Ludwig Feuerbach

Das Wesen des Christentums

Anhang Teil 2: Erläuterungen, Bemerkungen, Belegstellen


Die Auferstehung Christi ist die persönliche, d. i. fleischliche Unsterblichkeit als eine sinnliche, unbezweifelbare Tatsache.

»Christus ist auferstanden, es ist eine vollendete Tatsache. - Er zeigte sich selbst seinen Schülern und Gläubigen: betastet wurde die Festigkeit seines Körpers . . . Bestätigt ist der Glaube nicht nur in dem Herzen, sondern auch in den Augen der Menschen.« Augustinus (Sermones ad pop., S. 242. c. 1, S. 361. c. B. S. hierüber auch Melanchthon, Loci: de resurr. Mort.). »Die Philosophi, so unter andern haben die besten sein wollen, es dafür gehalten haben, daß durch den Tod die Seele vom Leib erlöst würde, nachdem sie also aus dem Leibe, als aus einem Gefängnis los wäre, käme sie in die Sammlung der Götter, und würde von allen leiblichen Beschwerungen erledigt. Von einer solchen Unsterblichkeit haben ihnen die Philosophi träumen lassen, wiewohl sie dieselbige nicht für gewiß genugsam haben halten, noch verteidigen können. Die heil. Schrift aber lehret von der Auferstehung und dem ewigen Leben anders und stellet uns die Hoffnung derselben so gewiß für Augen, daß wir darüber nicht können zweifeln. « Luther (T. I, p. 459).


Das Christentum machte den Menschen zu einem außerweltlichen, übernatürlichen Wesen.

2. Korinther 5,1-5

Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese [a] Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. (2. Petr 1,14) Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, daß wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern  überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. (1. Kor 15,51-53) Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. (Lutherbibel 1984)

»Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« Hebräer 13, 14. »Dieweil wir im Leibe wohnen, so wallen wir dem Herrn.« Paulus (2. Kor. 5). »So wir nun aber im Leibe, welcher ja eigentlich unser ist, wallen und fremde sein und unser Leben in diesem Leibe nichts andres ist, denn eine Pilgerschaft, wie viel mehr sein die Güter, so wir um des Leibes willen haben, als Äcker, Häuser, Geld etc., nichts andres denn eitel fremde Dinge und Pilgerschaften.« »Derohalben müssen wir auch in diesem Leben gleich wie Fremdlinge leben, bis daß wir das rechte Vaterland erreichen, und ein besser Leben überkommen mögen, welches ewig ist.« Luther (T.II, p.240, 370 a). »Unser Wandel (nicht Wandel, sondern unser Heimatsrecht,civitas oder jus civitatis) ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi, des Herrn, welcher unsern nichtigen Leib verklären wird, daß er ähnlich werde seinem verklärten Leibe, nach der Wirkung, damit er kann auch alle Dinge ihm unterwürfig machen.« Philipper 3, 20. 21. »Die Welt erzeugt weder den Menschen, noch ist der Mensch ein Teil der Welt.« Lactantius (Div. Inst.lib. II. c. 6). »Der Himmel gehört zur Welt: der Mensch aber ist über der Welt.« Ambrosius (Epist. lib. VI. Ep. 38). »Erkenne, o Mensch, deine Würde, erkenne die Herrlichkeit der menschlichen Natur. Du hast zwar den Körper mit der Welt gemein, aber du hast auch etwas Erhabneres und bist schlechterdings nicht mit den übrigen Geschöpfen zu vergleichen.« Bernardus (Opp. Basil. 1552, p. 79). »Der Christ erhebt sich über die ganze Welt; er bleibt selbst nicht im Himmelsgewölbe stehen, sondern überfliegt auch die überhimmlischen Räume im Geiste und bringt so, von heiliger Begeisterung gleichsam außer die Welt versetzt, Gott seine Gebete dar.« Origenes (Contra Celsum, ed Hoeschelio, p. 370). »Was tust du, Bruder, in der Menschenwelt, der du größer bist als Gotteswelt?« Hieronymus (Ad Heliod. de laude vitae solit.). »Diese ganze Welt hat nicht so viel Wert als eine einzige Seele, denn Gott opferte sich nicht für die ganze Welt, sondern für die menschliche Seele. Höher ist also der Wert der Seele, die nur durch Christi Blut erlöst werden konnte.« Meditat. devotiss. c. II. (Pseudo-Bernhard.) »Augustin sagt: ein größeres Werk ist die Rechtfertigung des Sünders, als die Schöpfung von Himmel und Erde, denn Himmel und Erde werden vergehen, aber das Heil und die Rechtfertigung der Vorherbestimmten werden bleiben. Augustin hat recht. Wohl ist das Gut des Ganzen ein größeres Gut, als das besondere Gut eines einzelnen, wenn beide der Gattung nach eins sind, aber das Gut der Gnade eines einzigen ist größer als das natürliche Gut der ganzen Welt.« Thomas Aq. (Summ. Prima Secundae Partis. Qu. 113. 9). »Wieviel besser ist's, ich verliere die ganze Welt, denn daß ich Gott verliere, der die Welt geschaffen hat und unzählige Welten schaffen kann, der besser ist denn hunderttausend und unzählige Welt. Denn was ist doch für eine Vergleichung Zeitliches gegen Ewiges? . . . Eine Seele ist besser denn die ganze Welt.« Luther (T. XIX, p. 21).


Der Zälibat und das Mönchtum - natürlich nur in ihrer ursprünglichen, religiösen Bedeutung und Gestalt - sind sinnliche Erscheinungen, notwendige Folgen von dem supernaturalistischen, extramundanen Wesen des Christentums.

Allerdings widersprechen sie auch - der Grund davon ist selbst implicite in dieser Schrift ausgesprochen dem Christentum; aber nur, weil das Christentum selbst ein Widerspruch ist. Sie widersprechen dem exoterischen, praktischen, aber nicht dem esoterischen, theoretischen Christentum; sie widersprechen der christlichen Liebe, inwiefern diese sich auf den Menschen bezieht, aber nicht dem christlichen Glauben, nicht der christlichen Liebe, inwiefern sie nur um Gottes willen die Menschen liebt, sich auf Gott, als das außerweltliche, übernatürliche Wesen, bezieht. Vom Zälibat und Mönchtum steht nun freilich nichts in der Bibel. Und das ist sehr natürlich. Im Anfang des Christentums handelte es sich nur um die Anerkennung Jesu als des Christus, des Messias, nur um die Bekehrung der Heiden und Juden. Und diese Bekehrung war um so dringender, je näher man sich die Zeit des Gerichts und Weltuntergangs dachte - also periculum in mora. Es fehlte überhaupt Zeit und Gelegenheit zum Stilleben, zur Kontemplation des Mönchtums. Notwendig waltete daher damals eine mehr praktische und auch liberalere Gesinnung vor, als in der spätern Zeit, wo das Christentum bereits zu weltlicher Herrschaft gelangt und damit der Bekehrungstrieb erloschen war. (Siehe hierüber Carranza Summa, ed. cit., p. 256.) Sowie einmal das Christentum sich weltlich realisierte, so mußte sich auch notwendig die supernaturalistische, überweltliche Tendenz des Christentums zu einer selbst weltlichen Scheidung von der Welt ausbilden. Und diese Gesinnung der Absonderung vom Leben, vom Leibe, von der Welt, die erst hyper-, dann antikosmische Tendenz ist echt biblischen Sinnes und Geistes. Außer den bereits angeführten und andern allgemein bekannten Stellen mögen noch folgende als Beispiele dastehen. »Wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird es erhalten zum ewigen Leben.« Johannes 12, 25. »Ich weiß, daß in mir, d. i. in meinem Fleische wohnet nichts Gutes.« Römer 7, 18. 14. (»Veteres enim omnis vitiositatis in agendo origines ad corpus referebant.« J. G. Rosenmüller, Scholia.) »Weil nun Christus für uns im Fleisch gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselbigen Sinne, denn wer im Fleisch leidet, der höret auf von Sünden.« 1. Petri 4, 1. »Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.« Philipper 1, 23. »Wir sind aber getrost und haben viel mehr Lust, außer dem Leibe zu wallen und daheim zu sein bei dem Herrn.« z. Korinth. 5, B. Die Scheidewand zwischen Gott und Mensch ist demnach der Leib (wenigstens der sinnliche, wirkliche Leib), der Leib also, als ein Hindernis der Vereinigung mit Gott, etwas Nichtiges, zu Negierendes. Daß unter der Welt, welche im Christentum negiert wird, keineswegs nur das eitle Genußleben, sondern die wirkliche, objektive Welt zu verstehen ist, das geht auf eine populäre Weise schon aus dem Glauben hervor, daß bei der Ankunft des Herrn, d. h. der Vollendung der christlichen Religion, Himmel und Erde vergehen werden.

Nicht zu übersehen ist der Unterschied zwischen dem Glauben der Christen und dem Glauben der heidnischen Philosophen an den Untergang der Welt. Der christliche Weltuntergang ist nur eine Krisis des Glaubens - die Scheidung des Christlichen von allem Antichristlichen, der Triumph des Glaubens über die Welt, ein Gottesurteil, ein antikosmischer, supernaturalistischer Akt. »Der Himmel jetzund und die Erde werden durch sein Wort gesparet, daß sie zum Feuer behalten werden am Tage des Gerichts und Verdammnis der gottlosen Menschen.« 2. Petri 3,7. Der heidnische Weltuntergang ist eine Krisis des Kosmos selbst, ein gesetzmäßiger, im Wesen der Natur begründeter Prozeß. »Der Ursprung der Welt enthält nicht minder Sonne und Mond und den Wechsel der Gestirne und die Ursprünge des Lebens, als die Elemente der künftigen Veränderungen der Erde. Darunter befindet sich die Überschwemmung, welche ebenso gut als der Winter, der Sommer, durch das Weltgesetz kommt.« Seneca (Nat. Qu. lib. III. c. 29). Es ist das der Welt immanente Lebensprinzip, das Wesen der Welt selbst, welches diese Krisis aus sich erzeugt. »Wasser und Feuer sind die Herren der Erde. Von ihnen kommt ihr Ursprung, von ihnen ihr Untergang.« (Ibid. c. 28.) »Alles, was ist, wird einst nicht sein, aber nicht zugrunde gehen, sondern nur aufgelöst werden.« (Ders., Epist. 71.)

Die Christen schlossen sich von dem Weltuntergang aus. »Und er wird senden Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zu dem andern.« Matthäi 24, 31. »Und ein Haar von eurem Haupt soll nicht umkommen. Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in der Wolke, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfänget zu geschehen, so sehet auf und hebet eure Häupter auf, darum daß sich eure Erlösung nahet.« Lukas 21, 18. 27-28. »So seid nun wacker allezeit und betet, daß ihr würdig werden möget zu entfliehen diesem allen, das geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn.« Ebend. 36. Die Heiden dagegen identifizierten ihr Schicksal mit dem Schicksal der Welt. »Dieses Universum, welches alles Menschliche und Göttliche in sich faßt . . . wird einst ein Tag zerstreuen und in die alte Verwirrung und Finsternis versenken. Nun gehe einer hin und beklage einzelne Seelen. Wer ist so hochmütig und maßlos anmaßend, daß er von diesem allgemeinen Los der Vergänglichkeit eine Ausnahme für sich und die Seinigen allein in Anspruch nehmen möchte?« (Cons. ad Polyb. c. 20 u. 21.) »Also wird einst alles Menschliche ein Ende haben . . . Nicht Mauern, nicht Türme werden schützen. Nichts werden die Tempel den Flehenden helfen.« (Nat. Quaest. lib. III. c. 29.) Hier haben wir also wieder den charakteristischen Unterschied des Heidentums und Christentums. Der Heide vergaß sich über der Welt, der Christ die Welt über sich. Wie aber der Heide seinen Untergang mit dem Untergang der Welt, so identifizierte er auch seine Wiederkunft und Unsterblichkeit mit der Unsterblichkeit der Welt. Dem Heiden war der Mensch ein gemeines, dem Christen ein auserlesnes Wesen, diesem die Unsterblichkeit ein Privilegium des Menschen, jenem ein Kommungut, das er sich nur vindizierte, indem und wiefern er auch andere Wesen daran teilnehmen ließ.

Übrigens stellten sich auch die Epikureer (Lucret. lib. V u. II) den Weltuntergang nahe vor, aber dadurch wird doch nicht der angegebene Unterschied zwischen dem heidnischen und dem christlichen Weltuntergang aufgehoben.

Die Christen erwarteten demnächst den Weltuntergang, weil die christliche Religion kein kosmisches Entwicklungsprinzip in sich hat - alles, was sich entwickelte im Christentum, entwickelte sich nur im Widerspruch mit seinem ursprünglichen Wesen -, weil mit der Existenz Gottes im Fleisch, d. h. mit der unmittelbaren Identität des Wesens der Gattung mit dem Individuum alles erreicht, der Lebensfaden der Geschichte abgeschnitten, kein andrer Gedanke der Zukunft übrig war, als der Gedanke an eine Repetition, an die Wiederkunft des Herrn. Die Heiden dagegen verlegten den Weltuntergang in die ferne Zukunft9, weil sie, lebend in der Anschauung des Universums, nicht um ihretwillen Himmel und Erde in Bewegung setzten, weil sie ihr Selbstbewußtsein erweiterten und ; befreiten durch das Bewußtsein der Gattung, die Unsterblichkeit nur setzten in die Fortdauer der Gattung, die Zukunft also nicht sich reservierten, sondern den kommenden Generationen übrig ließen. »Die Zeit wird kommen, wo sich unsre Nachkommen wundern, daß wir so offenbare Dinge nicht wußten.« Seneca (Nat. Quaest. lib. 7. c. 25). Wer die Unsterblichkeit in sich setzt, hebt das geschichtliche Entwicklungsprinzip auf. Die Christen warten zwar nach Petrus einer neuen Erde und eines neuen Himmels. Aber mit dieser christlichen, d. i. überirdischen Erde ist nun auch das Theater der Geschichte für immer geschlossen, das Ende der wirklichen Welt gekommen. Die Heiden dagegen setzen der Entwicklung des Kosmos keine Grenze, sie lassen die Welt nur untergehen, um wieder verjüngt als wirkliche Welt zu erstehen, gönnen ihr ewiges Leben. Der christliche Weltuntergang war eine Gemütssache, ein Objekt der Furcht und Sehnsucht, der heidnische eine Sache der Vernunft und Naturanschauung.


Die unbefleckte Jungfräulichkeit ist das Prinzip des Heils, das Prinzip der neuen, christlichen Welt.

»Eine Jungfrau erzeugte das Heil der Welt, eine Jungfrau gebar das Leben aller . . . Eine Jungfrau trug den, welchen diese Welt nicht fassen kann . . . Durch den Mann und das Weib wurde das Fleisch aus dem Paradies verstoßen, durch die Jungfrau aber mit Gott verbunden.« Ambrosius (Epist. lib. X. Epist. 82; s. auch Epist. 81). »Die Keuschheit verbindet den Menschen mit dem Himmel. Gut ist die eheliche Keuschheit, aber besser die Enthaltsamkeit des Witwenstandes, das beste aber ,die jungfräuliche Unbescholtenheit.« (De Modo bene viv. S. 22. Pseudo-Bernh.) »Denke stets daran, daß das Weib den Bewohner des Paradieses aus seiner Besitzung vertrieben hat.« Hieronymus (Epist. Nepotiano). »Christus selbst bewies an sich, daß das jungfräuliche Leben das wahre und vollkommene ist. Daher er es uns zwar nicht zu einem ausdrücklichen Gesetze machte, denn nicht alle fassen dieses Wort, wie er selbst sagte, aber er belehrte uns durch die Tat.« Joan. Damascenus (Orthod. fidei, lib. IV. c. 25). »Welcher Herrlichkeit wird nicht mit Recht die Jungfrauschaft vorgezogen? Der Englischen? Der Engel hat die Jungfräulichkeit, aber nicht Fleisch; er ist hierin mehr glücklich, als stark.« Bernhardus (Epist. 113 ad Sophiam Virginem).

Wenn nun aber die Enthaltung von der Befriedigung des Geschlechtstriebes, die Negation der Geschlechtsdifferenz und folglich der Geschlechtsliebe - denn was ist diese ohne jene? das Prinzip des christlichen Himmels und Heils ist, so ist notwendig die Befriedigung des Geschlechtstriebes, der Geschlechtsliebe, worauf sich die Ehe gründet, die Quelle der Sünde und des Übels. So ist es auch. Das Geheimnis der Erbsünde ist das Geheimnis der Geschlechtslust. Alle Menschen sind in Sünden empfangen, weil sie mit sinnlicher, d. i. natürlicher Freude und Lust empfangen wurden. Der Zeugungsakt ist, als ein genußreicher, sinnlicher, ein sündiger Akt. Die Sünde pflanzt sich fort von Adam an bis auf uns herab, lediglich weil die Fortpflanzung der natürliche Erzeugungsakt ist. Dies also das Geheimnis der christlichen Erbsünde. »Wie fern der Wahrheit steht der, welcher behauptet, daß die Wollust (voluptas) ursprünglich von Gott dem Menschen anerschaffen sei . . . Wie kann die Wollust uns zum Paradies zurückführen, sie, die allein uns aus dem Paradies getrieben hat?« Ambrosius (Ep. lib. X. Epist. 82). »Die Wollust selbst kann schlechterdings nicht ohne Schuld sein.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 31. c. 5). »Wir alle sind in Sünden geboren und haben, aus Fleisches Lust empfangen, die ursprüngliche Schuld mitgebracht.« Gregorius (Petrus Lomb., lib. Il. dist. 30. c. 2). »Fest halte und zweifle nicht daran, daß jeder Mensch, der durch den Beischlaf des Mannes und Weibes gezeugt wird, mit der Erbsünde geboren wird . . . Hieraus erhellt, was die Erbsünde ist, nämlich die sündhafte Begierde, welche in alle mit Begierde erzeugte Menschen durch Adam überging.« (Ibid. c. 3. S. auch dist. 31. c. 1.) »Die Ursache der Sünde stammt aus dem Fleisch.« Ambrosius (Ibid.). »Christus ist ohne Sünde, ohne angeerbte und ohne eigene; er kam auf die Welt ohne Wollust fleischlicher Begierde; bei ihm fand keine geschlechtliche Vermischung statt . . . Jeder Gezeugte ist ein Verdammter.« Augustinus (Serm. ad. pop., S. 294. c. 10. 16). »Der Mensch ist geboren vom Weibe und deswegen mit Schuld.« Bernardus (De consid., lib. II. S. auch desselben Epist. 174. Edit. cit.). »Alles, was vom Manne und Weibe zur Welt geboren wird, das ist sündhaftig, unter Gottes Zorn und Fluch, zum Tode verdammt.« »Alle Menschen, von Vater und Mutter geboren, sind Kinder des Zorns von Natur, wie St. Paulus Ephes. 2 zeuget.« »Wir haben von Natur eine unflätige, sündliche Empfängnis und Geburt.« Luther (T. XVI, p. 246, 573). Es erhellt aus diesen Beispielen zur Genüge, daß die »fleischliche Vermischung« - auch der Kuß ist eine fleischliche Vermischung, eine Voluptas - die Grundsünde, das Grundübel der Menschheit, und folglich die Basis der Ehe, der Geschlechtstrieb, ehrlich herausgesagt, ein Produkt des Teufels ist. Wohl ist die Kreatur als Geschöpf Gottes gut, aber so, wie sie erschaffen worden, so existiert sie ja längst schon nicht mehr. Der Teufel hat die Kreatur Gott abspenstig gemacht und bis in den Grund hinein verdorben. »Verflucht sei der Acker um deinetwillen.« Der Fall der Kreatur ist übrigens nur eine Hypothese, wodurch sich der Glaube den lästigen, beunruhigenden Widerspruch, daß die Natur ein Produkt Gottes ist und dennoch so, wie sie wirklich ist, sich nicht mit Gott, d. h. dem christlichen Gemüte zusammenreimen läßt, aus dem Sinne schlägt.

Allerdings hat das Christentum nicht das Fleisch als Fleisch, die Materie als Materie für etwas Sündhaftes, Unreines erklärt, im Gegenteil aufs heftigste gegen die Ketzer, welche dieses aussprachen und die Ehe verwarfen, geeifert (siehe z. B. Augustin, contra Faustum, lib. 29. c. 4, lib. 30. c. 6; Clemens Alexandrinus, Stromata, lib. III und den hl. Bernhard: Super Cantica. Sermo 66) - übrigens, auch ganz abgesehen von dem Haß gegen die Ketzer, der so häufig die heilige christliche Kirche inspirierte und so weltklug machte, aus Gründen, aus denen keineswegs die Anerkennung der Natur als solcher folgte, und unter Beschränkungen, d. i. Negationen, welche diese Anerkennung der Natur zu einer nur scheinbaren, illusorischen machen. Der Unterschied zwischen den Ketzern und den Rechtgläubigen ist nur der, daß diese indirekt, verschlagen, heimlich sagten, was jene unumwunden, direkt, aber eben deswegen auf eine anstößige Weise aussprachen. Von der Materie läßt sich die Lust nicht absondern. Die materielle Lust ist nichts weiter als, sozusagen, die Freude der Materie an sich selbst, die sich selbst betätigende Materie. Jede Freude ist Selbstbetätigung, jede Lust Kraftäußerung, Energie. Jede organische Funktion ist im normalen Zustande mit Wollust verbunden - selbst das Atmen ist ein wollüstiger Akt, der nur deswegen nicht als solcher empfunden wird, weil er ein ununterbrochener Prozeß ist. Wer daher nur die Zeugung, die fleischliche Vermischung als solche, überhaupt das Fleisch als solches für rein, aber das sich selbst genießende Fleisch, die mit sinnlicher Lust verknüpfte fleischliche Vermischung für Folge der Erbsünde und folglich selbst für Sünde erklärt, der anerkennt nur das tote, aber nicht lebendige Fleisch, der macht uns einen blauen Dunst vor, der verdammt, verwirft den Zeugungsakt, die Materie überhaupt, aber unter dem Scheine, daß er sie nicht verwirft, daß er sie anerkennt. Die nicht heuchlerische, nicht verstellte - die offenherzige, aufrichtige Anerkennung der Sinnlichkeit ist die Anerkennung des sinnlichen Genusses. Kurz, wer, wie die Bibel, wie die Kirche, nicht die Fleischeslust anerkennt versteht sich die natürliche, normale, vom Leben unzertrennliche -, der anerkennt nicht das Fleisch. Was nicht als Selbstzweck - keineswegs darum auch als letzter Zweck anerkannt wird, das wird nicht anerkannt. Wer mir den Wein nur als Arznei erlaubt, verbietet mir den Genuß des Weines. Komme man nicht mit der freigebigen Spendung des Weines auf der Hochzeit zu Kana. Denn diese Szene versetzt uns ja unmittelbar durch die Verwandlung des Wassers ins Wein über die Natur hinaus, auf das Gebiet des Supernaturalismus. Wo, wie im Christentum, als der wahre, ewige Leib ein supernaturalistischer, spiritualistischer Leib gesetzt wird, d. h. ein Leib, von dem alle objektiven, sinnlichen Triebe, alles Fleisch, alle Natur weggelassen ist, da wird die wirkliche, d. h. die sinnliche, fleischliche Materie negiert, als nichtig gesetzt.

Allerdings hat das Christentum nicht die Ehelosigkeit freilich später für die Priester - zu einem Gesetze gemacht. Aber eben deswegen, weil die Keuschheit oder vielmehr die Ehe-, die Geschlechtslosigkeit die höchste, überschwenglichste, supernaturalistischste, die himmlische Tugend ist, so kann und darf sie nicht zu einem gemeinen Pflichtobjekt erniedrigt werden; sie steht über dem Gesetze, sie ist die Tugend der christlichen Gnade und Freiheit. »Christus ermahnt die zur Ehelosigkeit Tauglichen, daß sie diese Gabe gehörig pflegen; derselbe Christus befiehlt aber denen, die die Keuschheit außer der Ehe nicht behaupten können, daß sie in keuscher Ehe leben.« Melanchthon (Resp. ad Coloniens). »Die Jungferschaft ist nicht befohlen, sondern angeraten, weil sie gar zu erhaben ist.« (De modo bene viv., S.21.) »Seine jungfräuliche Tochter verheiraten, ist eine gute, aber sie nicht verheiraten, ist eine bessere Handlung. Was also gut ist, das muß man nicht fliehen, was aber besser ist, erwählen. Daher wird die Jungferschaft nicht vorgeschrieben, sondern nur vorgeschlagen. Und deswegen sagt der Apostel sehr gut: In betreff der Jungfrauen habe ich keine Vorschrift, aber ich gebe meinen Rat. Wo Vorschrift, da ist Gesetz, wo Rat, da ist Gnade. Vorgeschrieben ist nämlich die Keuschheit, angeraten die Jungferschaft. Aber auch die Witwe hat kein Gebot, sondern nur einen Rat erhalten, jedoch einen nicht einmal gegebnen, sondern oft wiederholten Rat.« Ambrosius (Liber de viduis). Das heißt: die Ehelosigkeit ist kein Gesetz im gemeinen oder jüdischen, aber ein Gesetz im christlichen Sinne oder für den christlichen Sinn, welcher die christliche Tugend und Vollkommenheit sich zu Gewissen, zu Gemüte zieht, kein gebieterisches, sondern vertrauliches, kein offenbares, sondern ein heimliches, esoterisches Gesetz - ein bloßer Rat, d. h. ein Gesetz, das sich nicht als Gesetz auszusprechen wagt, ein Gesetz nur für den feiner Fühlenden, nicht für die große Masse. Du darfst heiraten; jawohl! ohne alle Furcht, eine Sünde zu begehen, d. h. eine offen= bare, namhafte, plebejische Sünde; aber desto besser tust du, wenn du nicht dich verheiratest; indes das ist nur mein unmaßgeblicher, freundschaftlicher Rat. Omnia licent, sed non omnia expediunt. Was im Vordersatze zugegeben, das wird im Nachsatz widerrufen. Licet, sagt der Mensch, non expedit, sagt der Christ. Aber nur was für den Christen gut, ist für den Menschen, wofern er ein christlicher sein will, das Maß des Tuns und Lassens. Quae non expediunt, nec licent - so schließt das Gefühl des christlichen Adels. Die Ehe ist daher nur eine Indulgenz gegen die Schwachheit oder vielmehr Stärke des Fleisches, ein Naturnachlaß des Christentums, ein Abfall von dem wahrhaft, dem vollendet christlichen Sinn; aber insofern gut, löblich, heilig selbst, als sie das beste Arzneimittel gegen die Fornicatio ist. Um ihrer selbst willen, als Selbstgenuß der Geschlechtsliebe, wird sie nicht anerkannt, nicht geheiligt; - also ist die Heiligkeit der Ehe im Christentum nur Scheinheiligkeit, nur Illusion, denn was man nicht um sein selbst willen anerkennt, wird nicht anerkannt, aber mit dem trügerischen Scheine, daß es anerkannt wird. Die Ehe ist sanktioniert, nicht um das Fleisch zu heiligen und zu befriedigen, sondern um das Fleisch zu beschränken, zu unterdrücken, zu töten - um durch den Teufel den Teufel auszutreiben. »Was bewegt alle Männer und Weiber zur Ehe und zur Unzucht? Die fleischliche Vermischung, deren Begierde der Herr der Unzucht gleichsetzte.. . Daher die vorzügliche Heiligkeit der Jungfrau, weil sie gar nichts mit der Unzucht Verwandtes an sich hat.« Tertullianus (De exhort. cast. c. 9). »In betreff der Ehe selbst hast du etwas Besseres geraten, als du gestattet hast.« Augustinus (Confess. lib. X. c. 30). »Es ist besser freien, denn Brunst leiden.« 1. Korinth. 7, 9. »Aber wie viel besser ist«, sagt Tertullian, diesen Spruch entwickelnd,, »weder freien noch Brunst leiden. Ich kann sagen, was erlaubt wird, ist nichts Gutes.« (Ad Uxorem, lib. I. c. 3.) »Die Ehe ist ein untergeordnetes Gut, welches keinen Lohn verdient, sondern nur die Bedeutung eines Arzneimittels hat. Die erste Ehe, die Ehe im Paradiese, war vorgeschrieben, aber die zweite Ehe, die nach dem Paradies, ist nur aus Nachsicht erlaubt; denn wir haben von dem Apostel gehört, daß die Ehe dem Menschengeschlecht zur Vermeidung der Unzucht erlaubt ist.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 26. c. 1 u. 2). »Magister Sententiarum saget recht, der Ehestand sei im Paradiese geordnet zum Dienste, nach der Sünde aber zur Arzenei.« Luther (T. I, p. 349). »Wo man Ehe und Jungfrauschaft gegeneinander hält, so ist freilich die Keuschheit eine edlere Gabe denn die Ehe.« Ders. (T. X, p. 319). »Welche die Schwachheit der Natur nicht zum Ehestande zwinget, sondern sind solche Leute, daß sie des Ehestands entraten können, die tun recht, daß sie sich vom Ehestande enthalten.« Ders. (T. V, p. 538). Die christliche Sophistik wird dagegen erwidern, daß nur die nicht christliche Ehe, nur die nicht vom Geiste des Christentums konsekrierte, d. h. mit frommen Bildern verblümte Natur unheilig sei. Allein wenn die Ehe, wenn die Natur erst durch die Beziehung auf Christus geheiligt wird, so ist eben damit nicht ihre Heiligkeit, sondern nur die Heiligkeit des Christentums ausgesprochen, so ist die Ehe, die Natur an und für sich selbst unheilig. Und was ist denn der Heiligenschein, womit das Christentum die Ehe umgibt, um den Verstand zu benebeln, anders als eine fromme Illusion? Kann der Christ seine ehelichen Pflichten erfüllen, ohne nolens volens der heidnischen Liebesgöttin zu opfern? Jawohl. Der Christ hat zum Zweck die Bevölkerung der christlichen Kirche, nicht die Befriedigung der Liebe. Der Zweck ist heilig, aber das Mittel an sich selbst unheilig. Und der Zweck heiligt, entschuldigt das Mittel. Conjugalis concubitus generandi gratia non habet culpam. Der Christ, wenigstens der wahre, negiert also, wenigstens soll er negieren, die Natur, indem er sie befriedigt; er will nicht, er verschmäht vielmehr das Mittel für sich selbst, er will nur den Zweck in abstracto; er tut mit religiösem, supranaturalistischem Abscheu, was er, aber widerwillig, mit natürlicher, sinnlicher Lust tut. Der Christ gesteht sich nicht offenherzig seine Sinnlichkeit ein, er verleugnet vor seinem Glauben die Natur und hinwiederum vor der Natur seinen Glauben, d. h. er desavouiert öffentlich, was er im geheimen tut. O wie viel besser, wahrer, herzensreiner waren in dieser Beziehung die Heiden, die aus ihrer Sinnlichkeit kein Hehl machten, während die Christen leugnen, daß sie das Fleisch befriedigen, indem sie es befriedigen! Und noch heute halten die Christen theoretisch an ihrer himmlischen Ab- und Zukunft fest; noch heute verleugnen sie aus supranaturalistischer Affektation ihr Geschlecht und gebärden sich bei jedem derb sinnlichen Bilde, bei jeder nackten Statue, als wären sie Engel, noch heute unterdrücken sie, selbst mit polizeilicher Gewalt, jedes offenherzige, freimütige Selbstbekenntnis selbst auch der unverdorbensten Sinnlichkeit, aber nur um durch das öffentliche Verbot sich den geheimen Genuß der Sinnlichkeit zu würzen. Was ist also, kurz und gut gesagt, der Unterschied der Christen und Heiden in dieser delikaten Materie? Die Heiden bestätigten, die Christen widerlegten ihren Glauben durch ihr Leben. Die Heiden tun, was sie wollen, die Christen, was sie nicht wollen, jene sündigen mit, diese wider ihr Gewissen, jene einfach, diese doppelt, jene aus Hypertrophie, diese aus Atrophie des Fleisches. Das spezifische Laster der Heiden ist das ponderable sinnliche Laster der Unzucht, das der Christen das imponderable theologische Laster der Heuchelei - jener Heuchelei, wovon der Jesuitismus zwar die auffallendste, weltgeschichtlichste, aber gleichwohl nur eine besondere Erscheinung ist. »Die Theologie macht sündhafte Leute«, sagt Luther - Luther, dessen positive Eigenschaften einzig sein Herz und Verstand, soweit sie natürlich, nicht durch die Theologie verdorben waren. Und Montesquieu gibt den besten Kommentar zu diesem Ausspruch Luthers, wenn er sagt: La devotion trouve, pour faire de mauvaises actions, des raisons, qu'un simple honnete homme ne saurait trouver. (Pensees div.)


Der christliche Himmel ist die christliche Wahrheit. Was vom Himmel, ist vom wahren Christentum ausgeschlossen. Im Himmel ist der Christ davon frei, wovon er hier frei zu sein wünscht, frei von dem Geschlechtstrieb, frei von der Materie, frei von der Natur überhaupt.

»In der Auferstehung werden sie weder freien, noch sich freien lassen; sondern sie sind gleich wie die Engel Gottes im Himmel.« Matthäi 22, 30. »Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise, aber Gott wird diesen und jene hinrichten« (  entbehrlich machen). 1. Korinth. 6, 13. »Davon sage ich aber, lieben Brüder, daß Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben, auch wird das Verwesliche nicht erben das Unverwesliche.« (Ebend., 15, 50.) »Sie wird nicht mehr hungern, noch dürsten, es wird auch nicht auf sie fallen -die Sonne oder irgendeine Hitze.« Offenb. Job. 7, 16. »Und wird keine Nacht da sein und nicht bedürfen einer Leuchte oder des Lichts der Sonne.« Ebend. 22, 5. »Essen, Trinken, Wachen, Schlafen, Ruhen, Arbeiten und den übrigen Naturnotwendigkeiten unterworfen sein - das ist ein großes Elend und Betrübnis für den frommen Menschen, der gern vollkommen und frei von aller Sünde wäre. O wenn doch nicht diese Notwendigkeiten wären, sondern allein geistliche Gemütserquickungen, die wir ach! so selten kosten.« Thomas a. K. (De imit. lib. I. c. 22. u. 25. S. hierüber auch z. B. S. Gregorii Nyss. de anima et resurr., Lipsiae 1837, p. 98, p. 144, p. 153). Wohl ist die christliche Unsterblichkeit im Unterschiede von der heidnischen nicht die Unsterblichkeit des Geistes, sondern die des Fleisches, d. h. des ganzen Menschen. »Den heidnischen Philosophen galt die Wissenschaft, die Intelligenz für etwas Unsterbliches und Unvergängliches. Wir aber, welche die göttliche Offenbarung erleuchtet hat, wissen, daß nicht nur der Geist, sondern auch die gereinigten Affekte, und nicht nur die Seele, sondern auch der Körper seiner Zeit zur Unsterblichkeit gelangen wird.« Baco de Verul. (De augm. Scien. lib. 1). Celsus warf deswegen den Christen ein desiderium corporis, ein Verlangen nach dem Körper, vor. Aber dieser unsterbliche Körper ist, wie schon bemerkt, ein immaterieller, d. h. durchaus gemütlicher, eingebildeter Leib - ein Leib, welcher die direkte Negation des wirklichen, natürlichen Leibes ist. Und es handelt sich daher in diesem Glauben nicht sowohl um die Anerkennung oder Verklärung der Natur, der Materie als solcher, als vielmehr um die Realität des Gemüts, um die Befriedigung des unbeschränkten, phantastischen, supranaturalistischen Glückseligkeitstriebes, welchem der wirkliche, objektive Leib eine Schranke ist.

Was die Engel eigentlich sind, denen die himmlischen Seelen gleichen werden, darüber gibt die Bibel ebensowenig, wie über andere wichtige Dinge, bestimmte Aufschlüsse; sie werden nur von ihr Geister, genannt und als über dem Menschen stehende Wesen (hominibus superiores) bezeichnet. Die spätern Christen sprachen sich, und mit vollem Rechte, auch hierüber bestimmter aus, jedoch verschiedentlich. Die einen gaben ihnen Körper, die andern nicht - eine übrigens nur scheinbare Differenz, da der englische Leib nur ein phantastischer ist. Was jedoch den Körper der Auferstehung betrifft, so hatten sie hierüber nicht nur verschiedne, sondern auch sehr entgegengesetzte Vorstellungen - Widersprüche, die aber in der Natur der Sache liegen, sich notwendig ergeben aus dem Grundwiderspruch des religiösen Bewußtseins, welcher sich in dieser Materie, wie gezeigt, darin offenbart, daß es im Wesen derselbe individuelle Leib, den wir vor der Auferstehung hatten, und doch wieder ein anderer - ein anderer und doch wieder derselbe sein soll. Und zwar derselbe Leib selbst bis auf die Haare, »da auch nicht ein Haar zugrunde gehen wird, wie der Herr sagt: kein Haar von eurem Haupte soll umkommen«. Augustinus und Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 44. c. 1). Jedoch zugleich wieder so derselbe, daß alles Lästige, alles dem naturentfremdeten Gemüte Widersprechende beseitigt wird. »Die Fehler werden, wie Augustin sagt, wegfallen, doch das Wesen wird bleiben. Das übermäßige Wachsen aber der Nägel und Haare gehört zu den Überflüssigkeiten und Fehlern der Natur; denn wenn der Mensch nicht gesündigt hätte, so würden seine Nägel und Haare nur bis zu einer bestimmten Größe wachsen, wie es bei den Löwen und Vögeln der Fall ist.« (Addit. Henrici ab Vurimaria, ibid. Edit. Basileae 1513.) Welch determinierter, naiver, treuherziger, zuversichtlicher, harmonischer Glaube! Der auferstandne Körper als derselbe und doch zugleich ein andrer, neuer Leib hat auch wieder Haare und Nägel - sonst wäre er ein verstümmelter, einer wesentlichen Zierde beraubter Körper, folglich die Auferstehung keine vollständige Wiederherstellung - und zwar dieselben Nägel und Haare, aber zugleich jetzt so beschaffen, daß sie mit dem Wesen des Körpers im Einklang sind. Dort ist ihnen der Trieb des Wachstums genommen, dort überschreiten sie nicht das Maß der Schicklichkeit. Dort brauchen wir daher nicht mehr die Haare und Nägel abzuschneiden - ebensowenig als die beschwerlichen Triebe der übrigen Fleischesglieder, weil schon an und für sich der himmlische Leib ein abstrakter, verschnittener Leib ist. Warum gehen denn die gläubigen Theologen der neuern Zeit nicht mehr in derlei Spezialitäten ein, wie die ältern Theologen? Warum? weil ihr Glaube selbst nur ein allgemeiner, unbestimmter, d. h. nur geglaubter, vorgestellter, eingebildeter Glaube ist, weil sie aus Furcht vor ihrem mit dem Glauben längst zerfallenen Verstande, aus Furcht, ihren schwachsinnigen Glauben zu verlieren, wenn sie bei Lichte, d. h. im Detail, die Dinge betrachten, die Konsequenzen, d. h. die notwendigen Bestimmungen ihres Glaubens, unterdrücken, vor dem Verstande verheimlichen.


Was der Glaube im Diesseits der Erde verneint, bejaht er im Himmel des Jenseits; was er hier aufgibt, gewinnt er dort hundertfältig wieder. Im Diesseits handelt es sich um die Negation, im Jenseits um die Position des Leibes. Hier ist die Hauptsache die Absonderung der Seele vom Leibe, dort die Hauptsache die Wiedervereinigung des Leibes mit der Seele. »Ich will nicht allein der Seele nach, sondern auch dem Leibe nach leben. Das Korpus will ich mithaben; ich will, daß der Leib wieder zur Seele kommen und mit ihr vereinigt werden soll.« Luther (T. VII, p. 90). Im Sinnlichen ist der Christ übersinnlich, aber dafür im Übersinnlichen sinnlich. Die himmlische Seligkeit ist daher keineswegs nur eine spirituelle, geistige, sondern ebensosehr auch leibliche, sinnliche - ein Zustand, wo alle Wünsche erfüllt sind. »Woran dein Herz wird Lust und Freude suchen, das soll reichlich dasein. Denn es heißt: Gott soll selbst alles in allem sein. Wo aber Gott ist, da müssen alle Güter mit sein, so man nur immer wünschen kann.« »Willst du scharf sehen und hören durch Wände und Mauren und so leicht sein, daß du in einem Nu mögest sein wo du willst, hier unten auf Erden oder droben an den Wolken, das soll alles ja sein: und was du mehr erdenken kannst, was du haben wolltest an Leib und Seele, das sollst du alles reichlich haben, wenn du ihn hast.« Luther (T. X, p. 380, 381). Essen, Trinken, Freien findet freilich nicht im christlichen Himmel statt, wie im Himmel der Muhamedaner; aber nur deswegen, weil mit diesen Genüssen Bedürfnis, mit Bedürfnis aber Materie, d. i. Not, Leidenschaft, Abhängigkeit, Unseligkeit verbunden ist. »Dort wird die Bedürftigkeit selbst sterben. Dann wirst du wahrhaft reich sein, wann du nichts mehr bedürfen wirst.« Augustin (Serm. ad pop., S. 77. c. 9). »Die Genüsse dieser Erde sind nur Arzneimittel«, sagt derselbe ebenda; »wahre Gesundheit ist nur im unsterblichen Leben.« Das himmlische Leben, der himmlische Leib ist so frei und unbeschränkt, wie der Wunsch, so allmächtig wie die Phantasie. »Der Körper der zukünftigen Auferstehung wäre unvollkommen selig, wenn er nicht Speisen zu sich nehmen könnte, unvollkommen selig, wenn er Speisen bedürfte.« Augustin (Epist. 102. § 6. Edit. cit.). Aber gleichwohl ist das Sein in einem Körper ohne Last, ohne Schwere, ohne Häßlichkeit, ohne Krankheit, ohne Sterblichkeit mit dem Gefühl des höchsten körperlichen Wohlseins verbunden. - Selbst die Erkenntnis Gottes im Himmel ist frei von der Anstrengung des Denkens und Glaubens, ist sinnliche, unmittelbare Erkenntnis Anschauung. Zwar sind die Christen darüber uneinig, ob auch Gottes Wesen mit körperlichen Augen geschaut werden könne. (S. z. B. Augustin, Serm. ad pop., S. 277 u. Buddeus, Comp. Inst. Th. lib. II. c. 3. § 4.) Aber in dieser Differenz haben wir nur wieder den Widerspruch zwischen dem abstrakten und wirklichen Gott; jener ist freilich kein Gegenstand der Anschauung, wohl aber dieser. »Fleisch und Blut ist sonst die Mauer zwischen mir und Christo, die wird denn auch hinweggerissen werden . . . Dort wird alles gewiß sein. Denn die Augen werden es in jenem Leben sehen, der Mund schmecken und die Nase riechen, der Schatz wird leuchten an Seel' und Leben . . . wird der Glaube aufhören und ich werde es für meinen Augen sehen.« Luther (T. IX, p. 595). Es erhellt hieraus auch zugleich wieder, daß das Wesen Gottes, wie er Gegenstand des religiösen Gemüts ist, nichts andres ist als das Wesen der Phantasie. Die himmlischen Wesen sind' übersinnlich sinnliche, immateriell materielle Wesen, d. h. Wesen der Phantasie; aber sie sind Gott ähnliche, Gott gleiche, ja mit Gott identische Wesen; folglich ist auch Gott ein übersinnlich sinnliches, ein immateriell materielles Wesen; denn wie das Nachbild, so das Vorbild!


Der Widerspruch in den Sakramenten ist der Widerspruch von Naturalismus und Supernaturalismus. Das Erste in der Taufe ist die Position des Wassers. »Wenn einer behauptet, wahres und natürliches Wasser gehöre nicht notwendig zur Taufe und daher die Worte unsers Herrn Jesu Christi: »Wenn einer nicht wiedergeboren wird aus Wasser und heiligem Geiste«, zu einer bloßen bildlichen Redensart verdreht, so sei er verflucht.« Concil. Trident. (Sessio VII. Can. II. de Bapt.). »Zum Wesen dieses Sakraments gehört das Wort und das Element. Die Taufe kann daher mit keiner andern Flüssigkeit, als mit Wasser vollzogen werden.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 3. c. 1 u. 5). »Zur Gewißheit der Taufe wird mehr als ein Tropfen Wasser erfordert. Zur Gültigkeit der Taufe gehört notwendig, daß eine physische Berührung stattfindet zwischen dem Wasser und dem Körper des Getauften, so daß es also nicht genug ist, wenn nur die Kleider mit Wasser benetzt werden. Es muß ferner ein solcher Teil des Körpers abgewaschen werden, nach welchem der Mensch gewöhnlich gewaschen genannt wird, also z. B. der Hals, die Schultern, die Brust und besonders der Kopf.« Theol. Schol. (P. Mezger, Aug. Vind. 1695, T. IV, p. 230-31). »Daß Wasser, und zwar wahres, natürliches Wasser, bei der Taufe angewendet werden muß, erhellt aus dem Beispiel des Johannes und der Apostel. Apostelgesch. 8, 36. 10, 47.« F. Buddeus (Comp. Inst. Theol. dogm. lib. IV. c. 1 § 5). Es kommt also wesentlich auf das Wasser an. Aber nun kommt die Negation des Wassers. Die Bedeutung der Taufe ist nicht die natürliche Kraft des Wassers, sondern vielmehr die übernatürliche, allmächtige Kraft des Wortes Gottes, welches das Wasser zu einem Sakrament eingesetzt und nun vermittelst dieses Stoffes auf eine übernatürliche, wunderbare Weise sich dem Menschen mitteilt, aber ebensogut auch irgendeinen andern beliebigen Stoff wählen könnte, um die nämliche Wirkung hervorzubringen. So sagt z. B. Luther: »Also fasse nun den Unterschied, daß viel ein ander Ding ist Taufe, denn alle andre Wasser, nicht des natürlichen Wesens halben, sondern daß hie etwas Edleres darzu kömmt. Denn Gott selbst seine Ehre hinansetzet, seine Kraft und Macht daran legt . . . wie auch Skt. Augustin gelehret hat: accedat verbum ad elementum et fit sacramentum.« (Der große Katechismus.) »Täufet sie im Namen des Vaters etc. Wasser ohne diese Worte ist schlecht Wasser . . . Wer will des Vaters, Sohnes und hl. Geistes Taufe schlecht Wasser heißen? Sehen wir denn nicht, was für Gewürz Gott in dies Wasser wirft? Wenn man Zucker in Wasser wirft, so ist's nicht mehr Wasser, sondern ein köstlich Klaret oder sonst etwas. Warum wollen wir denn hie so eben das Wort vom Wasser scheiden und sagen, es sei schlecht Wasser, gleich als wäre Gottes Wort, ja Gott selbst nicht bei und in solchem Wasser . . . Darum ist die Taufe ein solch Wasser, das die Sünde, den Tod und alles Unglück hinwegnimmt, hilft uns in den Himmel und zum ewigen Leben. So ein köstlich Zuckerwasser, Aromaticum und Apothek ist daraus worden, da Gott sich selbst eingemenget hat.« Luther (T. XVI, p. 105).

Aber wie mit dem Wasser in der Taufe, die nichts ohne das Wasser ist, obgleich es an sich gleichgültig ist, ebenso ist es mit dem Wein und Brot in der Eucharistie, selbst bei den Katholiken, wo doch die Substanz von Brot und Wein durch die Gewalt der Allmacht destruiert wird. »Die Akzidenzen des Abendmahls enthalten so lange Christum, als sie jene Mischung behalten, bei welcher natürlicherweise die Substanz des Brotes und Weines bestehen würde; dagegen wann eine solche Verderbnis derselben stattfindet, daß die Substanz des Brotes und Weines natürlicherweise unter ihnen nicht mehr bestehen könnte, dann hören sie auch auf, Christum zu enthalten.« Theol. Schol. (Mezger, 1. c., p. 292). Das heißt also: solange das Brot Brot bleibt, so lange bleibt das Brot Fleisch; ist das Brot weg, so ist auch das Fleisch weg. Daher muß auch eine gehörige Portion Brot, wenigstens eine so große, daß das Brot als Brot erkennbar ist, zugegen sein, um konsekriert werden zu können. (Ebend., p.284.) übrigens ist die katholische Transsubstantiation, die »wirkliche und physische Verwandlung des ganzen Brotes in den Leib Christi« nur eine konsequente Fortsetzung von den Wundern im A. und N. T. Aus der Verwandlung des Wassers in Wein, des Stabes in eine Schlange, der Steine in Wasserbrunnen (Psalm 114), aus diesen biblischen Transsubstantiationen erklärten und begründeten die Katholiken die Verwandlung des Brotes in Fleisch. Wer einmal an jenen Verwandlungen keinen Anstoß nimmt, der hat kein Recht, keinen Grund, diese Verwandlung zu beanstanden. Die protestantische Abendmahlslehre widerspricht nicht weniger der Vernunft, als die katholische. »Man kann Christus Leib nicht anders teilhaftig werden, denn auf die zwo Weise, geistlich oder leiblich. Wiederum diese leibliche Gemeinschaft kann nicht sichtbarlich, noch empfindlich sein (d. h. keine leibliche sein), sonst würde kein Brot dableiben. Wiederum kann es nicht schlecht Brot sein, sonst wäre es nicht eine leibliche Gemeinschaft des Leibes Christi, sondern des Brotes. Darum muß, da das gebrochne Brot ist, auch wahrhaftig und leiblich sein der Leib Christi, wiewohl unsichtbarlich« (d. h. unleiblich). Luther (T. XIX, p. 203). Der Protestant gibt nur keine Erklärung über die Art und Weise, wie Brot Fleisch, Wein Blut sein könne. »Darauf stehen, gläuben und lehren wir auch, daß man im Abendmahl wahrhaftig und leiblich Christus' Leib zu sich nimmt und isset. Wie aber das zugehe, oder wie er im Brot sei, wissen wir nicht, sollen's auch nicht wissen.« Ders. (ebend., p. 393). »Wer ein Christ sein will, der soll nicht tun, wie unsre Schwärmer und Rottengeister tun, wie das sein könne, daß Brot Christus' Leib und Wein Christus' Blut sei.« Ders. (T. XVI, p. 220). »Da wir die Lehre von der Gegenwart des Leibes Christi beibehalten, was ist es nötig, nach der Art und Weise zu fragen?« Melanchthon (Vita Mel. Camerarius. Ed. Strobel., Halle 1777, p. 446). Auch die Protestanten nahmen daher ebenso wie die Katholiken zur Allmacht, der Quelle aller vernunftwidersprechenden Vorstellungen, ihre Zuflucht. (Concord. summ. Beg. Art. 7. Aff. 3. Negat. 13. S. auch Luther, z. B. T. XIX, p. 400.)

Ein köstliches, ja wahrhaft unvergleichliches und zugleich höchst lehrreiches Beispiel von der theologischen Unbegreiflichkeit und Übernatürlichkeit liefert die in betreff des Abendmahls (Konkordienbuch summ. Beg. Art. 7) gemachte Unterscheidung zwischen Mündlich und Fleischlich oder Natürlich. »Wir gläuben, lehren und bekennen, daß der Leib und Blut Christi nicht allein geistlich durch den Glauben, sondern auch mündlich, doch nicht auf kapernaitische, sondern übernatürliche, himmlische Weise, um der sakramentlichen Vereinigung willen, mit dem Brote und Wein empfangen werden.« »Wohl zu unterscheiden ist zwischen dem mündlichen und natürlichen Essen. Ob wir gleich das mündliche Essen annehmen und verteidigen, so verwerfen wir doch das natürliche . . . Alles natürliche Essen ist zwar ein mündliches, aber nicht umgekehrt ist das mündliche Essen sogleich auch ein natürliches . . . Obgleich es daher ein und derselbe Akt und ein und dasselbe Organ ist, womit wir das Brot und den Leib Christi, den Wein und das Blut Christi empfangen, so ist doch in der Art und Weise ein sehr großer Unterschied, da wir Brot und Wein auf natürliche und sinnliche Weise, den Leib und das Blut Christi aber zugleich zwar mit dem Brot und Wein, doch auf übernatürliche und unsinnliche Weise - eine Weise, die daher von keinem Sterblichen (sicherlich auch von keinem Gotte) erklärt werden kann - gleichwohl aber wirklich und mit dem Munde des Körpers empfangen.« J. F. Buddeus (l. c., lib. V. c. 1. § 15). Welch eine Heuchelei! Mit demselben Munde, womit er seinen Gott zwischen die Lippen preßt und sein Blut in sich saugt, um sich seiner wirklichen, d. i. fleischlichen Existenz zu versichern, mit demselben Munde leugnet der Christ, und zwar im heiligsten Moment seiner Religion, die fleischliche Gegenwart, den fleischlichen Genuß Gottes. So leugnet er also auch hier, daß er das Fleisch befriedigt, während er es in der Tat befriedigt.

 

Dogmatik und Moral, Glaube und Liebe widersprechen sich im Christentum. Wohl ist Gott, der Gegenstand des Glaubens, an sich der mystische Gattungsbegriff der Menschheit - der gemeinsame Vater der Menschen -, die Liebe zu Gott insofern die mystische Liebe zum Menschen. Aber Gott ist nicht nur das gemeinsame, er ist auch ein besondres, persönliches, von der Liebe unterschiednes Wesen. Wo sich das Wesen von der Liebe scheidet, entspringt die Willkür. Die Liebe handelt aus Notwendigkeit, die Persönlichkeit aus Willkür. Die Persönlichkeit bewährt sich als Persönlichkeit nur durch Willkür; die Persönlichkeit ist herrschsüchtig, ehrgeizig; sie will sich nur geltend machen. Die höchste Feier Gottes als eines persönlichen Wesens ist daher die Feier Gottes als eines schlechthin unumschränkten, willkürlichen Wesens. Die Persönlichkeit als solche ist indifferent gegen alle substantiellen Bestimmungen; die innere Notwendigkeit, der Wesensdrang erscheint ihr als Zwang. Hier haben wir das Geheimnis der christlichen Liebe. Die Liebe Gottes als Prädikat eines persönlichen Wesens hat hier die Bedeutung der Gnade: Gott ist ein gnädiger Herr, wie er im Judentum ein strenger Herr war. Die Gnade ist die beliebige Liebe - die Liebe, die nicht aus innerem Wesensdrang handelt, sondern was sie tut, auch nicht tun, ihren Gegenstand, wenn sie wollte, auch verdammen könnte -, also die grundlose, die unwesentliche, die willkürliche, die absolut subjektive, die nur persönliche Liebe. »Wer kann seinem Willen widerstehen, so er sich erbarmet über welchen er will und verstocket, welchen er will? Röm. 9, 18 . . . Der König tut, was er will. Also auch Gottes Wille. - Er hat über uns und alle Kreaturen gut Recht und vollkömmliche Macht zu tun, was er will. Und uns geschieht nicht Unrecht. - Wenn sein Wille ein Maß oder Regel, Gesetz, Grund oder Ursache hätte, so wäre es schon nimmer Gottes Wille.

Denn was er will - ist darum recht, daß er es so will. - Wo der Glaube und heilige Geist ist . . . die gläuben, daß Gott gut und gütig sei, wenn er auch alle Menschen verdammt. - Ist nicht Esau Jakobs Bruder? spricht der Herr. Doch habe ich Jakob lieb und hasse Esau.« Luther (T. XIX, p. 83, 87, 90, 91, 97). Wo die Liebe in diesem Sinne erfaßt wird, da wird daher eifersüchtig darüber gewacht, daß der Mensch sich nichts zum Verdienste anrechne, daß der göttlichen Persönlichkeit allein das Verdienst bleibe; da wird sorgfältig jeder Gedanke an eine Notwendigkeit beseitigt, um auch subjektiv durch das Gefühl der Verbindlichkeit und Dankbarkeit ausschließlich die Persönlichkeit feiern und verherrlichen zu können. Die Juden vergöttern den Ahnenstolz; die Christen dagegen verklärten und verwandelten das jüdisch-aristokratische Prinzip des Geburtsadels in das demokratische Prinzip des Verdienstadels. Der Jude macht die Seligkeit von der Geburt, der Katholik vom Verdienste des Werkes, der Protestant vom Verdienste des Glaubens abhängig. Aber der Begriff der Verbindlichkeit und Verdienstlichkeit verbindet sich nur mit einer Handlung, einem Werke, das nicht von mir gefordert werden kann oder nicht notwendig aus meinem Wesen hervorgeht. Die Werke des Dichters, des Philosophen können nur äußerlich betrachtet unter den Gesichtspunkt der Verdienstlichkeit gestellt werden. Sie sind Werke des Genies - notgedrungne Werke: der Dichter mußte dichten, der Philosoph philosophieren. Die höchste Selbstbefriedigung lag für sie in der beziehungs- und rücksichtslosen Tätigkeit des Schaffens. Ebenso ist es mit einer wahrhaft edeln moralischen Handlung. Für den edeln Menschen ist die edle Handlung eine natürliche: er zweifelt nicht, ob er sie tun soll, er legt sie nicht auf die Waage der Wahlfreiheit; er muß sie tun. Nur wer so handelt, ist auch ein zuverlässiger Mensch. Die Verdienstlichkeit führt immer die Vorstellung mit sich, daß man etwas sozusagen nur aus Luxus, nicht aus Notwendigkeit tut. Die Christen feierten nun wohl die höchste Handlung in ihrer Religion, die Menschwerdung Gottes, als ein Werk der Liebe. Aber die christliche Liebe hat insofern, als sie sich auf den Glauben stützt, auf die Vorstellung Gottes als eines Herrn, eines Dominus, die Bedeutung eines Gnadenaktes, einer an sich Gott überflüssigen, bedürfnislosen Liebe. Ein gnädiger Herr ist ein solcher, der von seinem Rechte abläßt, ein Herr, der tut aus Gnade, was er als Herr zu tun nicht nötig hat, was über den strikten Begriff des Herrn hinausgeht. Gott hat als Herr nicht nur die Pflicht, dem Menschen wohlzutun; er hat sogar das Recht - denn er ist durch kein Gesetz gebundner Herr - den Menschen zu vernichten, wenn er will. Kurz, die Gnade ist die unnotwendige Liebe, die Liebe im Widerspruch mit dem Wesen der Liebe, die Liebe, die nicht Wesen, nicht Natur ausdrückt, die Liebe, welche der Herr, das Subjekt, die Person Persönlichkeit ist nur ein abstrakter, moderner Ausdruck für Herrlichkeit - von sich unterscheidet als ein Prädikat, welches sie haben und nicht haben kann, ohne deswegen aufzuhören, sie selbst zu sein. Notwendig mußte sich daher auch im Leben, in der Praxis des Christentums dieser innere Widerspruch realisieren, das Subjekt vom Prädikat, der Glaube von der Liebe scheiden. Wie die Liebe Gottes zum Menschen nur ein Gnadenakt war, so wurde auch die Liebe des Menschen zum Menschen nur zu einem Gnadenakt des Glaubens. Die christliche Liebe ist der gnädige Glaube, wie die Liebe Gottes die gnädige Persönlichkeit oder Herrschaft. (Über die göttliche Willkür s. auch J. A. Ernestis schon oben zitierte Abhandlung: Vindiciae arbitrii divini.)

Der Glaube hat ein böses Wesen in sich. Der christliche Glaube, sonst nichts ist der oberste Grund der christlichen Ketzerverfolgungen und Ketzerhinrichtungen. Der Glaube anerkennt den Menschen nur unter der Bedingung, daß er Gott, d. h. den Glauben anerkennt. Der Glaube ist die Ehre, die der Mensch Gott erweist. Und diese Ehre gebührt ihm unbedingt. Dem Glauben ist die Basis aller Pflichten der Glaube an Gott - der Glaube die absolute Pflicht, die Pflichten gegen die Menschen nur abgeleitete, untergeordnete Pflichten. Der Ungläubige ist also ein rechtloses - ein vertilgungswürdiges Subjekt. Was Gott negiert, muß selbst negiert werden. Das höchste Verbrechen ist das Verbrechen der laesae majestatis Dei. Gott ist dem Glauben ein persönliches und zwar das allerpersönlichste, unverletzlichste, berechtigtste Wesen. Die Spitze der Persönlichkeit ist die Ehre - eine Injurie gegen die höchste Persönlichkeit also notwendig das höchste Verbrechen. Die Ehre Gottes kann man nicht als eine zufällige, rohsinnliche, anthropomorphistische Vorstellung desavouieren. Ist denn nicht auch die Persönlichkeit, auch die Existenz Gottes eine sinnliche, anthropomorphistische Vorstellung? Wer die Ehre negiert, sei so ehrlich, auch die Persönlichkeit aufzuopfern. Aus der Vorstellung der Persönlichkeit ergibt sich die Vorstellung der Ehre, aus dieser die Vorstellung der religiösen Injurie. »Wer der Obrigkeit fluchet, der werde nach ihrem Gutdünken bestraft, wer aber des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben, die ganze Gemeine soll ihn steinigen.« (3. Moses 24, 15. 16. Siehe auch Deut. 13, woraus die Katholiken das Recht, die Ketzer zu töten, ableiten. Boehmer 1. c., lib. V. T. VII. § 44.) » Daß diejenigen, welche von Gott nichts wissen, mit Recht als Gottlose, als Ungerechte bestraft werden, kann nur der Irreligiöse bezweifeln; denn es ist kein geringeres Verbrechen, den Vater von allem und den Herrn von allem nicht zu kennen, als zu beleidigen.« Minucii Fel. (Oct. c. 35). »Wo bleiben die Gebote des göttlichen Gesetzes, welche sagen: Ehre Vater und Mutter, wenn das Wort Vater, welches wir im Menschen ehren sollen, in Gott ungestraft verletzt wird?« Cyprianus (Epist. 73. ed. Gersdorf.). »Warum sollen denn, da dem Menschen von Gott freier Wille gegeben wurde, Ehebrüche durch die Gesetze bestraft, aber Irreligiositäten erlaubt werden? Ist die Treulosigkeit der Seele gegen Gott ein geringeres Vergehen, als die Treulosigkeit des Weibes gegen den Mann?« Augustinus (De correct. Donatist. lib. ad Bonif. c. 5). »Wenn die Falschmünzer mit dem Tode bestraft werden, wie sollen erst die bestraft werden, welche den Glauben verfälschen wollen?« Paulus Cortesius (In Sent. Petri L. lib. III. dist. 7). »Wenn man einen hochgestellten und mächtigen Mann nicht beleidigen darf, und wenn man ihn beleidigt hat, vor Gericht gestellt und als Injuriant mit Recht verurteilt wird - ein wieviel strafbareres Verbrechen ist es, wenn man Gott beleidigt? Immer wächst ja mit der Würde des Beleidigten die Schuld des Beleidigers.« Salvianus (De gubern. Dei, lib. VI. p. 218 ed. cit.). Aber die Ketzerei, der Unglaube überhaupt - die Ketzerei ist nur ein bestimmter, beschränkter Unglaube - ist eine Blasphemie, also das höchste, strafbarste Verbrechen. So schreibt, um von unzähligen Beispielen nur eines anzuführen, J.Oecolampadius an Servet: »Weil ich nicht die höchste Duldsamkeit an den Tag lege aus Unmut darüber, daß Jesus Christus der Sohn Gottes so entehrt wird, so scheine ich dir nicht christlich zu handeln. In allem andern werde ich mild sein, nur nicht bei Blasphemien gegen Christus.« (Historia Mich. Serveti, H. ab Allwoerden, Helmstadii 1727, p. 13.) Denn was ist Blasphemie? Jede Verneinung einer Vorstellung, einer Bestimmung, wobei die Ehre Gottes, die Ehre des Glaubens beteiligt ist. Servet fiel als ein Opfer des christlichen Glaubens. Calvin sagte noch zwei Stunden vor seinem Tode zu Servet: »Ich habe nie persönliche Beleidigungen geahndet« und schied von ihm mit bibelfester Gesinnung: ab haeretico homine, qui , peccabat, secundum Pauli praeceptum discessi. (Ibid. p. 120.) Es war also keineswegs persönlicher Haß, wenn auch dieser mit im Spiel gewesen sein mag, es war der religiöse Haß, der Servet auf den Scheiterhaufen brachte - der Haß, der aus dem Wesen des unbeschränkten Glaubens entspringt.

Die Todesstrafe verwarfen überhaupt sehr viele Christen, aber andere kriminalistische Strafen der Ketzer, wie Landesverweisung, Konfiskation Strafen, durch die man einen indirekt ums Leben bringt - fanden sie nicht im Widerspruch mit ihrem christlichen Glauben. Siehe hierüber J. H. Boehmer, Jus. Eccl. Protest. lib. V. Tit. VII. z. B. S 155, 157, 162, 163.

Selbst Melanchthon billigte bekanntlich Servets Hinrichtung. Die Schweizer Theologen, welche von den Genfern um ihre Meinung befragt wurden, erwähnten zwar in ihren Antworten schlangenklugerweise nichts von der Todesstrafe, aber stimmten doch darin mit den Genfern überein, daß Servet wegen seiner verabscheuungswürdigen Irrlehre strenge zu bestrafen sei. Also keine Differenz im Prinzip, nur in der Art und Weise der Bestrafung. Selbst Calvin war so christlich, daß er die grausame Todesart, wozu der Genfer Senat Servet verurteilte, mildern wollte. Auch die spätern Christen und Theologen billigten noch die Hinrichtung Servets. (S. hierüber z. B. M. Adami Vita Calvini, p. 90; Vita Bezae, p. 207; Vitae Theolog. exter. Francof. 1618.) Wir haben daher diese Hinrichtung als eine Handlung von allgemeiner Bedeutung als ein Werk des Glaubens, und zwar nicht des römischkatholischen, sondern des reformierten, des auf die Bibel reduzierten, des evangelischen Glaubens anzusehen. Daß man die Ketzer nicht durch Gewalt zum Glauben zwingen müsse, dies allerdings behaupteten die meisten Kirchenlichter, aber gleichwohl lebte in ihnen doch der boshafteste Ketzerhaß. So sagt z. B. der heilige Bernhard (Super Cantica, S. 66) in betreff der Ketzer: »Der Glaube ist anzuraten, aber nicht zu befehlen«; aber er setzt sogleich hinzu, daß es besser wäre, sie durch das Schwert der Obrigkeit zu unterdrücken,, als die Verbreitung ihrer Irrtümer geschehen zu lassen. - Wenn der jetzige Glaube keine solchen eklatanten Greueltaten mehr hervorbringt, so kommt das, abgesehen von andern Gründen, nur daher, daß unser Glaube kein unbedingter, entschiedner, lebendiger, sondern vielmehr ein skeptischer, eklektischer, ungläubiger, durch die Macht der Kunst und Wissenschaft gebrochner und gelähmter Glaube ist. Wo keine Ketzer mehr verbrannt werden, sei's nun im jenseitigen oder im diesseitigen Feuer, da hat der Glaube selbst kein Feuer mehr im Leibe. Der Glaube, der erlaubt, anderes zu glauben, verzichtet auf seinen göttlichen Ursprung und Rang, degradiert sich selbst zu einer nur subjektiven Meinung. Nicht dem christlichen Glauben, nicht der christlichen, d. h. der durch den Glauben beschränkten Liebe, nein! dem Zweifel an dem christlichen Glauben, dem Sieg der religiösen Skepsis, den Freigeistern, den Häretikern verdanken wir die Toleranz der Glaubensfreiheit. Die von der christlichen Kirche verfolgten Ketzer nur verfochten die Glaubensfreiheit. Die christliche Freiheit ist Freiheit nur im Unwesentlichen, die Grundartikel des Glaubens gibt sie nicht frei. - Wenn übrigens hier der christliche Glaube - der Glaube in seinem Unterschied von der Liebe betrachtet, denn der Glaube ist nicht eins mit der Liebe, »ihr könnt Glauben ohne Liebe haben« (Augustinus, Serm. ad pop., S. 90) als das Prinzip, der letzte Grund der, natürlich aus wirklichem Glaubenseifer entsprungenen, Gewalttaten der Christen gegen die Ketzer bezeichnet wird, so versteht es sich zugleich von selbst, daß der Glaube nicht unmittelbar und ursprünglich, sondern erst in seiner historischen Entwicklung diese Konsequenzen haben konnte. Gleichwohl war auch schon den ersten Christen, und zwar notwendigerweise, der Ketzer ein Antichrist - adversus Christum sunt haeretici, Cyprianus (Epist. 76, § 14 edit. cit.) ein fluchwürdiges - apostoli . . in epistolis haereticos exsecrati sunt, Cyprianus (ibid. § 6) - ein verlornes, von Gott in die Hölle verstoßnes, d. h. zum ewigen Tode verurteiltes Subjekt. »Da hörest du, daß das Unkraut bereits verdammt und zum Feuer verurteilet ist. Was willt du denn einem Ketzer viel Marter anlegen? Hörest du nicht, daß er bereit allzuschwer zu seiner Strafe verurteilet ist? Wer bist du, der du zugreifest und wilt den strafen, der schon in eines mächtigern Herrn Strafe gefallen ist? Was will ich einem Dieb anhaben, der schon zum Galgen verurteilt ist . . . Gott hat schon seine Engel verordnet, sie sollen zu seiner Zeit Henker sein über die Ketzer.« Luther (T. XVI, p. 132). Als daher der Staat, die Welt christlich, aber eben damit auch das Christentum weltlich, die christliche Religion Staatsreligion wurde, da war es eine notwendige Konsequenz, daß auch die erst nur religiöse oder dogmatische Vernichtung der Ketzer zu einer politischen, wirklichen Vernichtung wurde, die ewigen Höllenstrafen sich in zeitliche verwandelten. Wenn darum die Bestimmung und Behandlung der Ketzerei als eines strafbaren Verbrechens ein Widerspruch mit dem christlichen Glauben ist, so ist auch ein christlicher König, ein christlicher Staat ein Widerspruch mit demselben; denn ein christlicher Staat ist nur der, welcher das Gottesurteil des Glaubens mit dem Schwerte vollstreckt, den Gläubigen die Erde zum Himmel, den Ungläubigen zur Hölle macht. »Wir haben gezeigt . . . daß es die Sache religiöser Könige ist, nicht nur Ehebruch oder Menschenmord oder andere derartige Verbrechen, sondern auch Religionsschänderei (sacrilegia) mit angemeßner Strenge zu bestrafen.« Augustinus (Epist. ad Dulcitium). »Die Könige sollen dem Herrn Christo also dienen, daß sie mit Gesetzen dazu helfen, daß seine Ehre gefördert werde. - Wo nun weltliche Obrigkeit schändliche Irrtümer befindet, dadurch des Herrn Christi Ehre gelästert und der Menschen Seligkeit gehindert wird und Spaltung unter dem Volke entsteht.. . wo solche irrige Lehrer sich nicht weisen lassen und vom Predigen nicht ablassen wollen: da soll weltliche Oberkeit getrost wehren und wissen, daß es ihr Amts halb anders nicht gebühren will, denn daß sie Schwert und alle Gewalt dahin wende, auf daß die Lehre rein und der Gottesdienst lauter und ungefälscht, auch Friede und Einigkeit erhalten werde.« Luther (T. XV, p. 110-111). Bemerkt werde hier noch, daß Augustin die Anwendung von Zwangsmaßregeln zur Erweckung des christlichen Glaubens damit rechtfertigt, daß auch der Apostel Paulus durch eine sinnliche Gewalttat - ein Wunder zum Christentum bekehrt worden sei. (De correct. Donat. c. 6.) Der innige Zusammenhang zwischen den zeitlichen und ewigen, d. i. politischen und geistlichen Strafen erhellt schon daraus, daß dieselben Gründe, welche man gegen die weltliche Bestrafung der Ketzerei geltend gemacht hat, auch gegen die Höllenstrafen sprechen. Kann die Ketzerei oder der Unglaube deswegen nicht bestraft werden, weil er ein bloßer Irrtum ist, so kann er auch nicht von Gott in der Hölle bestraft werden. Widerspricht Zwang dem Wesen des Glaubens, so widerspricht auch die Hölle dem Wesen des Glaubens, denn die Furcht vor den schrecklichen Folgen des Unglaubens, den Qualen der Hölle, zwingt wider Wissen und Willen zum Glauben. Boehmer in seinem Jus. eccl. will die Ketzerei, den Unglauben aus der Klasse der Verbrechen gestrichen wissen, der Unglaube sei nur ein Vitium theologicum, ein Peccatum in Deum, d. h. eine Sünde gegen Gott. Allein Gott ist ja im Sinne des Glaubens nicht nur ein religiöses, sondern auch politisches, juristisches Wesen, der König der Könige, das eigentliche Staatsoberhaupt. »Es ist keine Obrigkeit ohne von Gott, sie ist Gottes Dienerin.« Römer 13, 1 - 4. Wenn daher der juristische Begriff der Majestät, der königlichen Würde und Ehre von Gott gilt, so muß auch konsequent von der Sünde gegen Gott, von dem Unglauben der Begriff des Verbrechens gelten. Und wie Gott, so der Glaube. Wo der Glaube noch eine Wahrheit ist, und zwar öffentliche Wahrheit, da zweifelt er nicht daran, daß er von jedem gefordert werden kann, daß jeder zum Glauben verpflichtet ist. - Bemerkt werde auch noch dieses, daß die christliche Kirche in ihrem Haß gegen die Ketzer so weit gegangen ist, daß nach dem kanonischen Recht sogar der Verdacht der Ketzerei ein Verbrechen ist, ita ut de jure canonico revera crimen suspecti detur, cujus existentiam frustra in jure civili quaerimus. Boehmer (l. c. V. Tit. VII. § 23-42).

Das Gebot der Feindesliebe erstreckt sich nur auf persönliche Feinde, nicht auf die Feinde Gottes, die Feinde des Glaubens. »Gebeut nicht der Herr Christus, daß wir auch unsere Feinde lieben sollen? wie rühmet sich denn allhier David, daß er hasse die Versammlung derer Boshaftigen, und sitze nicht bei denen Gottlosen? . . . Der Person halber soll ich sie lieben; aber um der Lehre willen soll ich sie hassen. Und also muß ich sie hassen oder muß Gott hassen, der da gebeut und will, daß man allein seinem Wort soll anhangen . . . Was ich mit Gott nicht lieben kann, das soll ich hassen; wenn sie nur etwas predigen, das wider Gott ist, so gehet alle Liebe und Freundschaft unter: daselbst hasse ich dich und tue dir kein Gutes. Denn der Glaube soll oben liegen, und da gehet, der Haß an und ist die Liebe aus, wenn es das Wort Gottes angehet . . . So will nun David sagen: ich hasse sie nicht darum, daß sie mir Leid und Übels täten und daß sie ein arges und böses Leben führeten, sondern daß sie Gottes Wort verachten, schänden, lästern, .verfälschen und verfolgen.« »Glaube und Liebe sind zweierlei. Glaube leidet nichts, Liebe leidet alles. Glaube flucht, Liebe segnet; Glaube sucht Rache und Strafe, Liebe sucht Schonen und Vergeben.« »Ehe der Glaube ließe Gottes Wort untergehen und Ketzerei stehen, wünschte er eher, daß alle Kreaturen untergingen; denn durch Ketzerei verliert man Gott selbst.« Luther (T. VI, p. 94; T. V, p. 624, 630). S. auch hierüber meine Beleuchtung in den deutschen Jahrb. und Augustini Enarrat. in Psalm. 138 (139). Wie Luther die Person, so unterscheidet auch Augustin hier den Menschen vom Feinde Gottes, vom Ungläubigen, und sagt, wir sollen die Gottlosigkeit im Menschen hassen, die Menschheit in ihm lieben. Aber was ist denn in den Augen des Glaubens der Mensch im Unterschied vom Glauben, der Mensch ohne Glaube, d. h. ohne Gott? Nichts, denn der Inbegriff aller Realitäten, aller Liebenswürdigkeiten, alles Guten und Wesenhaften ist der Glaube, als welcher allein Gott ergreift und besitzt. Wohl ist der Mensch als Mensch ein Bild Gottes, aber nur des natürlichen Gottes, Gottes als des Schöpfers der Natur. Der Schöpfer ist aber nur der Gott »von Außen«; der wahre Gott, Gott wie er »in sich selbst« ist, das »inwendige Wesen Gottes« ist der dreieinige Gott, ist insbesondere Christus. (S. Luther T. XIV, p. 2 u. 3 und T. XVI, p. 581.) Und das Bild dieses erst wahren, wesentlichen, christlichen Gottes ist auch nur der Gläubige, der Christ. Überdem ist ja der Mensch an und für sich schon nicht um seinetwillen, sondern um Gottes willen zu lieben. Augustinus (De doctrina chr., lib. I. c. 27. u. 22). Wie sollte also gar der ungläubige Mensch, der keine Ähnlichkeit, keine Gemeinschaft mit dem wahren Gott hat, ein Gegenstand der Liebe sein?

Der Glaube scheidet den Menschen vom Menschen, setzt an die Stelle der naturbegründeten Einheit und Liebe eine übernatürliche - die Einheit des Glaubens.

»Den Christen muß nicht nur der Glaube, sondern auch das Leben unterscheiden . . . Ziehet nicht, sagt der Apostel, am fremden Joche mit den Ungläubigen . . . Es bestehe also zwischen uns und ihnen die größte Trennung.« Hieronymus (Epist. Caelantiae matronae). »Wie kann das eine Ehe genannt werden, wo die Übereinstimmung des Glaubens fehlt? Wie viele sind aus Liebe zu ihren Weibern Verräter ihres Glaubens geworden!« Ambrosius (Epist. 70, lib. IX). »Denn Christen dürfen nicht Heiden oder Juden ehelichen.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 39. c. 1). Auch diese Scheidung ist keineswegs unbiblisch. Wir sehen ja vielmehr, daß die Kirchenväter sich gerade auf die Bibel berufen. Die bekannte Stelle des Apostels in betreff der Ehen zwischen Heiden und Christen bezieht sich nur auf Ehen, die schon vor dem Glauben bestanden, nicht auf solche, die erst geschlossen werden sollen. Man sehe, was hierüber schon Petrus Lomb. sagt in dem eben zitierten Buche. »Die ersten Christen haben alle ihre Verwandte, die sie von der Hoffnung der himmlischen Belohnung abwenden wollten, nicht erkannt, auch nicht einmal gehört. - Dies hielten sie vor die eigne Kraft des Evangelii, daß um dessen willen alle Blutsfreundschaft verachtet würde; indem... die Brüderschaft Christi der natürlichen weit vorginge. - Uns ist das Vaterland und der gemeine Name nicht lieb, als die wir selbst vor unsern Eltern einen Abscheu haben, wenn sie etwas wider den Herrn raten wollen.« G. Arnold (Wahre Abbild. der ersten Christen, B. IV, c. 2). »Wer Vater oder Mutter mehr liebet denn mich, der ist meiner nicht wert. Matth. 10, 37 . . . Hierin erkenne ich euch nicht als Eltern, sondern als Feinde an . . . Was habe ich mit euch zu schaffen? Was habe ich von euch außer Sünde und Elend?« Bernardus (Epist. 111. Ex. pers. Heliae mon. ad parentes). »Höre Isidors Ausspruch: viele Geistliche, Mönche . . . verlieren über dem zeitlichen Wohl ihrer Eltern ihre Seelen . . . Die Diener Gottes, welche für das Wohl ihrer Eltern sorgen, fallen von der Liebe Gottes ab.« (De Modo bene viv. Serm. VII.) »Jeden gläubigen Menschen halte für deinen Bruder.« (Ibid. Serm. XIII.) »Ambrosius sagt, daß wir weit mehr lieben sollen die Kinder, die wir aus der Taufe heben, als die Kinder, die wir fleischlich zeugten.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 6. c. 5. addit. Henr. ed Vurim.). »Die Kinder werden mit der Sünde geboren, und erben nicht das ewige Leben ohne Erlassung der Sünde . . . Da es also nicht zweifelhaft ist, daß in den Kindern die Sünde ist, so muß einiger Unterschied sein zwischen den Kindern der Heiden, welche schuldig bleiben, und den Kindern in der Kirche, welche von Gott angenommen werden.« Melanchthon (Loci de bapt. inf. Argum. II. Vgl. hiezu auch die oben als ein Zeugnis von der Beschränktheit der christgläubigen Liebe aus Buddeus angeführte Stelle). »Mit den Ketzern darf man weder beten, noch singen.« Concil. Carthag. IV. can. 72 (Carranza Summ.). »Die Bischöfe oder Geistlichen sollen an die, welche keine katholischen Christen sind, auch wenn sie ihre Blutsverwandte sind, nichts von ihren Sachen verschenken.« Concil. Carthag. III. can. 13 (ibid.).

Der Glaube hat die Bedeutung der Religion, die Liebe nur die der Moral. Dies hat besonders entschieden der Protestantismus ausgesprochen. Der Ausdruck, daß die Liebe nicht vor Gott gerecht mache, sondern nur der Glaube, sagt eben nichts weiter aus, als daß die Liebe keine religiöse Kraft und Bedeutung habe. (S. Apologie der augsburgischen Konfess. Art. 3. Von der Liebe und Erfüllung des Gesetzes.) Zwar heißt es hier: »Darum was die Scholastici von der Liebe Gottes reden, ist ein Traum und ist unmöglich Gott zu lieben, ehe wir durch den Glauben die Barmherzigkeit erkennen und ergreifen. Denn alsdann erst wird Gott objectum amabile, ein lieblich, selig Anblick.« Es wird also hier zum eigentlichen Objekt des Glaubens die Barmherzigkeit, die Liebe gemacht. Allerdings unterscheidet sich zunächst der Glaube auch nur dadurch von der Liebe, daß er außer sich setzt, was die Liebe in sich setzt. »Wir gläuben, unsere Gerechtigkeit, Heil und Trost stehe außer uns.« Luther (T. XVI, p. 497. S. auch T. IX, p. 587). Allerdings ist der Glaube im protestantischen Sinne der Glaube an die Vergebung der Sünde, der Glaube an die Gnade, der Glaube an Christus, als den für den Menschen sterbenden und leidenden Gott, so daß der Mensch, um die ewige Seligkeit zu erlangen, nichts weiter seinerseits zu tun hat, als diese Hingebung Gottes für ihn selbst wieder hingebend, d. h. gläubig, zuversichtlich anzunehmen. Aber Gott ist nicht allein als Liebe Gegenstand des Glaubens. Im Gegenteil, der charakteristische Gegenstand des Glaubens als Glaubens ist Gott als Subjekt. Oder ist etwa ein Gott, der dem Menschen kein Verdienst gönnt, der alles nur sich ausschließlich vindiziert, eifersüchtig über seiner Ehre wacht, ist ein solcher selbstsüchtiger Gott ein Gott der Liebe?

Die aus dem Glauben hervorgehende Moral hat zu ihrem Prinzip und Kriterium nur den Widerspruch mit der Natur, mit dem Menschen. Wie der höchste Gegenstand des Glaubens der ist, welcher der Vernunft am meisten widerspricht, die Eucharistie, so ist notwendig die höchste Tugend der dem Glauben getreuen und gehorsamen Moral die, welche am meisten der Natur widerspricht. Die dogmatischen Wunder haben konsequent moralische Wunder in ihrem Gefolge. Die widernatürliche Moral ist die natürliche Schwester des übernatürlichen Glaubens. Wie der Glaube die Natur außer dem Menschen, so überwindet die Glaubensmoral die Natur im Menschen. Diesen praktischen Supernaturalismus, dessen epigrammatische Spitze die »Jungferschaft, die Schwester der Engel, die Königin der Tugenden, die Mutter alles Guten« ist (s. A. v. Buchers: Geistliches Suchverloren. Sämmtl. W., B. VI, 151), hat insbesondere der Katholizismus ausgebildet; denn der Protestantismus hat nur das Prinzip des Christentums festgehalten, aber die notwendigen Konsequenzen desselben willkürlich, eigenmächtig weggestrichen, hat sich nur den christlichen Glauben, aber nicht die christliche Moral zu Gemüte gezogen. Der Protestantismus hat den Menschen im Glauben auf den Standpunkt des ersten Christentums, aber im Leben, in der Praxis, in der Moral auf den vorchristlichen, auf den heidnischen oder alttestamentlichen, auf den adamitischen, den natürlichen Standpunkt zurückversetzt. Die Ehe hat Gott im Paradiese eingesetzt; darum gilt auch heute noch, auch den Christen noch das Gebot: Mehret euch! Christus gibt nur denen den Rat, sich nicht zu verheiraten, die dazu geschickt sind. Die Keuschheit ist eine übernatürliche Gabe; sie kann also nicht jedem zugemutet werden. Aber ist denn nicht auch der Glaube eine übernatürliche Gabe, eine besondere Gnade Gottes, ein Wunderwerk, wie Luther unzähligemale sagt, und wird er nicht dennoch uns allen zum Gebote gemacht? Ergeht nicht deshalb das Gebot an uns, daß wir unsere natürliche Vernunft »töten, blenden und schänden« sollen? Ist nicht der Trieb, nichts zu glauben und anzunehmen, was der Vernunft widerspricht, ebenso natürlich, so stark, so notwendig in uns als der Geschlechtstrieb? Wenn wir Gott um Glauben bitten sollen, weil wir für uns selbst zu schwach sind, warum sollen wir nicht aus demselben Grund Gott um die Keuschheit anflehen? Wird er uns diese Gabe versagen, wenn wir ihn ernstlich darum anflehen? Nimmermehr; also können wir ebensogut die Keuschheit als den Glauben als ein allgemeines Gebot betrachten, denn was wir nicht durch uns selbst, das vermögen wir durch Gott. Was gegen die Keuschheit, das spricht auch gegen den Glauben, und was für den Glauben, das spricht auch für die Keuschheit. Eins steht und fällt mit dem andern; mit dem übernatürlichen Glauben ist eine übernatürliche Moral notwendig verbunden. Dieses Band zerriß der Protestantismus; im Glauben bejahte er das Christentum, im Leben, in der Praxis verneinte er es, anerkannte er die Autonomie der natürlichen Vernunft, des Menschen, setzte er den Menschen in seine ursprünglichen Rechte ein. Nicht weil sie , der Bibel widerspricht - hier wird ihr vielmehr das Wort geredet -, weil sie dem Menschen, der Natur widerspricht, deshalb verwarf er die Ehelosigkeit, die Keuschheit. »Wer aber ja einsam sein will, der tue den Namen >Mensch< weg und beweise oder schaff's, daß er ein Engel oder Geist sei . . . Es ist zu erbarmen, daß ein Mensch so toll soll sein, daß sich wundert, daß ein Mann ein Weib nimmt oder daß sich jemand des schämen sollte, weil sich niemand wundert, daß Menschen zu essen und zu trinken pflegen. Und diese Notdurft, da das menschliche Wesen herkommt, soll noch erst in Zweifel und Wunder stehen.« Luther (T. XIX, p. 368, 369). Unentbehrlich ist also dem Manne das Weib, so unentbehrlich wie Speise und Trank. Stimmt dieser Unglaube an die Möglichkeit und Realität der Keuschheit mit der Bibel überein, wo uns die Ehelosigkeit als ein löblicher und folglich möglicher, erreichbarer Stand angepriesen wird? Nein! er widerspricht ihr gradezu. Der Protestantismus negierte auf dem Gebiete der Moral infolge seines praktischen Sinnes und Verstandes, also aus eigner Kraft und Macht den christlichen Supranaturalismus.

Das Christentum existiert für ihn nur im Glauben - nicht im Rechte, nicht in der Moral, nicht im Staate. Wohl gehört wesentlich zum Christen auch die Liebe (der Inbegriff der Moral), so daß, wo keine Liebe, wo sich der Glaube nicht durch die Liebe betätigt, kein Glaube, kein Christentum ist. Aber gleichwohl ist die Liebe nur die Erscheinung des Glaubens nach außen, nur eine Folge und nur etwas Menschliches. »Der Glaube allein handelt mit Gott«, »der Glaube macht uns zu Göttern«, die Liebe zu Menschen, und, wie der Glaube nur für Gott, so ist auch Gott nur für den Glauben, d. h. der Glaube allein ist das Göttliche, das Christliche im Menschen. Dem Glauben gehört das ewige, der Liebe nur dies zeitliche Leben. »Gott hat dieses zeitliche irdische Leben lange zuvor ehe Christus gekommen ist, der ganzen Welt gegeben und gesagt, daß man ihn und den Nächsten lieben soll. Darnach hat er auch der Welt gegeben seinen Sohn Christum, auf daß wir durch ihn und in ihm auch das ewige Leben haben sollen . . . Moses und das Gesetz gehört zu diesem Leben, aber zu jenem Leben müssen wir den Herrn haben.« Luther (T. XVI, p. 459). Obwohl also die Liebe zum Christen gehört, so ist doch der Christ nur dadurch Christ, daß er glaubt an Christus. Wohl ist der Nächstendienst - in welcher Art, welchem Stande und Berufe er auch nur immer geschehe - Gottesdienst. Aber der Gott, dem ich diene, indem ich ein weltliches oder natürliches Amt verrichte, ist auch nur der allgemeine, weltliche, natürliche vorchristliche Gott. Die Obrigkeit, der Staat, die Ehe existierte schon vor dem Christentum, war eine Einsetzung, eine Anordnung Gottes, in der er sich noch nicht als den wahren Gott, als Christus offenbarte. Christus hat mit allen diesen weltlichen Dingen nichts zu schaffen, sie sind ihm äußerlich, gleichgütig. Aber eben deswegen verträgt sich jeder weltliche Beruf und Stand mit dem Christentum; denn der wahre, christliche Gottesdienst ist allein der Glaube, und diesen kann man überall ausüben. Der Protestantismus bindet den Menschen nur im Glauben, alles übrige gibt er frei, aber nur, weil es dem Glauben äußerlich ist. Wohl binden uns die Gebote der christlichen Moral, wie z. B.: Ihr sollt euch nicht rächen usw., aber sie gelten nur für uns als Privatpersonen, nicht für uns als öffentliche Personen. Die Welt wird nach ihren eignen Gesetzen regiert. Der Katholizismus hat »das weltliche und geistliche Reich untereinandergemengt«, d. h. er wollte die Welt durch das Christentum beherrschen. Aber Christus ist nicht darum auf Erden kommen, daß er dem Kaiser Augusto in sein Regiment greife und ihn lehre, wie er regieren solle.« Luther (T. XVI, p. 49). Wo das Weltregiment anfängt, da hört das Christentum auf - da gilt die weltliche Gerechtigkeit, das Schwert, der Krieg, der Prozeß. Als Christ laß ich mir ohne Widerstand meinen Mantel stehlen, aber als Bürger verlange ich ihn von Rechts wegen wieder zurück. »Das Evangelium schafft nicht das Naturrecht ab.« Melanchthon (De vindicta Loci. S. über diesen Gegenstand auch M. Chemnitii Loci theol. de vindicta). Kurz, der Protestantismus ist die praktische Negation des Christentums, die praktische Position des natürlichen Menschen. Wohl gebietet auch er die Tötung des Fleisches, die Negation des natürlichen Menschen; aber abgesehen davon, daß sie keine religiöse Bedeutung und Kraft mehr für ihn hat, nicht gerecht, d. h. nicht gottwohlgefällig, nicht selig macht - die Negation des Fleisches im Protestantismus unterscheidet sich nicht von der Beschränkung des Fleisches, welche dem Menschen die natürliche Vernunft und Moral auferlegen. Die notwendigen praktischen Folgen des christlichen Glaubens hat der Protestantismus in das Jenseits, in den Himmel hinausgeschoben, d. h. eben in revera negiert. Im Himmel erst hört der weltliche Standpunkt des Protestantismus auf - dort verheiraten wir uns nicht mehr, dort erst werden wir neue Kreaturen; aber hier bleibt alles beim alten, »bis in jenes Leben, da wird das äußerliche Leben geändert, denn Christus ist nicht kommen, die Kreatur zu ändern«. Luther (T. XV, p. 62). Hier sind wir zur Hälfte Heiden, zur Hälfte Christen, halb Bürger der Erde, halb Bürger des Himmels. Von dieser Teilung, diesem Zwiespalt, diesem Bruche weiß aber der Katholizismus nichts. Was er im Himmel, d. h. im Glauben, das negiert er auch, soviel als möglich, auf der Erde, d. h. in der Moral. »Es erfordert eine große Kraft und sorgfältige Achtsamkeit, zu überwinden, was du von Geburt bist: im Fleische nicht fleischlich zu leben, täglich mit dir zu kämpfen.« Hieronymus (Epist. Furiae Rom. nobilique viduae). » Je mehr du die Natur bezwingst und unterdrückst, desto größere Gnade wird dir eingeflößt.« Thomas a. K. (Imit. lib. III. c. 54). »Fasse Mut und habe die Kraft, sowohl zu tun, als zu leiden, was der Natur widerspricht.« (Ibid. c. 49.) »O wie selig ist der Mensch, der deinetwegen, o Herr, allen Kreaturen den Abschied gibt, der der Natur Gewalt antut und die Begierden des Fleisches in der Glut des Geistes kreuzigt.« (Ibid. c. 48.) »Aber leider! lebt noch der alte Mensch in mir, er ist noch nicht ganz gekreuzigt.« (Ibid. c. 34.) Und diese Sätze sind keineswegs nur ein Ausdruck der frommen Individualität des Verfassers der Schrift »De imitatione Christi«; sie drücken die echte Moral des Katholizismus aus - die Moral, welche die Heiligen mit ihrem Leben bestätigten und selbst das sonst so weltliche Oberhaupt der Kirche sanktionierte. (Siehe z. B. die Canonizatio S. Bernhardi Abbatis per Alexandrum papam III. anno Ch. 1164.) Aus diesem rein negativen Moralprinzip kommt es auch, daß sich innerhalb des Katholizismus selbst diese krasse Ansicht aussprechen konnte und durfte, daß das bloße Märtyrertum auch ohne die Triebfeder der Liebe zu Gott himmlische Seligkeit erwerbe.

Allerdings negierte auch der Katholizismus in praxi die supranaturalistische Moral des Christentums; aber seine Negation hat eine wesentlich andere Bedeutung, als die des Protestantismus; sie ist nur eine Negation de facto, aber nicht de jure. Der Katholik verneinte im Leben, was er im Leben bejahen sollte - wie z. B. das Gelübde der Keuschheit bejahen wollte, wenn er wenigstens ein religiöser Katholik war, aber der Natur der Sache nach nicht bejahen konnte. Er machte also das Naturrecht geltend, er befriedigte die Sinnlichkeit - er war, mit einem Worte, Mensch im Widerspruch mit seinem wahren Wesen, seinem religiösen Prinzip und Gewissen. »Leider! lebt noch in mir der alte (d. i. wirkliche) Mensch.« Der Katholizismus hat der Welt den Beweis gegeben, daß die übernatürlichen Glaubensprinzipien des Christentums, auf das Leben angewandt, zu Moralprinzipien gemacht, immoralische, grundverderbliche Folgen haben. Diese Erfahrung zog sich der Protestantismus zunutze, oder vielmehr sie rief den Protestantismus hervor. Er machte daher die - im Sinne des wahren Katholizismus, allerdings nicht im Sinne der entarteten Kirche - illegitime praktische Negation des Christentums zum Gesetz, zur Norm des Lebens: Ihr könnt im Leben, wenigstens diesem Leben, keine Christen, keine besondere übermenschliche Wesen sein, also sollt ihr auch keine sein. Und er legitimierte vor seinem im Christentum befangenen Gewissen sogar diese Negation des Christentums selbst wieder aus dem Christentum, erklärte sie für christlich kein Wunder daher, daß nun endlich das moderne Christentum nicht nur die praktische, sondern selbst auch die theoretische, also die totale Negation des Christentums für Christentum ausgibt. Wenn übrigens der Protestantismus als der Widerspruch, der Katholizismus als die Einheit von Glauben und Leben bezeichnet wird, so versteht es sich von selbst, daß damit beiderseits nur das Wesen, das Prinzip bezeichnet werden soll.


Der Glaube opfert Gott den Menschen auf. Das Menschenopfer gehört selbst zum Begriffe der Religion. Die blutigen Menschenopfer dramatisieren nur diesen Begriff. »Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak.« Hebräer 11, 17. »Wie viel größer ist Abraham, welcher seinen einzigen Sohn dem Willen nach tötete . . . Jephtha opferte seine jungfräuliche Tochter und wird deswegen von dem Apostel unter den Heiligen aufgezählt.« , Hieronymus (Epist. Juliano). Auch in der christlichen Religion ist es nur das Blut, die Negation des Menschensohnes, wodurch der Zorn Gottes gestillt, Gott mit dem Menschen versöhnt wird. Darum mußte ein reiner, schuldloser Mensch als Opfer fallen. Solches Blut nur ist kostbar, solches nur hat versöhnende Kraft. Und dieses am Kreuze zur Besänftigung des göttlichen Zornes vergoßne Blut genießen die Christen im Abendmahl zur Bestärkung und Besiegelung ihres Glaubens. Aber warum denn das Blut in der Gestalt des Weins, das Fleisch unter der Gestalt des Brotes? Damit es nicht den Schein hat, als äßen die Christen wirklich Menschenfleisch, als tränken sie wirklich Menschenblut, damit nicht der natürliche Mensch, d. i. der homo verus beim Anblick von wirklichem Menschenfleisch und Blute vor den Mysterien des christlichen Glaubens zurückschaudert. »Damit nicht die menschliche Schwachheit vor dem Essen des Fleisches und dem Trinken des Blutes sich entsetzte, wollte Christus beides mit den Gestalten des Brots und Weins bedecken und bemänteln.« Bernardus (Edit. cit. p. 189-191). »Aus drei Gründen wird nach Christi Verordnung Fleisch und Blut unter einer andern Gestalt genossen. Erstlich deswegen, damit der Glaube, welcher sich auf die unsichtbaren Dinge bezieht, ein Verdienst hätte, denn der Glaube hat da kein Verdienst, wo die menschliche Vernunft einen Erfahrungsbeweis gewährt. Dann deswegen, damit nicht die Seele sich vor dem entsetzte, was das Auge erblickte, denn wir sind es nicht gewohnt, rohes Fleisch zu essen und Blut zu trinken. Und endlich deswegen, damit die Ungläubigen nicht die christliche Religion insultierten . . . uns nämlich nicht darum verlachten, daß wir das Blut eines getöteten Menschen tränken.« Petrus Lomb. (Lib. IV. dist. 11. c. 4).
Aber wie das blutige Menschenopfer in der höchsten Negation des Menschen zugleich die höchste Position desselben ausdrückt, denn nur deswegen, weil das Menschenleben für das Höchste gilt, weil also das Opfer desselben das schmerzlichste ist, das Opfer, welches die größte Oberwindung kostet, wird es Gott dargebracht - ebenso ist auch der Widerspruch der Eucharistie mit der menschlichen Natur nur ein scheinbarer. Auch ganz abgesehen davon, daß Fleisch und Blut mit Wein und Brot, wie der heil. Bernhard sagt, bemäntelt werden, d. h. in Wahrheit nicht Fleisch, sondern Brot, nicht Blut, sondern Wein genossen wird - das Mysterium der Eucharistie löst sich auf in das Geheimnis des Essens und Trinkens. ». . . Alle alte christliche Lehrer . . . lehren, daß der Leib Christi nicht allein geistlich mit dem Glauben, welches auch außerhalb des Sakraments geschieht, sondern auch mündlich, nicht allein von gläubigen, frommen, sondern auch von unwürdigen, ungläubigen, falschen und bösen Christen empfangen werde.« »So ist nun zweierlei Essen des Fleisches Christi, eines geistlich . . . Solch geistlich Essen aber ist nichts andres als der Glaube . . . Das andere Essen des Leibes Christi ist mündlich oder sakramentlich.« (Konkordienb. Erkl. Art. 7.) »Der Mund isset den Leib Christi leiblich.« Luther (wider die Schwarmgeister, T. XIX, p. 417). Was begründet also die spezifische Differenz der Eucharistie? Essen und Trinken.

Außer dem Sakrament wird Gott geistig, im Sakrament sinnlich, mündlich genossen, d. h. getrunken und gegessen leiblich angeeignet, assimiliert. Wie könntest du aber Gott in deinen Leib aufnehmen, wenn er dir für ein Gottes unwürdiges Organ gälte? Schüttest du den Wein in ein Wassergefäß? Ehrst du ihn nicht durch ein besondres Glas? Fassest du mit deinen Händen oder Lippen an, was dich ekelt? Erklärst du nicht dadurch das Schöne allein für das Berührungswürdige? Sprichst du nicht die Hände und Lippen heilig, wenn du mit ihnen das Heilige ergreifst und berührst? Wenn also Gott gegessen und getrunken wird, so wird Essen und Trinken als ein göttlicher Akt ausgesprochen. Und dies sagt die Eucharistie, aber auf eine sich selbst widersprechende, mystische, heimliche Weise. Unsere Aufgabe ist es jedoch, offen und ehrlich, deutlich und bestimmt das Mysterium der Religion auszusprechen. Das Leben ist Gott, Lebensgenuß Gottesgenuß, wahre Lebensfreude wahre Religion. Aber zum Lebensgenuß gehört auch der Genuß von Speise und Trank. Soll daher das Leben überhaupt heilig sein, so muß auch Essen und Trinken heilig sein. Ist diese Konfession Irreligion? Nun, so bedenke man, daß diese Irreligion das analysierte, explizierte, das unumwunden ausgesprochene Geheimnis der Religion selbst ist. Alle Geheimnisse der Religion resolvieren sich zuletzt, wie gezeigt, in das Geheimnis der himmlischen Seligkeit. Aber die himmlische Seligkeit ist nur die von den Schranken der Wirklichkeit entblößte Glückseligkeit. Die Christen wollen so gut glückselig sein als die Heiden. Der Unterschied ist nur, daß die Heiden den Himmel auf die Erde, die Christen die Erde in den Himmel versetzen. Endlich ist, was ist, was wirklich genossen wird; aber unendlich, was nicht ist, was nur geglaubt und gehofft wird.

 

Die christliche Religion ist ein Widerspruch. Sie ist die Versöhnung und zugleich der Zwiespalt, die Einheit zugleich und der Gegensatz von Gott und Mensch. Dieser personifizierte Widerspruch ist der Gottmensch - die Einheit der Gottheit und Menschheit in ihm Wahrheit und Unwahrheit.

Wegen dieser Behauptung verweise ich auf Lützelbergers Schrift: »Die kirchliche Tradition über den Apostel Johannes und seine Schriften in ihrer Grundlosigkeit nachgewiesen«, und Bruno Bauers Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker und des Johannes« (III. B.).

Es ist schon oben behauptet worden, daß, wenn Christus zugleich Gott, Mensch und zugleich ein andres Wesen war, welches als ein des Leidens unfähiges Wesen vorgestellt wird, sein Leiden nur eine Illusion war. Denn sein Leiden für ihn als Menschen war kein Leiden für ihn als Gott. Nein! was er als Mensch bekannte, leugnete er als Gott. Er litt nur äußerlich, nicht innerlich, d. h. er litt nur scheinbar, doketisch, aber nicht wirklich; denn nur der Erscheinung, dem Ansehn, dem Äußern nach war er Mensch, in Wahrheit, im Wesen aber, welches eben deswegen nur den Gläubigen Gegenstand war, Gott. Ein wahres Leiden wäre es nur gewesen, wenn er zugleich als Gott gelitten hätte. Was nicht in Gott selbst aufgenommen, wird nicht in die Wahrheit, nicht in das Wesen, die Substanz aufgenommen. Unglaublich aber ist es, daß die Christen selbst, teils direkt, teils indirekt, eingestanden haben, daß ihr höchstes, heiligstes Mysterium nur eine Illusion, eine Simulation ist. Eine Simulation, die übrigens schon dem durchaus unhistorischen, theatralischen, illusorischen Evangelium Johannis zugrunde liegt, wie dies unter anderm besonders aus der Auferweckung des Lazarus hervorgeht, indem hier der allmächtige Gebieter über Tod und Leben offenbar nur zur Ostentation seiner Menschlichkeit sogar Tränen vergießt und ausdrücklich sagt: »Vater, ich danke dir, daß du mich erhöret hast, doch ich weiß, daß du mich allezeit hörest, sondern um des Volks willen, das umher stehet, sage ich es, daß sie glauben.« Diese evangelische Simulation hat nun die christliche Kirche bis zur offenbaren Verstellung ausgebildet. »Derselbe litt und litt nicht . . . Er litt seinem angenommenen Leibe nach, damit der angenommene Leib für ein wirklicher gehalten würde, aber er litt nicht der leidensunfähigen Gottheit des Worts nach . . . Er war also unsterblich im Tode, leidensunfähig im Leiden ... Warum schreibst du der Gottheit die Leiden des Körpers zu und verbindest die Schwachheit des menschlichen Schmerzes mit der göttlichen Natur?« Ambrosius (De incarnat. dom. sac., c. 4 u. 5). »Der menschlichen Natur nach nahm er an Weisheit zu, nicht weil er selbst mit der Zeit weiser wurde. . ., sondern eben die Weisheit, von der er voll war, zeigte er den andern allmählich mit der Zeit . . . für andere also, nicht für sich nahm er an Weisheit und Gnade zu.« Gregorius (bei Petrus Lomb. lib. III. dist. 13. c. 1). » Er nahm also zu, dem Schein und der Meinung andrer Menschen nach. So heißt es von ihm, daß er in seiner Kindheit Vater und Mutter nicht gekannt hätte, weil er sich so benahm und betrug, als wenn er sie nicht gekannt hätte.« Petrus Lomb. (ibid. c. 2). »Als Mensch also zweifelt er, als Mensch hat er gesprochen. (Ambrosius.) Mit diesen Worten scheint angedeutet zu werden, daß Christus nicht als Gott oder Gottes Sohn, sondern als Mensch mit menschlichem Affekt gezweifelt hat, was aber nicht so zu verstehen ist, als wenn er selbst gezweifelt hätte, sondern nur so, daß er sich wie ein Zweifelnder benahm und den Menschen zu zweifeln schien.« Petrus Lomb. (ibid. dist. 17. c. 2). Wir haben im ersten Teil unsrer Schrift die Wahrheit, im zweiten die Unwahrheit der Religion oder vielmehr der Theologie dargestellt. Wahrheit ist nur die Identität Gottes und des Menschen - Wahrheit nur die Religion, wenn sie die menschlichen Bestimmungen als göttliche bejaht, Falschheit, wenn sie, als Theologie, dieselben negiert, Gott als ein andres Wesen sondernd vom Menschen. So hatten wir im ersten Teil zu beweisen die Wahrheit des Leidens Gottes; hier haben wir den Beweis von der Unwahrheit dieses Leidens, und zwar nicht den subjektiven, sondern den objektiven das Eingeständnis der Theologie selbst, daß ihr höchstes Mysterium, das Leiden Gottes, nur eine Täuschung, Illusion ist. Habe ich also falsch geredet, wenn ich sagte, das oberste Prinzip der christlichen Theologie sei die Hypokrisie? Leugnet nicht auch der Theanthropos, daß er Mensch ist, während er Mensch ist? O widerlegt mich doch!

Es ist daher die höchste Kritiklosigkeit, Unwahrhaftigkeit und Willkürlichkeit, die christliche Religion, wie es die spekulative Philosophie gemacht hat, nur als Religion der Versöhnung, nicht auch als Religion des Zwiespalts zu demonstrieren, in dem Gottmenschen nur die Einheit, nicht auch den Widerspruch des göttlichen und menschlichen Wesens zu finden. Christus hat nur als Mensch, nicht als Gott gelitten - Leidensfähigkeit ist aber das Zeichen wirklicher Menschheit -, nicht als Gott ist er geboren, gewachsen an Erkenntnis, gekreuzigt; d. h. alle menschlichen Bestimmungen sind von ihm als Gott entfernt geblieben.

Das göttliche Wesen ist in der Menschwerdung, ungeachtet der Behauptung, daß Christus zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch gewesen, ebensogut entzweit mit dem menschlichen Wesen, als vor derselben, indem jedes Wesen die Bestimmung des andern von sich ausschließt, obwohl beide, aber auf eine unbegreifliche, mirakulöse, d. i. unwahre, der Natur des Verhältnisses, in dem sie zueinander stehen, widersprechende Weise zu einer Persönlichkeit verknüpft sein sollen. Auch die Lutheraner, ja Luther selbst, so derb er sich über die Gemeinschaft und Vereinigung der menschlichen und göttlichen Natur in Christo ausspricht, kommt doch nicht über ihren unversöhnlichen Zwiespalt hinaus. »Gott ist Mensch und Mensch ist Gott, dadurch doch weder die Naturen, noch derselben Eigenschaften miteinander vermischt werden, sondern es behält eine jede Natur ihr Wesen und Eigenschaften.« »Es hat der Sohn Gottes selbst wahrhaftig, doch nach der angenommenen menschlichen Natur gelitten und ist wahrhaftig gestorben, wiewohl die göttliche Natur weder leiden noch sterben kann.« »Ist recht geredet: Gottes Sohn leidet. Denn obwohl das eine Stück (daß ich so rede) als die Gottheit nicht leidet, so leidet dennoch die Person, welche Gott ist, am andern Stück als an der Menschheit; denn in der Wahrheit ist Gottes Sohn für uns gekreuzigt, das ist die Person, die Gott ist; denn sie ist, sie (sage ich), die Person ist gekreuzigt nach der Menschheit.« »Die Person ist's, die alles tut und leidet, eines nach dieser Natur, das andre nach jener Natur, wie das alles die Gelehrten wohl wissen.« Konkordienbuch (Erklär. Art. 8). »Es ist Gottes Sohn und Gott selbst ermordet und erwürget: denn Gott und Mensch ist eine Person. Darum ist der Gott gekreuziget und gestorben, der Mensch worden; nicht der abgesonderte Gott, sondern der vereinigte Gott mit der Menschheit: nicht nach der Gottheit, sondern nach der menschlichen Natur, die er angenommen.« Luther (T. III, p. 502). So sind also nur in der Person, d. h. nur in einem Nomen proprium, nur dem Namen nach, aber nicht im Wesen, nicht in der Wahrheit die beiden Naturen zur Einheit verbunden. »Wann gesagt wird: Gott ist Mensch oder der Mensch ist Gott, so heißt ein solcher Satz ein persönlicher, weil er eine persönliche Vereinigung in Christo voraussetzt, denn ohne eine solche Vereinigung der Naturen in Christo hätte ich niemals sagen können, daß Gott Mensch oder der Mensch Gott sei . . . Ganz klar aber ist, daß die Naturen im allgemeinen nicht miteinander verbunden werden können und man daher nicht sagen kann: die göttliche Natur ist die menschliche oder die Gottheit ist die Menschheit und umgekehrt.« J. F. Buddeus (l. c. lib. IV. c. II. § 11). So ist also die Einheit des göttlichen und menschlichen Wesens in der Inkarnation nur eine Täuschung, eine Illusion. Das alte Dissidium von Gott und Mensch liegt auch ihr noch zugrunde und wirkt um so verderblicher, ist um so häßlicher, als es sich hinter den Schein, hinter die Imagination der Einheit verbirgt. Darum war auch der Sozinianismus nichts weniger als flach, wenn er wie die Trinität, so auch das Kompositum des Gottmenschen negierte - er war nur konsequent, nur wahrhaft. Gott war ein dreipersönliches Wesen und doch sollte er zugleich schlechthin einfach, ein ens simplicissimum sein, so leugnete die Einfachheit die Trinität: Gott war Gott-Mensch, und doch sollte die Gottheit nicht von der Menschheit tangiert oder aufgehoben werden, d. h. wesentlich von ihr geschieden sein; so leugnete die Unvereinbarkeit der göttlichen und menschlichen Bestimmungen die Einheit der beiden Wesen. Wir haben demnach schon im Gott-Menschen selbst den Leugner, den Erzfeind des Gottmenschen, den Rationalismus, nur daß er hier zugleich noch mit seinem Ge gensatze behaftet war. Der Sozinianismus negierte also nur, was der Glaube selbst negierte, zugleich aber im Widerspruch mit sich wieder behauptete; er negierte nur einen Widerspruch, nur eine Unwahrheit.

Gleichwohl haben aber doch auch wieder die Christen die Menschwerdung Gottes als ein Werk der Liebe gefeiert, als eine Selbstaufopferung Gottes, als eine Verleugnung seiner Majestät - Amor triumphat de Deo - denn die Liebe Gottes ist ein leeres Wort, wenn sie nicht als wirkliche Aufhebung seines Unterschieds vom Menschen gefaßt wird. Wir haben daher im Mittelpunkt des Christentums den am Schluß entwickelten Widerspruch von Glaube und Liebe. Der Glaube macht das Leiden Gottes zu einem Scheine, die Liebe zu einer Wahrheit, denn nur auf der Wahrheit des Leidens beruht der wahre, positive Eindruck der Inkarnation. So sehr wir daher den Widerspruch und Zwiespalt zwischen der menschlichen und der göttlichen Natur im Gottmenschen hervorgehoben haben, so sehr müssen wir hinwiederum die Gemeinschaft und Einheit derselben hervorheben, vermöge welcher Gott wirklich Mensch und der Mensch wirklich Gott ist. Hier haben wir darum den unwidersprechlichen, unumstößlichen und zugleich sinnfälligen Beweis, daß der Mittelpunkt, der höchste Gegenstand des Christentums nichts andres als der Mensch ist, daß die Christen das menschliche Individuum als Gott und Gott als das menschliche Individuum anbeten. »Dieser Mensch, geboren von Maria der Jungfrauen, ist Gott selbst, der Himmel und Erde erschaffen hat.« Luther (T. II, p.671). »Ich zeige auf den Menschen Christum und spreche: das ist Gottes Sohn.« Ders. (T. XIX, p. 594). »Lebendig machen, alles Gericht und alle Gewalt haben im Himmel und auf Erden, alles in seinen Händen haben, alles unter seinen Füßen unterworfen haben, von Sünden reinigen usw. sind . . . göttliche unendliche Eigenschaften, welche doch nach Aussage der Schrift dem Menschen Christo gegeben und mitgeteilt sind.« »Daher gläuben, lehren und bekennen wir, daß des Menschen Sohn . . . jetzt nicht allein als Gott, sondern auch als Mensch alles weiß, alles vermag, allen Kreaturen gegenwärtig ist.« »Demnach verwerfen und verdammen wir..., daß er (der Sohn Gottes) nach der menschlichen Natur der Allmächtigkeit und anderer Eigenschaften göttlicher Natur allerding nicht fähig sei.« (Konkordienb. summar. Begr. u. Erklär. Art. 8.) »Hieraus folgt von selbst, daß Christus auch als Mensch religiös verehrt werden soll.« Buddeus (1. c. lib. IV. c. II. § 17). Dasselbe lehren ausdrücklich die Kirchenväter und Katholiken. Z. B.: »Mit derselben Anbetung ist in Christo die Gottheit und Menschheit anzubeten . . . Die Gottheit ist mit der Menschheit durch persönliche Vereinigung innigst verbunden, also kann auch die Menschheit Christi oder Christus als Mensch Gegenstand göttlicher Verehrung sein.« Theol. Schol. (Sec. Thomas Aq., P. Metzger T. IV. p. 124). Zwar heißt es: nicht der Mensch, nicht Fleisch und Blut für sich selbst, sondern das mit Gott verbundne Fleisch wird angebetet, so daß der Kultus nicht dem Fleische oder dem Menschen, sondern Gott gilt. Aber es ist hier wie mit dem Heiligen- und Bilderdienst. Wie der Heilige nur im Bilde, Gott nur im Heiligen verehrt wird, weil man das Bild, den Heiligen selbst verehrt, so wird Gott nur im menschlichen Fleische angebetet, weil das menschliche Fleisch selbst angebetet wird. Gott wird Fleisch, Mensch, weil schon im Grunde der Mensch Gott ist. Wie könnte es dir nur in den Sinn kommen, das menschliche Fleisch mit Gott in so innige Beziehung und Berührung zu bringen, wenn es dir etwas Unreines, Niedriges, Gottes Unwürdiges wäre? Wenn der Wert, die Würde des menschlichen Fleisches nicht in ihm selbst liegt, warum machst du nicht andres, nicht tierisches Fleisch zur Wohnstätte des göttlichen Geistes? Zwar heißt es: der Mensch ist nur das Organ, »in, mit und durch« welches die Gottheit wirket »wie die Seele im Leibe«. Aber auch dieser Einwand ist durch das eben Gesagte schon widerlegt. Gott wählte den Menschen zu seinem Organ, seinem Leibe, weil er nur im Menschen ein seiner würdiges, ein ihm passendes, wohlgefälliges Organ fand. Wenn der Mensch gleichgültig ist, warum inkarnierte sich denn Gott nicht in einem Tiere? So kommt also Gott nur aus dem Menschen in den Menschen. Die Erscheinung Gottes im Menschen ist nur eine Erscheinung von der Göttlichkeit und Herrlichkeit des Menschen. Noscitur ex alio, qui non cognoscitur ex se (wen man nicht aus sich erkennt, den erkennt man aus einem andern) - dieser triviale Spruch gilt auch hier. Gott wird erkannt aus dem Menschen, den er mit seiner persönlichen Gegenwart und Einwohnung beehrt, und zwar als ein menschliches Wesen, denn was einer bevorzugt, auserwählt, liebt, das ist sein gegenständliches Wesen selbst; und der Mensch wird aus Gott erkannt, und zwar als ein göttliches Wesen, denn nur Gotteswürdiges, nur Göttliches kann Objekt, kann Organ und Wohnsitz Gottes sein. Zwar heißt es ferner: es ist nur dieser Jesus Christus ausschließlich allein, kein anderer Mensch sonst, der als Gott verehrt wird. Aber auch dieser Grund ist eitel und nichtig. Christus ist zwar einer nur, aber einer für alle. Er ist Mensch, wie wir, »unser Bruder, und wir sind Fleisch von seinem Fleische und Bein von seinem Bein.« Jeder erkennt daher sich in Christo, jeder findet sich in ihm repräsentiert.

In diesen wenigen, bereits im Jahr 1557 ausgesprochenen Worten ist eigentlich schon das Geheimnis der christlichen Religion und Theologie aufgelöst. Ist der Leib Gottes die Idee unsres Leibes, so ist notwendig auch das Wesen Gottes überhaupt die Idee unsers Wesens, d. h. unser Wesen, aber nicht als wirkliches oder mit uns, den wirklichen Individuen identisches, sondern als ein vermittelst des Denkens von uns abgezognes, vermittelst der Phantasie in dieser Abgezogenheit verselbständigtes, personifiziertes Wesen.

»Fleisch und Blut verkennt sich nicht.« »In Jesu Christo unserm Herrn ist eines jeden unter uns Portion Fleisch und Blut. Darum wo mein Leib regiert, da gläube ich, daß ich selbst regiere. Wo mein Fleisch verkläret ist, da gläube ich, daß ich selbst herrlich bin. Wo mein Blut herrschet, da halte ich dafür, daß ich selbst herrsche.« Luther (T. XVI, p. 534). »Bedenkt, daß der Leib des Sohnes Gottes die Idee unserer Leiber ist. Ehrt also euern Leib aus Verehrung seiner Idee!« Jacob Milichius (Or. de Pulmone in Melanchth. Declam. T: II. p. 174). Und so ist es denn eine unleugbare, unumstößliche Tatsache: die Christen beten das menschliche Individuum an als das höchste Wesen, als Gott. Freilich nicht mit Bewußtsein; denn dies eben konstituiert die Illusion des religiösen Prinzips. Aber in diesem Sinne beteten auch die Heiden nicht die Götterstatue an; denn auch ihnen war die Statue keine Statue, sondern der Gott selbst. Aber dennoch beteten sie ebensogut die Statue an, als die Christen das menschliche Individuum, ob sie es gleich natürlich nicht Wort haben wollen.


Der Mensch ist der Gott des Christentums, die Anthropologie das Geheimnis der christlichen Theologie.

Die Geschichte des Christentums hat keine andere Aufgabe gehabt, als dieses Geheimnis zu enthüllen die Theologie als Anthropologie zu verwirklichen und erkennen. Der Unterschied zwischen dem Protestantismus und dem Katholizismus - dem alten, nur noch in Büchern, nicht mehr in der Wirklichkeit existierenden Katholizismus - besteht nur darin, daß dieser Theologie, jener Christologie, d. h. (religiöse) Anthropologie ist. Der Katholizismus hat einen supranaturalistischen, abstrakten Gott, einen Gott, der ein andres als ein menschliches, ein nicht menschliches, ein Übermenschliches Wesen ist. Das Ziel der katholischen Moral, die Gottähnlichkeit besteht daher darin, nicht Mensch, mehr als Mensch - d. h. ein himmlisches, abstraktes Wesen, ein Engel zu sein. Nur in der Moral aber realisiert, offenbart sich das Wesen einer Religion; nur die Moral ist das Kriterium, ob ein religiöser Glaube Wahrheit oder Chimäre ist. Also ist ein Übermenschlicher, übernatürlicher Gott nur da noch eine Wahrheit, wo er eine übermenschliche, über oder vielmehr wider natürliche Moral zur Folge hat.

Der Protestantismus dagegen hat keine supranaturalistische, sondern eine menschliche Moral, eine Moral von und für Fleisch und Blut, folglich ist auch sein Gott, sein wahrer, wirklicher Gott wenigstens, kein abstraktes, supranaturalistisches Wesen mehr, sondern ein Wesen von Fleisch und Blut. »Diesen Trotz höret der Teufel ungern, daß unser Fleisch und Blut Gottes Sohn, ja Gott selbst ist und regieret im Himmel über alles.« Luther (T. XVI, p. 573). »Außer Christo kein Gott ist, und wo Christus ist, da ist die Gottheit gantz und gar.« Ders. (T. XIX, p. 403). Der Katholizismus hat sowohl in der Theorie, als in der Praxis einen Gott, der ungeachtet des Prädikates der Liebe, der Menschheit noch ein Wesen für sich selbst ist, zu welchem der Mensch daher nur dadurch kommt, daß er gegen sich selbst ist, sich selbst verneint, sein Fürsichsein aufgibt; der Protestantismus dagegen hat einen Gott, der, wenigstens in praxi, im wesentlichen, nicht mehr ein Fürsichsein, der nur noch ein Sein für den Menschen, ein Sein zum Besten des Menschen ist; daher ist im Katholizismus der höchste Akt des Kultus, »die Messe Christi«, ein Opfer des Menschen - derselbe Christus, dasselbe Fleisch und Blut, das am Kreuze, wird in der Hostie Gott geopfert - im Protestantismus dagegen ein Opfer, eine »Gabe Gottes«; Gott opfert, gibt sich hin dem Menschen zum Genusse. (S. Luther z. B. T. XX, p. 259; T. XVII, p. 529.) Im Katholizismus ist die Menschheit die Eigenschaft, das Prädikat der Gottheit (Christi) -: Gott Mensch; im Protestantismus dagegen ist die Gottheit die Eigenschaft, das Prädikat der Menschheit (Christi) -: der Mensch Gott.

An einer andern Stelle lobt daher Luther den hl. Bernhard und Bonaventura deswegen, daß sie die Menschheit Christi so hervorgehoben hätten.

Allerdings ist auch im Katholizismus, im Christentum überhaupt Gott ein Wesen für den Menschen; aber der Protestantismus erst hat aus dieser Relativität Gottes das wahre Resultat - die Absolutheit des Menschen gezogen.

»Das haben vor Zeiten die höchsten Theologi getan, daß sie von der Menschheit Christi geflogen sind zu der Gottheit und sich alleine an dieselbige gehänget und gedachten, man müßte die Menschheit Christi nicht kennen. Aber man muß so steigen zu der Gottheit Christi und daran sich halten, daß man die Menschheit Christi nicht verlasse und zur Gottheit Christi allein komme. - Du sollst von keinem Gott, noch Sohn Gottes etwas wissen, es sei denn der, so da heiße geboren aus der Jungfrauen Marien und der da sei Mensch worden. Wer seine Menschheit bekömmet, der hat auch seine Gottheit.« Luther (T. IX, p.592, 598). Oder kürzlich so: im Katholizismus ist der Mensch für Gott; im Protestantismus dagegen Gott für den Menschen. »Jesus Christus unser Herr ist Uns empfangen, Uns geboren, Uns gelitten, Uns gekreuzigt, Uns gestorben und begraben. Unser Herr ist Uns zu Trost auferstanden von den Toten, sitzt Uns zugute zur Rechten des allmächtigen Vaters, ist Uns zu Trost zukünftig zu richten die Lebendigen und die Toten. Das haben die heiligen Apostel und lieben Väter in ihrem Bekenntnis anzeigen wollen mit dem Wort: Uns und Unsern Herrn, nämlich, daß Jesus Christus unser sei, der uns helfen wolle und solle.« »Also daß wir die Worte nicht kalt über hin lesen oder sprechen und auf Christum allein deuten, sondern auch auf Uns.« Luther (T. XVI, p. 538). »Ich weiß von keinem Gotte, denn der für mich gegeben ist.« Ders. (T.III, p. 589). »Ist das nicht großes Ding, daß Gott Mensch ist, daß Gott sich dem Menschen zu eigen gibt und will sein sein, gleichwie der Mann sich dem Weibe gibt und sein ist? So aber Gott unser ist, so sind auch alle Dinge unser.« (T. XII, p. 283.) »Gott kann nicht ein Gott sein der Toten, die nichts sind, sondern ist ein Gott der Lebendigen. Wo Gott wäre ein Gott der Toten, so wäre Mensch das absolute Wesen - das Wesen Gottes. Ein Gott allein für sich ist kein Gott - das heißt eben nichts andres als: ein Gott ohne den Menschen ist nicht Gott; wo kein Mensch, ist auch kein Gott; nimmst du Gott das Prädikat der Menschlichkeit, so nimmst du ihm auch das Prädikat der Gottheit; fällt die Beziehung auf den Menschen weg, so fällt auch sein Wesen weg.

Aber gleichwohl hat doch zugleich wieder der Protestantismus, in der Theorie wenigstens, noch hinter diesem menschlichen Gotte den alten supranaturalistischen Gott festgehalten. Der Protestantismus ist der Widerspruch von Theorie und Praxis; er hat nur das menschliche Fleisch, aber nicht die menschliche Vernunft emanzipiert. Das Wesen des Christentums, d. h. das göttliche Wesen widerspricht ihm zufolge nicht den natürlichen Trieben des Menschen »darum sollen wir nun wissen, daß Gott die natürliche Neigung in dem Menschen nicht verwirft oder aufhebet, welche in der Natur in der Schöpfung eingepflanzet, sondern daß er dieselbige erwecket und erhält.« Luther (T. III, p. 290). Aber es widerspricht der Vernunft, ist darum theoretisch nur ein Gegenstand des Glaubens. Das Wesen des Glaubens, das Wesen Gottes ist aber, wie bewiesen, selbst nichts andres, als das außer den Menschen gesetzte, außer dem Menschen vorgestellte Wesen des Menschen. Die Reduktion des außermenschlichen, übernatürlichen und widervernünftigen Wesens Gottes auf das natürliche, immanente, eingeborne Wesen des Menschen ist daher die Befreiung des Protestantismus, des Christentums überhaupt von seinem Grundwiderspruch, die Reduktion desselben auf seine Wahrheit das Resultat, das notwendige, unabweisbare, ununterdrückbare, unumstößliche Resultat des Christentums.


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