Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Bei den Irländern in Cullinan,    Die Beerdigung als Einstand,    Die schmerzliche Entscheidung,    Gewitter über Cullinan,    Am Zahltag in Cullinan


Bei den Irländern in Cullinan

Dieses Städtchen konnte einer ganz verschieden in Erinnerung haben. Als Soldat. Dann erlebte er die Minenstadt als ein Garnisonsstädtchen, in der jeder Einwohner die Uniform der englischen Streitkräfte trug.

Als Kriegsgefangener. Dann gehörte er zu jenen unzähligen Italienern, die dort gegen Ende des Krieges in Gefangenschaft lebten.

Als Häftling. Dann war er mit den Gesetzen des Landes übers Kreuz gekommen. Er war eingesperrt als Strafgefangener, lebenslänglich oder auch nur für ein paar Jahre. Je nach dem.

Als Facharbeiter und technischer Angestellter. Dann war er einmal mit der Gewinnung von Diamanten beschäftigt. Er hatte in Cullinan in einem der vielen firmeneigenen Häuser gelebt, die jedem mit Elektrizität und Wasser kostenlos zur Verfügung gestellt wurden.

Ich denke an Cullinan als sein erster Pfarrer, in der neu errichteten Pfarrei Sankt Peter.

Anfänglich fuhr ich von Bronkhorstspruit hinüber nach Cullinan. Es gab dort ein schmuckes Kirchlein. Es sah aus, als hätten es fromme Irländer aus ihrer fernen Heimat dorthin gezaubert. Aus roten Backsteinen erbaut, die schmalen Fenster mit gehauenen Natursteinen ummauert, darüber ein steiles Dach, liebevoll von einem Dachreiter gekrönt.

Seit Jahren lebte dort ein ehemaliger Militärgeistlicher in einem bescheidenen Anbau hinter der Kirche. Im Dachstuhl über ihm hausten die Wespen. Der Geistliche kehrte in seine alte Heimat zurück. Die Wespen blieben. Sie hatten wenig Verständnis für den Gottesdienst in der Kirche.

Der Apotheker von Cullinan sagte: „Da hilft nur DDT." Er holte einen Zerstäuber und füllte ihn mit besagtem Gift. Am frühen Abend, wenn die Wespen ihr Tagewerk vollendet hatten, sollte ich auf das Dach steigen und das DDT in die Wespenlöcher pumpen. „Sie werden sehen, bei der ersten Berührung mit dem Gift gehen sie ein." Soweit, so gut.

Ich hatte meine Bedenken und überlegte, wie ich unliebsamen Überraschungen vorbeugen könnte. Schließlich durchsuchte ich den Kleiderschrank nach geeigneten Kleidungsstücken.

Eine Netzunterhose zog ich über den Kopf. Die Hände schützte ich mit ein Paar Socken. Zu guter Letzt setzte ich noch einen Hut auf. Das Unternehmen konnte beginnen.

Ich legte die Leiter an und stieg auf das Dach. Mir war nicht wohl dabei. Irgendwie kam mir die Geschichte vom Riesen Goliath in den Sinn, der von dem kleinen David zur Strecke gebracht worden war.

„Nur keine Angst aufkommen lassen", dachte ich mir. Dann wiederum: „Der Gedanke an das grausige Ende des Riesen Goliath könnte wahrlich auch ein Wink der göttlichen Vorsehung sein, die mich vor Schaden bewahren will." Es könnte ebenso gut sein, daß alles nur ein Stück handfester Aberglaube war, dem ich zu widerstehen hatte.

Vorsehung - Aberglaube, oder Einbildung! Wie sollte ich das beurteilen am Ende der Leiter mit einem Fuß auf dem Dach. Dann war ich in Stellung. Mit dem rechten Fuß in der Dachrinne und dem linken Knie gegen die Dachneigung, hatte ich beide Hände frei für die Pumpe.

In die kleine Öffnung, die zum Wespennest führte, pumpte ich die giftige Lösung. Es blieb alles still, zu still. Ich pumpte weiter. Es rührte sich nichts.

„Vielleicht tut bereits das Gift seine Wirkung. Schön wäre es", dachte ich. Ich pumpte weiter. Dann hörte ich ein kaum vernehmbares Summen. „Ein letztes Lebenszeichen", meinte ich und pumpte weiter, um ihr Ende zu beschleunigen.

Das Summen wollte nicht verstummen. Es wurde lauter, voller und stärker. Ich dachte an Motoren, die in der Ferne auf vollen Touren liefen.

Dann kamen sie. Zuerst eine, dann eine zweite, und dann unaufhörlich eine nach der anderen. Sie alle krabbelten aus der Öffnung und flogen sicher durch die dichte Wolke von DDT. „Euch wird das Fliegen gleich vergehen", dachte ich und pumpte so fest ich konnte.

Zuerst flogen sie wild umher. Dann kam Ordnung in den Wespenschwarm. Er kreiste bedrohlich über meinem Kopf. Ich pumpte immer noch, und immer noch kamen Wespen aus der Öffnung. Es war verblüffend, mit welcher Entschlossenheit sie alle durch die Giftwolke flogen, um gleich darauf beim Schwärm zu sein.

Plötzlich sah ich nichts mehr. Die Wespen hatten sich auf meinem Kopf niedergelassen. Ich spürte sie durch die Socken an den Handrücken und durch die dünnen Socken an den Füßen. Ich merkte, wie sie innen in den Ärmeln meiner Joppe und in den Hosenbeinen hochkamen. Sie waren dabei, mich im Sturm zu nehmen. Ich spürte dieses Vorhaben, denn die Wespen stachen, wo sie nur konnten.

Zu spät für guten Rat, ließ ich die Pumpe fallen, tastete nach der Dachrinne und sprang hinab. Dann rannte ich um die Ecke und stellte mich unter die Dusche. Ich drehte sie auf, so heiß sie nur ging. Dann zog ich die Netzhose vom Kopf und warf sie mit den Wespen zur Türe hinaus. Mein Hausdiener, der alte Piet, holte den Arzt.

Für den Rest der Woche schaute ich nicht mehr aus den Augen. Dem Apotheker war die Sache furchtbar peinlich. Das Mittel war bis zur Unwirksamkeit verdünnt.

 

Die Beerdigung als Einstand

Meine erste Amtshandlung in Cullinan war eine Beerdigung. Der Verstorbene war ein Angehöriger der calvinistischen Kirche, zu der er allerdings schon seit vielen Jahren jeglichen Kontakt abgebrochen hatte. Er wollte auch nicht von einem Geistlichen dieser Kirche beerdigt werden. Der Bruch mit seiner Kirche war also total.

Erstaunlicherweise konnten die Hinterbliebenen glaubhaft machen, daß er in der katholischen Kirche beerdigt werden wollte. Und daß dies in seinem Fall durchaus möglich wäre, soll mein Vorgänger wiederholt sogar öffentlich kundgetan haben. Die Angehörigen verlangten nun von mir die Erfüllung jener alten Zusage meines Vorgängers.

Es wäre naheliegend gewesen, daß ich diese Angelegenheit dem Erzbischof zur Entscheidung vorgelegt hätte. Noch viel näher lag es, daß ich als Ortsgeistlicher die Sache selbst entscheiden würde.

Der ständige Ruf nach der Obrigkeit macht die Oberen schließlich immer noch mächtiger und die Untergebenen noch ärmer. Ich hatte mir damals ausgemalt, was geschähe, wenn ich diese Angelegenheit tatsächlich dem Erzbischof zur Entscheidung vorlegen würde.

Es wäre von Anfang an schon ganz und gar verkehrt gewesen. Ohne ersichtlichen Grund hätte ich meine Zuständigkeit aufgegeben. Ohne anmaßend erscheinen zu wollen, stand doch fest, daß eben ich als der Ortsgeistliche in Cullinan, und nicht der Erzbischof von Pretoria, angegangen worden war.

Auf der anderen Seite hätte es auch bestimmte Vorteile gebracht, wenn ich diese Angelegenheit dem Erzbischof zur Entscheidung überlassen hätte.

Ich könnte nichts falsch machen. Sich selber vor einer Entscheidung zu drücken, wird ja von der Obrigkeit immer als Zeichen der Ergebenheit und absoluter Zuverlässigkeit honoriert. In Wirklichkeit handelt es sich um ein glattes Versagen.

Daneben ist jede Anfrage eine gute Gelegenheit, sich bei der Obrigkeit wieder in Erinnerung zu rufen. Das macht sich bezahlt. Solche Zeichen der Ergebenheit helfen der eigenen Karriere.

Auch dem Erzbischof hätte meine Anfrage letztlich mehr geschadet als genützt. Er hätte sich noch mehr eingebildet, wie wichtig, wie klug und weise er wäre. Und nicht nur das. Er hätte sich noch etwas mächtiger gefühlt. Ich hätte ihn dazu ermutigt, ein Schreiben zu verschicken. „Aus gegebenen Anlaß" hätte er geschrieben und daraufhin angeordnet und gefordert und kraft seines hohen Amtes bestimmt, daß künftig derartige Fragen nur noch von ihm entschieden werden könnten. Der Erzbischof wäre wieder ein ganz klein wenig mehr zum Machthaber geworden. Die Aussichten, seine dienende Funktion zu erkennen, wären noch weiter gesunken. Und dies durch meine Schuld.

Dies alles mußte ich selbstverständlich für mich allein behalten. Der Erzbischof hätte für solche Erwägungen wenig Verständnis aufgebracht.

Das würdevolle Gehabe der Oberen täuscht allzu leicht über ihr wahres Wesen. Wer denkt denn schon darüber nach, warum jeder Bischof sich zuerst einmal den Hut aufsetzen läßt, bevor er zu uns spricht? Unsereiner nimmt doch den Hut ab, wenn er das Wort ergreift. Nur der Bischof hat ihn auf.

Kleiderständer gehören in die Garderobe. Niemanden würde es einfallen, sich diese auf Schritt und Tritt nachtragen zu lassen. Die Bischöfe sind auf diese Idee gekommen. Mit lebendigen Kleiderständern haben sie diese Probleme genial gelöst. So können sie sich den Hut aufsetzen und abnehmen lassen, wo immer sie sind.

So sitzen sie auf ihrem Bischofsthron mit dem Hut auf dem Kopf und geben dem Gloria und dem Credo ihres Pontifikalamtes den letzten Glanz.

Wer denkt schon darüber nach, warum sich die Bischöfe vor den Augen der ganzen Gemeinde zum Gottesdienst ankleiden lassen? In diesem Augenblick spielen sie das kleine hilfsbedürftige Kind, das ganz und gar auf andere angewiesen ist. So lassen sie sich ein Kleidungsstück nach dem anderen bringen und sich von den herumstehenden Dienern bekleiden. Wer es sieht, denkt unwillkürlich: „Dieser arme und demütige Bischof. Er ist ganz auf die Hilfe anderer angewiesen."

Es sind nicht wenige, die dieses Theater mit Gottesdienst verwechseln. Kein Wunder, wenn auch für den Bischof etwas von der Anbetung Gottes abfällt.

Auf alle Fälle habe ich es noch niemals bereut, daß ich meine Entscheidungen selber zu treffen pflege. So wurde auf meine Einwilligung hin der Sarg mit dem Leichnam eines Calivinisten in die katholische Kirche gebracht.

Das Leben eines jeden Calvinisten ist nämlich von einem schrecklichen Gedanken durchdrungen. Danach hätte Gott schon von Ewigkeit her die Menschen teils für den Himmel und teils für die Hölle vorherbestimmt.

Nun war der Verstorbene in betrunkenem Zustand an einen Baum gefahren und so um sein Leben gekommen. Für viele war dies ein deutlicher Hinweis, daß er zu den Verdammten gehören würde. Um so mehr waren die Angehörigen bemüht, diesen hoffnungslosen Eindruck zu zerstreuen. Sie ruhten nicht, bis der Leichnam in der Kirche war, im Hause Gottes. Nun hatten sie neue Hoffnung, sie konnten sich trösten. Ende gut, alles gut.

Ich hielt die Beerdigung nach dem Rituale Romanum. Alles, was den Eindruck erwecken könnte, ich würde einen Katholiken beerdigen, ließ ich weg. In der kurzen Grabrede betonte ich, daß Jesus der Erlöser aller Menschen ist, und daß wir nicht einmal von Judas behaupten dürften, daß er in der Hölle sei. Danach verwies ich auf die Offenbarung des Heiligen Johannes. Er durfte, uns allen zum Trost, schauen, wie der Tod alle Toten herausgeben muß, um danach selber in die Hölle gestürzt zu werden. Durch die Allmacht und Barmherzigkeit Gottes wurden sie befreit.

In Cullinan war diese Beerdigung ein Ereignis, das sich kaum einer entgehen ließ. Alle waren zufrieden. Mein Einstand war geschafft. Ich fühlte mich als katholischer Geistlicher von ihnen angenommen.

 

Die schmerzliche Entscheidung

Bald darauf sah ich mich vor eine neue Entscheidung gestellt. Es ging um viel mehr, als um eine Beerdigung. Es ging um alles, was die Worte „Gemeinde" oder „Pfarrei" und der Ausdruck „Kirche" besagen. Auch in diesem Fall hätte mir der Erzbischof die Entscheidung gerne abgenommen. Ich ließ sie mir nicht nehmen, denn ich wußte nur zu gut, wie seine Entscheidung ausgesehen hätte.

Ich hatte den Negern in der ganzen Gegend eröffnet, daß von jetzt an die katholische Kirche in Cullinan auch für sie offenstehen würde. Es gäbe dort nun regelmäßige Sonntagsgottesdienste, um halb acht Uhr für die Weißen und um zehn Uhr für die Schwarzen. Bei den Schwarzen war die Freude groß, und bei den Weißen die Enttäuschung.

Diese setzten alles in Bewegung, meine Entscheidung rückgängig zu machen. Ihr schmuckes Kirchlein wäre schließlich keine „Kaffernkirche". Mit Sicherheit würden sie die Läuse und Flöhe der Schwarzen mit nach Hause bringen. Dann wäre es auch gegen das Gesetz der Apartheid. Sie würden alle in Schwierigkeiten kommen, wenn sie geltendes Recht mißachten würden.

Ich stand allein, ließ mich aber nicht beirren. Es war nicht leicht, das gute Einvernehmen mit den Einwohnern von Cullinan auf's Spiel zu setzen. Alle meine Sympathien bei den Leuten waren dahin. Sie machten kein Hehl daraus. So fragte ich mich immer wieder, ob sich diese Sache auch wirklich lohnen würde, und ob ich die Kraft hätte, das alles durchzusetzen.

Der Erzbischof gab mir zu bedenken, daß Cullinan zur Pfarrei erhoben werden sollte. Dieses Vorhaben würde durch mein Verhalten unmöglich gemacht. Die Zeit wäre noch nicht reif. Ich sollte die Pfarrangehörigen nicht überfordern. Ich sollte an die Konsequenzen denken. Es wäre unverantwortlich, aus einer aufblühenden Gemeinde einen Scherbenhaufen zu machen.

Um Mitternacht klopfte der Minendoktor an meine Türe. Ich ahnte nichts Gutes. Alle Pfarrangehörigen würden aus der Kirche austreten, wenn ich die Schwarzen weiterhin in „ihre" Kirche kommen ließe. Er wäre beauftragt, mir diesen einstimmig gefaßten Beschluß der Pfarrangehörigen mitzuteilen. Ich würde sie aus der Kirche hinaustreiben. Ich hätte die Verantwortung zu tragen.

Meine Erwiderung war kurz und bündig. Was den Austritt aus der Kirche beträfe, so wäre ich darüber nicht traurig. Ich könnte mir nämlich nicht vorstellen, daß sie jemals wirklich in der Kirche gewesen wären. Zu Unrecht hätten sie sich als Mitglieder dieser Kirche bezeichnet. Jetzt wäre es endlich aufgekommen.

Die Entscheidung war gefallen. Ich fühlte mich einsam, wie kaum jemals zuvor.

In dieser Lage beschäftigte mich der Leidensweg Jesu in einer existenziellen Weise, wie ich es früher nicht für möglich gehalten hätte. Das Vorbild Jesu, der seinen Weg unbeirrbar gegangen war und der den Kelch des Leidens getrunken hatte, bedachte ich immer und immer wieder. Dabei war mir keineswegs klar, ob ich dem Vorbild Jesu wirklich folgen würde. Es könnte durchaus sein, daß ich mir das nur vormachen und einbilden würde. Vielleicht hatte meine Lage überhaupt nichts mit Jesus zu tun. Vielleicht war ich nur das blinde Opfer eigener Einbildung und Sturheit. Wie oft stellen sich Menschen ihre Falle selbst und tun alles, damit diese zufällt. So betreiben sie mit aller Zielstrebigkeit ihren eigenen Untergang, ohne daß sie jemand daran hindern könnte.

Sagen wir nicht den unheilbar Erkrankten, daß sie ihr Kreuz annehmen und gehorsam und ergeben tragen sollen? Sein Kreuz tragen hieße also, ein unabwendbares Schicksal gottergeben zu bejahen.

Nun ist Jesus nicht an einem unheilbaren Krebs gestorben. Er hat seinen Tod kommen sehen, und ist ihm nicht aus dem Weg gegangen. Es wäre so einfach gewesen. Er hätte nur nicht nach Jerusalem hinaufgehen brauchen. Es hätte ihm deshalb keiner einen Vorwurf gemacht. Die Jünger wären alle sehr froh gewesen, wenn er nicht hinaufgegangen wäre. Jesus aber wollte auf Biegen und Brechen nach Jerusalem. Für ihn war es richtig und notwendig, daß er nach Jerusalem hinaufging. Er glaubte selber nicht, daß das gut gehen würde. Trotzdem war er nicht davon abzubringen. Sein Gang nach Jerusalem hatte bei Jesus nichts mit einem unabwendbaren Schicksal zu tun. Es war seine eigene Entscheidung.

Wie aber konnte ich wissen, daß ich keiner fixen Idee verfallen war? War nicht der offene Widerspruch zum gutgemeinten Rat des Erzbischofs schon ein untrügliches Zeichen, daß ich mich auf dem Holzweg befinden würde? Es waren quälende Gedanken, und ich brauchte Klarheit.

So suchte ich, ohne Schlaf oder Hunger zu verspüren, nach der notwendigen Klarheit. Mehr und mehr fand ich mich bestätigt in den Verlautbarungen und Erklärungen der südafrikanischen Bischofskonferenz. Ich atmete auf. Ich wußte, daß ich nicht auf dem Holzweg war. Zugleich aber wuchs in mir ein ungeheurer Ärger über die Bischöfe, weil sie sehr oft das Wahre sagen, aber das Falsche tun.

Daß die Zeit für eine bestimmte Sache noch nicht reif wäre, ist doch allzu oft nur eine billige Entschuldigung. Im Grunde drücken wir uns nur vor den eigentlichen Aufgaben der Zeit.

So war ich auf alles gefaßt. Mit großer Spannung sah ich dem kommenden Sonntag entgegen. Sie kamen zum Gottesdienst, als wäre nichts gewesen. Kein Einziger erklärte seinen Austritt aus der Kirche. Und die Schwarzen waren von da an in der Kirche von Cullinan geduldet.

Nur ein einziges Mal gab es noch Krach wegen der Neger. Die Vorstandschaft des Frauenvereines glaubte sich beschweren zu müssen, weil die Neger in der Osternacht im Pfarrheim übernachtet hatten. Nach ihrer Meinung wäre das Geschirr unbrauchbar geworden, weil es von den Negern benützt worden war. Das eigentliche Ärgernis aber war, daß die Eingeborenen die Toiletten benützten. Das war fast wie ein Sakrileg. Das Pfarrheim wäre für sie nicht mehr zu benützen.

Um die Sache wieder in Ordnung zu bringen, lud ich die Damen ein, den angerichteten Schaden mit mir in Augenschein zu nehmen. Das Pfarrheim war blitzblank. Von Verunreinigung keine Spur. Von da an waren die Neger auch im Pfarrheim geduldet.

Wie geplant, wurde Cullinan bald darauf auch zur Pfarrei erhoben. Die drohenden Gewitterwolken hatten sich alle verzogen.

 

Gewitter über Cullinan

Wolken zogen sich zusammen in dem sonst strahlend blauen Himmel. Sie verschwanden, um bald wieder zu kommen. So ging es einige Zeit. Die Leute sagten: „Der Regen kommt mit Blitz und Donner."

Mit Sorge betrachtete ich die Spuren des letzten Regens an den Wänden meiner Behausung. Es waren dunkle Streifen, die von der Decke zum Fußboden verliefen. Der Regen hatte diese hinterlassen.

Das Dach des bescheidenen Anbaues hinter der Kirche war in einem bedenklichen Zustand. Die Dachsparren waren morsch. Sie stammten aus dem Abbruch eines alten Gebäudes. Meinem Vorgänger erschienen sie noch gut genug als Dach für seine Behausung. Auch das Wellblech hatte schon eine lange Vergangenheit auf einem anderen Dach. Ein Wunder, daß es der Wind nicht längst mitgenommen hatte.

Piet, mein schwarzer Hausdiener, besorgte sich einen Hammer und hämmerte die Schrauben in die alten Sparren. „Jetzt kann der Regen kommen", sagte er. Als er dann endlich kam, wurde es still in Cullinan. Auch ich war daheim und betrachtete das ungewöhnliche Ereignis durch das Fenster.

Bald war nichts mehr zu sehen, weder die Jakarandabäume auf meinem Hinterhof, noch die Garage daneben. Es gab nur noch Wasser. Es war, als sähe ich durch das Fenster einer Taucherglocke in das Meer hinaus.

Dann hatte ich keine Zeit mehr für das Schauspiel draußen. Denn das Wasser rannte in Bächen an den Wänden herunter. Sofort zog ich das Bett von der Wand, um es vor dem Wasser zu schützen. Vergeblich. Überall im Zimmer fing es an zu regnen. Ich war ratlos. Ich räumte die Schreibsachen in die Tischschublade, dann schlug ich das Bettzeug zusammen, das ausgebreitet auf dem Bett lag, und griff nach dem alten Schirm meines Vorgängers. So saß ich auf meinem Bett und sah dem Wasser zu, das unter der Türe wieder in das Freie floß.

Zu regelmäßigen „Gewittern" kam es aber auch an den Zahltagen in Cullinan. Viele Männer gingen an diesen Tagen nicht nach Hause, sondern trugen ihren Lohn gleich in die Bar. Daheim warteten die Frauen vergeblich auf das Geld. Kurz vor Ladenschluß gingen sie dann einkaufen. Und wieder mußten sie aufschreiben lassen, was sie eingekauft hatten.

Der Betriebsleitung war dies einerlei. Sie konnte an den Schulden der Arbeiter nur gewinnen. Bei mir aber klingelte nicht selten das Telefon: „Bitte, holen Sie doch meinen Mann aus der Bar, bevor es wieder zu spät ist." Anfänglich ging ich tatsächlich in die Bar und versuchte mit vielen guten Worten, meinen Auftrag zu erfüllen. Meistens aber war mein Bemühen aussichtslos.

„Ich lasse mich scheiden", sagte gar manche Frau. Sie sagten es Zahltag für Zahltag. Mit der Scheidung wurde es nichts. Sie kamen von ihren versoffenen Männern nicht los. Es war einfacher, dem Vorbild der Männer zu folgen und selber zu Trinkerinnen zu werden.

Wie zu erwarten, kam an einem Zahltag wieder eine Frau und klagte mir: „Ich halte es nicht mehr aus. Ich lasse mich scheiden". Ich schüttelte ungläubig den Kopf und sagte: „Das höre ich schon, seit ich Sie kenne. Schade, daß Sie Ihre Drohung nicht wahr machen!" Es wäre für diese Frau wohl das Beste gewesen. Dann fragte ich sie: „Warum lassen Sie sich nicht scheiden?" Die Frau dachte nach und nach einer Weile sagte sie: „Ach, wenn Sie wüßten, wie schön es ist, wenn wir uns wieder versöhnen."

Am nächsten Zahltag klagte sie mir wieder ihr altes Leid. Ich wollte nichts mehr davon hören, sondern schickte sie wieder heim mit den Worten: „Hören Sie auf mit dem Weinen, und denken Sie doch daran, wie schön es ist, wenn ihr euch wieder versöhnt."

Es ging nicht immer so glatt. So klopfte eines Nachts ein Mann an meine Türe: „Father, meine Frau will mich erschießen. Ich traue mich nicht mehr heim. Helfen Sie mir."

Das betreffende Haus war hell erleuchtet. Die Haustüre stand offen. Die Nachbarn warteten neugierig am Zaun.

Ich ging auf das Haus zu, rief der Frau meinen Namen und bat um ein Gespräch. Vor der Haustüre angekommen, rief ich sie noch einmal und sagte, daß ich jetzt eintreten werde. Ich wäre ganz allein und käme im Auftrag ihres Mannes. Dann krachte es. Der Schuß kam aus dem Bad und schlug neben mir in die Wand. Dann kam sie aus dem Badezimmer und warf sich mir schluchzend an den Hals. „Mein Mann betrügt mich. Er war heute Abend bei einer anderen Frau." Ich fragte: „Sind Sie sicher?" und bat um die Pistole. Ich legte diese auf die Garderobe. Dann fragte ich weiter: „Wollen Sie nicht besser doch etwas anziehen?" und half ihr in den Bademantel.

Im Wohnzimmer gab es dann ein langes Gespräch. Seit Jahr und Tag würde sie ihr Mann betrügen und seit Jahr und Tag würde er versprechen, sich zu bessern. Nach längerer Zeit durfte dann auch der Mann wieder in das Haus. Dann wurde das leidige Thema wieder ganz von vorne angefangen. Ich sorgte dafür, daß beide immer wieder zu Wort kamen. Es war bereits hell, als ich wieder heimfuhr.

Am Heiligen Abend desselben Jahres fühlte sich der Bruder jenes Mannes von seiner Frau betrogen. Wir fanden die ganze Familie tot vor dem Christbaum. Der Mann hatte seine Frau und die Tochter erschossen, und sich dann selbst das Leben genommen. Angeblich war alles nur reine Eifersucht.

Die Nachricht vom Tode dieser jungen Menschen hatte mich hart getroffen, denn ich hatte sie vor einem Jahr erst getraut. Ich tat dies damals mit großem inneren Widerstand. Angeblich liebten sie sich. Sie würden auch heiraten, wenn kein Kind unterwegs wäre, sagten sie mir. Ich sprach mit den Eltern und bat sie, die Erlaubnis zur Hochzeit zu verweigern. Bald darauf kamen sie mit der Einverständniserklärung der Eltern. Meiner Meinung nach hatten die Eltern die Kinder in die Ehe getrieben. Sie sagten immer wieder: „Ordnung muß sein. Ein uneheliches Kind ist eine Schande."

Manche Leute haben eine höchst merkwürdige Vorstellung von Ordnung. Sie finden es ganz in der Ordnung, immer und immer wieder Schulden zu machen. Mit der größten Selbstverständlichkeit pumpen sie sich Geld bei allen Freunden und Bekannten. Für diese Menschen ist es das Natürlichste der Welt, alle anderen zur Kasse zu bitten. Sie machen die Schulden, und die anderen bezahlen.

Wer sich nicht an diese Ordnung hält, ist ein böser Mensch. Sie gehen ihm aus dem Weg. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, reden sie schlecht über ihn. Er ist schuld an ihrer augenblicklichen Misere. Er hat sie ihnen eingebrockt.

Noch deutlicher offenbart sich ihr Sinn für Ordnung, wenn es um das Trinken geht. So finden sie es ganz in der Ordnung, daß ihre Frauen sie wie kleine Kinder pflegen, wenn sie sich bewußtlos betrunken hatten.

 

Am Zahltag in Cullinan

Eine Frau hatte ihren Mann vor dem Garten des Nachbarhauses liegen lassen. Die Nachbarn sagten ihr, daß er dort liegen würde. Die Frau hatte sich aber geweigert, auch nur den kleinen Finger für ihn zu rühren. Es war ihr einerlei, daß die Leute einen großen Bogen um ihn machten oder stehen blieben und den Kopf schüttelten. Man sah deutlich, daß er sich erbrochen hatte. Nach dem Geruch zu schließen, mußte es ihm auch in die Hose gegangen sein. Es dauerte ziemlich lange, bis er wieder so weit war, daß er ohne fremde Hilfe aufstehen konnte.

Das Verhalten der Frau war Tagesgespräch. Die einen meinten, die Frau hätte sich schändlich benommen. Gerade in dieser Lage hätte sie zeigen können, was es heißt, einander zu lieben, in guten und in bösen Tagen. Die anderen verteidigten die Frau und sagten: „Wenn nur alle Frauen so wären wie diese."

Die meisten Frauen hatten Angst. Sie taten, was ihre Männer von ihnen erwarteten. Stillschweigend machten sie es und mit grenzenloser Wut. Diese Wut machte sie immer wieder erfinderisch. Sie gab ihnen Kraft zu den unglaublichsten Dingen.

Einer von den Männern in Cullinan war nicht nur ein starker Trinker, sondern auch ein wüster Schläger. Seine Frau hatte dies oft am eigenen Leib erfahren. Sie erzählte dies mit einer Offenheit sondersgleichen. Ihre verschwollenen Augen und die dicken Lippen trug sie mit einem Hauch von Märtyrerstolz. Allen verkündete sie: „Am ganzen Körper bin ich grün und blau."

Ebenso offen prahlte auch ihr Mann: „Die Frau soll wissen, wer den lieben, langen Tag arbeiten muß im Schweiße seines Angesichtes, damit sie sich schön machen kann." Dann brachte er seine autoritäre Seite ins Spiel und sagte: „Wer nicht hören will, muß fühlen." Er hätte von ihr nur verlangt, still zu sein. Das wäre wahrhaftig nicht zuviel. Mit einem Anschein von Gläubigkeit stellte er dann fest: „Die Frau ist nicht umsonst von der Rippe des Mannes gebildet, nicht vom Hirn. Kein Wunder, daß sie Blödsinn redet, wenn sie den Mund aufmacht." Er wäre zwar nicht bigottisch und ginge selten in die Kirche. Wo aber die heilige Ordnung Gottes in Gefahr ist, würde er diese verteidigen, sogar gegen seine eigene Frau.

Die Frau war machtlos und der Willkür des Mannes ausgeliefert. Trotzdem erlebte sie ihre heimlichen Siege. Sie erzählte davon mit sichtlichem Vergnügen, das jegliche Mißhandlung vergessen ließ.

Sie wußte, ihre Zeit würde kommen. Sie brauchte nur zu warten. Es würde nicht lange dauern, und ihr Mann wäre voll Spannung und Unruhe. Er würde nach ihr verlangen, sie aber würde es ihm heimzahlen auf Heller und Pfennig.

Wenn es dann so weit war, pflegte sie besonders viel Zeit für ihre Körperpflege zu verwenden. Die Türe zum Badezimmer offen, lag sie stundenlang im Bad, ein Buch in der Hand, Parfümgeruch verbreitete sich im ganzen Haus, aber von ihr war nichts zu sehen. Die Sache lief gut, wenn der Mann kam, um zu fragen, ob er ihr eine Tasse Tee bringen dürfte.

Das war für sie der richtige Moment, augenblicklich aus dem Bad zu steigen und in die Küche zu eilen, um ihrem Mann eine Tasse Tee zu servieren. Sie tat dies hüllenlos und als wäre nichts geschehen. Dann holte sie sich das Buch, das sie schon im Bad gelesen hatte und machte sich, wie sie war, in einem Sessel breit, ihrem Mann gegenüber. Auch sie trank dabei ihren Tee, angeblich im Buch versunken.

In Wirklichkeit hatte sie den Mann nicht vergessen. Sie beobachtete ihn genau über den Rand des Buches hinweg. Hilflos in seiner Ungeduld rauchte er eine Zigarette nach der anderen, blätterte in der Zeitung und in alten Illustrierten. Die Frau stellte sich wieder unter die Dusche, weil es angeblich noch immer zu heiß war im Haus und empfahl auch ihm diese Erfrischung.

Er ging sofort auf diesen Vorschlag ein und kam bald ebenfalls hüllenlos in das Wohnzimmer und setzte sich hoffnungsvoll auf das Sofa. Sie aber versenkte sich in ihr Buch und genoß die wachsende Ungeduld ihres Mannes.

Bald hielt er es nicht mehr länger aus. Er sagte: „Kommst du?" und ging ins Bett. Die Frau tat, als käme sie aus einer anderen Welt, sah kurz auf und sagte: „Ich komme gleich."

Durch die offene Schlafzimmertüre hörte sie nicht ohne Genuß, wie sich ihr Mann bald hinüber, bald herüber drehte. Die Frau verschwand wieder kurz im Badezimmer. Wieder öffnete sie die verschiedenen Döschen und Tuben und Fläschchen der Reihe nach, als wäre sie gerade beschäftigt, einen Lehrgang in Kosmetik zu demonstrieren. Dann schritt sie in das Schlafgemach, wohl wissend, daß es dem Mann den Atem verschlägt. Endlich lag sie neben ihm, nackt und sexy, und zum Greifen nahe. Sie wartete auf die Zärtlichkeiten des Mannes. Wie gewöhnlich kamen einige unbeholfene Worte. Dann spürte sie seine Hände.

Sie sagte: „Eine Tasse Tee täte uns noch gut." Stand auf und verschwand in der Küche. Das alles nur, um ihn auf die Folter zu spannen.

Je deutlicher die Wünsche des Mannes auch wurden, sie spielte die Kühle und stellte sich taub. „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich noch etwas lese?" Er duldete es widerwillig, sie aber kicherte in das Buch hinein. Angeblich mit dem Lesen beschäftigt, wartete sie, bis er sich ihr aufdrängen würde.

Es dauerte nicht lange, und es war so weit. Die Frau legte pflichtbewußt ihr Buch zur Seite, bereit für den Mann. Dann griff sie nach einer Zigarette und zündete sie an, während der Mann seiner eigenen Beschäftigung nachging. Die Frau ließ ihn gewähren. Dabei zog sie genüßlich an ihrer Zigarette und blies dem Mann den Rauch ins Gesicht. Nach einer Weile sagte sie: „Mach doch, daß Du fertig wirst, ich möchte schlafen."

So war sie für ihn da, wie der Aschenbecher auf dem Nachtkästchen, bereit und leblos. Auch sie dachte sich: „Ordnung muß sein. Wer nicht hören will, muß fühlen."

Die Frauen von Cullinan kamen gerne etwas zu früh zu ihren wöchentlichen Versammlungen in das Pfarrheim. Dabei erzählten sie sich solche Geschichten. Mir war, als hätten sie es darauf angelegt, daß auch ich sie hören sollte.


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