Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Die Bewerbng für eine Stadtpfarrei, Gespräch nach Tisch,    Das Glaubensseminar (u. a. über die religionsgeschichtliche Entstehung der Hölle),    Die verbotene Trauung,    Die oberhirtliche Zurechtweisung


Die Bewerbung für eine Stadtpfarrei

Die Stadtpfarrei MARIA REGINA war frei geworden. Eine Pfarrei der Weißen. Angehörige anderer Rassen hatten in dieser privilegierten Pfarrei nichts verloren. Die weißen Kapläne von Pretoria richteten nun ihre Bewerbungen an den Erzbischof. Sie waren nicht wenig überrascht, als ich ihnen eröffnete, daß auch ich mich um diese Pfarrei beworben hatte.

Ich wäre doch für die Schwarzen eigens ins Land gekommen und hätte bei den Weißen nichts verloren. Rassentrennung war für sie selbstverständlich. Für mich dagegen war es ein unerträgliches Ärgernis. Deshalb setzte ich alles daran, dieses Unrecht wenigstens in der katholischen Kirche zu überwinden. Mir ging es wahrhaftig nicht um diese wohlhabende Stadtpfarrei. Mir ging es um viel mehr! Ich wollte die Weichen richtigstellen für die Seelsorge in diesem Land der APARTHEID.

Ich gehörte nun bereits über zwölf Jahre zum Klerus dieser Erzdiözese. An dieser Tatsache führte kein Weg vorbei. Der Erzbischof konnte mir diese Pfarrei nicht versagen. Er mußte sie mir geben, ob er nun wollte oder nicht. Die weißen im Land geborenen „Mitbrüder" betrachteten mich als feindlichen Eindringling in ihre rechtmäßigen Gefilde. Sie machten kein Hehl daraus und ließen es mir spüren, wo sie nur konnten. Ebenso freimütig forderte ich: „Wer Stadtpfarrer werden will, soll zuerst einige Jahre bei den Schwarzen gelebt und gearbeitet haben. Erst dann hat er ein Recht, sich für eine Stadtpfarrei zu bewerben."

Drei Tage vor Weihnachten erhielt ich die Ernennung zum Stadtpfarrer von Maria Regina. Das war im Jahre 1966. Von dieser Zeit an gehörte ich als ehemaliger KAFFERPRIESTER zu diesem erlauchten Kreis.

 

Gespräch nach Tisch

Am Montag nach dem Mittagessen versammelte sich die Geistlichkeit gewöhnlich in einem sehr geräumigen Wohnzimmer. Es befand sich aus gutem Grund im ersten Stock des Pfarrhauses. Laien hatten dort grundsätzlich keinen Zutritt.

Der Raum war sorgfältig mit Bücherregalen ausgestattet. Die theologischen Handbücher blieben aber in der Hauptsache fast unberührt. Dagegen war in der Ecke bei den Taschenbüchern immer reger Betrieb. Dort konnte jeder von uns sehr diskret Bücher für die Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Auf diese Weise machte ich in jenem Pfarrhaus in Pretoria Bekanntschaft mit dem sehr berüchtigten Buch „Fanny Hill". Ich hatte es in kürzester Zeit ausgelesen. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, brachte ich das Buch zurück. Es fand sehr bald einen anderen Leser. Überhaupt war man nicht kleinlich in diesen vier Wänden. Dort konnte jeder sagen, was er wollte.

„One needs a fuck now and then", hörte ich einen Prälaten sagen. Er saß in einem Ledersessel und war gerade dabei, seine Zigarre zu präparieren. „Selbstverständlich nur mit einer verheirateten Frau", versicherte er seinem jüngeren Nachbarn. Dann meinte er, zum Glück gäbe es überall höchst unglückliche Frauen, die von ihren Männern sehr enttäuscht worden wären. Diese Frauen wären gerade recht für die Geistlichkeit. Nur eine verheiratete Frau böte die unerläßliche Sicherheit vor jeder Indiskretion.

Ich goß mir Kaffee ein und hörte schweigend zu. Dabei wunderte ich mich über jenen Prälaten, weil ich ihn in der Kirche so ganz anders predigen hörte. Dann sagte er: „Gefährlich sind nur die unverheirateten Frauen. Sie mögen noch so schön und verlockend sein, früher oder später reden sie doch. Und dann ist der Teufel los." Mir war, als schöpfte er seine Erfahrungen nicht nur vom Hörensagen. Seltsamer Weise gingen immer wieder Berichte durch die Zeitungen, wonach gerade Geistliche der Apartheids-Kirchen mit schwarzen Mädchen erwischt worden waren. Sie hatten gegen die gesetzlich verordnete Moral der Rassentrennung verstoßen und hatten sich vor dem Gericht zu verantworten. Wer schuldig befunden wurde, hatte mit neun Monate Haft zu rechnen - ohne Bewährung, versteht sich!

„Wenn ich so etwas lese", sagte ein älterer Geistlicher, „dann habe ich immer Angst, der Nächste könnte einer von uns sein." Dann meinte er: „In dieser Sache gibt es keinen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten." In dieser Hinsicht wären wir alle gleich. Ich lachte, als ich das hörte.

„Was gibt es da zu lachen?" fragte der Prälat. Ich sah ihn an und antwortete gelassen: „Ich freue mich darüber!" „Worüber?" wollte er wissen. „Daß es wenigstens in diesem Punkt keinen Unterschied gibt zwischen den Konfessionen." Der Prälat schüttelte den Kopf. Dann wollte ich noch sagen, daß wir katholischen Geistlichen eigentlich viel besser sein müßten, als die Protestanten, weil wir die tägliche Kommunion hätten als Heilmittel gegen die Sünde. Es kam nicht dazu. So gerne hätte ich noch gefragt, woran es wohl liegen könnte, daß unsere katholischen Sakramente ebenso versagen wie die ungültigen Sakramente der Protestanten? Vielleicht sind diese nicht so „ungültig" wie wir Katholiken immer meinen! Das blieb ungesagt. Der Prälat hatte mich aufs Korn genommen.

Stellt Euch vor", sagte er zu allen in der Runde. „Father Willy hat sich wieder etwas geleistet." Dann sah er mich an und fragte: „Warum hast Du neulich bei den Kelly's auf das Wohl des verheirateten protestantischen Klerus getrunken?" Ohne meine Antwort abzuwarten, rief jemand dazwischen: „Das sieht ihm gleich!" Dann wollten sie alle wissen, wie es dazu gekommen war.

„Das kann ich Euch schon sagen", erklärte der Prälat. Dann fuhr er fort: „Mr. Kelly hat mir ausführlich sein Leid geklagt." Ich war gespannt, wie er diese Nebensächlichkeit aufbauschen würde und wartete ab. „Gerade in der Kelly-Familie mußte das geschehen." Er schüttelte den Kopf dabei und sagte dann: „Diese armen Kelly's waren wie vor den Kopf gestoßen. Sie konnten es nicht fassen, daß ein katholischer Priester so etwas sagen würde." Die anwesenden Geistlichen hörten alle aufmerksam zu. Es tat diesem alten Prälaten sichtlich gut, alle in Spannung zu halten. Dann zog er tief an seiner Zigarre, blies den Rauch gemächlich in den Raum und sagte endlich:

„Mr. Kelly war gerade dabei, seinen protestantischen Gästen die Einzigartigkeit des katholischen Priestertums zu erklären. Mr. Kelly sprach von der Erhabenheit priesterlicher Ehelosigkeit." Dann sah er sich im Kreise um und fragte: „Was meint ihr, was unser Father Willy dazu zu sagen hatte?" „Keine Ahnung! Wie sollten wir das wissen!", waren die Antworten aus den verschiedenen Richtungen. Mit erhobener Stimme und sehr eindringlich, wie ich es wirklich nicht gesagt hatte, sagte er dann: „Mr. Kelly, sind Sie wirklich sicher, daß das auch stimmt, was Sie über die priesterliche Ehelosigkeit sagen?" Er atmete tief ein und fügte hinzu: „Und das sagte er zu Mr. Kelly in Anwesenheit seiner protestantischen Freunde! Damit ist er einem unserer treuesten Katholiken in den Rücken gefallen." Es wäre nicht gerade sehr klug gewesen, war die allgemeine Meinung. Ich hätte wohl vergessen, daß der älteste Sohn der Kelly-Familie im Priesterseminar wäre.

„Aber das Schönste kommt noch", sagte der Prälat. Dann erzählte er, daß ich mir die Heilige Schrift reichen ließ. Es wäre unverzeihlich gewesen, was ich dann vorgelesen hätte. „Aber so schlimm kann es doch nicht gewesen sein, wenn es die Heilige Schrift war, lieber Herr Prälat", meinte einer der Anwesenden in der Runde.

Es war l Kor 9,5. Sofort griff einer der Anwesenden nach der Heiligen Schrift im Regal und suchte die betreffende Stelle. Dann las er für alle: „Haben wir nicht das Recht eine gläubige Frau mitzunehmen, wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und wie Kephas?" „Und das vor Mr. Kelly, der uns wegen des Zölibats in den Himmel erhebt", rief einer, der ihn gut kannte.

„Nun, was ist daran verkehrt?", fragte ich erheitert. „Da fragst Du noch?", fuhr mich der Prälat an. „Du denkst nicht mit der Kirche!", warf er mir vor. „Immer gehst Du Deine eigenen Wege. Du gehst über uralte, heilige Traditionen hinweg. Du weißt ganz genau, daß für uns nicht die Bibel, sondern das Lehramt der Kirche maßgebend ist." „Aber doch nicht, wenn es im Irrtum ist", fügte ich hinzu. „Das Lehramt der Kirche irrt nicht", korrigierte er mich barsch.

Der Generalvikar spürte, wie sich das Gespräch zuspitzte. Er machte einige Beschwichtigungsversuche und sagte: „Seht Ihr nicht, der Willibald möchte Euch doch nur auf die Palme treiben. Ihr braucht doch das nicht ernst zu nehmen, was er sagte."

„Und ob mir ernst ist" widersprach ich dem Generalvikar. Dann wandte ich mich zum Prälaten und der Runde und sagte: „Sie tun mir unrecht, wenn Sie sagen, ich hätte die Kelly's vor den Kopf gestoßen. Wenn ich das im Sinn gehabt hätte, dann hätte ich ganz was anderes zitiert." „Es wird immer noch schöner!" rief einer dazwischen und ein anderer Geistlicher wollte wissen, was ich gesagt hätte. „Raus mit der Sprache!" So feuerten sie mich an.

Ich zögerte etwas. „Warum traust Du Dich nicht? Wenn Du schon A sagtest, dann mußt Du auch B sagen." Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, griff nach dem Neuen Testament und sagte: „Einen Augenblick. Hoffentlich finde ich, was ich suche." Ich hatte Glück. Dann las ich: „Der Geist sagt ausdrücklich: In späteren Zeiten werden manche vom Glauben abfallen. Sie werden sich betrügerischen Geistern und den Lehren von Dämonen zuwenden, getäuscht von heuchlerischen Lügnern, deren Gewissen gebrandmarkt ist." Ich unterbrach mich und sagte: „Jetzt kommt die entscheidende Stelle. Hört her!" rief ich. Dann las ich weiter im Text: „Sie verbieten die Heirat." Ich sah auf und sagte: „Das steht im ersten Timotheusbrief, Kapitel vier, Vers drei."

„Halt!" rief einer dazwischen. „Wer verbietet die Ehe?" Ich sah in das Buch und sagte: „Es heißt hier ganz allgemein, sie verbieten die Heirat." Damit war er nicht zufrieden. Ich sah es ihm an. „Meines Erachtens ist es nebensächlich, wer damit gemeint war." Ich wartete ab und sagte dann: „Viel wichtiger ist für mich, daß Paulus jeden Menschen einen Abtrünnigen nennt, wenn er die Ehe verbietet. Ein solcher Mensch hat nach Paulus in der Kirche keinen Platz. Wer die Ehe verbietet, kann unmöglich ein Amt in der Kirche bekleiden. Dieser Mensch hat sich Dämonen zugewandt oder sich täuschen lassen von heuchlerischen Lügnern."

„Schade", sagte einer aus der Runde. „Was ist schade?", wollten die anderen von ihm wissen. „Daß Mr. Kelly und seine Familie und die Protestanten das nicht gehört haben." Dann wandte er sich an mich und fragte: „Warum hast Du ihnen diese Stelle vorenthalten?" Jetzt gab es Proteste: „Ja, bist Du denn übergeschnappt?! So etwas kann man doch den Kelly's nicht zumuten", war die Meinung der Übrigen in der Runde. „Doch!" hielt er ihnen entgegen. Dann sagte er: „Mr. Kelly hätte sich ganz sicher mit einem Schreiben an den Erzbischof gewandt. Ganz sicher hätte er wissen wollen, wieso der Papst und die Bischöfe den Priestern die Ehe verbieten."

„Nein!", glaubte einer zu wissen. „Das hätte Mr. Kelly nicht getan. Er weiß doch so gut wie wir, daß er gegen die Kirche nichts ausrichten wird." „Aber seinen Sohn hätte er mit Sicherheit aus dem Priesterseminar geholt." Und jemand gab zu bedenken: „Vielleicht hätte er auch die übrigen Studenten rebellisch gemacht." Es war naheliegend. Es war zu befürchten, daß das Priesterseminar geschlossen werden müßte. „Kaum auszudenken!", rief einer mit Entsetzen in der Stimme.

Dann stellte ich fest: „Ich war doch sehr zurückhaltend bei den Kelly's." Und fuhr fort: „Wie ein rohes Ei habe ich ihn behandelt." Dann wandte ich mich an den Prälaten und sagte vor allen: „Wenn jemand schockiert, dann sind Sie es, Herr Prälat." Er war erstaunt. „Sie werfen mir vor, ich würde die Leute vor den Kopf stoßen." Ich machte eine Pause, atmete tief und sagte: „Wenn jemand schockiert, dann Sie mit ihren frivolen Sprüchen." Er lächelte etwas verlegen.

„Sie erinnern sich doch, was Sie gesagt haben." Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Ich geniere mich, es zu wiederholen." Der Prälat erinnerte sich und sagte: „Aber Willibald! Jetzt spiele nur nicht den Unschuldsengel! Ein klein wenig Männerjargon wirst Du doch hoffentlich noch verkraften."

Ich wehrte mich. „Nein, das hat nichts mit Männersprüchen zu tun. Es steckt mehr hinter solchen Äußerungen", stellte ich fest. „Mein Gott, bist Du dumm", bekam ich zur Antwort. „Das war doch eine Einladung zur Beichte", erklärte er mir. Dann wurde ich vom Generalvikar belehrt. „Wir sind doch alle nur schwache Menschen. Und mit einer Frau kann ein Priester schneller etwas zu tun haben, als er denkt. Wir kommen doch schließlich deshalb zusammen, damit wir uns gegenseitig die Lossprechung geben, wenn wir sie brauchen." Daran hatte ich nun wirklich nicht gedacht.

Wie gut doch alles eingerichtet ist für uns geistliche Herren! Die Schäferstündchen vornehm und diskret. Sogar für die Lossprechung ist gesorgt. Man kann sie haben so nebenbei, während einer Tasse Tee. „Verstehen wir uns jetzt?", fragte mich der Generalvikar. Ich erwiderte: „Nur kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß jemand seine Liebesabenteuer beichtet." „Was? - Ich muß schon sehr bitten!", rief er aus. Nun war er wieder bei seinem Thema: „Es kommt sogar vor, daß ein Geistlicher jene Frau absolviert, mit der er gesündigt hat." Er sagte dies sehr ernst und fuhr fort: „Ein entsetzliches Verbrechen gegen die Heiligkeit der Beichte." Dann konnte er es sich nicht verkneifen zu sagen: „Wer das tut, ist automatisch von all seinen priesterlichen Ämtern suspendiert und im Kirchenbann. Der Heilige Vater hat sich diese Fälle ganz persönlich vorbehalten." Ich nickte und das machte ihn zufrieden.

Dann sagte ich: „Es wird doch niemand so dumm sein und dem Heiligen Vater seine Privatangelegenheiten auf die Nase binden." Wieder bekam ich todernste Blicke. „Doch!" sagte der Generalvikar mit Bestimmtheit. „Es bleibt keinem Geistlichen etwas anderes übrig, wenn er von seinen Strafen erlöst werden will." Ich lächelte ihn etwas mitleidig an und sagte: „Was ist schon ein Kirchenbann, von dem keiner was weiß!? Was bedeutet die Suspension von allen Ämtern, wenn diese geheim bleibt? Das Ganze ist doch nur ein Hühnerschreck, sonst nichts."

Nach einer Pause sagte er zu mir: „Sag' mir ehrlich: Fürchtest Du Dich überhaupt nicht vor der ewigen Verdammnis?" Meine Antwort war kurz und bündig: „Nein!" sagte ich. „Überhaupt nicht. Verdammen! - Das bringen nur gewisse Menschen fer-tig."

 

Das Glaubensseminar

(u. a. über die religionsgeschichtliche Entstehung der Hölle)

In den Stadtpfarreien war es üblich, von Zeit zu Zeit Glaubensseminare abzuhalten. Die damals vorgeschriebenen Themen stammten aus dem Kinderkatechismus. Kein Wunder, daß dieses Vorhaben bei den Pfarrangehörigen auf wenig Gegenliebe stieß. Als ich darauf zu sprechen kam, sagte einer: „to hell with it", und wollte wissen, ob es denn keine besseren Themen gäbe. Ich wiederholte seine abfällige Bemerkung „to hell with it!" und fuhr fort: „Reden wir doch über die Hölle." Mein Vorschlag wurde angenommen. Ich hatte acht Tage Zeit, ein kleines Einführungsreferat vorzubereiten.

Manche Menschen haben die schwersten Vorwürfe so schnell bei der Hand wie andere das Trinkgeld. Das gilt in der Kirche besonders für jene, die den dürren Katechismus mit der vollen Waffenrüstung des Glaubens verwechseln.

Beim Evangelisten Lukas heißt es im 16. Kapitel: „Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gerne seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Statt dessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.

Als nun der Arme starb, wurde er von Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schicke Lazarus zu mir. Er soll wenigstens die Spitze seines Fingers in Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.

Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, daß du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber muß leiden. Außerdem ist zwischen uns auch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so daß niemand von hier zu euch, oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.

Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schicke ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.

Abraham erwiderte: Sie haben Mose und die Propheten, auf sie sollen sie hören. Er sagte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf antwortete Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht" (LK 16,19-31).

In jenem Land sprachen die Leute besonders in der Bar von der Hölle und vom ewigen Feuer, das dort brennt. Je mehr die einen an die Tatsächlichkeit des höllischen Feuers glaubten, und in ihrem alkoholisierten Zustand jeden erbarmungslos darin brennen ließen, der es wagte, nicht daran zu glauben, desto mehr fühlten sich die anderen angespornt, die Hölle mit ihrem Feuer als einen lächerlichen Kinderschreck abzutun. So war mir das geschilderte Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus eine willkommene Gelegenheit, auf die gegensätzlichen Meinungen etwas einzugehen.

So wollte ich meinen Zuhörern klar machen, daß auch Jesus ganz und gar ein Kind seiner Zeit war. Hätte Jesus beispielsweise bereits zur Zeit eines Abraham gelebt, so hätte er seine Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus sicherlich anders erzählt.

Der reiche Mann wäre in jener Frühzeit weder in Purpur gekleidet, noch Hausbesitzer, sondern ein herumziehender Nomade gewesen. Sein Reichtum hätte sich noch nicht in einer luxuriösen Haushaltsführung geoffenbart, sondern in der Qualität und Größe seiner Herden. Der Arme wäre nicht vor der Haustüre, sondern vor dem Zelteingang gelegen. Dort hätte er nicht auf die Brosamen gewartet, die unter den Tisch fallen. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn ihm die Eßschüssel zum Ausschlecken gebracht worden wäre. Ein möbliertes Herrenhaus war den Nomaden fremd. Nur die Hunde hätten auch damals schon die Geschwüre des Armen abgeleckt. Sie gehören ja zu den ältesten Gefährten der Menschen.

Damals hätten die Engel den toten Lazarus keinesfalls in den Schoß Abrahams gelegt. Sie hätten ihn lediglich in das Totenreich getragen, wo alle Menschen hinkommen, wenn sie sterben. Dem Reichen wäre es im Totenreich weder besser noch schlechter ergangen als dem Armen. Im Totenreich wären alle ohne irgendeinen Unterschied gleich tot gewesen, unabhängig davon, was diese zu ihren Lebzeiten Gutes oder Böses getan hatten. Zur Zeit Abrahams dachte noch niemand an eine Hölle oder gar an eine ewige Höllenstrafe. Den damaligen Menschen war jegliche Art von Belohnung oder Bestrafung nach dem Tod absolut fremd. Erst viel später, mit dem Propheten Isaias, ist das anders geworden.

Es ist erstaunlich, wie der Gedanke an eine Hölle fast rein zufällig entstanden ist.

Die Assyrer hatten das Land in ihrem eisernen Griff. Die Unterdrückung und die Ausbeutung war kaum vorstellbar. Sie ließen den Leuten kaum das Nötigste zum Leben. Obendrein lagen sie vor den Toren Jerusalems.

Die Assyrer konnten Jerusalem aber damals nicht erobern. Das ist zum großen Teil das Verdienst des Propheten Isaias. Er flößte den Bewohnern der Stadt das nötige Vertrauen ein. In zündenden Predigten schilderte er das traurige Ende des Assyrerkönigs draußen vor der Stadt.

Vor seinen Zuhörern in Jerusalem ließ er den feindlichen König tot in das finstere Loch der Hölle stürzen. Ebenso ließ er die Bewohner des Totenreiches wieder lebendig werden. Alle Toten sollten den Sturz des feindlichen Königs mitverfolgen. Wie zu Lebzeiten durften sich die Toten wundern und sich gegenseitig fragen: „Ist das der Mann, der die Erde erbeben ließ?"

Durch diese Predigten kam tatsächlich Leben in das Totenreich. Die menschliche Phantasie hatte neue Impulse erhalten. Isaias trieb diese mächtig voran. Er hatte auch allen Grund dazu.

Der Unglaube seiner Landsleute ließ ihm keine andere Wahl. Wie früher gegen die Assyrer, so wettere er später auch gegen seine Landsleute.

Der Prophet stellte sie alle vor die Entscheidung: Bekehrung oder Untergang. Er schilderte ihnen genauestens, welche glücklichen Folgen die Bekehrung für sie haben würde. Der Reichtum der ganzen Erde würde einem mächtigen, nie versiegenden Strome gleich in die Stadt Davids fließen. So wurde damals bereits dafür der Grundstein gelegt, daß irdischer Reichtum und himmlischer Segen untrennbar eins sein müßten.

Ebenso deutlich schilderte er auch die Konsequenzen ihres Unglaubens. Alle Ungläubigen würden im Hinnomtal vor der Stadt ein schreckliches Ende finden. Der Boden würde sich auftun, und alle Ungläubigen würden vom Erdboden verschlungen werden. Sie würden sofort in ein Feuer kommen, das nie mehr erlischt. Obendrein würde sie auch ein Wurm plagen, der niemals sterben würde.

Damit war die Vorstellung einer ewigen Höllenstrafe geboren. Später, zur Zeit Jesu, war diese Höllenvorstellung eines einzigen Propheten zum Allgemeingut des ganzen Volkes geworden.

Als Kind seiner Zeit hatte auch Jesu diese Gedanken in seinen Predigten verwendet.

Meine Ausführungen bekamen einige Zuhörer in die falsche Kehle. Sie klagten mich an, ich würde nicht an die Existenz der Hölle glauben, und schon gar nicht an die ewige Höllenstrafe der Verdammten.

Wahrscheinlich hatte Isaias nicht im Traum daran gedacht, daß sein Auftreten gegen die feindlichen Assyrer das stille Totenreich so verändern würde. Ebenso wenig hatte er selbst daran glauben können, daß sich der Boden des Hinnomtales tatsächlich öffnen würde, um all jene zu verschlingen, die religiös gesehen, ihre eigenen Wege gingen. Aber absolut sinnlos würde es ihm vorkommen, wenn er erleben müßte, daß sich Menschen des 20. Jahrhunderts allen Ernstes über die Hölle streiten.

Ohne es zu bemerken, waren die pfarrlichen Verfechter der ewigen Höllenstrafe in das Lager der Protestanten gewechselt. Auf der gemeinsamen Grundlage des Alkohols war jedem sehr bald klar, daß es nicht nur eine ewige Verdammnis geben müsse, sondern daß ein ganz bestimmter Teil der Menschheit dafür auch bestimmt wäre. Sie hätten keine Möglichkeit, diesem furchtbaren Schicksal zu entkommen. Das alte Vorurteil, daß die Neger für ein Leben in der Hölle vorherbestimmt wären, hatte neuen Auftrieb erhalten. Das Merkmal ewiger Verdammung war ihnen als schwarze Hautfarbe unverkennbar auf den Leib geschrieben.

Der Erzbischof hörte davon und stellte mich zur Rede. Er gebrauchte mir gegenüber das Wort „Irrlehre" nicht. Für ihn war das alles nur ein peinliches Mißverständnis, das sich bei einigem guten Willen bald wieder bereinigen lassen müßte.

Er ließ aber auch darüber keine Zweifel, daß es keinen Sinn hätte, die Gläubigen mit Religionsgeschichte zu belasten. Was am Glauben mit Wissenschaft zu tun hätte, sei ausschließlich den Gelehrten vorbehalten. Für den praktischen Glaubensvollzug seien solche Erkenntnisse schädlich. Die Ausführungen über das Totenreich, insbesondere die Beiträge des Isaias dazu, hätte ich mir sparen können. Solche Dinge brächten nur Ärger.

Dann kam eine Lektion über das kirchliche Lehramt. Gerade weil viele Gläubige nicht in der Lage wären, selber klar zu entscheiden, müßte das kirchliche Lehramt einspringen. Das kirchliche Lehramt bietet Halt und Stütze. Das alles für ein wenig Glaubensgehorsam.

Wichtiger als solche Weisheiten sei das tägliche Gebet um den rechten Glauben. Er selber bete deshalb bei jeder Gelegenheit den Akt des Glaubens, in dem es nicht umsonst heißt: „Ich glaube alles, was die heilige, katholische Kirche zu glauben lehrt."

Obwohl mir der Erzbischof klipp und klar seine Meinung zu verstehen gab, gebärdete er sich nicht autoritär. Er ließ es zu, daß auch ich ihm offen meine Meinung sagte. Ein wahrhaft bewundernswerter Mann.

So sagte ich ihm, daß es gerade auf dem Gebiet des Glaubens eine Reihe von Fragen gäbe, die von aller Anfang an nie hätten gestellt werden dürfen.

Die Fragen nach der Hölle würden sicher dazu gehören. Und was das kirchliche Lehramt beträfe, wäre es unverzeihlich, daß es sich auf diese Fragen überhaupt eingelassen hätte.

Die Leute verlangten Klarheit über die Hölle, und das kirchliche Lehramt gab sie ihnen. So einfach war das. Vielleicht etwas zu einfach. Jedenfalls ist die Kirche längst nicht mehr so willig, auf die oftmals sehr drängenden Bitten der Gläubigen auch nur annähernd einzugehen.

Es war fast ein Wunder, daß wir bei diesen gegensätzlichen Standpunkten ein gemeinsames Abendessen einnehmen konnte. Ich war Gast des Erzbischofs. Ich durfte erleben, daß er für mich da war und nicht nur für die Beschwerdeführer. Die Liebe zur Kirche und die Sorge für die uns anvertrauten Menschen war eine Grundlage, die der Erzbischof niemals für sich allein in Anspruch zu nehmen pflegte.

So war auch nichts Verfängliches zu spüren, als der Erzbischof fragte: „Wie erklären Sie den Satz: Ich leide große Qual in diesem Feuer?" Dann erinnerte mich der Erzbischof auch an die Rede Jesu vom Weltgericht.

Dort heißt es, daß der Menschensohn auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird, um dann wie ein Hirte alle Böcke von den Schafen zu scheiden. Bei dieser Gelegenheit hat Jesus klar und deutlich gesagt: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist."

Diese Worte Jesu sind in der Tat klar und eindeutig.

Nun war ich wieder an der Reihe. Der Erzbischof hörte mit echtem Interesse zu, als ich sagte: „Jesus will uns mit aller Macht einschärfen, daß kein Mensch an der Notwendigkeit vorbeikommt, sich zu ändern.

Gerade dann, wenn sich ein Mensch als schwarzes Schaf oder als Ziege auf der Seite des Unheils weiß, ist es für ihn unerläßlich von dort wegzukommen. Unter keinen Umständen darf er weiter auf der Seite des Unheils leben. Deshalb bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zu ändern.

Die Hinweise auf die ewigen Höllenqualen unterstreichen diese Notwendigkeit mit unüberbietbarer Deutlichkeit. Über die Existenz und die Beschaffenheit der Hölle selber wollte Jesus nichts aussagen."

In der Hoffnung, daß ich dies auch den zerstrittenen Pfarrangehörigen klarmachen würde, kehrte ich wieder heim. Alles in allem, ein gelungener Abend.

Die Glaubensgespräche waren gut besucht. Der Grund lag auf der Hand. Es wurde nichts Altes lediglich neu aufgewärmt, sondern alles mit ungewöhnlichen Fragen bestürmt. Das allein machte die Gespräche brisant.

Einmal ging es über Jesus und den Täufer. Dabei kreisten unsere Gedanken immer mehr um das Jesuswort: „Und wenn ihr es gelten lassen wollt: Ja, er ist Elija, der wiederkommen soll. Wer Ohren hat, der höre!" (Mt 11,14).

Es wurde der Schluß gezogen: Jesus läßt jedem Menschen seine Überzeugung. Jeder mag über Johannes, den Täufer, denken, was er will. Er kann ihn für den längst verstorbenen Propheten Elija halten. Wenn nicht, ist es ihm auch recht. Für Jesus gibt es also keine Rechthaberei in Glaubenssachen. Dann kamen die Glaubenskämpfe der verschiedenen christlichen Konfessionen zur Sprache. Alles unnötige Auseinandersetzungen, hieß es. Blut und Tränen waren umsonst geflossen. Schließlich wurde gefragt: „Warum können die Christen nicht so tolerant sein wie Jesus? - Warum hatten sie nie gelernt, sowohl das eine, als auch das andere gelten zu lassen?"

Mich überraschte die Offenheit dieses Gespräches. Nichts war tabu. Einer hatte Schwierigkeiten mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu aus dem Grab. Im Geiste Jesu sagte er: „Wenn ich es gelten lassen kann, dann sage ich: Ja, Jesus ist aus dem Grab erstanden. Und wenn ich es nicht gelten lassen kann, dann sage ich: Nein! Jesus ist nicht auferstanden!" Er verstand die Auferstehung Jesu als ein Ereignis der inneren Wirklichkeit. Sie war äußerlich nicht wahrnehmbar. Immer wieder hieß es: „Wenn Ihr es gelten lassen wollt!" Es wurde ein geflügeltes Wort.

Vorsichtig ging ich einen Schritt weiter und machte mich an das Apostolische Glaubensbekenntnis heran. Ich erinnerte ausdrücklich an die Toleranz Jesu und fuhr fort: „Wenn wir es gelten lassen können, dürfen wir bekennen: Er ist Gottes eingeborener Sohn - aus dem Vater geboren vor aller Zeit - Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott - gezeugt, nicht geschaffen - eines Wesens mit dem Vater - Ja! Wenn wir es gelten lassen können, dürfen wir weiter sprechen: Er ist vom Himmel herabgekommen und hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist - von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. - Das alles gilt aber nur, wenn wir es gelten lassen können. Jesus kennt keinen Glaubensgehorsam. Er will uns sagen: Wie das Gesetz, so ist auch der Glaube nur für die Menschen da." Für viele wurden diese Worte eine neu entdeckte Frohbotschaft.

An jenem Abend erlebten wir den Glauben als etwas durch und durch Positives. Wir wurden uns alle bewußt, daß er zu jenen Dingen gehört, die weder von oben verordnet, noch versagt werden können. Es ging uns auf, daß der Glaube eines Menschen zu jenen Gütern gehört, die es überall zu respektieren gilt, wie das Leben selbst.

Dann klagte mir ein gut bekanntes Ehepaar sein Leid. Sie hätten schon vor fünfundzwanzig Jahren gerne in der Kirche geheiratet. Leider wurde damals nichts daraus. Der Mann war geschieden. Sie hatten sich schweren Herzens mit einer standesamtlichen Trauung begnügen müssen.

Darüber konnte die Frau nie mehr froh werden. Es gab keinen Hochzeitstag, an dem sie deswegen nicht geweint hätte. Sie konnte nicht verstehen, daß sie deswegen vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen war.

Kurz vor der Silberhochzeit stand dieses Elend besonders bedrückend vor ihren Augen. Die Frau sperrte sich. Vom bevorstehenden Ehejubiläum wollte sie nichts wissen.

Ihr einziger Wunsch war es, nach so vielen Jahren der Exkommunikation endlich wieder die heilige Kommunion empfangen zu dürfen.

Diese Leute besaßen meine volle Sympathie. Sie mußten das gespürt haben, denn sie erzählte mir in aller Ausführlichkeit wie es damals war.

Wie gewöhnlich, war zuerst versucht worden, die Ehe mit dem geschiedenen Mann zu verhindern. Von allen Seiten redete man auf das Mädchen ein. Umsonst.

Und da gegen den Mann nichts einzuwenden war, als daß er geschieden war, begann man, auch über seine gescheiterte Ehe zu reden. Sogar der zuständige Pfarrer wurde eingeschaltet. Dieser soll zu der Überzeugung gekommen sein, daß die erste Ehe des Mannes ungültig war. Der Pfarrer sah aber keine Möglichkeit, den Leuten zu helfen. Die Aussagen ließen sich nicht zweifelsfrei beweisen.

Durch die rein standesamtliche Trauung fühlte sich die Frau in den Stand der öffentlichen Sünder aufgenommen. Kein Wunder, daß sie dies bedrücken mußte. Dann wurde doch noch alles gut. Ich konnte jenes Ehepaar aus ihrer unglücklichen Lage befreien. Am folgenden Sonntag reichte ich ihnen nach so vielen Jahren wieder die heilige Kommunion. Die Frau war selig. Die ganze Pfarrgemeinde freute sich mit ihnen.

Es ging alles gut. Von keiner Seite kamen neugierige Fragen. Nirgends ein Zeichen von Argwohn. Diese Erfahrung machte mir Mut. Deshalb dachten wir allen Ernstes sogar an eine kirchliche Trauung.

 

Die verbotene Trauung

Ich holte das Trauungsbuch und legte es auf den Tisch. „Sie erwarten von mir, daß ich Sie in dieses Trauungsbuch eintrage." Dann fragte ich: „Sind Sie sich im Klaren, was das bedeutet?" Ich sah sie durchdringend an. „Wenn ich amtlich bestätige, daß ich Sie beide getraut habe, liefern wir dem Erzbischof einen Grund für meine Amtsenthebung." „Um Gottes Willen!" antwortete der Mann. „Lassen Sie dieses Trauungsbuch aus dem Spiel. Wir brauchen keine Heiratsurkunde", und sah dabei zu seiner Frau: „Schatz, sag doch selber, die standesamtliche Bescheinigung hat doch immer genügt." Die Frau nickte ihm zu und sagte: „Wir wünschen uns nur eine schöne kirchliche Feier." Ich verstand: „Also eine schöne würdige Feier in der Kirche, aber ohne jeglichen Schreibkram." Dann brachte ich das Trauungsbuch wieder an seinen Platz zurück.

„Ich glaube, wir könnten eine Tasse Tee vertragen." Dann bat ich sie, mit mir in die Küche zu kommen. Dort machte ich die gewohnten Handgriffe, holte für jeden eine Tasse aus dem Küchenschrank. Dann besorgte ich Milch und Zucker. Nach einer Weile waren wir wieder auf unseren gewohnten Plätzen und ließen uns den Tee schmecken.

Dann kam ich wieder zurück zur Sache: „Was verstehen Sie unter einer schönen kirchlichen Feier?" Die beiden sahen mich etwas hilflos an. „Ich denke an die Orgel und an den Kirchenchor." Die Frau sagte: „Ich möchte, daß wir zwei vor dem Altar knien, wie alle übrigen Brautleute." „Das ist keine Schwierigkeit", sagte ich zustimmend.

„Darüber gibt es keine zwingenden Vorschriften, im Grunde

kann sich jeder hinknien, wo er will." Dann fügte ich hinzu: „Sie bekommen selbstverständlich Ihren Ehrenplatz vor dem Altar. Auch können Sie jede Menge Blumen kommen lassen, ganz wie Sie wünschen." Das war wichtig für die Frau.

„Noch immer wissen wir nicht, wie diese Feier aussehen soll". Wieder warteten sie auf meine Einfalle. „Ich denke an eine feierliche Messe mit all Ihren Verwandten, Freunden und Bekannten." Dann fügte ich nachdenklich hinzu: „In dieser Meßfeier müßte dann zum Ausdruck kommen, daß Sie als Mann und Frau vor dem Altar stehen".

Ich meine, Sie sollten dafür danken, daß Sie sich gefunden haben, daß Sie so viele Jahre miteinander leben durften." Dann fiel mir ein: „Vielleicht sollten Sie auch sagen, daß Sie sich weiterhin treu sein wollen, und daß Sie sich lieben, achten und ehren wollen." Das gefiel der Frau. „Wie bei einer echten Hochzeit!", rief sie voller Freude.

„Leider nicht", sagte ich. „Bei einer richtigen Hochzeit muß ich als Pfarrer die Brautleute ausdrücklich einzeln befragen: Sind Sie aus freiem Entschluß hierher gekommen?"

Sie erinnerten sich. Dann fuhr ich fort: „In Ihrem Fall darf ich keine Fragen stellen. Es gibt auch nichts zu fragen. Es ist doch längst alles klar." Dann sagte ich: „In Ihrem Fall darf ich nur als Zuhörer dabei sein im entscheidenden Augenblick." Dann erklärte ich ihnen, was sie tun könnten.

„Ihr großer Augenblick kommt sofort nach meiner Predigt", schlug ich ihnen vor. „Ich werde zur ganzen Gemeinde sagen: Lasset uns beten! Dann tragen Sie Ihre Fürbitten vor." An diese Möglichkeiten hatten sie nicht gedacht.

Dann versuchten wir diese Fürbitten zu formulieren.

Es wollte uns nicht recht gelingen. „Das machen wir daheim", sagte der Mann. „Sehr gut", sagte ich. „Es ist sehr wichtig, daß Sie sich darüber klar werden, wofür Sie danken und was Sie erbitten wollen."

Die Frau sagte dann: „Ich wünsche mir eine Orchestermesse." Ich lachte und sagte: „Wenn Sie die Musiker besorgen." „Keine Schwierigkeit", sagte die Frau. Ihr Mann runzelte die Stirn. Seine Frau versicherte ihm: „Diese Leute spielen gerne. Ich brauche es ihnen nur zu sagen. Du wirst sehen, sie freuen sich darüber. Wir laden sie ein zum Empfang nach dem Gottesdienst."

„Wann soll es denn sein?" fragte ich und holte einen Kalender hervor. Es gab vieles zu berücksichtigen. Dann einigten wir uns auf einen Samstag um zehn Uhr morgens.

„Einladungskarten möchte ich auch verschicken für alle unsere Gäste", sagte die Frau. „Was schreiben wir denn darauf?" wollte der Mann wissen. Das war ein echtes Problem. Für die Leute war es eine längst überfällige, verspätete Trauung. Andererseits durfte das Wort ,Trauung' nicht erscheinen. Nach langem Hin und Her einigten sie sich auf ,Dankgottesdienst der Familie Brighton'.

„Ich möchte, daß mir mein Mann den Ring ansteckt vor dem Altar."

Ich gab zu bedenken, daß es doch ein Dankgottesdienst werden sollte und keine Trauung. „Sie werden staunen, wie ich danken kann, wenn er mir den Ring angesteckt hat." Dann schmiegte sie sich an ihren Mann und sagte: „Ich werde sagen: Herr Gott, ich danke dir, daß ich diese Stunde erleben darf. Ich freue mich über diesen Ring. Ich trage ihn, als Zeichen seiner Liebe und Treue." Sie war ganz gerührt.

„Werden Sie uns am Eingang der Kirche feierlich empfangen?" „Keine Schwierigkeit!" sagte ich. „Wir halten einen feierlichen Einzug in die Kirche. Alle Glocken werden läuten." „Schön", sagte die Frau. Dann fuhr sie fort: „Und den Altardienst! Das wäre doch etwas für die Kinder." - „Sicher!" sagte ich. „Sie werden sich freuen".

„Dann brauchen wir noch die Lesung und das Evangelium", sagte ich, und fuhr fort: „Sie können es selber aussuchen. Nehmen Sie, was Sie am liebsten haben". Wir kamen überein, daß sie mich anrufen würden, sobald sie sich auf ein bestimmtes Evangelium geeinigt hätten.

„Jetzt habe ich aber noch eine Bitte zum Schluß", sagte die Frau. „Bitte sagen Sie nicht nein", flehte sie. Dann fuhr sie fort: „Ich habe es mit meinem Mann schon besprochen, und er würde gerne mitmachen. Jetzt liegt es nur noch an Ihnen". Sie lächelte mir zu. Ich wartete: „Geben Sie meinem Mann doch auch die heilige Kommunion", bat sie. „Wenn er sie haben will, gerne", sagte ich. „Ich reiche Ihnen auch den Kelch. Sie dürfen beide daraus trinken." „Das ist wunderbar!" rief die Frau in heller Freude.

„Was werde ich anziehen?" fragte sie ihren Mann. Er lachte.

„Ganz bestimmt ein neues Kleid", war seine Antwort. „Goldschatz!" sagte sie und drückte ihm einen schnellen Kuß auf die Wange.

„Dann hätten wir es eigentlich fürs Erste", sagte ich. „Rufen Sie mich an, wenn sich etwas Neues ergibt." Die Frau trug das Teegeschirr in die Küche, dann bedankten sie sich und gingen.

Einige Zeit später war ich in ihrem Haus. Das Album war fertig. Die Leute wollten es mir unbedingt zeigen. Es lag vor mir auf dem Tisch.

„Wir sind gespannt, wie es Ihnen gefällt", sagte die Frau. Ich öffnete es. „Die verbotene Hochzeit" stand auf der ersten Seite. Die Worte waren in leuchtendem Gelb auf das dunkle Papier geschrieben. Ich las es halblaut vor und lachte. „Es ist doch alles gut gegangen", sagte ich. „Ich hatte nicht das Gefühl etwas Verbotenes getan zu haben", sagte ich dann. „Wir eigentlich auch nicht", meinte die Frau. „Wir haben aber doch geltendes Recht absichtlich ausgetrixt und gegen den Geist des Gesetzes gehandelt". Der Schwiegervater hatte es auch gelesen und gesagt „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott". Ich nickte ihm freundlich zu.

Auf der nächsten Seite war ein sehr gelungener Schnappschuß. Er zeigte die beiden Eheleute mit ihren Kindern auf dem Gartenpfad vor dem Haus. „Auf dem Weg zur Trauung", war darunter geschrieben. Der Mann sagte: „Wer hat schon so große Kinder, wenn er sich trauen läßt?" Er sagte es nicht ohne Stolz. Der Schwiegervater gestand: „Bei meiner Hochzeit war der Stammhalter erst ein paar Monate unterwegs". Die Oma war nicht sehr begeistert über diese Bemerkung ihres Mannes. „Du mußt doch nicht alles sagen", ermahnte sie ihn. „Aber Frau!" konterte der Opa.

„Reut es dich etwa?" Die Oma lächelte und blieb still.

Dann kamen Bilder mit verschiedenen Gästen. Es wurde bemerkt, wie schön es war, daß diese und jene Leute ihrer Einladung gefolgt waren. Auf der nächsten Seite war zu lesen: „Der Pfarrer begrüßt das glückliche Paar". Ich war gut getroffen. Das weiße Meßgewand ließ mich sehr vorteilhaft erscheinen. „Schade, daß das Glockengeläute nicht aufgenommen wurde", sagte die Frau. Dann fuhr sie fort: „Noch nie hat mich ein Läuten so tief bewegt, wie damals." Dann erzählte sie vom Einzug in die Kirche. Sie dachte an das himmlische Jerusalem.

Ich blätterte um. „Vor dem Traualtar", las ich unter dem nächsten Bild. Gegenüber war zu lesen: „Himmlischer Vater, ich danke dir, daß du mir die Christine zur Frau gegeben hast. Hilf, daß ich ihr treu sein kann alle Tage meines Lebens." Der Text war eingerahmt, wie ein Merksatz in einem Schulbuch. Die Frau warf ihrem Mann einen liebevollen Blick zu. Es war eine der Fürbitten, die der Mann gesprochen hatte. Ich erinnerte mich.

Auf der nächsten Seite war zu sehen, wie die Frau ihrem Mann den Ring an den Finger steckte. Darunter las ich die Worte: „Himmlischer Vater, gib, daß uns dieser Ring immer ein Zeichen gegenseitiger Liebe und Treue sein möge." „Wie fromm Du bist!" rief der Mann. „Mir ist nichts besseres eingefallen", entschuldigte sich die Frau und blätterte um.

„Das ist ein schönes Bild", sagte die Frau. Es zeigte den Mann, wie er gerade aus dem Kelch trank, den ich ihm gereicht hatte. „Es steht nichts darunter", stellte der Mann fest. „Warum hast Du nichts darunter geschrieben?" wollte er wissen. „Ich konnte nicht", sagte die Frau. Der Mann sah sie verwundert an und fragte: „Was hättest du denn gerne darunter geschrieben?" "Bald wird unser Papa katholisch werden", sagte die Frau und lachte. „Das glaube ich nicht", sagte der Mann.

Die Frau wandte sich zu mir und sagte: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, mein Mann glaubt nicht, daß Brot und Wein in Leib und Blut verwandelt werden." Ich fragte sie: „Glauben Sie es?" Die Frau schaute mich verwundert an und sagte: „So haben wir es gelernt." „Ich weiß", sagte ich, und fuhr fort. „Mir wäre viel wohler ums Herz, wenn niemand mehr auf dem Wort WANDLUNG herumreiten würde." Ich rede auf alle Fälle höchst ungern darüber, gab ich ihr zu bedenken. Dann sprachen wir darüber, daß Jesus niemals von der heiligen Wandlung gesprochen hatte, wie wir das tun.

„Ja, ich kann Sie gut verstehen", sagte ich zu ihrem Mann.

„Ich habe meine eigenen Schwierigkeiten gerade in dieser Hinsicht." Wir schwiegen nachdenklich. Dann spürte ich, daß ich der Frau noch eine Erklärung schuldig war und sagte: „Was den Glauben betrifft, gibt es Fragen, die um Gottes Willen niemals gestellt und auch niemals beantwortet werden sollten." Dann sah ich die Frau an und meinte: „Ob Brot und Wein in der heiligen Messe wirklich zu Leib und Blut Jesu verwandelt werden, ist eine davon."

„Weil wir gerade dabei sind", sagte der Mann und sah mich an: „Mit der Gottheit Jesu habe ich dieselben Schwierigkeiten." Ich

wartete. „Für mich war Jesus ein Mensch, wie Sie und ich." „Bitte, sage das nicht!" flehte ihn seine Frau an. „Schatz!" sagte sie. „Wir wollen den Pfarrer doch nicht beleidigen." „Sie beleidigen mich nicht", gab ich zu verstehen. „Sie machen sich mehr Gedanken, als viele meiner besten Katholiken", sagte ich. Er nickte mir freundlich zu. „Ein seltsames Kompliment", meinte die Frau verwundert.

„Was über Jesus von Nazaret in der Bibel steht, ist meiner Meinung nach mythologisiert." Die Frau wartete, daß ich ihren Mann zurechtweisen würde. Ich tat es nicht. Dann fuhr er fort: „Was von Jesus berichtet wird, sind Geschichten, wie von der Erschaffung der Welt oder wie die Geschichten von Adam und Eva im Paradies." Ich sah ihn an und sagte: „Sie sprechen mir aus dem Herzen."

Die Frau traute ihren Ohren kaum. „Dann ist Jesus also nicht vom Himmel herabgestiegen", sagte sie bitter.

Ihr Mann kam mir zuvor und antwortete: „So würde ich nicht sagen, Schatz." Ich wartete ab, wie er es erklären würde. „Ich würde mich fragen: Was soll damit ausgesagt werden?" Ich nickte ihm verständnisvoll zu. „Auch mir bleibt nichts anderes übrig, als mich immer wieder zu fragen, was soll mit diesem oder jenem Wort gesagt sein, das ich da in der Bibel lese. Manchmal geht mir dann ein Licht auf, und ich begreife, was gemeint ist."

Die Frau sagte nachdenklich: „Was bin ich doch für ein Schaf." Ihr Mann sah sie liebevoll an und wartete. Dann sagte sie: „Ich habe immer gebetet, daß mein Mann in den Glauben hineinwachsen möge. Er ist mir haushoch voraus." Es war mir, als wäre ihr ein Licht aufgegangen. Wir blätterten weiter im Album. Der ganze Gottesdienst war darin festgehalten. Das letzte Bild war ein Familienfoto vor der Kirche. Darunter stand: „Dank sei Gott dem Herrn."

„Gefällt es Ihnen?" fragte die Frau. „Sehr schön!" sagte ich. „Sie haben das Album mit sehr viel Liebe gemacht." Ich erhob mich. Es war Zeit, mich zu verabschieden.

Lobende Worte von der Bischofskonferenz in Pretoria

Die oberhirtliche Zurechtweisung

Kurz darauf hatte auch der Erzbischof von ihrer Freude erfahren. Er war sehr verwundert, ließ sich aber vor den Leuten nichts anmerken. Mich aber rief er sehr ungehalten an und forderte eine Erklärung.

So sagte ich ihm, daß ich den Leuten eine schwere seelische Last genommen hätte. Als ihr Pfarrer fühlte ich mich dazu verpflichtet. Der Erzbischof ließ das nicht gelten. Er bestand darauf, daß ich sofort zu ihm kommen müßte.

So setzte ich mich also in das Auto und machte mich auf den Weg zum Hause des Erzbischofs. Er öffnete wie gewöhnlich selbst. Er sah mich sehr besorgt an.

Sein übliches „Hello, Father Glas" kam ihm nicht über die Lippen. Statt dessen sagte er nur: „Kommen Sie herein." Das war der Auftakt zu einem höchst unerfreulichen Gespräch.

„Wie kommen Sie dazu, diese Leute zu den Sakramenten zuzulassen?" Er blieb in der Diele stehen. „Wer einen Geschiedenen heiratet, der bricht die Ehe. Das gilt auch für Sie! Das ist unser Gesetz. Das ist der Wille unseres Herrn." Dann holte er Atem und sagte mit Bitterkeit: „Sie haben dieses Gesetz gebrochen, absichtlich, mutwillig und mit einer Leichtigkeit sondersgleichen. Sie begünstigen die Laxheit der Eheauffassung. Sie reißen Zäune nieder, die vor dem Abgrund schützen sollen. Sie führen die Leute ins Unheil. Sie zerstören die Kirche. Sie haben kein Verantwortungsbewußtsein und keinen Gehorsam." Er sagte auch noch etwas über den Söldner, der nur die Gunst des Augenblicks sieht, auf den aber kein Verlaß wäre. Er warf mir vor, daß ich mich bei den Leuten nur beliebt machen wollte. Ich wäre alles andere, nur kein Seelsorger. Nach diesen Worten war ich auf das Äußerste gefaßt. Zum Glück fing er sich wieder. Dann deutete er in Richtung Amtszimmer und sagte: „Nehmen Sie Platz."

Wir saßen uns genau gegenüber. Er im Talar, sogar das Brustkreuz umgehängt, auf das er im eigenen Hause gewöhnlich verzichtete. Ich, im Straßenanzug und obligatorischen Priesterkragen. Dann überzeugte er sich mit einem schnellen Griff, daß das Brustkreuz nicht schief hing und daß die Kette in zwei gleichen Bögen zum Halse führte.

Welche Sorgfalt verwenden doch manche Bischöfe auf Brustkreuz und Kette! Und wie leicht geraten diese Dinge in Unordnung. Sie brauchten endlich etwas, damit ihr bischöflicher Stolz in Form bleiben würde.

Dann sah er mich an und sagte: „Können Sie mir erklären, warum Sie das getan haben?" Seine Frage war echt. Ihm war mein Verhalten ein Rätsel, das einer dringenden Lösung bedurfte. Ich selber war ihm in jenem Augenblick zu einem Rätsel geworden. Das spürte ich genau.

Dann versuchte ich meine Erklärung.

„Können Sie sich vorstellen, daß ich Herzklopfen bekomme, - daß mir die Luft wegbleiben möchte, - daß ich mir wie erschlagen vorkomme, - daß ich wie gelähmt dasitze, - daß ich unsagbar traurig werde, und daß sich in mir dann alles aufbäumt, und ich dann nur noch sagen kann: Das darf doch nicht wahr sein!"

„Was darf nicht wahr sein?" fragte der Erzbischof voller Ungeduld. „Daß man Menschen einfach in ihrem Unglück läßt", erwiderte ich. Ich wurde deutlicher: „Es darf doch nicht wahr sein, daß Sie selber, Herr Erzbischof, diese arme Frau fünfundzwanzig Jahre weinen lassen, daß Sie ihr Jahr für Jahr den inneren Frieden versagen." Dann setzte ich noch etwas behutsamer hinzu: „Diese Leute sind keine öffentlichen Sünder und keine Ehebrecher." - „Sondern?" unterbrach mich der Erzbischof. „Gläubige Menschen, die Hilfe brauchen, Hilfe von der Kirche, Hilfe von Ihnen", war meine Antwort. Wie im Schmerz rang er sich die Hände. „Sie tun so, als könnte ich etwas dafür, daß diese Leute nicht zu den Sakramenten dürfen."

Ich sah ihn an und sagte, wovon ich im Innersten überzeugt war: „Ja, Herr Erzbischof, Sie können etwas dafür. Sie haben sich von Anfang an gegen diese Leute entschieden." Er widersprach mir: „Unmöglich! Wie können Sie so etwas behaupten! Ich würde diesen Leuten helfen, wenn ich nur könnte." - „Das ist es ja!", fuhr ich ihm ins Wort. „Sie haben sich längst für das Gesetz entschieden, für kalte, tote Paragraphen, nicht für die Menschen."

„Sie beleidigen mich", sagte der Erzbischof. Ich sagte ihm, daß ich ihn nicht beleidigen möchte. Aber ich mußte doch noch hinzufügen: „Bei uns in der Kirche geht man doch über Leichen. Hauptsache, die Gesetze werden eingehalten. Die Menschen dürfen dabei ruhig zugrunde gehen. Diese Unmenschlichkeit tut mir weh. Ich kann sie nicht verantworten."

„Sie haben zu gehorchen, Father Glas", sagte der Erzbischof. „Die Verantwortung tragen andere, nicht Sie. Sie würden sich viel leichter leben, wenn Sie nur das tun würden, was Ihre Aufgabe ist." Nach einer Pause setzte er hinzu: „Sie dürfen nicht von Verantwortung reden, so lange Sie von Gehorsam keine Ahnung haben."

Das war nicht wahr, und ich wehrte mich dagegen.

Dann sagte er etwas vorsichtiger: „Father Glas, Sie müssen doch zugeben, daß Sie höchst ungehorsam waren. Sie haben die Leute zu den Sakramenten zugelassen. Sie wußten, daß das nicht geht. Sie haben keine Entschuldigung."

Wir redeten schon wieder aneinander vorbei. Ich überlegte, wie das verhindert werden könnte. Ich sagte dann: „Die Juden machten sich das goldene Kalb in der Wüste. Unser goldenes Kalb in der Kirche ist aus Gesetzen gemacht. Keiner sagt uns, daß wir hier Götzendienst treiben. Diesem goldenen Kalb wird ständig geopfert. Auch das Glück und den Seelenfrieden jener Eheleute hätte ich wiederum opfern sollen. Ich habe es nicht getan."

Der Erzbischof griff wieder nach seinem Brustkreuz. Er tat es voller Unbehagen. Dann sagte er: „Es ist nicht ihre Aufgabe, in diesen Dingen irgendwelche Vergleiche anzustellen. Lassen Sie solche Gedankenspielereien. Sie sind Priester, Sie stehen im Dienst der heiligen Kirche. Ihr Dienst liegt im Gehorsam. Merken Sie sich: Der Gehorsame liegt immer richtig."

„Der Gehorsame liegt immer richtig."

Bei diesen Worten hätte ich ihm vor Wut ins Gesicht springen können. Dann überfiel mich eine grenzenlose Traurigkeit. Es war plötzlich alles so hoffnungslos. Ich konnte ihn nur noch anstarren und schweigen.

Für den Erzbischof war damit die Sache erledigt. Er stand auf und ging zur Türe. Ich schritt hinter ihm her. Dort reichte er mir die Hand. Dann gab es noch einen letzten Blick, und ich war wieder auf dem Heimweg.

Eine Frage quälte mich: War es richtig, vor dem Erzbischof geschwiegen zu haben? Hätte ich ihn nicht endlich angreifen müssen? Es stand nur ein kleines Tischchen zwischen uns beiden. Mit Leichtigkeit hätte ich ihm das Brustkreuz herunterreißen können. Ein zweiter Zugriff hätte ihm die rote Bauchbinde zerfetzt. Vielleicht wäre er dann endlich aufgewacht und hätte seine Einstellung neu bedacht.

Ich erschrak über diesen Gedanken. „Nein! Gewalt darf es nicht mehr geben! Diese Zeiten sind endgültig vorbei." Ich sprach diese Worte laut zu mir selbst. Es beruhigte mich, sie mit eigenen Ohren zu hören. Dann fragte ich mich: „Warum hatte ich seine Einstellung zum Gehorsam nicht in aller Offenheit in Frage gestellt!" Ich fühlte mich schuldig, weil ich diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen ließ.

Ich war sehr versucht, die ganze Sache neu aufzurollen. Dazu hätte es nur einiger Fragen bedurft. „Herr Erzbischof, warum haben Sie den Leuten nicht gleich gesagt, daß sie die Sakramente zu Unrecht empfangen haben? Sie hätten ihnen sagen müssen, daß ich mich an den Gesetzen der heiligen Kirche versündigt habe - Herr Erzbischof! Ich bestehe darauf, daß Sie dieses Versäumnis sofort nachholen und den Leuten all das brühwarm mitteilen. Wenn Sie sich weigern sollten, werde ich es selber tun." Ja, dann wäre der Teufel los gewesen. Der Teufel, der die Kirche reitet!

„Ich muß den Erzbischof unter Druck setzen", dachte ich mir. „Er soll sich winden und biegen unter der Last der Entscheidung. Billige Ausreden darf es nicht mehr geben." Dieser Hochwürdigste Herr war nicht unempfindlich. Man konnte ihm Entscheidungen abtrotzen. Ich dachte an eine bestimmte Sache, die ich ihm ganz offiziell zur Entscheidung vorgelegt hatte. Damals hatte er sich davor gedrückt. Erst als alles vorbei war und nichts mehr zu machen war, hatte ich seine Antwort erhalten. Es war eine fadenscheinige Entschuldigung. Er wäre schließlich allein in seinem Haus und müßte jeden Brief selber tippen. Unter diesen Umständen wäre es unvermeidlich, daß manches länger auf sich warten ließe. Ich wäre doch der Letzte, der dafür kein Verständnis hätte.

Meine Antwort war gesalzen. Ich hielt ihm postwendend den Spiegel vor das Gesicht und sorgte dafür, daß er auch hinein sah. Er wäre der Erzbischof, schrieb ich ihm, deshalb könnte er sich vor notwendigen Entscheidungen nicht einfach drücken. In diesem betreffenden Fall hätte er kläglich versagt und dem Ansehen der Kirche schweren Schaden zugefügt. Ich erinnerte ihn an seine private Hauskapelle, die er sich für sündteueres Geld hatte einrichten lassen. An seinen Wagen, Marke Chevrolet, den er aus Repräsentationsgründen zu fahren hätte. Dann zählte ich ihm auf, wie er in seinem Haus an nichts gespart hätte, damit eben alles standesgemäß wäre. Er hätte wirklich alles, wie es sich für einen „general manager" geziemt. Freilich mit einer Ausnahme! Die wichtigste Anschaffung hätte er übersehen: Seine Privatsekretärin! Das wäre ein Manko, das durch keine noch so schöne Hauskapelle aufgewogen werden könnte. Gleich darauf erzählte man sich in Pretoria: „Stell dir vor, der Erzbischof hat eine Sekretärin." Ich schmunzelte, als ich davon hörte.

Lange Zeit lag ich schlaflos im Bett und überlegte hin und her. Das Fehlen einer notwendigen Sekretärin wäre eine Sache gewesen, die Spendung von Sakramenten aber eine ganz andere. Hier ging es um das persönliche Seelenheil von gläubigen Menschen. Dieses war mit der Anstellung einer Sekretärin nicht zu vergleichen. Mir waren die Hände gebunden. Ich mußte mich geschlagen geben.

Dann machte ich eine Feststellung, die mein Leben schlagartig verändert hatte: Ich erkannte, daß ich für eine zutiefst unmenschliche Kirche zum Priester geweiht worden war! Von dieser Stunde an galt mein ganzer Einsatz nicht mehr der Kirche, sondern den Menschen. Diesen wollte ich das Leben aus ihrem Glauben erträglich machen. Zugleich suchte ich nach einem neuen und geruhsameren Wirkungsbereich. Dabei kam mir das Leben eines Militärpfarrers in den Sinn.

Am folgenden Morgen sandte ich einen Brief an Kardinal Döpfner nach München. Wenige Tage später durfte ich erfahren, daß ich in München mit offenen Armen aufgenommen würde. Kaum hatte ich dieses Schreiben in Händen, buchte ich einen Flug nach München. Ich hatte in Afrika nichts mehr verloren. Mag kommen, was will.

Nun saß ich endlich im Flugzeug. Die Treppe wurde weggezogen. Eine Stewardeß gab die letzten Anweisungen vor dem Abflug. Bald darauf sah ich auf Johannesburg herunter. Über ihren Hochhäusern ging die Sonne unter. Ich sagte mir: „Afrika, lebe wohl!"

Am nächsten Morgen war ich wieder in München. Daheim gab es einen herzlichen Empfang. Es gab viel zu erzählen. Schließlich brachte ich alles auf einen einfachen Nenner: „Jetzt mache ich erst einmal Urlaub. Dann sehen wir weiter."


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