Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Soldatenpfarrer bei der Bundeswehr,    In der Winteruniform der Gebirgspioniere,    Lebenskunde in der Kaserne,    Mit den besten Wünschen


Soldatenpfarrer bei der Bundeswehr

Es begann mit einem endlosen Papierkrieg. Dabei wurde ich brieflich durch verschiedene Mühlen gedreht. Zuerst vom erzbischöflichen Ordinariat in München, dann vom Militärbischofsamt in Bonn, zu guter Letzt noch von verschiedenen Beamten des Verteidigungsministeriums. Endlich mußte ich persönlich erscheinen, mir vieles anhören und die entsprechenden Unterschriften leisten. Dann bekam ich meine Anstellung auf Zeit.

In Degerndorf am Inn ging ich einige Tage später durch das Kasernentor. Ich meldete mich beim Kommandeur der Gebirgspioniere. Wir lernten uns kennen und wir verstanden uns prächtig. Durch das gleiche Ritual des Vorstellens und des Kennenlernens ging ich auch bei einem Lufttransportgeschwader in Neubiberg. So weit, so gut.

Im Verwaltungsapparat des Bundes war ich plötzlich Leiter einer Dienststelle. Alles mußte funktionieren und ablaufen nach Dienstvorschrift. Dem Kommandeur und seinen Offizieren gegenüber war ich „zugeordnet", nicht untergeben. Es war gut, das zu wissen. Nur dem Militärbischofsamt war ich untergeordnet. Es hatte seinen ständigen Aufpasser in der Person des Militärdekans. Er war mein unmittelbarer Vorgesetzter.

Ich machte das Beste aus einer mißlichen Lage. So blätterte ich in den Materialheften für den lebenskundlichen Unterricht. Diese Schriften waren vom Militärbischofsamt in Bonn herausgegeben und nur zur Information des Pfarrers bestimmt. Mit gutem Grund.

Ein Heft zog meine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es hatte den anspruchsvollen Titel: „TOLERANZ: ACHTE JEDERMANNS ÜBERZEUGUNG!" Ich las diesen Titel mehrmals. Ich traute meinen Augen kaum. Dann dachte ich: „Kirche und Toleranz!" Endlich ein friedliches Gespann im Dienste der Menschen!

Mir kamen die Worte des Propheten Jesaja in den Sinn: „Es wohnt der Wolf beim Lamm. Der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen" (Jes 11,6). Mit Toleranz in der Kirche wäre ja das Reich Gottes Wirklichkeit geworden!

Dann stellte sich heraus, daß einige übereifrige Militärpfarrer dieses heiße Eisen angepackt hatten. Allem Anschein nach glaubten sie an die Toleranz in der Kirche. Diese Armen!

Wie konnten sie je vergessen, daß allen biblischen Religionen Intoleranz ins Mark geschrieben ist? „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben" (Ex 20, 2). Einige Verse weiter heißt es: „Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott." Seither eifern Juden, Mohammedaner und Christen in der Intoleranz vor diesem Gott. Es ist Ehrensache, so intolerant wie ihr Gott zu sein. „Der Apfel fällt nicht weit vom Baum", könnte man auch sagen. Intoleranz gehört eben zum Wesen biblischer Religionen.

Intolerant ist auch die Lehre der Kirche. In dem Materialheft aus dem Militärbischofsamt las ich: „Der Christ WEISS, daß Gott selbst gesprochen hat." Ich fragte mich, wie schon so oft: „Weiß er es wirklich, daß Gott selbst gesprochen hat? Es könnte doch auch sein, daß er davon lediglich überzeugt ist." Aber nein! Angeblich wüßte er es so sicher, wie zwei mal zwei vier ist. Ich dachte: „Immer das alte Lied!"

Mit einer Selbstverständlichkeit ohnegleichen wurde damit eine rein subjektive Überzeugung als unumstößliche Tatsache ausgegeben. Dabei stand noch niemals unverrückbar fest, daß der lebendige Gott jemals zu uns Christen persönlich gesprochen hatte. Wie schön wäre es, wenn es darüber keine Zweifel gäbe! Ich wäre der Letzte, der dies nicht dankbar anerkennen würde. Wenn dem so wäre, würde auch ich „ohne Zweifel und Schwanken" diesem „Wort Gottes" meine volle Zustimmung geben können.

Wenn es darüber keine berechtigten Zweifel gäbe, hätte sich das Christentum längst wie das Einmaleins in der ganzen Welt durchgesetzt. Die Menschheit wäre christlich. Unter dieser Voraussetzung würde auch ich sagen können: „Die Wahrheit preisgeben, hieße Gott verraten."

Dann las ich vom großen Beispiel der vielen christlichen Märtyrer. Sie alle hätten ihr Leben „für die Wahrheit" hingegeben. Einen Augenblick war ich versucht, das Wort „Wahrheit" durchzustreichen. Genau genommen, waren sie nicht für die Wahrheit, sondern für ihre Überzeugung in den Tod gegangen. Wahrheit und Überzeugung sind nun einmal zwei Paar Stiefel. An dieser Tatsache führt auch für die Christen kein Weg vorbei.

Dann erfuhr ich, daß Gott die vielen verschiedenen Religionen nur deshalb zugelassen hätte, „weil er auch auf krummen Linien gerade zu schreiben weiß." Ich fragte mich, woher die eifrigen Militärpfarrer und das Militärbischofsamt dies alles so genau wußten. Ich überlegte: „Könnte es nicht sein, daß alle Religionen in der Welt von Gott gewollt und willkommen sind - oder keine?"

Ich schloß dieses Materialheft. Wieder las ich den Titel: „Toleranz: Achte jedermanns Überzeugung!" Es war gut gemeint.

 

In der Winteruniform der Gebirgspioniere

Die Gebirgspioniere hatten eine Unterkunftshütte am Wendelstein. Woche für Woche übte dort eine Kompanie im Hochgebirge. Der lange Aufstieg dorthin war sehr mühevoll. Im Winter kamen zur vollen Militärausrüstung noch die Skier hinzu. Diese wurden zuerst auf den Schultern getragen. Erst am Fuße des Berges wurden sie angeschnallt. Damit begannen die Schwierigkeiten.

Bei dem einen war die Bindung zu locker. Bei einem anderen löste sich ein Steigfell vom Ski. Die Betroffenen lagen hilflos im Tiefschnee. Wenn sie Glück hatten, gelang es ihnen, das Fell neu zu befestigen und die Bindung zu schließen. Den schweren Rucksack aber bekamen sie nicht allein auf die Schultern. Sie verloren dabei das Gleichgewicht und lagen gleich wieder im Schnee. Ihre einzige Hoffnung waren einige Unteroffiziere am Ende des Zuges. Diese hatten nichts anderes zu tun, als den Liegengebliebenen weiterzuhelfen.

Die Pioniere fluchten anfänglich noch aus Leibeskräften, nach und nach aus Verzweiflung. Ohne darauf zu achten, hielt ich an, wo einer nicht mehr weiter konnte. Es machte mir keine Mühe. Außer meinem Schlafanzug und dem Waschzeug hatte ich nichts zu tragen. Auf diese Weise lernten die Soldaten ihren Militärpfarrer kennen. Noch vor dem Ziel erlebten wir, daß wir zusammengehörten.

Mit der Wendelsteinbahn wäre ich natürlich viel leichter hinaufgekommen, sogar die Fahrkarte hätte ich mir bezahlen lassen können. Es wäre eine Dienstfahrt gewesen. Dann und wann wäre auch ein Hubschrauber geflogen. Ich hätte nur ein Wort  sagen brauchen. Ich ging aber jedesmal mit den Pionieren. Dafür schätzten sie mich als „ihren" Pfarrer. Leider taten das auch alle Nichtkatholiken, was nach und nach zu einem ernsten Problem wurde.

Meine Anwesenheit war sorgfältig eingeplant. Die Pioniere kehrten früher heim, als sonst. Es gab genügend Freizeit. Fast hätte man meinen können, ein Jugendkaplan wäre mit seiner Jugend in einem Ferienlager. Dann schrillte die Pfeife des U. v. D. "Heraustreten zum lebenskundlichen Unterricht!" Er schrie es in alle Ecken, in jede Richtung. Jeder mußte es hören. Es war Dienst, keine Freizeit. Auch meine Stunden standen unter dem Zwang des Befehls.

Soldaten können stur sein. Sie können sich auf Durchzug einstellen: Alles beim einen Ohr hinein, beim anderen hinaus. Sie können da sein, wie ein Hackstock, ohne jegliche innere Beteiligung. Ich machte mir nichts vor.

Meine Herren!" sagte ich. „Was würde Ihnen fehlen, wenn es keine Kirche gäbe?" Ich hielt mich genau an die Vorlage des katholischen Militärbischofsamtes. Sie rührten sich nicht. Dann fuhr ich fort: „Was eine Mutter leistet, spüren wir erst, wenn sie einmal krank ist. Manche merken es erst, wenn sie tot ist."

Dann hob einer die Hand. Ich war froh darüber. Er sagte: „Es ist schon ein starkes Stück, die Kirche mit einer Mutter zu vergleichen." Da und dort unterdrückte einer sein Lachen. Er fuhr fort: „Die Kirche ist keine Mutter, schon gar nicht meine Mutter", fügte er hinzu. „Eine klare und eindeutige Aussage", stellte ich fest. Weiter auf ihn eingehend, fragte ich: „Würden Sie uns sagen, wie Sie zu der Feststellung gekommen sind?" Der Soldat zögerte einen Augenblick. Dann sagte er: „Es ist nicht meine Art, so persönliche Gedanken preiszugeben."

Ich verstand. „Vielleicht können Sie eine Ausnahme machen, wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihre persönliche Meinung respektieren werde? Also, warum ist für Sie die Kirche alles andere, nur keine Mutter?" Auch ich war auf seine Antwort gespannt.

„Weil sie die Kinder frißt!", war die Antwort. Eine grausame Vorstellung.

Ich fragte weiter: „Welchen Namen würden Sie der Kirche geben?" „Bestie!", sagte er. „Was sonst?" Der Mann war wenigstens konsequent.

Das Interesse der Soldaten war geweckt. Ohne zu langweilen, faßte ich zusammen: „Wir haben also zwei gegensätzliche Vorstellungen über ein und dieselbe Kirche: Mutter und Bestie. Die Mutter schenkt den Kindern das Leben. Die Bestie frißt sie auf." Dann wandte ich mich an alle: „Wir sind alle Kinder der Kirche. Sie hat uns in der Taufe zu einem neuen Leben geboren." Ich machte eine Pause und fragte in aller Offenheit: „Oder fühlt sich jemand unter uns von der Kirche aufgefressen und verschlungen?" Mir schien die Frage wichtig.

Es gab mehrere Wortmeldungen. Der Erste sagte: „Ja, ich fühle mich aufgefressen und verschlungen." Es gab Gelächter. Der Soldat fuhr fort: „Da wird man als kleines Kind in die Kirche geschleppt und katholisch gemacht. Ich empfinde das als glattes Unrecht. Es ist überhaupt nicht einzusehen, daß ich den Glauben meiner Eltern einfach mir nichts, dir nichts, übernehmen muß." Ein Zweiter sagte: „Ich fühle mich auch vereinnahmt, aufgefressen und verschlungen." Dann meinte er: „Es ist unwürdig und gemein, ja ein ganz fauler Trick ist es, daß die Kirche bereits auf die kleinen Kinder losgeht. Sie soll bei den Erwachsenen anfangen. Ein Erwachsener kann sich wehren. Er kann sich frei entscheiden, ob er mitmachen will oder nicht." Er bekam Beifall von den übrigen.

Ein anderer meinte: „Es ist schon schlimm genug, wenn jemand in eine schlechte Gesellschaft hineinschlittert. Wenn das einem passiert, braucht er wenigstens keinem anderen die Schuld dafür zu geben. Er kann sich sagen: Da bin ich selber schuld. In die Kirche kann man nicht einmal versehentlich hineingeraten. Man wird hineingeworfen. Eltern müssen ihre Kinder taufen lassen."

Er fuhr fort: „Es ist ein Unding, was sich die Kirche leistet. Man kann doch die Eltern nicht verpflichten, ihre Kinder auf das Gymnasium zu schicken, nur weil sie selber einmal auf einem waren. Aber genau so etwas verlangt die Kirche." Er setzte sich, sichtlich zufrieden mit seinem Beitrag.

Ein anderer meldete sich zu Wort. „Mir fällt etwas ein, was nicht unbedingt zum Thema gehört." „Etwas Unkeusches?" flüsterte einer dazwischen. „Leider nicht", sagte der Soldat. Enttäuschung machte sich breit. „Ich bitte um Aufmerksamkeit, meine Herren!" Ich sagte es energisch. Dann wandte ich mich dem Pionier zu, der sich gemeldet hatte. „Also!", sagte ich. Dann berichtete er aus seiner Schulzeit.

„Wir haben im Deutschunterricht einmal das Märchen Hansel und Gretel durchgenommen. Dort spielte die List eine große Rolle. Die alte Hexe gab sich als Mütterchen aus. Sie war voll Erbarmen für die Kinder. Hansel und Gretel durften in das Lebkuchenhaus." Dann rief jemand dazwischen: „Mutter Kirche, diese alte Hexe!" Ich sagte: „Diese Bemerkung sparen wir uns auf für später. Bitte erzählen Sie weiter."

„Bald merkten die Kinder, daß sie in einer Falle saßen. Sie ersannen eine List. Hänschen schob ein dünnes Hölzchen durch das Gitter. Gretchen überlistete die Hexe und schob sie in den brennenden Ofen. Mit List und Schläue hatten sich die Kinder aus einer tödlichen Gefahr befreit."

Nach einer Pause fuhr er fort: „Damals haben wir dieses Märchen auf unser Schülerdasein angewendet. Wir könnten dieses Märchen auch auf die Kirche anwenden." Der Soldat wollte sich setzen. „Machen Sie weiter!", rief ich ihm zu. „Wir sind gespannt."

Er machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich meine", begann er: „Hansel und Gretel! Das sind wir. - Wie Hansel und Gretel machen wir unsere Erfahrungen mit dem Elternhaus und später mit einem Hexenhaus. Das bleibt keinem erspart." Ich bohrte weiter: „Was ist die Kirche? Elternhaus oder Hexenhaus?" „Hexenhaus! Hexenhaus!" kam es von allen Seiten. „So eindeutig ist das keineswegs", entgegnete ich. „Nehmen wir einmal an, die Kirche ist das Hexenhaus. Was sagt uns dieses Bild?" Keiner meldete sich.

„Das Hexenhaus ist aus Lebkuchen gebaut, das muß doch etwas bedeuten." „Ja!", meldete sich einer zu Wort. „Die Kirche zeigt sich von ihrer süßen Seite." „Tut sie das wirklich?", wollte ich wissen. „Sie verspricht uns ewige Glückseligkeit." Ich fragte: „Wie geht das Märchen weiter?" Sie erinnerten sich: „Der Hänsel wurde eingesperrt. Er sollte gemästet und gebraten werden." „Was geschah mit der Gretel?", wollte ich wissen. „Das Mädchen mußte für die Hexe arbeiten." Ich ermahnte zum Mitdenken und fragte: „Wie ergeht es uns in der Kirche? Besser oder schlechter, als Hansel und Gretel?" Ich fragte nicht vergeblich. „Uns ergeht es genau so schlecht, wie den Kindern im Märchen." Ich wollte, daß er unsere schlechte Lage schildern würde. „Wir sind eingesperrt in die Vorschriften der Kirche. Wir werden auch gemästet wie Hansel." Obwohl er leise sprach und etwas unsicher wirkte, hörten ihm alle zu.

„Wir werden gemästet in der Seele", begann er wieder. „Wir bekommen ein immer fetteres Sündenpolster. Schließlich sollen auch wir gebraten werden in der Hölle." Einige lachten über diesen Vergleich. „Da gibt es nichts zu lachen. Das Märchen ist Wirklichkeit." Er setzte sich. „Wir dürfen die Gretel nicht vergessen." Ich deutete an, daß sie mehr Glück hatte, als ihr Bruder. „Nein!", wurde mir widersprochen. „Die Gretel mußte sich von der Hexe ausnützen lassen. Es war ihr nichts anderes übrig geblieben, als für sie zu arbeiten." „Opfer bringen, heißt das in der Kirche!", rief einer dazwischen.

„Hansel und Gretel waren keine Opferlämmer", erwiderte ich. „Der Hansel hatte doch die alte Hexe sehr schön hinters Licht geführt. Statt seinen Finger, hatte er ihr einen Knochen hingehalten. Die Gretel brachte es fertig, die Hexe in den brennenden Ofen zu schieben." Dann fragte ich: „Was könnten wir von Hansel und Gretel lernen?" Die Antwort kam spontan: „Die Kirche in die Hölle zu werfen!" Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich war bemüht, das Bild von der Kirche zu korrigieren. „Meine Herren!" begann ich wieder. „Wir dürfen die Kirche nicht als Hexe bezeichnen. Wir tun ihr Unrecht." Ein Soldat meldete sich. Er fragte: „Warum sollen wir die Kirche nicht Hexe nennen, wenn sie eine ist?" Diese Frage fand allgemeines Interesse. Mir blieb nichts anderes übrig, als darauf einzugehen. „Wer eine solche Behauptung aufstellt", sagte ich, „der muß auch die entsprechenden Beweise liefern." Die Soldaten nahmen diese Herausforderung an.

„Die Kirche terrorisiert uns doch wie eine Hexe", platzte einer heraus. „Denken Sie nur an eine so einfache und natürliche Angelegenheit wie die Selbstbefriedigung." Es wurde mäuschenstill. „Das bißchen Onanie ist schwere Sünde. Die Kirche tut, als würde der Himmel einstürzen, wenn einer das tut. Dabei ist diese Sache so natürlich, wie essen und trinken." Die Soldaten stimmten ihm lachend zu.

„Und was macht doch die Kirche für ein Geschieß über den vorehelichen Geschlechtsverkehr!", sagte ein anderer. „Überall kommt es auf die Übung an." Es gab schallendes Gelächter. „Ja!", fuhr er fort. „Ohne Einübung geht nichts im Leben. Denken Sie doch nur an den Führerschein. Immer mehr Übungsstunden werden zur Pflicht gemacht." Dann stellte er fest: „Beim Erwerb des Trauscheines kann es nicht anders sein. Die Kirche vergönnt uns die Liebe nicht. Mögen Sie sagen, was Sie wollen, für mich ist die Kirche eine Hexe." Er sagte dies in vollem Ernst.

„Und was erst die Scheidung angeht", gab ein anderer zu bedenken. „Hier zeigt die Kirche ihr wahres Gesicht." Mit einem tiefen Atemzug sagte er: „Die Kirche vergrößert das Unglück der Menschen. Man müßte zugrunde gehen, wenn man sie ernst nehmen würde. Ja, sie ist eine Hexe." Die Soldaten hatten ihre feste Meinung über die Kirche.

Ich ließ es dabei bewenden und sagte: „Meine Herren! Bedenken Sie doch: Die Hexe ist tot! Das Märchen geht weiter." Ich fuhr fort: „Die Gretel lief zum Stall und öffnete die Türe. Voll Freude rief sie: Wir sind erlöst! Dann taten sie etwas sehr Bemerkenswertes. Sie gingen beide zurück ins Hexenhaus und füllten sich ihre Taschen mit den kostbarsten Perlen der toten Hexe." Die Soldaten wußten nicht recht, was ich damit sagen wollte.

„Meine Herren!", begann ich wieder. „Meinetwegen können Sie die Kirche so schlecht machen, wie Sie wollen. Eines steht fest: Auch Sie sind mit den kostbarsten Schätzen der Kirche auf und davon, wie Hansel und Gretel." Es gab verblüffte Gesichter. Die Soldaten wollten das nicht wahr haben.

Ich fuhr fort: „Denken Sie nur an die herrlichen Feste, an Weihnachten, Ostern, Pfingsten und wie sie alle heißen! Das sind echte Kostbarkeiten. Mit diesen Schätzen sind Sie auf und davon. Sie haben es Hansel und Gretel nachgemacht." Sie verstanden nicht, was ich sagen wollte. Nach einer Weile fuhr ich fort: „Meine Herren! Sie haben doch die Feste der Kirche wie Perlen in Ihre Taschen gesteckt. Sie sind mit diesen Schätzen auf und davon. Sie haben doch die Kirche verlassen, wie Hansel und Gretel das Hexenhaus verlassen haben. Ja, Sie sind mit diesen Kostbarkeiten heim zu Ihren Eltern, oder zu Ihrer Freundin, in die Berge oder an einen See."

„Das machen doch alle", gab einer der Pioniere zu bedenken. „Stimmt!", sagte ich. „Ich möchte Sie nur bitten, auch mit der Kirche fair zu sein. Wegen dieser Hexe sind aus armen Kindern

wohlhabende Leute geworden. Man kann nun über die Hexe denken, was man will. Eines steht fest: Bei Hansel und Gretel hatte sich alles zum Besten gewendet." Sie gaben mir recht. „Trotzdem ist und bleibt sie eine Hexe", sagte einer der Soldaten. Ein anderer meinte: „Viel wichtiger ist, daß wir ihre Schätze haben und daß sie uns nicht mehr schaden kann." Ich stimmte ihm zu. Der Unteroffizier vom Dienst meldete sich: „Herr Pfarrer, die Stunde ist um." Ich bedankte mich und zog mich zurück.

 

Lebenskunde in der Kaserne

Ich wollte gerade zum Abendessen ins Kasino. Dann schrillte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und horchte. Die Vermittlung vom Fliegerhorst Neubiberg meldete sich. „Einen Augenblick" hörte ich noch sagen. Dann meldete sich der Kommandeur des Lufttransportgeschwaders. Seine Mitteilung war kurz und bündig: „Herr Pfarrer! Wir haben einen Absturz! Keine Überlebenden!" fügte er hinzu. „Übernehmen Sie die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen. Fahrer mit Dienstfahrzeug steht bereit." Eine Stunde später war ich am Fliegerhorst. Kurz nach Mitternacht war mein trauriger Einsatz beendet.

Bei der Trauerfeier traf ich meinen evangelischen Kollegen. Er verhielt sich sonderbar kühl und reserviert zu mir. Vor dem Auseinandergehen sprach ich ihn an. Er sagte mir, es ginge nicht an, daß ich seine evangelischen Soldaten abspenstig machen würde. Ich war wie aus allen Wolken gefallen.

Es wäre des Guten zu viel, wenn ich mit den Pionieren auf den Wendelstein steige. Er könnte nach Dienstschluß nicht mehr bei den Soldaten sein. Schließlich hätte er eine Frau und zwei kleine Kinder. Das leuchtete mir ein. Zugleich ließ ich ihn wissen, daß ich mir von ihm keine Vorschriften machen lassen würde. Wir verabschiedeten uns höflich und verärgert. Die evangelischen Soldaten verhielten sich von da an noch reservierter zu ihrem Pfarrer, als sie davon erfuhren. Alles in allem, eine ungute Sache. Irgendwann würde es zum Krach kommen.

Die kommende Unterrichtsstunde versprach wieder interessant zu werden. Das Märchen von Hänsel und Gretel hatte die Soldaten sehr beschäftigt.

Die Meinung, daß Kirche tot wäre, verursachte ein großes Für und Wider.

„Ich sehe das so", widersprach ein Soldat. „Die Kirche ist alles andere, nur nicht tot. Sie kann einem immer noch ganz schön einheizen." Dann fuhr er fort: „Ich war kürzlich auf einer Beerdigung. Es gab viele Leute, alle sehr betroffen. Dabei hörte ich die Worte vom Menschensohn auf den Wolken des Himmels." „Sie meinen, das berühmte Gleichnis vom Weltgericht. Einen Augenblick", sagte ich. Dann las ich aus dem 25. Kapitel des Matthäusevangeliums: „Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben. Ich war krank, und ihr habt mich besucht. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Ich sah auf und stellte fest, daß alle aufmerksam zuhörten. Dann sagte ich: „Hören Sie, was er denen auf der linken Seite zu sagen hat." Ich las weiter: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.

Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben. Ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben. Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben. Ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.

Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben."

Ich legte das Buch beiseite und sagte: „Was meinen Sie dazu?" Ich sah sie der Reihe nach an. Einer meinte: „Da hilft nur Eines: abschalten!" Dann suchte ich nach weiteren Handzeichen. Es gab keine. „Schade!", sagte ich. Dann hob einer die Hand. Er fragte mich: „Herr Pfarrer, Sie glauben doch selber nicht, was Sie uns gerade vorgelesen haben." Es herrschte eine gespannte Stille.

Dann sagte ich: „Ich habe keinen Grund, das nicht zu glauben. Ganz im Gegenteil! Je öfter ich diese Geschichte lese, desto mehr überzeugt sie mich." Die Soldaten machten erstaunte Gesichter. Dann fuhr ich fort: „Hier haben wir die göttliche Offenbarung von reinstem Gold." Die Männer zeigten kein Verständnis. Meine Worte klangen zu kirchlich, zu religiös. Dann fuhr ich fort: „Was Jesus uns sagen will, das sagen auch die Märchen. Es handelt sich hier um eine sehr wichtige Urerfahrung der Menschheit."

Dann zeigte einer die Hand. Ich wartete ab, was er zu sagen hatte: „Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Pfarrer, dann werfen Sie das Evangelium und Märchen in einen Topf." Er setzte hinzu: „Märchen und Evangelium sind doch zwei Paar Stiefel." Ich verstand ihn nur zu gut. „Ich habe auch lange Jahre hindurch Evangelium und Märchen streng getrennt. Ich hatte das so gelernt." Dann fügte ich hinzu: „Jetzt aber sehe ich, daß Märchen und Evangelium im Grunde ein und dasselbe aussagen." „Das gibt's doch nicht!", rief einer dazwischen. „Doch, das gibt es" antwortete ich gelassen. „Statt dem Gleichnis vom Weltgericht, hätte Jesus beispielsweise auch das Märchen von Frau Holle erzählen können." Die Soldaten lachten. Sie waren der Meinung, ich würde sie nur belustigen wollen.

„Meine Herren!", sagte ich. „Glauben Sie mir: In jedem Märchen steckt ein Evangelium. In jedem Evangelium auch ein Märchen." Das war ihnen neu. „Evangelium oder Märchen, sie wollen das Gleiche!" Dann kam wieder eine Wortmeldung: „Das Gleichnis vom Weltgericht gibt es doch nur im Evangelium. Und das ist eine Sache für Erwachsene, während die Märchen lediglich für Kinder sind." Ich dachte an die vergangene Stunde und sagte: „Wir haben uns doch alle sehr gut mit der Hexe und mit Hansel und Gretel beschäftigt. Ich hatte nicht den Eindruck, daß wir bereits zu alt gewesen wären für die Wahrheit dieses Märchens."

Dann begann ich wieder: „In jedem Märchen steckt ein Evangelium." Ich bat sie: „Bleiben Sie nicht an der Oberfläche, am Buchstäblichen hängen. Versuchen Sie, bitte, das verborgene Evangelium herauszuhören." Dann begann ich zu erzählen:

„Es war einmal ein Mädchen auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und viele tausend Blumen standen. Von dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot. Und das Brot rief: ,Ach, zieh mich heraus! Zieh mich heraus, sonst verbrenn ich. Ich bin schon längst gebacken.' Da trat das Mädchen herzu und holte mit dem Brotschieber alle Brote heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voller Äpfel und rief ihm zu: ,Ach, schüttle mich! Ach, schüttle mich! Wir Äpfel sind alle reif.' Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie. Sie schüttelte, bis keiner mehr oben war. Und als es alle zu einem Haufen zusammengelegt hatte, ging sie weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus. Eine alte Frau guckte heraus und rief: ,Bleib bei mir. Schüttle mein Bett, dann schneit es in der Welt.' Das Mädchen faßte sich ein Herz und willigte ein. Es besorgte alles zu ihrer Zufriedenheit. Sie schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf, daß die Federn wie Schneeflocken herumflogen.

So verging die Zeit und das Mädchen wurde traurig. Anfangs wußte es selber nicht, was ihm fehlte. Endlich merkte es, daß es Heimweh war. Dann sagte das Mädchen: Ich habe den Jammer nach Hause gekriegt. Ich kann nicht länger bleiben. Da nahm die Alte das Mädchen bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan. Und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen. Alles Gold blieb an dem Mädchen hängen, so daß es über und über davon bedeckt war. Mit all dem Gold kehrte es heim in das Haus seiner Mutter."

Ich machte eine Pause und fragte: „Was fällt Ihnen auf?" Einer sagte: „Das Mädchen drückt sich vor keiner Aufgabe. Es hat den Backofen und den Apfelbaum nicht enttäuscht. Es hat der alten Frau geholfen. Beim Endgericht wird das Mädchen auf der rechten Seite stehen. Die Alte hätte auch sagen können: Komm, du Gesegnete meines Vaters. Nimm das Reich in Besitz, das seit Erschaffung der Welt für dich bestimmt ist." Ein anderer fuhr fort: „Statt den Himmel hat das Mädchen Gold bekommen." Dann fügte er nachdenklich hinzu: „Vielleicht ist Gold und Himmel letzten Endes ein und dasselbe." „Gewiß!", sagte ich.

Dann erzählte ich weiter: „Das Mädchen mit dem vielen Gold erzählte alles seiner Schwester. Bald darauf machte sich auch die Schwester auf den Weg. Als sie zu dem Backofen kam, schrie das Brot wieder: ,Ach! Zieh mich heraus! Zieh mich heraus. Ich verbrenne. Ich bin schon längst fertig.' Die Schwester aber antwortete: ,Ich habe keine Lust. Ich könnte mir die Hände schmutzig machen.' Dann ging es weiter und kam zum Apfelbaum. Er rief: ,Ach, schüttle mich! Ach, schüttle mich! Wir Äpfel sind alle reif.' Die Schwester aber antwortete: ,Sonst noch etwas. Es könnte mir ein Apfel auf den Kopf fallen', und ging weiter. Als sie zum Haus der Frau Holle kam, verdingte sie sich sogleich bei ihr. Sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde. Am nächsten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen. Am dritten Tag war sie noch fauler. Am Morgen stand sie nicht einmal auf. Sie dachte nicht daran, der Frau Holle das Bett zu machen. Das war die Frau Holle bald müde und leid. Sie sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war zufrieden. Sie meinte, jetzt würde der Goldregen kommen. Frau Holle führte sie auch zum Tor. Als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein großer Kessel Pech ausgeschüttet. ,Das ist zur Belohnung deiner Dienste', sagte Frau Holle und schloß das Tor wieder zu. So kam die faule Schwester heim, ganz mit Pech bedeckt. Das Pech aber blieb an ihr hängen und wollte nicht mehr abgehen."

Dann wartete ich auf die Reaktion der Soldaten. „Die faule Schwester hat buchstäblich Pech gehabt", sagte einer. „Und sie muß damit leben", fügte ein anderer Soldat hinzu. „Es ist die gerechte Strafe für ihre Versäumnisse." Dann meinte einer: „Es ist alles wie beim Gleichnis vom Weltgericht. Nur mit anderen Bildern." Ich nickte ihm zu. Dann kam ein Einwand:

„Diesem Märchen fehlt das Wichtigste: Das Göttliche!" Nach einer Denkpause fügte er hinzu: „Ein Märchen sagt auch nichts aus über ewiges Leben, über ewige Glückseligkeit. Es ist eben nur für Kinder." „Entschuldigen Sie", entgegnete ich. „Diese Einwände lassen sich leicht entkräften." Dann erzählte ich ihnen den Anfang des Märchens:

„Es war einmal ein armes Mädchen, das mußte sich täglich an den Brunnen setzen. Dort mußte es so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig wurde. Es bückte sich damit über den Brunnen, um die Spule zu waschen. Dabei fiel ihr die Spule in den Brunnen. In seiner Herzensangst sprang nun das Mädchen selber in den Brunnen hinab. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte, befand es sich auf einer großen Wiese." Ich machte eine Pause. Dann sagte ich: „Das ist der Anfang des Märchens. Es geht hier um Leben und Tod. Freilich nicht so schonungslos und offen, wie im Gleichnis vom Weltgericht."

Dann sagte ein anderer Soldat: „Mich erinnert dieses Märchen an die Bergpredigt." „Das ist mir neu", gab ich zu verstehen und bat ihn, mehr darüber zu sagen. „Ja, das ist ganz einfach", meinte er. Dann fuhr er fort: „In der Bergpredigt heißt es: Selig, die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. An dem armen Mädchen im Märchen hat sich diese Verheißung erfüllt." Ein anderer sagte: „Ich denke an die Geschichte vom Reichen Prasser und dem armen Lazarus." Ich sagte: „Selig, die Weinenden, denn sie werden lachen." Es war ein Satz aus der Bergpredigt Jesu. Dann wollte ich schließen mit dem Hinweis: „Märchen und biblische Geschichten sind eben doch aus ein und demselben Holz." Das wollten wiederum nicht alle gelten lassen.

„Ich finde es unmöglich, den Sohn Gottes mit einer Märchengestalt zu vergleichen." Er setzte hinzu: „Die Ehrfurcht vor Gott verbietet es. Es ist einfach gotteslästerlich, wenn wir das tun." Dieser Einwand war gewichtig. Ich dachte an Jesus. Dann gab ich zu bedenken: „Jesus hat sich selber mit Vorliebe mit anderen Dingen dieser Welt verglichen. Mehr noch!", fügte ich hinzu: „Er hat sich nicht nur damit verglichen, sondern sogar gleichgestellt." Die Soldaten horchten auf. „Ich bin!", hat Jesus immer wieder gesagt. Dann zählte ich auf: „Ich bin das Licht. Ich bin der Weg. Ich bin die Wahrheit. Ich bin das Leben. Ich bin der Weinstock. Ich bin der gute Hirte. Ich bin das Brot des Lebens. Eine ganze Litanei ließe sich mit solchen Jesus-Worten machen. Wir tun nichts Sündhaftes. Wir verhalten uns nicht ehrfurchtslos. Dieser Vorwurf ist haltlos." Es gab keinen weiteren Einwand. Ich schloß die Stunde mit den Worten: „Jedes Märchen ist ein kleines Evangelium." Ich fügte hinzu: „Das gilt auch umgekehrt: In jedem Evangelium entdecken wir die Märchenwelt."

 

Mit den besten Wünschen

„Meine Herren!", sagte ich zu den Soldaten. „Sie haben Gelegenheit, drei Tage Exerzitien zu machen." Einige hatten nicht die leiseste Ahnung. „Drei Tage raus aus dieser Kaserne", gab ich zu bedenken. „In die Stille eines Klosters. Sich klar werden über Gott und die Welt und über sich selber." Ob es auch Bier gäbe und Ausgang, wollten sie wissen. Ich erzählte ausführlich, was sie dort zu erwarten hätten. Schließlich fuhren wir mit einem großen Omnibus in die Exerzitien.

Es war ein Erfolg. Der Exerzitienleiter sprach die rauhe Sprache der Soldaten. Die Soldaten machten mit. Beim Abschlußgottesdient ließen sich viele die heilige Kommunion reichen. Noch viel bemerkenswerter war das Gespräch bei der Rückfahrt im Bus. Es ging über die Kirche. „Mir tut sie leid", gestand einer der Soldaten. „Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken."

Ein anderer sagte: „Für mich ist die Kirche ein untergehendes Schiff. Der Papst müßte S.O.S. funken lassen wie ein Kapitän vor dem Untergang." Dann rief einer scherzhaft: „Alles über Bord! Rette sich, wer kann!" „Genau das meine ich", sagte der andere in vollem Ernst. Einige wollten wissen, ob ihm die Exerzitien nicht gefallen hätten. „Doch!", sagte er. „Aber darum geht es nicht."

Ich wollte wissen: „Worum geht es dann?" Ich fuhr fort: „Bleiben wir beim Bild vom untergehenden Schiff." Ich bedrängte ihn weiter: „Warum meinen Sie, ist die Kirche ein untergehendes Schiff?" Wir warteten gespannt. „Sie ist von zwei Torpedos getroffen. Das erste Torpedo kam von Galileo Galilei." Sein Nebenmann war sofort im Bild: „Daß die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, war eine tolle Entdeckung." Er sagte dies voller Bewunderung. Dann fuhr er fort: „Seither ist die Bibel von vorn bis hinten in Frage gestellt." Dann rief er aus: „Wenn man bedenkt: Das Wort Gottes hat sich als falsch erwiesen!" Wir waren betroffen. „Das war also das erste Torpedo, das das Schiff der Kirche getroffen hat", stellte ich fest. Kein Wunder, daß sie seither mit schwerer Schlagseite von den Wogen der Zeit hin- und hergeworfen wird. Dann erinnerte ich ihn, daß er von zwei Torpedos gesprochen hatte.

„Das zweite Torpedo ist längst abgefeuert", sagte er nachdenklich. „Es kommt wieder aus der Wissenschaft." Ein Nachbar machte sich darüber lustig. Er rief: „Hört! Hört! Soldat Schmid verkündet drei Monate nach dem Abitur sensationelle Entdeckung." Der Betroffene lachte und meinte: „Die Entdeckung ist längst gemacht. Sie hat sich nur noch nicht herumgesprochen." Die Soldaten um ihn herum warteten ungeduldig. „Mach es nicht gar so spannend! Sag endlich, was Du meinst."

„Jetzt geht es um Gott", begann er endlich. „Genauer gesagt: Um die Persönlichkeit Gottes." Einige waren enttäuscht. Dann fuhr er fort: „Es geht nicht darum, Gott abzuschaffen oder seine Existenz zu leugnen. Ich bin kein Atheist." Er machte eine Pause. Vorsichtig sprach er weiter: „Heute ist man daran, Gott zu erklären und ihn zu deuten." Ob das alles wäre, wollten sie wissen. „Bedenkt doch, was das bedeutet: Da sind Menschen! Sie beschäftigen sich mit dem Phänomen Gott, wie mit dem Phänomen des Alpenglühens in den Bergen." Ich stellte fest, daß Gott also nicht geleugnet würde. Das zweite Torpedo hätte keine Sprengkraft.

„So einfach ist das nicht", gab er mir zur Antwort. Er fuhr fort:

„Gotteserfahrung ist die Begegnung mit dem Unbegrenzten und dem Zeitlosen und dem Unendlichen." Das war für viele nichts neues. Dann fuhr er fort: „Dieser Gott braucht auf keinen Fall eine einzige Person zu sein, wie bei den Juden und bei den Mohammedanern. Es können drei Personen in Gott sein, wie bei uns Christen, oder tausend oder Milliarden. Es könnte so viele Gottheiten geben, wie Sterne im Weltall." Er sah sich um und sprach weiter: „Im fernen Osten machen die Menschen ganz andere Erfahrungen. Dort wird Gott erfahren, als das absolut Beziehungslose, als das Eingehen in das ewige Freisein von allem. Sie sprechen vom Nirwana. Die Menschen sind schon sehr früh auf das Unbegrenzte, Zeitlose und auf das Unfaßbare gestoßen. Sie haben dieser Wirklichkeit den Namen Gott gegeben". Das war interessant, aber keineswegs gefährlich für die Kirche. Die Zuhörer versuchten, ihn in die Zange zu nehmen.

„Wir haben Gott nicht gepachtet", sagte er. Dann fuhr er fort: „Die Kirche hat sich den Mund leider wieder einmal zu voll genommen. Das mit der EINEN WAHREN Kirche stimmt nicht." Nun hatte er wieder aufmerksame Zuhörer. „Ich sage es so", fuhr er fort. „Wo immer Menschen an das Unbegrenzte und Zeitlose stoßen, begegnen sie Gott. Es ist ganz einerlei, welchen Namen sie dieser Erfahrung geben." Neben mir räusperte sich einer und meinte: „Dann könnte ich genau so gut Buddhist oder Mohammedaner sein." „Theoretisch ja", war die Antwort. „In der Praxis wird aber jeder Mensch vom Glauben seiner Mitmenschen geprägt."

„Du bleibst also katholisch", sagte sein Nachbar. Er nickte. Dann sagte er: „Das soll aber nicht heißen, daß ich alles für bare Münze halte, was die Kirche lehrt." Und er fügte hinzu: „Die Kirche kann mir nichts verbindlich vorschreiben. Ich lasse mich

auch nicht unter Sünde zu etwas verpflichten. Das läßt mich kalt." „Herr Pfarrer!", rief ein Soldat. „Was sagen Sie dazu?" „Stoff für die nächste Stunde!" Dann hielt der Omnibus. Wir standen wieder vor der Kaserne.

Tags darauf begannen für mich die Osterferien. Ich fuhr in die Dolomiten zum Skifahren. Aber schon am ersten Tag brach ich mir das Bein. Es ging sehr schnell. Ich bemerkte, wie mir plötzlich der rechte Skistiefel im hohen Bogen entgegenkam. Dazu hörte ich ein Geräusch, wie wenn ein Stück Holz abbricht. Gespürt hatte ich nichts. Noch nicht.

Die Schmerzen ließen nicht lange auf sich warten. Es begann, als mich die Männer von der Bergrettung in ihre Blechwanne legten. Zuerst legten sie mich hinein, dann das Bein. Der Abtransport glich einer Höllenfahrt. Die Schneeverhältnisse waren denkbar schlecht. Es ging über Stock und Stein zur Talstation. Dabei rieben die abgebrochenen Knochensplitter gegeneinander. Mir war, als müßte ich aus der Haut fahren. An der Talstation ließen sie mich liegen. „Das Sanitätsauto kommt gleich", sagten sie zu mir.

Leider kam es erst nach Stunden. Der Urlaubsverkehr hatte die Straßen verstopft. So lag ich da, wartete und fror. Die Kälte ergriff mich immer mehr. Jemand legte eine Decke über mich. Ich brachte kein Wort mehr heraus. Mir war, als würde ich vor Kälte sterben. Dann wußte ich nichts mehr.

Während der Fahrt erwachte ich wieder. Ein Sanitäter saß neben mir. „Wir sind gleich in Wolkenstein", sagte er. Im Krankenhaus erinnerte ich mich noch an die Schwester in der Aufnahme. Sie sagte: „Ganz locker und entspannen." Dann packte sie mit festen Händen zu und zog das gebrochene Bein aus dem Stiefel. Mir war, als müßte ich durch die Wände gehen vor Schmerzen. Dann war ich weg. Als ich erwachte, lag ich in einem Bett. Mein Bein war in dickem Gips, von oben bis unten.

Der Militärdekan soll getobt haben, als er davon erfuhr. Dann rief er die Schar seiner ganz getreuen Militärpfarrer zusammen. Mit diesen besprach er die neue Lage. Das Resultat war weniger rosig. Es lautete: „Unerlaubte Abwesenheit vom Dienstsitz, Vernachlässigung der seelsorgerlichen Verpflichtungen, Unverträglichkeit mit dem evangelischen Mitbruder." Diese Vorwürfe konnte ich wenigstens verstehen, wenngleich sie unbegründet waren. Daß ich aber an das Erscheinen von Geistern glauben würde, konnte ich mir auf Anhieb nicht erklären. Mein Schicksal war besiegelt. Ein Militärpfarrer kam im Auftrag des Dekans. Er kam mit einer Flasche Wein und mit den besten Wünschen. Dann teilte er mir die geschilderten Neuigkeiten mit. Er war überzeugt, daß alle Vorwürfe berechtigt wären. Sogar für meinen Geisterglauben hätten sie hieb- und stichfeste Beweise. Dann war es mir zu viel. Ich forderte ihn auf, die Wohnung zu verlassen. Ich schloß die Türe hinter ihm und dachte mir: „Arschkriecher müßte man sein!"

Mit dem angeblichen Geisterglauben hatte es eine seltsame Bewandtnis. Während der Soldatenexerzitien hatten mir die Patres das Gästezimmer ihres Hauses zur Verfügung gestellt. Im Zimmer über mir hörte ich des nachts die gemächlichen Schritte eines Älteren. Um Mitternacht aber gesellten sich leichte, schnelle Schritte dazu. Ich dachte mir meinen Teil.

Am Morgen während des Frühstücks wurde ich gefragt, ob ich gut geschlafen hätte. Ich antwortete: „Nein! Ich habe nicht gut geschlafen. Es geisterte über mir. Ich hörte es genau." Eigentlich wollte ich jenem Herrn ganz diskret wissen lassen, in welch gefährlicher Lage er sich befinden würde. Daraus hatten mir die lieben Mitbrüder einen Strick gedreht, indem sie behaupteten, ich würde an Geister glauben.

Bei den Soldaten wurde mein Mißgeschick sehr bedauert. Dagegen kam für den Militärdekan der Unfall wie gewunschen. Ich war ihm längst unangenehm aufgefallen, weil ich bei den verpflichtenden Konferenzen der Militärpfarrer gewöhnlich durch Abwesenheit glänzte. Nun hatte er ein leichtes Spiel, mich los zu werden. Ich hatte es einfach satt, wegen nichts und wieder nichts nach Würzburg oder Kempten zu fahren. Die Zeit für stundenlange Autofahrten war für mich endgültig vorbei. Darüber hinaus hatte ich für das obligatorische Kartenspielen mit dem Militärdekan nichts übrig. Ich fand es einfach blöd. Ich hatte seinen Vorstellungen nicht entsprochen und mußte deshalb die Konsequenzen ziehen. Damit war meine Zeit mit den Soldaten vorbei.


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