Die Dynamik der großen Organisationen


Von den Zeugen Jehovas hört man manchmal das Argument, dass Gott ihre Organisation besonders liebt, denn er lässt sie wachsen. Übersehen wird dabei, dass auch andere Organisationen in den letzten 50 Jahren stark gewachsen sind, und dass Organisationen, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben, sich ähnlich wie ein Organismus nach gewissen Gesetzmäßigkeiten weiterentwickeln.

Neben der genetischen Evolution gibt es bekanntlich auch eine kulturelle Evolution. Im Unterschied zur genetischen Evolution lässt sich diese Entwicklung jedoch lokal durch die Regeln, die wir uns geben, beeinflussen. Diese Regeln entfalten natürlich nur dort ihre Wirksamkeit, wo sie eingehalten werden.

Eine Organisation lebt solange, wie es ihr gelingt, immer wieder neue Mitglieder zu finden, und sie lebt solange genügend Gewinne erwirtschaftet werden, um die hauptamtlichen Mitglieder bezahlen zu können.

Jede große Organisation bemüht sich daher um die Werbung von Mitgliedern. Die christlichen Kirchen leisten sich dabei einen Werbeapparat, der den von Industrieunternehmen bei weitem übertrifft.

Um werbewirksam zu bleiben, bietet jede große Organisation ihren Mitgliedern Schutz (z. B. ein geregeltes Arbeitsverhältnis) und Hilfe (z. B. Bezahlung). Dies ist die soziale Komponente jeder großen Organisation. Auch kriminelle Vereinigungen haben eine solche soziale Komponente; denn sie bieten aus dem Gefängnis Entlassenen eine Arbeit an, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Die vereinigende Klammer jeder Organisation ist die gemeinsame Zielsetzung.

Gerade große Organisationen haben das Problem eine Vielzahl von Menschen, die aus unterschiedlichen Berufen kommen und auf einem unterschiedlichen Bildungsniveau sind, integrieren zu müssen. Bei vorgegebener Zielsetzung ist dies ein Hindernis, denn gleiche Meinungen lassen sich am leichtesten erzielen, wenn Menschen mit dem gleichen Wissensstand und den gleichen Interessen die gleichen Entscheidungshilfen (Informationen) erhalten.

Man braucht daher Multiplikatoren, die die Gedanken der obersten Führungsschicht in die Sprache anderer Bildungsschichten übersetzen. Jede große Organisation bemüht sich daher auch um die Schulung ihrer Mitglieder. Es wird jedoch im allgemeinen nur eine Spezialausbildung vermittelt, die den Bedürfnissen des Betriebes entspricht.

Keine große Organisation (über 1000 Mitglieder) kommt ohne hauptamtliche Mitarbeiter aus. Die Schlagkraft einer Organisation steigt mit der Zahl ihrer hauptamtlichen Mitarbeiter, denn nur hauptamtliche Mitarbeiter können gezwungen werden, eine bestimmte Leistung zu erbringen oder eine bestimmte Meinung zu vertreten. Natürlich kann man niemand auf Dauer zwingen, gegen seine eigene Überzeugung zu handeln. Eine kluge Führungsschicht wird sich daher stets darum bemühen, die Mitarbeiter zu motivieren. Zwangsmaßnahmen sind nur Notlösungen.

Während die meisten Organisationen ihren Angestellten eine gewisse geistige Freiheit lassen, fordern Kirchen von ihren Angestellten die freiwillige Aufgabe ihrer geistigen Freiheit. Kirchliche Repräsentanten müssen das verkünden, was religiöse Führer ihnen vorschreiben. Ähnliches gilt nur noch für manche politische Parteien und kriminelle Vereinigungen wie die Maffia. Zusätzlich verlangen Kirchen von Ihren Repräsentanten, dass sie ein Leben nach den Grundsätzen des Religionsgründers führen. Dies alles geschieht natürlich beim Eintritt in den kirchlichen Dienst freiwillig. Aber die wirtschaftliche Abhängigkeit setzt dann doch ähnliche Zwänge wie eine Ehe.

Große Organisationen streben immer nach staatlicher Macht. Die christlichen Kirchen machten da keine Ausnahme. Die Glaubwürdigkeit ihrer Lehre leidet jedoch, wenn sie staatliche Macht erhalten; denn die Schöpfer von Glaubenslehren haben nicht alle Konsequenzen ihrer Lehre bedacht. Meistens wird ein idealisiertes Verhalten aller Mitglieder der Gesellschaft vorausgesetzt. Mit der maßlosen Behauptung, dass ihre Lehre unfehlbar sei, machten die Religionsgründer eine Weiterentwicklung ihrer Lehre fast unmöglich. Die Kirchen waren seit jeher Institutionen deren Vertreter nur schwer zugeben können, dass sie sich geirrt haben. Es würde sonst offenbar werden, dass sie bei der Verkündung ihrer Leitsätze nicht von Gott inspiriert waren.

Wie lückenhaft die christliche Lehre ist, zeigt sich, wenn man sie im Wirtschaftsleben anwenden will. Unbeantwortet bleibt z. B. die Frage wie man eine Erfindung, die von einem einzelnen oder einer Gruppe gemacht wurde, angemessen honorieren soll und wer die Erfindung dann herstellen und verkaufen darf.

Gerade die Beantwortung dieser Frage bestimmt jedoch die wirtschaftlichc Entwicklung des einzelnen Industriebetriebs, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes.

Die momentane Praxis in vielen westlichen Industriestaaten, wonach eine Erfindung die ersten Jahre dem Erfinder, oder der Firma in der Erfinder arbeitet, gehört, ist sowohl für den Erfinder als au für den Industriebetrieb manchmal recht unbefriedigend. In großen Industriebetrieben kommt es gar nicht so selten vor, dass jahrelang ein Produkt zur Marktreife entwickelt wird, und wenn es dann endlich verkauft werden soll, hat die Konkurrenz ein besseres oder ein preiswerteres Produkt im Angebot. Dem Verlierer des Wettbewerbs bleibt dann gar nichts anderes übrig, als sich mit einer Lizenz erst einmal erpressen zu lassen, bis es ihm gelungen ist ein ähnliches, vielleicht sogar geringfügig besseres Produkt zu entwickeln. Die heutige Entwicklung auf des Arzneimittelmarkt zeigt, dass zwar auf diese Weise eine Fülle von Produkten entstehen, aber die meisten Produkte bestehen nur aus Abwandlungen einiger weniger Grundstoffe.

Eine Lösung dieses Problems wäre es z. B. Entwicklungskapazität landesweit oder gar weltweit in Entwicklungszentren zu konzentrieren. Jeder an diesem System angeschlossene Industriebetrieb müsste dann entsprechend seinem Umsatz einen Mindestbeitrag leisten und hätte entsprechend seinem Beitrag ein Mitspracherecht an zukünftigen Entwicklungen.

Aber auch andere Lösungen wären denkbar. So könnte der Staat ein Gesetz etwa mit folgendem Inhalt erlassen: "Wird ein Patent angemeldet, dann kann der Staat entscheiden, ob er dieses Patent kauft oder ob er es dem Erfinder überlässt, seine Erfindung zu vermarkten. Der Kaufpreis den der Staat an den Erfinder oder dessen Organisation zahlen muss, richtet sich nach den Entwicklungskosten. Eine Prämie für den Erfinder muss hierbei eingerechnet werden."

Der Vorteil solcher Regelungen wäre, dass sich technische Entwicklungen schneller als bisher durchsetzen würden.

Doch durch die Lösung eines einzelnen gesellschaftlichen Problems entstehen immer eine Reihe weiterer Probleme, die unbedingt gelöst werden müssen, sonst wird das Gesellschaftssystem instabil. Nur stabiles Gesellschaftssystem garantiert jedoch die Sicherheit und einen relativ hohen Lebensstandard derjenigen, die bereit sind zu arbeiten.

In diesem Fall entsteht z. B. das Problem, wer nun diese Erfindung herstellen und vermarkten darf, und wer garantiert, dass dieses Produkt mit einem minimalen Kostenaufwand hergestellt und zum einem annehmbaren Preis vertrieben wird.

Wenn man diesen Weg einschlägt, kommt man um eine gesamtwirtschaftliche Planung nicht herum.

Wer ein Gesellschaftssystem plant, sollte sich erst einmal vergegenwärtigen, wie Machtstrukturen entstehen und nach welch kurzer Zeit sie durch andere Machtstrukturen ersetzt werden.

In jeder größeren Gruppe bilden sich Machtzentren. Ursachen dafür sind z. B. die unterschiedliche Intelligenz der Individuen oder unterschiedliche Besitzverhältnisse innerhalb einer Gruppe.

Eine Diktatur entsteht nun, wenn es einem Einzelnen gelingt, um sich herum einen Personenkult aufzubauen. Er vergrößert so die Distanz innerhalb der Hierarchie. An der Spitze steht dann nicht mehr ein primus inter pares (ein Erster unter Gleichen), sondern ein Führer, ein Durchlaucht, eine Excellenz, ein Vorstand, Aufsichtsrat oder andere mit phantasievollen Namen versehene Personen. Solche Personen haben dann die Möglichkeit, sich per Gesetz absolute Macht zuschreiben zu lassen. Starke Persönlichkeiten sind zwar in jedem Gesellschaftssystem ein integrierender Faktor, aber zur Stabilitat tragen sie nur dann bei, wenn sie bereit sind, sich Gesetzen unterzuordnen, die dem Wohl aller dienen, und wenn sie ihre Kraft zum Wohl aller einsetzen. Solange die Macht des Einzelnen begrenzt bleibt, ist auch der Schaden, den der Einzelne anrichten kann, begrenzt.

Generell kann man sagen, dass derjenige zu Macht, Geld und einem großen persönlichen Besitzstand gelangt, dem es gelingt die Möglichkeiten eines Gesellschaftssystems optimal zu nutzen.

Solche Leute, die zu Gewinnern innerhalb des Gesellschaftssystems gehören, gibt es in jedem Gesellschaftssystem. Durch gesellschaftspolitische Maßnahmen kann man zwar die Zahl dieser Leute begrenzen, ein Staat, der jedoch versucht, solche Leute völlig auszuschalten, beraubt sich damit gleichzeitig derjenigen Leute, die durch ihre Intelligenz, durch anfänglichen Konsumverzicht, durch Bereitschaft zum Risiko und durch einen immensen Fleiß versuchen, in diesem System Veränderungen herbeizuführen. Dass dabei der eigene Nutzen im Vordergrund steht, muss nicht zwangsläufig zum Schaden anderer sein.

Ein Unternehmen, dass Konsumgüter oder Güter produziert, die die Wirtschaftsstruktur eine Landes verbessern, ist sicher auf die Dauer zum Nutzen aller, denn hier werden Werte geschaffen, die den Lebensstandard des Einzelnen verbessern. Vorausgesetzt wird natürlich, dass weder die Herstellungsprozesse, noch die Beseitigung der Güter, noch die Konsumgüter selbst Gesundheitsschäden verursachen.

Die in Propaganda-Schriften geäußerte Meinung, dass alle Unternehmer Ausbeuter sind, ist sicher genauso falsch wie die Behauptung, dass alle Funktionäre korrupt sind.

Wer sich seine Meinung aus solchen Vorurteilen und Verallgemeinerungen bildet muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Problem nur oberflächlich analysiert zu haben oder gar nur Schlagworte wiederholt oder verbreitet zu haben.

Man kann in jeder Berufsgruppe Idealisten und Verbrecher antreffen. Ich habe mir z. B. über mehrere Jahre hinweg Zeitungsausschnitte über Vergehen kirchlicher Würdenträger aufgehoben. Vom Bischof, der im Bordell gestorben ist, über Millonen-Diebstahl, bis zum rituellen Massenmord (Jim Jones) war alles dabei.

Wer die Gründung eines Unternehmens mit hierarchischer Struktur als Verbrechen ansieht, der übersieht großzügig, dass auch sozialistische Gesellschaftssysteme nicht ohne Hierarchie auskommen.

Einer der generellen Unterschiede ist freilich, dass sozialistische Führungskräfte ihren Posten und das Produktivvermögen, das sie verwalten, nicht vererben können.

Die Erbgesetze und die diesbezüglichen Traditionen eines Landes bestimmen seine wirtschaftliche und damit indirekt langfristig auch seine gesellschaftliche Entwicklung.

Die in vielen Staaten übliche Praxis, dass das Vermögen eines einzelnen unter der Nachkommenschaft aufgeteilt wird, begünstigt große Organisationen wie Kirchen, Aktiengesellschaften und politische Parteien.

In solchen Staaten bestehen Familienunternehmen nur selten länger als 200 Jahre. Vor allem kleinere Unternehmen gehen oft durch Erbschaftsstreit zugrunde. Häufig muss derjenige, der das Erbe übernimmt, Familienmitglieder auszahlen. Dem Unternehmen wird dadurch oft mehr Geld entzogen, als es verkraften kann. Die Erbschaftssteuer gibt dann dem Unternehmen den Rest. Oft ist auch derjenige, der als Unternehmersohn aufwächst, nicht für diesen Beruf qualifiziert und manchmal auch nicht am Unternehmerberuf interessiert.

Gewisse Überlebenschancen haben nur Familienunternehmen, bei denen der erste Patriarch durch eine Unternehmensverfassung sein Erbe geregelt hat.

Er kann z. B. verfügen, dass sein Unternehmen nicht veräußert werden darf. Das Unternehmen soll nach seinem Tod weiter bestehen bleiben und soll durch mehrere Treuhänder verwaltet werden. Der einzelne Treuhänder erhält nur begrenzte Vollmachten und ist verpflichtet Gewinn zu machen. Der Familienclan soll die Treuhänder (Pächter) kontrollieren und erhält dafür einen kleinen Prozentsatz des Gewinns. Der Prozentsatz muss dabei so gewählt werden, dass er niedriger ist als bei anders strukturierten Unternehmen . Der übrige Gewinn muss investiert werden. Wenn das Unternehmen keinen Gewinn abwirft und auch sonst in keiner Weise wächst, darf der Familienclan die Verwalter seines Eigentums entlassen; denn entweder haben seine Verwalter zu viel in die eigene Tasche gewirtschaftet, oder sie waren unfähig, oder sie haben sie sich auf Leute gestützt, die ihren Preis nicht wert waren.

Dieser simple Satz gilt, solange es andere Unternehmen der gleichen Branche gibt, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen noch Gewinne erzielen.

Allerdings wird der Familienclan von den weniger privilegierten Gesellschaftsschichten immer als Schmarotzer des Systems betrachtet, denn sein Beitrag zum Wachstum des Unternehmens beschränkt sich im wesentlichen auf Kontrollfunktionen und die Wahl von vertrauenswürdigen und fähigen Treuhändern. Vor allem gibt es in diesem System keine Obergrenze für die Gehälter der Treuhänder und der Kontrolleure. Ihr Gehalt richtet sich nach der Leistungsfähigkeit des Unternehmens und nach den Gehältern, die die Konkurrenz zahlt. Das Unternehmen wird so zur Kuh, die es optimal zu melken gilt.

Man muss also Obergrenzen für die Gehälter der Führungskräfte festsetzen. Eine Lösung ist, die Gehälter der jeweils nächst höheren Hierarchiestufe an der Hierarchiestufe darunter zu bemessen. Das Eineinhalbfache Gehalt der nächst niedrigeren Hierarchiestufe sollte reichen.

Die Lebenszeit eines solchen Unternehmens geht dann ihrem Ende entgegen, wenn der Familienclan, aus welchen Gründen auch immer, beschließt, das Unternehmen in Bargeld umzusetzen. Folgender Weg wäre z. B. denkbar: Man gründet eine Firma, die Waren zu stark überhöhten Preisen an das Unternehmen liefert und gleichzeitig Güter des Unternehmens zu niedrigen Preisen kauft und zum Marktpreis verkauft. Den Managern der Firma wird für ihr Wohlverhalten eine großzügige Abfindung zugesagt.

Auch wenn es nicht die Absicht des Firmengründers war, dass sein Lebenswerk von seinen Nachkommen verspielt wird, so hat er doch durch die Art seines Kontrollsystems selbst dazu beigetragen.

Ein Unternehmen hat nur dann eine lange Lebensdauer, wenn sowohl die Kontrolleure als auch die Manager in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind, wenn das Unternehmen aus irgendeinem Grund aufgelöst wird, und wenn weder die Kontrolleure noch die Manager am Konkurs eines Unternehmens verdienen. Sowohl die Kontrolleure als auch die Manager müssen daher ihren Lebensunterhalt im Unternehmen verdienen.

Kontrolleure aus betriebsfremden Organisationen sind hier meist keine Hilfe, denn sie sorgen sich in erster Linie um das Wachstum ihrer Organisationen.

Die Kontrolleure sollten nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Mitarbeiter aus allen Bereichen eines Unternehmens sein. Die zufällige Auswahl soll sicherstellen, dass keine Vereinigungen die Kontrollfunktionen und die Führungsmannschaft auf Dauer in ihre Gewalt bringen. Diese stellen dann für eine begrenzte Zeit (5 Jahre) die ethische Kontrollinstanz dar. Sie werden nach dem gleichen Gehalt entlohnt, das sie vor ihrem Eintritt in die Kontrollkommision verdient haben. Nach ihrem Ausscheiden aus der Kontrollkommission müssen sie beruflich nachqualifiziert werden. Heute ist in Gottesstaaten oder Statten mit einer stark religiös motivierten Gesellschaftsschicht die Kirche diese ethische Kontrollinstanz. In demokratischen Staaten sollten es die Parteien sein.  Die Erfahrung zeigt jedoch, dass auch hier gesellschaftliche Gruppen sich bereichern. Kirchen sichern dabei ihre Privilegien über Staatverträge, Parteien durch die Parteienfinanzierung des Staates und indem sie als Abgeordnete selbst ihr Gehalt festsetzen.

Jeweils drei Führungskräften sollte ein Kontrolleur gegenüberstehen. Die Kontrolle sollte nicht personenbezogen, sondern sachbezogen und anonym über die ausgewiesenen Geschäftsdaten erfolgen. Etwa alle halbe Jahre sollen die Kontrolleure ihre Arbeit untereinander neu verteilen, damit sich nicht Cliquen bilden, deren Mitglieder sich darauf einigen, dass keiner den anderen daran hindert, sich persönlich zu bereichern. dass hierbei einem Handwerker nicht die Kontrolle eines Kaufmanns übertragen wird, versteht sich von selbst. Die Kontrolleure müssen soweit möglich für ihre Tätigkeit geschult werden.

Die Kontrolleure sollten Einsicht in sämtliche Geschäftsunterlagen haben und sollten die Kontostände des Unternehmens abfragen können. Barabhebungen und größere Abbuchungen von den Konten des Unternehmens müssen von den Kontrolleuren genehmigt werden. Die Kontrolleure bestimmen die Gehälter der obersten und der nächst niedrigeren Hierarchiestufe. Sie können jedoch nicht die Gehälter von Mitarbeitern und auch nicht ihre eigenen Gehälter bestimmen, denn sonst würden dem Unternehmen unter Umständen zu hohe Geldbeträge für Lohnzahlungen abverlangt.

Die Kontrolleure können mit 2/3 Mehrheit Manager degradieren oder entlassen, wenn der begründete Verdacht besteht, dass Gelder veruntreut wurden oder falls die Unternehmenspolitik zur Entlassung von arbeitswilligen Mitarbeitern führte. Die Arbeitnehmer müssen es sich allerdings gefallen lassen, dass notwendige Umstrukturierungsmalnahmen durchgeführt werden. Sie müssen auch zu einer Umschulung bereit sein. Selbstverständlich dürfen Manager, die von den Kontrolleuren abgelehnt wurden, nicht neu gewählt werden. Bei der Neuwahl von Managern haben die Kontrolleure jedoch keinen Einfluss.

Leitende Angestellte werden folgendermaßen gewählt. Aus dem Kreis der leitenden Angestellten, vom einfachen Gruppenführer aufwärts, wird durch zufällige Auswahl ein Wahlmännergremium gebildet. Die Zahl der Wahlmänner sollte einen repräsentativen Querschnitt der leitenden Angestellten des Betriebes darstellen (etwa 5% bis 10% der leitenden Angestellten). Dabei muss es für etwa zehn Mitarbeiter, mindestens aber für zwanzig Mitarbeiter, einen Gruppenführer geben.

Ein Teil der Personalabteilung des Unternehmens, und zwar alle Personen die Einsicht in die Personalakten haben, stellt das zweite Wahlmännergremium dar.

Steht nun die Wahl von leitenden Angestellten an, so können abwechselnd beide Wahlmännergremien einen leitenden Angestellten ernennen. Dabei muss das Wahlmännergremium der Personalabteilung seine Entscheidung mit den fachlichen Qualifikation des Kandidaten begründen. Das Wahlmännergremium der leitenden Angestellten wählt seinen Kandidaten mit einfacher Mehrheit. Ein leitender Angestellter kann vom Wahlmännergremium der leitenden Angestellten mit einfacher Mehrheit degradiert werden, wenn er unfähig ist oder von der Belegschaft abgelehnt wird.

Ein degradierter leitender Angestellter kann ein Wahlverfahren verlangen, bei dem die Belegschaft darüber abstimmt, ob er wieder in sein Amt berufen werden soll.

Falls die Mehrheit der Kontrolleure den Eindruck hat, dass die Wahl der leitenden Angestellten nicht nach fachlichen Gesichtspunkten erfolgte, kann ebenfalls ein Wahlverfahren, bei dem die Belegschaft abstimmt, verlangt werden.

Ansonsten kann ein leitender Angestellter ca 15 Jahre, maximal jedoch 20 Jahre, in Amt bleiben. Länger als 20 Jahre sollte eine Führungskraft nicht im Amt bleiben, da in dieser Zeit eine neue Generation mit neuen Zielen und Wünschen herangewachsen ist. Außerdem schwindet die Autorität jeder Führungskraft mit der Zeit. Geringere Autorität bedeutet jedoch geringere Arbeitsdisziplin und damit auch geringere Produktivität.

Bevor jemand in der Hierarchie aufsteigen kann, muss er dem Betrieb mindestens 10 Jahre als einfacher Angestellter oder Arbeiter gedient haben.

Alle zwei Jahre wird die Hälfte des Wahlmännergremium der leitende Angestellten neu bestimmt. Ebenso wird die Hälfte der Kontrolleure neu bestimmt.

Beide Gremien, die leitenden Angestellten und die Kontrolleure, tagen jeweils einmal im Monat. Die Entscheidungen werden dabei in kleinen Gruppen (kleiner 10 Personen) vorbereitet und von einem Sprecher im großen Kreis vorgetragen. Findet der Vorschlag im großen Kreis bei den anderen Teilnehmern auf Anhieb eine Mehrheit von 80% so ist der Vorschlag angenommen. Entscheiden sich mehr als 20% für den Vorschlag, so wird der Vorschlag in allen kleinen Gruppen noch mal diskutiert. Wird der Vorschlag bei der nächsten Sitzung von den anderen Teilnehmern mit einfacher Mehrheit angenommen, so wird die beschlossen Maßnahme durchgeführt. Die Gruppe, die den Vorschlag einbringt, hat bei der Abstimmung über den eigenen Vorschlag kein Stimmrecht.

Das größte Hindernis bei der Entscheidungsfindung sind Leute, die zu wenige oder gar keine sachlich begründeten Argumente vorbringen, Leute, die aus rein egoistischen Motiven sachlich begründete Argument nicht akzeptieren, oder Leute, die sich selbst gerne reden hören. Für manche, die in eine Verhandlung gehen, steht nicht die Problemlösung im Vordergrund, sondern sie sehen es als persönlichen Erfolg, wenn sie ihr Konzept durchgesetzt haben.

Um in einen angemessenen Zeitraum zu Entscheidungen zu kommen, ist es daher notwendig, solche Leute in einer Gruppe kalt zu stellen. Da es solche Leute in fast jeder Gruppe gibt, andererseits aber kaum jemand offen wagt einen anderen Teilnehmer anzugreifen, muss es jedes halbe Jahr eine geheime Abstimmung geben, bei der jedes Gruppenmitglied einen Namen auf einen Zettel schreibt (Phantasiename=Stimmenthaltung). Entscheiden sich 3/4 der Gruppe gegen eine Person, so nimmt diese Person das nächste halbe Jahr nicht mehr am Entscheidungsprozess teil.

Der Wert einer Arbeit ist nicht immer objektiv messbar, und wenn er messbar ist, ist er manchmal nicht bezahlbar.

Um Mindestlöhne (Einstellgehälter) für einzelne Berufe festzusetzen zu können, braucht man daher eine unparteiische und unbestechliche Gruppe, die sowohl vom Wachstum der Organisation als auch von den Löhnen prozentual profitiert. Einer solchen Gruppe könnten in einem Gesellschaftssystem auch gesetzgebende Vollmachten übertragen werden, wobei sie hier von Juristen beraten werden müsste. Eine solche Gruppe sind z. B. kinderlose Rentner, wenn die Rente nach folgendem System bezahlt wird:

Jeder Arbeitnehmer zahlt einen bestimmten festen Betrag an eine Versicherung, die den Rentnern wiederum einen bestimmten Betrag auszahlt. Darüber hinaus sichert diese Versicherung, im Falle eines Bankrotts eines Betriebes, den Arbeitnehmern ein Existenzminimum.

Daneben zahlt jeder Arbeitnehmer einen bestimmten Prozentsatz seines Gehalts in eine Pensionskasse.

So setzt sich die Rente aus zwei Beträgen zusammen.

Das Rentnerparlament setzt nun nach den vorhin beschriebenen demokratischen Regeln die Mindestlöhne fest. Es wird sich allerdings bei den Löhnen einer Berufsgruppe an dem Landesmarktwert dieser Gruppe orientieren müssen. Bei offenen Grenzen muss es sich sogar am internationalen Marktwert der einzelnen Berufsgruppen orientieren, sonst riskiert es, dass Arbeitnehmer in großer Zahl abwandern, womit sich auch die Zahl derjenigen verringert, die in die Pensionskassen des Unternehmens einzahlen.

Nun arbeitet einmal im Jahr die oberste Führungsschicht eines Unternehmens einen Investitionsplan aus und legt danach die Lohnsumme fest. Dieser Vorschlag wird dem Rentnerparlament erläutert. Das Rentnerparlament kann nun diese Lohnsumme um bis zu 5% verändern. Macht das Unternehmen Verluste, dann gilt im nächsten Jahr der Investitionsplan der obersten Führungsschicht, denn die Führungsschicht bürgt mit ihrer gesellschaftlichen Stellung dafür, dass Gewinne für zukünftige Investitionen erwirtschaftet werden und dass damit der Bestand des Unternehmens gesichert wird.

Einen kleinen Nachteil hat dieses cyclische Kontrollsystem allerdings. Es ist teurer als ein gut geführtes hierarisches Kontrollsystem. Für kleine Organisationen ist es zu aufwendig. Dafür ist ein Missbrauch der Macht weitgehend ausgeschlossen. Bei längerem Einsatz dieses Kontrollsystems besteht die Gefahr, dass man es nicht mehr so genau nimmt mit der lästigen Kontrolle; denn nach einigen Jahren sehen die Kontrolleure, dass kaum Beanstandungen zu verzeichnen sind. Man redet sich dann ein, dass man das ganze Unternehmen auch mit Computern schneller und billiger kontrollieren kann. Computer sind dabei sicher eine gute Hilfe. Aber noch ist ein Computer kein frei bewegliches denkendes Wesen. Er kann z. B. nicht erkennen, ob hier nur ein Lieferschein ohne die Ware geliefert wurde, oder ob der Wert der Ware auch seinem Marktwert entspricht, oder ob vielleicht im Unternehmen einige fiktive Abteilungen existieren.

Da es trotz aller Kantrollgremien niemals ausgeschlossen werden kann, dass einzelne Betriebe eines Unternehmens aufgelöst werden müssen, und, dass einzelne Arbeitnehmer dann vorübergehend nicht beschäftigt werden können, muss man dafür sorgen, dass auch neue Unternehmen entstehen.

Wenn nun in einem Gesellschaftssystem das Produktivvermögen nicht mehr vererbt werden darf, und es verboten ist, durch Verpachtung bestimmter Werte, größere Geldmengen aufzuhäufen, dann verfügt der einzelne nur noch über verhältnismäßig geringe Geldbeträge. In einem solchen Gesellschaftssystem muss das Startkapital für einen neuen Betrieb entweder aus den Rücklagen des Unternehmens oder von einer unabhängigen Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden. Es ist daher notwendig, dass entweder von den Arbeitnehmern oder von den Betrieben ein gewisser Prozentsatz der Lohnsumme für solche Fälle einbehalten wird. Mit diesem Geld lässt sich auch das Wachstum der Organisation steuern.

In einem Gesellschaftssystem, das leitenden Angestellten nur verhältnismäßig geringe finanzielle Anreize bietet, muss die Initiative und der Fortschritt von Idealisten ausgehen. Solche Idealisten gibt es in jedem Gesellschaftssystem. Das hier vorgeschlagene Auswahlsystem soll auch ein wenig in dieser Richtung wirken.

In vielen der heute existierenden Gesellschaftssysteme sind Risikobereitschaft, Skrupellosigkeit und Ideenreichtum der Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg. Skrupellosigkeit und allzu große Risikobereitschaft bei Führungskräften destabilisieren jedoch ein Gesellschaftssystem.

Um einem Missbrauch der Macht vorzubeugen, wird daher für die Auswahl von Unternehmensgründern folgendes Verfahren vorgeschlagen.

Aus dem Kreis der Bewerber, die einen neuen Unternehmenszweig gründe wollen, werden von der obersten Führungsspitze (oberste und nächst niedrigere Hierarchiestufe) nun jene in die engere Wahl genommen, die Produkte oder Dienstleistungen anbieten wollen, die den Menschen eine höheren Lebensstandard ermöglichen. Bei einer weiteren Wahl entscheidet dann das Los.

Einen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung des Lebensstandards und der Lebensqualität leisten z. B. Bauunternehmen, Unternehmen, die Nahrungsmittel herstellen, umweltfreundliche Energieversorgungsunternehmen, Unternehmen, die die Infrastruktur einer Region verbessern und Unternehmen, die die Kommunikation verbessern.

Hier wird klar, dass Kirchen, abgesehen von ihrem sozialen Engagement kaum einen Beitrag zur Erhöhung des Lebensstandards leisten, denn Kirchen betätigen sich momentan im wesentlichen als Propaganda-Organisationen. Wenn mehrere Kirchen mit gegensätzlichen Lehren in einem Staat auftreten, so kann dies zu Machtkämpfen führen.

Kirchen argumentieren meist nicht auf sachlich fundierter Grundlage, sondern sprechen Emotionen an. Gerade kleine religiöse Gruppen verstehen es ein elitäres Bewusstsein zu erzeugen und kleine Gruppen zu fanatischen Kämpfern heranzubilden. Ein solches elitäres Bewusstsein, das sich auch bei vielen Nationalisten findet, führt irgendwann zum Krieg.

Bewerber, die kirchliche, politische oder kriminelle Organisationen gründen wollen, sind daher abzulehnen.

Bei politischen Gruppierungen muss man allerdings zwischen Volksbewegungen (überwiegend ehrenamtlich geführte Organisationen) und Propaganda-Organisationen (von Wirtschaftskapitänen finanzierte Sprachrohre) unterscheiden.

Hilfsorganisationen müssen nachweislich mindestens 90% der Mittel, die ihnen zufließen Hilfsbedürftigen zukommen lassen. Die Hilfsbedürftigkeit muss von unabhängigen Gremien festgestellt worden sein.

Würden die Kirchen heute an diesem Malstab gemessen, so würde man feststellen, dass viele der Kirchen keine reinen Hilfsorganisationen sind. Nach einer Bilanz der evangelischen Kirche aus dem Jahre 1976 wurde etwa 38% der Einnahmen der Landeskirche zur Bezahlung der 1520 Pfarrer und der 800 Katecheten, sowie für deren Ausbildung, aufgewendet. Bei anderen Kirchen wird häufig nach dem Grundsatz verfahren, dass man nicht über Einnahmen spricht, sondern nur über jenen Teil der Ausgaben, der gemeinnützigen Zwecken zufließt.

Die Meinungsbildung über Moral, Gesetz und Ideale sollte von unabhängigen Schriftstellern und einer freien Presse bestimmt werden Von der Führungsschicht des Presseverbands dürfen nur Beiträge unterdrückt werden, die einen Sachverhalt falsch darstellen (z. B. durch Weglassen wesentlicher Argumente), oder Beiträge, die destruktiv sind und lediglich dazu dienen, das Unternehmen zu spalten. Völlige Freiheit könnte zur Anarchie führen. Allzu große Toleranz gibt Fanatikern die Möglichkeit ihre Ideen durchzusetzen. Das kann auch auf Irrwege führen. Wer jedoch in einem Gesellschaftssystem jede Kritik unterdrückt, der verhindert eine Weiterentwicklung des Gesellschaftssystems. Solche Gesellschaftssysteme ersticken dann meist an der Korruption, denn sie besitzen keine inneren Abwehrkräfte mehr.

Die Startgröße eines neuen Unternehmenszweigs sollte bei etwa 60 Mitarbeitern liegen. Es gibt zwar heute Unternehmen, die weniger als 10 Mitarbeiter beschäftigen, aber solche Unternehmen sind bereits durch den Ausfall von ein oder zwei Mitarbeitern extrem gefährdet, wenn die Funktion dieser Mitarbeiter nicht von anderen Mitarbeitern ersetzt werden kann. Gefährdet sind solche Unternehmen auch oft durch ihre Monostruktur. Häufig wird nur ein Produkt oder eine Dienstleistung angeboten. Die Zahl der Abnehmer ist meist klein.

Damit solche Organisationen nicht wie Krebsgeschwüre das Land überdecken, sondern ein Organismus bleiben, muss sich eine solche neu gegründete Organisation loyal gegenüber anderen Organisationen mit dieser Organisationsform verhalten. D. h. sie darf ihre Produkte oder Dienstleistungen nur maximal 5% über dem Selbstkostenpreis anbieten, denn die Gewinne des einen sind die Verluste des anderen. Bei der Berechnung des Selbstkostenpreises für ein Serienprodukt müssen natürlich die Entwicklungskosten und die voraussichtliche Größe der Serie berücksichtigt werden. Verluste, die bei anderen Produkten aufgetreten sind, dürfen nur zur Hälfte auf den Preis für gängige Produkte umgelegt werden. Die andere Hälfte muss der Betrieb selbst tragen. Der Gewinn dient auch als Gradmesser für die Akzeptanz der Produkte oder Dienstleistungen.

Je größer nun eine solche Organisation wird, desto größer sind auch ihre inneren und äußeren Feinde. Große Systeme neigen zur Instabilität. Es müssen daher ständig Maßnahmen ergriffen werden (z. B. Gesetze erlassen werden), um sie zu stabilisieren.

Stabilisierende Malnahmen sind alle Malnahmen des Gesetzgebers oder anderer Führungsgremien, die verhindern, dass es in einem Gesellschaftssystem eine zu große Anzahl von Menschen gibt, die, außer ihrem Leben, nichts mehr zu verlieren haben, deren Existenz bedroht ist. Eine Führungskraft lebt gefährlich, wenn sich die Leute, die sie unterstützen, in ihrer Existenz bedroht sehen.

Man erinnere sich daran, dass der Kaiser Nero, aber auch Indira Ghandi von ihrer eigenen Leibwache ermordet wurden. Man erinnere sich, dass Robbespierre den Tod seines Mitstreiters Danton nur um eine halbe Stunde überlebt hat. Auch auf Hitler wurden mehrere Mordanschläge verübt.

Eine solche Führungskraft hat dann nicht nur jene Verrückten gegen sich, die den größten Baum fällen möchten, sondern Leute aus der engster Umgebung.

Je mehr Leute es in einem Gesellschaftssystem gibt, die nichts mehr zu verlieren haben, desto gefährlicher lebt die Führungsschicht und desto lauter wird der Ruf nach dem starken Mann aus dem Volk. Das sind Alarmzeichen dafür, dass die stabilisierenden Malnahmen in einem Gesellschaftssystem nicht ausreichen.

Der finanzielle Freiraum und die Freizeit desjenigen, der in der Hierarchie an unterster Stelle steht, muss wenigstens so groß sein, dass er auch noch die Möglichkeit hat, auf kleinem Raum seine Welt zu gestalten.

Die Freiheit des einzelnen wird daran gemessen, wie weit er seine Umwelt in seinen Sinne verändern oder beeinflussen kann.

Man möchte nun glauben, dass diese Freiheit in der Wildnis am größten sein müsste. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, denn in der Wildnis müssen wir einen wesentlich größeren Teil unserer Zeit aufwenden, um unseren Lebensunterhalt zu sichern.

In einer Gesellschaft, in der eine Arbeitsteilung organisiert ist, hat man viel mehr Möglichkeiten eigene Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen. Auch wenn man in der Hierarchie ganz unten steht, kann man durch den Beitritt zu Vereinen, durch Übernahme von Ehrenämtern in seiner engsten Umgebung einiges bewirken. So gesehen hat George Orwell recht, wenn er sagt: "Freiheit ist Sklaverei".

Der Einfluss, den der einzelne auf seine Umgebung ausübt, bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf sein eigenes Leben. Das Sprichwort "es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt" könnte man auch umkehren und sagen: "Wer in Frieden leben will, sollte auch die Wünsche und Bedürfnisse seines Nachbarn nicht vergessen." Jeder sollte daher seine Kraft zum Wohle aller einsetzen.

Wenn in vielen demokratischen Systemen heute ein hohes Maß an Stabilität erreicht worden ist, so ist es dennoch falsch zu glauben dass diese Gesellschaftssystems nun für alle Zeiten stabil sind und es daher keiner Verfassungsänderung mehr bedarf.

In vielen Staaten gibt es ein Gesetzeswerk zu Gunsten der Unternehmer. Ein Unternehmer kann z. B. "sein" Unternehmen verkaufen. Das Unternehmen wurde aber im Laufe der Jahre von den Mitarbeitern durch ihre Arbeit geschaffen. Gekauft wird das Unternehmen im allgemeinen durch andere Unternehmen mit dem Geld, das dort von den Mitarbeitern erwirtschaftet wurde. Dem einzelnen Unternehmer stehen durch den Verkauf "seines" Unternehmens riesige Mittel zur Verfügung, die er nicht mehr zweckgebunden verwenden muss. Angeregt wird dadurch nur die Produktion von Luxusgütern für einen einzelnen.

In Großbetrieben oder Staatsunternehmen kann man häufig beobachten, dass sich der einzelne Funktionär eine Hausmacht, nach Art der Fürsten des Mittelalters schafft, um in diesem System seine Stellung zu halten. Bei einem Machtwechsel an der Spitze kann man dann beobachten, dass auf einmal eine ganze Reihe von Funktionären andere Aufgaben erhalten oder entlassen werden.

In Demokratien, wo die Spitze alle vier oder fünf Jahre neu gewählt wird, muss der einzelne Berufspolitiker in dieser Zeit versuchen seine Existenz zu sichern, denn ausgediente Politiker haben nur im Staatsdienst oder als Unternehmer die Möglichkeit eines Neubeginns. Wenn sie aus einem Industrieunternehmen kommen, so ist ihre Planstelle längst neu besetzt und sie müssten dann wieder ganz unten anfangen. So bleiben für den Berufspolitiker nur wenige Alternativen. Er kann z. B. Prestigeobjekte vorantreiben, um seine Popularität zu erhöhen, oder er übernimmt zusätzliche Aufsichtsratsposten und Beraterverträge, die ihm von Unternehmen angeboten werden. Als Gegenleistung wird natürlich ein Wohlverhalten bei bestimmten Abstimmungen erwartet.

Die von Parteifürsten häufig verordnete namentliche Abstimmung oder Abstimmung durch Handzeichen macht den einzelnen Politiker erpressbar.

Die Tatsache, dass es viele Leute gibt, die nur von ihren Zinseinnahmen leben, macht jedem bewusst, dass er hier nicht in einer Leistungsgesellschaft lebt.

Der Marktwert des Geldes wird in vielen Staaten frei ausgehandelt. Dieses Marktprinzip funktioniert allerdings nur dann, wenn der Verkäufer seine Ware an den Mann bringen will. Wenn sich das Geld in der Hand weniger Banken und Privatleute befindet und diese einen möglichst hohen Gewinn erzielen wollen, ist es für diese Leute günstiger zu warten, d. h. die Zinssätze zu erhöhen und bestimmte teuere, lebensnotwendige Güter, wie z. B. Wohnungen knapp zu halten. Der Preis für das Geld reguliert sich so an der Grenze des gerade noch tragbaren. Viele Arbeitnehmer müssen heute ihr ganzes Arbeitsleben lang ihre Wohnung abbezahlen. Bei einem Zinssatz von 9% für ein Hypothekendarlehen (bei 100% Auszahlung) zahlt man im Laufe der Jahre das 2 1/2 fache dessen zurück, was man erhalten hat.

Lebensnotwendige Güter, die sich nicht vermehren lassen, wie z. B. Grund und Boden, müssen daher rationiert werden, sonst kommt es, wie in der Vergangenheit in gewissen Zeitabständen zu gewaltsamen Umverteilungsprozessen. In den letzten Jahrhunderten endeten solche Umverteilungsprozesse nicht selten mit der völligen Vernichtung einzelner Völker. Die Weltgeschichte war bisher eine Folge von kriegerischen Perioden der Umverteilung und Perioden der Machtkonzentration.

In streng hierarchischen Systemen, ohne Kontrolle durch die Basis, führt eine Machtkonzentration fast immer dazu, dass solche Systeme inhuman werden. Die ursprünglichen Ziele dieser Systeme sind dann schnell vergessen, entstellt vom Ehrgeiz und der Maßlosigkeit der Potentaten. Diese Systeme gleichen dann einem Raubtier. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um eine Handelsorganisation, eine politische Organisation oder eine kirchliche Organisation handelt. Man denke nur an die Zeit der Inquisition.

Eine Rationierung des Bodens ist natürlich nur dann durchsetzbar, Wenn auch die Bevölkerungsdichte nicht zu stark ansteigt, denn sonst bleibt kein Grund und Boden für die landwirtschaftliche und industrielle Nutzung übrig. In vielen industrialisierten Staaten ist das Problem des Bevölkerungswachstums heute weitgehend dadurch gelöst, dass man eine staatliche Altersversorgung eingerichtet hat, und dass man Doppelverdienern einen wesentlich höheren Lebensstandard ermöglicht hat. Die Entwicklungsländer sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Der niedrige Lebensstandard in vielen dieser Länder ist zum Teil verursacht durch die mangelhafte staatliche Organisation in diesen Ländern.

Die Hoffnung vieler dieser .Staaten, dass ausländische Unternehmer ihre Probleme beseitigen, erweist sich häufig als Fehleinschätzung. Die Unternehmen, die sich dann einnisten, sind oft Unternehmen, die in erster Linie wegen des niedrigen Lohnniveaus, der Ausbeutung von Bodenschätzen oder zur Ausnutzung der mangelhaften staatlichen Organisation ihr Geld investieren. Meist sind es keine Wohltäter der Menschheit, die dem Ruf der Entwicklungsländer folgen, und so kommt es dann, dass in vielen dieser Staaten heute Mohn (das Ausgangsprodukt für Opiate) statt Weizen oder Mais angebaut wird. Solche Staaten sind dann der Nährboden für kriminelle Organisationen und tragen dadurch zur Destabilisierung anderer Staaten bei.

Die Begrenzung von asozialen und kriminellen Elementen ist eines der Ziele jedes Gesellschaftssystems. Dabei ist es gar nicht so leicht zwischen Asozialen und Kriminellen eine klare Grenze zu ziehen. Ein wenig asozial sind wir wohl alle. Jeder, der Auto fährt, weiß, dass überhöhte Geschwindigkeit eine der häufigsten Unfallursachen ist. Trotzdem werden Geschwindigkeitsbeschränkungen in den Städten häufig ignoriert. Die hier aufgestellten generellen Regeln unterscheiden ja auch nicht zwischen einer breiten gut ausgebauten Straße und einer engen unübersichtlichen Nebenstraße. Das eigene Urteilsvermögen schätzt man immer höher, als die von einer Minderheit von Bürokraten ausgearbeiteten Gesetze. Das genügt uns als Rechtfertigung und so treten wir auf das Gaspedal und blasen unsere Abgaswolke aus dem Auspuff. Mit einen Drittel ist unser geliebtes Auto an der Umweltverschmutzung der Luft beteiligt und das macht das Leben an den Hauptverkehrsstraßen unerträglich. Aber man braucht es ja, das Auto. Wie soll man sonst am Wochenende ins Grüne kommen oder zum Einkaufen in einen der Großmärkte.

Sollen doch die Autofirmen umweltfreundliche Autos bauen. Es sind immer die anderen, die wir auffordern doch endlich etwas zu unternehmen. Die Schuldigen sind immer die anderen. Manchmal hat man den Eindruck, dass wir in einer Welt leben, in der jeder seine Gesundheit und die der anderen ruiniert, so gut er kann. Und noch gibt es genügend Leute, die uns für Geld jeden Wunsch von den Augen ablesen. Zum Einschlafen gibts ein Schlafmittel, zur Unterhaltung Alkohol, nach dem Essen eine Zigarette und - nicht zu vergessen - ein Abführmittel. Wir haben die Welt gepflastert und zubetoniert. Wir lieben es, auf einem dressierten Rasen spazieren zu gehen und alles um uns herum unserem Willen zu unterwerfen. Wir leben in einer Welt voller Egoismus. Man muss ja schließlich sehen, wo man bleibt. Was kümmern uns die Probleme der Anderen, auch wenn es vielleicht die gleichen Probleme sind.  Wo kämen wir denn hin, wenn wir unsere knapp bemessene Zeit auch noch dafür einsetzen würden. Wer zahlt denn das?

Glauben Sie immer noch, dass Sie zu jenem kleinen Häuflein guter Menschen gehören? - Ja? - Dann möchte ich nichts mit Ihnen zu tun haben; denn Leute, die so von sich selbst überzeugt sind, glauben auch dann nach "DAS RICHTIGE" tun zu müssen, wenn alle anderen davor zurückschrecken.

Ein wenig asozial und ein wenig gleichgültig sind wir alle. Aber wir sind doch keine Kriminellen. Etwas übermütig vielleicht. Es ist ja immer leichter etwas zu zerstören, als etwas aufzubauen. Aber die meisten von uns verdienen sich doch auf redliche Art ihren Lebensunterhalt, und die wirklichen Gesetzesbrecher werden von uns isoliert.

Der Idealzustand ist erst dann erreicht, wenn der Arm des Gesetzes auch jene erreicht, die Macht über uns ausüben können. In vielen Staaten nimmt heute die Bandenkriminalität und die Wirtschaftskriminalität zu. Die Ursachen dafür liegen in der Gesetzgebung.

Die Vorraussetzung für die ,Bildung einer kriminellen Vereinigung ist der persönliche Kontakt zwischen Ausgestoßenen. Auch ein sozialer Strafvollzug muss daher auf Einzelhaft für vorübergehend Inhaftierte bestehen. Begünstigt werden kriminelle Vereinigungen auch durch ein zu stark differenziertes Strafmaß für einzelne Vergehen. Der Prozentsatz der Leute die durch geringe Haftstrafen als Kriminelle gebrandmarkt sind und sich in Freiheit befinden, steigt dann an, und so kommt es dann, dass Stadtviertel mit billigen Mieten zu kriminellen Bezirken werden. Dies führt dann ebenfalls zur Bildung von kriminellen Vereinigungen.

Besser wäre es, für geringe Vergehen Geldbußen zu verhängen. Erst bei dreimaliger Wiederholung von mittelschweren Vergehen (z. B. Eigentums-Delikte, vorsätzliche Körperverletzung) sollte der Betreffende in lebenslange (d. h. bis zum natürlichen Tod) Sicherheitsverwahrung genommen werden. Ebenso sollte bei eindeutig nachgewiesenem Mord lebenslange Sicherheitsverwahrung angeordnet werden. Auch in der Sicherheitsverwahrung muss sich jeder seinen Lebensunterhalt selbst ,verdienen.

Zur Aufklärung von Verbrechen trägt auch ein Gesetz bei, das Kronzeugen Straffreiheit zusichert. Leute, die sich von anderen zu Kriminellen Taten hinreißen lassen, sind in Staaten, wo es keinen Kronzeugen-Paragraphen gibt, für weitere Straftaten erpressbar.

Mit solchen und ähnlichen Maßnahmen würde auch verhindert, dass das Gefängnispersonal durch in Freiheit lebende Mitglieder krimineller Banden erprelt wird.

Die Kriminalität wird man jedoch durch kein Gesetzeswerk und keine noch so ausgeklügelte Überwachung beseitigen können. Auch durch gesellschaftliche Malnahmen - z. B. Erziehung von Kindern in Gruppen von etwa 5 bis 10 Kindern, damit sie soziales Verhalten erlernen - kann man die Kriminalität nur begrenzen. Übrig bleiben dann immer noch jene krankhaften Triebverbrecher und jene Kurzsichtigen, die hier und dort eine Möglichkeit sehen, wie man ohne große geistige und körperliche Arbeit zu großen Geldmengen kommen kann, die man dann dazu verwenden kann, um wiederum andere zu unterdrücken. Jene Machtbesessenen sollten bedenken: Wenn sie solche exponierten Positionen erreichen, dann sind sie selbst für andere Gesetzesbrecher das ideale Opfer. Mafia-Häuptlinge sterben nicht immer eines natürlichen Todes. Ein Diktator muss sich darüber klar sein, dass er der einsamste Mensch in seinem System ist. Nach ihm kräht kein Hahn.

Da es, wie bereits erwähnt, in jeder Berufsgruppe, also auch unter den Politikern Verbrecher gibt, ist der Schutz der Gesellschaft durch Polizeikräfte unvermeidlich. Erst die Polizei verleiht dem Gesetz Autorität.

Trügerisch ist jedoch die Hoffnung mancher Politiker und Generäle, dass man durch den Einsatz von bewaffneten Hilfskräften politische oder wirtschaftliche Probleme lösen kann. Vorübergehend stabilisiert sich zwar durch den militärischen Einsatz die Lage, die Probleme bleiben jedoch bestehen. International operierende Propaganda-Organisationen kann man durch den militärischen Einsatz in einem einzelnen Land höchstens vorübergehend dezimieren. Besiegen kann man Propaganda-Organisationen nur mit einer überzeugenden Argumentation.

Unsere Wirtschaft ist momentan auf den menschlichen Schwächen aufgebaut, zu denen die Habgier, die Profilierungssucht, die Skrupellosigkeit . . . gehört. Wäre sie auf den menschlichen Stärken aufgebaut, wie der Hilfsbereitschaft, dem Willen zur Verständigung, dem Organisationstalent . . . sähe diese Welt vielleicht anders aus.

Auch wenn vielleicht nur wenige in dem hier skizzierten Gesellschaftssystem eine tragfähige Grundlage sehen, so wird dieses Kapitel vielleicht doch manchen zum Nachdenken anregen. Die Schwierigkeit beim Entwerfen eines Gesellschaftssystems besteht vor allem darin, dass durch die vernetzte Struktur und den Einfallsreichtum der Individuen die meisten Auswirkungen erst in der Praxis sichtbar werden.


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