Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Ankunft in Pretoria, Südafrika,    Ein Briefschluß als Ärgernis,    Der verweigerte Messkoffer,    Die geistliche Lesung,    Missionsalltag in Bantuli,    Das Haustelefon,    Als Missionar für das Buschfeld,    Die Versteigerung,    Besuch beim Häuptling


Ankunft in Pretoria, Südafrika

Kurz vor meinem achtundzwanzigsten Geburtstag stand ich endlich vor dem Haus des Erzbischofs von Pretoria. Es war ein vornehmes Gebäude, nicht übertrieben oder gar bonzig, aber doch gepflegt, bis ins Letzte.

Auf mein Klingeln öffnete der Erzbischof selbst. Das war eine wohltuende Überraschung im Vergleich zu den Gepflogenheiten in der alten Heimat.

Dort wäre zuerst einmal der Pförtner in Erscheinung getreten. Erst nach eingehender Befragung hätte dieser dem Besucher Einlaß gewährt. Daraufhin wäre der Ankömmling einem Sekretär anvertraut worden. Von diesem wiederum wäre er dann in ein Wartezimmer geführt worden. Dort hätte der Besucher dann reichlich Gelegenheit gehabt, sich in der Tugend der Demut zu üben. Die erwartungsvolle Stille hätte nach und nach ihre Wirkung gezeigt. Der Besucher wäre dann mit klopfendem Herzen und feuchten Händen dem Hochwürdigsten Herrn zugeführt worden.

In Pretoria war es anders. Ganz anders.

„Father Glas", sagte der Erzbischof. Seine Stimme klang überaus herzlich; wie für einen alten Freund, der nun endlich eingetroffen war.

Meine Ankunft in Pretoria hatte sich ja über vier Jahre verzögert. Dann streckte mir der Erzbischof die Hände entgegen und hieß mich willkommen.

In seinem Arbeitszimmer sagte er: „Vor allem anderen erbitte ich zuerst den Primizsegen von Ihnen." Er kniete sofort nieder. Ich mußte ihm die Hände auflegen und den Primizsegen sprechen. Mir war dabei seltsam zumute.

Ein Erzbischof, der niederkniet, um von einem Priester den Segen zu erbitten, war mir noch nie untergekommen. Nach meiner bisherigen Erfahrung hatte ein Bischof immer Segen in Fülle. Er konnte segnen, so viel er wollte. Schon beim Einzug in die Kirche spendet er seinen Segen, einmal links, dann rechts, dann ganz gezielt dieser oder jener Kinderstirn, und dann wieder allen, soweit sein Auge reicht.

Man möchte meinen, der Herr Jesus selbst stünde leibhaftig vor einem und wäre zum Greifen nahe, wenn ein Bischof vorübergeht. Und so manche fromme Seelen glauben es auch. Für sie gibt es keinen Unterschied.

Nun ist aber der beste Bischof nur ein Mensch. So kann es vorkommen, daß sich bei bestimmten Bischöfen ein immer heftigerer Drang zum Segnen-müssen bemerkbar macht. Für andere mag es eine höchst willkommene Gelegenheit sein, sich selber und ihr hohes Amt vor den Menschen zur Schau zu stellen.

Schon als heranwachsende Lausbuben am Dom konnten wir uns am Gehabe der Bischöfe belustigen. Es machte uns riesigen Spaß, die verschiedenen Bischöfe beim Segnen nachzuahmen.

Es war jedem klar, wer gemeint war, wenn einer von uns Ministranten hoch erhobenen Hauptes durch die Sakristei schritt, und überaus langsam seine Segenshand erhob, gleichsam mit letzter Kraft, und dann statt der Segensworte mit todernster Miene sagte: „Heut a'mal - und morgen a'mal!" Ebenso klar war es, wenn jemand von uns durch die Sakristei eilte, dabei hastige Kreuzchen machte und sagte: „Gell, da schaust! Gell, da schaust! Gell, da schaust!" Jeder wußte, wer gemeint war. Wir sagten: „Am Segnen erkennt man den Bischof."

Vielleicht war mir gerade deshalb so seltsam zumute, als ich selber allen Ernstes einen Erzbischof segnen mußte. Dann küßte mir der Erzbischof beide Hände, genau dort, wo diese bei der Priesterweihe gesalbt worden waren. Es ging sehr schnell. Ich konnte es nicht verhindern. Seither wurden meine Priesterhände nicht mehr geküßt. Ich bin froh darüber.

Als der Erzbischof wieder auf seinen Beinen stand, griff er nach einer Flasche Bier. Diese war beklebt mit dem Etikett „Münchener Lager". Der Erzbischof schenkte ein und dann prostete er mir zu: „Ein Gruß aus der Heimat!" Dann nippte er ein bißchen vom Glas. Es sah aus, als wäre er nicht ganz sicher, ob es ihm auch bekommen würde. Ich dagegen nahm einen herzhaften Zug, wie sich das für einen echten Bayer gehört. Auf diese Weise hatte jeder von uns seinen ganz persönlichen ersten Eindruck, dem man nachsagt, daß er nicht trügen würde.

 

Ein Briefschluss als Ärgernis

Der Inhalt des Briefes tut nichts zur Sache. Entscheidend war nur, daß ich den Brief mit „Liebe Grüße! Ihr W. Glas" beendet hatte. Das war nämlich verkehrt.

Mein Brief kam postwendend zurück. Es wurde vermerkt, daß ein Schreiben an einen Erzbischof zu enden hat mit den Worten: „Euer Gnaden gehorsamster und ergebenster Diener".

Den beanstandeten Brief schrieb ich nicht ein zweites Mal. Vielmehr ließ ich den Erzbischof wissen, daß ich sicherlich nicht sein Diener wäre, und daß ich mich auch in keiner Weise als solcher fühlen würde. Sein Diener wäre der Jim, der wahrscheinlich das Haus in Ordnung bringen würde, wenn er nicht gerade dabei ist, den Rasen zu mähen.

Dieser Brief hatte kein offizielles Nachspiel. Hinten herum aber wurde viel darüber geredet. Es gab damals keinen unter der Geistlichkeit, der für mich Verständnis gehabt hätte.

Erstaunt wurde ich gefragt: „Hat man Dir in München keine Ehrfurcht vor dem Bischof beigebracht?" Wenn ich zurückfragte: „Ehrfurcht - vor wem?", war die Antwort ein verständnisloses Kopf schütteln.

Es war fast rührend, wie ich von allen Seiten ins Gebet genommen wurde. Ob ich schon einmal etwas von Hierarchie gehört hätte, wollte man wissen.

„Selbstverständlich", sagte ich. „Ich weiß sogar, was Jesus über das Herrschen zu sagen hat: ,Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein'" (Mk 9,35).

Seltsam, wie wenig gerade diese Worte in der Kirche bedeuten! Sie sind Schall und Rauch. Ich meine, wir Geistlichen müßten schon zuerst vor unserer eigenen Türe kehren, bevor wir anderen die Worte Jesu vorhalten.

Solche Gedanken waren unter der Geistlichkeit nicht gefragt. Sie waren auch wenig geeignet, mir Freunde zu schaffen, sondern machten mich eher unbeliebt.

Kinige Zeit später, am Rande einer Konferenz, sagte mir der Erzbischof, daß er mich selbstverständlich nicht für seinen Diener halten würde. Davon abgesehen, gäbe es aber eine alte, ehrwürdige Tradition, die wohl auch ihre Berechtigung hätte, selbst wenn ich das nicht einsehen könnte.

Wohl um diese leidige Angelegenheit in seinem Sinne zum Abschluß zu bringen, gestand mir der Erzbischof, daß er jedes Schreiben nach Rom mit der Anrede „Heiligster Vater" beginnen würde. Dann würde er sich brieflich „Seiner Heiligkeit zu Füßen werfen", um auf diese Weise „demütigst" sein Anliegen vorzubringen.

Mir ging das gewaltig gegen den Strich. Ich erwiderte ihm aber nichts mehr, weil ich es für sinnlos hielt. Dafür grübelte ich darüber nach, warum das alles so kommen konnte.

Im Brevier stach mir bald darauf ein Psalmvers in die Augen, den ich vorher gedankenlos überlesen hatte: „Dienet dem Herrn in Furcht und küsset seine Füße mit Zittern. Sonst zürnt er, und ihr kommt um auf dem Weg; denn nur wenig, so entbrennt sein Zorn. Glücklich dann alle, die ihm vertrauen" (Ps. 2,11).

Könnte es sein, daß diese Psalmverse etwas mit der kirchlichen Hierarchie zu tun haben, fragte ich mich erstaunt. Nach und nach wurde mir so manches klar.

Die absolute Unterwerfung mit Fußkuß, Furcht und Zittern gebührt Gott allein. Mit viel Geschick hat man dann diese Zeichen der Ehrfurcht auf die Päpste übertragen. Die Gläubigen waren dafür leicht zu gewinnen. Sie hatten bei den Cäsaren schon einiges gelernt.

In der Apostelgeschichte wird berichtet, daß Petrus, unser erster Papst, keinen Menschen zu seinen Füßen dulden konnte. Als sich Kornelius dennoch ihm zu Füßen geworfen hatte, befahl er sofort: „Steh auf! Auch ich bin nur ein Mensch" (Apg 10,26).

Die späteren Nachfolger des heiligen Petrus finden es aber ganz in der Ordnung, daß sich sogar Erzbischöfe brieflich „Seiner Heiligkeit zu Füßen werfen".

Meine Briefe an den Erzbischof endeten auch fortan immer nur „Mit freundlichen Grüßen". Die Briefe kamen nicht zurück. Auch verlor er kein einziges Wort mehr in dieser Angelegenheit. Der Erzbischof war eben ein echter Gentleman.

 

Der verweigerte Messkoffer

Daneben hatte der Erzbischof auch wieder seine Freude mit mir. Das war so, als er von meinem geistlichen Lehrmeister erfahren hatte, daß ich den Katechismus der Eingeborenen mit allen Fragen und Antworten beherrschen würde, ebenso alle Gebete und Gesänge der Basutos.

Besonders erfreut war er über eine Mitteilung aus dem Innenministerium in Pretoria. Ich konnte auch im Auftrag der Regierung als Standesbeamter für Schwarze und Weiße tätig sein. So mancher Geistliche, der wesentlich älter war als ich, hatte das nicht erreicht. Die Prüfungsangst war ihnen zu groß.

Manchmal aber gab ich ihm wieder Grund zur Sorge, gerade dann, wenn er am wenigsten damit rechnen konnte. Das war wieder so weit, als ich vom Erzbischof damit beauftragt wurde, die beiden weiträumigen Regierungsdistrikte von Bronkhorst-spruit und Groblerdal als Missionar zu betreuen.

Für diese Aufgabe wollte mich der Erzbischof mit einem silberglänzenden Meßkoffer ausrüsten. Weil er aber damit die Verpflichtung verbunden hatte, jeden Tag, besonders auch allein, im Buschfeld eine heilige Messe zu lesen, war ich nicht gewillt, seinen Meßkoffer anzunehmen.

Das war sehr enttäuschend für den Erzbischof. Nach einem langen, ausführlichen Gespräch konnte er meine ablehnende Haltung verstehen.

Ich hatte Angst, von den Eingeborenen für einen weißen Zauberer und Medizinmann gehalten zu werden.

Kaum auszudenken, wenn diese Menschen gewahr würden, daß ich diesen so geheimnisvollen Koffer in aller Frühe für mich allcin öffnen würde. Und daß diese mich immer beobachten würden, war mir klar. Wenn sie dann die seltsamen Meßgewänder sehen würden, könnten sie sich davon überzeugen, daß ich ganz heimlich, still und leise doch etwas Ungeheuerliches im Schilde führen würde. Dazu die Flüsterworte aus dem Meßbuch, die zum Gebet ausgebreiteten Arme, die Verneigungen und Kniebeugen während der Messe. Ihr Verdacht, einen weißen Zauberer zu beherbergen, wäre Gewißheit geworden.

Der Erzbischof dachte allerdings nicht an die Neger. Er dachte an mich, an mein Seelenheil. Nur deshalb hatte er gesagt: „Versprechen Sie mir, jeden Tag eine heilige Messe zu lesen." Ich bräuchte diese Gnaden täglich, um allen Gefahren und Versuchungen widerstehen zu können.

In der Tat war meine Aufgabe nicht ungefährlich. Man konnte auf viele Weisen zu Fall kommen. Beispiele gab es genügend. Trotzdem war ich nicht bereit, den Meßkoffer aus der Hand des Erzbischofs entgegenzunehmen. Die Feier der heiligen Messe war für mich nicht Beginn, sondern Ziel all meiner Bemühungen bei den Negern.

 

Geistliche Lesung

Meine erste Bleibe in Afrika bot mir die Sankt Theresa-Mission in Bantuli. Es war das älteste Negerviertel in Pretoria.

Das Elend in Bantuli läßt sich nur andeuten, schildern kann man es nicht. Die Leute hausten in Lehmhütten und Blechbuden, die Ärmsten unter Zementsäcken. Es gab eine Wasserleitung mit einem Wasserhahn in jeder Straße. Über allem hing ein penetranter Latrinengeruch. Es wimmelte von Kindern. Sie spielten oder weinten, die größeren trugen die kleineren auf ihrem Rücken. Die Erwachsenen saßen vor ihren Hütten, ohne Geld, ohne Aufgabe, ohne Arbeit.

Gegen Abend kehrten die etwas Bessergestellten aus der Stadt zurück, ein bescheidenes Trinkgeld in der Tasche. Bald darauf fing es an zu rauchen und zu qualmen aus ungezählten Blechkanistern, die mit Kohle gefüllt, eine erbärmliche Kochgelegenheit abgaben. Je kälter es war, desto enger drängten sich jung und alt um das Feuer. Oft genug kam es dabei zu den typischen Verbrennungen, wenn ein Kanister umstürzte und sich kochendes Wasser über kauernde Kinder ergoß.

Auch in der angrenzenden Missionsstation herrschte karge Einfachheit. Ich hatte ein eigenes Zimmer mit Tisch und Bett und einem Kleiderschrank - ein ungeheurer Luxus in dieser bedrückenden Armseligkeit. Und es war sauber. Es gab auch keine Wanzen, obgleich ich fast täglich solche am Leibe hatte. Die Schwestern aus Altötting sorgten mit deutscher Gründlichkeit, daß sie den Abend nicht überlebten.

Naturgemäß war meine Hauptaufgabe das Erlernen der Eingeborenensprache. Abends stand Englisch auf der Tagesordnung, und dies auf eine höchst sonderbare Weise.

Kurz vor dem Schlafengehen hatte ich für meinen Chef die geistliche Lesung zu halten. Dies geschah in englischer Sprache, oder wie mein Chef zu sagen pflegte, „im feinsten Englisch Ihrer Majestät, der Königin".

Er kam gewöhnlich in mein Zimmer, legte sich gemütlich auf das Bett und sagte: „Mach schon, Willibald! Lies mir vor, was die heilige Mutter Kirche heute zu bieten hat."

Ich setzte mich daraufhin an den Tisch und begann mit der geistlichen Lesung aus dem Leben des heiligen Polykarp: „Herr, Gott, ich preise dich, daß du mich dieses Tages und dieser Stunde wert gehalten hast. Mit einem reichen, von dir angenommenen Opfer möchte ich heute unter die Schar der Märtyrer eingereiht werden. Mit einem Opfer, wie es du mir im voraus bestimmt und verkündet hast und wie du es nun erfüllst, du wahrhaftiger Gott, der die Lüge nicht kennt."

Jedes Wort, das ich nicht gut genug ausgesprochen hatte, sprach er mir klar und deutlich vor. Ich mußte es wiederholen, bis die Aussprache auch „Ihrer Majestät, der Königin" gefallen hätte. Dann ließ er mich wieder von vorn beginnen. Wenn er zufrieden war, durfte ich weiterlesen.

„Als er das Amen gerufen und das Gebet beendet hatte, entzündeten die Feuerleute den Scheiterhaufen. Der Märtyrer stand mitten drin. Er sah nicht aus, wie verbrennendes Fleisch, sondern wie Brot, das gebacken wird, oder wie Gold und Silber, das man im Feuer läutert."

„Nun, lieber Willibald", unterbrach mich mein Meister, „denk dich hinein in diesen heiligen Märtyrer und laß etwas hören von dem Triumph dieser Stunde!" Ich wiederholte den Abschnitt. Es klang schwach. Der gute Pater ahnte wohl, daß ich dazu nicht in der Lage war.

So ging es dann noch eine halbe Stunde weiter, bis er sagte: „Genug für heute!" Mit diesem erlösenden Wort verließ er gewöhnlich mein Zimmer und ging ins Bett.

Vom Einschlafen war bei mir keine Rede. Die geistliche Lesung ließ mich nicht los. „Ich möchte heute in die Schar der Märtyrer eingereiht werden!" Immer wieder mußte ich an diese Worte denken. Es klang für mich so unfaßbar, so unwahr und verlogen.

In meiner Not wandte ich mich in Gedanken an den heiligen l'olykarp persönlich: „Lieber, heiliger Polykarp, sag mir doch, wie es damals wirklich war! - Sag mir doch, daß es ganz furchtbar war, entsetzlich, zu grauenhaft für Worte!" Mir war, als würde er mich hören. „Sag doch, daß es nicht wahr ist, was die Leute von Smyrna über dein Martyrium geschrieben haben!" Es kam keine Antwort.

Dann betete ich zu Jesus: „Herr Jesus, sag mir doch: Warum schreiben gläubige Menschen - Menschen, die dich lieben, solch unfaßbare Sachen?" Nach einer Weile fügte ich hinzu: „Lieber Jesus, erleuchte meinen Verstand und laß mich erkennen, warum uns die kirchliche Obrigkeit verpflichtet, solches unwahre und übertriebene Zeug zu lesen!"

Dann dachte ich: „Es müssen schon sehr schwerwiegende Gründe sein. Ich bin ja unter Todsünde verpflichtet, täglich die geistliche Lesung zu halten." Ich erinnerte mich genau. Es war bei den Weihe-Exerzitien in Freising. Mir war, als wären sie erst gestern gewesen.

Dann stand plötzlich das Wort „Nachahmung" mit feurigen Buchstaben vor meinem geistigen Auge. Jetzt war mir alles klar. Der heilige Polykarp sollte uns Priestern ein leuchtendes Vorbild sein. Wir werden an seinen Martertod erinnert, damit auch wir in uns die Sehnsucht nach einem Martyrium erwecken. Die heilige Mutter Kirche hat uns ganz klar und deutlich auf das Martyrium hin programmiert.

Plötzlich war ich in einer Welt voll unguter Gedanken über unsere Mutter Kirche. Dann kam mir wie eine Erlösung das Fest der afrikanischen Märtyrer in den Sinn und was die Kirche über den gewaltsamen Tod zu sagen hatte.

Ich stand wieder auf und suchte nach dieser Lesung. Ich fand nicht gleich, was ich wollte. Statt dessen fiel mein Blick auf die Akten der Märtyrer von Karthago, ein Bericht über die heilige Felizitas und Perpetua. Darin las ich: „Der Tag des Sieges brach an, und die heiligen Märtyrer zogen vom Gefängnis zum Amphitheater, als ob es in den Himmel ging: mit heiterem Gesicht, schön, und wenn sie erbebten, dann nicht vor Furcht, sondern vor Freude."

Ich las es mit Betroffenheit. „Ist das die Antwort des Herrn auf mein Gebet?" Ich fühlte mich wie ein Häuflein Elend, unfähig, die Freude und die Größe und die Herrlichkeit eines christlichen Martyriums zu erfassen. Dann las ich voll Neugierde weiter:

„Zuerst wurde Perpetua (von einer Kuh) hingeworfen und fiel auf die Seite. Sie erhob sich, und als Felizitas sie am Boden liegcn sah, ging sie hin, reichte ihr die Hand und richtete sie auf. Das Volk verlangte nun, sie in der Mitte der Arena zu sehen, um die Augen zu Mordhelfern zu machen, wenn das Schwert in ihren Leib drang. Von einer wilden Kuh schwer verwundet, erhoben sie sich selbst und schleppten sich dahin, wo das Volk sie haben wollte. Vorher küßten sie einander, um das Martyrium durch das feierliche Zeichen des Friedens zu vollenden. Die übrigen empfingen unbewegt und schweigend den Schwertstreich. Perpetua aber führte die Rechte des unerfahrenen Gladiators, als er schwankte, selbst an ihre Kehle. Eine solche Frau hätte vielleicht anders nicht getötet werden können, wenn sie es nicht selbst gewollt hätte."

„Wahnsinn!" dachte ich. Dann suchte ich weiter, von Schlafen keine Spur. Endlich fand ich die gewünschte Lesung unter dem 3. Juni. Dort hieß es:

„Wer hätte je gedacht, daß zu den Märtyrerakten in unserer Zeit neue Berichte treten könnten? In ihnen finden wir Taten nicht geringerer Tapferkeit und Vorgänge nicht minderen Glanzes. Wer konnte vorausahnen, daß wir eines Tages den erhabenen heiligen Zeugen Afrikas, die wir aus der Geschichte kennen, neue große Gestalten zugesellen würden?"

Das war noch nicht, was ich suchte. Ich mußte es finden. Dann las ich weiter:

„Diese afrikanischen Märtyrer haben eine neue Zeit eingeleitet." Endlich hatte ich es gefunden. Ich atmete auf. „Diese Märtyrer sind die ersten dieser neuen Zeit - gebe Gott, daß sie die Letzten seien, da doch ihr Ganzopfer so groß und kostbar war."

Ich hielt das Buch in Händen, tief bewegt. „Gebe Gott, daß sie die Letzten seien!" ein herrliches Wort. Ich mußte diese Worte vor mir hersagen. Immer wieder. Ein Wunschtraum von einer anderen Welt und von einer anderen Kirche.

Was die geistliche Lesung betrifft, so hat man den Eindruck, als könnte die Kirche nie genug Märtyrer haben. Von der heiligen Johanna Franziska Chantal heißt es in der geistlichen Lesung, daß die meisten Väter und Säulen der Kirche leider nicht den Märtyrertod erlitten hätten. Als kleinen Trostpreis für das entgangene blutige Martyrium empfiehlt sie das „Martyrium der Liebe." Und das erleidet man so: „Die Gottesliebe dringt mit ihrem Schwert in die geheimsten und innersten Schichten unserer Seele ein und scheidet uns von unserem eigenen Selbst."

Dies las ich mit Bestürzung in jener Nacht. Ich konnte nicht einen Augenblick glauben, daß Gott uns auf diese Weise quälen oder gar zerstören würde.

Dann legte ich mich wieder ins Bett und versuchte zu schlafen. Umsonst. Die geistliche Lesung wurde mir zu einem fürchterlichen Problem. Aus den verschiedensten Lesungen fielen mir Zitate ein, die mir den Schlaf restlos raubten.

„Über die Schwachen will der Herr das Martyrium nicht kommen lassen, sondern läßt sie das Leben ihrer Mittelmäßigkeit führen, damit sie nicht von ihm abirren." Ein seltsamer Widerspruch, dachte ich. Ich wollte wissen, wer diese Weisheit von sich gegeben hatte, und konnte mich aber nicht erinnern. Dagegen fiel mir ein Zitat von Klemens Maria Hofbauer ein:

„Bewahren wir uns unsere Unschuld und unsere Vollkommenheit!"

Mir reichte es über alle Maßen. Ich hatte genug von der geistlichen Lesung. Ich mußte plötzlich an die teuflische Erfindung der Gehirnwäsche denken, die Bischöfe und Priester erleiden mußten in der Gewalt der Kommunisten.

Ich drehte mich hin und her in meinem Bett, als hätte ich mich gegen einen unsichtbaren Angreifer zu wehren. Ich fühlte mich tatsächlich angegriffen und in die Enge getrieben von dem Gedanken: In der geistlichen Lesung geschieht Gehirnwäsche!

Dann wiederum dachte ich: „So schlimm ist es nicht. Ich bin in keinem Lager. Ich bin frei. Ich bin hier, weil ich hier sein will. Meine Gedanken sind nichts anderes als eine ungeheuerliche Unterstellung. Das werde ich beichten müssen. Herr, Gott, verzeih mir!"

Vom Schlafen noch immer keine Spur. Ich lag hellwach in meinem Bett. Der Gedanke quälte mich: „Ich bin in der Kirche, wie in einem großen Konzentrationslager. Ich bin Häftling und Wärter zugleich. Wir Priester, alle ohne Ausnahme, sind Häftlinge und Wärter zugleich. Wir leben von Gesetzen, Normen und Strafen, bis hin zur ewigen Höllenstrafe. Daneben stehen auch die höchsten Gnaden bereit. Es ist wie in einem Selbstbedienungsladen. Es liegt alles bereit: Wir brauchen uns nur zu bedienen. Gerade das tun wir mit Eifer und grenzenloser Hingabe. "Durch das Fenster drang das erste Licht des neuen Tages. Im Zimmer nebenan schlief mein Chef. Bald wird er rufen: „Gelobt sei Jesus Christus!" Ich werde antworten: „In Ewigkeit, Amen. Guten Morgen!"

 

Missionsalltag in Bantuli

Nach dem Frühstück begann der Betrieb in der Mission zu Bantuli.

Das große Tor wurde geöffnet. Die einzige Glocke rief die Kinder zur Schule, ungefähr tausend an der Zahl. Die Buben kamen in schwarzer Kniehose und weißem Hemd, die Mädchen in einem schwarzen Rock mit weißer Bluse. Dazu trugen sie noch einen blauen Gürtel.

Die Schuluniform war Pflicht. Auch bei bedrückendster Armut wurde davon keine Ausnahme gemacht. Erstaunlicherweise fanden die Kinder immer Mittel und Wege, um zu dieser Uniform zu kommen.

Taufe einer jungen Negerin

Mit dem Glockenzeichen versammelten sich die Schüler nach ihren Klassen geordnet zur gemeinsamen Morgenandacht auf dem Schulhof. Mama Schambock, so wurde die Oberschwester von den Kindern genannt, erwartete am Eingang die Spätkommer.

Wer noch vor dem Ende des Morgenliedes ankam, erhielt drei Hiebe mit dem Stock. Danach gab es sechs. Es wurde nicht gefragt. „Ordnung muß sein!" sagte die Schwester.

Die erste Unterrichtsstunde war abwechslungsweise der Bibel oder dem Katechismus gewidmet. Nach einem Sonn- oder Feiertag war die erste Frage: „Wer war gestern nicht in der Kirche?"

Wer ohne triftigen Grund vom Sonntagsgottesdienst fern blieb, bekam sechs Stockschläge auf den Hintern. „Wir sind schließlich eine Missionsschule!" war die ständige Erklärung.

Die Kirche war tatsächlich Sonntag für Sonntag zum Brechen voll. Dieses Erlebnis vermittelte ein stolzes Gefühl, daß die Kirche wächst und keine Mühen vergeblich sind.

Father Glas mit seinem Boss, Father F.J. Brannigan OMI, in Bantuli

Das Mädcheninternat war der ganze Stolz der Schwestern in Bantuli. Die Mädchen wurden im katholischen Glauben erzogen. Das hatte allerdings einen Schönheitsfehler.

Sobald die Mädchen das Internat verlassen hatten, ließen sie sich nicht mehr sehen. Die Schwestern waren darüber sehr traurig. Es half kein Zureden, es half kein Drohen, es half überhaupt nichts. Sie blieben einfach aus.

Plötzlich waren sie dann eines Tages wieder da. Nicht allein, sondern mit ihrem Kind auf dem Rücken. Voll Freude zeigten sie es den Schwestern. Eine der Erzieherinnen war der Meinung: „Diese Mädchen haben keinen Sinn für die Keuschheit. Fast möchte man meinen, sie bringen uns die Kinder zum Trotz."

Diese Mädchen hatten doch alles. Täglich die Teilnahme an der heiligen Messe, die heilige Kommunion, den besten Unterricht und jeden Samstag spätestens die heilige Beichte. Trotzdem immer wieder die gleiche Enttäuschung. Resigniert stellten die ehrwürdigen Schwestern fest: „Negermädchen sind eben nicht für die heilige Keuschheit geschaffen."

In der Tat, an den heiligen Märtyrerinnen der Keuschheit konnten sie sich nicht begeistern. „Mit denen darüber reden, hieße: „Perlen vor die Schweine werfen."

Von Bantuli aus hatten wir eine Reihe von Außenstationen zu betreuen. Auf diese Weise kam ich einmal im Monat auch nach Olifantsfontein. Von Pretoria aus war es in einer knappen halben Stunde leicht zu erreichen.

Unmittelbar hinter den Stapeln von Rohren und Ziegeln, die dort gebrannt wurden, lagen die äußerst armseligen Behausungen der Eingeborenen, eine armseliger als die andere. Die Wände waren teils aus Lehm, teils aus Geäst von Bäumen, das Dach aus verblichenen Zementsäcken, aus alten Rupfen und von verrostetem Blech.

Wegweiser brauchten wir keinen, denn an jedem Sonntag wurden dort schon vom frühen Morgen an die Trommeln geschlagen, an vielen Maultrommeln gezupft und schrille Flöten geblasen.

Die Christen und jene, die es werden wollten, saßen dagegen wie Heringe zusammengepreßt in einer niedrigen Hütte. Dort rezitierten sie den Katechismus auswendig und ohrenbetäubend vor sich her. Abwechslungsweise wurden die Gebete gesprochen und Kirchenlieder gesungen, so laut es eben ging.

Nicht einmal durch unsere Ankunft wurde das Singen und Rezitieren unterbrochen. Nur der Vorsteher dieser kleinen Gemeinde kam aus der Hütte uns zu begrüßen. Er war ein Albino.

Als Neger und Albino hatte er eine urkomische Hautfarbe: teils käsig blaß, teils rosig zart und dazu einen farblosen Wuschelkopf. Mir tat dieser Mann leid, weil er so unbeschreiblich häßlich auf mich wirkte.

Unter den Eingeborenen galt er als angesehener und wohlhabender Geschäftsmann. Er handelte mit Gedärmen! Während der Woche konnte man ihn mit seinem Eselkarren antreffen, voller Gedärme, die er im Schlachthof samt Inhalt für wenig Geld erstanden hatte. Um ihn herum surrte es von einem dichten Schwärm von dicken Fliegen. Diese saßen gleichermaßen auf den stinkenden Gedärmen und auf seinem Kopf. Ihn genierte das wenig. Mich aber machte es schon krank, ihn grüßen zu müssen, so ekelerregend war für mich dieser Anblick.

Dieser Mann hatte seine regelmäßigen Standplätze, wo er Halt machte, um seine höchst unappetitliche Ladung portionsweise zu verkaufen. Er tat dies so selbstverständlich, als wären es Weißwürste.

Dieser Albino begrüßte uns und trug den Meßkoffer in die Hütte, um ihn neben einem wackeligen Tischchen abzustellen. Dann sorgte er dafür, daß die Leute in einer Ecke noch etwas enger zusammenrückten, um für meinen Chef Platz zu machen. Sobald dieser auf einem Blechkanister Platz genommen hatte, traten die ersten Nyasaboys zu ihm, knieten der Reihe nach vor ihm nieder und bekannten ihre Sünden.

Es war seltsam, der gute Pater konnte kein einziges Wort in ihrer Sprache, aber die Leute beichteten. Er ließ es zu, daß ihm die Leute ihre Sünden in das Ohr sagten. Jeder bekam dafür den Segen und die Lossprechung. Es ging alles wie geschmiert.

Ich hatte den Altar zu richten. Das war nicht einfach. Der Meßkoffer war für das Tischchen viel zu schwer. So nahm ich die notwendigen Dinge aus dem Koffer und stellte sie auf den Tisch, immer bemüht, keines der herumkrabbelnden Kinder zu treten. Dann zog ich mir das Meßgewand über, das von den Schwestern in Bantuli immer in einem makellosen Zustand gehalten wurde. Es war ein erschreckender Gegensatz zu den armseligen Lumpen der Leute.

Je länger sich die Beichterei hinzog und ich vor dem Altar zu warten hatte, desto mehr hatte ich mit dem Gefühl der Übelkeit zu kämpfen. Die starken Ausdünstungen der schweißglänzenden Leiber, vermischt mit all dem, was die Mütter mit ihren Kindern auf dem Rücken trugen, machten mir schwer zu schaffen. Ich wurde gewöhnlich kreideblaß und mußte immer wieder gegen einen schier unüberwindlichen Brechreiz ankämpfen.

Wie gerne hätte ich den Gottesdienst im Freien unter den Bäumen gehalten. Leider hatte mein Boß dafür kein Verständnis. Er meinte, wenn sich die Eingeborenen schon die Mühe machten, eigens eine Kirche zu bauen, dann müssen wir diese auch gebrauchen. Im übrigen würde ich das bald gewöhnt sein.

Eine Buschfeldkirche nach der Regenzeit

Leider konnte ich mich nicht daran gewöhnen, so sehr ich dies auch gewollt hätte. Hauptsache, ich konnte dies vor den Augen der Eingeborenen verbergen.

Dann und wann wurde ich zur Aushilfe in eine andere Missionsstation geschickt. Es war immer eine willkommene Abwechslung von der Eintönigkeit in Bantuli.

Des öfteren führte mich der Weg in ein Dorf für Leprakranke westlich von Pretoria. Es lag sehr versteckt hinter einem Wäldchen, und von einem hohen, festen Zaun umgeben. Dort hatte ich meistens eine Beerdigung zu halten.

Nach dem Gottesdienst formierten sich die Leute zum Trauerzug. Es dauerte endlos lange. Ich wartete vor dem Sarg und betrachtete die Leute, wie sie an mir vorübergingen.

Einigen war von ihrer Krankheit nichts anzusehen. Andere dagegen sah ich ohne Finger oder Fingerspitzen. Da und dort fehlte eine Nasenspitze in einem Gesicht. Es gab auch solche, die sich auf den Knien fortbewegten. Diese Unglücklichen hatten auch meistens keine Hände. Ein Bild des Jammers.

Der bescheidene Friedhof war kaum hundert Meter entfernt. Für manche Leprosen war dieser kurze Weg schon anstrengend wie eine Tagesreise. Auf dem mühevollen Weg sangen sie ihre Lieder, klagend und herzzerreißend.

Mein persönlicher Beitrag war sehr bescheiden. Ich sprach den Segen über das offene Grab und besprengte es mit Weihwasser. Die Männer senkten den Sarg in das Grab, und ich sprach die vorgeschriebenen Gebete dazu. Dann hoben die Frauen zu singen an, Osterlieder und Lieder der Freude. Die Männer schaufelten dabei das Grab wieder zu.

Sobald der Grabhügel fertig war, verließ ich die Trauergesellschaft und machte mich wieder auf den Heimweg nach Bantuli, dankbar und zufrieden über das eigene Schicksal.

 

Das Haustelefon

Von Bantuli wurde ich eines Tages auch nach de Wildt geschickt. Mein Auftrag war es, den dort stationierten Pater von dort wegzulocken. Das war leichter gesagt als getan. Der schon ziemlich betagte Pater befand sich nämlich in einem sehr bedenklichen Geisteszustand. Seine Ordensoberen wollten ihn deshalb wieder im Kloster haben. Der Pater wollte nicht.

Ich wurde deshalb zu ihm gesandt. Von mir brauchte er nichts zu fürchten. Ich war kein Mitglied seines Ordens. Obendrein war ich in seinen Augen ein junges, unerfahrenes „Priesterlein". Aus diesem Grunde war ich bei ihm ausnahmsweise sogar willkommen.

Gleich nach meiner Ankunft mußte ich sein neues Haustelefon bewundern. Es handelte sich dabei um ein reines Spielzeug für Kinder. Ein Apparat stand im Eßzimmer. Den anderen sah ich einige Schritte weiter in der Küche stehen.

Dann gab er mir den Hörer des einen Apparates in die Hand und bat mich einen Augenblick um Geduld. Er selber ergriff den Hörer vom Apparat in der Küche und rief in das Telephon hinein: „Hallo Willibald! Kannst Du mich hören?" Ich konnte ihn in der Tat sehr gut hören, allerdings nicht durch das Telephon, sondern durch die offene Küchentür.

Ich sah ihn vor mir stehen mit dem Gesicht zur Wand. Wir telephonierten auf diese Weise für längere Zeit. Ich erfuhr dabei daß er sich selber manchmal angerufen hatte. „Es ging ganz ohne Schwierigkeiten", versicherte er mir. Und als ich fragte, wie er das machte, erklärte er mir, daß er mit dem einen Apparat anruft und mit dem anderen antwortet. So einfach ging das also. Dann versicherte er mir: „Eine feine Sache, dieses Telephon!"

l<s gab auch Ameisen im Haus. Wo man hinsah, wimmelte es davon. Diese hatten ihre ganz bestimmten Wege. Ein Weg führtc in die Brotdose auf dem Küchentisch und ebenso ordentlich auch wieder heraus auf einem anderen Weg. Außerdem hatten die Ameisen ihre Straßen in den Schubladen und Konservendosen, die, leer wie sie waren, in großer Zahl im Haus gelagert waren. Überall bewegte sich eine endlose Prozession von diesen Tieren im reibungslosen Gegenverkehr. Die einen kamen, die anderen gingen, alle einem geheimen Kommando folgend.

Dem Pater waren die Ameisen längst zu einer echten Plage geworden. Er hätte diese Plage leicht los werden können, wenn er sich von den Konservenbüchsen hätte trennen können. Gerade das konnte er nicht. Er meinte, er könnte diese alten Konservenbüchsen doch noch für etwas gebrauchen. Sie blieben alle im Haus und die Ameisen auch.

Aus früheren Tagen war noch ein brauchbares Bügeleisen im Haus. Dieses Bügeleisen wurde nun seine Waffe gegen die Ameisen. Er erhitzte es auf einem Parafinöfchen und bügelte die Ameisen damit in den Fußboden. „Schluß mit euch! Jetzt wißt ihr hoffentlich, wer hier Herr im Haus ist!" Der Fußboden sah bald verheerend aus. Ich holte Wasser und schrubbte den Boden mit einer Bürste. Aber nach ganz kurzer Zeit waren die Ameisen wieder da als wäre nichts gewesen.

Mit dem letzten Einfall war der Pater etwas erfolgreicher. Er stellte die Tischbeine in der Küche und im Eßzimmer in Blechdosen, die er einen Finger breit mit Parafin aufgefüllt hatte. Auf diese Weise waren wenigstens diese zwei Tischflächen wirklich ameisenfrei. Dafür aber roch es im ganzen Haus nach Parafin. Mir war, als lebte ich in einer Tankstelle und nicht in einer Missionsstation.

Daneben meinte er, vor ganzen Rudeln von Pavianen auf der Hut sein zu müssen. Diese hausten in den Bergen, unmittelbar hinter der Missonsstation. Diese Tiere hatten es auf seinen Garten abgesehen.

So vergingen die ersten Tage in de Wildt.

Ich benützte diese Gelegenheit auch zum Studium für den mir bevorstehenden Pfarrkonkurs.

Der Pater lächelte etwas mitleidig, als er mich beim Studium sah. Er besah sich meine Bücher. Einen Titel las er laut: „Katholische Dogmatik", und verzog sein Gesicht. Nach einer Weile fügte er hinzu: „Bin gespannt, wie lange es das noch geben wird." Seine Worte waren mir unverständlich. Er winkte mir, und ich folgte ihm auf die Terrasse seines Hauses. „Schau dir das an", sagte er. Vor uns lag das weite Tal, rechts der malerische Hartebeespoortdam, links in der Ferne die letzten Häuser von Pretoria-Nord.

„Was siehst du da unten?" Seine Frage selbst beantwortend, fuhr er fort: „Dort drüben, die Mission der Dutch Reformierten, in unmittelbarer Nachbarschaft die Mission der Methodisten und weiter rechts, direkt unter dem Gipfel des Berges, liegt die Mission der Lutheraner. Hinter dem Wäldchen dort drüben sind die Anglikaner." Er schüttelte den Kopf und sagte: „Das sind vier, fünf Missionsstationen auf diesem kleinen Fleckchen Erde. Alle nebeneinander und auch gegeneinander, zur Ehre Gottes." Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Es war die bittere Wahrheit. Er fuhr fort: „Die Missionen da drüben sind alle nicht auf dem römisch-katholischen Mist gewachsen. Das ist ihr Fehler."

Er setzte sich in einen alten Sessel und sagte: „In meinem Schlafzimmer findest du eine Gallone Rotwein. Hole sie, dazu zwei Gläser!" Dann machte er sich mit seiner Pfeife und dem Tabak zu schaffen. Ich schenkte ein, wir nickten uns zu und tranken. Der Wein tat uns gut.

Nach einer Weile sagte er: „Früher ist alles ausgerottet worden, was nicht auf dem römischen Mist gewachsen ist. In der Kirchengeschichte wird das als eine besondere Leistung gepriesen." Ich ließ ihn reden, ohne ihn zu unterbrechen.

„Seit Luther ist manches etwas anders geworden. Seine Neuerungen konnten von Rom nicht mehr unterdrückt werden." Dann wandte er sich zu mir, sah mir voll in das Gesicht und sagte: „Es ist doch nicht alles wahr, nur weil es römisch-katholisch ist. Es ist doch nicht alles falsch, nur weil es protestantisch ist."

Damals war ich wirklich schockiert über seine Worte. Meiner Meinung nach war es wirklich unverantwortlich, den Pater allein auf diesem Posten zu lassen. Er war tatsächlich von Sinnen. Er mußte zurück in die Obhut des Klosters. Sein Geisteszustand hatte ihn um den wahren Glauben gebracht. Der Pater hatte ganz vergessen, daß wir allein im Vollbesitz der Wahrheit sind, daß sich der Heilige Vater immer auf den Beistand des Heiligen Geistes berufen kann.

Er mußte meine Gedanken erraten haben, denn er begann wieder zu sprechen: „Das römisch-katholische Gerede vom Besitz der vollen Wahrheit und der ständige Hinweis auf den sicheren Beistand des Heiligen Geistes macht mich krank." Er trank einen Schluck Rotwein. Es war, als wollte er sich damit trösten. Dann fuhr er fort:

„Wo war denn der Heilige Geist beim Aufkommen der Hexenprozesse? Papst Innozenz VIII. hatte seine Hexenbulle doch nicht unter dem Beistand des Heiligen Geistes geschrieben. Wäre auch nur ein Funke dieses Heiligen Geistes da gewesen, der Papst hätte den Hexenglauben als lächerlichen Kinderschreck abtun müssen. Nichts dergleichen ist geschehen. Im Gegenteil. Mit Wissen und Willen des Papstes wurde der Hexenhammer geschrieben, eine Gebrauchsanweisung für Anfänger auf der Hexenjagd. Wo war der Heilige Geist? Er hätte dieses Buch doch verhindern müssen. Unter dem Beistand des Heiligen Geistes hätte der Papst die weitere Verbreitung dieses Buches verbieten müssen."

Ich fühlte mich überfragt und hielt mich still. Mit grenzenloser Enttäuschung sprach er weiter: „Nirgends war dieser viel gerühmte Heilige Geist. Weder beim Papst, noch bei den Bischöfen, noch bei den Verfassern des Hexenhammers." Er wartete, daß ich ihm widersprechen würde. Ich konnte es nicht. In tiefer Enttäuschung sprach er weiter: „Der Heilige Geist glänzte durch Abwesenheit. Er war weder bei uns, noch bei den Protestanten. Die gespaltene Christenheit war sich einig im Hexenwahn! Katholiken und Protestanten bekannten die Einheit im Irrtum. Die zerstrittene Christenheit trifft sich auf der Basis des Hexenwahns! Der Heilige Geist war machtlos."

Der Pater griff zum Weinglas und warf mir einen Blick zu. Wir tranken. Er setzte das Glas wieder auf den Tisch und sagte mit Überzeugung:

„Nenne mir doch einen einzigen Fall, wo nachweislich der Heilige Geist am Werk war. Die Anrufung des Heiligen Geistes ist doch reinstes Theater. Die Bischöfe singen das Veni Creator Spiritus doch nur, um den Eindruck vorzutäuschen: „Gott selbst hat entschieden. Ihr müßt gehorchen!"

Ich wollte protestieren, er winkte ab.

„Das fromme Gerede vom Heiligen Geist, von seinem immerwährenden Beistand, ist doch nichts anderes als ein billiger Selbstbetrug. Hat der Papst etwa mit Hilfe des Heiligen Geistes erkannt, daß es in Wirklichkeit keine Hexen gibt? Er hat doch auch daran geglaubt, daß Frauen mit dem Teufel einen wirklichen Geschlechtsverkehr haben können."

Ich gab zu bedenken, daß auch der Papst und die Bischöfe nur Kinder ihrer Zeit sein können. „Das ist es ja!" unterbrach er mich: „Entweder diese Herren sind Kinder ihrer Zeit, mit allen Licht- und Schattenseiten, den Strömungen der Zeit ausgeliefert, wie wir alle! - Oder sie stehen über den Zeiten, über allen Verirrungen und leben im Vollbesitz der ewigen Wahrheit! -Tun sie das?" wollte er wissen.

Diese Art zu fragen war mir neu. Der Pater beantwortete seine Frage selbst:

„Tatsache ist, daß nicht die Kirche mit ihrem Heiligen Geist, sondern die Kinder dieser Welt mit ihrem gesunden Menschenverstand erkannt haben, daß es keine Hexen gibt. Die damalige Regierung von Preußen - nicht der Papst und nicht die Bischöfe! - hat den Hexenglauben als reines Hirngespinst entlarvt. Das war im Jahr 1721. In Österreich ist die Kaiserin Maria Theresia bald dem Vorbild Preußens gefolgt. Die Bischöfe hätten doch hier ein Wort sagen müssen, ein Wort der Vernunft. Sie haben geschwiegen."

Mir war das neu. Ich gab es zu. Es blieb mir nichts anderes übrig. Er aber sagte: „Die Bischöfe tun doch immer so, als stünde der Heilige Geist in ihrem Dienst. Der Heilige Geist ist auch nicht ihr bestes Pferd im Stall. Gott sei Dank, weht er, wo er will."

Wir beide saßen eine Weile still und in Gedanken versunken. Rechts vom Garten bewegte sich etwas. Es war ein junger Pavian. „Er muß auskundschaften, ob die Luft rein ist für einen Besuch im Garten", sagte der Pater. „Keine Angst, sie kommen nicht. Dieser kleine Kerl hat uns längst entdeckt. Er wird die anderen vom Rudel nicht herunterkommen lassen. Die alten Biester kommen nämlich nur, wenn sie absolut sicher sein können, daß sie nicht gestört werden."

Der Pavian verschwand wieder. Das Rudel kam nicht in Sicht, so sehr ich dies auch gewünscht hatte.

„Einmal hat mich ein kleiner Pavian übersehen. Es war ganz still im Haus. Der kleine Kundschafter mußte wohl geglaubt haben, ich wäre nicht daheim. Die Paviane kamen vollzählig. Sie waren so ungeniert im Garten, als hätte ich sie eingeladen. Das war mir dann doch zu bunt. Ich warf mit leeren Büchsen nach ihnen und schrie: ,Fort mit euch, ihr Biester!' Die Paviane stutzten und machten sich eiligst davon. Nur der Alte ließ sich /cit. Er schnappte sich einen von den Kleinen und fing an, gehörig auf ihn einzuschlagen. Der Kleine schrie vor Schmer-/en. Das war die Strafe für seine Unachtsamkeit. Er hatte das Rudel kommen lassen und nicht gemerkt, daß ich daheim war. Strafe muß sein, auch bei den Pavianen."

Ich hielt das für Jägerlatein, aber der Pater bestand auf seiner Version. Er fuhr fort:

„Die Paviane sind fast wie die Menschen. Einmal hatte ein Farmer einen erschossen. Die Paviane erhoben ein Klagegeschrei über ihren toten Artgenossen. Daß sie ihn nicht beerdigt haben, sonst alles. Dabei sind diese Tiere keineswegs zimperlich. Sie können einem Löwen das Fürchten lehren. Nur wenn er unbemerkt herankommen kann, mag es ihm gelingen, ein Tier zu holen."

Ich hörte seine Geschichten mit Interesse, und wir saßen noch lange auf der Terrasse.

Kurz vor dem Gute-Nacht-Sagen kam der Pater noch auf die neu erbaute Kathedrale von Johannesburg zu sprechen. „Ein Prachtbau, was man so hört." Ich erwiderte, daß ich die neue Kathedrale auch noch nicht gesehen hätte. Vollkommen unerwartet erklärte er dann: „Die Kathedrale schauen wir uns an. Morgen fahren wir nach Johannesburg!"

Meine Stunde war gekommen. Ich überlegte, wie ich meinen Auftrag erfüllen sollte. Ich brauchte dem Ordensoberen nur einen Wink geben, und der Pater würde nicht mehr nach de Wildt zurückkehren.

Ich konnte dies nicht tun. Ich wäre mir als Verräter vorgekommen. Der Pater hatte mir so viel aus seinem innersten Herzen anvertraut. Es wäre eine Schande gewesen, wenn ich ihn ausgeliefert hätte.

Der Pater saß am Steuer seines Wagens. Es war ein alter Plymouth. Wir waren schon an der Negersiedlung Alexandra vorbei und näherten uns der Kerkstreet in Johannesburg.

Wir fuhren bergab auf einer dicht belebten Straße. Plötzlich sah ich ein Rad vor mir dahinrollen. „Schau, ein Rad", rief ich ganz erstaunt. Unser Wagen neigte sich auf eine Seite. Es war ein Vorderrad von unserem Wagen. Das Rad rollte über die Kreuzung und war außer Sicht.

Als ich aussteigen wollte, um es zu holen, sagte der Pater. „Laß es sein. Dieses Rad finden wir nicht mehr." Er meinte, daß es arme Neger zu Geld machen würden.

Ohne ein Wort zu sagen, ging er zum nächsten Telefonhäuschen. Als er zurückkam, sagte er: „Der Provinzial war am Telefon. Wir sollen warten. Er wird gleich da sein."

 

Als Missionar für das Buschfeld

In der Theresa-Missionsstation zu Bantuli klingelte das Telefon. Es war für mich. „Hier spricht der Erzbischof', kam es aus dem Hörer.

Seine Stimme klang sehr freundlich. Wie es mir gehe, wollte er wissen. Ob ich Heimweh hätte, ob ich das gewohnte Münchener Bier sehr vermissen würde und ob ich auch genügend Freunde hätte, mit denen ich dann und wann herzhaft lachen könnte. Diesen und ähnlichen Dingen galt sein Interesse. Es war echt, und das tat gut.

Dann lenkte er das Gespräch auf die letzte Sitzung mit seinen Beratern. Er verwies auf die Tatsache, daß der Nordosten der Erzdiözese keinen Missionar hätte. Das wäre ein Zustand, der nicht länger hingenommen werden dürfte. Das machte mich hellhörig. Dann fuhr er fort: „In der Sitzung haben wir beschlossen, Sie, Father Glas, für diese neue Aufgabe freizustellen. Die Regierungsdistrikte Bronkhorstspruit und Groblersdal sind Ihrer Obhut anvertraut."

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war überrascht und für einen kurzen Augenblick sprachlos. Der Erzbischof benützte diese Gelegenheit, um mir zu dieser Ernennung herzlich zu gratulieren. Dann verwies er mich an meinen Chef. Dieser würde mir mit seinen langjährigen Erfahrungen gerne zur Seite stehen. Sobald ich konkrete Pläne hätte, sollte ich mich melden.

Am nächsten Tag besorgte ich mir eine Landkarte von Bronkhorstspruit und Groblersdal. Ich hing sie in meinem Zimmer auf und ließ sie auf mich wirken in ihrer ganzen Größe. Mehr konnte ich einstweilen nicht tun.

Der Chef sagte: „In Pretoria weiß ich das geeignete Auto für diese Aufgabe, ein Traumfahrzeug." Dann erfuhr ich, daß sich der Wagen im Besitz eines Irländers befinden würde, ein Junggeselle, der seine ganze Liebe seit Jahr und Tag an dieses Fahrzeug gehängt hätte.

Es handelte sich um einen Chevrolet, Baujahr 1938, ein Vorkriegsmodell, vielleicht das einzige in der ganzen Stadt.

Nach dem Abendessen besuchten wir jenen alten Herrn. Als ich das Auto sah, konnte ich meine Enttäuschung nur mit Mühe verbergen.

„Das ist ein stabiles Fahrzeug, hoch, und wie geschaffen für deine Aufgabe!" Keine Gefahr, daß ich die Ölwanne beschädigen würde, wenn ich über Stock und Stein zu fahren hätte.

Ich entgegnete ihm, daß ich mit einem kleinen Volkswagen auch überall durchkommen würde, vielleicht sogar noch besser als mit diesem schweren Chevrolet. Dann gab es eine lebhafte Diskussion über diesen deutschen Käfer. Ich konnte leider mit keinerlei technischen Daten aufwarten. Mir genügte es, daß Feldmarschall Rommel im Wüstensand Nordafrikas mit einem Volkswagen unterwegs war. Dem wurde entgegengehalten, daß die Deutschen sogar mit dem Volkswagen den Krieg verloren hätten, und daß ich den VW deshalb ruhig vergessen dürfte.

Ich konnte den Volkswagen nicht vergessen, obwohl mir nichts anders übrig blieb, als dieses Ungetüm auf Rädern zu erwerben.

Der Benzinverbrauch war enorm. Mein Chef sagte, das wäre bei einem so großen und starken Wagen ganz normal. Auch der Erzbischof meinte, ich sollte mit diesem Kauf zufrieden sein. Ich war es nicht. Nach einigen Monaten war ich der stolze Besitzer eines kleinen Volkswagen-Käfers. Es gab nur einen einzigen Volkswagen in der ganzen Stadt. Er war mein.

Der alte Chevrolet blieb mir mit zwei Erlebnissen für immer in Erinnerung.

Ich war auf dem Weg von Dennilton nach Witfontein, ein Katzensprung von zwanzig Meilen. Auf dem Weg hatte ich einen Fluß zu durchqueren. Es war schwieriger, als ich dachte.

Für die Ochsenkarren der Eingeborenen bedeutete der Fluß kein nennenswertes Hindernis, wohl aber für ein Auto. Ich hielt am Rande der Böschung vor dem Fluß an, zog dann Schuhe und Strümpfe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und durchwatete die Furt. An der tiefsten Stelle war der Fluß knietief. Ich wollte schon aufgeben. Mein schwarzer Begleiter aber machte mir Mut. Er erklärte sich bereit, aus dem nahen Witfontein Ochsen zu besorgen, wenn ich tatsächlich steckenbleiben sollte.

Ich setzte mich in den Wagen und fuhr los. Ich erreichte die Sandbank in der Mitte des Flußes. „Nur Mut!" dachte ich mir und fuhr weiter. Nach einigen Metern aber blieb ich stecken. Ohne fremde Hilfe war nichts mehr zu machen.

Mr. Diamini machte sich auf den Weg nach Witfontein, um Ochsen zu holen. Ich blieb beim Wagen und konnte nur hoffen, daß er vor Einbrach der Dunkelheit zurückkommen würde. Kurz vor Dunkelheit kam er tatsächlich zurück. Zu meiner Überraschung brachte er ein Gespann von zwölf Ochsen mit, dazu noch eine Menge neugieriger Zuschauer obendrein.

Ich wollte eigentlich nur zwei Ochsen vor den Wagen spannen lassen. Doch mußte ich sehr bald einsehen, daß zu einem Ochsengespann nicht nur zwei, sondern zwölf Ochsen gehörten. Nicht mehr und nicht weniger.

Über den Preis für die Hilfeleistung waren wir uns bald einig, wie das so ist, wenn man auf Gedeih und Verderb auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Nun machten sich die Eingeborenen an ihr Werk. Ohne Mühe brachten sie die Ochsen in Stellung und ich glaubte schon, in wenigen Minuten den Fluß hinter mir zu haben. Aber weit gefehlt!

Auch die Neger hatten sich diese Hilfsaktion einfacher vorgestellt. Sie hakten die Zugkette kurzerhand an die Stoßstange des Wagens und glaubten, ihn auf diese Weise herausziehen zu können.

Die Stoßstange hätte eine derartige Belastung nicht ausgehalten, denn diese war ganz eindeutig für das Auge angebracht, als glänzender Abschluß zu beiden Seiten. Die Zugkette mußte um die Vorderachse gelegt werden. Dazu war leider niemand bereit. Der Wagen stand schließlich bis über die Achsen im Wasser. Kurz entschlossen zog ich mich bis auf die Unterhose aus, legte mich neben dem Wagen in den Fluß und zog die Kette um die Vorderachse des Wagens. Das war nicht einfach, denn die Zugkette war ziemlich kurz. Schließlich war es dann soweit. Die Kette war sicher befestigt. Nun konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Ich zog mich an und wartete ab. Die Eingeborenen schrien von beiden Seiten auf die Ochsen ein. Sie erhoben drohend ihre Stöcke, als wollten sie auf die Zugtiere einschlagen.

Auch die Ochsen taten ihr Bestes, jeder auf seine Art. Während sich der eine zum Ziehen anschickte, und seinen Nacken in das Joch stemmte, zog der andere vor dem drohenden Stock den Kopf ein, als wollte er nach hinten hinaus. Bald hier, bald dort, setzte einer der Ochsen zum Sprung an. Ohne Erfolg. Es gab nur ein schreckliches Gezerre an der Zugkette. Der Wagen rührte sich nicht von der Stelle.

Die Zuschauer aus Witfontein kamen alle auf ihre Rechnung. Sie sahen schnaubende Ochsen, die ihre Köpfe mit den weit ausladenden Hörnern drohend hoben und senkten. Daneben die Männer aus dem Dorf, die wild auf ihre Ochsen einschlugen, bis sie alle erschöpft waren und wieder zur Ruhe kamen.

Dann wurde wieder beratschlagt. Ich befürchtete, daß sie den Preis für die Hilfeleistung erhöhen wollten. Sie aber beredeten nur, warum das so ganz anders ginge, als sie sich das vorgestellt hatten. So verging die Zeit, und es wurde dunkel. Jetzt war guter Rat teuer. Dann bat ich meinen schwarzen Begleiter, er sollte den Männern vom Ochsengespann wissen lassen, daß auch ich einen Vorschlag zu machen hätte. Mein Ziel war es, dem unnützen Treiben ein Ende zu bereiten. Ich wollte nur ein Gespann von zwei Ochsen vor dem Wagen haben.

Leider war mein Vorschlag für die Schwarzen unannehmbar. Wenn zwölf Ochsen den Wagen nicht herausziehen, wie sollten es dann lediglich zwei schaffen?

Inzwischen wurde es immer dunkler. Ich überlegte, ob ich die Leute mit ihren Ochsen nicht besser heimschicken sollte, bevor noch ein Unglück geschähe.

Dann kam mir der entscheidende Einfall. Ich ging zum Wagen und verlangte, daß sich die Männer zu ihren Ochsen stellen sollten. Dann sagte ich: „Es ist schon dunkel, und das ist gut so. Ich setze mich jetzt in den Wagen. Wenn ich die Scheinwerfer einschalte und die Hupe drücke, geht es los!"

Und wie es dann los ging! Mit einem Schlag stürmten die Ochsen voran, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her. Mit den Schwänzen in der Höhe stürmten sie die Böschung hinauf. Es ging mit mir zwischen Baumstümpfen und Felsbrocken hindurch, schneller und wilder, als ich es zu träumen wagte. Ich schaltete die Scheinwerfer aus und die Ochsen fühlten sich nicht länger verfolgt. Nach und nach wurden sie langsamer und kamen allmählich ganz zum Stehen.

Es gab ein Aufatmen und ein Gelächter und einen Lobpreis auf ihre Ochsen, die noch nie so gesprungen wären wie jetzt. Dann löste ich die Kette von der Achse.

Die Hilfsaktion war beendet. Von jenem Abend an war ich kein Unbekannter mehr im Negerdorf von Witfontein.

Kurze Zeit später hatte mir dieser alte Chevrolet noch einen weiteren Schrecken eingejagt.

Ich fuhr schon lange in brütender Hitze, als aus der Motorhaube ganz plötzlich Rauch aufstieg. Im ersten Augenblick konnte ich es nicht recht glauben. Ich dachte, es läge an meinen Augen. Die brütende Hitze konnte ja alles zum Flimmern bringen, vielleicht auch zum Rauchen.

Es war leider kein Sehfehler meinerseits, sondern bittere Wahrheit. Der Wagen brannte. Ich bremste, so fest es ging, sprang aus dem Wagen und öffnete die Motorhaube. Dann schlug ich mit meinem Hut auf die Flammen. Es ging alles gut. Dann ließ ich den Motor abkühlen und betrachtete den Schaden. Es war nicht schlimm. Die alten Isolierungen an den Kabeln hatten zu brennen angefangen. Kein Wunder bei diesem alten Karren.

Als ich dem Erzbischof erzählte, was geschehen war, sagte er: „Schade, daß Sie ihn gelöscht haben. Der Wagen war doch gut versichert." Von diesem Tag an versuchte ich, ihn zu verkaufen. Vergeblich. Von den Europäern wollte ihn keiner haben. Die Eingeborenen konnten nicht zahlen. Trotzdem war ich froh, als ich ihn endlich los war.

Meine Ersparnisse schmolzen rapide dahin. Es mußte etwas geschehen. Es war höchste Zeit.

Vom Erzbischof hatte ich nichts zu erwarten. Er vertraute darauf, daß ich das nötige Geld auftreiben würde. So leicht tun sich Hochwürdigste Herren! Dabei war mein Erzbischof ein feiner Mann, von dem man alles haben konnte, nur kein Geld.

Nun waren die Schwestern von Bantuli eifrige Leser des „Altöttinger Liebfrauenboten". Als ich rein zufällig in dieser Zeitschrift blätterte, fielen mir die vielen Inserate auf, die dort seitenweise zu lesen waren. Fast jedes Inserat hatte Name und Anschrift.

Auch in den übrigen Nummern dieser Zeitschrift hatten die Inserate eine vollständige Anschrift. Nun wußte ich, was ich zu tun hatte, um Wohltäter für meine Missionsaufgabe zu finden.

Ich legte Karteikarten an. In kurzer Zeit hatte ich Hunderte von Adressen, alle alphabetisch geordnet. Darüber hinaus bestellte ich mir noch einen ganzen Jahrgang von dieser Zeitschrift und erhöhte so die Zahl der möglichen Wohltäter auf das Doppelte.

Mit meinen letzten Ersparnissen ließ ich in Pretoria einen Bettelbrief drucken, eine Zahlkarte für das Konto „Katholische Mission zu Unserer Lieben Frau" für eine Münchener Bank. Ich kaufte die nötigen Umschläge und Briefmarken. Dann brachte ich die Berge von Drucksachen zur Post und hoffte auf das Beste. Es war nicht umsonst.

Bei den Leuten in der Heimat war die Überraschung groß. Ein Brief aus Afrika, für sie ganz persönlich! Ich hatte einen Stamm von Wohltätern. Die Arbeit im Buschfeld konnte weitergehen.

Der Erzbischof sagte: „Das Vertrauen in die göttliche Vorsehung wird nie enttäuscht." Ich selber fand diese Art von Vorsehung weniger göttlich. Vielleicht war das nur Ansichtssache, wie so vieles in der Welt.

Jedenfalls konnte ich jetzt Fuß fassen in den weiträumigen Gebieten von Bronkhorstspruit und Groblersdal. Ich konnte in die Zukunft schauen und bescheidene Pläne verfolgen.

 

Die Versteigerung

In Witfontein kam ein Grundstück zur Versteigerung. Es war von beachtlicher Größe, ideal für eine Missionsstation. Als weißer Mann konnte ich aber das Grundstück nicht erwerben. Es lag im Reservat der Eingeborenen. So erschien ich mit Mr. Japhta aus Witfontein vor dem Magistratsgebäude in Groblersdal, dem Ort der Versteigerung.

Als das betreffende Grundstück mit Flurnummer und genauer Beschreibung aufgerufen wurde, stellte ich mich dicht hinter den schwarzen Mann. Ich sagte ihm jeweils den neuen Betrag ins Ohr, den er dann aus vollem Hals dem Versteigerungsbeamten entgegenrief.

Das Grundstück wurde teuer erkauft. Eine Gruppe von indischen Geschäftsleuten wollte dieses Grundstück ebenfalls erwerben, was den Preis so unnötig hochgetrieben hatte. An Ort und Stelle wurde der Kaufpreis beglichen, die Anzahlung in bar, der Rest mit einem entsprechenden Scheck.

Der Erzbischof war darüber nicht erfreut. Er witterte endlose Schwierigkeiten mit den staatlichen Behörden. Auch kirchenrechtlich wäre mein Vorgehen zweifelhaft gewesen, meinte er. Ob Schwarze überhaupt einer Kirchenstiftung vorstehen können, müßte erst geklärt werden. Er tat so, als hätte ich gutes Geld zum Fenster hinausgeworfen.

Das ließ ich nicht auf mir sitzen. Ich erwähnte seine neu errichtete private Hauskapelle und sagte: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen."

Der Erzbischof hatte nämlich sein Haus durch einen eigenen Anbau erweitern lassen. Auf diese Weise bekam er endlich die längst notwendigen Gästezimmer, aber auch eine Hauskapelle, die viel böses Blut bereitete.

Diese Hauskapelle war nämlich absolut überflüssig. Links und rechts von seinem Haus, gleich hinter seinem Gartenzaun, war auf der einen Seite das Priesterseminar und auf der anderen Seite das Nazaret-Haus. Beide Einrichtungen hatten eine sehr schöne Hauskapelle. Nein, er mußte seine eigene, ganz private Hauskapelle haben. Obendrein ließ er sie mit feinstem Teakholz über und über auskleiden, das Beste vom Besten. Hier wurde tatsächlich gutes Geld zum Fenster hinausgeworfen.

Wir Geistlichen malten uns des öfteren aus, wie der Erzbischof mutterseelenallein in seiner teuren Hauskapelle steht und das Evangelium verkündet. Wir fragten uns dann sehr boshaft, ob die teuren Wände aus Teakholz wohl die aufmerksamen Zuhörer ersetzen könnten. Wir ließen unseren Gedanken freien Lauf und wollten wissen, ob der Erzbischof das Evangelium vielleicht dem lieben Heiland im Tabernakel verkünden würde.

Für unseren Erzbischof war seine Hauskapelle immer zum Brechen voll, auch wenn niemand zu sehen war. Die Engel und Heiligen des Himmels waren da. Auf diese konnte er sich immer verlassen. Seltsam, daß Jesus im Abendmahlssaal nur seine Jünger um sich hatte. Wie konnte er die Engel und Heiligen des Himmels so ganz vergessen. Er war eben noch ein ziemlich erbärmlicher Anfänger, dieser Jesus von Nazaret. Dann dachten wir wieder: „Erzbischof müßte man sein, um im Himmel ein- und ausgehen zu dürfen, mit einer Nebenstelle auf Erden." Als ich dann einige Zeit später die Dokumente über jenen Grunderwerb in Witfontein bei ihm abliefern wollte, mußte ich ihn bitten, diese entgegenzunehmen. Er sagte, es wäre doch alles wertlos.

In der Zwischenzeit ist dort eine kleine Missionsstation entstanden mit einer Klinik und einem Konvent mit schwarzen Schwestern. Von den anfänglichen Schwierigkeiten ist längst nicht mehr die Rede.

Zu jeder Missionsstation gehörte auch ein Brunnen. Anfänglich hatte ich das Wasser immer im Auto mitgebracht. Eine armselige Angelegenheit.

Die Eingeborenen bezogen das Wasser meist aus kleinen Teichen, die sich in der Regenzeit füllten. Dieses Wasser war oftmals sehr verunreinigt, weil es auch den Tieren als Tränke diente.

Ein richtiger Brunnen mit klarem, frischem Wasser war für alle eine echte Wohltat. Mit großer Aufmerksamkeit wurden von jung und alt die Bohrarbeiten verfolgt. Je mehr Eisenrohre nacheinander im Erdboden verschwanden, desto drängender stellte sich die Frage nach dem Wasser. Der Mann mit der Wünschelrute machte ein sorgenvolles Gesicht. Um sich selber und den Arbeitern immer wieder Mut zu machen, ging er mit seiner Rute auf und ab. Er rief immer wieder: „Schaut her und seht, wie sie ausschlägt. Es muß Wasser da sein. Bohrt nur weiter. Es kann nicht umsonst sein!"

Dann und wann kamen auch Geologen vorbei. Sie interessierten sich für das Gestein und das Erdreich, wie es aus den verschiedenen Tiefen zum Vorschein kam. „Alles nur Erfahrungswerte, plusminus Glück", pflegten sie zu sagen. Aber Geld wollten sie alle, ganz gleich, wie es ausging.

Als dann endlich nasses Gestein und nasses Erdreich gehoben wurde, war die Freude groß. Wie ein Lauffeuer ging es von Mund zu Mund: „Wir haben Wasser, wir haben Wasser!"

Ein Grund zum Feiern. Zum Fest pflückten die Buben eigens Früchte von den Marulabäumen. Die Frauen setzten sich im Kreis um den Biertopf. Auf dem Schoß hatte jede ein Häuflein von den frischen Marulafrüchten. In froher Runde und bei lautem Geschwätz führten sie die Früchte zum Mund. Dann kauten sie das Obstfleisch von den Kernen und spuckten in treffsicheren Bögen die breiige Masse in den gemeinsamen Topf. Es dauerte lange, bis genügend beisammen war. Die Frauen taten es gern, denn die Früchte des Marulabaumes hatten eine berauschende Wirkung. Je länger sie kauten, desto lustiger wurden sie.

Die Männer durften einen Ochsen schlachten, auf meine Rechnung. Der Ochse mußte zuerst ausgemustert werden. Es dauerte lange. Noch schwieriger war es, bis wir uns über den Preis des Ochsen einigen konnten. Was es da nicht alles zu berücksichtigen gab. Alles wollte besprochen und erwogen werden bis ins Kleinste.

Unsere Verhandlungen wurden plötzlich unterbrochen. Einer von den Burschen war verhaftet worden. Er wäre ohne Paßbuch angetroffen worden. Die Gemüter der Eingeborenen kochten. Der Ochse war vergessen.

„Wo bringen wir das Geld her", war die bange Frage. Es wurden alle zur Kasse gebeten, damit der Inhaftierte freigekauft werden konnte. Bis zum kommenden Samstag würde er sich hinter Schloß und Riegel gedulden müssen. Dann aber würde er frei kommen.

Laut Gesetz mußte jeder schwarze Staatsangehörige der Republik Südafrika einen gültigen Arbeitsnachweis bei sich führen. Es mußte für die weißen Polizisten auf Anhieb zu sehen sein, daß der Paßinhaber einen festen Arbeitgeber hatte. Monat für Monat war dies mit Stempel und Unterschrift nachzuweisen. Wer ohne gültigen Arbeitspaß angetroffen wurde, wanderte in das Gefängnis. Auf diese Weise waren die Gefängnisse immer zum Brechen voll.

Entsprechend groß war der Haß der Schwarzen gegen die Weißen. „Die Weißen bringen wir noch alle um. Sie treiben uns dazu." Dann malten sie sich aus, wie sie es anstellen müßten, daß die verhaßten Weißen möglichst lange zu leiden hätten. Der Tod sollte sie erst ganz zum Schluß von ihren Schmerzen befreien.

Als die Männer wieder etwas zur Ruhe gekommen waren, fragte ich sie, ob sie mit mir eine Ausnahme machen würden? Ich wäre doch wirklich ganz für sie da. „Nein!" sagten sie. „Keine Ausnahme! Die Weißen werden alle umgebracht." Dann setzten sie entgegenkommend hinzu: „Du sollst nicht lange leiden müssen. Dich bringen wir schnell um." Das waren keine Sprüche, sondern bitterer Ernst.

In Südafrika ist die Ausübung eines Berufes ein Privileg des weißen Mannes. Schwarze dürfen nur Handlangerdienste verrichten. Vor Jahren, als die Markierungsarbeiten an den Straßen noch mit der Hand gemacht wurden, konnte ich beobachten, wie dies vor sich ging.

Da war ein Europäer mit seinen schwarzen Helfern. Wo ein Pinselstrich zu ziehen war, blieb der Weiße stehen. Dann trat der erste Neger mit dem Pinsel in Aktion. Er winkte den anderen Neger mit dem Farbtopf herbei, tauchte den Pinsel ein und drückte diesen dann dem weißen Mann in die Hand. Wenn der Pinsel leer gestrichen war, griff der Pinselträger wieder zu. Alle drei gingen einige Schritte weiter. Der weiße Mann mit leeren Händen, von den beiden Schwarzen trug einer den Pinsel, der andere den Farbtopf. Der weiße Mann wartete wieder auf den eingetauchten Pinsel, zog seinen Strich und gab den Pinsel wieder zurück. Dies geschah auf einer belebten Straße mitten in der Stadt. Keiner nahm davon Notiz. Es war selbstverständlich, daß der weiße Mann sich Pinsel und Farbtopf nachtragen ließ. Der weiße Mann war wegen seiner weißen Hautfarbe bereits so etwas wie ein besserer Herr. Es wäre unter seiner Würde gewesen, wenn er den Pinsel selbst eingetaucht hätte. Dafür waren schließlich die Neger da. Ordnung muß sein.

Der weiße Anstreicher mit seinen zwei schwarzen Handlangern wirkte auf mich lächerlich. Den Schwarzen war er ein Ärgernis. Wehe den Weißen, wenn die Schwarzen einmal Abrechnung halten mit ihren Unterdrückern. Ich hatte nur den einen Wunsch, daß ich dies nicht mehr erleben müßte.

 

Besuch beim Häuptling

Die Sonne war längst untergegangen, als ich ankam. Für die Fahrt von Pretoria nach Witfontein brauchte ich viel länger, als ich mir vorgestellt hatte. Der kleine „Volksi" war hoffnungslos überladen, deshalb mußte ich auch auf der Landstraße sehr langsam fahren. Die zehn Säcke Zement und die Dachsparren auf dem Ständer des Wagens zwangen mich, jedes Schlagloch vorsichtig anzufahren. Streckenweise ging es nur mit dem zweiten Gang dahin. Hauptsache, ich war gut angekommen.

Der Volkswagen hielt alle Strapazen geduldig aus. Niemals hatte er mich im Stich gelassen. Wenn es ihm auch die Hinterräder stark nach außen drückte, so stand er gleich wieder richtig, sobald er von seinen schweren Lasten befreit war. Kein Wunder, daß nach und nach der Volkswagen zum begehrtesten Fahrzeug unter den Missionaren wurde. Auch der Erzbischof hatte diesbezüglich seine Meinung geändert. Er betrachtete meinen Wagen und sagte voller Anerkennung: „Klein und häßlich, aber gut!"

Die Männer des Dorfes saßen längst vergnügt um den Bierpott. Die große dunkle Wolke aus unzähligen Fliegen erzeugte ein seltsames Gebrumm. Der Gastgeber hieß mich herzlich willkommen. Er reichte mir die Hand, verneigte sich der Sitte gemäß und sagte: „Ndade!" Auch ich verneigte mich, reichte jedem die Hand und sagte „Ndade" zu jedem der Männer in der Runde.

Es waren alles verheiratete Männer. Junggesellen hatten bei den Männern nichts zu suchen. Ein Mann war, wer wenigstens eine Frau und ein Kind hatte - eine durchaus gesunde Einstellung. Ehelosigkeit war bei diesen Menschen keine erstrebenswerte Sache, auch nicht um des Himmelreiches willen. Sie wurde ganz eindeutig als Mangel empfunden und nicht als Auszeichnung einer Persönlichkeit. Unverheiratet zu sein, wurde mit dem Zustand des Unfertigen und Unreifen in Verbindung gebracht. Ehelosigkeit war eher ein Durchgangsstadium im Reifungsprozeß eines Menschen, das jeder hinter sich ließ, wenn er in die reiferen Jahre kam.

Die Eingeborenen wußten, daß ich ehelos war und auch ehelos bleiben würde. Sie nahmen dies hin, ohne je ein Wort darüber zu verlieren. Als weißer Mann war ich ohnehin ein Außenseiter und ein Fremder, dem man so manches nachsehen mußte.

Manchmal malte ich mir aus, wie es wohl wäre, wenn ich aus ihren eigenen Reihen hervorgegangen wäre. Ob ich dann auch noch mit dem würdevollen Namen „Ndade" begrüßt worden wäre, war mehr als zweifelhaft. Schließlich heißt „Ndade" nicht mehr und nicht weniger als „Vater". Wahrscheinlich hätten sie mir in ihrer Runde auch keinen Platz angeboten. Weil ich aber als weißer Mann aus dem fernen Europa kam, waren sie bereit, mit mir eine Ausnahme zu machen.

Der Gastgeber schöpfte aus dem Bierpott und ließ mich trinken. Ich tat es mit großer Überwindung. Es war alles so schrecklich unappetitlich: der scharfe, fast ätzende Geruch aus der Richtung des Bierpottes, die vielen Fliegen, die über dem Bierpott schwebten und sich durch ihr ständiges Gesumme so aufdringlich bemerkbar machten.

Es war mir klar, daß die vielen Fliegen auf den umliegenden Misthaufen beheimatet waren und nur von dem penetranten Biergeruch angelockt wurden. Auch konnte ich nicht vergessen, daß das Bier, das mir angeboten wurde, einmal reine Spucke war - eine seltsame Grundsubstanz für Bier! Es war mir auch nur ein schwacher Trost, daß der starke Alkoholgehalt diese persönlichen Zutaten der Negerfrauen längst neutralisiert hatte. Dieses Wissen war wenig hilfreich. In meiner Vorstellung war und blieb alles reiner, frischer Negerspeichel, den ich zu trinken hatte. Nur gut, daß die Männer in der Runde davon keine Ahnung hatten.

Dann sagte einer der Männer: „Wir haben den besten Platz für einen neuen Brunnen gefunden. Dort kann ohne Angst gebohrt werden. Dieser Brunnen wird viel Wasser geben." Ich nickte ihm zu und erwiderte: „Schön, daß ihr den besten Platz gefunden habt." Behutsam fügte ich hinzu: „Jetzt muß ich nur noch das Geld für den Brunnen finden, dann können wir anfangen."

Die Neger staunten. Es war ihnen unvorstellbar, daß ich als weißer Mann nicht immer aus dem Vollen schöpfen konnte. Ich erzählte ihnen: „Daheim bei meinen Eltern und Verwandten gibt es das Wasser nicht umsonst. Jeder Kübel voll Wasser muß bezahlt werden. Ohne Geld kein Wasser!"

„Bei uns ist das Wasser umsonst, entgegnete einer. „Jeder kann sich aus dem Damm das Wasser holen. Es steht keiner dort, der Geld verlangt." Ich lachte. Dann fragte ich: „Habt ihr wirklich nichts bezahlt für euren Wasserdamm?" - „Überhaupt nichts!" war die Antwort. „Unsere Burschen haben nur den Damm geschaufelt, damit das Wasser nicht ablaufen kann. Das kostete nichts. Sie arbeiteten alle umsonst."

Mir wurde heftig widersprochen, als ich sagte: „So ganz und gar umsonst hat keiner gearbeitet." Dann fragte ich: „Haben euere Burschen nicht geschwitzt, als sie den Damm gemacht haben?" l )och, die Burschen hatten geschwitzt, sie hatten sogar sehr viel geschwitzt. Dann sagte ich: „Euer Wasserdamm hat also viel, viel Schweiß gekostet."

Dann kam ich auf das Bier zu sprechen, das sie gerade tranken. Sie meinten, es hätte sie nichts gekostet. Ich erklärte ihnen, daß zu allererst der Marulabaum seine Früchte für das Bier hergeben mußte. Die Buben mußten Gehorsam leisten, sich anstrengen und auf den Baum klettern. Die Arbeit der Buben war nicht ungefährlich, auch wenn sie es gerne taten. Die Frauen mußten sich Zeit nehmen und die vielen Früchte vom Kern befreien. Sie taten es gern. Dann mußte das Bier erst noch gekocht werden. Es kostete viel Brennholz. Sie widersprachen mir nicht mehr, hielten es aber dennoch für ein höchst seltsames Gerede.

Dann sagte ich: „Nicht einmal das Trinken ist umsonst." Sie schauten mich ungläubig an. Ich aber redete ungeniert weiter. „Jeder Schluck kostet seinen Preis." Ich sah sie der Reihe nach an. Ich fuhr fort: „Das Bier kostet dir einen schweren Kopf. Vielleicht kostet dir das Bier einen ganzen Tag, wenn du nicht aufstehen kannst." Das verstanden sie nur zu gut.

Inzwischen war es längst Nacht geworden. Vom Abendessen noch immer keine Spur. Vielleicht hatten sie es längst gegessen. Ich wollte mich verabschieden. Der Gastgeber ließ mich nicht gehen. „Wir haben noch nicht gegessen!" Dann winkte er einen von den Buben herbei. Dieser mußte ein bestimmtes Huhn fangen, für uns zum Abendessen.

Plötzlich war im Hühnerstall die Hölle los. Aufgeschreckt flatterten die Hühner umher und suchten ihr Heil in der Flucht. Die Buben alle hinterher. Die Männer saßen da und schauten zu. Viel war nicht zu sehen, wegen der Dunkelheit.

Nach einiger Zeit brachten sie tatsächlich das gewünschte Huhn. Die Frauen auf der anderen Seite des Negerkraals waren längst bereit für den neuen Auftrag. Das Huhn wurde sofort geschlachtet und gerupft. Dann hörte ich von einer neuen Schwierigkeit. Es war kein Brennholz da. Der Gastgeber schickte wiederum die Buben aus, welches zu besorgen. Es dauerte seine Zeit. Ich wunderte mich, wie unkompliziert eine Einladung sein kann.

Es wurde ein spätes Abendessen. Als Gast wurde mir der erste Teller gereicht. Ich nahm dankend an und wartete, bis auch die übrigen Männer im Kreise ihren Teller hatten.

Besteck gab es keines. Man aß mit den Fingern. Das war weiter nicht schlimm. Nur die Fliegen hatten mir den Appetit verdorben. Diese saßen dick auf allen Tellern. Ich konnte nicht essen. Mein Hals war wie zugeschnürt.

Der Geruch der Speisen hatte auch die Hunde angelockt. Diese waren mir sehr willkommen. Ich aß, aber nur zum Schein. Unbemerkt fütterte ich die Hunde. Die Dunkelheit stand mir bei.

Beim Essen war das Hauptthema wiederum das liebe Geld. Die Männer besprachen, was sie sich alles kaufen würden, wenn sie das nötige Geld hätten. Einer von den Männern wollte einen schwarzen Cadillac, viertürig, mit dem Nummernschild SA l.

Dazu einen weißen Fahrer, der ihn überall hinfahren müßte.

liin anderer wünschte sich ein großes Haus, aus glänzenden Klinkersteinen erbaut, große Fenster müßte es haben und rundherum einen großen Park, der von weißen Gartenboys gepflegt werden müßte. Im Haus wünschte er sich eine echte „Missis", eine weiße Frau.

Damit war ein Reizwort gefallen, das alle Gemüter fortan bewegte. Auch das Bier tat schon längst seine Wirkung.

Ein anderer würde sein Geld nur für weiße Mädchen ausgeben. Sie würden es sehr gut bei ihm haben, wenn sie ihn entsprechend bedienten. Nach und nach aber wollten sie alle Herrscher sein mit uneingeschränkter Macht über Leben und Tod. Ein leuchtendes Vorbild war ihnen Chaka, der Zuluhäuptling, aus längst vergangenen Zeiten. Seine Eigenheiten wurden ausführlich besprochen. Er soll sehr wählerisch gewesen sein im Umgang mit Frauen.

Es wurde viel gelacht, als es um die Einzelheiten ging, und die Wünsche und Vorstellungen der einzelnen Männer näher zur Sprache kamen.

Mich interessierte vor allem der Zuluhäuptling, wie er sich bei den anderen Menschen Ansehen und Ehre verschaffte. Daraufhin wurde mir eine gruselige Geschichte erzählt.

Chaka, der Zuluhäuptling, pflegte immer siegreich von seinen Feldzügen heimzukehren. Die gefangenen Feinde wurden für die Siegesfeier des Häuptlings aufgehoben. Zum Höhepunkt mußten die schönsten Mädchen vor den nackten Gefangenen tanzen. Chaka und seine siegreichen Männer schauten zu. Sie erfreuten sich an den tanzenden Mädchen und an den Gefangenen gleichermaßen.

Chaka, der Häuptling, richtete seine Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf die Geschlechtsteile der ahnungslosen Gefangenen, die splitternackt vor den Mädchen aufgestellt waren, und auf das Ende ihrer Gefangenschaft hofften.

Sobald nun diese bedauernswerten Männer anfingen an den Mädchen Gefallen zu finden, hatten sie ihr Leben verspielt. Nackt, wie sie nun einmal waren, konnten sie auch die kleinste Erregung nicht verbergen. Zuluhäuptling Chaka wartete mit Spannung auf jedes derartige Anzeichen bei den Gefangenen. Dann winkte er unauffällig einen seiner Totschläger herbei, der hinter den Gefangenen postiert war. Dieser trat auf leisen Sohlen unbemerkt von hinten an den Totgeweihten heran und schlug ihm mit einem einzigen Hieb den Schädel ein.

„Schade, daß Chaka-Zulu damals keine Weißen als Gefangene hatte!" rief einer der total betrunkenen Männer. Ich sagte „Gute Nacht" und machte mich eiligst auf den Heimweg.


Inhalt

Index

weiter