistige Freiheit. In diesem Zusammenhang muss man auch das Wort Erlösung sehen. Erlösen heißt losmachen, bedeutet also Freiheit.

Im Zusammenhang mit wahren und falschen Aussagen, kamen wir auch auf das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes zu sprechen. Und schon wieder ging es um die Bedeutung eines Wortes, des Wortes Papst. Wenn ein Papst ex cathedra nur wahre Aussagen macht und ihm wird eine falsche Aussage nachgewiesen, dann war er eben kein Papst, sondern ein Irrlehrer.

Im Zusammenhang mit der Freiheit in einem Staat ging es auch um die Wortbedeutung des Wortes Leute. Leute kommt vom griechischen eleuteros = die Freien. In der griechischen Demokratie waren dies diejenigen, die wählen durften. Zur Freiheit gehört auch die Selbstbestimmung. Nur wenn wir frei sind, d. h. noch nicht festgelegt, können wir über einen Sachverhalt diskutieren. Eine Diskussion setzt voraus, dass wir glauben nicht alle Argumente zu kennen, die vorgebracht werden können. Bei einem herrschaftsfreien Diskurs muss die Sache Vorrang vor den persönlichen Interessen haben.

Ausführlich diskutiert wurde auch der Unterschied zwischen Glauben und Wissen:
Beim Glauben fragen wir: Warum glaubst Du das? Beim Wissen: Woher weißt Du das? Das meiste, von dem wir behaupten wir wissen es glauben wir in Wirklichkeit. nur. Wir glauben zum Beispiel unser Geburtsdatum. Wir waren zwar bei unserer Geburt dabei, aber niemand kann sich daran erinnern. Auch das allermeiste von dem Wissenschaftler behaupten sie wüssten es, haben sie selbst nicht überprüft, sondern sie haben anderen vertraut, also ihnen geglaubt. Auch Zukünftiges glauben wir nur, wie zum Beispiel, dass morgen die Sonne aufgeht.

Damit ein Satz wahr oder falsch ist, muss es jemand geben, der diese Behauptung aufstellt und zu dieser Behauptung steht. Irren können wir uns nur, wenn wir vorher sicher waren, dass dies richtig war. Wenn wir uns nicht sicher sind, dann wissen wir es nicht und haben uns folglich auch nicht geirrt. Ausrufe, Befehle, Fragen sind weder wahr noch falsch. Beispiel: Ich taufe Dich auf den Namen...

Die Vorlesung am 13.5.2003 wurde übrigens für die Fernsehserie Stationen aufgenommen. Hier noch einige Zitate aus den Vorlesungen von Prof. Keller:

 
Auch Gott kann keine Welt schaffen, in der bei Quadraten die Diagonalen nicht senkrecht aufeinander stehen. Wenn die Diagonalen nicht senkrecht stehen würden, wäre es kein Quadrat. (Prof. Keller)

Wenn wir sagen, Christen glauben alle an den gleichen Gott, so stimmt dies nicht, denn jeder macht sich dazu auf Grund seines Wissens seine eigenen Gedanken. (Prof. Keller)

Man muss die eigenen Prinzipien so hoch hängen, dass man noch unten durch kommt. (Prof. Keller)

Gehorsam lässt sich nicht befehlen, denn ein Befehl setzt Gehorsam voraus. (Prof. Keller)

Eine gute ethische Kontrolle ist die Frage: Ist dies für die Allgemeinheit freiheitsdienlich. Man muss nicht nur sein Handeln rechtfertigen, sondern auch sein Nicht-Handeln. (Prof. Keller)

Ein Geheimnis ist die Vogelscheuche, die aufgebaut wird, um das Denken zu verbieten. (Prof. Keller in Bezug auf Gottes Geheimnisse in der christlichen Literatur)

Philosophische Krankheiten resultieren daraus, dass man sich einseitig informiert. (Aristoteles)

Die Vernunft nötigt dazu das Bessere zu tun. Aber das Schlechthin Bessere gibt es nicht. (Aristoteles)

Die Vernunft ist das best verteilte Vermögen der Welt. Niemand wird von sich behaupten, er sei unvernünftig (Descartes)

Was kann ich wissen? Was kann ich hoffen? Was soll ich tun? (Kant)

Man soll nicht sagen das Auge sieht, sondern der Mensch sieht. (Thomas von Aquin)

Das Reden tut dem Menschen gut, vor allem wenn er's selber tut. (Wilhelm Busch)


Zu der Vorlesung von Prof. Harald Schöndorf:

Prof. Harald Schöndorf aufgenommen am 5. Juni 2003 einem sehr warmen Sommertag

Harald Schöndorf Dr. phil. für Erkenntnislehre und Geschichte der Philosophie. Zusammen mit Rüdiger Funiok hat er das Buch "Ignatius von Loyola und die Pädagogik der Jesuiten / Ein Modell für Schule und Persönlichkeitsbildung" 280 Seiten. Kart. ISBN 3-403-03225-6 herausgegeben.

Harald Schöndorf ist wesentlich jünger als Albert Keller, aber auch schon leicht ergraut. Immer korrekt gekleidet, häufig in Anzug und Krawatte, während bei  manchen anderen Lehrkräften die Kleidung mehr der Kleidung der Studenten ähnelte. Nun ja - jede Lehrkraft hatte wohl ihren eigenen, unverkennbaren Kleidungsstil. Harald Schöndorf gehört zu den engagiertesten Lehrkräften, die ich bisher kennen gelernt habe. Wobei man sagen muss, dass sich wohl alle Lehrkräfte an der Hochschule für Philosophie, über das sonst an Hochschulen übliche Maß hinaus für den Unterricht engagiert haben. Seine Vorlesung war eigentlich auf zwei Schulstunden angesetzt (1 1/2 Stunden). Der Raum war aber schon vorsorglich für drei volle Stunden reserviert und manchmal dauerte es noch länger. Für die Diskussionen mit seinen Studenten nahm er sich enorm viel Zeit. Ca 15 Studenten einschließlich der Gaststudenten nahmen an dieser Vorlesung teil. Mehr zur Person von Pater Schöndorf siehe das Interview mit Pater Schöndorf.

Zu der Vorlesung, die mehr einem Seminar ähnelte, gab es ein Büchlein mit dem Titel "Kann Gottes Nicht-Sein gedacht werden?" wo die Kontroverse zwischen Gaunilo und Anselm in lateinischer Sprache und der deutschen Übersetzung dokumentiert war ISBN 3-87162-019-X.

Anselm von Canterbury (gestorben 1109) gehört zu den Scholastikern, jener Gruppe von katholischen Theologen, die in dieser Zeit versucht haben ihren Glauben philosophisch / rational zu begründen. Dies ist auch heute noch eines der Anliegen der Jesuiten.

Der "Beweis" beginnt in der deutschen Übersetzung mit den Worten Anselms:
"Herr, der du dem Glauben die Einsicht verleihst, verleih mir also, dass ich, soweit du es für nützlich erachtest, verstehe, dass du bist, wie wir glauben, und das bist, was wir glauben! Und zwar glauben wir, dass du etwas bist, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann."

Wobei der Ausdruck "nichts Größeres" für das Allumfassende, das Absolute steht. Wenn etwas über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, nur im Verstand existiert, dann kann etwas Größeres gedacht werden, nämlich das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann und das im Verstand und in der Wirklichkeit existiert. Folglich (???) existiert das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, sowohl im Verstand als auch in Wirklichkeit.

Das ist stark verkürzt der Beweisgang. "Anselm war eindeutig der Meinung, damit einen Beweis für die Existenz Gottes geliefert zu haben. Es ist aber nicht jedem behaglich bei dieser Art von Beweis, und selbst im Mittelalter war das Argument nicht für jeden stichhaltig, zu Anselms Zeiten im 11. Jahrhundert beispielsweise nicht für den Mönch Gaunilo von Marmoutiers, im 13. Jahrhundert nicht für Thomas von Aquin und einige andere, und in vielen Fällen hat man das Argument offenbar nicht als Beweis betrachtet, sondern als begriffliche Bestimmung des Wortes "Gott" im Sinn des christlichen Monotheismus." (Zitat aus einem Skriptum, das von Prof. Schöndorf verteilt wurde).

Die Diskussion drehte sich also um den Gottesbegriff und um das, was nach heute gängiger Meinung Philosophen unter Gott verstehen und um einen Vergleich zu dem, was damals unter Gott verstanden wurde und wie die Existenz Gottes begründet wurde.

Eine der Begründungen für die Existenz Gottes, die damals verwendet wurde, steht in Römer 1:20
Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit.

Diese Begründung ist allerdings angesichts der Evolutionstheorie brüchig geworden. Aber nicht für Harald Schöndorf. Er gehört zu den Kritikern insbesondere der evolutionären Erkenntnistheorie und hat dazu ein umfangreiches Skriptum verfasst.

Aber zuerst zum "Beweis" von Anselm. Der Gedankengang von Anselm legt nahe, dass er Gott als größte allumfassende Menge betrachtet hat, die alle Attribute des Seins beinhaltet. Mein Einwand, dass Gott dann wohl so etwas ist wie die eierlegende Wollmilchsau, wurde damit beantwortet, dass es sich bei Gott, um keine Menge handelt, denn eine Menge besteht aus Teilen, ist teilbar. Bei Gott handelt es sich aber um ein Ganzes. Deshalb ist Gott auch nicht räumlich, sondern ausschließlich geistiger Natur. Ein Gedanke ist nicht teilbar. Gott ist aber auch nicht zusammengesetzt aus einzelnen Gedanken. Er ist also nicht menschlich geistig, weil ja hier ein zeitlicher Ablauf feststellbar wäre. Gott ist aber außerhalb der Zeit (2. Petrus 3,8). Gott ist auch nicht die höchste Einheit, denn wenn ich eine Einheit habe und etwas darüber setze, dann habe ich keine Einheit mehr.

Mal schien es mir so, als ob für Harald Schöndorf die Gesamtheit der Wirklichkeit Gott darstellt. Aber das wäre wiederum eine Menge gewesen. Harald Schöndorf vertrat auch die Ansicht, dass durch die Schöpfung Gott nichts hinzugefügt wurde. Mir scheint dies alles auf Behauptungen aufgebaut, die durch die Natur selbst nicht begründet sind, sondern allenfalls in der biblischen Überlieferung.

Als ich Prof. Schöndorf nach einer Vorlesung zufällig in der S-Bahn getroffen habe, habe ich ihn speziell zum Thema menschlicher Geist angesprochen. Wobei ich die Meinung vertreten habe, dass doch eindeutig ein Zusammenhang zwischen Gehirntätigkeit und dem Denken feststellbar ist. Eine Narkose kann man nicht ignorieren. Er antwortete mir darauf, dass Materie nicht Kategorien wie wahr oder falsch bilden kann. Die Gehirnaktivität ist nur eine Darstellung des Verstands ist aber nicht identisch mit dem Verstand. In einer Email habe ich ihn dann noch folgendes dazu geschrieben:

Aus meiner Sicht kann man dies nicht trennen (Materie und Geist).

Dieser Ansicht liegt mein Verständnis von Materie zugrunde, das sich vermutlich von Ihrem unterscheidet. Aus meiner Sicht hat das einzelne Materieteilchen Eigenschaften (Materieteilchen = Elektron, Atom, Molekül, soweit man dies als Teichen bezeichnen kann, vielleicht ist es ja auch ein Materiesystem).  Nur durch diese Eigenschaften nehmen wir es wahr. Aber auch jedes Materiesystem, das in gewisser Weise abgegrenzt ist, hat Eigenschaften. Daraus ergibt sich, dass wir nicht sagen können wie viele Eigenschaften es in diesem Universum überhaupt gibt. Und bei extrem komplexen Systemen können wir auch nicht sagen, wie viele Eigenschaften das System hat. Außerdem ist ein Materiesystem handlungsfähig durch seine Eigenenergie. Wenn wir also behaupten, das menschliche Gehirn habe nicht die Eigenschaft des menschlichen Verstandes, dann haben wir damit eine Aussage über die Eigenschaften eines extrem komplexen Systems getroffen, das wir bisher nicht völlig durchschaut haben, genauso wenig wie die Materie selbst. Ihre Aussage ist also, ebenso wie meine, eine Glaubensaussage, die aus meiner Sicht gleichberechtigt ist.

Ihr aufmerksamer Zuhörer
Dietrich Spreter von Kreudenstein


Die Antwort kam noch am gleichen Tag.

Sehr geehrter Herr Spreter von Kreudenstein,

Sie haben insofern völlig recht, als wir keine erschöpfende Erkenntnis von allem und jedem haben. Aber wenn daraus folgen würde, dass Aussagen über den Unterschied von Materie und Geist "Glaubensaussagen" sind, dann wären alle von uns gemachten Aussagen "Glaubensaussagen", weil wir nie eine erschöpfende Erkenntnis haben. Dies ist aber offensichtlich falsch. So einfach kann man nicht argumentieren. Niemand von uns nimmt ein Argument ernst, das nur in der Behauptung besteht, das unter Berufung darauf, es könnte aber noch irgendwelche unbekannten Faktoren oder Eigenschaften geben, irgendwelche gut begründete Erkenntnisse ablehnt. Dann dürften Sie ja auch nicht die Behauptung aufstellen, dass das Materiesystem durch seine Eigenenergie handlungsfähig ist. Woher wollen Sie denn so etwas wissen, wenn Sie gar nicht wissen, welche Eigenschaften die Materie hat? Außerdem weiß ich nicht, was diese Behauptung über das Verhältnis von Materie und Geist sagen soll, denn niemand bestreitet, dass es materielle Prozesse gibt; mehr folgt aber aus Ihrer Behauptung nicht. Die Rede von "Handlung" ist ungenau, da wir von Handlungen nur sprechen, wenn wir es mit einem beabsichtigten Wirken zu tun haben. Die Frage ist, ob es einen strukturellen Unterschied zwischen Materie und Geist gibt. Und dies kann man auch dann feststellen, wenn man möglicherweise nicht alle Eigenschaften der Materie kennt. Denn wenn man keine Aussagen über die Strukturen der Materie machen könnte, könnte man überhaupt keine Naturwissenschaft treiben. Was diesen strukturellen Unterschied von Materie und Geist angeht, will ich jetzt aber nicht meine Argumente wiederholen, sondern ich verweise Sie auf mein Skriptum zur Erkenntnislehre, das Sie bei der Studierendenvertretung bekommen können.

Selbstverständlich kann man immer sagen, es gebe da vielleicht eine unbekannte Größe mit unbekannten Eigenschaften, auf die man alles zurückführen könne. Dann muss man aber die Frage stellen, wieso man diese Größe Materie nennt. Wenn wir von Materie und Geist reden, so hat das nur einen Sinn, wenn wir auch angeben können, was wir darunter verstehen. Dann können wir uns aber auf keine unbekannten Größen oder Eigenschaften berufen. Denn sonst kann ich immer sagen: Das mag es geben, aber das ist dann eben keine Materie im üblichen Sinn mehr, sondern eine Form von Geist.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Harald Schöndorf SJ


Ich habe ihm darauf geantwortet.

Sehr geehrter Herr Prof. Schöndorf,

vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, mir per E-Mail zu antworten.

>>Die Rede von "Handlung" ist ungenau, da wir von Handlungen nur
>>sprechen, wenn wir es mit einem beabsichtigten Wirken zu tun haben.<<

Mit "Handlung" meine ich hier die Aktivität, die bei Materie z.B. ausgelöst wird, wenn ein Hormon oder ein Enzym in eine Zelle eindringt.

Beabsichtigtes Wirken ist nicht ursachenfrei. Die Frage ist, ob es rein geistige Ursachen gibt oder ob Geist und Materie grundsätzlich in irgend einer Weise verknüpft sind. Bei Drogengebrauch, bei einer Narkose werden materielle Ursachen auch auf geistiger Ebene abgebildet und dies kann ich mit geistigen Mitteln nicht verhindern. Dies ist aus meiner Sicht ein Indiz dafür, dass zwischen Geist und Materie ein Abhängigkeitsverhältnis besteht.

Kant war übrigens das Unbewusste unbekannt.

Die Frage ist auch, ob wir unsere geistigen Ursachen zweifelsfrei ermitteln können. Niemand wird z. B. zugeben, dass Werbung auf ihn eine Wirkung hat. Trotzdem hat sie offenbar eine messbare Wirkung.

>>Die Frage ist, ob es einen strukturellen Unterschied zwischen Materie
>>und Geist gibt.<<

Aus meiner Sicht besteht Materie aus mehr als nur dem sichtbar abgegrenzten Teil. Der Materie-Begriff ist historisch in gewisser Weise definiert. Diese Definition trifft aber nicht mehr auf das zu, was man inzwischen über die Materie weiß oder zu wissen glaubt.

>>Skriptum zur Erkenntnislehre<<

Ich werde mir erst mal dieses Skriptum besorgen und werde mich damit befassen. Ich kenne es bisher nur zum Teil. Dann können wir dies ausdiskutieren. Im vergangenen Semester habe ich zur evolutionären Erkenntnistheorie das parallel stattfindende Seminar von Herrn Prof. Kummer und Herrn Dr. Bauberger besucht und habe dazu damals das "Lehrbuch der evolutionären Erkenntnistheorie" von Bernhard Irrgang besorgt. Ansonsten habe ich mich mit dem als Programmierer mit diesem Thema befasst, weil es ja da auch um die Frage geht: Was kann ein Computer? Ist er dem Menschen irgend wann überlegen?  (Siehe hierzu auf meiner Homepage unter Religionskritik das Kapitel "Dimensionen des Geistes")  Und ich habe mich auch damit befasst, um die geistige Behinderung meiner Tochter zu verstehen.

Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen
Ihr Gasthörer
Dietrich Spreter von Kreudenstein
 

Das Skriptum habe ich zwar bei der Studentenvertretung bestellt, aber ich werde es erst im nächsten Semester (ab Mitte Oktober) bekommen. Bis dahin ist es vielleicht auch schon wieder geändert. Das deutete jedenfalls Prof. Schöndorf an. Die Diskussion hierüber ist also noch nicht abgeschlossen.

In der letzten Vorlesung des Semesters hielt uns Prof. Schöndorf noch einen Vortrag über Denken / Vernunft (ratio) und Erkenntnis. Erkenntnis zielt darauf ab etwas über die Wirklichkeit in Erfahrung zu bringen. Das Denken über uns hinaus, ist auch die Voraussetzung jeder Kritik, also für die Unterscheidung zwischen wahr und falsch. Für uns gilt eine Information dann als wahr, wenn etwas so ist, wie wir es denken. Auch wenn wir sagen, wir glauben dieses oder jenes, so entscheidet darüber immer unsere Vernunft. Die Vernunft ist damit ihr eigner Maßstab. Das Denken ist letztendlich unser einziger Zugang zur Wirklichkeit, es orientiert sich aber auch an der Wirklichkeit. Unsere Vernunft ist damit auch unsere Wirklichkeit. Nach Meinung von Prof. Schöndorf fällt die allumfassende Wirklichkeit mit der höchsten Vernunft (Gott) zusammen.


Im Wintersemester 2003/2004 hatte ich dann noch mal zwei Vorlesungen belegt. Philosophische Gotteslehre bei Prof. Josef Schmidt (siehe sein Buch "Philosophische Theologie" ISBN 3-17-017958-6 http://www.kohlhammer.de) und bei Prof. Harald Schöndorf eine Zusatz-Vorlesung zu seiner Vorlesung über seine Erkenntnislehre. Es ging dabei um philosophische Begriffe wie Geist, Freiheit, Moral, das Leib-Seele Problem und um Gott. Das Skriptum zur Erkenntnislehre, so wie zu der Zusatz-Vorlesung gab es am Ende des Semesters. Mit beiden Professoren kam es jeweils in den Pausen und auch in der Vorlesung zu zahlreichen Diskussionen, die hier nicht alle wiedergegeben werden können, deren Ergebnisse jedoch in den Kapiteln zu den "Gottesbeweisen" und in den Kapiteln zu den "Dimensionen des Geistes" eingearbeitet sind. Ende April, sowie Mitte Mai und Anfang Juni 2004 kam es dann auch noch einmal zu einem E-Mail-Dialog mit Prof. Schöndorf. Ich hatte Herrn Prof. Schöndorf u. a. einen Vortrag zum Thema "Wie Tiere fühlen und denken" zugeschickt. Einiges aus den E-Mail-Dialogen mit Pater Schöndorf ist unter Briefe >> E-Mail-Dialoge mit Pater Schöndorf wiedergegeben.


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