Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Das Abitur,    Im Priesterseminar zu Freising,    Fasching auf dem Domberg,    Pyramus und Thispe,    Eine Seminararbeit,    Vollendete Tatsachen,    Als Werkstudent,    Verliebt über beide Ohren,    Priesterweihe und Primiz


Das Abitur

Nach einer höchst unfreiwilligen Unterbrechung von drei Jahren drückte ich nun wieder die Schulbank. Die Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft waren vergessen. Ich wollte das Abitur um jeden Preis.

Wenn es nach dem Willen des damaligen Direktors, Herrn Dr. Anton Weiher, gegangen wäre, hätte ich kein Abitur, sondern mich nach einem Arbeitsplatz umgesehen. Ich wollte aber die Hochschulreife und zwar so schnell wie möglich. Am besten so, als hätte ich meine Schulzeit nie unterbrochen.

Dabei hatte ich volle drei Jahre wegen des Krieges und der Gefangenschaft versäumt! Ganz so glatt ging es natürlich nicht, aber fast. Es grenzte schon an ein Wunder, daß ich nach so langer Abwesenheit in die Abiturklasse aufrücken durfte.

Obwohl ich damals „büffelte", was rein ging, waren die Leistungen in den Hauptfächern gerade noch ausreichend, was den Direktor sowie den Klassenleiter bewegen hatten, mir ein freiwilliges Wiederholen nahe zu legen. Für mich kam das natürlich nicht in Frage. Wiederholen hätte für mich nur dann einen Sinn gehabt, wenn ich wieder ganz von vorne angefangen hätte. Ich hatte ja buchstäblich alles vergessen, was ich in jenen ersten Jahren gelernt hatte.

Mit meinen Sorgen war ich - Gott sei Dank! - nicht allein. Dem Keller Mandi erging es wie mir. Er war kein „Domerer" wie ich, sondern ein „Michaeler", weil er zu den Ministranten von Sankt Michael gehörte, in unmittelbarer Nachbarschaft des Domes. Der Mandi war ein geborenes Genie. So einfallsreich, so unerschrocken und so zielbewußt wie er war keiner in der ganzen Klasse 8a. Der Mandi war letzten Endes immer erfolgreich, ganz gleich, was er sich auch in den Kopf gesetzt haben mochte. So beschloß er eines Tages, mit einem Fach weniger durch das Abitur zu kommen. Das gelang ihm auch, und zwar auf seine Weise.

Wir alle wunderten uns, daß plötzlich der Geschichtsunterricht ausfiel, und zwar Stunde für Stunde. Dem Herrn Dr. Walter war es furchtbar peinlich, zugeben zu müssen, daß er sein Manuskript nicht mehr habe, und daß er ohne sein Manuskript die Geschichte des Mittelalters nicht lehren könnte.

Uns war das nur recht. Keiner von uns aber wußte, daß der Mandi das Skriptum in seiner Tasche hatte. Und daß er ihm dieses Skriptum nur deshalb entwendet hatte, weil er wußte, daß Herr Dr. Walter ohne Manuskript keinen Unterricht halten konnte. So gab es für uns immer nur Erdkunde. Das war die reinste Erholung, weil Erdkunde kein Prüfungsfach war.

Wenn Schulaufgaben in Latein und Griechisch herauskamen, glichen diese einem Schlachtfeld, so blutig rot waren sie wegen der vielen Fehler. Wie froh waren wir dann, wenn die Leistungen gerade noch ausreichend waren.

Nur der Mandi schrieb plötzlich eine Eins nach der anderen. Er wollte auch mich in den Genuß guter Noten bringen, denn der Mandi wußte ja aus eigener Erfahrung, wie aussichtslos unser Schülerdasein war, und wie schwer es war, auf der Notenskala auch nur eine einzige Stufe höher zu steigen. So kam er als „Michaeler" an einem Sonntagmorgen zu mir, dem „Domerer". Das war an sich schon höchst ungewöhnlich, denn die „Michaeler" und die „Domerer" waren erbitterte Konkurrenten, was unseren Dienst im Hochamt anging.

Jede Gruppe wollte „ihren Dienst" in „ihrer Kirche" und in „ihrem Hochamt" besser und feierlicher und schöner gemacht haben als die andere. Trotzdem kam er und erwartete mich vor der Sakristei des Domes. Er hatte die Ausgabe eines griechischen Schriftstellers bei sich und wollte wissen, wie ich diese und jene Stelle übersetzen würde. Es war schon höchste Zeit, zum Mittagessen heimzukommen, als wir uns trennten.

Wie aber staunte ich, als ich am nächsten Tag gerade diesen Text als Schulaufgabe zu übersetzen hatte. Der Keller Mandi saß siegesbewußt auf seinem Platz und grinste schelmisch zu mir herüber, als wollte er sagen: „Verstehst du jetzt hoffentlich, warum ich als ,Michaeler' einem ,Domerer' nachlaufe?" Mir aber versagte die Hand. Wie gelähmt saß ich vor der Schulaufgabe.

Ein furchtbarer Gedanke hatte mich wie ein Blitz getroffen: „Jetzt ist alles aus!" Ich hatte ja in der Tat zu befürchten, daß der Schwindel aufkommen würde und die Professoren denken müßten, ich stecke mit dem Keller Mandi unter einer Decke. „Das Wohlwollen der Lehrerschaft ist dahin!" In dieser Verfassung kam ich gerade bis zur Hälfte der Aufgabe, bis die Zeit um war. Ich bekam eine Sechs mit dem Kommentar: „Schade, daß Sie nicht fertig geworden sind. Es hätte eine Eins werden können!" Was wollte ich noch mehr?

Es ahnte wohl jeder, daß beim Keller Mandi die guten Noten nicht plötzlich auf dem eigenen Mist gewachsen waren. Es wurde deshalb viel gemunkelt, bald dies, bald das. Dabei blieb es auch.

Der Mandi verriet kein einziges Wort, er leugnete nichts, er behauptete nichts, er war weder jemals beleidigt, noch fühlte er sich auch nur im geringsten geschmeichelt. Ganz gleich, was wir auch sagten, der Keller Mandi war absolut unantastbar, er stand über jedem Gerede - und er grinste. Und wie er grinste! Sein ganzes Gesicht war ein einziges Grinsen. Er grinste für jeden gleich. Sein Grinsen kannte keine Ausnahme, es galt in gleicher Weise dem Direktor wie der Putzfrau.

Die Ankündigung einer Lehrerkonferenz ließ ihn allerdings kurz aufhorchen. Das war nicht zum Grinsen. Sicher würde man auch über ihn sprechen. Das müßte er wissen, und zwar ganz genau und alles, auch wer es ist, der dies oder jenes zu wissen glaubte oder auch nur vermutete.

Mir sagte er nur, daß er auf den Boxhandschuhen im Schrank des Lehrerzimmers saß, daß er von dort aus die ganze Lehrerkonferenz vom Anfang bis zum Ende mitgehört habe und daß ihm jetzt keiner mehr aus dem Lehrerkollegium etwas vormachen könnte. Ich selber brauchte keine Angst zu haben, sie seien mir alle ausnahmslos gut gesonnen.

So rückte die Zeit des Abiturs von Tag zu Tag näher. Die Aussichten, es zu bestehen, waren alles andere als rosig. Würde ich es schaffen? - Hätte ich nicht doch den guten Rat meiner Lehrer befolgen sollen, freiwillig zu wiederholen? - Was dann, wenn es schief gehen würde? - Das waren bedrückende Fragen, auf die ich keine Antwort wußte.

Manchmal träumte ich sogar, daß ich soeben durchgefallen wäre. Beim Erwachen war ich dann jedes Mal in Schweiß gebadet und fühlte mich wie gerädert. Es war ein schwacher Trost, daß das alles „nur" Träume waren. Am meisten fürchtete ich mich vor dem Englischen. Für mich war diese Sprache absolutes Neuland. Selbst das Lesen fiel mir schwer. An manchen Worten „stöpselte" ich herum wie ein ABC-Schütze. Trotzdem meldete ich mich im Unterricht, so oft ich nur konnte und war froh, wenn ich von „Madame" ein kleines Lob erhaschen konnte, oder gar sehen durfte, wie sie ihr Notenbüchlein zückte, um einen Eintrag zu machen.

Jedes kleine Lob und jeder Eintrag waren für mich von entscheidender Bedeutung. Auf sie setzte ich meine ganze Hoffnung, im Englischen doch noch bestehen zu können.

So durfte ich noch in die mündliche Prüfung, obwohl ich im Schriftlichen bereits haushoch versagt hatte. Endlich war es dann soweit. „Nach der Pause mündliche Prüfung im Lehrerzimmer!" Sofort verließ ich das Klassenzimmer, rannte von Klasse zu Klasse, riß kurz entschlossen überall die Türe auf, bis ich endlich in einem Klassenzimmer unsere „Madame" zu Gesicht bekam.

Ich ging zu ihr, hielt ihr unser Englischbuch unter die Nase und sagte: „Nach der Pause ist das Mündliche! Bitte, fragen Sie mich das hier auf Seite so und so. Und für das Ungelesene verlangen Sie bitte diesen Abschnitt hier. Wenn Sie etwas anderes fragen, fliege ich durch." Und schon war ich wieder verschwunden.

Es herrschte eine unheimliche Stille im Lehrerzimmer. Die Mitglieder der Prüfungskommission saßen mir gegenüber am selben Tisch. Dann sagte „Madame" mit leisem Beben in der Stimme: „Schlagen Sie auf, Seite so und so." Mir fiel ein Stein vom Herzen. Es war genau jene Seite, die ich haben wollte. Ich las und übersetzte zur vollen Zufriedenheit der Prüfungskommission.

Daraufhin sollte ich einen völlig fremden und unbekannten Text lesen und übersetzen. Ich wartete voller Spannung auf die Anweisung von „Madame". Zu meinem größten Entsetzen verlangte sie tatsächlich eine mir völlig unbekannte Stelle. Es war mir klar, daß dies mein Ende bedeuten würde.

Ich sah kurz auf zu ihr und entdeckte eine völlig verwirrte „Madame", Angst und Entsetzen im Gesicht. Sie hatte in diesem Augenblick sicherlich mehr ausgestanden als ich. Auf alles gefaßt, blätterte ich im Englischbuch, bis ich jene Stelle hatte, die ich mit Erfolg auch vor diesem Kollegium vorlesen und übersetzen konnte. „Madame" sagte kein Wort. Sie konnte nicht. So fragte der Direktor, welche Wörter mir in diesem Text unbekannt waren und was diese bedeuten könnten. Etwas zögernd kamen meine Antworten, wie das so ist, wenn man sich nicht ganz sicher ist. Was ich aber sagte, das stimmte.

Dann wagte ich mich an die Übersetzung, ließ mich gerne etwas ermuntern, als wüßte ich es nicht sicher und machte auf diese Weise einen so guten Eindruck, daß der Herr Direktor plötzlich sagte: „Es genügt!" Er kam zu mir, schüttelte mir die Hand und sagte. „Gott sei Dank. Jetzt haben Sie es geschafft!" Wie auf Wolken verließ ich das Lehrerzimmer.

Am nächsten Tag meldete ich mich zum Studium der Theologie.

 

Im Priesterseminar zu Freising

Mein Eintritt in das Priesterseminar auf dem Domberg zu Freising bedeutete keine Wende auf meinem Lebensweg. Es war auch kein Bruch mit meiner Vergangenheit, oder gar ein Verlassen der rauen Wirklichkeit dieser Welt, um in den Wolken zu leben. Mein Leben ging auch im Seminar gradlinig weiter, aber mit einer gehörigen Portion Dankbarkeit im Herzen.

Ich war überzeugt und bin es noch heute, daß ich mein Leben, nach allem, was war, nur Gott zu verdanken hatte. Er hatte seine schützende Hand immer wieder über mich gehalten. Wie oft glaubte ich mich schon verloren. Sicher, ich hatte sehr viel Glück gehabt, aber es kam nicht von ungefähr. Es war ein Geschenk des Himmels. Mit dieser tief empfundenen Dankbarkeit war ich damals auf dem uralten Steinpflaster den Domberg hinaufgestiegen.

Ich wurde nicht umworben, nicht gewonnen oder gar eingefangen. Es gab auch noch keine Werbeagenturen für Priesterberufe, wie das heute der Fall ist. Ich wurde auch nicht geschoben oder gar gedrängt von Eltern oder Verwandten, die gerne einen ,Hochwürden' in ihren Reihen gehabt hätten. Auf die Anwendung solch sanfter Gewalten war ich schon von klein auf allergisch.

Auch fühlte ich mich zutiefst verpflichtet, aber nicht dem Papst, dem Bischof oder sonst einem Prälaten oder Pfarrer gegenüber. Meine Verpflichtung bezog sich einzig und allein auf Gott. Die Kirche war dabei nur jener saure Apfel, in den jeder beißen mußte, der Gott dienen wollte. Auf dem Domberg erlebte ich die Kirche aber hauptsächlich von ihrer köstlichen Seite.

Willibald Glas mit Studenten

Nach den langen Semesterferien war die alljährliche Nikolausfeier ein erster willkommener Höhepunkt. Das Kommen des "Nikolaus" wurde immer mit Spannung erwartet. Es wußte nämlich außer den Beteiligten kaum jemand Bescheid. So wurde viel spekuliert und geraten, wer den Nikolaus spielen würde und welche Neuigkeiten er von der ganzen Hausgemeinschaft zu berichten hätte.

Das zu erraten war nicht leicht, weil Sankt Nikolaus niemanden ärgern oder gar beschämen durfte. Sankt Nikolaus kam ja immer froh und heiter und, wenn es die Talente zuließen, auch spritzig und voller Humor.

besonders wichtig war für uns auch, wie er kam, ob zu Fuß oder auf einem Esel reitend, oder lediglich auf einem Motorrad, das seinerzeit von allen sehr bewundert worden war.

Unser Weihekurs wollte anfänglich die Nikolausfeier in die Herrlichkeit des Himmels verlegen. Auf diese Weise wäre das Problem seines feierlichen Einzugs auf dem Domberg elegant gelöst gewesen. Aber auch ein kleiner, bescheidener Besuch bei Sankt Nikolaus im Himmel war mehr, als wir uns leisten konnten. Wir hatten zwar Sänger und Musikanten, aber ob diese eine wahrhaft himmlische Musik machen würden, war mehr als fraglich. Es war doch entschieden einfacher, den heiligen Nikolaus zu uns auf den Domberg kommen zu lassen. Und das taten wir auch.

Kurz entschlossen baten wir, Sankt Nikolaus im Hof des Priesterseminars erwarten zu wollen. Als es dann soweit war, schauten alle erwartungsvoll auf die Seminarpforte. Manche meinten, er würde in einem vornehmen Mercedes vorgefahren kommen, andere tippten auf ein respektables Pferdegespann. Wieder andere befürchteten, daß sich Sankt Nikolaus vielleicht gar erkältet haben könnte, und daß er sich deshalb entschuldigen lassen würde.

Um so größer war die Überraschung, als Sankt Nikolaus buchstäblich durch die Luft auf die Erde herabkam. Er tat es sehr langsam und feierlich. Wer ein Ohr dafür hatte, konnte die alte Seilwinde knarzen hören, die im Dachstuhl verborgen war. Manche trauten ihren Augen kaum. Dem Leiter des Priesterseminars blieb fast das Herz stehen. „Nein, nein diese Herrn! Das hätte ich niemals erlaubt." Uns war das klar, deshalb probten wir auch nur nachts zwischen zwölf und ein Uhr. Und dies in völliger Dunkelheit.

 

Fasching auf dem Domberg

Merkwürdig war im Priesterseminar auch der Fasching. Offiziell gab es diesen nur am letzten Tag, also am Faschingsdienstag, und da auch nur nach dem Abendessen. Um Mitternacht, Schlag zwölf Uhr, war alles vorbei. Trotzdem ließ sich diese närrische Zeit auch in einem Priesterseminar nicht nur auf einen einzigen Abend beschränken.

So hing plötzlich ein Stück Luftschlange bei den Fundsachen am schwarzen Brett. In der Schuhkammer waren die Schuhe von zweihundert Seminaristen vertauscht worden. Es dauerte einige Tage, bis jeder wieder die Richtigen hatte. Es machte Spaß, sich über die Nörgler lustig zu machen.

Im Schlafsaal gab es Überraschungen beim Ankleiden. Nicht selten waren Hosenbeine oder Ärmel zugenäht. Dies geschah besonders bei den Langschläfern. Sie kamen an solchen Tagen noch später als sonst. Wenn sie dann etwas verlegen in den Studiersaal kamen, grinsten sich die übrigen eins.

Streiche der Studenten

Meistens wurden die Übeltäter in den benachbarten Schlafsälen gesucht, obwohl dazu keinerlei Veranlassung bestand. Es wurde dann überlegt, wie man sich bei denen revanchieren konnte. So wurden die ahnungslosen Schläfer während der Nacht in ihrem Schlafsaal eingeschlossen. Ein Kleiderschrank in der Türnische versperrte ihnen den Ausweg. Beim Frühstück war dann zu hören, daß dieser oder jener kurzerhand auf das Fensterbrett gestiegen war, um dort im hohen Bogen in den Garten zu pinkeln.

Die eingeschlossene Belegschaft des Schlafsaales wollte sich nun ihrerseits auch wieder nicht lumpen lassen. Als alle kurz nach Mitternacht im tiefsten Schlafe lagen, wurden alle verfügbaren Feuerwehrschläuche in den Schlafsaal gerichtet, als stünde dort alles in hellen Flammen. Es gab ein feuchtes Erwachen. Bis zum Aufstehen waren sie daraufhin beschäftigt, mit allen nur möglichen Hilfsmitteln den Wassermassen wieder Herr zu werden. Der Regens konnte sich nicht erklären, wo das Wasser hergekommen war. Wir sagten auch nichts. So trieb alles dem Höhepunkt zu.

Es war aber noch eine schwere Hürde zu nehmen, nämlich die Sühneandacht am Faschingsdienstag in der Stadtpfarrkirche. Feierlich, alle im schwarzen Talar, das weiße Chorhemd über dem Arm, zogen wir den Domberg hinunter in die Stadt. Dort war zu dieser Zeit der Fasching im vollen Gange. Wir mußten an maskierten Menschen vorbei, die uns mit Luftschlangen und Konfetti bewarfen. Es war ein ausgelassenes Gedränge und Geschiebe, und wir auf dem Weg mitten durch sie hindurch zur Sühneandacht, für all das sündhafte Treiben dieser Stadt.

Als Sekretär des Nikolaus

Am liebsten wäre ich damals im Erdboden versunken, so hatte ich mich geschämt über die grenzenlose Geschmacklosigkeit und über all die Scheinheiligkeit, die uns im heiligen Gehorsam von Mutter Kirche abverlangt worden war. Ich fand damals keinen, der sich darüber nicht aufgeregt hätte, und trotzdem ging jeder zur Sühneandacht in die Stadt. Wir hatten ja wahrhaft genügend Kirchen auf dem Domberg und hätten nicht in die Stadt hinuntergehen müssen. Schon gar nicht am Faschingsdienstag!

Wir trieben es schlimmer als die Pharisäer zur Zeit Jesu. Wir waren ganz miese Spielverderber.

Die meisten meinten: „Das ist alles halb so schlimm. Der Regens kann auch nicht anders. Es ist eben alte Tradition, und das geht auch vorbei." Ich dachte mir: „Einmal und nicht wieder!"

Im darauf folgenden Jahr verbrachte ich die Zeit der Sühneandacht am Faschingsdienstag bei Kaffee und Kuchen in der benachbarten Lehrerbildungsanstalt gleich hinter dem Dom.

Wir sprachen von Sodom und Gomorra und stellten fest: Immer das ewig gleiche Lied! Da regen sich superfromme Menschen auf über die Schlechtigkeit anderer. Sie tun, als würde die Welt einstürzen und machen alle rebellisch. Offensichtlich begreifen sie nie, daß die Sünden der so genannten Fleischeslust immer noch am verzeihlichsten sind, weil diese am allerwenigsten aus Bosheit geschehen.

Was dabei auch aus Schwäche oder aus Leidenschaft geschehen sein mag, es kostet alles seinen Preis. Und zu bezahlen ist er meistens gleich beim Erwachen und nicht erst in der Ewigkeit. Umsonst kommt kein Mensch davon.

Diese Leute schwelgen nicht nur in ihren hausgemachten Empörungen, sie genießen auch ihre Übertreibungen bis zur Neige, wenn es darum geht, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Sie schrecken auch nicht zurück, Gott selbst hereinzulegen, wenn sie nur könnten.

„Er aber durchschaute sie, und wollte deshalb selbst hinab und sehen, ob das Klagegeschrei, das zu ihm gedrungen war, ihren Taten entspreche" (Gen. 18.21). Allem Anschein nach hatte Gott schlechte Erfahrungen gemacht mit dem Klagegeschrei seiner Frommen. Kein Wunder! Unvernunft und Aberglaube finden sich selten auf dem Boden der Wirklichkeit.

Ohne auch nur im Geringsten ungläubig erscheinen zu wollen, so wurde doch mit allem Freimut die Möglichkeit erwogen, daß der ganzen Geschichte von Sodom und Gomorra vielleicht nur ein ganz gewöhnliches Unwetter mit einem Blitzschlag zu Grunde liegen könnte. Es wäre dann nichts Außergewöhnliches und schon gar kein „furchtbares Strafgericht Gottes", wenn dabei eine Hütte in Flammen aufgegangen wäre und ihre Bewohner einen plötzlichen Tod gefunden hätten.

Es ist auch klar, daß solche Geschichten wachsen, wenn sie durch viele Generationen von Mund zu Mund weitererzählt werden. Mit einem Guthaben ist es nicht anders. Es mag noch so klein und unscheinbar sein. Es wächst und wächst, sobald es günstig angelegt ist, bringt es Zinsen und Zinseszinsen und wird so zu einem riesigen Vermögen, das sich von der anfänglichen Einlage unterscheidet wie Tag und Nacht. Die Geschichte von Sodom und Gomorra mag vielleicht auf ähnliche Weise im Laufe der Zeit zu dem herangewachsen sein, was sie heute ist. Solche Erwägungen waren uns allen sehr willkommen. Sie waren geeignet, Gott wieder wahrhaftig göttlich erscheinen zu lassen, frei von allem, was für uns Menschen typisch ist.

Noch im selben Jahr stand die alte Lehrerbildungsanstalt auf dem Domberg in hellen Flammen. Die Studenten retteten, was zu retten war. Danach betrachteten wir das gruselige Schauspiel. Dabei rief mir einer der Studenten zu: „Sodom und Gomorra auf dem Domberg!" Uns war zumute, als wäre tatsächlich Feuer vom Himmel gefallen.

 

Pyramus und Thispe

Ein großes Aufsehen verursachte unter uns Priesteramtskandidaten eine Zeitungsnotiz, wonach ein Pfarrer mit einer verheirateten Frau ein intimes Verhältnis hatte. Der Ehemann kam dahinter und reichte die Scheidung ein. Um dies zu verhindern, sollen die beiden ausgemacht haben, ihr Verhältnis hartnäckig /u leugnen. Der Pfarrer tat dies auch vor dem Richter und gab dazu sogar eine eidesstattliche Erklärung ab. Dies wurde jenem Pfarrer zum Verhängnis. Der Ehemann hatte ihn wegen Meineid angezeigt, und der Pfarrer wurde verurteilt.

Dieser Fall war für einige Zeit Thema Nummer eins im Priesterseminar. Wir diskutierten mit großer Leidenschaft über Sinn und Unsinn des Zölibatsgesetzes. Dabei kam uns sehr schmerzlich zum Bewußtsein, daß dieses Kirchengesetz unzähligen Priestern zum Verhängnis geworden ist. Daß diese Priester aber die Kirche verraten hätten, wollte uns nicht in den Kopf.

Wir dachten vielmehr an das grausige Schicksal von Pyramus und Thispe, das uns aus der Gymnasialzeit noch in guter Erinnerung war. Auch Pyramus und Thispe liebten sich heimlich und gegen den Willen ihrer verfeindeten Eltern. Durch einen Spalt in der Mauer bekundeten sie sich ihre Liebe.

l'ür uns im Priesterseminar waren die verfeindeten Eltern einerseits das kirchliche Zölibatsgesetz und andererseits das urmenschliche Verlangen nach Liebe.

Die Liebe des jungen Babylonier nahm ein schreckliches Ende. Auf dem Weg zum nächtlichen Stelldichein begegnete das Mädchen einem Löwen. Sie floh in höchster Eile und verlor dabei ihren Schal. Der Freund entdeckte den Schal des Mädchens und brachte sich um, weil er glaubte, seiner Freundin in den Tod folgen zu müssen.

Ähnlich unnötig und tragisch ist auch das Leid, das Priester erfahren, wenn sie der natürlichen Zuneigung zu einer Frau nachgeben.

Unser Weihekurs war von diesen schmerzlichen Erfahrungen so betroffen, daß wir an unserem Faschingsabend im Seminar das Stück Pyramus und Thispe aufgeführt haben. Ich war damals die Thispe. Der Regens war überrascht, wie lebensnah und einfühlsam diese Rolle von mir verkörpert worden war.

Am gleichen Abend durfte ich auch noch jemanden in den Bund der Harmlosen aufnehmen. Dies geschah vor allen Studenten und Professoren, und vor dem Weihbischof, der für diesen Abend eigens nach Freising gekommen war.

Dieser Bund der Harmlosen existierte selbstverständlich nur zur Faschingszeit. Ich informierte alle Anwesenden, daß es eine sehr große Auszeichnung wäre, in diesen Bund aufgenommen zu werden. Persönlichkeiten von Weltruf würden zu den Gründungsmitgliedern zählen. Mitglied könnte nur werden, wer eine strenge Prüfung erfolgreich bestanden hätte.

Es war mein Plan, daß sich an jenem Abend auch eine Persönlichkeit vom Domberg zu Freising dieser Prüfung unterziehen würde. Ich bat jemanden, von dem ich hoffte, daß er allen ein großes Vergnügen bereiten würde. Ich war keineswegs sicher, daß er meiner Einladung folgen würde. Er hatte von meinem Vorhaben nicht die geringste Ahnung gehabt. So sprach ich ihn an, mit klopfendem Herzen. Und er kam. Unter großem Beifall stieg er zu mir auf das Podium. Jetzt konnte nichts mehr schief gehen.

Wie das so üblich ist, gratulierte ich ihm für die hohe Auszeichnung, die ihm in wenigen Augenblicken zuteil werden würde. Ebenso dankte ich ihm für die Ehre, die er diesem Hause machen würde, immer wieder unterbrochen von rauschendem Beifall. Kurzum, ich machte dieses Unternehmen so spannend wie nur möglich.

Dann begann die eigentliche Aufnahmeprüfung in den Bund der Harmlosen. Feierlich und mit übertriebenem Wohlwollen in der Stimme begann ich: „Sagen Sie, wen lieben Sie?" Damit hatte im Priesterseminar auch an jenem Faschingsabend niemand gerechnet, am wenigstens jener Herr bei mir auf dem Podium. Einen Augenblick war er verlegen, dann aber sagte er mit dem Brustton der Überzeugung: „Ich liebe die Mutter Kirche."

Mit dieser Antwort war ich natürlich nicht zufrieden. Ich bat ihn, ganz tief in die innerste Kammer seines Herzens zu schauen. Von dort müßte die Antwort kommen, die ihn als einen durch und durch harmlosen Menschen erweisen würde. Darüber hinaus bat ich ihn, auch nicht auszuweichen, sondern meine Worte ganz ernst zu nehmen.

Kr tat sich schwer. Er liebte alles Gute und Schöne unter der Sonne. Die Anwesenden brachen immer wieder in schallendes Gelächter aus, je mehr sie merkten, was eigentlich verlangt worden war. Zum Schluß half ich ihm und trug ihn durch das Examen, bevor er mir davonlaufen würde, denn das wäre auch mir peinlich gewesen.

So flehte ich ihn an mit inständigen Gebärden, er möge es doch noch ein letztes Mal probieren und nur das Eine sagen: „Wen lieben Sie?" Das tat er dann auch, froh, daß dieses mündliche Examen vor so vielen Zuschauern endlich bestanden war.

Am folgenden Tag rief mich der Regens des Priesterseminars und ließ mich wissen, daß man solche Fragen nicht stellen darf. Wir befänden uns schließlich in einem Priesterseminar.

 

Eine Seminararbeit

Den meisten Gesprächsstoff aber lieferte ganz allgemein das Studium der Theologie. Außenstehende konnten sich das meistens nicht vorstellen. Sie waren der Meinung, Theologie müsste ein langweiliges Fach sein. Weit gefehlt! Und wenn dann neben den Hauptvorlesungen noch interessante Seminar-Übungen angeboten wurden, war es nicht ungewöhnlich, daß man für die Tageszeitung und dem übrigen Krimskrams wenig Interesse hatte.

Mir selber erging es so während der Seminar-Übung: „Die Familie im Neuen Testament." Interessanterweise wurde damals auch die „Ehe von Maria und Josef" behandelt.

Freilich verrannten wir uns auch in völlig belanglose Fragen. So wollten wir wissen, ob Maria und Josef die Geschichten über den Anfang ihres gemeinsamen Lebens noch selber zu Ohren bekommen haben könnten. Die Geschichten also von den Engelserscheinungen, noch bevor sie zusammenkamen, die Erzählung von der Heiligen Nacht, von den Weisen aus dem Morgenland, von der Flucht nach Ägypten, bis hin zum zwölfjährigen Jesus im Tempel. Uns bewegten diese Fragen sehr, weil wir es lange nicht fassen konnten, daß etwas in der Heiligen Schrift zu lesen sein sollte, das nicht buchstäblich der Wahrheit entsprechen würde.

Nach und nach entwuchsen wir dem naiven Kinderglauben. Manches, was uns früher wichtig erschienen war, wurde für uns nebensächlich. Dazu gehörte, ob die sogenannte Josefsehe zu Recht oder zu Unrecht als Ehe bezeichnet werden sollte, ob die Brüder Jesu Verwandte ersten Grades waren oder nicht, ebenso, ob die Mutter Jesu immer Jungfrau war im biologischen oder religiösem Sinne.

Die heiligen Texte wurden ja nicht zur Befriedigung unserer Neugierde verfaßt, sondern zur Verkündigung der Offenbarung Gottes, die darin gipfelt, daß in Jesus von Nazaret Gott zu uns gekommen ist.

Beim Studium im neutestamentlichen Seminar wurde uns klar, wie wichtig das Alte Testament wird, wenn man sich daranmacht, das Neue zu ergründen.

So wurde dem ersten Menschen im Paradies von Gott nur eine einzige Frau erschaffen. Man möchte meinen, daß die heiligen Patriarchen die entsprechende Lehre daraus gezogen und dem Willen Gottes gemäß sich strikt an das göttliche Modell der Einehe gehalten hätten. Aber weit gefehlt.

Abraham, den wir als Vater unseres Glaubens verehren, war keineswegs auch der Vater gottgewollter Sittlichkeit. Es will uns nicht recht eingehen, daß er neben seiner Frau Sara auch die Magd Hagar hatte. Er hatte sogar eine Reihe von Söhnen von seinen Nebenfrauen, weil er ihnen Abfindungsgeschenke gemacht hatte.

Fast ausnahmslos schlössen sich die Patriarchen den Sitten ihrer Umwelt an, wonach der Mann eine Konkubine haben konnte, ganz gleich, ob er kinderlos war oder nicht. Er durfte aber immer nur eine Konkubine neben seiner Frau haben, was wenigstens den Anschein einer gewissen Ordnung erkennen lassen sollte.

Von Jakob heißt es, daß er die beiden Schwestern Lea und Rachel geheiratet hat. Jede der beiden Frauen führte ihm dann noch die eigene Magd zu, um ihren Herrn und Gebieter zufriedenzustellen. Esau hatte sogar drei Frauen, die alle drei rechtmäßig auf der gleichen Stufe standen.

Zur Zeit der Richter und der Könige wurde in Israel die Bigamie legal anerkannt. So hatte Gideon viele Frauen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, verkündeten die Propheten das Volk Israel als die einzige Gattin, die sich Gott erwählt hatte.

Die Einehe erschien somit als ein hehres Ziel, hoch und heilig für ganz Israel, die aber deshalb noch lange nicht von allen verwirklicht wurde. Wichtiger als die Einehe war das Bewußtsein, daß durch die Heirat ein Mann zum Herrn und Eigentümer wurde, und zwar Herr und Eigentümer einer Frau. Diese Einstellung wurde von Paulus bedenkenlos für die christliche Ehe übernommen. Paulus hätte sich wahrscheinlich nie träumen lassen, daß ihm gerade in diesem Punkt die Gefolgschaft mehr und mehr verweigert würde. So ändern sich die Zeiten! Vielleicht hätte sich Paulus auch heute geändert. Ich hätte es ihm zugetraut.

In den Zeiten des Alten Testaments war die Eheschließung die Sache der Eltern. Trotzdem bekamen die jungen Leute weitgehendst die Partner ihrer Wahl. Die Mädchen durften sich in den frühen Zeiten sehr frei bewegen. Sie waren weder eingesperrt noch verschleiert. Sie hüteten die Herden, gingen Wasser holen und lasen die Ähren auf hinter den Schnittern auf dem Feld. Sie durften Besuche machen und konnten ganz unbefangen mit Männern sprechen. Wie modern waren doch diese Menschen!

Nicht wenig verblüfft waren wir, daß die Kinder Israels ohne religiöse Feierlichkeiten in die Ehe gingen. Heute wäre das für gläubige Menschen unvorstellbar.

Die wichtigste Zeremonie war der Einzug der Braut in das Haus ihres Mannes. Den Auftakt machte der Bräutigam. Er zog mit seinen Freunden und mit Pauken und Trompeten zum Hause der Braut. Dort wartete die verschleierte Braut mit ihren Freundinnen auf ihren Bräutigam. Verschleiert wurde sie diesem vorgeführt und verschleiert führte er die Braut heim in sein Haus. Damit waren die beiden verheiratet.

Aber ganz ohne Schreiberei ging es wahrscheinlich schon damals nicht. Da ein Ehemann einen Scheidebrief ausstellen mußte, wenn er sich von seiner Frau trennen wollte, konnte es sein, daß er auch den Beginn seiner Ehe zu dokumentieren hatte. In Elephantine gab der Bräutigam die Erklärung ab: „Sie ist meine Frau, und ich bin ihr Mann von heute an für immer." Die Frau hatte selbstverständlich nichts zu sagen. Das fand man damals ganz in Ordnung.

Wenn die Frau schon zu Beginn einer Ehe nichts zu sagen hatte, dann am Ende einer Ehe noch viel weniger. Wollte er sie los werden, so brauchte er sich nur öffentlich von ihr zu distanzieren. Dies geschah durch die Ausstellung des Scheidebriefes: „Sie ist nicht mehr meine Frau, und ich bin nicht mehr ihr Mann." Scheidungsgrund war praktisch alles, was dem Mann missfiel. Kein Wunder. Der Priester und Schriftgelehrte Jesus Sirach empfahl: „Wenn dir deine Frau nicht aufs Wort gehorcht, dann trenne dich von ihr" (Sir 25,26). Um den Willen Gottes kümmerte man sich wenig. „Ich hasse die Entlassung", spricht Jahwe, der Gott Israels (Mal 2,14).

Jahwe hin oder her, letzten Endes zählte damals nur die eigene Entscheidung. War das nun schlecht zu bewerten? Oder ließe sich diesem Verhalten auch eine gute Seite abgewinnen?

Kirchlich gesehen, befanden wir uns damit auf dem Glatteis, denn als gelehriger Schüler fragte man nur, was auch früher schon gefragt wurde. Auch die Betrachtungsweise biblischer Texte war nur dann katholisch, wenn man den sicheren Väterstandpunkt einnahm. Neue Betrachtungsweisen waren schon immer gefährlich in der Kirche. In den abgeschirmten Räumen der philosophisch-theologischen Hochschule auf dem Domberg zu Freising konnte man aber viel riskieren, ohne damit zu Schaden zu kommen.

 

Vollendete Tatsachen

Eine dieser gewagten Thesen lautete: „Gott läßt sich von den Menschen vor vollendete Tatsachen stellen."

Wir verwiesen auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11). In diesem Gleichnis will der jüngere Sohn auf Biegen und Brechen von daheim fort. Der Vater merkt dies und findet sich mit der Entscheidung seines Sohnes ab. Es schmerzt den Vater, aber er steht dem Sohn nicht im Wege. Bei der Rückkehr des Sohnes ist es nicht viel anders. Der Vater nimmt den erbärmlichen Zustand des heimgekehrten Sohnes zur Kenntnis. Der Sohn wird sofort neu eingekleidet, als wäre nichts gewesen. Ein verpfuschtes Leben bekommt einen neuen Anfang.

Ergeht es vielen Menschen heute nicht ähnlich? Oftmals wird geheiratet gegen den Willen der Eltern und gegen den guten Rat von Freunden und Bekannten. Die jungen Leute begeben sich dann, bildlich gesprochen, in ein fernes Land. Und nicht selten geht ihnen dort ihr Vermögen aus. Das Liebesglück und die Lebensfreude sind dahin, sie fangen an schrecklich zu leiden.

In dieser Lage ist es natürlich, an daheim zu denken. Früher oder später steht dann so ein junger, unglücklicher Mensch vor der Tür und sagt: „Vater, ich habe gesündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein." In diesem Augenblick bitten wir Gott herein in die Heillosigkeit eines zerstörten Lebens. Er ist da. Er sieht, was los ist und hilft. Einem verpfuschten Leben schenkt er einen neuen Anfang. Damit ist nichts gesagt gegen die Unauflöslichkeit einer christlichen Ehe. Wenn aber irgendeiner den Kakao tatsächlich verschüttet, hilft keine Klage, keine Strafe.

Auch den Bericht von der Ehebrecherin aus dem Johannesevangelium (Joh 8,3) haben wir gegen alle Tradition für unsere These benützt. Auch hier läßt sich Gott vor die vollendete Tatsache eines großen Unglücks und menschlicher Schuld stellen. (legen den Willen von Schriftgelehrten und Pharisäern rettet er, was noch zu retten ist. Er rettet das Leben der Frau vor der drohenden Steinigung. Ob er auch ihre Ehe noch retten konnte, bleibt fraglich. Trotzdem bleibt auch für Jesus der Ehebruch Ehebruch.

Von der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4) weiß der Herr, daß sie bereits fünf Männer hatte, und daß der Mann, mit dem sie gerade zusammenlebte, nicht ihr Mann war. Ohne Wenn und Aber nimmt der Herr das Schicksal dieser Frau zur Kenntnis. Er weiß, wie es um sie steht. Bedingungslos und ohne sie auch nur i in geringsten zu demütigen, hilft er ihr weiter. Sie wird gläubig und darf dank ihres Glaubens an Jesus froh werden.

Früher oder später stießen wir dann auf die Einrichtung der Leviratsehe, wonach die Brüder eines Verstorbenen dafür zu sorgen hatten, daß die verwitwete Schwägerin ihre eigene Nachkommenschaft bekam (Dt 25, 5-10).

Es war nebensächlich, ob die Brüder ledig oder verheiratet waren. Wichtig war allein, die Schwägerin nicht kinderlos zu lassen. Diesem Ziel wurde alles untergeordnet, selbst die eigene Ehe.

Die Israeliten verfolgten ihr Ziel mit gutem Gewissen. Ihre noch sehr fragwürdige Lösung fand allgemein Zustimmung und wurde so Gesetz in Israel. Es war die erste, gelungene und gesetzlich erlaubte Familienplanung. Es gibt also auch auf diesem Gebiet nichts Neues unter der Sonne.

Wir Studenten hatten gerade die Unbefangenheit der damaligen Menschen als Modell zur Lösung heutiger Probleme auf dem Gebiet der Familienplanung angewandt. Leider wurde dies abgebogen. Es hätte den Rahmen eines neutestamentlichen Seminars gesprengt.

Mehr und mehr kam mir auf diese Weise zum Bewußtsein, daß die Heilige Schrift in der Kirche zwischen Dogma und Kirchenrecht immer einen schweren Stand haben würde. Das Studium der Theologie lehrte mich, die Kirche in ihrer Begrenztheit und konfessionellen Rechthaberei zu sehen.

Aus diesem Grunde vermied ich es, irgendeinen Vers aus der Bibel auf mein Primizbildchen drucken zu lassen. Die größten Bibelzitate bleiben oft nur graue Theorie im Apparat einer weltweiten Kirche.

Wichtiger schien mir das Anliegen Jesu, daß sein Reich komme, das keine konfessionellen Grenzen kennt, das sich auch letzten Endes weder durch Dogmen noch durch Kirchengesetze verhindern läßt.

Deshalb hieß es auf meinem Primizbildchen: „Mögen wir verbunden bleiben in der gemeinsamen Sorge um das Reich Gottes auf Erden." Diese innere Einstellung verdankte ich dem Priesterseminar auf dem Domberg zu Freising. Es war gut, daß ich dort war.

 

Als Werkstudent

Im Heiligen Jahr 1950 kamen viele Menschen auf den Geschmack des Reisens. Damals waren es in der Hauptsache fromme Pilgerfahrten nach Rom und Lourdes, die vielleicht jener Sache ganz unbewußt Vorschub leisteten, die man heute „Tourismus" nennt.

Ich war damals als Werkstudent im Bayerischen Pilgerbüro tätig. Dort hatte ich unter der Leitung seines Präsidenten, des Weihbischofs seiner Exzellenz Johannes Neuhäuslers, ganze Stöße von Karteikarten anzulegen, und sie dann schön säuberlich auf die verschiedenen Pilgerzüge aufzuteilen. Dazu kamen eine Menge von Eintragungen bezüglich der damaligen Passvorschriften, weil man damals - vielleicht nicht ganz zu Unrecht - hinter jedem Pilger auch noch einen möglichen Nazi witterte. Von den verschiedenen Einzahlungen, Überweisungen und persönlichen Wünschen der einzelnen Pilger ganz zu schweigen. Es gab Arbeit bis tief in die Nacht hinein, und oftmals stand auch für mich der Sonntag nur im Kalender.

So war es wieder einmal sehr spät geworden an einem Samstagabend. Der folgende Sonntag versprach schönes Wetter, und ich war schon voller Pläne für diesen längst verdienten, freien Tag.

Dann hieß es plötzlich: „Wer übernimmt den Pilgerzug nach Altötting? Abfahrt morgen früh um sieben Uhr ab Hauptbahnhof?"

„Oh je! Das auch noch!" dachte ich. Aber je mehr ich mich wehrte, desto mehr mußte ich einsehen, daß mir nichts anders übrig blieb, als um sieben Uhr früh wohl oder übel mit einem langen Sonderzug nach Altötting zu fahren.

Während der Fahrt hatte ich die Pilger über die Lautsprecheranlage zu begrüßen und ihnen den Tagesverlauf bekanntzugeben. Außerdem waren die Pilger auf das Rosenkranzgebet einzustimmen, das ich aus Erfahrung so einzuteilen wußte, daß wir damit kurz vor Altötting zu Ende kamen.

Dann näherten wir uns in feierlicher Prozession der Basilika, angeführt durch einen Kapuzinerpater, der, hinter einem geschmückten Vortragekreuz mit zwei Laternen und einer Musikkapelle, die Lauretanische Litanei auf den Lippen, an meine Stelle trat.

Altötting

Mein Ziel war nun nicht die Basilika, sondern ein Platz auf einer jener vielen Sitzbänke, die in einem großen Viereck unter den Bäumen auf dem Kapellplatz stehen. Leider waren sie alle besetzt, bis auf eine Bank, auf der sich ein Landstreicher breit gemacht hatte.

Zu ihm setzte ich mich, weil mir nichts anderes übrig blieb. Dann öffnete ich meine Mappe und zog meine Thermosflasche mit heißem Bohnenkaffee heraus, dazu einige belegte Brote.

„Hast schon gefrühstückt?" wollte ich von ihm wissen. „Nein", sagte er. Dann fügte er bedächtig hinzu: „Heut' hab' ich noch keine Zeit g'habt." „Seltsam", dachte ich mir und reichte ihm eines meiner Brote. „Warum hast denn heut' noch keine Zeit g'habt?" fragte ich, stutzig geworden. „Ja mei!" gab er zurück. Der Landstreicher mampfte an seinem Brot, wie es eben alte Leute tun, die im Laufe der Zeit ihre Zähne, einen nach dem anderen, verloren hatten und längst daran gewöhnt waren, ohne Zähne zu kauen.

„Ja mei", sagte er noch einmal und überlegte, ob er weiterreden sollte: „Weißt, in aller Herrgottsfrüh ist es hier am schönsten, Da triffst noch keinen einzigen Menschen und ganz still ist es noch. Nur die Vögel sind schon auf und singen, was rausgeht auf dene Bäum da, aber das stört mich ja net."

Ich nickte ihm zu, und er sah, daß ich verstand, was er meinte. „Da bin ich dann ganz allein bei der Gnadenmutter", meinte er. „Die Türe ist freilich noch zugesperrt, aber das macht ja nichts. Sie weiß ja, daß ich da bin, und das ist gut." Ich nickte wieder, und er fühlte sich verstanden.

„An der Pforte war ich auch schon, aber nicht beim Betteln wie du meinst. Das Essen gibt's erst später!" Ich schaute ihn an und wartete ab. „Nein, nicht beim Betteln." „A Heidenkind hab ich gekauft." Ich war sprachlos und schämte mich, weil ich doch nur gezwungenermaßen neben diesem Landstreicher sitzen wollte.

Vielleicht spürte er meine aufrichtige Bewunderung, die ich für ihn hegte, deshalb fügte er erklärend hinzu. „Ich bin eigentlich vom Bayerischen Wald. Den ganzen Sommer über hab' ich den Bauern ihre Rechen hergricht, wo die Rechenzähne g'fehlt ham. Neben dem Essen und hin und wieder einem Nachtquartier hab ich noch einundzwanzig Mark zusammenbracht."

Ich war bis ins Innerste getroffen von diesem Mann und schätztc ihn mehr, als alle Teilnehmer dieses Pilgerzuges zusammen, „Freilich, mein Schuhwerk ist durchgelaufen. Kein Wunder, ich trag' sie schon lange." Dabei setzte er einen Fuß etwas vor und ich sah, wie sehr sein Schuhwerk abgelaufen war. Kein Schuhmacher hätte daran auch nur einen einzigen Hammerschlag verschwendet.

„Ich brauch' keine mehr", sagte er nach einer Weile und deutete zu den Schuhen. „Ich weiß, daß ich bald heimgehen werd und deswegen, hab ich mir denkt, kaufst lieber das Heidenkind."

Wir saßen beide schweigend da. Dann stand er auf und ging.

Wenn dieses Jahr zu Ende ist, schreiben wir das Jahr 1980, und dann sind es genau dreißig Jahre, daß ich mit jenem unbekannten Landstreicher auf einer Bank vor der Gnadenkapelle in Altötting saß. In der Zwischenzeit aber war ich von 1954 bis 1968 in der Afrika-Mission. Es ist unglaublich, aber wahr: Jener unscheinbare Landstreicher mit seiner Taufgabe für ein Heidenkind hatte in mir dazu den entscheidenden Anstoß gegeben.

Man möge denken, was man will. Für mich war jener Landstreicher ein Bote Gottes. Kurz gesagt, ein Engel, ja ein Engel! Ein waschechter Engel, ohne Anführungszeichen! In der armseligen Gestalt eines Landstreichers durfte ich ihm begegnen. Und wenn Sie jetzt verärgert abwinken und sagen: „Hören Sie doch endlich auf, mit Ihrem Landstreicher", dann will ich Ihnen nicht widersprechen.

Und trotzdem, ob Sie mich nun für verrückt halten oder nicht. Es war ein Engel! Er hatte sich nicht persönlich bei mir vorgestellt, wie damals in Nazaret Er tat gut daran, denn ich hätte es ihm nicht geglaubt. Gegrüßt hat er auch nicht. Das stimmt. Aber wer bin ich denn, daß er mich grüßen müßte? Hätte er vielleicht seinen speckigen Hut lüpfen sollen vor mir? - Er, der alte Mann, vor mir, dem jungen Hupfer?

Bei der Jungfrau von Nazaret war das anders. Bei der stellt sich schließlich ein jeder vor, ganz gleich, ob Mensch oder Engel. Sicher, er hatte Hunger. Aber darf denn ein Engel keinen Hunger haben? Hätte er am Tag zuvor noch unbedingt seinen Schweinebraten verzehren müssen? Sie wissen doch, ich habe es Ihnen ja erzählt, daß er gleich schnurstracks zur Gnadenkapclle gekommen ist. Er saß dort auf einer Bank, weil die Türe zur Gnadenkapelle begreiflicherweise während der Nacht verschlossen war.

Sagen Sie nicht, er hätte sich keinen Schweinebraten leisten können. Im Gasthaus „Zwölf Apostel" hätte er für DM 21, zweimal Schweinebraten bestellen können und noch eine Maß Bier dazu.

Ich stimme zu, er wäre nicht bedient worden. Mit seinem erbärmlichen Anzug hätten sie ihn schon an der Haustüre abgewimmelt. Aber darf ein Engel nicht arm sein, frage ich? Ich gebe zu, er müßte nicht unbedingt arm sein, um ein Engel zu sein. Es gibt sogar reiche Engel, stinkreich und piekfein, aber die bleiben es nicht lange. Sie halten ihren Reichtum nicht aus. Früher oder später werden sie schwach und fangen an, da und dort hungrige Mäuler zu stopfen.

Einen Heiligenschein hatte er auch nicht. Auch das gestehe ich. Aber wenn er wirklich einen Heiligenschein gehabt hätte, dann hätte er sich auch rasieren müssen. Zum Friseur hätte er auch gemußt. Und nun stelle man sich vor, er hätte mit einem Heiligenschein und frisch rasiert vor der Gnadenkapelle auf mich gewartet.

Ja, man stelle sich das einmal plastisch vor! Ich frage: Hätte einer sich wirklich zu ihm auf die Bank gesetzt? - Ehrlich? - Ich nicht. Ich persönlich hätte ihn urkomisch gefunden und mir gedacht: „So ein komischer Vogel!" Ein echter Engel ist aber niemals ein komischer Vogel, auch wenn noch so viele fromme Seelen meinen, er müßte unbedingt Flügel haben.

Ach so, zu alt! Von einem alten Engel habe ich selber auch noch nie etwas gehört. Wenn man schon meint, daß er zu alt war, wie alt müßte ein Engel sein, daß man von ihm sagen könnte: „Ein Engel in den besten Jahren?"

Den Hirten in der Gegend von Bethlehem wird wohl in der Heiligen Nacht ein Engel in seinen „besten Jahren" erschienen sein, denn es heißt nicht umsonst: „Und sie fürchteten sich sehr!" Gott sei Dank, war damals noch eine ganze Heerschar anderer Engel da auf den Wolken des Himmels. Sicherlich waren diese noch etwas jünger, siebzehn, achtzehn Jahre vielleicht, wie unsere Burschen, wenn sie zur Bundeswehr kommen.

Von denen hatte sich wohl keiner heruntergetraut zu den Hirten, denn die Hirten von Bethlehem waren handfeste Burschen. Wer weiß, es hätte leicht sein können, daß bei einem jüngeren Engel die Verkündigung an die Hirten schief gegangen wäre.

Schon aus diesem Grunde waren die ganz kleinen, pausbackigen Engel nicht zu gebrauchen. Diese ganz kleinen Engelein dürfen froh sein, daß sie auf unseren Barockaltären herumsitzen dürfen. Die Mehrzahl dieser ganz kleinen Engel hat es besser. Sie werden im Kinderwagen spazieren gefahren und kriegen ein Fläschchen, wenn sie Hunger haben. Ob sie dann weiterhin Engel bleiben, oder später wieder einmal als Engel fungieren, irgendwann und irgendwo, wie jener Landstreicher in Altötting, das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Es bleibt jedem freigestellt.

 

Verliebt über beide Ohren

In jenen Jahren verbrachte ich meine freien Tage ausnahmslos auf dem Hansenhof in Thann bei Bad Aibling. Dort lebte eine Bauersfamilie, bei der ich mich rundherum wohl fühlte. Die Eltern hatten das Herz auf dem rechten Fleck. Die Söhne hießen Kurbi und Sepp, die Mädchen: Anni, Walli, Maria und Rosl. Dann und wann war auch die Resl daheim. Sie kam meistens mit ihrem Freund. Er hieß bei uns „Vikar Vogt", weil er fast alles, was er sagte, mit einem Hinweis auf seinen Jugendseelsorger zu beginnen pflegte. Meine besondere Zuneigung galt von Anfang an der Anni.

Dort war immer was los. Tagsüber wurde rechtschaffen gearbeitet. Dabei setzte ich meinen ganzen Ehrgeiz darein, den Andern in Nichts nachzustehen. Auf diese Weise absolvierte ich ein landwirtschaftliches Praktikum, das für ein Diplom gereicht hätte.

Der Feierabend war gewöhnlich die Krönung eines Tages. Oft war es das gemeinsame Singen, dazu das zwanglose Gespräch und nicht selten das spontane Spiel in froher und zuweilen auch in ausgelassener Runde. Der Sepp zeigte sich gerne in der unübertroffenen Rolle des alten Ellwei. Dabei ging es lediglich um den alten Nachbarn, der sich jeden Samstag nach dem Abendessen in höchst umständlicher Weise zu rasieren pflegte. Diese Prozedur war allen genauestens bekannt. Es ließ sich nämlich immer leicht ein Vorwand finden, gerade zu dieser Stunde schnell noch beim Nachbarn anzuklopfen.

Auf diese Weise konnte man mit eigenen Augen sehen, wie es dort zuging. Eine alte Blechwanne mußte auf den Küchentisch.

Daneben ein Stuhl, auf den dann der Spiegel gestellt wurde. Schließlich wurde das Rasiermesser umständlich präpariert. Wenn es dann endlich so weit war, ging es ans Einseifen. Dabei wurde ständig genörgelt und geschimpft, weil nichts recht war. Entweder war der Spiegel nicht sauber genug, das Wasser zu heiß oder schon wieder zu kalt. Kurzum, es war ein echtes Familientheater aus der nächsten Nachbarschaft, das uns manchen Lachkrampf bescherte.

Walli war die Jüngste von allen und heiratete als erste. Es war klar, daß ich bei diesem Fest nicht fehlen konnte. Ich stand gerade vor meinem Abschlußexamen, als ich die Einladung erhielt. Es hieß darin: „Schade, daß du nicht kommen kannst. Wir werden dich sehr vermissen." Ich besprach diese Sache mit meinen Kurskollegen. Keiner sah für mich eine Möglichkeit, daran teilzunehmen. Der Regens des Priesterseminars würde das unter keinen Umständen erlauben. Dafür kannten wir ihn zu gut. Ich erinnerte mich an meine Großmutter, die zu sagen pflegte: „Wer lang fragt, geht lang irr!" Dann setzte ich mich hin und bedankte mich beim Brautpaar für seine freundliche Einladung zur Hochzeit. Ich endete mit den Worten: „Es bleibt dabei! Ich komme zu Eurer Hochzeit, koste es, was es wolle. Und die Anni soll wissen: Es gibt für mich keine größere Freude, als neben ihr auf dem Kammerwagen zu sitzen!" Erleichtert und zufrieden trug ich diesen Brief auf das Postamt und freute mich, daß er noch am gleichen Tag abgehen würde.

Es war höchste Zeit, daß ich endlich zum Ausdruck gebracht hatte, was ohnehin längst alle wußten: Meine Liebe für Anni! Ihre Antwort kam prompt. Es war ein Liebesbrief voll Zärtlichkeit und tiefer Sorge. Unsere Liebe war überschattet von meiner Berufung zum Priestertum. Angstvoll fragte sie: „Werden wir jemals wirklich glücklich sein, wenn wir den Willen Gottes durchkreuzen? Wenn Gott ruft, darf kein Mensch mehr an sein eigenes Glück denken."

Damals glaubten auch wir noch felsenfest, daß Gott einen Menschen höchstpersönlich in seinen Dienst rufen würde. Sich diesem Ruf zu versagen, würde notgedrungen früher oder später im Unglück enden. Daran gab es nichts zu rütteln. Die Vorstellung gehörte zum feststehenden Einmaleins unseres Glaubens.

Es gab deshalb eigentlich nur eine einzige Frage. Sie lautete: „Was ist der Wille Gottes für mich?" Dieser allein zählte. Sonst nichts. In diesem Sinne schrieb ich ihr einen langen Brief. Ich versuchte sie davon zu überzeugen, daß unserer Liebe nichts mehr im Wege stünde. Schließlich hätte uns Gott selber zusammengeführt. Daran gab es für mich nicht den geringsten Zweifel. Von aller Anfang an hatte er seine Hand im Spiel.

Es war sein Wille, daß ich aus einem kleinen Nest in Niederbayern nach München gekommen war. Er hatte mir zur rechten Zeit die richtigen Freunde zur Seite gestellt. Im Auftrag Gottes hatten sie mich in das Gymnasium geführt. Seiner Vorsehung war es zu verdanken, daß mir der damalige Dompfarrer das Schulgeld bezahlt hatte. Während des Krieges hielt Gott seine schützende Hand über mich. Als das Abitur vor mir stand, gab er mir Kraft und Entschlossenheit diese Hürde zu meistern. In wenigen Wochen würde ich mein Theologiestudium zum Abschluß bringen. Zugegeben, alles deutete auf eine Berufung für das Priestertum hin. Das alles war aber nur die halbe Wahrheit.

Was aber noch viel schwerer wog, war doch die Tatsache, daß ich mein ganzes Theologiestudium in Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas, absolvieren wollte. Wie oft hatte ich doch bei der südafrikanischen Botschaft in Bonn das notwendige Einreisevisum beantragt. Immer vergeblich! Während meiner Studienzeit in Pretoria hätte ich mich langsam an Land und Leute gewöhnen sollen, um dann endlich als Eingeborenenmissionar tätig sein zu können. Jetzt frage ich dich: Was ist daraus geworden? - Nichts! Auch das ist für mich Gottes Wille, oder meinst du vielleicht, es steckt der Teufel dahinter?

Der Hinweis auf den Teufel war selbstverständlich nicht ernst gemeint. Im Gegenteil! Er sollte ihr das verborgene Eingreifen Gottes nur noch deutlicher vor Augen führen. Für die Verweigerung der Einreiseerlaubnis nach Südafrika gab es einen einfachen Grund. Die Regierung des Landes war durch und durch calvinistisch. Ein römisch-katholischer Missionar hatte deshalb in ihrem Land nichts verloren. So naheliegend diese Erklärung auch sein mochte, sie wurde als oberflächlich und vordergründig abgetan, weil wir überall an das unsichtbare Walten der Vorsehung Gottes glaubten.

Wahrhaftig, Gott will, daß wir ein Paar werden, beteuerte ich ihr. Denke doch an das Verhalten des Kardinals. Auch er hatte sich meinem Vorhaben in die Mission zu gehen von aller Anfang an widersetzt. „Lieber Willibald", hatte er zu mir gesagt. „Wenn du unbedingt in die Mission gehen willst, dann auf nie mehr Wiedersehen!" Das waren harte Worte. Es blieb mir nichts anders übrig, als die Exkardination aus der Erzdiözese München und Freising zu beantragen. Damit wurde ich kirchenrechtlich zu einem Fremdling in meiner angestammten Heimat.

„Liebste Anni!" schrieb ich ihr. „Was muß denn noch alles geschehen, bis wir endlich begreifen, daß wir zusammen gehören? Wir müssen aufhören mit dem Gerede: Viel zu schön, um wahr zu sein. Uns ergeht es doch wie dem gottesfürchtigen Abraham. Er hatte geglaubt, seinen einzigen Sohn opfern zu müssen. Im letzten Augenblick war dann doch noch alles anders gekommen. Auch uns hat Gott auf Herz und Nieren geprüft. Jetzt will er uns sagen: Wir haben ihn nicht enttäuscht! Jetzt will er uns seinen Segen geben für eine gemeinsame Zukunft." Schließlich beendete ich meinen Brief, wie es eben nur ein glühender Liebhaber vermag.

Vierzehn Tage später saß ich tatsächlich neben der Anni auf dem Kammerwagen ihrer Schwester Walli. Noch vor dem allgemeinen Wecken war ich mit dem Frühzug nach München gefahren und dort nach Bad Aibling umgestiegen. Endlich hing auch für mich der Himmel voller Geigen! Die Hochzeit war ein unvergessliches Erlebnis. Drei Tage später war ich wieder in Freising. Dort ging ich zuerst in einen Buchladen, in der Absicht, einen Seminaristen zu treffen. Ich hatte Glück. Wir wechselten einige Worte miteinander. Es war so selbstverständlich, als wären wir kurz vorher noch beim Mittagessen beisammen gesessen. Meine Abwesenheit hatte also keine Wellen geschlagen. Die Kurskollegen hatten dicht gehalten.

Es war klar, daß ich meinen Kommilitonen ausführlich von dieser Hochzeit erzählte. Nur von der eigentlichen Neuigkeit verriet ich kein Wort. Ich hatte nämlich mit der Anni bereits recht handfeste Pläne geschmiedet. So war es eben eine beschlossene Sache, daß ich nach dem Abschlußexamen im Priesterseminar zu Beginn des Wintersemesters in die Lehrerbildungsanstalt überwechseln würde. Das war unser großes Geheimnis. Die Weichen für eine gemeinsame Zukunft waren gestellt.

Das Abschlußexamen meines Theologiestudiums kam und ging. Es war für mich nur noch reine Formsache. Kein Wunder, daß ich davon nur berichten kann, daß ich es mit Erfolg zum Abschluß gebracht hatte. Alles andere ist vergessen. Kurze Zeit darauf kam dann die große Überraschung: Das Visum für die Einreise nach Südafrika! Es hatte mich getroffen, wie ein Blitz uns heiterem Himmel.

Es ist überaus bezeichnend, wie wir beide, Anni und ich, diese plötzliche Wende gemeinsam gelöst haben. Unser Vorbild war die Berufung zweier Jünger. Diese waren seinerzeit im Boot und richteten ihre Netze her. Dann kam Jesus völlig unerwartet und rief sie in seinen Dienst. Daraufhin hatten sie ihren Vater auf der Stelle zurückgelassen. Einfach so, ohne Wenn und Aber! Sie stiegen aus dem Boot, ließen alles zurück, was ihnen lieb und teuer war, und keiner fragte wie ihnen zumute war. Sie gingen, weil sie Gottes Ruf erreicht hatte. Mit Anni und mir war es nicht anders.

Heute wäre ich dazu nicht mehr in der Lage. Aus einer Reihe von Gründen. Diese berühmt gewordene Berufung der Jünger war letzten Endes nur ein schönes Märchen. Es hatte nichts mit historischer Realität zu tun. Was gewöhnlich für eine Berufung Gottes angesehen wurde, sehe ich längst viel tiefer. Was nun mich selber betrifft, so war mein Leben geprägt von autoritärer Unterdrückung und erzwungenem Gehorsam. Zwischen diesen engen Grenzen pendelte mein Wünschen und Wollen hin und her. Das Annehmen eines fremden Willens war mir zur zweiten Natur geworden. Notgedrungen suchte ich im absoluten Gehorsam meinen inneren Frieden zu finden. Bei meiner Freundin war das nicht anders. Der Glaube spendete dazu seinen Segen. Er vergoldete diese nüchternen Tatsachen. Überdies schenkte er uns die Gewißheit, das einzig Richtige getan zu haben. Alles andere ergab sich dann von selbst. Priesterweihe, Primiz und Abfahrt nach Südafrika waren nur noch eine Sache für den Terminkalender. 

 

Priesterweihe und Primiz

Über die Primiz von Willibald Glas, wenige Tage nach seiner Priesterweihe, berichtete die Süddeutsche Zeitung vom 10./11. Juli und die Münchner Katholische Kirchenzeitung vom 18. Juli 1954 unter dem Titel  "Priester dreier Erdteile assistieren bei einer Primiz".

Primiz Süddeutsche Zeitung 

Willibald Glas, der bereits als Weltpricster der Erzdiözese Pretoria in Südafrika angehört – allerdings bisher seine Reise nach Südafrika nicht antreten konnte -  feierte am Sonntag, den 10. Juli 1954, sein Erstlingsopfer im Münchener Liebfrauendom. Willibald Glas ist den alten Gottesdienstbesuchern der Dompfarrei gut bekannt, da er in dem Bezirk der Pfarrei geboren ist und ein treuer Ministrant war und auch der dortigen katholischen Jugend angchörtc. Freudig geleiteten der Dom-Pfarrer H. H. Abenthum und Bischof Olbert aus Korea (Im Bild zweite Reihe rechts)den Neupriestcr seiner Pfarrei Willibald Glas (zweite Reihe Mitte) an den Piimizaltar. Die Besonderheit dieser Primizfeier lag darin. daß der Missionsbischof von Tsingtau, Bischof Olbcrt, aus der Gesellschaft des göttlichen Wortes, die Primizpredigt hielt, und daß dem Neupriester zwei schwarze Priester aus Afrika. H. II. Thiandoum aus französisch Senegal und H. H. Adeney aus britisch Nigeria, die eigens vom St. Peter Kolleg in Rom hierherkamen, als Leviten assistierten. Bischof Olbert hatte daneben noch einen chinesischen Priester (nicht im Bild) mitgebracht, dem der Ludwigs- Missionsverein das Priestertum ermöglichte.

Die katholische Jugend Münchens hatte im Rahmen des Jahresthemas .Kirche" die Gestaltung dieser Primizfeier übernommen. Zahlreiche Jugendliche, stark durchmischt mit älteren Leuten, füllten das weite Mittelschiff des Domes, als sich der feierliche Zug, die Banner der katholischen Jugend voran, vom Jugendseelsorgeamt in den Dom bewegte. Mit Liedern aus dem Kirchenlied gestalte­ten die Jugendlichen, frisch und kräf­tig singend, das Primizamt als deutsches Hochamt.

Bischof Olbert rief den Gläubigen zu: „Ein mächtiger Kampf ist überall ent­brannt. Es geht um große Dinge. Es geht darum, ob Christus oder die Mächte der Finsternis herrschen wer­den!“ Die Missionsarbeit, so sagte er weiter, sei kein Machtrausch oder ein frommer Sport, sondern heiliger Ge­horsam dem Christuswort gegenüber; „Gehet hin in alte Welt und lehret alle Völker!“

Im Namen aller Missionare sprach er den Gläubigen den Dank aus, die durch Gebet und Opfer den in der Ferne arbeitenden Missionaren wertvolle Hilfe leisten.

Besonderen Dank richtete er an den Ludwigs-Missionsverein. Nach dem Auszug des Primizianten wartete eine vielköpfige Menge vor der Sakristei auf die farbigen Priester und den Missionsbischof. Hunderte von Händen streckten sich ihnen entgegen, als sie sich nur mühsam einen Weg  durch die Menge bahnten. Jeder woIIte einen Händedruck mit irgend einem dieser Priester wechseln.  Viele gaben sich auch schon damit zufrieden, wenn sie einen dieser farbigen Priester berühren konnten. Die spalierbildenden Bannerträger der Jugend waren nicht mehr imstande eine Gasse freizuhalten. Freudig winkend konnten sich schließlich die farbigen Priester von den Gläubigen verabschieden. R. P. (Münchner katholische Kirchenzeitung)

 

Primiz amtliches Dokument


Inhalt

Index

weiter