Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Die Zauberdoktorin im Fiebertraum,    Als erfolgloser Beichtvater,    Jesus nur ein Mensch?,    Der unermüdliche Ordensgründer,    Jahre später - 1995 - Wiedersehen in Südafrika


Die Zauberdoktorin im Fiebertraum

Die Teilnahme an Einkehrtagen und Exerzitien war für alle Priester der Erzdiözese Pretoria verpflichtend.

So machte auch ich mich an einem Dienstag morgen auf den Weg nach Lynnwood zum Kloster der Redemptoristen.

Ich war noch nicht lange gefahren, da wurde mir plötzlich sehr heiß. Es bildeten sich Schweißtropfen und rannen mir über das Gesicht. Ein Gefühl der Übelkeit überkam mich. Vor meinen Augen begann es zu flimmern. Die Kleidung klebte mir am Leib. Ich stieg auf die Bremse und hielt den Wagen an. Plötzlich war mir klar, das alles hatte nichts mehr mit dem Klima zu tun. Es war Fieber.

Auch die Tage vorher waren es bereits Fieberanfälle und nicht das Klima, nur ahnte ich es nicht. An jenem Morgen glaubte ich noch, ich hätte mich in der Nacht etwas erkältet. Ich nahm eine kalte Dusche und hoffte, die Sache wäre erledigt. Nach einer Weile ließ das Fieber wieder nach. Mein Entschluß stand fest. Anstatt in das Kloster der Redemptoristen fuhr ich in das Ärztehaus der Stadt. Dort stellte sich heraus, daß die Fieberanfälle durch den Biß einer giftigen Zecke verursacht worden waren. Noch am gleichen Tag wurde ich in das Privatkrankenhaus der irländischen Schwestern aufgenommen. Es lag in einem der vornehmsten Stadtteile von Pretoria. Ich hatte ein Einzelzimmer mit Klimaanlage, vor allem aber die bestmöglichste Pflege rund um die Uhr. Nach drei Wochen war alles vorbei. In dieser Zeit dachte ich oft an die Eingeborenen, die es im Krankheitsfall bedeutend schlechter hatten.

Viele von ihnen hatten eine unüberwindliche Abneigung vor weißen Ärzten. Sie wollten in kein Krankenhaus, obwohl für sie der Aufenthalt kostenlos war. So lagen sie in ihren armseligen Hütten auf dem blanken Boden. Eine Decke oder ein Leintuch schützte sie vor den aufdringlichen Fliegen. Für sie gab es kein erfrischendes Bad, keine neuen Bettücher, wenn die alten durchgeschwitzt waren. Es gab keine gezielte Behandlung. Ihre einzige Hoffnung setzten sie auf die zweifelhafte Kunst des Zauberdoktors.

Sein Auftreten war gebieterisch und furchterregend. Auf dem Kopf trug er zwei mächtige Hörner. Das war kein bloßer Kopfschmuck, wie der Gamsbart an den Hüften der Trachtler, sondern Ausdruck seiner Zauberkraft. Wer solche Hörner trägt, ist stärker als alles Übel in der Welt. Die Federn am Kopf und am Oberarm erheben den Zauberer hoch über alle gewöhnlichen Menschen. Aus einer höheren Warte sieht er Dinge und Zusammenhänge, die anderen verborgen sind.

An seinem Gürtel baumelten Hühnerzehen und Hasenläufe, daneben allerhand Krallen und Zähne von Raubtieren. Dazwischen hingen kleine Säckchen aus Gedärm oder Blase. Sie waren angefüllt mit Pulver, das von bestimmten Krautern und von Innereien zauberkräftiger Tiere stammte. Auch hatte er noch einen reichen Vorrat von kleinen Knochen, die er aus der hohlen Hand, wie zu einem Würfelspiel, auf die Erde warf. Das Pulver kam in die Glut. Es erzeugte nicht selten üble Düfte, während der Zauberer mit seinen Beschwörungen beschäftigt war.

So wurde nach und nach immer klarer, von wo das Übel seinen Anfang nahm. Manchmal war es nur ein unliebsamer Nachbar, der dafür verantwortlich gemacht wurde. Wenn das für die Betroffenen feststand, wurden Mittel und Wege ersonnen, diesen ahnungslosen Menschen zu beseitigen. Es geschah immer heimlich und auf möglichst unerklärliche Weise. Plötzlich wurde ein Toter entdeckt und niemand wußte, wie er um das Leben kam. In unseren Augen ein klarer Fall von Ritualmord. Für den Zauberdoktor war es ein unumgängliches Opfer zur Beseitigung von Krankheit und Not.

Über solche Vorfälle wurde viel gemunkelt. Wenn es aber darauf ankam eine verbindliche Aussage zu machen, wußte keiner etwas zu berichten. Die Angst hatte sie das Schweigen gelehrt.

Im Vergleich zu diesen Armen der Ärmsten fühlte ich mich trotz meines Fiebers wie im Himmel. Gerne hätte ich gewußt, wie es der Mrs. Mchlanga ging. Diese Frau war nämlich eine Zauberdoktorin, die einzige, die sich damals in dieser Gegend zum Christentum bekehrt hatte. Feierlich und mit viel Aufsehen hatte sie damals ihre Zauberausrüstung verbrannt. Es war für uns alle ein großer Tag.

In der Osternacht hatte ich sie zusammen mit einer Reihe von anderen Eingeborenen getauft. Nicht lange danach wurde sie einstimmig zur Vorsitzenden des Sankt-Anna-Vereins der eingeborenen Frauen gewählt. Sie fehlte bei keinem Gottesdienst. Bei jeder Gelegenheit führte sie das große Wort.

Plötzlich sah und hörte man nichts mehr von ihr. Sie war wie vom Erdboden verschwunden. Alle wunderten sich. Es kam keine Nachricht und es gab kein Lebenszeichen von ihr. So verging fast ein volles Jahr. Dann hieß es plötzlich: „Mrs. Mchlanga ist wieder da. Sie ist wieder Doktor der Zauberei, wie eh und je."

Ich besuchte sie in ihrer neuen Praxis. Sie war wieder ganz die Alte. Kaum zu glauben, daß ich sie jemals getauft hatte. Unvorstellbar, daß sie die Uniform der Sankt-Anna-Frauen getragen hatte. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit trug sie nun wieder alle Kennzeichen ihres Standes, von den Federn bis zum Fell.

Mrs. Mchlanga hatte nichts gegen das Christentum. Sie versicherte mir, sie würde weiterhin an Jesus glauben. In ihrer Praxis könnte sie ihn gut gebrauchen. Ich versuchte ihr begreiflich zu machen, daß Jesus und die Zauberei nicht zusammenpaßten. Ich sprach auch vom schlechten Beispiel und vom Ärgernis, das sie geben würde. Mrs. Mchlanga war diesbezüglich aber ganz anderer Meinung und wollte von meinen Vorwürfen nichts wissen. Ich sprach von Abfall und Verrat bis hin zur ewigen Verdammnis. Es war nichts zu machen. Mrs. Mchlanga blieb bei ihrer Zauberei.

In der kommenden Osternacht wurde wieder das Taufgelübde erneuert. Feierlich fragte ich die versammelte Gemeinde: „Widersagt ihr dem Satan und allen Verlockungen des Bösen?"-„Wir widersagen!", kam es wie aus einem Munde. Dabei rief jemand den Namen der Zauberin: „Mrs. Mchlanga!" Es war totenstill. Alle warteten, was ich zu sagen hätte. Für einen Augenblick war ich sprachlos. Es war mir aber klar, daß ich etwas sagen mußte und zwar sofort. Es sollte richtig sein und obendrein noch eindrucksvoll, eine unvergeßliche Lehre für alle Anwesenden.

Ich sagte: „Ihr alle tragt brennende Kerzen in den Händen. Es ist das Licht Christi. Auch Mrs. Mchlanga hatte dieses Licht in ihren Händen. Ihr Licht ist erloschen." Dann blies ich vor aller Augen die Kerze aus. „Mrs. Mchlanga ist wieder in die Finsternis zurückgekehrt. Ihr Glaube ist tot", rief ich der Menge zu und brach die Kerze entzwei. „Sie ist lebendig tot", wiederholte ich. „Wir müssen sie begraben." Es ging eine Aufregung durch die Reihen.

Ich ließ einen Spaten holen und im Schein der Kerzen etwas Erde ausheben. Dann wiederholte ich eindrucksvoll: „Mrs. Mchlanga ist tot für Christus. Sie ist auch tot für uns. Wir müssen sie begraben." Ich bückte mich und legte die gebrochene Kerze in das kleine Grab. Dann wurde das Grab zugemacht. Alle schauten ergriffen zu.

Im Krankenhaus mußte ich oft an sie denken. Ich machte mir Sorgen und überlegte, ob es wohl richtig war, was ich damals im heiligen Eifer getan hatte. Mrs. Mchlanga war keine Mörderin, sondern eine kluge und geschäftstüchtige Frau. Sie war unabhängig, selbständig und großzügig, eine gute Frau. Ihr einziges Unglück war ihr Beruf. Diesen konnte sie unmöglich aufgeben, denn Beruf und sie waren eins.

Dann hörte ich, daß sie nicht mehr da war. Niemand wußte, wo sie war. Bald wurde auch ihr Name nicht mehr erwähnt. Es war, als wäre nichts gewesen. Ich aber konnte Mrs. Mchlanga nicht vergessen. Irgendwie war ich ihr nicht gerecht geworden. Sie hätte eine andere Behandlung verdient. Dann kamen mir die Worte Jesu in den Sinn: „Und wenn dich deine Hand zum Bösen verleitet, hau sie ab. Es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen. Und wenn dein Fuß dich zum Bösen verleitet, hau ihn ab. Und wenn dein Auge dich zum Bösen verleitet, reiß es aus. Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu gelangen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo die Qual nicht endet und das Feuer nicht erlischt" (Mk 9,43).

Ich redete mir ein, Mrs. Mchlanga war ein solches Glied, das allen zum Ärgernis geworden war. Ich mußte sie aus der Gemeinde ausschließen. Es blieb mir überhaupt keine andere Wahl. Mein Vorgehen war durchaus gerechtfertigt und gut. Ja, es war ganz und gar im Sinne Jesus. So dachte ich, aber nicht lange.

„Nein! Um Himmels Willen Nein!", dachte ich dann wieder. Mein Verhalten war alles andere, nur nicht im Sinne Jesu. Jesus verlangt nicht, daß einer dem anderen etwas abhauen oder ausreißen soll. Er will schon gar nicht, daß einer den anderen für tot erklärt, wie ich es mit Mrs. Mchlanga getan hatte. Wenn es schon bei jemandem etwas zum Abhauen oder zum Ausreißen geben sollte, dann muß es der Betreffende selber tun. Auf keinen Fall darf ein Außenstehender eigenmächtig in das Leben eines anderen eingreifen. Selbst den Splitter aus dem Auge meines Bruders darf ich nur herausziehen, wenn dieser es will. Erzwingen kann ich es nicht.

Wie oft gehen wir doch als Pfarrer über Leichen, einem Prinzip zuliebe. Wir tun dies gehorsamst, wie das Gesetz es befiehlt. Dabei ist keines der Gesetze vom Himmel gefallen. Sie sind alle ausnahmslos Menschenwerk. Sie sind und bleiben Menschenwerk, selbst wenn wir sie als „göttliche" oder „ewige" Gesetze bezeichnen. Das Größte und Heiligste, was Gesetze je zu schützen hatten, war die Heiligkeit des Sabbats. Selbst in dieser Sache sagt Jesus: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat" (Mk 2,27).

Anders gesagt: Alles ist für den Menschen da. Es gibt nichts, das nicht für den Menschen da wäre. Statt Mrs. Mchlanga in Abwesenheit zu verurteilen und in den seelischen Tod zu schicken, hätte ich lernen sollen, sie zu verstehen. Meine Gesetzesmentalität hatte mich daran gehindert. Es ist nicht selten kurzsichtig und billig, sich auf Gesetze zu berufen. In Glaubenssachen ist es absolut verhängnisvoll.

„Wie war das eigentlich mit der Frau am Jakobsbrunnen?" fragte ich die Schwester, als sie mir Tee brachte. Sie schaute mich fragend an, denn sie wußte nicht, auf was ich hinaus wollte. „Was ist schlimmer", sagte ich, „mit einem anderen Mann zusammen zu leben oder Zauberdoktor zu sein?" Sie wußte immer noch nicht, was sie sagen sollte. Ich fuhr fort: „Die Frau am Jakobsbrunnen hatte bereits fünf Männer gehabt. Der Mann, mit dem sie damals gerade lebte, war auch nicht ihr Mann. Nach unseren Vorstellungen lebte sie ziemlich wild darauf los." Die Schwester nickte und wollte gehen. „Eine Frau aus meiner Pfarrei ist Zauberdoktorin." Da horchte sie auf und war gespannt, was ich zu sagen hätte. „Würde Jesus auch mit dieser Zauberin reden, wie er mit jener Frau am Jakobsbrunnen geredet hat?" „Selbstverständlich", war ihre Antwort. „Würde Jesus von der Zauberin verlangen, ihren Beruf aufzugeben?" „Das glaube ich nicht", meinte die Schwester. „Nun, ich habe es von ihr verlangt, ohne Wenn und Aber", gestand ich der Schwester. „Und die Zauberin?" fragte die Schwester. „War sie Ihnen gefügig?" „Keineswegs! Die Zauberin hätte mich am liebsten ausgelacht", war meine Antwort. „Was wollen Sie tun?" fragte die Schwester. „Nichts!" sagte ich. „Ich habe schon alles getan." Was ich in diesem Falle getan hätte, wollte die Schwester wissen. Dann sagte ich ihr, was ich in jener Osternacht getan hatte und fügte hinzu: „Meine lieben Mitbrüder und der Erzbischof fanden es ganz in der Ordnung. Nun hätte ich gerne gewußt, was Jesus dazu zu sagen hätte." Die Schwester schmunzelte: „Vielleicht wäre er einige Zeit bei ihr geblieben und hätte ihr bei ihrer Zauberei zugeschaut." Dann ging sie.

So unangenehm diese Krankheit auch war, sie hatte auch ihr Gutes. Ich brauchte wenigstens keine Beichte zu hören.

 

Als erfolgloser Beichtvater

Am peinlichsten berührte mich die Beichte eines ganz bestimmten Mitbruders. Ich muß mir versagen, ihn näher vorzustellen. Die Welt ist klein geworden und die größte Entfernung allein ist längst kein hinreichender Schutz mehr für die Aufrechterhaltung eines Beichtgeheimnisses. Jedenfalls kam jener Mitbruder an jedem Einkehrtag zu mir. Ich wußte es längst auswendig, was er beichten würde. Er sagte: „Segne mich, Father, denn ich habe gesündigt. Meine letzte Beichte war vor vier Wochen. In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden. Ich habe mich achtmal selbst befriedigt. Im Zustand der schweren Sünde habe ich das heilige Meßopfer gefeiert. Ich bitte um eine heilsame Buße und Lossprechung. Mein Jesus, Barmherzigkeit." Dann war ich an der Reihe mit einem kurzen Zuspruch.

Ganz gleich, was ich auch sagte, es war immer vergebens. Wenn ich in aller Vorsicht die vermeintliche Schwere seiner Sünden in Frage zu stellen versuchte, nickte er zustimmend. Wenn ich ihn bat, seine Aufmerksamkeit auf wichtigere Dinge zu lenken, versprach er dies gewissenhaft zu tun. Bei der nächsten Gelegenheit aber beichtete er ganz genau und wortwörtlich das Gleiche. Für ihn gäbe es nur eine Sünde: Die Selbstbefriedigung.

Selbstbefriedigung machte ihn unrein. Es war schwere Sünde. Das war seine Überzeugung und daran ließ er nicht rütteln. Ebenso stand für ihn fest, daß kein Unreiner in das Himmelreich eingehen wird. Die ewige Verdammung war für ihn nur noch eine Frage der Zeit. Manchmal war ich versucht, ihn auszulachen. Ich hätte es auch getan, wenn ich sicher gewesen wäre, daß es ihm helfen würde. So blieb mir nichts anderes übrig, als seine persönliche Überzeugung zu respektieren und ihn in seiner scheinbar so elenden Lage ernst zu nehmen.

Anfänglich versuchte ich seinen Glauben an dem Erbarmen Gottes wieder aufzubauen. Es war offensichtlich, daß er für sich selber kein Erbarmen mehr erwarten und erhoffen konnte. Er war am Ende. Man sah es ihm an. Die Geschichten aus dem Alten Testament waren dafür wie geschaffen. Für ihn waren diese Erzählungen mehr als fromme Geschichten. Sie waren Geschichte im eigentlichen Sinn.

Was lag nun näher, als an den Mord des Kain an seinem Bruder Abel zu verweisen. Diese Tat war ohne Zweifel ein furchtbares Verbrechen. Nicht zu vergleichen mit der vermeintlichen Sünde der Onanie. Trotzdem hatte Gott sogar diesen Mörder noch in Schutz genommen. Er drohte jedem siebenfache Rache an, der sich an Kain vergreifen würde. Der Mörder Kain hatte vor Gott Erbarmen gefunden. Auch er würde Erbarmen finden.

„Ich bin nicht Kain", sagte er. Dann fuhr er fort: „Kain hat einmal einen Mord begangen, ich aber sündige immer." Am liebsten hätte ich ihm geantwortet: „Steig mir doch auf den Hut!" Statt dessen aber sagte ich: „Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." „Amen", sagte er zufrieden und verlangte die Buße. „Studieren Sie nach und nach die Geschichten vom ägyptischen Josef, von der tapferen Judith und von der keuschen Susanna. Bringen Sie das Schicksal dieser Leute mit Ihrem eigenen Leben in Verbindung", fügte ich noch hinzu. Dann ging er und ich atmete auf.

Jener Mitbruder war sicherlich sehr enttäuscht über meine unerwartete Abwesenheit in Lynwood. Ich war gespannt, ob er zum Beichten zu mir in das Krankenhaus kommen würde, oder ob er vielleicht doch jemand anderen bitten würde, seine Beichte zu hören. Er verschonte mich mit seiner Beichte. Ich rechnete ihm das hoch an.

Solche Überlegungen waren oftmals durch heftige Fieberanfälle durchkreuzt. Plötzlich stieg eine ungeheuere Hitze in mir auf und verwandelte mich in einen lebendigen Ofen. Schweißtropfen bildeten sich auf der Stirn und im Gesicht. Der Schlafanzug klebte am Leib und bald darauf waren auch die Leintücher naß. Vor meinen Augen begannen die Gegenstände im Zimmer zu verschwimmen. Ein Gefühl unvorstellbarer Gleichgültigkeit nahm mich in seinen Besitz. Mir war alles recht, komme, was wolle.

In einem dieser Zustände sah ich Mrs. Mchlanga und mich selber. Wir waren beide im Dienst, jeder auf seine Weise. Die Zauberin widmete sich ihren Kunden, einem nach dem anderen in ihrem Haus. Ich saß im Eck in der überfüllten Buschfeldkirche in Dennilton und hörte die Beichte der Eingeborenen. Dies geschah, während die Gemeinde ihre Lieder sangen. In gewohnter Weise kamen sie einzeln nach vorne und knieten vor mir nieder. Dann machten sie das Kreuzzeichen und begannen: „Ndade, segne mich, denn ich habe gesündigt." Nachdem ich dieser Bitte nachgekommen war, bekannten sie ihre Sünden. „Ich habe geflucht. Ich habe die täglichen Gebete ausgelassen. Ich bin am Sonntag nicht in die Kirche gekommen. Ich habe den Eltern und den Alten nicht gehorcht. Ich habe gestritten. Ich habe jemanden böse Namen gegeben. Ich habe andere geschlagen. Ich habe Unkeusches getan. Ich habe es gerne getan. Ich habe gestohlen. Ich habe gelogen." Kurz und gut, sie beichteten alle, wie sie es gelernt hatten. Sie benützten den Beichtspiegel aus ihrem Eingeborenen-Gebetbuch, dem „Dithapelo za ba Kriste." Sie machten alles richtig, und doch stimmte etwas nicht. Ich fühlte es ganz genau. Dieses Gefühl verstärkte sich und wurde zur Gewißheit in mir, je länger ich ihre Beichten zu hören hatte in jenem Fiebertraum.

Alarmiert, wie ich nun einmal war, ließ ich mir nichts entgehen. So bemerkte ich, wie die Beichtenden verschämt und reumütig ihre Köpfe senkten, wenn sie ihre Sünden heruntersagten. Nur beim sechsten Gebot war es anders. Sie hoben ihre Häupter und schauten mir voll in das Gesicht. Dann sagten sie: „Ich habe Unkeusches getan." Daraufhin zogen sie ihre Köpfe wieder ein und bekannten ihre übrigen Sünden.

Das war es! Diese Eingeborenen beichteten alle ihre Sünden. Nur die Sünde der Unkeuschheit beichteten sie nicht. Das berichteten sie nur. Mir war, als wären sie stolz auf ihre Sünden der Unkeuschheit. Ich, als ihr Priester, sollte das wissen, ob es mir nun passen würde oder nicht. Plötzlich war mir, als wüßte die ganze Gemeinde, daß ich ihre Gedanken erraten hatte. Alle erhoben sich und standen wie ein Mann vor mir. Und alle dachten an ihre Sünden im sechsten Gebot. Für sie war das kein Geheimnis. Dann erhoben sie ihre Stimmen und fingen feierlich an zu singen: „Wir haben Unkeusches getan, Halleluja, Halleluja!" Sie wiederholten es immer wieder, stampften dabei mit den Füßen auf den Boden und klatschten mit den Händen dazu. Wie gebannt saß ich auf meinem Stuhl in der Ecke und hörte zu. Es klang sehr feierlich, wie ein Gebet. Sie sangen aus tiefstem Herzen zu unserem gemeinsamen Gott. Nach und nach wuchs ihr Gesang und wurde zum Orkan. Seine Gewalt ließ die Kirche erbeben. Dann hob sich das Dach empor und flog davon. Die Mauern neigten sich nach außen. Sie konnten dem Gesang nicht Stand halten. Dann sah ich Menschen, nichts als Menschen, so weit das Auge reichte. Sie alle sangen: „Wir haben Unkeusches getan, Halleluja, Halleluja!"

Nach einer Zeit vernahm ich wieder die vertrauten Stimmen der Krankenschwestern. Der Traum war vorbei. Sie brachten frische Leintücher, einen anderen Schlafanzug und eine große Kanne Tee.

Am liebsten hätte ich diesen Fiebertraum vergessen. „Das ist alles nicht der Rede wert", dachte ich mir. Trotzdem mußte ich oft an diesen Traum denken. Dann überlegte ich mir, was er bedeuten könnte. Vielleicht ein Stück gesunder Abwehr gegen alle Leibfeindlichkeiten unseres Glaubens? Menschliche Geschlechtlichkeit ist dankbar zu bejahen und nicht bußfertig zu bereuen. Die Eingeborenen hatten mir das unmißverständlich klar gemacht. Seither schätzte ich diese Erkenntnis, als eine jener Wahrheiten, die nicht im Katechismus stehen.

 

Jesus nur ein Mensch?

Immer, wenn es mir wieder besser ging, durfte ich das Bett verlassen. Ich ging auf die breite und großzügig angelegte Terrasse des Krankenhauses. Vor mir lag Pretoria, eine herrliche Stadt. Gegenüber erhob sich das Regierungsgebäude aus der englischen Kolonialzeit. Davor lagen die riesigen Gartenanlagen mit ihrer Blumenpracht. Aus einem Meer von Jakarandabäumen zeigten sich da und dort Hochhäuser, als Vorboten einer neuen Zeit. Dazwischen eingebettet lag die Stadthalle mit ihrer unverkennbaren Kuppel. In der Ferne war deutlich ISKOR zu erkennen, mit ihren seltsamen Kühltürmen und den riesigen Werkshallen des weltbekannten Stahlwerkes. Dahinter sah man die Sonne untergehen, ein Anblick, an dem sich niemand sattsehen konnte. Dabei lernte ich auch meinen Zimmernachbarn kennen.

Er war sehr gesprächig, aber nicht aufdringlich, dazu einfühlend und von einer inneren Weite, die mich verblüffte. Ein Jude. Sein Vater hatte bis zur Kristallnacht ein Kaufhaus in Berlin. Er zeigte mir ein Foto. Das Geschäft war völlig ausgeplündert und die gesamte Einrichtung kurz und klein geschlagen. Ein Bild des Entsetzens! Dann drehte er das Bild um und reichte es mir wieder. Ich las: „Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen. Gepriesen sei sein heiliger Name!"

Ich hatte alles Mögliche erwartet, nur das nicht. Tief betroffen über diese Worte, sagte ich ihm, daß ich ein Deutscher wäre, ein Angehöriger jenes Volkes, das so viel Unheil über die Welt gebracht hatte. Ich mußte es ihm sagen, selbst auf die Gefahr hin, daß er mich von jener Stunde an gemieden hätte. Er aber nahm dies zur Kenntnis ohne Haß oder Abneigung. Vor dem sprichwörtlichen „Äug' um Äug', Zahn um Zahn", war nichts zu spüren. Mir war, als hätte uns dieses Wissen enger verbunden. „Ich hoffe, wir sehen und bald wieder", sagte er. Dann folgte er dem Ruf einer Krankenschwester und kehrte in sein Zimmer zurück.

Von jener Stunde an besuchten wir uns gegenseitig, so oft es ging. Wir sprachen über viele Dinge. Am liebsten aber unterhielten wir uns über den Glauben. Dabei prägte er einige Sätze, die ich nie mehr vergessen konnte.

„Die Christen werden sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß auch Jesus nur ein Mensch war." Er setzte bedächtig hinzu: „Nur wenn sie Jesus wieder Mensch sein lassen, wird das Christentum überleben können. An der Gottheit Christi wird das Christentum untergehen."

Ich war tief betroffen und dachte mir: „Was kann man von einem Juden schon anderes erwarten!" Dann fragte ich ihn, wie er das meinte. „Jesus von Nazaret wurde von seinen Anhängern als Sohn Gottes verkündet. Warum auch nicht?" sagte er verständnisvoll. „Viele große Persönlichkeiten der Geschichte wurden mit dem Titel ,Sohn Gottes' geehrt. Vielleicht ist Jesus der Letzte, dem dieser Titel zuteil wurde."

Die Schwester brachte das Abendessen und wünschte guten Appetit. Ich rührte aber nichts an. Mir war der Appetit vergangen. In Gedanken fragte ich mich: „Jesus auch nur ein Mensch, wie jeder andere?" Die Schwester fragte: „Was ist los mit Ihnen?" Ich antwortete: „Ich habe keinen Hunger, Schwester." Sie sah mich prüfend an. „Wirklich Schwester, ich bringe nichts hinunter. Sie dürfen das Tablett wieder mitnehmen." Sie warf mir einen kritischen Blick zu, griff nach dem Tablett mit meinem Abendessen und trug es wieder in die Küche zurück. Ich lag im Bett und ließ mir die letzten Gespräche durch den Kopf gehen.

„Seltsam", dachte ich. „Ein durch und durch gläubiger Jude macht sich Gedanken über die Zukunft des christlichen Glaubens in der Welt." Was mich besonders faszinierte, war die Selbstverständlichkeit, mit der er alle Weltreligionen zusammen als Offenbarung Gottes für die Menschheit betrachtete. Als gläubiger Jude war er offen für alle übrigen Religionen in der Welt. Für ihn gehörten alle Religionen in der Welt zusammen wie die verschiedenen Wohnungen in diesem Haus. Bei allen ging er ein und aus. Er war beliebt bei den Erleuchteten in der Wohnung Buddhas. Ebenso verstand er sich mit den Söhnen Allahs. Auch ich schätzte ihn als katholischer Missionar und denke gerne an ihn zurück.

Später, als die abendliche Besuchszeit längst vorbei war und die Ruhe der Nacht im Krankenhaus eingekehrt war, ging ich wieder auf die Terrasse vor meinem Krankenzimmer. Der Mond tauchte Häuser und Hügel in mattes Licht. Das Kreuz des Südens stand klar am Himmel. Ich lehnte an der Terrassenbrüstung und gab mich den anstürmenden Gedanken hin.

„Wir Christen müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß auch Jesus nur ein Mensch war." Die Vögel würden es längst von den Dächern pfeifen, wenn die Theologen wirklich frei wären, das zu sagen. Jede Einrichtung hat schließlich ihre Aufsichtsbehörde, wie der menschliche Organismus einen Selbsterhaltungstrieb oder wie ein Staatsgebilde seine Sicherheitskräfte.

Sie wachen darüber, daß alles schön brav beim Alten bleibt. In der Kirche ist es das Lehramt. Es ist dies die eigentliche Aufsichtsbehörde der Theologen. Und wehe, wenn jemand von dieser Behörde beanstandet wird. Er muß sofort seinen „Irrtum" eingestehen oder in das Gras beißen. Kompromisse gibt es nicht. Unter solchen Umständen setzen sich neue Erkenntnisse nur sehr schwer durch, meistens erst nach hunderten von Jahren. Das gilt auch für die Kirchen.

„Wenn Jesus ein Mensch gewesen wäre", sagte ich mir, „dann wäre er auch nicht von den Toten auferstanden." Das ganze Glaubensbekenntnis müßte auf einen einzigen Satz zusammengestrichen werden: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen. Amen." Unsere heilige, katholische Kirche, ja das ganze Christentum, wäre reines Menschenwerk. Mich fröstelte bei diesem Gedanken.

Dabei ist dieser Gedanke keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Er ist durchaus naheliegend. Wir sträuben uns nur vor diesem Gedanken, aus Angst vor den schier unvorstellbaren Konsequenzen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie schnell die tollsten Gerüchte entstehen können. Je bekannter ein Mensch ist, desto eher kann er einem Gerücht zum Opfer fallen. Das geht in Windeseile. Jeder, der davon hört, trägt sofort seinen Teil dazu bei. Es ist wie mit einem Feuer, das ganz von selber erlöschen würde, wenn es nicht ständig mit dem Öl des persönlichen Fürwahrhaltens vergrößert würde. Warum sollte das im Falle Jesu anders gewesen sein? Die Berichte über die leibhaftige Auferstehung Jesu vom Tode tragen jedenfalls typische Merkmale von Gerüchten an sich.

Was hatten die Gespräche auf der Terrasse des Krankenhauses nicht alles ins Rollen gebracht! Mit Macht suchte ich mich dagegen zu wehren. Ich sagte mir: „Die heiligen Evangelien sind nicht irgendein Bericht, sondern göttliche Offenbarung und Grundlage unseres Glaubens. Obendrein sind die Apostel und viele andere dafür in den Tod gegangen. Wenn Jesus nicht von den Toten auferstanden wäre, dann wäre gewiß kein Mensch für ihn gestorben."

Ich klammerte mich an diesen Gedanken wie ein Ertrinkender. Zugleich wehrte ich mich gegen jeden anderen Gedanken. Dann aber kamen mir neue Bedenken: „Wenn ich von vornherein keinen anderen Gedanken mehr aufkommen lassen will, bin ich engstirnig, eingefahren, unzugänglich und verschlossen." Gerade das wollte ich mir selber nicht nachsagen müssen. So fragte ich mich: „Habe ich vielleicht Angst vor diesen unangenehmen Gedanken?" Ich wandte und drehte mich, wie ein Wurm an der Angel. Dann aber blieb mir keine andere Wahl, ich mußte es mir eingestehen. Ich hatte Angst! Angst vor diesen unguten Gedanken. Es war, als postierten sie sich wie ein feindliches Heer. Schritt für Schritt kamen sie näher. Ich fühlte mich diesen Gedanken wehrlos und erbarmungslos preisgegeben.

„Den Verkündern der Auferstehung ging es letzten Endes nur um die Errichtung der eigenen Macht." Ich ließ diesen Gedanken auf mich wirken. Dann war ich wenigstens für einen Augenblick vom Gegenteil überzeugt und sagte mir: „Das ist eine böswillige Unterstellung." Dann aber formte sich bereits der nächste feindliche Gedanke in mir: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!"

Wahrhaftig, entsetzliche Früchte, die das Christentum gerne verharmlosen möchte. Da ist die in der Geschichte des Christentums immer wieder aufflackernde Judenverfolgung. Eine andere böse Frucht sind die Hexenverfolgungen, denen dreißig Millionen Menschen jeden Alters und Geschlechtes in einem grausamen Tod zum Opfer fielen. Eine andere schlimme Frucht sind die Religionskriege, während derer man sich zur Ehre Gottes gegenseitig die Köpfe einschlug. Vielleicht muß auch die Entstehung des gottlosen Kommunismus als eine Frucht des Christentums gesehen werden. Gewiß aber gehört die Entstehung des Kirchenstaates und die damit verbundenen Kämpfe der Päpste über Jahrhunderte hinweg zu jenen Früchten, an denen die Qualität des Baumes erkannt werden kann. Das waren wahrhaftig kirchenfeindliche Gedanken, die mich, den katholischen Priester und Missionar, stark bedrängten. Nicht genug damit!

„Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen" (Mk 13, 30). Diese Worte handeln vom Kommen Jesu. Wir müssen uns fragen: „Wo ist er denn geblieben?" Die Gläubigen der ersten Stunde verkauften alles, was sie hatten. Sie waren felsenfest davon überzeugt, daß Jesus zu ihrer Lebzeit kommen würde. Den Verheirateten wurde geraten, so zu leben, als wären sie nicht verheiratet. Die Unverheirateten wurden ermahnt, besser ledig zu bleiben. Das Gerede von der bevorstehenden Wiederkunft Jesu war doch ein glatter Reinfall.

Das Christentum ist ein Reinfall auf der ganzen Linie. In jeder heiligen Messe beten wir: „Dieses Opfer bringe der ganzen Welt Friede und Heil." Seit fast zweitausend Jahren wird dieses Opfer gefeiert, aber von Frieden keine Spur. Ich fühlte mich geschlagen und besiegt. Eine tiefe Traurigkeit überkam mich. Ich wollte glauben, daß Jesus der Sohn Gottes ist, daß er von den Toten auferstanden wäre, und konnte es nicht. „Herr, hilf meinem Unglauben!" (Mk 9,24), stammelte ich in die Nacht hinein.

In Cullinan bereiteten mir die Schwarzen einen herzlichen Empfang. Sie waren dankbar, daß ich auch im Krankenhaus an sie gedacht hatte. So konnte die tägliche Kinderspeisung ohne Unterbrechung auch während meiner Abwesenheit durchgeführt werden.

 

Der unermüdliche Ordensgründer

Das war der Spitzname für einen kanadischen Oblatenpater. Er hatte nichts anderes im Sinn, als unter der Negerjugend eine religiöse Ordensgemeinschaft zu gründen. Seine Versuche gingen aber jedes Mal schief.

Meistens verließen ihn die jungen Leute, wenn sie in ihrer schulischen Laufbahn die mittlere Reife erreicht hatten, spätestens nach dem Abitur. Bei den Mädchen war eine erkennbare Schwangerschaft ein zusätzlicher Grund zum Ausscheiden.

Der Pater hatte es nicht leicht. Von seinen Vorgesetzten wurden ihm laufend die bittersten Vorwürfe gemacht. Der Aufsichtspflicht würde er nicht genügend nachkommen. Die Verfehlungen der Jugendlichen würden viel zu milde geahndet. Er müßte endlich etwas mehr Härte zeigen. Obendrein wäre es grundverkehrt, jeden jungen Menschen wahllos in sein Haus aufzunehmen. Eine sorgfältige Auswahl wäre unerläßlich. Im Grunde würde er sich nur schamlos ausnützen lassen. Die jungen Leute hätten das schönste Leben auf seine Kosten. Statt Gehorsam, Armut und Keuschheit gäbe es das glatte Gegenteil. So ging es meistens einige Zeit. Dann wurde gewöhnlich die Schließung seines Hauses angeordnet. Für jenen Oblatenpater war dies jedesmal ein harter Schlag. Er ließ sich aber nicht entmutigen, sondern suchte jedesmal wieder eine neue Bleibe.

Einmal aber schien es ganz aus zu sein. In seiner Not kam er zu mir. Die Außenstationen im Nordosten der Erzdiözese waren seine letzte Hoffnung. Ich war ihm gut gesonnen. Obendrein war ich voll Bewunderung für ihn. Die vielen vergeblichen Versuche und enttäuschenden Rückschläge hätten mich längst mürbe gemacht und zum Aufgeben gezwungen. Seinen Umgang mit der Jugend fand ich vorbildlich und nachahmenswert. Die Buben und Mädchen erlebten in diesem Geistlichen einen echten Schimmer von der grenzenlosen Güte Gottes. Das war entscheidend und unendlich viel mehr, als alle Kritik seiner Vorgesetzten zusammen. Auch fand ich, daß das Geld an diesen jungen Leuten nicht hinausgeschmissen, sondern bestens angelegt war.

Ich konnte es ihnen nicht verübeln, daß aus ihnen keine Ordensleute wurden. Es war auch verständlich, daß sie mit dem himmlischen Bräutigam nicht ganz zufrieden waren. Sie sehnten sich im Laufe der Zeit nach einem Partner mit Fleisch und Blut. Der Oblatenpater ließ sie gehen mit derselben Freundlichkeit, mit der er sie vor Jahren aufgenommen hatte. Auch das war vorbildlich und nicht überall so selbstverständlich, wie man meinen sollte. Diesem Pater zeigte ich mit Freude meine Außenstationen. Dann kamen wir überein, daß die Mädchen nach Dennilton kommen würden und die Buben in die Nähe von Groblersdal. Der Pater war überglücklich. Er hatte wieder einen Platz für seine Zöglinge gefunden. Ein neuer Anfang konnte wieder gemacht werden. Die Enttäuschung über die verordnete Schließung seiner derzeitigen Anstalt war überwunden. Damit hatte auch ich wieder eine neue Aufgabe. Mein Leben in Cullinan wurde dadurch noch etwas abwechslungsreicher.

An den beiden Orten begannen wir unverzüglich mit einer unermüdlichen Bautätigkeit. Wie unkompliziert das ging! Ohne Behörden, ohne Stempel und Unterschriften. Wir genehmigten unsere Pläne höchst persönlich. Trotzdem hatten auch wir unsere Schwierigkeiten. Diese wurden alle überwunden. Zu Beginn des neuen Schuljahres konnte jener Oblatenpater seine Anstalten zum xten Mal neu eröffnen. Seine Ordensorberen waren platt und der gute Pater fast außer sich vor Freude und Dankbarkeit.

Ein Freundeskreis in Kanada unterstützte ihn mit dem nötigen Geld. Mit diesen Leuten hielt er ständigen Kontakt. Die geringste Kleinigkeit wurde ausführlich berichtet. Er tat dies im Schein einer Petroleumlampe in den ruhigen Stunden der Nacht. Seine Wohltäter ließen ihn deshalb auch niemals im Stich.

Mir erschien dieser Mann höchst interessant. Ich wollte von ihm wissen, warum er mit solch unglaublicher Entschiedenheit die Negerjugend für das Leben im Kloster gewinnen wollte. Er meinte, die Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit würden einen Menschen mit Sicherheit zum Gipfel der Vollkommenheit führen. Dort käme es zur innigsten Vereinigung mit Gott. Das war seine tiefste Überzeugung. Ich erfuhr auch das: Wer Jesus ganz und ungeteilt nachfolgen wollte, der könnte das nur im selbstlosen Opfer seines Lebens. In den drei Gelübden würde ganz von selbst die notwendige Sühne für die Sünden der ganzen Menschheit geleistet. Es gäbe nichts Höheres, als dieses Opferleben für Gott. Auch könnte keiner der Menschheit besser dienen, als mit diesem freiwilligen Leben nach den heiligen Gelübden. Wo diese drei Gelübde verwirklicht würden, da wäre Jesus in ganz besonderer Weise gegenwärtig in der Welt. Das Ordensleben würde somit zu einer Verlängerung des Lebens Jesu auf Erden. Was könnte es noch Größeres geben?, fragte er mich immer wieder.

Es fiel mir schwer, seinen Gedanken zu folgen. Ich wollte wissen, ob es wirklich Gott wäre, der zu einem solchen Opferleben ruft. „Ich sehe nur Menschen, wie Sie, damit beschäftigt, andere dafür zu gewinnen", sagte ich.

„Und was lassen Sie sich nicht alles einfallen! Kein Opfer ist Ihnen zu groß". Er winkte ab, als ich dies sagte. „Was immer Sie tun", fuhr ich fort, „es ist doch immer Ihre eigene Idee, Ihr ureigenstes Werk. Gott selber sehe ich nirgends am Werk. Ich sehe nur Sie." Er sah mich verwundert an. „Ja, nur Sie kann ich sehen. Von Gott keine Spur." Nach einer Weile setzte ich hinzu: „Gott ruft nicht. Es ist ihm völlig einerlei, ob wir nach Gelübden leben oder nicht. Wenn Gott überhaupt etwas will, dann doch nur, daß wir unser eigenes Leben so gut wie möglich selber gestalten. Wir sagen immer: ,Gott! Gott! nichts als Gott' und meinen uns selber. Das ist doch die Wahrheit." Er machte ein betroffenes Gesicht. Dann sagte er: „Auch die Bischöfe in Rom machen sich ihre Gedanken über den Ordensstand." Dann setzte er hinzu: „Was Sie da sagen, würden sie mit Sicherheit nicht akzeptieren." Er lachte dabei. „Sicherlich nicht!", sagte ich. „Es muß ja alles in das Konzept passen. Und was nicht hineinpaßt, darf auch nicht erwogen werden."

Der Oblatenpater erwiderte nichts. Er ließ das Gesagte auf sich wirken. Nach einer Weile wollte er wissen, was ich unter diesem Konzept verstehen würde.

„Daß Jesus schon seit aller Ewigkeit her als wesensgleicher Sohn Gottes gelebt hätte, daß er am dritten Tag von den Toten auferstanden wäre, und daß er am Jüngsten Tag kommen würde, zu richten die Lebenden und die Toten. Das ist das Konzept, in das alles passen muß", war meine Antwort.

„Das ist doch auch Ihr Konzept?" fragte er mich. Ich lachte und überließ ihm die Antwort selber. „Es gibt auch in Rom so manche Gedanken, die nicht in das alte Konzept passen. „Ich war gespannt." Viele meinen, die Reform des Ordenslebens bestünde nur in der Rückkehr zum Altbekannten, zu den Zuständen des Anfangs.

Rückkehr heißt auch zurück zu den unbekannten Seiten des Ursprünglichen. Der Anfang ist Jesus. Und Jesus ist unerschöpflich." Für mich war das unverständlich. Der Pater sah es mir an. Dann sagte er: „Unser Pater General hat uns ermahnt, das Alte ganz neu zu sehen. Ja, das Alte mit neuen Augen anschauen! Das ist es, was er von uns erwartet. Er selber kann noch nicht sagen, was dabei herauskommt. Wir sollten uns nicht abschrecken lassen, sondern es immer wieder versuchen!" Das hatte ich nicht erwartet. „Das Alte mit neuen Augen sehen", wiederholte ich für mich. „Versuchen Sie es", sagte er beim Abschied. „Vielleicht fällt Ihnen was ein." Ich winkte ihm noch einmal zu und fuhr weg.

 

Jahre später - 1995 - Wiedersehen in Südafrika

 

Father Josef Metz, mein Nachfolger als Missionar  in Afrika, überbrachte mir  bei seinem Besuch in Sauerlach herzliche Grüße von vielen Schwarzen aus den Regierungsdistrikten Groblersdal und Marbe Hall, wo ich als Missionar viele Jahre lang tätig war. Er war mein Nachfolger in der damals kleinen Missionsstation in Dennilton, die durch ihn wirklich sehr  ansehnlich und groß geworden war. Er baute eine Reihe von gut eingerichteten Werkstätten und Schulen für die schwarze Bevölkerung. Die neueste  Errungenschaft war sogar eine Schule für den richtigen Umgang mit Computern. Ich war sprachlos und  konnte es kaum fassen. Dann lud er Inge und mich nach Dennilton ein, und aus lauter Neugierde sagten wir auf der Stelle zu. So gab es nach 18 Jahren, im Dezember 1995. ein frohes Wiedersehen mit vielen guten alten Bekannten in Südafrika. 

Lnks Father Josef Metz, rechts Willibald Glas in der Missionsstation in Dennilton

Leider sind inzwischen schon wieder Jahre vergangen, was zur Folge hat, dass wir viele wichtige Einzelheiten einfach vergessen haben. Eigentlich wollten wir dem Metz Josef zu seinem 70. Geburtstag nur eine kleine Freude machen, und uns für seine Einladung noch einmal herzlich bedanken. Aus diesem Grund ist dieses letzte Kapitel entstanden. Leider muss vieles ungesagt bleiben. Denn wir haben es schlicht und einfach vergessen, was wir sehr bedauern. 

Nach unserer Landung in Johannesburg erlebte ich die erste große Überraschung. Kaum zu glauben: Ich sah überall  fast nur noch schwarze Gesichter, aber kaum noch ein weißes. Das Gesetz der Rassentrennung, die alte  „Apartheid“  mit der Herrschaft der Weißen über die Schwarzen hatte sich also gewandelt in eine andere absolute Vorherrschaft der Schwarzen über die Weißen!  Dabei hatte ich gehofft, dass mit dem neuen Staatspräsidenten Desmond  Mandela die Apartheid in Südafrika endgültig beendet wäre. So kann man sich täuschen.  

Auf dem Weg nach Dennilton besuchten wir zuerst Father Brunner, der die deutsche Gemeinde in Pretoria betreute. Diese Gemeinde hatte am Tag des hl. Nikolaus zu einem großen Fest eingeladen. Mit Father Brunner nahmen auch wir an dieser Veranstaltung teil. Die Kinder  warteten voll Ungeduld auf St. Nikolaus. Er kam ohne Schuhe! Vollkommen barfüssig stand er da, und das hatte seinen Grund. Ein Jahr zuvor hatten ihn seine Kinder an seinen Schuhen erkannt. „Das ist ja unser Papa!“ hatten sie gerufen. So blieb dem armen St. Nikolaus nichts anderes übrig, als eben barfüßig zu kommen.  

 Endlich kamen wir auch nach  Bronkorstspruit. In diesem Städtchen hatte ich meinen von der Regierung geforderten offiziellen Wohnsitz als weißer Missionar. Dieses Haus war notwendig, damit ich als Missionar tätig sein konnte. Ich hatte es damals zum Teil an eine portugiesische Familie vermietet und war gespannt, wie das Haus jetzt aussehen würde. Das schmucke Haus war nicht mehr da!! - Es musste einer Wohnanlage für reiche Europäer weichen. 

Nach einer weiteren Stunde im Auto waren wir endlich in Dennilton. Mir klopfte vor Aufregung  das Herz. Meine ursprüngliche Missionsstation war noch da. Sie sah aus, wie eine Nebensache neben den riesigen Gebäuden, die durch Father Josef entstanden sind. Ich stand vor meinem Häuschen, das ich mit Hilfe einiger Neger errichtet hatte. Es hatte nur ein kleines Fenster und eine Tür. Das Dach aus Wellblech hatte die vielen Jahre hindurch Wind und Wetter getrotzt. Damals war dieses Häuschen mein ganzer Stolz. 

Etwas abseits hinter dem Haus stand auch noch der Baum, den ich jeden Morgen aufgesucht hatte, um meine Notdurft zu verrichten. Da musste ich an die grüne Mamba denken, die vom Baum herunter kam, und meinem Vorhaben ein jähes Ende bereitet hatte. Einige Schritte weiter stand die Kirche. Sie war so schlicht und einfach wie mein Häuschen. Unsere Gottesdienste kamen mir in den Sinn. Alle saßen dich gedrängt, wie Heringe in der Büchse. Da wurde gesungen was das Zeug hielt. Ich saß auf einer Kiste vor dem Altar und hörte die Beichte. Die Kinder saugten an den Brüsten ihrer Mütter, um dann wieder auf den Rücken der Mütter sitzend, alles vorn und hinten laufen zu lassen, was bei uns Europäern in den Windeln entsorgt wird. Der Gestank war für mich fast unerträglich. Er gehörte aber zum Gottesdienst, und das allein zählte. Das alles kam mir wieder in den Sinn, als ich vor diesem sehr armseligen Kirchlein stand. 

Plötzlich standen schwarze Ordensschwestern vor mir und begrüßten uns herzlich.

Woher kamen sie? Rückblick: Jener kanadischer Oblatenpater, von dem ich oben bereits berichtet habe, hatte gegen alle Widerstände seiner Vorgesetzten diesen ersten Frauenorden gegründet, und ich durfte ihm damals dabei behilflich sein. Er wollte auch einen Orden für schwarze Männer gründen. Zu diesem Zweck gründete  er ein eigenes Gymnasium in der Nähe von Groblersdal. Er hatte immer Schüler, die ihn nach bestandener Reifeprüfung gewöhnlich den Rücken kehrten. Sie waren ganz einfach nicht für den Zölibat geschaffen. 

Mit den Mädchen hatte der Pater mehr Glück, denn die Mädchen wurden nicht mehr für  zwanzig Ochsen an einen Freier verkauft. Bei jenem Pater hatten sie es wesentlich besser.   So kam es in Dennilton gelegentlich zu einer feierlichen Einkleidung, zuerst als Novizin und später als Nonne. Der weiße Schleier und die Ordenstracht mit dem Rosenkranz machte sie zu besonderen Menschen. Der Pater führte sie in die Welt der Bibel ein, und die Schwestern gaben ihr Wissen gerne an die Kinder weiter. Die Kleinen kamen gerne zu den Schwestern. Denn  es gab jeden Tag eine tüchtige Mahlzeit. Die Kinder wurden also nicht mit leeren Worten abgespeist. Das war mir wichtig. Dafür sorgte ich so gut ich konnte. 

Gelegentlich kamen aus Deutschland auch Pakete mit getragenen Kleidern. Irgendwann war auch ein Büstenhalter dabei. Und weil dieser BH so schön war, sollte er für alle sichtbar getragen werden. Auch mir wurde dieses Prunkstück  vorgeführt! - Bei diesem Anblick hätte ich am liebsten hellauf gelacht, was ich aber klugerweise unterließ. 

Dann zeigte uns Father Josef seine neuen Werkstätten. Auf das Haus mit den Computern war  er besonders stolz. Leider konnte er keinen Lehrer finden, der in Dennilton einen Computerkurs leiten würde. Father Josef bekam nur Absagen, und nichts als Absagen, eine nach der anderen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als zuerst ein Auto zu kaufen, damit die große Entfernung von Pretoria und Johannesburg leichter zu ertragen war. Nun war Josef endlich erfolgreich. Aber leider ließ ihn dieser Fachmann für den Computerkurs bald  wieder im Stich.  

Vor seinem Haus wartete die Vorsitzende des St. Anna Müttervereins. Sie wollte wissen, ob sie den Mütterverein verlassen muss, wenn sie zu einer Heilerin geht. Als Inge das hörte, rief sie in heller Begeisterung: „Eine Heilerin! – Die muss ich sehen!“  Wenig später saßen wir vor dem Haus der Heilerin, die vor der Vorsitzenden des Müttervereins verschiedene Knochen, Zähne und anderes Zeug hin und her schüttelte und auf den Boden warf. Dann fing sie an zu tanzen, immer schneller und verrückter. Wir schauten diesem Treiben zu, und warteten gespannt auf das Ende.   Die Zauberin verkündete dann der Vorsitzenden ihren Zauberspruch. Sieben Tage lang muss sie zur bestimmter Stunden das Grab ihrer Vorfahren besuchen, und sich mit ihren Eltern versöhnen. Das war alles. Inge drückte der Zauberdoktorin zum Abschied einen Schein in die Hand. Dafür wurde sie von jener Zauberin herzlich umarmt und an ihr Herz gedrückt. Bald fing es an zu jucken, und Inge kratzte sich. Josef wusste sofort, was los war. Er sagte: „Mit einem Floh kommst du mir nicht ins Haus.“ Es war ein Geschenk  der Zauberin. 

Der Fachmann für den Computer hatte also Dennilton verlassen. Nur das für ihn eigens gekaufte Auto stand noch neben dem Haus. Father Josef hatte keine Verwendung dafür. Er gab mir den Autoschlüssel, und wünschte uns gute Fahrt. Unser erstes Ziel war der Krüger- Nationalpark. Auf dem Weg dorthin besuchten wir auch eine Missionsstation mit einer blühenden Landwirtschaft, Glen Cowy. Dort gab  es keine Kühe mehr. Sie wurden  gestohlen. Angeblich konnte die Polizei die Diebe nicht finden. Überall  in diesem schönen Land gab es Verbrechen, nichts als Verbrechen! - und keine Aufklärung. Das machte uns traurig.  

Im Krüger-Park wohnten wir in einer kleinen Hütte, und sofort besuchten uns einige Affen. Sie hatten bereits auf uns gewartet. Nach der langen Fahrt freuten wir uns auf das Abendessen. Auf einem Tisch vor der Hütte packten wir unsere Sachen aus. Leider!!  Denn eine Horde von Affen überfiel uns. Diese Affenbande raubte uns fast alles, was wir hatten. Wir hatten das Merkblatt für  Besucher nicht beachtet. Das war ein Fehler! 

Auf dem Rückweg besuchten wir Jessy Böhner in Middelburg. Max Böhner, ihr Mann, hatte mit seinem Wagen einen schweren Unfall verursacht und vier Menschen auf dem Gewissen. Er hatte mit seinen Freunden reichlich über den Durst getrunken. Aus diesem Grund mussten Max und Jessika ihre blühende Farm verlassen. Er kehrte völlig mittellos in die Schweiz zurück, und Jessika fand eine neue Bleibe bei ihrer Schwester in Middelburg.  

Bei ihrem Anblick war ich zu Tränen gerührt. Kurz gesagt: Diese Zwei hatten immer ein offenes Haus. Immer  waren sie für mich da, wenn ich erschöpft und hungrig vor ihrer Türe stand. Und sie freuten sich wirklich, wenn sie mich bewirten konnten. Deshalb musste Ich diese Frau einfach besuchen. Und was hatten wir uns nicht alles zu erzählen! Schweren Herzens nahmen wir Abschied, es war ein Abschied für immer. 

In Witbank hätten wir gerne Ludwig Stahuber besucht. Es machte aber keinen Sinn. Er hätte uns nicht erkannt. Ein trauriger Fall von Demenz. Er war mehr tot als lebendig. Ludwig musste ständig  gepflegt, ernährt und gewickelt werden, wie ein kleines Kind. Diese Tatsache machte uns sehr nachdenklich. Viele Fragen stellten sich ein, auf die es keine Antwort gab. Nach und nach  erreichten wir Pretoria, Gott sei Dank, ohne diese trüben Gedanken.  

Dann standen wir vor der Presbytery, nur wenige Schritte hinter der Kathedrale. Wir stiegen die Treppe zum ersten Stock hinauf, wo uns Father Hill herzlich begrüßte. Etwas später saßen wir auf der Dachterrasse und redeten über unsere gemeinsame Zeit in Bantuli. Damals war gerade eine Firmung angesagt, und die Mädchen warteten voll Ungeduld auf die Ankunft des Erzbischofs. Er stieg aus seinem Wagen, und sofort hielt er einem der Negermädchen seinen Ring vor die Nase. „ Küsse ihn!“  flüsterte Father Brannigan. Er wiederholte noch eindringlicher „Küsse ihn!“ Und das Mädchen drückte dem Erzbischof einen Kuss auf die Wange. Es war zum Totlachen!  Aus reiner Angst trug der  Erzbischof  immer weiße Handschuhe, wenn ein Körperkontakt mit den Schwarzen unvermeidlich war.  

Auch unser alter Streit über ein Kirchengebot kam zur Sprache. Am Freitag darf kein Fleisch gegessen werden, weil es die Kirche verbietet. Dabei entscheidet die Menge des verzehrten Fleisches zwischen einer lässlichen und einer Todsünde. Darüber konnte ich nur lachen. Vinzenz entgegnete mir, ich hätte keinen Sinn für den Glaubensgehorsam. Es heißt nicht umsonst:„Ich will die Kirche hören und folge gehorsam ihrer Lehre,“ allein darauf kommt es an. Vinzenz war absolut katholisch, durch und durch, und stolz darauf. Der Erzbischof machte ihn deshalb zum Direktor seines Priesterseminars, dann sogar zu seinem Generalvikar. Der Ungehorsame schadet sich selbst. Das war seine feste Überzeugung. Wir konnten uns in dieser Sache nicht einigen, und gingen aber trotzdem als alte Freunde auseinander. 

Einige Zeit  später, 1997, besuchte uns Father Hill in Sauerlach. Er wollte unter anderem auch das Deutsche Museum besichtigen. Ich brachte ihn zum Bahnhof, und bat eine Dame, meinem Gast zu sagen, wann er aussteigen muss. Diese Dame sah meinen Gast an und rief: „Das ist ja Father Hill aus Pretoria!“  So klein ist doch die Welt..

Nicht gehorchen! Das muss nicht immer ein Nachteil sein. Ich jedenfalls habe meinen Ungehorsam nicht bereut. Auch nicht, wenn ich von den beiden Kardinälen Ratzinger und Wetter  viel Leid und Unrecht ertragen musste. Meine Pfarrangehörigen schätzen mich auch heute noch, und es ist eine Freude, wenn wir uns begegnen.  

Ungehorsam war manchmal absolut notwendig, um meine Pflichten als Missionar gewissenhaft zu erfüllen. Dann gab es großen Ärger mit dem Erzbischof. Er hatte immer Recht. „Nur ein gehorsamer Priester ist ein guter Priester,“ bekam ich dann zu hören. Einmal hatte ich ein großes Grundstück in einem Bantu-Reservat  ersteigert. Das ging nur, weil ich einem Neger immer wieder einen höheren Betrag ins Ohr geflüstert hatte, bis der Magistrat ihm den Zuschlag gab. „Alles hinaus geworfenes Geld“ wetterte der Erzbischof. Heute ist dort in Witfontein (zwischen Dennilton und Groblersdal) eine blühende Missionsstation. 

Gegenüber dem Erzbischof ungehorsam zu sein, brachte mir damals auch schlaflose Nächte. In Cullinan sollte ich auf seine Anweisung hin keine Schwarzen in die Kirche der Weißen lassen. Das Gebot der Rassentrennung gelte auch für mich, betonte der Erzbischof. Ich musste mich also entscheiden. Ich blieb unnachgiebig, und ungehorsam, koste es, was es wolle. Dieser Ungehorsam zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Und ich bereue nichts. Im Gegenteil. Für mich ist der Ungehorsam eine Tugend, auch wenn die frommen Christen es nicht verstehen. 

Vor meinem Abflug nach Südafrika hatte ich mir überlegt, welche Leute ich dort gerne besuchen möchte. Ich suchte nach ihren Adressen, schrieb ihnen einen Brief, und hoffte auf das Beste. Die erste Einladung erhielt ich von Mrs. Thorn. Ihr Mann war als Alkoholiker aus dem Krieg zurückgekommen, und inzwischen verstorben. Sie hatte es wahrlich nicht leicht. Die weißen Katholiken trafen sich abwechslungsweise in ihren Häusern zum Gottesdienst. Ich erinnerte mich, als Mrs. Thorn an der Reihe war, fand ich ihren Mann total betrunken. Er lag unter dem Tisch, und mit vereinten Kräften schleppten wir, Mrs. Thorn und ich, ihren Mann ins Bett. Dann holte ich meinen Messkoffer aus dem Auto und bereitete alles für den Gottesdienst.  

Die nächste Einladung kam von Mr. und Mrs.  Woods. Früher lebte die Familie auf einer kleinen Farm  Es war immer ein großes Erlebnis diese Familie auf ihrer Farm zu erleben. Neben den 6 Kindern gehörten auch zwei Kühe, ein Schwein und ein Pony zur Familie. Dennis arbeitete bei der Post. Er wurde vor einigen Jahren nach Kapstadt versetzt, und freute sich auf unseren Besuch. 

Auch Inge kam mit einer großen Neuigkeit aus München zurück. Rein zufällig hatte sie eine ehemalige Mitstudentin getroffen, mit der sie damals im gleichen Studentenheim wohnte. Es war Hanni. Voller Begeisterung erzählte sie der Inge, dass sie zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Schwager in Umchlange, einige Meilen nördlich von Durban, ein wunderschönes Haus gekauft hatten. Dieses prächtige Anwesen war nur einige Schritte vom Strand entfernt. Es war sehr billig zu haben, weil die weißen Besitzer seit dem Ende der Apartheid nicht mehr in Südafrika leben wollten. Sie hatten große Angst vor den Schwarzen, die jetzt überall im Land das Sagen hatten. Zum Abschied bekam Inge sogar ihre Visitenkarte mit genauer Adresse und Telefonnummer, und mit der Bitte, sie dort möglichst bald zu besuchen. 

Wir fühlten uns wie echte Glückspilze, weil uns Father Josef auch noch ein Auto zur Verfügung gestellt hatte. Glücklich und zufrieden bedankten wir uns ganz herzlich bei ihm, und stiegen in den Flieger nach Durban. Kurz vor der Landung in Durban konnten wir einen Blick auf den Hafen werfen. Es waren auch einige Schiffe zu sehen. Vielleicht war auch die Europa dabei, auf der ich im Jahr 1954 von Venedig nach Durban reiste. 

Damals hatte mich ein Pater aus der Missionsstation Marianhill vom Hafen abgeholt. Als wir in Marianhill ankamen, läuteten gerade die Glocken zur Andacht. Wir gingen deshalb gleich in die Kirche. Alle sangen: Tantum ergo sacramentum veneremur cernui. Ich aber brachte keinen Ton heraus. Es war für mich absolut unmöglich, damals in diesen Lobgesang einzustimmen. Die Leute sangen nämlich diesen Hymnus nach der Melodie: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt. Ich konnte es kaum glauben. Diese Missionsstation wollte ich nach so langer Zeit unbedingt wieder sehen.  

Es gab Schulen aller Art, also Volkschulen, Berufsschulen mit Werkstätten, ein eigenes Gymnasium für Buben und Mädchen. Sogar eine Kunstakademie war inzwischen entstanden. Das  Hospital besaß alle Einrichtungen eines moder-nen Krankenhauses. Wirklich, ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.  

Von dort rief Inge dann ihre alte Freundin an. Und kurz darauf waren wir in Umchlanga. Ihr Haus befand sich tatsächlich in bester Lage. Die Fenster und Türen waren allerdings mit dicken  Eisenstangen gesichert, was uns unwillkürlich an ein Gefängnis denken ließ. Mit großer Freude führten Hanni uns durch das ganze Haus, und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Von oben hatten wir einen Blick auf den Garten mit einem gepflegten Schwimmbecken in der Mitte, das wir fast täglich benützten. 

Studienkollegin Hanni von Inge Starzner, Inge Starzner, die Schwester und der Schwager von Studienkollegin Hanni in ihrem Haus in Umchlange bei Durban

In Durban führte uns ein Oman durch die Mosche, angeblich die größte auf der südlichen Halbkugel. Er belehrte uns dabei sehr ausführlich über Mohammed,  ohne jedoch aufdringlich zu sein. Dann verabschiedeten wir uns vom Omam,   schlenderten durch den Indian Market, und stillten unseren Hunger mit Curry and Reis „as hot as hell!“ Gestärkt mit dieser heißen Kost besuchten wir auch die katholische Kathedrale. Dort war Dennis Hurley tätig, der sich glaubhaft für die Schwarzen eingesetzt hatte. Ich musste an eine Geschichte denken, die mir Father Brannigan in Bantule erzählt hatte. Bei einem Pontifikalamt soll er einem Ministranten zugerufen haben: “Mitra aufsetzen!  Jener Ministrant soll sich dann selber - nicht dem Erzbischof!- die Mitra aufgesetzt haben. Ich musste selber schmunzeln, als ich diese Geschichte erzählte. 

Am nächsten Tag besuchten wir das berühmte  Aquarium direkt am Strand. Noch nie waren wir den riesigen Haifischen, den Mantas und Rochen  so nahe. Nur eine Glaswand trennte uns von diesen Ungeheuern.    

Viel Zeit verbrachten wir auch im Schwimmbecken hinter dem Haus unserer Freunde. Wenn wir uns dann ausgetobt hatten, und uns im Schatten liegend erholten, besuchten uns wiederholt einige Affen. Sie benützten die Telefonleitung, die quer über den Garten lief. Mühelos hingen sie an dieser Leitung, und schauten auf uns herunter. Wenn wir dann in die Hände klatschten, verschwanden sie so blitzschnell wie sie gekommen waren. 

Das Haus konnten wir nur bei Tag verlassen. Denn am Abend war ein Spaziergang zu unsicher. Gefährliche Räuberbanden konnten uns dann überfallen, deshalb waren wir immer vor Einbruch der Dunkelheit daheim. Es war auch zu gefährlich,  Unbekannten die Haustüre zu öffnen. So blieb uns nichts anderes übrig, als den schwarzen Sängerknaben, die uns mit ihren weihnachtlichen  Liedern erfreuten, unsere Gaben durch die Gitterstäbe zu überreichen. Schließlich kam dann die Zeit, uns zu verabschieden. Denn für uns ging es weiter nach Kapstadt, wo Dennis und Gwen Woods auf uns warteten. 

Vom links: Willibald Glas, Gwen Woods und Dennis Woods bei einem Spaziergang am Strand

Die Woods überraschten uns mit einem vollen Programm für jeden Tag. Sie zeigten uns zuerst das End House, also die Villa am Ende der Welt.  Der Erzbischof war dort zufällig anwesend. Er sah die Woods vor seiner Villa stehen, und bat sie sofort in das Haus. Es gab Tee, den der Erzbischof selber zubereitete. Dabei kamen einige Probleme der Kirche zur Sprache. Dann ging es weiter nach Summerset West. Die Hauptstraße erstrahlte bereits im weihnachtlichen Schmuck, mit dem Christkind in der Krippe, mit Maria und Josef und den Hirten auf dem Feld. Die ganze Weihnachtserzählung war zu sehen. Ein unvergesslicher Anblick.   

Am nächsten Tag machten wir uns bereits in aller Früh auf den Weg nach Paarls Rock, dann nach Hells Hoochte, und sogar bis Stellenbosch. Ganz erschöpft fielen wir wieder ins Bett. Den nächsten Morgen besuchten wir die St. Marys Cathedrale, mit dem Grab von Kardinal McCann. Dann fuhren wir zum bekannten Signal Hill. Wir sahen hinüber nach Robben Island, wo Mandela  27 Jahre im Gefängnis verbrachte. Dann ging es weiter nach Simons Town. Und am nächsten Tag ins Tigervalley, eine wilde und zerklüftete Landschaft. Vor unserer Rückkehr nach Sauerlach besuchten wir noch Bellville und  Kerstenbosch, und auch noch das berühmte Rhodes Memorial. 

Nur wenige Monate später, erhielten wir die traurige Nachricht, dass Dennis nach kurzer und schwerer Krankheit verstorben ist. Als junger  Mann war er an den verschiedenen Orten, die er im Alter  unbedingt noch einmal sehen wollte. Es hatte sich aber keine Gelegenheit ergeben, dieses Vorhaben zu verwirklichen. Mit unseren Besuch wurde sein lange gehegter  Herzenswunsch endlich Wirklichkeit. 


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