Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Die Peterspfennig-Kollekte,    Die Jagerbäuerin,    Die Caritas,    Die Disziplinarordnung,    Der Pfarrgemeinderat,    Unser Muckerl,    Eine beachtliche Geburtstagsfeier,    "Hoagascht" im Trachtenheim


Die Peterspfennig-Kollekte

Mein völlig neues Denken war im Laufe der Zeit an den Argetern nicht spurlos vorübergegangen. Besonders deutlich wurde das in jener erbitterten Auseinandersetzung mit Kardinal Josef Ratzinger wegen der Peterspfennig-Kollekte.

Am 1. Juli 1980 erreichte sie in einer einstweiligen Amtsenthebung und Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand einen traurigen Höhepunkt. Das kam so: Am 3. Juni 1980 schickte der Erzbischof von München und Freising an alle Pfarrgemeinden seines Bistums einen besonderen Aufruf zur Kollekte für den Peterspfennig. Dieser hatte folgenden Wortlaut:

„Liebe Brüder und Schwestern in Christus! Seit über hundert Jahren ist es bewährter Brauch, daß die Gläubigen der ganzen Welt durch die Gabe für den Peterspfennig ihre Mitsorge und Solidarität mit den umfangreichen Aufgaben des Heiligen Vaters sichtbar zum Ausdruck bringen. Wenn ich heute mit dem Aufruf zur diesjährigen Kollekte ein persönliches Wort an Sie richte, so entspricht dies einem besonderen Anliegen. Bei der Versammlung aller Kardinale im November vergangenen Jahres wurde neben anderen Fragen eingehend über die Finanzlage des Vatikans beraten. Da der fortschreitenden Ausweitung der Verpflichtungen des Heiligen Stuhls für die Weltkirche kein vergleichbares Wachstum der Einkünfte entspricht, bedarf der Papst mehr als zuvor unserer großherzigen Unterstützung. Gewiß leisten die Katholiken unseres Landes vor allem durch die Spenden für Misereor und Adveniat Beispielhaftes für die Kirche in der dritten Welt. In der gegenwärtigen Zeit sind wir aber auch aufgerufen, unsere Ehre daranzusetzen und mit beizutragen, daß der Heilige Vater als Nachfolger des Apostel Petrus seinen vielfachen Aufgaben für die Kirche auf dem ganzen Erdkreis gerecht werden kann.

Der Kollektensonntag fällt dieses Jahr zusammen mit dem Fest der Apostel Petrus und Paulus. Ich bitte alle Gläubigen und alle Pfarrgemeinden unseres Bistums, an diesem Tag der Anliegen unseres Heiligen Vaters in besonderer Weise zu gedenken und durch ein großzügiges Opfer die Verbundenheit mit dem Papst zu bezeugen."

Dieser Brief Ratzingers ging mir gewaltig gegen den Strich. Ich überlegte hin und her. Schließlich entschloß ich mich einen kurzen Kommentar zu verfassen und hängte beides in den Schaukasten bei der Kirche. Damals kursierten die wildesten Gerüchte über eine Reihe von Finanzskandalen des Vatikans. Ich ging nicht darauf ein. Meine Bedenken waren anderer Natur. So schrieb ich:

„Liebe Pfarrangehörige!

Zum obenstehenden Aufruf unseres Herrn Kardinals bitte ich Sie zu bedenken, ob Sie einen Papst finanziell unterstützen wollen,

der mit allen Mitteln auf seine ,Unfehlbarkeit' pocht, anstatt gläubig zu vertrauen, daß sich die Wahrheit letzten Endes ganz von selber durchsetzen wird.

der sich mit HEILIGER VATER anreden läßt, aber seinen eigenen ,Söhnen' im Priesteramt die erbetene Rückversetzung in den Laienstand hartherzig verweigert.

der als Stellvertreter des ewigen guten Hirten zahllose Pfarreien auf der ganzen Welt ohne Priester sein läßt, nur um das eh und je umstrittene Gesetz priesterlicher Ehelosigkeit aufrecht zu erhalten.

der die Liebe Christi zum Leuchten bringen will, aber den geschiedenen wiederverheirateten Ehepaaren, die aus ihren Fehlern gelernt haben und längst ein vorbildliches Leben führen, weiterhin von den Sakramenten ausschließt.

Aus diesen Gründen kann ich dem Aufruf unseres Herrn Kardinals nicht folgen. Statt dessen überweise ich meine Spende an den „FREUNDESKREIS KIRCHE FÜR UNSERE ZEIT'. Allen, die dem Aufruf des Herrn Kardinals trotzdem folgen wollen, darf ich versichern, daß ich das Ergebnis der Kollekte vom 29. Juni pflichtgemäß an die Erzbischöfliche Finanzkammer überweisen werden."

Diese vier Punkte, die ich der Pfarrgemeinde zum Überdenken vorgelegt hatte, hatten lediglich Tatsachen zum Inhalt, die überdies allgemein bekannt waren. Von Beleidigung konnte rein sachlich keine Rede sein. Trotzdem behauptete der Kardinal, daß ich damit den Papst schwer beleidigt hätte. Für Ratzinger war diese angebliche Beleidigung des Papstes so himmelschreiend, daß er noch am selben Tag, als er aus der Tageszeitung von meinen Bedenken erfuhr, zwei seiner altgedienten Prälaten zu mir entsenden mußte. Sie kamen in einem schwarzen Dienstwagen angefahren. Seit ihrem Anruf waren ca. 20 Minuten vergangen. So eilig hatten sie es. Von den Prälaten war der eine leichenblaß. Er wischte sich ständig dicke Schweißtropfen von der Stirne. Der Jüngere war rot wie ein Krebs. Sie machten den Eindruck, als wären sie gerade noch einem schweren Unglück entkommen.

Die Prälaten kamen gleich zur Sache. Ich sollte meine Stellungnahme zum Spendenaufruf des Kardinals sofort und mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns zurücknehmen. Dazu war ich natürlich nicht bereit. Ich versicherte ihnen aber, daß ich sobald als möglich in einem Schreiben darauf zurückkommen würde. So schrieb ich am 12. 6. 1980 an das Erzbischöfliche Ordinariat in München:

Sehr geehrte Herren,

bezugnehmend auf den freundlichen Besuch ... darf ich Ihnen folgende Mitteilung machen:

„Aufgrund des Gespräches mit den oben genannten Herren habe ich sofort eine Sitzung des Pfarrgemeinderates einberufen. Dabei wurde mir ohne Gegenstimmen oder Enthaltungen vom Pfarrgemeinderat das Vertrauen ausgesprochen. Der Pfarrgemeinderat hat es bedauert, daß der Aufruf des Herrn Kardinals zur Kollekte des Peterspfennig gerade wegen dieses Inhaltes nur für den eigentlichen Kern der praktizierenden Katholiken annehmbar sei. Geld sei nun einmal ein „heißes Eisen" und ein Ärgernis für viele Gläubige, die der Kirche mehr oder weniger entfremdet sind.

Gerade diese der Kirche ferner stehende oder gar schon entfremdete Mehrheit habe ich mit meiner Stellungnahme vom 8. Juni 80 tatsächlich angesprochen. Das konnte mir nur gelingen, weil ich mich voll und ganz und ohne Rückendeckung von oben, eben mit diesen der Kirche gegenüber fernstehenden Katholiken identifiziert habe. So bin ich den Fernstehenden ein Fernstehender geworden mit dem einzigen Ziel, gerade diese Leute der Kirche wieder näher zu bringen. Ganz besonders möchte ich betonen, daß es mir absolut fern liegt, unseren Herrn Kardinal, oder gar unseren Heiligen Vater beleidigen zu wollen. Wo immer dieser Eindruck entstanden sein mag, bedauere ich dies aufrichtig."

Von diesen vier zum Überdenken veröffentlichten Punkten hatte ich nichts zurückgenommen. Ich hatte lediglich bekräftigt, daß ich damit weder den Papst noch den Bischof beleidigen wollte. Was aber macht das Erzbischöfliche Ordinariat daraus? Es behauptet völlig verlogen in der „Münchener Katholischen Kirchenzeitung" vom 29. 6. 80:

„Pfarrer bedauert sein Handeln."

Diese plumpe Lüge, für die letzten Endes kein geringerer als ein Kardinal der heiligen römisch-katholischen Kirche verantwortlich ist, veranlaßt mich, auf eine sehr interessante Nebensächlichkeit aufmerksam zu machen.

Auch die Ludwig-Maximilians-Universität in München befaßte sich sehr ausführlich mit dieser Sache. Dies geschah im Sommersemester 1980, und zwar in einem interdisziplinären Seminar, das von so namhaften Professoren geleitet wurde, wie Biser, Bürkle, Roegele und Schreiber. Das Thema dieser Seminararbeit lautete: „Der Peterspfennig - Konflikt zwischen Pfarrer Willibald Glas (Arget) und dem Erzbischöflichen Ordinariat in München." Verfasser war Gerhard Krafft, damals Student der evangelischen Theologie und der Zeitungswissenschaft im 8. Semester.

In dieser sehr umfangreichen Arbeit heißt es: „Das Erzbischöfliche Ordinariat informiert Presse und Öffentlichkeit . . . falsch und tatsachenwidrig. Die Münchener Katholische Kirchenzeitung übernimmt diese Verfälschung unkorrigiert und verstärkt sie durch Erhebung des unwahren Kerns in den „Rang" einer Überschrift; durch den Publikationszeitpunkt gerät die MKKZ zudem in den begründeten Verdacht bewußter Falschmeldungsabsicht" (Seite 46) ... Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die publizistische Phase vor dem Spendensonntag geprägt ist von einer „falschen" (Ordinariat, MM, MKKZ) Darstellungsfront gegenüber einer um Korrektur bemühten (SZ)."

Es kommt noch schlimmer. Obwohl das Äußern von Bedenken zum Spendenaufruf Ratzingers kein Vergehen darstellt, weist er seinen Generalvikar an, mich augenblicklich vom Dienst zu suspendieren. Und um seine maßlose Willkür zu rechtfertigen, verlangt er von seinem Chefredakteur, mich in aller Öffentlichkeit als einen vom Teufel Besessenen hinzustellen. Der Kardinal griff also in seiner grenzenlosen Wut zu Mitteln der Ehrabschneidung, der Verleumdung und der Beleidigung. Deshalb hieß es in der MKKZ, dem Sprachrohr des Kardinals, in der Ausgabe vom Samstag, den 12./13.7.1980:

Welcher Teufel war's"

„. . . Welcher Teufel den Pfarrvikar von Arget in seiner Peterspfennig-Affäre geritten haben mag, ist vorerst noch nicht klar ersichtlich. Bei Powers scheint er nicht aufgeführt - oder vielleicht doch? Denkbar sind mehrere Möglichkeiten ...

In Kenntnis schon geschriebener Briefe und in Vorausahnung weiterer Reaktionen sei angemerkt, daß noch so ehrenwerte Gefühle und Solidaritätsbekundungen kein Ersatz sind für die Kenntnis der wahren Sachlage."

Der Schuß, den der Kardinal durch seinen Chefredakteur auf mich abfeuern ließ, war nach hinten losgegangen. Mit derart starken Reaktionen und Solidaritätsbekundungen aus allen Kreisen der Bevölkerung hatte er nicht gerechnet. Seine Absicht, mich als einen von einem Teufel besessenen Menschen hinzustellen, hatte ihn selber in große Bedrängnis gebracht. Für sein verwerfliches Unterfangen mußte ein Sündenbock gefunden werden. Für einen Kardinal weiter kein Problem. Der Generalvikar hatte den Kirchenfürsten von jeden Makel eines Verdachtes reinzuwaschen. Aus diesem Grunde schrieb er in der Kirchenzeitung:

„Niemals unehrenhafte Motive unterstellt" Dann heißt es weiter:

„Mit einer Glosse „Welcher Teufel war's" wurde in der Ausgabe der MKKZ vom 13. Juli 1980 auf dieser Seite das Verhalten des Pfarrvikars von Arget kommentiert. Als Dienstvorgesetzter von Pfarrer Willibald Glas halte ich mich für verpflichtet, hierzu einiges klarzustellen:

Die MKKZ ist eine selbständige kirchliche Wochenzeitung und nicht schlechthin das „Sprachrohr des Kardinals" oder des Erzbischöflichen Ordinariats, wenn sie auch als Blatt des Erzbistums München und Freising der Diözesanleitung besonders nahe steht. Die Glosse über Pfarrer Glas war vom Erzbischöflichen Ordinariat weder veranlaßt noch in irgend einer Weise gewünscht. Presseberichte, wonach das Erzbischöfliche Ordinariat „in der Kirchenzeitung reagiert" und den Pfarrer offiziell ,verteufelt' habe, sind daher unzutreffend.

Die Glosse vom 13. Juli wird vom Erzbischöflichen Ordinariat bedauert. Sie hat nicht nur Herrn Pfarrer Glas verletzt, sondern auch die laufenden Bemühungen der Diözesanleitung um eine Verständigung mit ihm empfindlich gestört. Wenn auch die Aktion von Pfarrer Glas im Zusammenhang mit der Sammlung für den Peterspfennig mißbilligt werden

mußte und sich der Herr Kardinal zu der bekannten Entscheidung gezwungen sah, so hat das Erzbischöfliche Ordinariat Pfarrer Glas doch niemals unehrenhaft Motive unterstellt. Es wird im Gegenteil anerkannt, daß Pfarrer Glas, der in den ersten 14 Jahren seines priesterlichen Dienstes unter großen Opfern in der Mission arbeitete, sich in der Seelsorge unseres Bistums selbstlos eingesetzt hat und seinen Pfarrangehörigen hilfsbereit und mit Verständnis für ihre Nöte begegnete. 3. Wie aus der Verlautbarung des Priesterrates der Erzdiözese vom 16. Juli und aus der öffentlichen Stellungnahme des Erzbischöflichen Ordinariats vom 18. Juli - beides ist auf dieser Seite abgedruckt - zu ersehen ist, gehen die Bemühungen um eine beiderseits annehmbare Lösung weiter. Gespräche mit Pfarrer Glas sind in nächster Zeit vorgesehen. Die vom Priesterrat im Zusammenhang damit zum Ausdruck gebrachte Hoffnung auf einen guten Ausgang teilt auch das Erzbischöfliche Ordinariat. Dr. Gerhard Gruber Generalvikar."

Dazu noch einmal einige Zitate aus dem interdisziplinären Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München. Diese entstanden, wie gesagt, im Sommersemester 1980 unter der gemeinsamen Leitung der Professoren: Biser, Bürkle, Roegele und Schreiber.

„Die auf die Glosse bezugnehmende kommuniquehafte Klarstellung Dr. Grubers in der MKKZ vom 27. 7. 80 bedauert die Glosse. Sie betont, daß „das Erzbischöfliche Ordinariat Pfarrer Glas doch niemals unehrenhafte Motive unterstellt" habe. Im Entpflichtungsschreiben des Erzbischöflichen Ordinariates vom 1. Juli 1980 heißt es aber u. a.:

„... unter Angabe von unhaltbaren und für den Papst beleidigenden Gründen..." und „... Ihr gegenüber dem Papst und Ihrem Bischof ehrfurchtsloses und ungehorsames Verhalten..."

„Beleidigend", „ehrfurchtslos" und „ungehorsam" sind Begriffe, die das „Niemals unehrenhafte Motive unterstellt" widerlegen; anders ausgedrückt: Die Erklärung Dr. Grubers ist in ihrem Kern unwahr."

Schlechter hätte das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Untersuchung kaum ausfallen können.

Dieser „blaue Brief" aus dem Erzbischöflichen Ordinariat hatte folgenden Wortlaut:

  • Betreff: Entpflichtung als Pfarrvikar von Arget-St. Michael; Beurlaubung vom Seelsorgsdienst und Versetzung in den zeitlichen Ruhestand.

  • Bezug: Unser Schreiben vom 20. Juni 1980; Ihr Schreiben vom 26. Juni 1980.

Sehr geehrter Herr Pfarrer!

Nachdem Sie sich öffentlich, unter Angabe von unhaltbaren und für den Papst beleidigenden Gründen, vom Spendenaufruf unseres Erzbischofs distanziert hatten, konnten wir aus Ihrem Schreiben vom 12. Juni 1980 entnehmen, daß Sie Ihr gegenüber dem Papst und Ihrem Bischof ehrfurchtsloses und ungehorsames Verhalten bedauern. Sie haben jedoch nachfolgend die Öffentlichkeit in dem Sinn informiert, daß Sie von Ihrer ursprünglichen Haltung nichts zurücknehmen würden. Um die dadurch gegebene Situation zu klären, hatte ich Sie für Freitag, den 20. Juni 1980, zu einer Besprechung gebeten, zu der Sie wegen Erkrankung nicht kommen konnten. In der Absicht, einer weiteren Zuspitzung der Situation vorzubeugen, suchte ich das Gespräch mit dem Pfarrgemeinderat, worüber Sie Herr Dekan Schmid informiert hat. Nun brachten Sie in Ihrem Brief vom 26. Juni 1980 neben einigen völlig falschen Unterstellungen zum Ausdruck, daß Sie in keiner Weise zu einer Änderung Ihrer Haltung bereit sind. Offensichtlich übergaben Sie diese Stellungnahme auch der Öffentlichkeit, wie aus dem Artikel „Denken darf nicht nur der Bischof in der Süddeutschen Zeitung vom 1. Juli 1980 zu ersehen ist. Damit sind zu unserem großen Bedauern die Voraussetzungen für Ihr weiteres seelsorgliches Wirken in Arget, in loyaler Zusammenarbeit mit dem Bischof, nicht mehr gegeben.

Der Herr Kardinal hat aufgrund dieser Ihrer ehrfurchtslosen Äußerungen gegenüber dem Papst und Ihres Ungehorsams gegenüber dem Bischof mit Zustimmung der Ordinariatssitzung heute beschlossen, Sie mit Wirkung von heute als Pfarrvikar von Arget-St. Michael zu entpflichten.

Gleichzeitig werden Sie vom Seelsorgsdienst beurlaubt und zunächst für die Dauer eines Jahres in den zeitlichen Ruhestand versetzt; Sie werden hiermit auch in die entsprechenden Bezüge aus der Diözesanemeritenanstalt eingewiesen. Als vorläufiger Wohnsitz wird Ihnen das Kommorantenhaus in Traunstein - St. Oswald, Frühlingstraße 27, zugeteilt. Wir weisen Sie an, den Umzug bis spätestens 31. Juli 1980 zu vollziehen. Mit höflichem Gruß! Dr. Gerhard Gruber Generalvikar."

In meiner Stellungnahme zum Peterspfennig-Aufruf Ratzingers hatte ich die Pfarrangehörigen lediglich dazu aufgefordert, die Angelegenheit gründlich „zu bedenken". Mehr nicht! Nun frage ich: Was war daran so „unhaltbar", so „beleidigend", so „ehrfurchtslos" und so „ungehorsam", daß ich deswegen auf der Stelle vom Dienst suspendiert werden mußte?

Die Antwort liegt auf der Hand: Ein guter Katholik hat nichts zu bedenken. Das ist die Sache des Bischofs. Er ist der von Gott bestellte Vordenker der Gläubigen. Ihre Aufgabe erschöpft sich im blinden Gehorsam. So will es die angeblich von Gott gegebene Ordnung in der Kirche!

In diesem „blauen Brief" des Generalvikars wird eigens auf das Schreiben vom 20. Juni 1980 hingewiesen. Dieser hat folgenden Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Pfarrer

Aufgrund des von Ihrem Hausarzt Dr. Knaus vorgelegten Attests, demgemäß Sie wegen einer akuten Erkrankung dienstunfähig sind, beurlauben wir Sie bis zunächst 15. Juli 1980 von Ihrer Aufgabe als Pfarrvikar von Arget. Die Vertretung wird in einem gesonderten Schreiben geregelt. Wir gehen davon aus, daß Sie sofort, gemäß der Weisung des Arztes, einen Kranken- und Erholungsurlaub antreten. Wir wünschen Ihnen baldige gute Genesung. Mit freundlichem Gruß! Dr. Gerhard Gruber Generalvikar."

Diese „akute Krankheit" bestand in sehr angsterregenden Herzbeschwerden. Auslöser war eine Vorladung in das Erzbischöfliche Ordinariat für „morgen, Freitag, 20. Juni 1980 um 9.00 Uhr." Weiter hieß es: „Es ist in jedem Fall notwendig, daß die Besprechung morgen um 9.00 Uhr stattfindet, da Ihr weiteres seelsorgliches Wirken in Arget aufgrund der gegebenen Situation von einer raschen Klärung der offenen Fragen abhängt."

Ich wußte genau, wie derartige Vorladungen zu verlaufen pflegen, besonders wenn diese von einem Dienstvorgesetzten als absolut „notwendig" eingestuft werden und nichts anderes als eine „rasche Klärung" zum Ziel haben. Nur ein Ochs geht nichtsahnend zu seinem Metzger! Ich landete im Krankenhaus. Damit war diese Besprechung geplatzt.

Dem Generalvikar kam mein Aufenthalt im Krankenhaus nicht ungelegen. Nun glaubte er, meine Auseinandersetzung mit Kardinal Ratzinger sogar ohne mich, in meiner Abwesenheit, einer „raschen Klärung" zuführen zu können. Ich erfuhr davon gerade noch rechtzeitig. Zutiefst darüber empört und wütend meldete ich meinen Einspruch an. Das geschah in meinem Schreiben an das Erzbischöfliche Ordinariat vom 26. Juni 1980. Darin hieß es:

Sehr geehrte Herren!

Nach meiner Rückkehr aus dem Krankenhaus mußte ich erfahren, daß Herr Generalvikar Dr. Gruber für kommenden Dienstag oder Donnerstag den Pfarrgemeinderat in Arget zu einer Sondersitzung einberufen wollte. Dagegen habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Daß er dies aber heimlich, still und leise, während meiner Abwesenheit im Krankenhaus zu tun gedachte, hat mich tief getroffen. Angeblich wollte er in Arget ,linke Gruppen' aufspüren, für die ich dann mühelos verantwortlich gemacht werden könnte. So versucht der Generalvikar seinen alten Freund und Klassenkameraden in die „Wüste" zu schicken. Daß sich Dekan Schmid dafür einspannen ließ, ist mir unbegreiflich. Er besuchte mich freundlicher Weise - oder scheinheiligerweise? ich weiß es nicht! - im Krankenhaus und sagte mir, daß er anschließend gleich die PGR-Vorsitzende Frau . . ., besuchen würde. Nichts Böses ahnend, dankte ich ihm für seine Mühe.

Ebenso weise ich hiermit den faulen Kompromiß von Domkapitular Dr.... mit Empörung zurück, wonach es ihm vollkommen gleichgültig sei, was ich denke, vorausgesetzt, daß nichts an die Öffentlichkeit kommt.

Wundern Sie sich jetzt immer noch, warum mein Vertrauen in die kirchliche Obrigkeit gleich Null ist? Wieder mußte ich erfahren, daß Sie nur Ihr eigenes ,Süppchen kochen' und von den Untergeordneten verlangen, sie ,auszulöffeln', auch wenn sie daran ,ersticken' sollten. Zum letzten Mal sage ich Ihnen: Ihre Suppe esse ich nicht! Mag sie essen, wer will! Abschließend möchte ich der Erzbischöflichen Pressestelle unmißverständlich wissen lassen, daß ich keineswegs weiterhin gewillt bin, mich als „PSYCHOPATHEN" abstempeln zu lassen, nur weil ich eine eigene Meinung habe. Sollte weiterhin in dieser Weise über mich gesprochen werden, sähe ich mich veranlaßt dafür zu sorgen,daß Sie dies ein für allemal unterlassen. Hochachtungsvoll W. Glas Pfarrer. Nachrichtlich: An den Freundeskreis."

Ratzinger hatte nicht mit meiner Unbeugsamkeit gerechnet. Er war fest überzeugt, daß seine diensteifrigen Prälaten alle meine Bedenken gegen seinen oberhirtlichen Spendenaufruf schnellstens aus der Welt schaffen würden. Tatsächlich hatten sie auch alles getan, was sie nur konnten, aber jedesmal ohne Erfolg. Statt dessen bekam der Kardinal schon in aller Frühe mit der Süddeutschen Zeitung einen Artikel ins Haus, der ihn vollends zum Platzen brachte.

DENKEN DARF NICHT NUR DER BISCHOF " Diese Überschrift war mit großen, dicken Buchstaben zu lesen.

Darunter hieß es dann: „Pfarrer Glas aus Arget pocht auf seine Mitverantwortung im geistlichen Amt." Mit dieser Zeitung in Händen kam Ratzinger dann zur morgendlichen Sitzung. „Jetzt reicht's!" soll er gerufen haben und knallte die Zeitung auf den Tisch. „Der Mann ist suspendiert! - Ab sofort!" Die Würfel waren gefallen. Die Prälaten, als die Vollzugsbeamten des Kirchenfürsten, hatten diesen Beschluß Ratzingers auf der Stelle auszuführen. Fragen tauchten auf:

Amtsenthebung - wie lange? - Auf Lebenszeit? - Für eine bestimmte Dauer? Mögliche Auswirkungen mußten ausführlich besprochen werden. Auch das Ansehen des Kardinals galt es zu bedenken. Schließlich war es dann geschafft. Die Fernschreiber tickten:

„diePressestelle des Ordinariates muenchen meldet:

Pressemitteilung Muenchen, 2. Juli 80

der Pfarrvikar von Arget, Pfarrer Willibald Glas, ist mit sofortiger Wirkung als Pfarrvikar von Arget entpflichtet. er ist vom Seelsorgsdienst beurlaubt und in den einstweiligen ruhestand versetzt worden.

Der pfarrer hatte, auch mit oeffentlichen aeusserungen, Verpflichtungen seines priesterlichen Dienstes verletzt, in persönlichen Gespraechen und in Briefen hatte ihn das erzbischoefliche Ordinariat in Muenchen vergeblich um ein Einlenken gebeten, Ende"

Kardinal Ratzinger, der angeblich von Gott bestellte Hüter der Wahrheit, lügt buchstäblich wie gedruckt. Es ist einfach nicht wahr, daß ich „mit öffentlichen Äußerungen Verpflichtungen meines priesterlichen Dienstes verletzt" hätte. Ich hatte lediglich dazu aufgefordert, Ratzingers Spendenaufruf „zu bedenken". Eine Angelegenheit „zu bedenken", ist ganz im Gegenteil eine unverzichtbare Aufgabe für jeden verantwortungsbewußten Priester und Seelsorger. Kein Priester hat das Recht, sich zu einer Schallplatte, zu einem Tonband oder zu einem sonstigen Tonträger, entwürdigen zu lassen. Mein Aufruf an die Pfarrangehörigen, diese Angelegenheit eingehend „zu bedenken", war eine seelsorgliche Notwendigkeit. Damit steht fest: Es ist nicht alles wahr, was ein Kardinal behauptet! Gleiches gilt für die Mitteilungen aus dem Erzbischöflichen Ordinariat. Mein geharnischtes Schreiben an das Erzbischöfliche Ordinariat vom 26. Juni 1980 wurde ausdrücklich im „blauen Brief von meiner Amtsenthebung erwähnt. Es muß deshalb in Anwesenheit Ratzingers ausführlich behandelt worden sein. Aus diesem Grund bekommen die folgenden Ungereimtheiten einen besonderen hohen Stellenwert.

Darin hatte ich drei schwere Vorwürfe erhoben:

In meiner Abwesenheit eine Sondersitzung des Pfarrgemeinderates angestrebt zu haben, mit dem einzigen Ziel, endlich einen triftigen Grund für eine Amtsenthebung zu finden.

Einen faulen Kompromiß vorgeschlagen zu haben, wonach
mir volle Gedankenfreiheit zugesichert wäre, wenn ich dafür
Sorge trüge, daß davon nichts in die Öffentlichkeit kommen
würde.

Die Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats habe mich
als einen krankhaften Psychopathen bezeichnet.

Im „blauen Brief" wurden diese drei Vorwürfe als „völlig falsche Unterstellungen" zurückgewiesen. Ein anständiger Mensch tut so etwas nicht. Nun hatte ich mir aber erlaubt, so „unanständig" zu sein und obige Vorwürfe erhoben. Damit hätte ich für meine Kirchenbehörde eigentlich „unten durch" sein müssen. Aber weit gefehlt! In der Münchener Katholischen Kirchenzeitung vom 27. 7. 1980 behauptet der Generalvikar des Kardinals, daß das „Erzbischöfliche Ordinariat Pfarrer Glas niemals unehrenhafte Motive unterstellt" habe. Es war also durchaus „ehrenhaft" obige Vorwürfe gegen das Erzbischöfliche Ordinariat erhoben zu haben. Mit anderen Worten: Der Kardinal ließ alles drehen und wenden, wie er es gerade für opportun gehalten hatte. Ob dabei die Wahrheit mit Füßen getreten wurde, spielte dabei keine Rolle. Besonders deutlich wird dieser überaus traurige Sachverhalt noch durch folgendes:

Wie bekannt, hatte ich trotz meiner Amtsenthebung weiterhin alle pfarrlichen Amtshandlungen ausgeführt. Die Suspendierung war zwar vom Kardinal ausgesprochen worden. Sein Generalvikar hatte die entsprechende Urkunde ausgefertigt und mir durch einen Eilboten zustellen lassen. Ich aber hatte mich nicht daran gehalten, sondern betrachtete mich weiterhin als Pfarrer von Arget. Auch die Pfarrangehörigen betrachteten mich trotz der sogenannten Amtsenthebung ebenfalls als ihren Pfarrer.

Das war der Grund, warum dem Kardinal nichts anderes übrig blieb, als mich wieder in meinem Amt zu bestätigen. Das geschah am 20. November 1980. Bald darauf konnte ich mir eine Anfrage beim Erzbischöflichen Ordinariat nicht länger verkneifen. Ich wollte nämlich wissen, ob die Kirchenleitung nun endlich eingesehen hätte, daß die gegen mich erhobenen Vorwürfe, der Beleidigung, der Ehrfurchtslosigkeit und des Ungehorsams, unbegründet waren.

Diese Anfrage an das Erzbischöfliche Ordinariat stammte vom 3.12.80 und hatte folgenden Wortlaut:

Sehr geehrte Herren!

Für die erneute Ernennung zum hauptamtlichen Pfarrvikar von Arget sage ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank. Aus dieser Tatsache darf ich wohl entnehmen, daß Sie die gegen mich erhobenen Vorwürfe des Ungehorsams, der Ehrfurchtslosigkeit und der Beleidigung mit gutem Grund nicht mehr länger aufrecht erhalten können. Weiterhin darf ich davon ausgehen, daß Sie bei der Wiederernennung keineswegs - wie das bei hoffnungslosen Fällen üblich ist! - Gnade vor Recht ergehen ließen, sondern daß Sie vielmehr aus rein sachlichen Gründen alle Strafmaßnahmen gegen mich rückgängig gemacht haben. Auch dafür gilt Ihnen mein Dank und meine Anerkennung. Es wäre ja eine höchst merkwürdige Situation gewesen, wenn die Kirchenleitung einerseits verlangt, daß bereits Jugendliche im Religionsunterricht begreifen sollen, daß „um einer wichtigen Sache willen Konflikte in Kauf genommen werden" müßten und daß sogar die Fähigkeit einzuüben ist „zwischen Autorität und ihren Fehlformen zu unterscheiden", wenn andererseits dieselbe Kirchenleitung es nicht mehr nötig gehabt hätte, selber darüber zu reflektieren.

Ihre Bereitschaft, getroffene Fehlentscheidungen gewissenhaft zu revidieren bestärkt mich in der Annahme, daß auch jene alte Auseinandersetzung gütlich beigelegt werden könnte, die wegen meiner Anmerkung zu den Kommunalwahlen am 5. März 1978 mit Ihnen entstanden ist. Darauf bezugnehmend hatte ich bald darauf aus gegebenem Anlaß meiner grenzenlosen Enttäuschung Luft gemacht und den dafür verantwortlichen Herren im Erzbischöflichen Ordinariat wissen lassen, was ich seinerzeit über sie gedacht habe. Auch hatte ich mir damals geschworen, das Erzbischöfliche Ordinariat nicht mehr zu betreten, bis diese leidige Angelegenheit wirklich bereinigt ist. Ich meine, jetzt wäre dafür eine sehr günstige Gelegenheit. Mit freundlichen Grüßen! W. Glas Pfarrer"

Die Antwort auf meine Anfrage an das Erzbischöfliche Ordinariat erreichte mich am 29. Dezember 1980. Darin hieß es: „Diese ... Beurteilung der damaligen Vorgänge behalten selbstverständlich weiterhin ihre Gültigkeit." Von einem Eingeständnis begangener Fehler also keine Spur! Aber lesen Sie selbst, was der Generalvikar dazu zu sagen hatte. Wieder ein typisches Beispiel amtskirchlicher Schaukelpolitik!

Sehr geehrter Herr Pfarrer

Wir bestätigen den Eingang Ihres Briefes vom 3. Dezember 1980.

Sie kommen nochmal auf die Vorgänge zu sprechen, die seinerzeit zu Ihrer Entpflichtung vom Amt des Pfarrvikars in Arget geführt hatten. Hierzu möchte ich nur auf die Ausführungen des Herrn Kardinals in seinen beiden Briefen an Sie (vom 30. Juli und 13. November 1980), besonders auf das im 2. Abschnitt des erstgenannten Briefes Gesagte, verweisen. Diese Ausführungen des Herrn Kardinals mit der darin enthaltenen Beurteilung der damaligen Vorgänge behalten selbstverständlich weiterhin ihre Gültigkeit. Erst durch Ihr Versprechen, erneuter Loyalität für die Zukunft, das Sie dem Herrn Kardinal mündlich und schriftlich gegeben haben, war es dem Herrn Kardinal möglich, Sie wieder als Pfarrvikar von Arget einzusetzen. Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen für ein gesegnetes Neues Jahr! Ihr Dr. Gerhard Gruber."

Mit diesem Schreiben wurde lediglich erneut bestätigt, daß ein Kardinal keine Fehler machen könnte. Meine Anfrage mußte die Herrn Prälaten überdies sehr verunsichert haben. Sie hatten es nämlich nicht übers Herz gebracht, sich für meine so berechtigte und notwendige Anfrage zu bedanken. Weiter fiel mir auf, daß der Generalvikar sein Schreiben mit „freundlichen" Grüßen und sogar mit „guten Wünschen für ein gesegnetes Neues Jahr" beendet hatte. Obendrein unterschrieb er mit „Ihr" Dr. Gerhard Gruber. Für mich ein deutlicher Hinweis, daß der Generalvikar gespalten war. Er war selber nicht überzeugt vom Inhalt seines eigenen Briefes. Statt dem Kardinal offen zu sagen, was er dachte, kuschte er wie ein Hund vor seinem Herrn.

Ich war sprachlos und entsetzt. Am liebsten hätte ich dem Generalvikar die Ernennungsurkunde wieder zurückgeschickt. Dann aber dachte ich mir: „Was bringt es? - Nichts!" Ich mußte erfahren: Wer die Macht besitzt, braucht keine Wahrheit.

Diese Geschichte wäre nicht vollständig, wenn ich dem Vorwurf aus der Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats, ein „Psychopath" zu sein, nicht nachgegangen wäre. Aus diesem Grund ließ ich mich von Professor Dr. Feuerlein, dem Leiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, untersuchen. Er rechnete es sich als eine Ehre an, mir diesen Dienst zu leisten. So verbrachte ich einen ganzen Tag in seinem Institut in der Kraepelinstraße. Schließlich eröffnete er mir die Diagnose. Diese Lautete: „Vegetative Beschwerden." Also von Psychopathie keine Spur! Dies geschah am 20. 8. 80. Als fachärztliche Leistung wurde alles von der Krankenkasse bezahlt.

Der Kardinal war an den Tatsachen nicht interessiert. Er wollte exemplarisch den gesamten Klerus disziplinieren. Hatte er doch kurz vorher erleben müssen, wie sich ein nicht geringer Teil der Geistlichkeit gegen ihn und für Professor Hans Küng verbündeten. Gleich darauf hatten 64 Pfarrer seiner Erzdiözese es gewagt, einen seiner Hirtenbriefe ihren Gläubigen vorzuenthalten. Ratzingers Autorität war in Gefahr. Dann kam ich mit meinen Bedenken wegen der Peterspfennig-Kollekte. Das Faß war zum Überlaufen gebracht. Ratzinger mußte handeln. Und zwar gegen mich. Es spielte kaum eine Rolle, ob seine Maßnahmen angebracht waren oder nicht. Alle sollten wissen: Er ist der Herr! Was er sagt, hat zu geschehen, im blinden Gehorsam, ohne Wenn und Aber! So jedenfalls dachte er.

Seine Rechnung war nicht aufgegangen. Anstatt das Pfarrhaus in Arget zu räumen und nach Traunstein in die Frühlingstraße 27 umzuziehen, machte ich Urlaub auf Mykonos. Wieder heimgekehrt, ging alles weiter, als hätte ich nie etwas von einer Amtsenthebung gehört. Den braven, unkritischen, gedankenlosen, automatisch gehorsamen und unterwürfigen Geistlichen war ich ein lebendiges Ärgernis. Selbstverständlich fühlte sich der Kardinal diesen frommen Priestern verpflichtet. Er tröstete sie mit dem Versprechen, daß er mich nach Icking im Isartal, oder nach Großhöhenrain, bei Bad Aibling, versetzen würde.

Diese Absicht Ratzingers wurde in der Sitzung des Pfarrgemeinderates vom 29. September 1980 behandelt. Im Protokoll der Sitzung heißt es dazu:

„Die Auseinandersetzung zwischen Herrn Pfarrer Glas und dem Erzbischöflichen Ordinariat wurde eingehend besprochen. Herr Pfarrer Glas berichtete auch von dem Gespräch mit dem Herrn Kardinal. Dabei teilte Herr Pfarrer Glas mit, daß ihm vom Herrn Kardinal eine andere Pfarrei angeboten wurde, und daß er gerne bereit sei, sofort von Arget wegzugehen, wenn dies den Mitgliedern des PGR wünschenswert oder notwendig erscheinen sollte. Die Mitglieder des PGR sind auf dieses Angebot des Herrn Pfarrers nicht eingegangen, sondern gehen weiter davon aus, daß Herr Pfarrer Glas in Arget bleibt."

Diesen Beschluß des Pfarrgemeinderates sandte ich umgehend an das Erzbischöfliche Ordinariat. Dort war man allem Anschein nach darüber sehr enttäuscht. Dann versuchte der Generalvikar einen letzten Trick. Er rief mich an und sagte zu mir: „Du wirst doch nicht glauben, daß dieser Beschluß des Pfarrgemeinderates echt ist." Wie aus der Pistole geschossen, antwortete ich ihm: „Wenn dieser Beschluß nicht echt ist, dann sind auch Euere Beschlüsse allesamt erstunken und erlogen."

Damit hatte der Kardinal endgültig verloren. Als er dann München verlassen hatte und in Rom saß, fragten die Argeter verschmitzt: „Wer ist jetzt eigentlich gegangen? - Unser Pfarrer oder der Kardinal?"

Die Argeter waren nicht ganz ohne Grund auf meiner Seite. Ich erinnere nur an jenen Aushilfsgeistlichen, der mich während meines Urlaubs vertreten hatte. Er kam aus Polen und hatte mit seinem polnischen Katholizismus den Leuten das Leben unnötig erschwert. So fühlte sich jener Ordensgeistliche verpflichtet anläßlich eines Sterbefalles alle Hinterbliebenen zur Beichte zu nötigen. Im Augenblick der tiefsten Traurigkeit beängstigte er die Angehörigen mit dem letzten Gericht, das der Verstorbene ohne die Hilfe aller Verwandten und Bekannten nicht bestehen könnte. Er schilderte ihnen das Schicksal der Verdammten in den Qualen des nie erlöschenden Feuers. Die Hinterbliebenen hätten es in der Hand, durch eine Lebensbeichte das drohende Unheil für den Verstorbenen abzuwenden.

Der Pater soll damals auf die Hinterbliebenen eingeredet haben, als wäre er selbst soeben aus dem Jenseits zu ihnen gekommen. Die Männer machten sich möglichst unauffällig aus dem Staub. Mit den Frauen hatte er ein leichtes Spiel. Sie mußten ihm versprechen, im Anschluß nach der Aussegnung gleich zur Beichte zu kommen.

„Das war mit Sicherheit das letzte Mal, daß ich zum Beichten gegangen bin", versicherte mir die Tochter des Verstorbenen. „Was dieser Pater doch alles wissen wollte!" rief sie entsetzt. „Wieviele Männer ich bereits vor der Ehe gehabt hätte? Ob ich mit ihnen geschlafen hätte? Und wie ich es jetzt als verheiratete Frau halten würde?" Mit wahrer Wonne hätte er die Frau über alles ausgequetscht. Sie vermutete, daß sich der Pater damit nur selber aufgeilen wollte. Den übrigen Frauen und Mädchen erging es nicht anders. „Was haben wir nur verbrochen, daß unser Vater ausgerechnet während Ihres Urlaubs sterben mußte?!" fragten sie.

Nun kam es zu einem ausführlichen Gespräch über Sinn und Unsinn der Beichte. Alle waren der Meinung, diese wäre nur dazu da, seelische Lasten abzunehmen, also innere Erleichterung zu verschaffen, auf keinen Fall aber, um zu einem Ärgernis zu werden. „Wir haben dem Drängen des Paters nachgegeben. Das hätten wir nicht tun sollen!" Ein solcher Reinfall würde ihnen kein zweites Mal passieren.

„Warum war der Pater so versessen auf die Beichterei? - Ich kann es nicht glauben, daß er sich nur aufgeilen wollte. Es müssen andere Gründe gewesen sein." Sie schauten mich an und erwarteten eine Antwort von mir. „Der Pater hatte Ihnen doch den Grund genannt. Warum lassen Sie diesen Grund nicht gelten? - Mit dem Beichten sollten Sie doch Ihrem verstorbenen Opa zu Hilfe kommen." Sie erinnerten sich. „Aber das geht doch gar nicht", wurde mir erwidert. „Der Pater wollte uns weismachen, daß einem Verstorbenen noch geholfen werden kann. Das ist es, was uns so empört."

„Weismachen ist hier das verkehrte Wort", erklärte ich ihnen. „Der Pater wollte Ihnen mit Sicherheit nichts weismachen. Im Gegenteil! Dieser Mann war felsenfest davon überzeugt, daß Sie Ihrem verstorbenen Opa helfen könnten. Er wollte nichts anderes, als daß Sie ihm wirklich helfen würden. Helfen über das Grab hinaus! Sie sollten ihm Hilfe leisten in der Ewigkeit! Nur das hatte der Pater im Sinn."

„Aber lieber Herr Pfarrer! - Helfen in der Ewigkeit! So etwas glauben Sie doch selber nicht. Entschuldigen Sie, wenn ich das so offen sage." „Schon gut!" erwiderte ich. „Sie haben vollkommen recht. Ich kann diesen Glauben des Paters nicht teilen. Das ist auch der Grund, warum ich keinen zur Beichte dränge." Nach einer Weile fügte ich hinzu: „Der Pater und ich - wir sind eben verschieden wie Tag und Nacht."

„Jetzt muß ich schon dumm fragen", fuhr sie fort. „Wie kommt es dann, daß Sie so ganz anders denken als der Pater aus Polen? Das darf doch nicht sein." Dazu konnte ich nur lachen. Dann erklärte ich ihr: „Das ist sehr einfach: Der Pater glaubt eben alles schön brav, wie er es gelernt hat. Mir dagegen erscheint vieles von diesem Beigebrachten als unhaltbar." Dann wurden manche allzu kindliche Vorstellungen neu bedacht.

Bald darauf bekam ich eine Einladung zu Kaffee und Kuchen. Ich wollte wissen, was es zu feiern gäbe. „Das erfahren Sie erst, wenn Sie da sind", bekam ich zur Antwort. Ich blickte in die Pfarrkartei, fand aber keinen Hinweis für eine Feier. So ließ ich mich eben überraschen.

Als es dann so weit war, wurde mir eröffnet: „Herr Pfarrer, wir wollten Sie schon längst einmal einladen. Aus einem einfachen Grund." Nun war ich wirklich gespannt. „Seit Sie da sind, werden wir unseres Lebens wieder froh. Dafür möchten wir Ihnen danken. Die Gastgeber hatten ständig unter einem schlechten Gewissen gelitten. Sie hätten nämlich mehr Kinder haben können, als sie tatsächlich hatten. Schuldgefühle waren die Folge. Die Frau wagte sich nicht mehr zur Kommunion. Dazu kam dann noch, daß die jungen Leute ohne Trauschein zusammenlebten. „Das ist unsere Schuld. Wir haben sie nicht richtig erzogen," meinten sie. Wenn es nach meinem Vorgänger gegangen wäre, hätten sie eisern durchgegriffen. Ein heilloser Familienstreit wäre unvermeidlich gewesen. Gott sei Dank, wäre ich gekommen und hätte ihnen noch rechtzeitig die Augen geöffnet. Inzwischen hatten die jungen Leute kirchlich geheiratet und alles war wieder gut geworden. Das also war der Grund, warum sie mir bei Kaffee und Kuchen Dank gesagt hatten.

Mit meinem Bemühen, die vorherrschenden religiösen Ängste abzubauen, hatte ich mir auch Feinde gemacht.

Eine alte Bäuerin hatte mit deshalb erbitterte Vorwürfe gemacht.

 

Die Jagerbäuerin

Auf dem Friedhof, am Grab ihrer Eltern, hielt sie mir vor:

„Sie wollen ein Pfarrer sein und haben keine Ahnung vom Fegfeuer. Keine Vorstellung von den Leiden der Armen Seelen. Sie sind auf unsere Hilfe angewiesen, mehr als das Vieh im Stall. Wir Menschen müssen alle ins Fegfeuer. Traurig, daß ich das einem Pfarrer sagen muß." Dann kam sie einen Schritt näher und versicherte mir: „Kardinal Döpfner ist immer noch im Fegfeuer. Es geht ihm schlecht. Er hat furchtbare Schmerzen zu leiden." Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte. Dann fragte sie mich: „Wissen Sie überhaupt, was es heißt, im Fegfeuer zu sein?"

Für mich war das Fegfeuer ein heillos verteufeltes Bild für einen vermeintlichen Liebesdienst an den Verstorbenen. Für die alte Bäuerin war es eine schaurige Wirklichkeit. Hier trennten uns Welten. Die Alte ahnte es. Das Leben jener Frau war geprägt von der Vorstellung vom Fegfeuer. Es war das Werk meiner Amtsvorgänger. Diese wiederum wurden bereits im Priesterseminar damit geimpft. So kam es zu einer lückenlosen Kette aus Angst und Schrecken. Verantwortlich für diesen Aberglauben waren letzten Endes die Schriften eines gewissen Paters Martin von Cochem, einem treuen Diener der Kirche.

Es wäre der Mühe wert, jene Quellen offenzulegen, aus denen jener Pater seine schrecklichen Vorstellungen bezogen hatte. Martin von Cochem berichtete nämlich über die Zustände im Fegfeuer, wie andere über das neu entdeckte Amerika.

Nach seinen Erkenntnissen wäre dort eine unschätzbare Menschenmenge auf grausamste Weise gequält worden. Ein Teil würde im Fegfeuer ständig aufs neue verbrannt, ohne endgültig verbrennen zu können. Anderen würde mit glühenden Haken das Fleisch vom Leibe gerissen. Wieder ein anderer Teil würde von abscheulich stinkenden Würmern zernagt. Nicht genug damit. Der Rest würde im flüssigen Pech, Schwefel und Blei unter unvorstellbaren Schmerzen gesotten.

Die alte Bäuerin ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Ihr Kummer über das angebliche Schicksal der Armen Seelen bedrückte mich. Sie glaubte daran seit ihren Kindertagen. Damals hatten die Prediger des Grauens in ihr eine aufmerksame Zuhörerin gefunden. Im gläubigen Vertrauen hatte sie ihr ganzes Leben auf dieses angebliche Fegfeuer eingestellt.

Ich suchte nach den Predigtunterlagen meiner Vorgänger. Leider ohne Erfolg. Wahrscheinlich wurden diese noch vor dem Umzug in das neue Pfarrhaus in der Küche und im Waschhaus verbrannt. Dieser Verlust war zu verschmerzen. Es mag sich ohnehin nur um einen Abklatsch altbekannter Greuel gehandelt haben. In den Predigten über das Fegfeuer ließen die Prediger mit Vorliebe einen gewissen Tondalus zu Wort kommen. Von diesem wurde nämlich behauptet, daß er drei Tage nach seinem Tod wieder aus dem Fegfeuer auf unsere Erde zurückgekommen wäre.

Im Fegfeuer soll er zuerst einer unübersehbaren Zahl von unreinen Geistern begegnet sein. Sie knirschten mit ihren Zähnen und zeigten ihre Krallen. Tondalus hatte Angst, von diesen in Stücke gerissen zu werden. Er kam aber mit dem Schrecken davon. Dafür mußte er eine tiefe und stinkende Schlucht durchwandern. Der Boden hätte aus glühenden Kohlen bestanden.

Die bösen Geister hätten dort ihr Unwesen getrieben. Mit größtem Vergnügen hätten sie die Armen Seelen immer wieder in die brennende Masse geworfen.

Auf seinem Weg durch das Fegfeuer soll jener Tondalus dann der Bestie Acheron begegnet sein. Aus ihrem Maul loderte ein alles versengender Feuerstrahl. Die Nase verbreitete entsetzlichen Gestank. In ihrem Bauch schrien Männer und Frauen aus Angst vor den reißenden Wölfen und den giftigen Schlangen. Diesen waren sie nämlich rettungslos ausgeliefert. Unaufhörlich sollen sie ihnen zum Opfer gefallen sein.

Tondalus mußte selbstverständlich auch an einer Meute gemeiner Teufel vorbei. Diese hausten in einem riesigen Backofen. Er soll mit eigenen Augen gesehen haben, wie diese den Armen Seelen die Bäuche aufrissen. Angeblich hatten sie es auf ihre Eingeweide abgesehen. Andere Teufel waren mit Äxten und Sägen beschäftigt. Sie zersägten die Leiber der Armen Seelen, oder hieben ihnen die Köpfe entzwei. Das alles nahm kein Ende, denn es ging immer wieder von vorne an.

So dick werden es meine letzten Amtsvorgänger sicherlich nicht mehr aufgetragen haben. Aber was immer sie als die angeblich ewige Wahrheit verkündet haben, hatte genügt, um jener Bäuerin ein Leben lang Angst und Schrecken einzujagen. Nicht umsonst hatte sie mich am Grab ihrer Eltern gefragt: „Wissen Sie überhaupt, was es heißt, im Fegfeuer zu sein?"

Eines steht fest: Meine Amtsvorgänger als Pfarrer in Arget waren allseits geachtete Spezialisten der Angst. Sie hatten es wahrhaftig verstanden, den Menschen das Fürchten zu lehren.

Nun gab es auch damals zur Zeit des Martin von Cochem schon sehr kritische Menschen. Diese ließen sich mit solchen Geschichten nicht ins Boxhorn jagen. Um ihre Zahl möglichst gering zu halten, hatte man damals die folgende Geschichte erfunden.

Sankt Patrick soll bei der Bekehrung der Heiden viele Jahre hindurch ohne Erfolg gewesen sein. Die wilden Gesellen glaubten dem Mann Gottes kein einziges Wort. Es war ihnen einerlei, ob er von der Glückseligkeit des Himmels, oder vom ewigen Verderben in den Qualen der Hölle zu ihnen gepredigt hatte. In dieser Not betete der heilige Bischof mit der ganzen Kraft seines Herzens. Da erhörte der gütige Gott sein inniges Gebet und tat ihm den Eingang zum Fegfeuer kund. Von diesem Tag an konnten die ungläubigen Heiden selber in das Fegfeuer hinuntersteigen und sich davon mit eigenen Augen überzeugen.

Über diesem Eingang zum Fegfeuer wäre von den Mönchen des heiligen Patrick dann ein Kloster gebaut worden. Der Eingang zum unterirdischen Fegfeuer wäre damals wieder verschlossen worden. Diesen Glauben an die Schrecken des Fegfeuers hatte jene alte Bäuerin wenig später mit ins Grab genommen. Sie hatte sich und ihren Angehörigen das Leben unnötig schwer gemacht.

Nun kam für mich wieder eine ruhige Zeit. Sie tat mir gut. Ich hatte Zeit den Geschichten und Erzählungen der Heiligen Schrift nachzugehen. Dazu den vielen und höchst interessanten Stellen dieser angeblich von Gott selbst inspirierten Texte.

 

Die Caritas

Im Herbst 1990 kam es wieder zu einer größeren Aufregung in der Pfarrei. Die Caritas war ins Gerede gekommen. Im Sitzungsprotokoll des Pfarrgemeinderates vom 11. September 1990 heißt es dazu: (Zeitungsausschnitt über die Caritas)

„Auf Bitten der Vorsitzenden wurde dieser verlesen. Darauf folgte eine lebhafte Diskussion über die Caritas. Dann kam der PGR auch auf den vom Papst eingeweihten Wüstendom zu sprechen. Angesichts der drückenden Not hätte dieses Bauwerk verhindert werden müssen. Statt dessen habe sich der Papst am Elend dieses Volkes mitschuldig gemacht, war die einhellige Meinung. Aus Verärgerung über die Kirche im allgemeinen und über die Caritas im besonderen, wurde dann die bevorstehende Caritassammlung in Frage gestellt. Der Pfarrer wurde von allen Mitgliedern des PGR beauftragt, die Sammellisten für die Caritassammlung umgehend an den Caritasverband in München zurückzusenden. Statt dessen wurde der Beschluß gefaßt, in der letzten Oktoberwoche eine Haussammlung für die Kirchenglocken durchzuführen. Zu diesem Zweck wurde der Pfarrer beauftragt, die nötigen Spendenquittungen für das Finanzamt mit einem Durchschlag für das Pfarramt vorzubereiten."

Am nächsten Tag schrieb ich an den Caritasverband in München:

„Auf Beschluß des Pfarrgemeinderates vom 11. 9. 90 sende ich Ihnen die Unterlagen für die bevorstehende Haussammlung der Caritas wieder zurück. In der gestrigen Sitzung des PGR kam unter „Verschiedenes" völlig unerwartet der Zeitungsartikel „CARITAS HANDELT SICH ANZEIGE EIN" (SZ, 11. 9. 90) zur Sprache.

In diesem Artikel hieß es: „Grundstücksverkauf bringt Wohlfahrtsverband ins Gerede. In der Gemeinde Rimsting am Chiemsee hat die Caritas ein knapp 10000 Quadratmeter großes, von einem Altöttinger Druckereibesitzer ererbtes Ufergrundstück mit Landhaus, Badesteg und Bootshütte für 520 000 Mark an einen Münchner Bauunternehmer verkauft. Nach Angabe von Maklern und Sachverständigen hätte das Grundstück auf dem freien Markt, auf dem es nie angeboten wurde, mehr als zwei Millionen Mark einbringen können. Die Diskrepanz zwischen Preis und wahrscheinlichem Wert brachte dem Verband eine Anzeige wegen des Verdachts der Untreue ein..." In der anschließenden Diskussion wurden alle bekannt gewordenen Fälle der Caritas eingehend behandelt und im weiteren Verlauf auch der Wüstendom in Afrika samt der Rolle des Papstes einer heftigen Kritik unterzogen. In diesem Zusammenhang wurde auch auf das Buch „IM NAMEN GOTTES" von David Yallop ausdrücklich verwiesen. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum es zum obigen Beschluß gekommen ist."

Einige Tage später machte die Pfarrei Schlagzeilen. In der Abendzeitung hieß es reißerisch: „Eine ganze Pfarrei im heiligen Zorn: SPENDEN - STREIK AUS ÄRGER ÜBER PAPST UND CARITAS". Als Begründung wurde angegeben: „Die heftig umstrittenen Grundstücksgeschäfte der Münchner Caritas. Zudem habe sich der Papst am Elend in Afrika mitschuldig gemacht, weil er den Bau des ,Wüstendomes' nicht verhinderte."

Die übrigen Zeitungen kamen mit ähnlichen Schlagzeilen. Dann gab es jede Menge Post. Die Leute schrieben von überall her. Fast alle waren froh und dankbar, daß die Machenschaften der Caritas und das unmögliche Verhalten des Papstes in aller Öffentlichkeit zur Sprache gekommen waren. Eine weitere Sitzung des Pfarrgemeinderates wurde nötig. Diese wurde am 25. September abgehalten. Im Protokoll dieser Sitzung heißt es:

„Nach der Begrüßung der Anwesenden durch die Vorsitzende kamen die Auswirkungen auf den Beschluß des PGR, für die Caritas nicht zu sammeln, zur Sprache. Dazu wurden alle bis zur Stunde eingegangenen Zuschriften verlesen. Besondere Beachtung fand das Schreiben eines Münchner Rechtsanwaltes. Er sah sich veranlaßt, spontan eine Spende von DM 500.- an das Pfarramt zu überweisen, weil die Verläßlichkeit der bisherigen Wege bei der Caritas-Organisation in Frage gestellt werden müsse. Ein langjähriger Caritassammler aus Vaterstetten teilte uns mit, daß der Caritasdirektor mit einem Mercedes ,im Neuwert von DM 60000.-' herumfährt. Er rechnete uns vor, daß 7500 Caritassammler nötig wären, mit einem durchschnittlichen Sammelergebnis von DM 200.-, wenn die Verluste der bis jetzt bekannt gewordenen Grundstücksgeschäfte wettgemacht werden sollen. Frau L. H. aus München übersandte DM 10.- für die Glocken und ließ mich wissen, daß sie in einem großen Betrieb arbeitet und dort jederzeit Unterschriften sammeln würde, „um Ihnen zu helfen". Ein Herr S. B. aus München 21 schreibt: „. . . Im Mittelalter hätten Ihnen mit Sicherheit Ihre eigenen Amtsbrüder den frozeß' gemacht, Sie grausam gefoltert und anschließend öffentlich verbrannt. . ." Der Pfarrer von St. Michael in 8720 Schweinfurt schreibt in seinem Pfarrbrief vom 16. 9. 90 unter anderem: „Der Skandal an der Elfenbeinküste: 250 Millionen für ,Gott' statt für die Armen! Es ehrt die

afrikanischen Bischöfe, daß keiner für den Bau der monströsen Kathedrale eingetreten ist - für ein Mahnmal aus Blut, Schweiß und Entbehrung. Die afrikanische Kirche hätte die Entscheidung des Papstes nicht mitgetragen und sei an ihr nicht beteiligt gewesen. - Ehrt das den Papst?"

Ein Freiherr aus München teilt dem PGR mit: „Gutmachen können Sie Ihre Handlung wohl kaum, es bleibt, daß Ihre Diffamierung unserer Kirche und ihres Oberhauptes mit allen sozialen Einrichtungen nur Schaden anrichtet. . . Wenn Sie Ihre Kenntnisse über den ,Wüstendom' einer Zeitschrift wie dem STERN entnommen haben, lesen Sie - was ein Pfarrgemeinderat immer tun sollte - die entsprechende Erklärung in der Münchner Katholischen Kirchenzeitung nach."

Der PGR antwortete mit lautem Gelächter. Vom PGR 8028 Taufkirchen erreichte uns die Mitteilung: „Es wäre schlimm für Taufkirchen und sicher auch für andere Orte im Hachinger Tal, wenn uns eine Schwestern-Planstelle gestrichen werden müßte ... Deshalb bitte ich Sie, Ihren Boykottbeschluß rückgängig zu machen." Dazu wurde bemerkt, daß bei den ständig steigenden Kirchensteuereinnahmen sogar ganz auf die Caritas-Haussammlung verzichtet werden könnte, wenn die Gelder nicht nach Rom fließen würden (Titelkirche des Kardinals, Vatikan)..."

Es wurde vom PGR beschlossen, einen Betrag an die Sozialstation Taufkirchen zu überweisen.

Dann kam zur Sprache, was am gleichen Tag in den Zeitungen zu lesen war: „PFARRER DROHT MIT KIRCHEN AUSTRITT" - Der streitbare Geistliche will den Bischöfen den Geldhahn zudrehen. In der Einladung zur Sitzung des Pfarrgemeinderates steht der revolutionäre Schritt unter Tagesordnungspunkt 3: „Der Pfarrer beabsichtigt, demonstrativ aus der Kirche auszutreten." Seit dem Wochenende wird dies bereits in Arget und Sauerlach diskutiert." Doch so sehr die Argeter den Unmut ihres Pfarrers über die Kirchenoberen teilen: Die Resonanz auf seinen Vorschlag ist bisher eher verhalten. Die Pfarrgemeinderats-Vorsitzende: „Der Pfarrer muß selber wissen, was er tut. Aber ich kann mir kaum vorstellen, daß ihn jemand unterstützt. Wir müssen darüber diskutieren. Ich persönlich halte nichts davon." Selbstverständlich merkte auch ich sofort, daß die Mitglieder des Pfarrgemeinderates nicht bereit waren, meinem Beispiel zu folgen. In einem letzten Versuch wollte ich sie doch noch für mein Vorhaben gewinnen. Deshalb schrieb ich ihnen:

„Folgende Informationen sollen die anstehende Entscheidung erleichtern:

Die Redewendung: „Ich bin aus der Kirche ausgetreten", ist unzutreffend und irreführend. Richtig müßte es heißen: „Ich bin aus der KIRCHENSTEUER-ZWANGSEINTREIBUNGSVEREINIGUNG (abgekürzt: KZV) ausgetreten.

Die Kirche ist die GEMEINSCHAFT DER GLÄUBIGEN, das VOLK GOTTES, oder das REICH GOTTES AUF ERDEN. Sie darf auf keinen Fall mit der oben genannten „KZV" verwechselt werden.

Im Reichskonkordat zwischen dem Hitler-Deutschland und dem päpstlichen Nuntius wurde die „KZV" mit dem religiösen Begriff „KIRCHE" gleichgesetzt.

Die Gleichstellung von „KZV" mit „KIRCHE" ist ein ernster Verstoß gegen den Glauben und durch nichts zu rechtfertigen.

Papst und Bischöfe haben sich seinerzeit aus Gier nach Reichtum und Macht zu diesem Hochverrat am Geiste Jesu hinreißen lassen. Das muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden.

Der vielgeschmähte sogenannte „KIRCHENAUSTRITT" ist in Wahrheit ein öffentliches Bekenntnis zu Jesus und zugleich auch eine deutliche Absage von den unheilvollen Machenschaften der Kirchenleitung.

Dieses öffentliche Bekenntnis zu Jesus in Form des „KIRCHENAUSTRITTS" ist ein Gebot der Stunde. Nur so kann jener Druck erzeugt werden, der die Kirche verändert. Wir stehen vor einer einmaligen Gelegenheit, ein Geschenk der
Vorsehung! Wir dürfen sie nicht ungenutzt verstreichen lassen. Deshalb meine eindringliche Bitte: Erklären Sie den Austritt aus der KIRCHENSTEUER-ZWANGSEINTREIBUNGS-VEREINIGUNG und verbleiben Sie auch weiterhin
in der Gemeinschaft der Gläubigen!

Es gibt eigentlich nur einen einzigen ernstzunehmenden Grund gegen das Vorhaben: Meine angegriffene Gesundheit! Dagegen kann ich ins Feld führen: Bei der Auseinandersetzung um den Peterspfennig war ich anfangs ganz allein auf mich gestellt. Jetzt aber steht der ganze Pfarrgemeinderat geschlossen hinter mir. Das gibt mir mit Sicherheit die nötige Kraft zum Durchhalten.

Ein weiterer Einwand könnte lauten: Die jesusfeindlichen Kirchengesetze können wir unmöglich zu Fall bringen. Mag sein! Ich gebe es zu. Wir können aber auf dem Weg dorthin einen wichtigen und unerläßlichen gemeinsamen Schritt tun. Eines ist absolut sicher: Wenn durch unser Vorbild den deutschen Bischöfen der Geldhahn zugedreht wird, werden sie sich notgedrungen verändern müssen. Ihr bisheriges unterwürfiges Schweigen zum Verhalten des Papstes werden sie nicht mehr durchhalten können. Sie müssen Stellung nehmen zu allen strittigen Fragen. Ich nenne nur Stichworte: Wüstendom - Abendmahlsgemeinschaft - Diskriminierung der Frauen in der Kirche - Bevölkerungsexplosion - Aids und Kondome - um nur einiges zu nennen!

Deshalb meine Bitte: Machen Sie mit! Gebrauchen Sie mit mir die sogenannte „Kirchenaustrittserklärung" als den einzigen Stimmzettel, den es für uns in der katholischen Kirche gibt! Und lassen Sie sich nicht einschüchtern! Glaubensgemeinschaft ist alles andere nur keine Steuergemeinschaft! Wenn das so wäre, dann wären die 600 Millionen Katholiken außerhalb der Bundesrepublik vom Papst längst exkommuniziert worden."

Ich hatte kein Glück. Leider. Im Sitzungsprotokoll heißt es dazu: „Der Antrag des Pfarrers, der PGR möge gemeinsam mit ihm aus der Kirchensteuervereinigung austreten, aber weiterhin in der GLAUBENSGEMEINSCHAFT der katholischen Kirche verbleiben, wurde einstimmig verworfen. Nach einhelliger Überzeugung aller Räte ließe das Konkordat diesen Schritt nicht zu. Aus Verantwortung sowohl gegenüber ihrem Pfarrer als auch für die ganze Pfarrei, glaubte der PGR diesen Antrag des Pfarrers mit aller Entschiedenheit ablehnen zu müssen. Es wäre viel zu schön, um wahr zu sein, wenn alle Gläubigen mit Hilfe des,schnöden Mammons' endlich auf die Entscheidungen der Kirchenleitung Einfluß nehmen könnten. Ebenso entschieden wurde sein Antrag mit Hilfe des DATENSCHUTZGESETZES doch noch ans Ziel zu kommen, abgelehnt. Demnach hätte der Pfarrer und der gesamte PGR beim zuständigen Standesamt in Sauerlach ihre personalbezogenen Eintragungen über die Religionszugehörigkeit löschen lassen sollen. Nach Meinung des Pfarrers genüge es, wenn die Religionszugehörigkeit allein im zuständigen Pfarramt registriert wäre." Schon am folgenden Tag hieß es in der AZ: „ARGET BLEIBT KATHOLISCH - KEINER WILL ALS HEIDE STERBEN!" Weiter hieß es: „Pfarrer von Arget rief wegen Papst und Caritas zum Kirchen-Austritt auf - und keiner folgte. Da steht er nun, der Don Camillo von Arget. Geschlaucht von der nächtlichen Diskussion mit seinen zwölf Pfarrgemeinderäten. Vor die größte Probe hat er sie gestellt: Gemeinsamer Austritt aus der Kirche oder nicht? Als Kirchensteuer-Boykott gegen Papst und Caritas. Die Sensation blieb aus. „Dann werden die Leute ja neben dem Friedhof verscharrt", hatten die frommen Räte gefürchtet. Das war überzeugender als die „geschichtliche Stunde", die Pfarrer Willibald Glas (64) beschwor. Der Austritts-Aufruf des Pfarrers von Arget ist Geschichte."

Fett gedruckt beginnt der letzte Absatz: „Ein Pfarrer hat den Aufstand geprobt - dafür wird Willibald Glas nicht ungeschoren davonkommen. Angst hat der 64jährige, der kurz vor dem Ruhestand steht, nicht. Falls ihm sein Gehalt gestrichen wird, will er Sozialhilfe beantragen. Den nächsten - vielleicht letzten - Ärger hat der Gottesmann schon in der Schublade: Das Manuskript für ein autobiographisches Buch, eine Abrechnung mit der Amtskirche."

Der Gang zum Sozialamt könnte mir von der Kirchenleitung tatsächlich aufgezwungen werden. Die Zeiten der grausamen Inquisition sind ja noch längst nicht vorbei. Nur die Art und Weise der Ausrottung hat sich verändert. Früher wurden unliebsame Kritiker öffentlich verbrannt, heutzutage läßt man sie elendig verhungern. Das ist keine Übertreibung, sondern die bittere Wahrheit.

 

Die Disziplinarordnung

Ich verweise nur auf die „Disziplinarordnung des Katholischen Schulwerks in Bayern". Naturgemäß sind damit alle Lehrpersonen im kirchlichen Dienst gemeint. Wenn aber schon die Laien derartig unter die Räder kommen können, um wieviel mehr dann erst recht die Geistlichen. Aus diesem Grunde verweise ich auf das „Amtsblatt für das Erzbistum München und Freising, vom 18. Juni 1990, Nr. 10." Dort heißt es unter l Geltungsbereich: „Die Disziplinarordnung gilt für Beamte und Ruhestandsbeamte des Katholischen Schulwerks in Bayern."

Ich füge hinzu: Selbstverständlich auch für jeden Pfarrer, der es wagen sollte, sich mit der Kirche anzulegen.

Weiter heißt es dort: „Als Ruhestandsbeamte gelten auch frühere Beamte, die unwiderruflich bewilligte Unterhaltsbeiträge beziehen." Wenn also ein bereits pensionierter Lehrer im kirchlichen Dienst in seinen alten Tagen anfangen sollte, selbständig zu denken, ist es aus mit den „unwiderruflich bewilligten" Ruhestandsbezügen. Er soll vor die Hunde gehen. Einem Pfarrer wird es mit Sicherheit nicht besser ergehen.

Nach dieser Disziplinarordnung kann jeder Beamte im kirchlichen Dienst verfolgt werden, der „sich von der römisch-katholischen" Kirche in einem förmlichen Akt gelöst hat oder sich öffentlich und nachhaltig gegen die Grundprinzipien der römisch-katholischen Kirche oder gegen die Freiheit und Eigenständigkeit der römisch-katholischen Kirche betätigt." Autoritär und absolut rechthaberisch wird die Freiheit der Kinder Gottes mit Füßen getreten.

Unter 3 werden die Disziplinarmaßnahmen aufgeführt. Nämlich: „Verweis - Geldbuße - Gehaltskürzung - Versetzung - Entfernung aus dem Dienst - Kürzung des Ruhegehaltes - Aberkennung des Ruhegehaltes."

Es wird eigens darauf hingewiesen, daß in diesen Strafmaßnahmen nicht mehr und nicht weniger als das staatliche Strafrecht zur Anwendung kommt. Als ob die Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Kirche mit einer Gefährdung des Staatswesens in Verbindung gebracht werden könnte. Eines wird aber klar: In dieser Disziplinarordnung zeigt die kirchliche Hierarchie ihr wahres Gesicht! Die Unterdrückung ist total!

Für Laien ist das schlimm genug. Als Pfarrer bin ich der Gewalt der Kirche aber noch viel mehr ausgeliefert. Für die Laien im kirchlichen Dienst gibt es nämlich die Sozialversicherung, für die Geistlichen aber nicht. Somit ist jeder Geistliche gefesselt an Händen und Füßen und obendrein auch noch mit einem Maulkorb versehen. Eine totale Sklaverei, angeblich zur Ehre Gottes!

Diese Tatsache ging mir gewaltig gegen den Strich. Es war mir unbegreiflich, daß die besagte Disziplinarordnung von allen bedenkenlos hingenommen wurde. Es gab nirgends auch nur die leiseste Andeutung von Betroffenheit. Ich brachte meinen Unmut zu Papier und hoffte, ihn auf diese Weise los zu werden. Eine einfache Art, sich abzureagieren.

Wer im Dienst der Kirche steht, sieht sich sehr bald genötigt, irgendeinen Weg zu finden, um seine Frustration los zu werden. Viele versuchen ihre Enttäuschung im Alkohol zu ertränken. Andere pflegen ein Hobby oder betäuben sich mit unaufhörlieher Betriebsamkeit. So flüchtet ein jeder vor der Wirklichkeit. Ich wollte weder fliehen noch meine Augen verschließen, sondern die Sache anschauen in ihrer ganzen Häßlichkeit. Ganz bewußt wollte ich mich dieser Herausforderung stellen. Ich sah nur einen gangbaren Weg. Die Sache müßte bekannt gemacht werden. Alle Welt müßte davon reden. Plötzlich wußte ich, daß es nicht mehr genügen kann, den Ärger auf ein Blatt Papier zu bannen. Es ist ja so bequem, die Gedanken in einen Leitzordner zu verbergen und der Nachwelt zu hinterlassen.

So reifte in mir der Gedanke an ein Buch, über Jahrzehnte reihte ich Geschichte an Geschichte. Eine reiche Fundgrube stand mir zur Verfügung. Ich brauchte nur hineinzugreifen und herauszunehmen, was ich haben wollte. So entstand ein Werk, das nicht nur meinen Lebenslauf, sondern zu allererst meine ganz persönliche Glaubensüberzeugung zum Inhalt hatte.

Manches davon empfand ich sehr riskant und gefährlich. Immer wieder mußte ich mich daran erinnern, daß ich kein Privatmann bin, sondern im Dienst einer sehr autoritären Kirche stehe. Nie durfte ich vergessen, daß die Amtskirche auch heute noch kaum mit sich reden läßt. Es mußte mir klar sein, daß nur sie allein bestimmen will, was als wahr und gut zu gelten hat. Jedem Kritiker macht sie auch heute noch einen kurzen Prozeß. Das alles mußte ich immer wieder bedenken.

Unter diesen Voraussetzungen war an die Veröffentlichung meines Buches nicht mehr zu denken. Das bedrückte mich sehr. Ich gab mich aber nicht geschlagen. Schließlich kam mir dann doch noch der erlösende Gedanke. Ein Hoffnungsschimmer tat sich auf. Das war der Pfarrgemeinderat! Dieses Gremium könnte mir die notwendige Rückendeckung verschaffen. Kraft seines Beschlusses könnte das Erzbischöfliche Ordinariat anordnen und verfügen, was immer es wollte. Es würde mich nicht berühren.

 

Der Pfarrgemeinderat

Wenn also der gesamte Pfarrgemeinderat zu mir stehen würde, dann könnte ich den zu befürchtenden „blauen Brief aus dem Ordinariat postwendend zurückgehen lassen. Selbstverständlich wollte ich auch hier nichts dem Zufall überlassen. So blieb mir nichts anderes übrig, als jedem Mitglied dieses Gremiums mein Manuskript vorzulegen. Dabei hatte ich jeden persönlich gebeten, mir wissen zu lassen, ob er mich auch nach dem Studium dieses Werkes noch als Pfarrer annehmen kann.

Nach und nach erfuhr ich die einzelnen Ergebnisse. Sie waren positiv. Kurze Zeit später kam es dann zur Sitzung des Pfarrgemeinderates. Im Protokoll vom 26. 2. 1991 hieß es dann: „8. Das Buch ,DER PFARRER VON ARGET: Ein Manuskript wurde allen Mitgliedern des PGR bereits vor einiger Zeit zum eingehenden Studium überlassen. Wegen des ausgesprochen kritischen Inhalts will der Pfarrer die Veröffentlichung vom Verhalten der PGR abhängig machen. Weiter wollte der Pfarrer wissen, ob er wegen seiner kirchenkritischen Äußerungen auch weiterhin als „ihr" Pfarrer akzeptiert wird. Daraufhin hat ihm der PGR ohne Gegenstimmen oder Enthaltungen wissen lassen, daß er ihn auch weiterhin als „ihren" Pfarrer haben will. Der Pfarrer hat diese Entscheidung des PGR mit großer Dankbarkeit zur Kenntnis genommen."

Nun hatte ich grünes Licht. Ich brauchte nicht mehr zu befürchten, daß ich mir jenen „Ast absägen würde, auf dem ich sitze". Das Votum des Argeter Pfarrgemeinderates für die Veröffentlichung meiner Biographie war ein kirchengeschichtliches Ereignis. Bis dahin wurde nämlich die kirchliche Druckerlaubnis nur vom Generalvikar des zuständigen Bischofs erteilt. Ich dagegen hatte mein „NIHIL OBSTAV vom Pfarrgemeinderat erhalten. Damit war eine völlig neue Sachlage entstanden. Ein neuer Anfang war gemacht.

Kurze Zeit später wurde ich gefragt, warum ich die angedrohten Disziplinarmaßnahmen auf die leichte Schulter nehme? Ich bat, folgendes zu bedenken: Wer den Aberglauben anprangert, tut ein gutes Werk. Er öffnet den Blinden die Augen. Das Erzbischöfliche Ordinariat müßte mir deshalb dankbar sein. Nun mußte ich genauer erzählen, was darunter zu verstehen ist.

Ich erinnerte an die Erbsünde unserer Stammeltern, Adam und Eva. Alle Menschen müßten seither sterben, weil diese von der verbotenen Frucht gegessen hätten. Es heißt, der Tod wäre auf diese Weise in die Welt gekommen. Das ist ein typisches Beispiel für den Aberglauben.

Ebenso ist es Lehre der Kirche, daß die Eltern bei der Zeugung eines Kindes nur eine halbe Sache machen. Wenn eine menschliche Eizelle befruchtet wird, erschafft Gott höchst persönlich die Seele dazu. Gott ist also mitschuldig an der Bevölkerungsexplosion und allen ihren schlimmen Folgen. Es ist allerhöchste Zeit, daß wir gegen diesen Aberglauben ankämpfen und endlich vernünftig werden. Dann fiel mir eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit geschrieben hatte. Ich las sie ihm vor.

 

Unser Muckerl

Sie saß vor einem Mausloch auf der Wiese gegenüber. Ein Tiefflieger donnerte über uns hinweg. Die Katze fühlte sich bedroht und rannte in schnellen Sprüngen zum Haus. Dabei wurde sie überfahren. Regungslos lag sie auf der Straße. Vorsichtig hob ich sie auf und trug sie in das Haus. Ich legte sie in ihren Sessel und betrachtete sie in tiefem Schmerz.

Nach einer Weile bemerkte ich ein Lebenszeichen. Kaum merklich hob und senkte sich ihre Bauchdecke. Sofort begann ich das Muckerl genauer zu untersuchen. Über einem Auge fehlten die Haare. Diese Stelle war wie glatt rasiert. Rein äußerlich war sonst an Kopf und Hals nichts zu sehen. Dann tastete ich ihr Rückgrat ab. Es schien noch heil zu sein. Auch von den Rippen war keine gebrochen. Unter dem Bauchfell entdeckte ich einen Bluterguß. Zusehens schwoll diese Stelle an. „Jetzt wird unser Muckerl verbluten", dachte ich.

Nun wollte ich die Katze mit allen Mitteln am Leben erhalten. Alles mögliche kam mir in den Sinn. Schließlich gab ich mich damit zufrieden, daß sie in tiefer Ohnmacht lag. Beim ersten Anzeichen eines Schmerzes würde ich sie einschläfern lassen. Dann deckte ich sie zu und hoffte, daß es ihr gut tun würde. Als Inge heimkam, eröffnete ich ihr sofort diese traurige Nachricht. Sie betrachtete das Muckerl und strich ihr dabei zärtlich über das Fell.

Meine Hausfrau besprach die Sache mit dem Tierarzt. Er war bereit, auch während der Nacht zu kommen. Ein Anruf würde genügen. Um unserer Katze unnötige Qualen zu ersparen, hielten wir abwechslungsweise Nachtwache bei ihr. Nach dem Frühstück bettete ich sie auf ein Kissen neben meinem Schreibtisch. Ich hoffte sehnlichst, daß sie wieder zu sich kommen würde.

Als es dann Zeit wurde für eine Tasse Tee, stand ich auf und betastete ihre Ohren. Sie waren kalt. Dann hob ich die Decke auf und betrachtete ihren Bauch. Erst nach längerem Hinsehen konnte ich feststellen, daß sich der Bauch noch bewegte. Ich dachte: „Dem Tode nahe, sind wir alle gleich". Ich sah keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Die Lehre der Kirche kam mir in den Sinn. Immer wenn die Eltern ein Kind zeugen, erschafft Gott die Seele dazu. In dieser gezielten Neuschöpfung des allmächtigen Gottes läge der eigentliche Unterschied zwischen Mensch und Tier. Ich atmete schwer und sagte: „Keine Angst, mein Muckerl! Ich glaube diesen Unsinn nicht!" Dann deckte ich sie wieder zu.

Wie verhängnisvoll ist doch dieser Glaube im Zeitalter der Bevölkerungsexplosion! Gott wird zum Urheber der größten Menschheitskatastrophe! In der dritten Welt verhungern die Menschen zu Zehntausenden, Tag für Tag. Es scheint, daß ihm das nichts ausmacht. Mit immer größerem Eifer erschafft er bei jeder Zeugung auch gleich die unsterbliche Seele hinzu. Je eher die Neugeborenen verhungern, desto schneller kommen sie in den Himmel. Selbst wenn sich die Menschen einmal gegenseitig auffressen sollten, wäre das noch lange kein Unglück. Sie haben doch alle eine ewige Heimat im Himmel.

Die Katze war uns nicht böse, daß wir ihr die Fruchtbarkeit genommen hatten. Es ging nicht an, daß das ganze Haus von Katzen wimmeln würde. Und die Menschen! - Sind wir wirklieh die große Ausnahme auf Erden? - Ich sage: Nein! Was für das Tier gilt, gilt auch für den Menschen. Die Bereitstellung einer unsterblichen Seele für jede befruchtete menschliche Eizelle ist ein reines Märchen. Aber kein noch so schönes Märchen eignet sich als Grundlage für ein kirchliches Dogma und noch viel weniger als Rechtsgrundlage für staatliche Gesetzgebung.

Dann bewegte die Katze ihre Beine und hob ihren Kopf. Es war, als wollte sie aufstehen. Sie sank aber gleich wieder auf das Kissen zurück. Nach einer Weile machte sie einen zweiten Versuch. Ich hielt ihr eine Schale mit Wasser hin und sie trank ein wenig. Dabei fiel mir ein Stein vom Herzen. Das Muckerl war über dem Berg.

Bald darauf war der Tierarzt zur Stelle. Er gab ihr eine Aufbauspritze und sagte: „Keine Angst, Herr Pfarrer! Sie wird schon wieder." Immer wieder betrachtete ich die Katze und machte mir meine Gedanken dabei. Mögen die Theologen sagen, was sie wollen. Ich aber sagte mir: Das Muckerl und ich sind aus dem selben Stoff. Wir haben den gleichen Anfang und gehen dem gleichen Ende entgegen. Dazwischen gibt es einen kleinen Unterschied. Dieser besteht aus etwas Geist und sehr viel Überheblichkeit.

In dieser Geschichte hatte ich mit dem Aberglauben aufgeräumt. Leider ist das nur ein kleiner Tropfen auf einen heißen Stein. Die Kirche selbst müßte jeder Form von Aberglaube in breiter Front den Kampf ansagen. Leider ist sie dazu nicht bereit. Statt dessen hütet sie ihn, wie einen kostbaren Schatz.

Sogar ein Kerngebet, wie das apostolische Glaubensbekenntnis, ist nicht frei vom Aberglauben. Darin heißt es über Jesus, daß er gleich nach seinem Tod am Kreuz in die Hölle hinabgestiegen sei. Dazu wurde uns im Religionsunterricht weisgemacht, daß Jesus die Seelen der Verstorbenen aus der Hölle befreit hätte. In einem grandiosen Triumphzug hätte er sie aus der Hölle in den Himmel geleitet. Ich kann nur sagen: Der Aberglaube hat in der Kirche seinen festen Platz.

Gerade wegen dieser Ansichten kamen wir wieder auf die kirchliche Disziplinarordnung von 1990 zu sprechen. Für mich ist diese nichts anderes, als eine moderne Form der berüchtigten Hexenprozesse. Wer im Dienst der Kirche sein Brot verdient, wird gezwungen den althergebrachten Aberglauben nicht nur gegen sein Gewissen anzuerkennen, sondern darüber hinaus auch noch tatkräftig zu verbreiten. Das ist eine Zumutung, die durch nichts zu rechtfertigen ist.

Insbesondere der kirchliche Arbeitgeber hat auf den geistigen und religiösen Reifungsprozeß aller seiner Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen. Die Bischöfe titulieren die Mitglieder der Kirche gerne als ihre „Söhne und Töchter". Die Priester reden sie häufig als „liebe Mitbrüder" an. Sie unterstreichen damit ein geistliches Verwandtschaftsverhältnis.

Aus dieser Tatsache schöpfe ich die Zuversicht, daß die berüchtigte Disziplinarordnung aus dem Jahre 1990 nicht zur Anwendung kommt. Und zwar aus einem sehr einfachen Grund. Wenn schon die leiblichen Eltern ihre Kinder aus religiösen Gründen nicht verstoßen dürfen, dann kann das die Kirche mit ihren geistlichen Söhnen und Töchtern erst recht nicht tun.

Weiter muß mit aller Klarheit gesagt werden: Eine Veränderung in der persönlichen Glaubensüberzeugung stellt kein „DIENSTVERGEHEN" dar. Der persönliche Reifungsprozeß darf keinem zum Vorwurf gemacht werden. Wo dies geschieht, herrscht unmenschliche Unterdrückung. Gerade das will sich die Kirche nicht nachsagen lassen.

Mein Gesprächspartner meinte, daß ich mit diesen Gründen die Kirche notfalls sogar vor das Arbeits- und Sozialgericht bringen könnte. Dieser Rat war gut gemeint. Aus Erfahrung weiß ich aber, daß von diesen staatlichen Institutionen keine Hilfe zu erwarten ist. Wegen des geltenden Concordates haben die Gerichte immer zugunsten der Kirche zu entscheiden.

Ich habe einen anderen Partner auf den ich bauen kann, wenn es hart auf hart kommen sollte: Die breite Öffentlichkeit! Nichts fürchtet die Kirche mehr, als die Presse. Sie ist der eigentliche Grund für meine Zuversicht.

 

Eine beachtliche Geburtstagsfeier

Es handelte sich um einen runden Geburtstag, der besonders gefeiert wurde. Alles war auserlesen: Das Lokal, die Speisen, die Band und auch die Gäste. Das Geburtstagskind war vor einiger Zeit aus der Kirche ausgetreten. Umso mehr war meine Anwesenheit erwünscht. Die Einladung war auch an die Pfarrhausfrau gerichtet. Es hatte sich ja längst herumgesprochen, daß ich allein höchst ungern aus dem Haus ging.

Inge und ich nahmen die Einladung an. Zugleich erhob sich die Frage nach einem passenden Geschenk. Schließlich kann man nicht mit leeren Händen gratulieren. Nun erinnerte ich mich, daß die Dame allein lebte. Genau gesagt, nicht ganz allein. Es war nämlich noch ein alter Kater da, den sie über alles liebte. Was lag nun näher, als daß ich im Namen ihres geliebten Katers das Wort ergreifen würde.

Und so geschah es. Die Überraschung war perfekt. Ich stellte mich ganz in den Dienst ihres Vierbeiners und sprach ihm aus dem Herzen, so gut ich es eben vermochte. Zu guter Letzt brachte ich dann noch die traurige Geschichte über unser „Muckerl" zu Gehör. Es wurde mäuschenstill dabei. Manche sahen sich nachdenklich an. Als ich zu Ende gekommen war, überreichte ich ihr die Geschichte und sagte: „Mein Geschenk für dich!"

Kaum war das Mahl beendet, ergriff das Geburtstagskind das Wort. Sie bedankte sich bei allen, für die Ehre, die sie ihr zuteil werden ließen. Sie tat dies sehr gewandt und mit viel Humor.

Zum Schluß sagte sie: „Ganz besonders möchte ich mich bei meinem Kater, dem lieben Männlein, bedanken. Ich bedauere sehr, daß er wegen seines hohen Alters nicht persönlich anwesend sein kann. Als mein innigster Vertrauter stünde es ihm zu, jetzt mit mir den Tanz zu eröffnen. Diese ehrenvolle Aufgabe hat er wiederum dem Pfarrer übertragen." Unter großem Beifall und Gelächter wandte sie sich mir zu und sagte: „Darf ich bitten, Herr Pfarrer."

Als ich wieder Platz genommen hatte, kam einer und sagte: „Ihre Geschichte über die Katze hat mich sehr nachdenklich gemacht." Ich betrachtete diese Bemerkung als ein Kompliment. Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen. Dann fuhr er fort: „Dem Tode nahe sind wir tatsächlich alle gleich. Da fällt der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht mehr ins Gewicht." Dann bat er mich, darüber offen seine Meinung sagen zu dürfen.

Das mit dem gemeinsamen Anfang und Ende von Mensch und Tier stimmt nicht. Wenn ich Sie recht verstehe, führen Sie das Entstehen menschlichen Lebens ganz allein auf die Eltern zurück. Und was das Ende betrifft, so wäre auch für den Menschen mit dem Tod alles aus." Dann fragte er: „Wie können Sie das mit Ihrem Glauben vereinbaren? Mit der Bibel läßt sich das jedenfalls nicht begründen." Er sagte das ganz sachlich. Sein Interesse war echt.

„Ich habe die Bibel ganz bewußt aus dem Spiel gelassen", gab ich ihm zur Antwort." Ihre Schriften eignen sich nicht für Beweise. Sie haben für mich den gleichen Wert, wie eine Sammlung von Märchen. Die Schriftbeweise sind alle auf Sand gebaut." Für mich war das so selbstverständlich wie das Einmaleins. Dann kam ich auf den Glauben der Kirche zu sprechen. „Die Kirche hat keine Autorität. Sie hat schon zu viele Fehler gemacht. Jetzt kann man ihr nichts mehr glauben."

Ich zählte ihm auf, was mir gerade in den Sinn kam: „Die Judenverfolgung über die Jahrhunderte, die Kreuzzüge und Glaubenskriege, die Hexenprozesse mit ihrem Teufelsglauben, Galilei und die Unfehlbarkeit. Die Kirche kann für keine Wahrheit bürgen. Das sage ich als ein gebranntes Kind. Ich setze auf die Vernunft, nicht auf die Offenbarung." Dann hieß es: „Damenwahl!" Sie bereitete unserem Gespräch ein jähes Ende.

Beim Tanz rief mir jemand zu: „Respekt! Endlich ein Pfarrer, der nicht von alten Konserven lebt!" Er nickte mir freundlich zu. Nach dem Tanz bat er mich an seinen Tisch. „Wir müssen das veraltete Denken loswerden. Die Zukunft hängt davon ab." Er fuhr fort: „Ihre Geschichte finde ich einfach toll. Sie betrachten Mensch und Tier als Einheit. Recht so! Denn es gibt keinen wesentlichen Unterschied. Was uns unterscheidet, ist nur graduell. Es ist, wie zwischen einem Ameisenhaufen und dem Wendelstein."

Dann kam er auf das Problem der Übervölkerung zu sprechen. „Sagen Sie dem Papst: Jede Geburt weniger ist ein Segen! Das Problem ist nicht der Hunger, nicht die Zerstörung der Ozonschicht, auch nicht die Bewahrung der Umwelt. Nein! Das eigentliche Problem ist die Menschheit selbst! Wir müssen lernen, uns zu beschränken. Auf allen Ebenen! Dazu gehört die Empfängnisverhütung. Wie das geschieht, ist gleichgültig. Hauptsache, es funktioniert." Er nannte die Haltung der katholischen Kirche völlig unverantwortlich und in sich verkehrt.

Die Tanzkapelle spielte ohne elektronische Lautverstärker. Und sie spielte gut. Dabei entwickelte sich ein sehr intensives Gespräch. „Die Menschheit ist ein Krebsgeschwür für die Erde. Eigentlich müßte dieses Karzinom entfernt werden, damit die Erde wieder gesund wird." Es war allen klar, daß das nicht ging. Eine drohende Katastrophe fordere einschneidende Maßnahmen. Weltweit! Darüber hinaus waren sich alle im Klaren.

Dann hieß es: „Althergebrachte Vorurteile müssen verschwinden." Das ständig steigende Wirtschaftswachstum wurde genannt. „Ein Holzweg und eine Sackgasse! Die Politiker treiben uns in eine tödliche Falle. Immer mehr haben wollen. Das kann nicht gut gehen." Dann ging es über die Würde des Menschen. „An diesem Vorurteil ist allein die Kirche schuld", hieß es. „Der Mensch, ein Ebenbild Gottes! Daß ich nicht lache!" Die völlige Einseitigkeit dieser Lehre wurde bemängelt. „Wenn schon Ebenbild Gottes, dann auch Ebenbild des Teufels." Schließlich wäre es der Mensch, der von Anfang an alles durcheinander bringt. Es wurde spät. Wir tanzten noch eine Runde, dann bedankten wir uns beim Geburtstagskind und machten uns auf den Heimweg.

 

„Hoagascht" im Trachtenheim

Die Weiberleut hatten ihr Kirchgewand angezogen. Die Mädchen waren im Vereinsdirndl erschienen. Die Männerleut saßen selbstbewußt mit dem Gamsbart am Hut an den Tischen. Während sich die Frauen Tee oder Kaffee einschenken ließen, hielten es die Männer mit dem Bier. Es kam alles zur Sprache, wie es sich gerade ergab.

Ein angesehener Bauer meinte: „Für ein Techtlmechtl muß man jung sein." Seine Frau schränkte ein: „Die Männer haben leicht reden. Sie wollen nichts davon wissen, wenn sie ein junges Ding in andere Umstände gebracht haben. Hauptsache, die Herrn der Schöpfung haben ihren Spaß gehabt." Sie wußte, wovon sie sprach. „Tu nicht so", entgegnete ihr Mann. „Die Frauen kommen alle auf ihre Rechnung. Es braucht sich keine beschweren."

Eine alte Bäuerin sagte: „Wenn es nur wahr wäre." Dann fing sie an zu erzählen. „Es war in meinem Heimatdorf noch lange vor meiner Zeit. Da hat eine Dirn hinter den Kühen im Stall ein Kind zur Welt gebracht. Nur auf ein wenig Streu. Der Bauer, bei dem sie im Dienst war, soll der Vater gewesen sein. Er hatte ihr das Blaue vom Himmel versprochen. Geblieben ist ihr aber nur die Hölle. Ihr Unglück hatte sie in den Tod getrieben. Und das kam so:

Als das Mädel schwanger wurde, war der Spaß zu Ende. Sie fand keinen Ausweg. Heim konnte sie nicht. Ihre Eltern hätten sie mit Schimpf und Schande gleich wieder fortgejagt. Auch der Bäuerin, bei der sie im Dienst war, konnte sie sich nicht anvertrauen. Der Bauer hatte es mit aller Macht verhindert. Es gibt Frauen, die können schwanger sein, ohne daß es jemand merkt. Jene Dirn war eine von diesen. Nur so war es zu erklären, daß sie ihr Kind hinter den Kühen entbinden konnte, ohne daß jemand etwas merkte."

Die Bäuerin fuhr fort: „Jetzt kommt aber das Schlimmste. Mir wird jedesmal schlecht, wenn ich nur daran denke. Die Dirn hat das neugeborene Kind mit ein paar Gabeln Mist zugedeckt. Da ist es unter dem Kuhdreck erstickt. Später hat sie dann den Mist mit dem Kind in die Odelgrube geschoben." Alle sahen sich betroffen an. Dann sagte die alte Bäuerin: „Ja, so war es. Das hätte es aber nicht gebraucht, wenn der Kindsvater nicht nur seinen Spaß gesucht hätte."

Nun wollten sie wissen, wie es aufgekommen ist. „Eines Tages ist die Odelpumpe nicht mehr gegangen. Der Leichnam des Kindes war schuld daran. Dann ist es wie ein Lauffeuer durch das Dorf gegangen: Beim Oberhamer hat man eine Kindsleich aus der Odelgrube gezogen! Von derselben Stunde an war auch die Dirn nicht mehr zu sehen. Schließlich hat man sie auf dem Speicher gefunden. Sie hatte sich aufgehängt. Man sagt bis auf den heutigen Tag: Ein Techtlmechtl mit dem Bauer ist ihr zum Verhängnis geworden."

Eine junge Frau sagte: „Mir wäre das nicht passiert. Ich hätte mir das Kind wegmachen lassen." Damit stand für sie das Thema Abtreibung zur Debatte. Leidenschaftlich wurden die gegensätzlichsten Standpunkte vertreten. Plötzlich bemerkte jemand: „Und der Pfarrer sitzt da und sagt nichts." Meine Antwort war: „Ich höre zu. Das ist auch etwas." Nun wollten sie wissen, was ich zu sagen hätte.

„Ich frage mich schon die ganze Zeit: Läßt sich dieser Streit überhaupt noch beilegen? Oder müssen wir mit diesen gegensätzlichen Auffassungen leben wie mit Tag und Nacht?" Nun richtete sich der Angriff gegen mich. „Da gibt es kein Nachgeben. Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es im Grundgesetz."

„Die Würde? - Was ist das eigentlich?" fragte ich nachdenklich. Jetzt fielen sie erst recht über mich her. „Was? Du willst ein Hochwürden sein und weißt nicht, was Würde ist?!" „Natürlich weiß ich, was die Kirche darüber lehrt. Leider befriedigt mich das nicht", entgegnete ich. Nun wollten sie es genau wissen. Kurz und bündig erklärte ich ihnen: „Die Kirche begründet die Würde des Menschen mit der angeblichen Ebenbildlichkeit Gottes. Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich, heißt es in der Genesis. Diese Ähnlichkeit beginnt mit der Befruchtung einer menschlichen Eizelle und endet mit dem Tod."

Sofort wurde mir entgegengehalten: „Es steht also fest: Die Würde des Menschen steht nicht zur Diskussion." Ein Schuß Selbstzufriedenheit war deutlich herauszuhören. Ich fuhr fort: „Ein leidender, unglücklicher und mit Lebensängsten geschlagener Mensch ist in Wirklichkeit kein echtes Ebenbild Gottes. Bedenkt doch: Gott leidet nicht. Er ist niemals unglücklich, oder gar verzweifelt. Deshalb meine ich: Ein Ebenbild Gottes ist der Mensch nur in seinen besten Stunden. Nur dann, wenn er sagen kann: Es geht mir gut." Das leuchtete ein.

Schließlich gab ich noch folgendes zu bedenken: „Die Sache mit der Ebenbildlichkeit hat noch einen anderen Haken: Die Bibel. Kaum ein anderes Buch ist so umstritten wie dieses. Für die einen gilt sie als übernatürliche Offenbarung Gottes ohne jedes Wenn und Aber. Die andern halten sie für reines Menschenwerk und begegnen ihr mit großem Vorbehalt. Schriftbeweise sind allzuoft auf Sand gebaut."

Dann kam ich auf das Grundgesetz zu sprechen und fuhr fort: „Der Streit um die Abtreibung ist mit Hilfe des Grundgesetzes überhaupt nicht beizulegen." Einige fanden meine Worte unerhört. Sie behaupteten, die Angelegenheit wäre dort klar und eindeutig gelöst. Es gäbe nichts, was daran noch fraglich sein könnte. Die anderen wollten wissen, was ich am einschlägigen Grundgesetz tatsächlich für fraglich halten würde. Ich wiederholte den Artikel Eins des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verflichtung aller staatlichen Gewalt."

Dann fuhr ich fort: „Im ersten Wort dieses Grundgesetzes liegt bereits der Hase begraben. Die Würde des Menschen!" rief ich. Dann fragte ich alle in der Runde. „Was ist unter der Würde des Menschen zu verstehen? Wie kann man sie beschreiben? Das Grundgesetz hält diese Würde für etwas sehr Wichtiges und Wesentliches. Wie erklärt ihr diese Würde des Menschen einem Kind?" Sie wußten es nicht. So fuhr ich fort: „Soviel ich weiß kommt die Würde des Menschen aus der Bibel. Dort heiß es nämlich: „Laßt uns Menschen machen als unser Abblid, uns ähnlich. Somit wäre das Märchen von der Erschaffung des ersten Menschen die Grundlage für die angebliche Würde des Menschen."

Ich fuhr fort. „Das war alles recht und gut, so lange alle davon überzeugt waren, daß jeder Mensch tatsächlich ein echtes Ebenbild Gottes ist. Dieser Glaube ist längt dahin. Jetzt ist man vorsichtiger. Demnach wäre der Mensch höchstens in den Augenblicken ungetrübten Glückes so etwas wie ein Ebenbild Gottes. Auf keinen Fall, wenn es ihm schlecht geht, denn Gott leidet nicht. Er wird nicht krank und verspürt keine Not." Dazu meinte die junge Frau: „Also ist unsere Ebenbildlichkeit mitsamt der unantastbaren Würde auf reinen Sand gebaut! Gut, daß ich das weiß!" rief sie erleichtert.

Dann gab ich zu bedenken. „Eine befruchtete menschliche Eizelle ist kein Mensch. Nach und nach wird daraus erst einer." „Das sollten Sie dem Kardinal sagen!" hieß es dann. „Ja, unser Kardinal Wetter vergleicht die Abtreibung mit dem Schießbefehl an der Berliner Mauer." Sogleich kam die Frage: „Hast du von unserem Kardinal Wetter etwas anderes erwartet? Er redet doch wie der Papst! Dieser gute Mann hatte sich etwas Ähnliches geleistet. Erst vor kurzem hat er die Abtreibung mit dem Völkermord an den Juden verglichen." Weiter hieß es dann: „Diese Vergleiche hinken nach allen Seiten. Ein Blinder kann das sehen." Dann wurde gefragt, wieso einem Papst und einem Kardinal eine solche Einsicht verborgen bleiben konnte? Es war schwer zu sagen.

Auf dem Heimweg kam mir dann der Kardinal wieder in den Sinn. Er hatte sich mit seiner öffentlichen Äußerung eine unmögliche Sache geleistet. Jeder andere in einer solchen Spitzenposition hätte deshalb seinen Hut nehmen müssen. Der Kardinal ist ohne Schaden davon gekommen, weil es keinen gibt, der ihm etwas anhaben konnte. Als Pfarrer bin ich dagegen in einer unvergleichlich schlechteren Lage. Ich fragte mich. „Wird der Kardinal mit Steinen nach mir werfen, wo er doch selber im Glashaus sitzt?" Darauf gab es für mich nur eine einzige Antwort: „Abwarten und Tee trinken!"

 


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