Der Strom geht seltsame Wege

Textmarken: Wie meine Webseite gefunden wird      gesellschaftliche Fehlentwicklungen


Von: Waldemar Hammel   Gesendet: Samstag, 24. April 2004 08:02

Hallo Herr Kreudenstein,

habe mich über die Seite mit der Alexandrinischen Bibliothek zufällig per Link dann auf Ihrer Seite befunden und mich dort jetzt ca 2 Stunden eingelesen.

War ganz informativ, auch einiges Nichtreligiöse, naturwissenschaftliche Material sogar für mich als Physiker "neu". Danke dafür. Begrüßenswert Ihr Computerinteresse, Sie finden in mir einen Gleichen :: Hobbyisten mit manischen Zügen, was die Computerei betrifft.

Ich selbst, 51, hier bei Aachen, seit früher Jugend nicht "Freidenker" sondern regelrechter Kirchenfeind und Religionsgegner (bei mir haben Pfarrer usw. ganz ernsthaft Hausverbot!), begrüße natürlich Ihre Site außerordentlich. Es ist schon etwas wert, wenn jemand für die Freiheit des Denkens einsteht und sich Mühe macht. Mein Respekt gilt Ihrer Arbeit und Ihren Ansichten, die Sie äußern.

Ist Ihnen Karl-Heinz Deschner bekannt? Er gilt als der größte heute lebende Kirchenkritiker, und er hat mittlerweile ein wirklich epochales Lebenswerk geschrieben, das ich seit Jahren "buchstabengenau" verfolge. Ich bin ein Fan dieses Geistesriesen, auch bereits seit Jahrzehnten.

Weshalb ich Ihnen nun eigentlich schreibe?

In den Ansichten bzgl. Kirche und Religion gibt es zwischen uns scheinbar keine Diskrepanz, nur habe ich extremere Standpunkte (teilweise auch bestätigend aus eigener Anschauung im Katholizismus Südamerikas gewonnen).

In "unserem Alter" ist man meist mit diesen Glaubensdingen in der ein oder anderen Form mit sich im Reinen und thematisiert das nicht mehr groß.

So meine Frage an Sie, wirklich ernst gemeint: Was treibt Sie zu Ihren Aktivitäten? Woher die Energie? Weshalb ist die Sache "Glauben, Religionen" für Sie immer noch Thema und Problem?

Sie kennen doch sicher den Spruch "Gegen Dummheit und Ignoranz kämpfen sogar Götter vergebens." ? Und Sie werden genau wie ich doch mitbekommen haben, dass wir heute gesellschaftlich längst auf einem antiwissenschaftlichen Kurs, zurück in Esoteriken und Aberglauben sind. Der "iconic turn", ein Verzweiflungsschritt der aus eigener Schuld sich überlebt habenden Geisteswissenschaften hierzulande, wird uns einen hohen Preis kosten.

Meine Interessen: Geistes- Kultur- und Wissenschaftsgeschichte lassen religiöse Probleme und Fragen in den Hintergrund treten. Ist für mich Asche von vorgestern, und ich habe keine Lust mich mit Narren auseinanderzusetzen, die einerseits zb die Mondlandungen bestreiten und auf der anderen Seite zu Steinheilern und Gurus hinlaufen. Es war zu allen Zeiten so, dass die Essenz des menschlichen Fortschritts, die Intellektuellen, einen Riesenbatzen an geistiger Umweltverschmutzung mitschleppen mußten. Und dazu gehören für mich Religionen (eigentlich aller Couleuren). Die Menschheit ist nie aufrechten Geistes in ihre Zukunft gegangen, sondern wurde immer widerstrebend vom geschichtlichen Ablauf an den Haaren hinterhergezogen.

Seit über 6000 Jahren predigen wir Vernunft und Einsicht, aber immer wurden die GiordanoBrunos verbrannt und vernichtet, und die Narren feierten "fröhliche Urständ".

Heute ist diese unsere Gesellschaft sichtbar damit beschäftigt sich in den nächstbesten Abfallkübeln der Geschichte selbst zu entsorgen. Denen noch predigen? Als Rufer in der Wüste? Warum?

Was treibt Sie, ihre Motivation, es dennoch zu tun? Ist das Idealismus, oder auch nur eine Form von Lernunfähigkeit (ohne Ihnen jetzt hier mit der Frage zu nahe treten zu wollen)?, denn, wie gesagt, ich bewundere ihre Aktivität und teile ihre Ansichten natürlich.

Ich grüße, Waldemar Hammel

www.scriptorium-magicum.de

www.interaction-semiotics.org (neu und unfertig)

ansonsten Hobbyliterat, u.a. bei www.leselupe.de


Lieber Herr Hammel,

es freut mich immer ganz besonders, wenn sich andere Zeit nehmen meine Webseite zu lesen und sich dann auch die Mühe machen mir dies mitteilen. Auf die Webseite erfolgen derzeit pro Woche ca 4 bis 5 Tausend Zugriffe von ca 1000 verschiedenen Rechnern. Die meisten natürlich von Suchmaschinen.

Dabei ist es immer wieder erstaunlich über welche Suchbegriffe meine Webseite gefunden wird. Vergangene Woche bekam ich eine Zuschrift von Ryan P. Allis, VP Marketing Global Healing Center, Inc. 2040 North Loop W. Ste 108 Houston, Texas 77018, (832) 615-1814, http://www.ghchealth.com. Er hatte nach dem englischen Wort für Verstopfung (constipation) gesucht und nun vermutlich alle Webseiteninhaber angeschrieben. Mir hat er einen Link-Austausch angeboten. Er bietet u. a. Sauerstofftherapie und verschiedene Mittel an, die Heilpraktiker verschreiben. Das Wort constipation steht tatsächlich auf meiner Homepage und zwar in einem Text von Mark Twain siehe Link Querdenker. Diese Woche bekam ich eine Zuschrift von einer Studentin, die die Webseite über die magischen Quadrate interessiert hat. Eine der Webseiten auf die am häufigsten zugegriffen wird ist meine Webseite zu den Formalitäten im Todesfall.

Nun zu Ihrer Frage, was mich heute noch motiviert meine Webseite ständig zu erweitern und zu verbessern. Wozu die ganze Mühe? Insbesondere in Internetdiskussionen gewinnt man ja oft den Eindruck, dass religiöse Menschen offenbar unbelehrbar sind. Andererseits war ich ja selbst bis Anfang der siebziger Jahre ein überzeugter Christ und habe damals meinen Glauben mit den Argumenten verteidigt, die mir im evangelischen Religionsunterricht eingetrichtert wurden.

Zum Nachdenken bin ich erst gekommen als ich mich in Diskussionen mit Zeugen Jehovas mit der Bibel auseinandergesetzt habe. Und da habe ich dann nach und nach erkannt, dass Religion nicht nur einen positiven kulturellen Effekt hat, sondern auch ganz wesentlich dazu beiträgt, dass die Gesellschaft gespalten wird in Gläubige und Andersgläubige oder Ungläubige. Und es ist mir klar geworden mit welch perfiden psychologischen Mechanismen Menschen geistig versklavt werden. Wobei sie selbst oft nicht erkennen, dass sie von einer Organisation gnadenlos ausgebeutet werden, um den Erhalt dieser Organisation zu sichern und damit die Existenz der hauptamtlichen Mitarbeiter. Der gesellschaftliche Schaden, der dadurch entsteht, ist aus meiner Sicht um ein vielfaches größer als der Nutzen, wie dies ja auch Karl-Heinz Deschner in seinen Büchern eindrucksvoll darlegt.

Nur bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass Kirchenkritik allein nicht ausreicht. Es wird zwar damit die Glaubwürdigkeit der Stellvertreter Gottes in Frage gestellt, aber für den Gläubigen zählt nicht das was Kirchenvertreter heute sagen und tun. Das sind auch nur Menschen. Es zählt für sie vor allem, was Jesus und seine Apostel sagten und taten. Darauf basiert ihr Glaube. Also muss man das Übel an der Wurzel packen. Daher die bibelkritische / religionskritische Ausrichtung der Webseite.

Ich meine, dass man gegen diesen Betrug vorgehen muss. Wobei ich allerdings eine Gedankenpolizei, wie sie in Orwells Buch 1984 beschrieben wird, ablehne. Denn Überzeugungen kann man nicht mit Strafmaßnahmen ändern, sondern nur mit einer glaubwürdigen Argumentation. Die heutigen Maßnahmen der Polizei und der Justiz zielen ja im wesentlichen darauf ab, Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - auf die schiefe Bahn geraten sind, in Gefängnissen zu kasernieren. Gesellschaftlich sind diese Personen damit in ein Getto abgedrängt und es bleibt ihnen, wenn sie wieder frei kommen, gar nichts anderes übrig als entweder von Sozialhilfe dahinzuvegetieren oder sich einer Verbrecherbande anzuschließen, die sie mit offenen Armen empfängt. Ich habe den Eindruck, dass das heutige Justizsystem die Bandenkriminalität fördert und gefährlich wird dies dort, wo solche Organisationen dann mit Geld und Gewalt politischen Einfluss gewinnen und dann ihren Geschäftszweig legalisieren. Das geht dann vom religiösen Betrug bis zur Freigabe von Konsumdrogen und gesundheitsschädlichen Produkten, wie dem benzingetriebenen Auto. Heute immerhin etwas entschärft durch den Katalysator. Man argumentiert hier immer, dass ja Unternehmer nur einen ohnehin vorhandenen Bedarf befriedigen. Aber wer genauer hinsieht, merkt, dass dieser Bedarf mit massiver Werbung aufrecht erhalten wird. In einem Fernsehinterview erklärte einmal ein Missionar der Mormonen (der Kirche Jesu Christi der heiligen der letzten Tage), den ich zufällig sogar hier in München persönlich kennen gelernt habe, dass er schätzt, dass er etwa 4000 Menschen ansprechen muss, um ein Mitglied für seine Kirche zu gewinnen. Sicher wurden und werden damit auch Arbeitsplätze geschaffen und damit die Nahrungsmittelressourcen verteilt. Aber das ist im wesentlichen ein organisatorisches Problem. Und dies über Angebot und Nachfrage zu steuern, ist sicher nicht die einzige Möglichkeit.

Wir sind da heute scheinbar alle in gesellschaftlichen Mechanismen verstrickt. Aber ich meine, dass oft nur der Wille fehlt, dies zu ändern. Wenn sich zum Beispiel mehr Atheisten engagieren würden, hätten die Kirchen nicht die Macht, die sie heute haben. Natürlich sieht es, wie bereits gesagt, in Diskussionen immer so aus, als wäre der Andere unbelehrbar. Aber ich orientiere mich da an Prof. Maier-Leibniz, der einmal sinngemäß gesagt hat: "Wenn auf ein Argument keine Antwort kommt, dann hat dieses Argument offenbar gewirkt." Und gerade solche Argumente wirken auch dann noch, wenn wir uns dessen nicht mehr bewusst sind und lassen das religiöse Gedankengebäude bröckeln. Siehe auch unter Religionskritik in der Auswahlliste "Zu meiner Person".

Mit freundlichen Grüßen

Dietrich Spreter von Kreudenstein


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