Tierverstand - Menschenverstand


München, den 29. 4. 2004

Sehr geehrter Herr Spreter von Kreudenstein,

Sie haben mir in den letzten Monaten eine ganze Menge Material zugesandt, aber ich war im vergangenen Wintersemester und anschließend ziemlich beschäftigt, so dass ich nicht die Zeit fand, darauf näher einzugehen.

Heute will ich einiges auf den von Ihnen zugesandten Artikel über das Denken der Tiere sagen. Vorausschicken möchte ich, dass die Tradition der Philosophie keineswegs alles, was Bewusstsein und Sprache angeht, als typisch menschlich angesehen hat. Erst im 20. Jahrhundert meinten manche, Geist einfachhin mit Bewusstsein identifizieren zu können, und man hielt es für eine große Entdeckung, die verschiedenen Funktionen des Sprechens darzulegen. Traditionell war man immer der Meinung, dass auch die (höheren) Tiere Bewusstsein besitzen, dass aber die Fähigkeit der ausdrücklichen Abstraktion und Reflexion sowie das Selbstbewusstsein etwas typisch Menschliches sind. Und natürlich wusste man auch, dass es Tiersprachen gibt, die Appell- oder Signalfunktionen haben und dazu dienen, unmittelbare Handlungsreaktionen hervorzurufen. Und dazu gehört auch so etwas wie ein Zeichenverständnis, denn ohne so etwas wären ja konditionierte Reflexe nicht möglich. Darum lässt sich ein Zeichenverständnis auch andressieren, wie man dies bei Affen gezeigt hat. Dass ein andressiertes Verhalten dann auch in anderen Situationen vorkommt, ist auch klar, denn wenn Tiere (ebenso wie junge Menschen) nicht bestimmte Verhaltensweisen häufiger nachahmen würden, könnten sie überhaupt nichts lernen. Und dass Tiere lernen können, wenn auch nicht alle in beliebiger Weise, ist ebenfalls unumstritten. Ebenso ist klar, dass es bei höheren Tieren bis zu einem gewissen Grad ein kombinatorisches Verhalten gibt.

Im Gegensatz zu Tieren fangen aber Kinder, sofern sie mit anderen Menschen in Kontakt sind, völlig von selbst an, bestimmte Fragen zu stellen: "Was ist das?", "Warum ist das so?" und dgl. mehr. Einer der entscheidenden Punkte ist, dass wir Menschen in unserer Sprache über Dinge reden können, die mit dem konkreten Handlungskontext überhaupt nichts zu tun haben. Der andere ist, dass wir Begriffe bilden, mit denen wir dann wieder ihrerseits zu arbeiten vermögen: Darum können wir über Dinge, Ereignisse und dgl. reden, die situationsunabhängig sind. Anders ginge das nämlich gar nicht. Außerdem können wir von da aus abstrakte Überlegungen anstellen, was die Voraussetzung für jede Art von Wissenschaft ist.

Auf knappe Weise hat dies Keller in seiner Sprachphilosophie S. 57 skizziert, wo er über den Unterschied von Tier- und Menschensprache spricht.

Dass ein Affe, wenn er in einen Spiegel schaut, erkennt, dass er sich selbst erblickt, ist durchaus möglich, beweist aber noch nicht, dass er ein Selbstbewusstsein in dem Sinn hat, dass er über sein eigenes Wissen und Tun reflektieren kann. Natürlich hat er eine Art von Handlungsbewusstsein, denn sonst könnte er überhaupt nicht aufgrund von Erkenntnis handeln. Beweisen können wir das freilich eigentlich nicht, wir nehmen es aber normalerweise aufgrund der Analogie mit unserem eigenen Handeln aufgrund von Erkenntnis an. Von daher sehe ich kein Problem, dass ein Affe vor einem Spiegel auch entdecken kann, dass die Veränderung seiner Gesten zu einer analogen Veränderung des Spiegelbildes führt. Das ist aber ebenso ein Lernen wie das Lernen der Effekte anderer Handlungen und braucht keine tiefergehende Erklärung. Sonst müssten wir ja schon für die bloße Tatsache, dass es, was wir schon viel länger wissen, bei Herdentieren Führungspositionen gibt, ein Selbstbewusstsein unterstellen.
Soviel einmal als erste Reaktion.

Mit freunlichen Grüßen
Harald Schöndorf SJ


München, den 1. 5. 2004

Sehr geehrter Herr Prof. Schöndorf,

es freut mich, dass Sie mich nicht vergessen haben und sogar die Zeit gefunden haben eine Antwort auf mein Vortrag-Manuskript "Wie Tiere fühlen und denken" zu verfassen.

>>Im Gegensatz zu Tieren fangen aber Kinder, sofern sie mit anderen Menschen in Kontakt sind, völlig von selbst an, bestimmte Fragen zu stellen: "Was ist das?", "Warum ist das so?" und dgl. mehr. <<

Da bin ich aufgrund eines eigenen Erlebnisses anderer Ansicht. Meinen Eltern ist Mitte der sechziger Jahre eine Katze zugelaufen. Und als wir abends beim Fernseher saßen, machte es sich auch die Katze auf meinem Schoß bequem und schaute interessiert, aber auch ein wenig skeptisch in die Röhre. Der Fernseher stand auf einem fahrbaren Tischchen. Nach einiger Zeit sprang die Katze von meinem Schoß und marschierte auf den Fernseher zu, immer das Bild im Blick behaltend, ging hinter den Fernseher und blickte nun auf die Rückseite des Fernsehers. Da war natürlich kein Bild. Aber der Ton war ja noch zu hören. Dann vergewisserte sie sich noch mal, dass das Bild auf der Vorderseite noch da war. Aus meiner Sicht sah dies so aus als ob sie dieses Problem beschäftigte. Mit ihrem Katzenverstand konnte sie natürlich zu keiner Lösung kommen. Sie setzte sich schließlich resigniert wieder auf meinen Schoß. Von dem Ding ging keine Bedrohung aus und damit war die Sache für sie erledigt.

Von Affen ist auch bekannt, dass sie versuchen durch Täuschung ihrer Artgenossen sich Vorteile zu verschaffen und das setzt doch voraus, dass sie versuchen das Verhalten ihrer Artgenossen einzuschätzen und sich einen Plan ausdenken. Das Verhalten ihrer Artgenossen können sie nur richtig einschätzen, wenn sie Erlebnisse aus der Vergangenheit reflektieren, denn Artgenossen unterscheiden sich ja ansonsten kaum (Frans Derwaal - Der gute Affe). Ich gebe Ihnen natürlich recht, dass Menschen Tieren intellektuell überlegen sind. Die Frage ist aber doch, ob es sich hier um einen prinzipiellen Unterschied oder um einen graduellen handelt. Ein prinzipieller Unterschied wäre erkennbar etwa durch einen anderen organisatorischen Aufbau des Gehirns, andere Zelltypen im Gehirn . . .. Solche Unterschiede gibt es zum Beispiel zwischen Mensch und Hund. Man weiß, dass Hunde ein Farbspektrum von grün bis blau erkennen. Zwischen Affe und Mensch sind, soweit ich weiß bisher nur graduelle Unterschiede festgestellt worden. Um Ihren Gottesglauben zu rechtfertigen, käme es Ihnen natürlich sehr gelegen, wenn da ein prinzipieller Unterschied feststellbar wäre.

>>Sonst müssten wir ja schon für die bloße Tatsache, dass es, was wir schon viel länger wissen, bei Herdentieren Führungspositionen gibt, ein Selbstbewusstsein unterstellen.<<

Ich nehme an, dass der Wille eine Führungsposition anzustreben, auf einem gefühlsmäßigen Impuls beruht. Ob dieser Impuls bewusst oder nur unbewusst wahrgenommen wird, da bin ich mir nicht einmal bei allen Mitmenschen sicher. Soviel zum Selbstbewusstsein im Sinne von Stolz, Überlegenheit. Selbstbewusstsein im dem Sinne, dass ein bewusster Unterschied zwischen der eigenen Bewegung, dem eigenen Handeln und der Umwelt gemacht wird, gibt es meiner Ansicht nach auch schon bei Tieren, die ihr Verhalten der jeweiligen Situation anpassen können und so auch mit Situationen fertig werden, die in der Natur nicht vorkommen, sondern nur in unserer künstlich geschaffenen Welt. Es ist natürlich oft eine Glaubensfrage, ob man annimmt, dass ein Tier Erfahrungen bewusst reflektiert oder unbewusst verrechnet (gefühlsmäßig entscheidet).

Ich hatte mich ja selbst zu den Spiegelversuchen mit Affen kritisch geäußert. Hier noch mal ein Auszug aus diesem Abschnitt:

"Hier stellt sich die Frage wie interpretiert ein Tier ein Bild bzw. seine Umgebung und wie weit abstrahiert das Tier das Gesehene. Ein Hund hat z. B. kaum Schwierigkeiten sein Herrchen auch dann noch zu erkennen, wenn sein Herrchen einen Mantel anzieht und eine Mütze aufsetzt. Das heißt er weiß, dass diese Person auch dann noch die gleiche Person ist, wenn der Körper völlig anders aussieht. Er orientiert sich ebenso wie wir am Gesicht, aber auch sicher am Geruch und an der Art der Bewegungen. Wie interpretiert nun ein Affe ein Spiegelbild. Wie kann man solche Bilder interpretieren? Bildern speziell Götterbildern wurde früher eine magische Bedeutung zugeschrieben. Im Islam gibt es noch heute das Bilderverbot. Ich habe es selbst erlebt, dass gläubige Berberfrauen weggelaufen sind, als ich in Marokko ein Foto von ihnen machen wollte.

Eine ehemalige Kollegin, die mit einem indischen Moslem verheiratet ist, erzählte mir eines Tages, dass ihr Mann bei Gewitter die Spiegel mit Tüchern zuhängt. Das Haus, in dem sie wohnt, hat natürlich gemäß den deutschen Bauvorschriften einen Blitzableiter, aber dem traut ihr Mann wohl nicht ganz.

Bei einem Bild kann man leicht auf den Gedanken kommen, dass derjenige, der es erstellt hat, einen Teil der Persönlichkeit auf dieses Bild gebannt hat und nun über dieses Bild Macht über das Abgebildete ausübt.

Ein Affe sieht selbst nie sein eigenes Gesicht. Es ist nicht möglich ihm die physikalische Funktion eines Spiegels zu erklären. Dazu müsste er wissen, wie sich Licht ausbreitet, wie es reflektiert wird. Er müsste Licht als Lichtstrahlen begreifen. Die sieht er aber nicht. Selbst wenn er in der Wasseroberfläche sein Spiegelbild sieht, woher soll der Affe wissen, dass es sich hier nicht um eine Art Zauber handelt. Bei einem Spiegel könnte er z. B. vermuten, dass es sich hier um ein geheimnisvolles Ding handelt, das die eigenen Gedanken blitzschnell erfassen kann. Ein Ding, das immer die eigenen Bewegungen imitiert. Insofern halte ich die Spiegelversuche für wenig aussagekräftig bezüglich des Tier-Bewusstseins.

Das Bewusstsein hängt davon ab, was das Tier über sich selbst und seine Umwelt, über seine Sinneserfahrung wissen kann und wie es diese Erfahrungen dann interpretiert. Dass ein Bild auf der Netzhaut exakt abgebildet wird, besagt noch lange nicht, dass es auch in allen Einzelheiten von einem Tier in unserer Weise interpretiert wird. Wenn wir selbst analysieren, was uns von einem Bild im Gedächtnis geblieben ist, wird uns bewusst, wie wenig wir dieses Bild tatsächlich analysiert haben."

Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass das Bild, das ein Tier von seiner Umwelt wahrnimmt, unbewusst wahrgenommen wird und dann auch noch unbewusst Schlüsse daraus gezogen werden.  

Auf einen Aspekt wollte ich noch hinweisen, auf die altersmäßige Veränderung der Lernfähigkeit. Diese altersmäßige Veränderung, die uns etwa mit dem Erwachsen werden auch einen teilweisen Verlust der Merkfähigkeit beschert und dann noch mal im fortgeschrittenen Alter. Dieser Verlust des Merkvermögens und damit der Lernfähigkeit schreitet bei Tieren wesentlicher rascher voran. Tiere werden i. a. schnell Erwachsen. Das deutet darauf hin, dass der Sinn der Lernfähigkeit ursprünglich vielleicht nur in einer Anpassung an die Umwelt lag.

Mit freundlichen Grüßen
Dietrich Spreter von Kreudenstein


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