Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Die Deutschen kommen,    Der Haushalt macht Sorgen,    Die Betschwester,    Die Schnapsflasche


Die Deutschen kommen

Die Briefaktion zugunsten meiner Missionstätigkeit im Nordosten der Erzdiözese Pretoria, Südafrika, hatte neben der finanziellen Unterstützung auch dringend gebrauchte Mitarbeiter im im Gefolge.

Aus der Diözese Regensburg meldeten sich zwei Kapläne. Diese hatten zufällig meine Rundbriefe in die Hände bekommen. Postwendend hieß sie der Erzbischof von Pretoria in seiner Diözese willkommen. Schlagartig hatte sich damit meine Lage verändert.

Die Frage war: Wo werden die Neuankömmlinge unterkommen? Die Einwanderungsbehörden machten ungeahnte Schwierigkeiten. Sie wollten genauestens wissen, wo die beiden arbeiten würden. Als die Beamten dann wußten, daß sie beide in den Regierungsdistrikten von Bronkhorstspruit und Groblersdal arbeiten würden, verlangten sie, daß die Einwanderer dort auch einen wirklichen Wohnsitz hätten.

Es gab dort aber keine einzige kirchliche Niederlassung. Ich selber wohnte nach wie vor in Bantuli, dem ältesten Negerviertel m Pretoria. Es mußte also ein neuer Wohnsitz geschaffen werden.

Das Gesetz der Rassentrennung schrieb vor, daß Weiße keinen Wohnsitz im Gebiet der Schwarzen haben konnten und umgekehrt. Somit kamen die entstehenden Missionsstationen von Dennilton und Witfontein nicht in Frage. Wir mußten uns in einer der verschiedenen Ortschaften der Europäer niederlassen. Der Erzbischof entschied sich für Bronkhorstspruit.

Dieses Burendorf war nur sechsunddreißig Meilen von Pretoria entfernt, also noch irgendwie unter den Fittichen des Erzbischofs. Obendrein hatte der Erzbischof dort ein leeres Grundstück.

Lange vor unserer Zeit beabsichtigte ein Irländer, sich in jenem Burendorf niederzulassen. Er erstand ein Grundstück am Ortsrand von Bronkhorstspruit und wollte darauf seine Existenz gründen. Er hatte kein Glück. Die Buren fanden bald heraus, daß er katholisch war. Grund genug, ihn zu schneiden. So zog er wieder fort. Das Grundstück überließ er der Kirche in Pretoria, weil er keinen Käufer auftreiben konnte. Auf diesem Grundstück erbaute ich ein Wohnhaus für die beiden Kapläne aus Deutschland und für mich. Es war die Katholische Mission Bronkhorstspruit. Die Auflage der südafrikanischen Einwanderungsbehörde war erfüllt. Die beiden konnten kommen.

Nur einer der Herren erhielt die Einreisegenehmigung. Der andere wurde ohne Begründung abgelehnt. Katholische Geistliche waren im calvinistischen Südafrika höchst ungern gesehen. Wenn sie vorhatten, unter den Eingeborenen tätig zu werden, waren sie von vornherein verdächtig. Schwarze brauchten keine Missionare.

Nach der strengen calvinistischen Lehre waren die Neger von Ewigkeit her für die Hölle vorherbestimmt. Vor diesem Schicksal konnte auch die Annahme des christlichen Glaubens nicht retten.

„Ein Neger hat keine unsterbliche Seele", erklärte mir ein Bure. Als ich das verneinte und sagte, daß jeder Mensch, also auch ein Neger, Kind Gottes wäre, widersprach er mir heftig: „Ein Neger besteht aus Ruß und Scheiße. Kind Gottes! Daß ich nicht lache."

Allen Widerständen zum Trotz konnte ich beide am 7. Januar 1958 im Hafen von Durban begrüßen. Wir sahen uns dort zum ersten Mal und wurden Freunde von dieser Stunde an.

Unser Weg nach Pretoria führte notgedrungen zuerst nach Maseru im Basutoland. Nach dem Motto: „Wo ein Wille, da ein Weg", konnten wir für den zweiten Herrn wenigstens eine Einreisegenehmigung für das Basutoland erhalten. Den dortigen Bischof baten wir, für unseren Pechvogel tätig zu werden. Wir schlugen vor, daß er diesen an der katholischen Universität von Basutoland eine Anstellung geben möge. Er tat dies ohne Zögern. Als Angehöriger dieses erlauchten Lehrkörpers wurde, er dann zu weiteren Studien an die Universität von Pretoria gesandt. Die Einwanderangsbehörden fühlten sich von uns aufs Kreuz gelegt und machten Schwierigkeiten, wo sie nur konnten. Unser Dritter im Bunde war jedenfalls in Pretoria, er war eingeschrieben an der Universität. Der immer wieder drohenden Ausweisung aus Südafrika konnte er jedes Mal entkommen.

Oft nur um Haaresbreite. Es fanden sich immer wieder gute Leute, die den notwendigen Stempel hatten, die dieses und jenes bestätigen und mit ein paar Zeilen das Unglück abwenden konnten.

Dem Bischof von Maseru im Basutholand waren wir sehr zu Dank verpflichtet. Meinen ersten Heimaturlaub trat ich mit ihm an. Wir besuchten dabei über hundert Pfarrgemeinden, die den liebenswürdigen schwarzen Bischof reichlich beschenkten. Mit den Spendengeldern konnte sein Missionskrankenhaus in Maseru erweitert und modern ausgestattet werden. Auch wir deutschen Missionare gingen nicht leer aus. Wir wurden in die Lage versetzt, ein geeignetes Grundstück mitten im Herzen von Groblersdal zu erwerben. Ein Jahr später ließen wir uns auch in diesem Ort nieder. Die Katholische Mission Groblersdal war gegründet.

Unser ständiger Begleiter war der Erfolg. Dieser hielt uns die Treue, auch wenn er uns ständig streitig gemacht wurde. So machten wir uns in wahrer Hochstimmung auf zur ersten gemeinsamen Fahrt in das Buschfeld.

Wir fuhren im Volkswagen-Kombi, vollbeladen mit Verpflegung und Versorgungsgütern für die Außenstationen. An jenem Tage herrschte eine brütende Sommerhitze, die schwer auf uns lastete. Zur Abwechslung wurde das Autoradio eingeschaltet.

„Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein", klang es aus dem Radio. Wir lachten herzlich, erzählten von den heimatlichen Seen, von den frischen Gebirgsbächen und wünschten uns ein Stück von der Isar in dieser Trockenheit.

Wir erreichten eine Senke. Statt des gelben Sandes gab es plötzlich schwarze Erde, wie in einer Moorlandschaft. Ich hätte es nie gewagt, diese Stelle zu durchfahren, sondern zog es vor, einen kleinen Umweg zu machen.

Mein lieber Mitbruder wollte davon nichts wissen, sondern fuhr mit Vollgas in diesen Sumpf. Wir blieben stecken. Er lachte, daß es nur so schallte. „Jetzt haben wir den Dreck im Schachterl", war sein ganzer Kommentar.

Ich stieg aus und versank gleich bis über die Schuhe im Morast. Mein Mitbruder sah es und stellte fest: „Es genügt, wenn sich Einer von uns dreckig macht." Er wollte sauber bei den Negern ankommen, schließlich ging es um den ersten Eindruck, den er dort zu machen hatte.

Ich entlud das mitgeführte Holz vom Wagendach und baute eine tragfähige Unterlage für den Wagenheber. Dann legte ich unter, erst auf der einen Seite, dann auf der anderen. Als alles fertig war, bat ich ihn, vorsichtig anzufahren, während ich kräftig anschieben wollte.

Mein lieber Mitbruder stieg aber entschieden zu fest auf das Gaspedal. Im Nu war ich von oben bis unten voll mit Dreck bespritzt. Er sah es gleich im Spiegel und fragte voller Bewunderung: „Ja, wie schaust du denn aus!" Nach kurzer Zeit war der Dreck an mir eingetrocknet. Er sprang fast von selbst ab. So konnte auch ich noch einen guten Eindruck machen an jenem Tag.

Es dauerte nicht lange und wir erhielten erneut Zuwachs. Es handelte sich um zwei wackere Bauerssöhne aus der Gegend von Bad Aibling. Das Haus in Bronkhorstspruit war nun übervoll besetzt. Wir mußten eng zusammenrücken und in die beiden Schlafzimmer noch zusätzliche Betten stellen. Dafür ging es aber in den Außenstationen tüchtig voran. Es wurden Pläne gezeichnet, Kostenvoranschläge erstellt, Material eingekauft, bis ins Kleinste jedes Unternehmen ausgeklügelt und ebenso sorgfältig durchgeführt. Die beiden jungen Burschen waren in ihrem Element.

Nur im Haus, in unseren eigenen vier Wänden, ließen sie alles liegen und stehen. Tag für Tag mußte ich ihnen die Betten machen und alle ihre Sachen aufräumen, von der Unterwäsche bis zur letzten Zeitung aus der Heimat. Wenn ich sie daraufhin anredete, sagten sie mit dem Brustton der Überzeugung: „Das ist Weiberarbeit", und machten sich aus dem Staub. Ich war das Mädchen für alles.

 

Der Haushalt macht Sorgen

Wir brauchten eine Haushälterin. Im Lande der Rassentrennung wurde dieser Dienst von schwarzen Mädchen oder Frauen besorgt. Um sie beschäftigen zu können, benötigten wir zuerst eine Unterkunft für sie. So wurde hinter dem Wohnhaus ein Gebäudekomplex errichtet, der neben einer kleinen Wohnung für unsere Bediensteten auch einen Lagerraum und eine Autogarage enthielt.

Ich atmete auf, als endlich die Cecilia mit ihren fünf unehelichen Kindern bei uns ihren Dienst antreten konnte. Es war beiden geholfen. Manches ging auch schief. Als ich sie bat, meine Hose zu bügeln, tat sie dies mit größter Bereitwilligkeit. Leider vergaß sie, das elektrische Bügeleisen von der Hose zu nehmen, als sie plötzlich von den Kindern gerufen wurde. Das Bügeleisen brannte sich sogar in die Tischplatte ein. Ebenso problematisch erwies sich der Umgang mit dem Elektroherd. Er hatte den Nachteil, daß bei ihm das Feuer nicht von selbst ausging, wie beim gewohnten Lagerfeuer. So war immer für eine Überraschung gesorgt.

Die Gebäude im Hinterhof wurden in erstaunlicher Rekordzeit errichtet. Die jungen Leute aus der bayerischen Heimat waren das Arbeiten gewöhnt. Sie taten selbst, was sie konnten und standen nicht nur herum, um die Schwarzen anzueifern. Diese waren für sie Handlanger und Hilfsarbeiter im eigentlichen Sinn des Wortes.

Es dauerte aber nicht lange, und ihre Hochstimmung bekam einen harten Dämpfer. Ein heftiger Sturmwind deckte das Dach ab und wehte es über das angrenzende Feld. Im Baugeschäft ließen sie sich etwas dünneres Holz und etwas kürzere Schrauben aufschwätzen, weil die gewöhnlichen nicht vorrätig waren. So mußten auch sie immer wieder teures Lehrgeld zahlen.

Unsere Missionshelfer hatten längst einen Stamm von schwarzen Hilfskräften. Diesen wollten sie erleben lassen, daß Rassentrennung nicht sein muß, wie es in Südafrika zum Gesetz erhoben worden war. Alles, was in dieser Richtung gedeutet werden konnte, wurde gewissenhaft vermieden. Dafür gab es eine gemeinsame Küche, ein gemeinsames Mittagessen und keine Extrawürste für die weißen Arbeitgeber. Abends schliefen sie auch unter dem gleichen Dach, als Zeichen christlicher Brüderlichkeit.

Bald schieden sich die Geister. Einer der beiden Missionshelfer konnte diese Art von Gemeinsamkeit mit den so anders gearteten Schwarzen nicht länger ertragen. Der andere machte weiter mit dem gemeinsamen Leben unter den Schwarzen.

Diese Trennung geschah vollkommen reibungslos und mit gutem Einvernehmen. Wir hatten ja genügend Außenstationen, und es bestand keine Notwendigkeit, daß immer nur gemeinsam an einem Ort gearbeitet wurde. Der eine meinte, daß auch der beste Chef nicht mit den Lehrlingen und Hilfsarbeitern schläft, während der andere sagte: „Außergewöhnliche Situationen verlangen einen außergewöhnlichen Einsatz."

Dieser totale Einsatz des einen fand ein unvorhergesehenes Ende. Plötzlich war die gemeinsame Schlafstelle voll von Ungeziefer. Seltsamerweise attackierten sie nur den weißen Mann und diesen unaufhörlich, Nacht für Nacht. Nach kurzer Zeit sah der junge Mann aus, als hätte er den Aussatz. Schweren Herzens mußte er sein Experiment christlicher Nächstenliebe aufgeben. Er benötigte dringend Erholung.

Nördlich von Durban, unmittelbar am Strand des indischen Ozeans, hatten die Dominikanerinnen eine große Niederlassung. Der alte Konvent stand leer, weil sie einen neuen gebaut hatten. Der alte Konvent war eigentlich nur eine alte Holzbude, die dem Wind und dem Wetter nur noch mit Mühe zu trotzen vermochte. Für uns war er wie geschaffen. Das Essen wurde uns vom neuen Konvent geschickt. Es waren immer besondere Spezialitäten aus der bayerischen Heimat. Wir verbrachten viel Zeit im Wasser. Freilich war immer Vorsicht geboten, denn es konntcn plötzlich Haie auftauchen, von denen es sehr viele gab. Zwischendurch besuchten wir die umliegenden Ortschaften und stellten fest, daß diese fast ausnahmslos von Indern bewohnt waren. Dann wanderten wir stundenlang durch Zuckerrohrplantagen und sahen den Eingeborenen bei der Arbeit zu. Es war alles sehr lehrreich für uns alle. Es waren Urlaubstage wie im Bilderbuch.

Inzwischen hatte eine örtliche Baufirma die Katholische Mission Groblersdal vollendet. Diese befindet sich direkt gegenüber dem Magistratsgebäude mitten in der Stadt. Die Zeiten der fürchterlichen Enge, wie sie in Bronkhorstspruit herrschten, waren nun endgültig vorbei. Jeder der deutschen Missionare konnte seinen eigenen Haushalt gründen und seine eigenen A.ußenstationen weiter aufbauen. Die Missionshelfer waren überall daheim, je nachdem, wie es ihre Arbeit erforderte.

Das Weihnachtsfest brachte uns eine besondere Überraschung: Zwei Mädchen aus der Heimat. Sie sollten uns den Haushalt führen. Diese hatten sich spontan auf einen unserer Rundbriefe gemeldet. Wir hatten zwar einige Bedenken, sie offiziell einzuladen, taten es aber dann doch. Unglaublicherweise erhielten sie ihr Einreisevisum auf Anhieb. Kurz darauf waren sie da. Es war wie ein Wunder. In allen vorherigen Fällen war die Einreise mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden. Bei den Mädchen klappte es beim ersten Versuch.

Sie sollten beide in Groblersdal wohnen. Das Haus war entsprechend groß. Arbeit gab es genug im Haushalt und im Garten. Es gab nur einen Haken. Der Erzbischof war dagegen. Er ließ nicht zu, daß diese beiden Mädchen bei uns wohnten.

Schweren Herzens besorgten wir ihnen eine andere Arbeitsstelle.

Der Erzbischof war zufriedengestellt. Wir waren sauer, hauptsächlich über unser eigenes Verhalten. Als die Mädchen aus dem Hause waren, fragten wir uns, ob es richtig war, sie wegzubringen.

Unseretwegen hatten diese beiden Mädchen schließlich ihre Heimat verlassen. Es war keine einfache Entscheidung. Sie hatten vieles aufgegeben und waren zu großen Opfern bereit.

Die Mädchen fühlten sich von uns im Stich gelassen, und das mit Recht. Es war ein schwacher Trost, daß wir sie gerne bei uns gehabt hätten, wenn der Erzbischof nicht dagegen gewesen wäre. Wir nahmen die Entscheidung des Erzbischofs an, wie ein unabwendbares Unglück, wie einen Schicksalsschlag, ohne Wenn und Aber.

„Ich kann nicht zulassen, daß diese beiden Mädchen bei Ihnen wohnen", war alles, was er sagte. Es kam uns nicht in den Sinn, die Entscheidung des Erzbischofs in Frage zu stellen. Sicherlich gab es berechtigte Bedenken gegen ihre Anwesenheit, aber zwingend waren sie nicht. Schließlich war alles, was wir damals unternahmen, sehr bedenklich.

Als es zu spät war, fragten wir uns, wie es der Erzbischof überhaupt verantworten konnte, uns in die weit entfernten Außenstationen fahren zu lassen? Dort gab es überall schöne Mädchen und sehr einsame Frauen. In ihrer ungebrochenen Natürlichkeit wären sie jedem Verlangen auf den leisesten Wink hin entgegengekommen.

Wir fanden keine Erklärung. Es sei denn, dem Erzbischof wäre es egal gewesen, was dort geschah, wenn es nur geheim geblieben wäre. Vielleicht hatte er Angst, daß die Einwohner von Groblersdal schlecht über uns reden würden. Es hätte aber auch sein können, daß unser Beispiel vielleicht Schule gemacht hätte. Nicht auszudenken, wenn plötzlich weiße Haushälterinnen in den Pfarrhäusern Südafrikas gelebt hätten, wie das in der Heimat der Fall ist.

Eine Frau in den Pfarrhäusern des Landes würde für angenehme Frische sorgen. Die düsteren Heiligenbilder an den Wänden wären ernsthaft zur Sprache gekommen. Es würde im ganzen Haus nichts mehr herumhängen, wozu niemand auch nur die geringste innere Beziehung hätte.

Ich denke an die seltsamen Bilder mit dem heiligen Alfons von Ligori, der immer bucklig und schief vor dem Bild des Gekreuzigten kauert. Vielleicht wäre auch so manche Herz-Jesu- und Herz-Mariä-Statue aus den finsteren Ecken verschwunden. Der Wartezimmer-Effekt des Pfarrhauses hätte sich nicht länger halten können. Es wäre eine Wohnung geworden, ein Heim, in dem sich jeder hätte wohlfühlen können.

Der Apostolische Delegat besaß ein solches Heim. Dafür sorgten drei oder vier Klosterfrauen. Diese waren immer eigens ausgewählt. Sie mußten den Vorstellungen des Hochwürdigsten Herrn entsprechen. Entsprechend groß war die Ehre, im Haus des Apostolischen Delegaten zu wohnen. Und wie ehrfurchtsvoll sie von ihm sprachen, als wäre es das Allerheiligste selbst.

Wir sahen in ihm lediglich einen Titular-Erzbischof einer längst vom Erdboden verschwundenen Diözese. Gleichsam den einzig Überlebenden aus längst vergangenen Zeiten. Nur wußte er nichts von seiner traurigen Lage.

Er wußte so manches nicht. Auch nicht, daß wir ihn „unser Goldenes Kalb" nannten. Die ehrwürdigen Schwestern hörten das sehr ungern. „Sagen Sie doch keine solchen Sachen! Unser Apostolischer Delegat ist ja ein sehr feiner Herr!" Dagegen war nichts einzuwenden. Die Schwestern hatten es wirklich sehr gut bei ihm. Wahrscheinlich hatten sie es noch nie so gut gehabt. Trotzdem blieb er für uns das „Goldene Kalb".

Der Apostolische Delegat war einer von vielen, die heute die Rolle des „Goldenen Kalbes" spielen. Sie werden nicht gegossen oder geschnitzt, wie das erste damals in der Wüste. Heute werden sie einfach ernannt oder berufen. Die Leute aber tanzen auch heute noch so gern um ihr goldenes Kalb, wie damals. Hier hat sich nichts geändert.

Was hatten die armen Israeliten nicht alles für ihr goldenes Kalb

geopfert. Buchstäblich alles. Es ist heute noch genau so. Einmal lanzten auch wir um das goldene Kalb. Es geschah zum Fest des heiligen Petrus. Wir erschienen im Talar. Der Apostolische l )elegat stand im Garten auf den Stufen vor seinem Haus.

Wir näherten uns, einer nach dem anderen. Er reichte uns seine Hand zum Kuß. Wir fielen vor ihm nieder und küßten den Ring. Wir erhoben uns, und er schenkte uns sein Lächeln. Er war so süß. Dann standen wir herum und warteten.

Dann sagte der Apostolische Delegat, daß wir in ihm den Heiligen Vater ehren, und daß er sich sehr geehrt fühlen würde, weil wir alle da wären. Daraufhin ermahnte er uns, auch bei den Ärmsten die Peters-Pfennig-Kollekte zu halten. Es wäre ganz verkehrt, gerade die Armen nicht ansprechen zu wollen. Sie sollten alle wissen, daß sie dem Heiligen Vater verpflichtet wären.

Ich kam nie wieder in sein Haus. Wenn ich aber vorbeifuhr, dachte ich an das goldene Kalb in unserer Kirche und an die vielen goldenen Kälber überall in der Welt. Sein Amtssitz war für mich ein Amtssitz in einer Geisterstadt, wie sie die Goldgräber seinerzeit zurückgelassen hatten.

„Eigentlich sollte ich ihm doch sagen, was ich von ihm denke", (lachte ich manchmal. Ich tat es nie. Er hätte es nur als Beleidigung aufgefaßt. Er war gewiß glücklicher, wenn er es nicht wußte. Im übrigen dachte ich mir, was Jesus sagte: „Laß doch die Toten ihre Toten begraben."

 

Die Betschwester

Die beiden Mädchen waren noch nicht lange fort, da meldete sich eine ältere Dame aus München für den Dienst in der Mission. Wegen ihres reifen Alters hatte der Erzbischof keine Bedenken.

Auch sie bekam das Einreisevisum ohne Schwierigkeiten. Sie arbeitete noch kurze Zeit in Marble Hall und zog dann um nach Marapyane, einer Missionsstation im Herzen eines Negerlandes. Ihre Anwesenheit machte meinem Mitbruder in jener Missionsstation große Sorgen.

Nach ihrer Meinung lief alles verkehrt. Was auch geschah, sie hätte es anders gemacht. Wenn etwas gelang, war es nicht gut genug, und wenn etwas schief ging, hatte sie es schon vorher gewußt. Auch war ihr keiner von uns Geistlichen fromm genug. Für sie war fast alles unnützes Gerede. Nützlich war ihrer Meinung nach eigentlich nur das Rosenkranzgebet. Ganz gleich, wo sie auch war, bei der erstbesten Gelegenheit griff sie in ihr Handtäschchen und holte den Rosenkranz hervor. Sobald sie annehmen konnte, daß dies jeder der Anwesenden bemerkt hatte, meinte sie, es wäre nun höchste Zeit, den Rosenkranz zu beten.

Anfänglich folgten wir ihrer Aufforderung bereitwillig. Nach und nach aber wurde uns klar, daß sie uns mit ihrem Rosenkranzgebet nur drangsalieren wollte. Wir ließen uns von ihr nicht beherrschen. Doch die Dame war sehr erfinderisch. Bald hatte sie eine andere Möglichkeit gefunden, allen in Marapyane das Leben zur Hölle zu machen. Sie erfand und verbreitete viel Böses über Marapyane. Beim Erzbischof hatte sie immer offene Ohren. Die Betroffenen mußten sich ständig rechtfertigen.

Diese Dame sah alles durch die finstere Brille des Sündhaften. Sie tat dies so allgemein, wie Verliebte alles durch die rosarote Brille sehen. Die andere Säule ihres Lebens war das Rosenkranzgebet, das sie noch eifriger und aufdringlicher zu verrichtcn pflegte als vorher.

Sünde und Sündenangst spielten im Leben jener Dame eine sehr entscheidende Rolle. Vielleicht war das ständige Rosenkranzgebet eine Art Kompensation für tatsächliche oder auch nur vermeintliche Sünden ihres eigenen Lebens. Wir hätten gerne mit ihr darüber gesprochen. Leider hielt sie uns für zu jung und unerfahren in diesen Fragen. Einem unvoreingenommenen Besucher machte sie den Eindruck, als müßte sie den lieben Heiland immer mit frischem Rosenkranzgebet versorgen, so, wie Blumen mit Wasser versorgt werden müssen, damit sie nicht eingehen.

Ganz unvermittelt wurde ich gefragt: „Was hältst du von einem Menschen, der sich dauernd bitten und betteln läßt?" „Für mich ist er ein armer Tropf", war meine Antwort. Der Missionshelfer nickte zufrieden. „Es dürfte doch selbstverständlich sein, daß wir helfen, wo wir können. Oder?" fragte ich ihn zurück. „Ja, für uns schon", meinte er etwas vorsichtig.

Er hatte sichtlich etwas auf dem Herzen. Ich fragte ihn offen: „Warum redest du um den heißen Brei? Sag' doch, was du meinst!" Es war ihm sichtlich peinlich, so direkt gefragt zu werden. Ich versicherte ihm, daß ich die Sache zur Sprache bringen würde, so bald es ginge. „Ich meine niemanden von uns. Ich meine Maria, die Mutter Gottes. Sie läßt sich doch dauernd bitten und betteln im Rosenkranzgebet". Es war mir klar, jene ältere Dame hatte ihn auf diesen Gedanken gebracht.

Dann fuhr er fort: „Was würdest du sagen, wenn ich dir Tag ein, Tag aus, von früh bis spät, auf die Pelle rücken würde mit ,Gegrüßest seist du', Willibald, ,der Herr ist mit dir! Du bist gebenedeit unter uns allen und gebenedeit ist deine Arbeit in der ganzen Gegend'." Das Rosenkranzgebet war ihm zum Problem geworden.

„Ich würde mir sehr komisch vorkommen." Wahrscheinlich würde ich fragen: ,Was wollt ihr von mir?' Auf keinen Fall würde ich mich dauernd so anhimmeln lassen." Das war es, was er hören wollte.

„Was würdest du sagen, wenn wir jeden Tag hundertfünfzig Mal hintereinander mit der gleichen Bitte zu dir kommen würden?" „Das würde nicht passieren", sagte ich. „Warum nicht?" fragte er voll Ungeduld. „Nun, ich würde es einfach nicht zulassen, daß ich um etwas so oft angegangen werde." „Aber Maria läßt es zu. Sie läßt es zu, daß wir immer und immer wieder mit der gleichen Bitte zu ihr kommen sollen. Da stimmt doch etwas nicht!" Es klang alles sehr einleuchtend, was er sagte.

Nach einer Weile setzte er hinzu: „Es heißt doch in der Messe jedes Mal: ,Kyrie eleison, Christe eleison!' Noch nie hat sich jemand erlaubt ,Maria eleison' zu beten. Immer nur Kyrie eleison. Und das heißt doch: Herr, erbarme dich unser. Im Gloria beten wir jedes Mal: ,Du allein bist der Heilige, du allein der Höchste, Jesus Christus! Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir allmächtiger Vater alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit'. - Alle Herrlichkeit und Ehre! Verstehst du, was das bedeutet?" wollte er von mir wissen. „Eins zu Null für dich", gab ich ihm zur Antwort.

„Das ist wirklich keine Einbildung meinerseits", fuhr er fort. „Denke nur, wie es weitergeht. ,Dem Wort unseres Herrn und Erlösers gehorsam und getreu seiner göttlichen Weisung wagen wir zu sprechen: Vater unser im Himmel!' Nicht ,Gegrüßet seist du, Maria'."

„Warum machst du dieser überfrommen Seele nicht endlich klar, daß ihr ständiges Rosenkranzgebet verkehrt ist?" fragte er mich vorwurfsvoll.

Nach einigem Bedenken sagte ich: „Es hat keinen Sinn. Sie wird sich nicht überzeugen lassen. Sie wird auf die drei Hirtenkinder von Fatima verweisen, denen Maria höchst persönlich erschienen sein soll. Durch diese drei Hirtenkinder wurde die ganze Welt zum Rosenkranzgebet aufgerufen.

Die Kirche hat diese Erscheinungen anerkannt. Papst Pius XII. hat daraufhin die ganze Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht." Das war ihm nicht neu.

Zu meiner Überraschung sagte er: „Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. Das hat Papst Pius XII. am Fest Allerheiligen im Jahre des Herrn 1950 Ex Cathedra als Dogma verkündet."

„Donnerkeil!", sagte ich. „So viel hätte ich dir nicht zugetraut." Er lachte. Dann fuhr er fort: „Ich bin gespannt, was den unfehlbaren Nachfolgern des heiligen Petrus noch alles in den Sinn kommen wird." „Vor Überraschungen sind wir in der Kirche nie sicher", sagte ich.

„Auch ich habe eine Überraschung auf Lager", eröffnete er mir. Ich sah ihn erwartungsvoll an. Er sagte: „Wenn wir den Kirchturm in Witfontein fertig haben, fahre ich heim. Morgen, beim Frühstück werde ich es alle wissen lassen."

Vier Wochen später war er wieder in seiner bayerischen Heimat. Schade, daß er uns verlassen hatte.

 

Die Schnapsflasche

Bedeutend angenehmer ist die Erinnerung an einen Missionshelfer, der in seinem Reisegepäck eine Flasche Selbstgebrannten Schnaps hatte.

Obwohl wir voreinander keine Geheimnisse hatten, blieb uns die Existenz dieser Flasche lange Zeit verborgen. Rein zufällig erfuhren wir davon. Wir bekamen diese Flasche aber niemals zu Gesicht. Dieser Schnaps war wohl das Einzige, was er mit niemanden teilen wollte. Er gehörte ihm ganz allein, wie seine unsterbliche Seele.

Dann passierte es.

Es war an einem Stephanstag in Groblersdal. Wir waren alle zum Mittagessen pünktlich zur Stelle, bis auf diesen Laienhelfer. „Heute, am Festtag des Heiligen Stephanus darfst du uns ruhig mit einem Gläschen Schnaps willkommen heißen", winkte einer mit dem Zaunpfahl dem Hausherrn zu. Dieser entgegnete: „Es tut mit leid, ich habe keinen Tropfen Schnaps im Haus."

Nach einer Weile erinnerte sich einer an den Schnaps unseres noch abwesenden Missionshelfers. „Her damit!" schrie ein anderer. Schon wurde nach dieser Flasche gesucht. Sie stand in einer Ecke seines Kleiderschrankes.

Auf dem Etikett mit zwei Williamsbirnen stand am unteren Rand klar und deutlich der Name seines Elternhauses, der heimliche Stolz unseres Laienhelfers.

Nun wurde eingeschenkt und getrunken. Im Nu war die Flasche leer und die Stimmung hoch.

„Aus allen Flaschen dieses Hauses dürft ihr trinken, nur aus der Flasche in meinem Schrank nicht. Wenn ihr davon trinkt, müßt ihr sterben!" Auf diese Art wurde weitergeblödelt zur allgemeinen Belustigung.

„Spaß beiseite! Was sagen wir, wenn er kommt?" wollte jemand wissen. „Keine Schwierigkeit!" war die Antwort aus der frohen Runde. Dann stand einer auf und füllte die Flasche bis zur Hälfte mit Wasser. „Mehr war nicht drinnen", sagte er und stellte die Flasche wieder in den Kleiderschrank.

Nach einiger Zeit kam auch jener Laienhelfer, dessen Schnaps wir soeben getrunken hatten. Es dauerte nicht lange, und wieder fing einer an: „Jetzt wäre ein Gläschen Schnaps recht!" Der Gastgeber wiederholte, wie zuerst schon: „Tut mir leid, kein Tropfen Schnaps im Haus." Darüber wurde nun noch lauter gemeutert. „Heute am zweiten Weihnachtstag, und kein Tropfen Schnaps! Warum meinst du, daß wir gekommen sind? Was ist das für ein Gastgeber?" Pfui-Rufe ertönten aus reinstem Übermut. Es spielten alle recht gut mit. So stiegen wir in die nächste Szene.

„Wenn mich nicht alles täuscht, hast du doch einen Birnenschnaps von zu Hause mitgebracht!" „Her damit!" schrien alle voller Begeisterung. Der Laienhelfer lehnte unser Ansinnen ab. In der ausgelassenen Runde aber ließ keiner locker. So wurde jener Missionshelfer den ganzen Nachmittag auf alle nur erdenkliche Art bearbeitet, seine über alles geliebte Flasche herauszurücken.

Als gar nichts mehr helfen wollte, sagte einer: „Gib uns den Schnaps. Tue es doch dem lieben Jesulein zuliebe!" Ein anderer fügte hinzu: „Hat dir das Christkind nicht ein funkelnagelneues Motorrad gebracht? Jetzt kannst du so schnell sein wie die liehen Engelein. Und wir sollen nicht einmal einen Tropfen Schnaps haben!" Wir hatten ihn endlich weich gekriegt.

„Also gut, damit ihr endlich aufhört und zufrieden seid! Aber nur einen kleinen Schluck! Mehr gibt es nicht!" „Besser, als nichts!" schrie die Meute.

Die Schnapsgläser wurden wieder gebracht und die Flasche mit dem bekannten Etikett kam wieder zum Vorschein. Er pries die Vorzüge dieses Schnapses und erklärte, warum er diese kostbaren Tropfen so ungern herausrücken wollte. Eigentlich wäre dieser Schnaps nicht zum So Trinken da, sondern nur für bestimmte Notfälle vorgesehen, gleichsam eine Art Medizin. Wir hatten schon Angst, daß er diese Flasche wieder in den Schrank stellen würde.

Endlich war es dann soweit. Es wurde feierlich und in großer Erwartung eingeschenkt. Wir alle hoben das Glas, wagten uns nicht anzuschauen, jeder fest entschlossen, das Lachen zu verheißen. Der Laienhelfer führte das Glas zum Mund, und wir platzten vor Lachen.

„Sauhund seid's!" Das war alles, was er sagte.


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