Der Pfarrer von Arget

 


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Dombenifiziat in München

Mein gebrochener Unterschenkel wollte nicht heilen. Nach Wochen zeigte die Röntgenaufnahme noch eine Menge nebeneinander liegender Knochensplitter. Es sah nicht so aus, daß sie zusammenwachsen würden. Der Orthopäde meinte: „Die Splitter liegen alle richtig. Das ist die Hauptsache. Alles andere kommt von selbst." Dann verschrieb er mir Medikamente, um den Heilungsprozeß zu beschleunigen.

In jenen Tagen erhielt ich Besuch vom Dompfarrer. Er erkundigte sich zuerst über mein Befinden. Dann meinte er, der Münchener Liebfrauendom wäre ein Anziehungspunkt für viele Menschen aus aller Herren Länder. Für diese suchte er einen geeigneten Seelsorger. Er fragte, ob ich bereit wäre, diesen Menschen auch im Beichtstuhl zur Verfügung zu stehen? Daneben sollte ich mich der Herz-Mariä-Bruderschaft widmen. Als ein Dombenefiziat könnte ich diese Aufgabe übernehmen. Die Sache hätte nur einen Haken. Er könnte mir keine Wohnung anbieten. Ich müßte weiterhin bei meinen Eltern wohnen.

In der fehlenden Dienstwohnung erblickte ich sofort einen Vorteil. Ich wäre also grundsätzlich weit vom Schuß und könnte nicht wegen jeder Kleinigkeit gerufen werden. Ohne es zu ahnen, hatte er meinem Bedürfnis nach Abstand zu allem, was Kirche bedeutet, Rechnung getragen. So nahm ich das Angebot an und wurde Dombenefiziat in München.

An bestimmten Tagen war ich für eine Frühmesse eingeteilt. Bei dieser Gelegenheit begegnete ich regelmäßig einigen Prälaten aus dem erzbischöflichen Ordinariat. Sie zeigten sich mir gegenüber immer von ihrer besten Seite. Trotzdem kamen sie mir vor, wie Fliegen in der Suppe. Mir wurde zum Erbrechen übel. Von diesen ersten Männern der Erzdiözese zelebrierte doch ein jeder für sich im großen Dom in eine einsame Ecke hinein. Ihr Verhalten erinnerte mich spontan an eine öffentliche Bedürfnisanstalt, wo ein jeder, ohne auf den anderen zu achten, in eine Ecke pinkelt. Wahrhaftig, ein starker Vergleich! Ich versuchte, diesen ersten Eindruck zu mildern und bemühte mich nach einem anderen. Vergeblich. Dieser erste Eindruck erwies sich wie eine starke Farbe, die immer wieder durchkommt, ganz gleich, wie oft man sie auch zu übermalen versucht.

Einer dieser Herren hatte sich sogar dazu herabgelassen, am Sonntag eine Gemeindemesse zu übernehmen. Er hielt es aber unter seiner Würde, selbst die Predigt zu halten. Dabei war er ein sogenannter Spezialist und Fachmann für die Verkündigung des Glaubens. Offenbar war er der Meinung, schon mehr als genug getan zu haben, wenn er seine „Wandlungsgewalt" zur Verfügung stellte.

Mir ging dieses Verhalten mächtig gegen den Strich. Ich kam also in die Stadt, hielt die Ansprache und machte gute Miene zum bösen Spiel. Sonntag für Sonntag, jahrein, jahraus.

Obendrein war ich auch Präses der Herz-Mariä-Bruderschaft und hatte auch ihre nicht geringen Erwartungen zu erfüllen. Vor allem sollte ich die Überzeugung ausstrahlen, daß durch das beharrliche Rosenkranzgebet letzten Endes alles zu erreichen wäre. Vor allem die längst überfällige Bekehrung Rußlands, ebenso die Abwendung eines drohenden Strafgerichtes, das Gott der sündigen Welt angedroht hätte.

Die Mitglieder dieser frommen Vereinigung waren von der Macht ihres Rosenkranzgebetes so überzeugt, daß ich nicht die geringsten Einwände vorbringen konnte. Es war aussichtslos, ihnen die Augen öffnen zu können. Sie hatten sich mit dem Rosenkranzgebet ein Luftschloß gebaut, das ihnen so lieb und teuer war, wie ihr eigenes Leben. Ob ich nun wollte oder nicht, ich mußte mit ihnen auskommen. Das war nicht leicht, denn ich hatte mich ständig zu verleugnen.

Dieses Verhalten konnte nicht ohne Folgen bleiben. Es machte mich krank. Nach und nach war ich öfters beim Arzt als im Dom. Ich mußte einsehen, meine Rechnung war nicht aufgegangen. Die Anstellung am Dom war lediglich als ein Job gedacht, um meinen Lebensunterhalt zu sichern. Ich wünschte mir einen möglichst großen Abstand zu meinem Arbeitsplatz. Rein äußerlich hatte ich erreicht, was ich wollte. Ich hatte es auch geschafft, jede Kritik für mich zu behalten und lebte im besten Einvernehmen mit allen. Innerlich aber rieb ich mich auf, bis zum Geht-nicht-mehr.

Dann stand es fest: Ich mußte weg vom Dom zu Unserer Lieben Frau in München. Nur so konnte ich wieder gesund werden. Den frommen Seelen war mein Weggehen unbegreiflich. Wie konnte ich ihnen nur so etwas antun! Sie hätten doch ganz bestimmt nicht zu viel von mir erwartet. Ich hörte geduldig zu und schwieg.

Meine erste Bewerbung um eine kleine Pfarrei im Isartal wurde abgelehnt. Der Generalvikar ließ mir wissen, daß jene Pfarrei in einen Pfarrverband eingegliedert werden würde, sobald die Nebenpfarrei frei werden würde. Damit wäre in nächster Zeit zu rechnen. Ich sollte mich deshalb noch etwas gedulden. Sobald sich eine neue Möglichkeit eröffnet, würde er auf mich zukommen. Ich wußte, daß ich auf seine Zusage bauen konnte.

Daheim stellte ich mir des öfteren die Frage, warum ich immer so beharrlich zu allem, das mir nicht paßte, geschwiegen hatte. Nach einiger Zeit kam mir der eigentliche Grund zum Bewußtsein. Es war die Angst vor der Kirche! Ein Traum brachte mir völlige Gewißheit.

Ich träumte von Saulus. Er ritt hoch zu Roß mit einer Abteilung von Soldaten auf Damaskus zu. Bei sich hatte er ein Schreiben von den Hohenpriestern, auf das er mächtig stolz war. Gleich darauf sah ich eine zweite Abteilung, ebenfalls hoch zu Roß. Es waren Bischöfe. Jeder trug eine hohe Mitra auf dem Kopf. Ihre Brustkreuze glänzten in der Sonne und ihre Rauchmäntel flatterten im Wind. So waren sie unterwegs. In der Mitte führten sie einen Gefangenen mit sich. Dieser saß mit gefesselten Händen auf einem Pferd. Er sah drein, als hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Dann hob er sein Gesicht und ich sah: Der Gefangene war ich selber! In diesem Augenblick schoß ein Lichtstrahl vom Himmel und zerriß meine Fesseln. Ich griff nach den Zügeln und sprengte davon. Die Bischöfe lagen im Sand. Der Lichtstrahl hatte sie aus dem Sattel geworfen.

Mein eisernes Schweigen hatte mich gerettet. Ich hatte es fertig gebracht, die Kritik an der Kirche für mich zu behalten. Die Fragen waren geblieben und die Antworten drängten. Mit aller Kraft hatte ich sie ständig unterdrückt.

Jesus, ein Mensch, wie jeder andere?" Das war die Frage, die ich mir selber in aller Offenheit zu beantworten hatte. Meine Zukunft als Priester stand auf dem Spiel. Mir war, als säße ich auf einem Pulverfaß, das jeden Augenblick explodieren konnte. Das mußte ich verhindern. Ich hatte Angst, nicht nur vor der Antwort auf meine Frage. Am allermeisten fürchtete ich die Kirche. Und das mit Recht. Die Kirche war schließlich noch niemals zimperlich, wenn es galt, mit ihren vermeintlichen Feinden fertig zu werden. Sie machte immer kurzen Prozeß. Mit mir würde sie nicht anders verfahren. Das war mir klar.

In meiner Lage konnte ich von der Kirche keine Hilfe erwarten. Im Gegenteil! Die Kirche wurde für mich zum brüllenden Löwen, der mich zu verschlingen suchte. Vor ihr mußte ich von nun an auf der Hut sein, wie vor dem Teufel. Vor ihr fühlte ich mich wie eine Fliege, die man nebenbei erschlägt. Niemand würde es bemerken und niemandem würde ich abgehen.

In mir wuchs die Überzeugung, daß Jesus ein ganz normaler Mensch war und nicht Sohn Gottes, wie es die Dogmatik lehrt. Selbstverständlich wurde auch er nicht durch die Überschattung des Heiligen Geistes gezeugt, sondern ganz normal, wie jeder andere Mensch. Ich fragte mich, warum die engsten Angehörigen, ja nicht einmal die eigene Mutter von den wunderbaren Vorgängen unterrichtet wurde. Es wäre doch keine Schande gewesen, wenn Maria ihrer Mutter gesagt hätte, daß der Erzengel Gabriel da war und daß sie als Jungfrau einen Sohn bekommen würde. Die Angehörigen hätten dieses Wunder mit Interesse verfolgt. Vor allen Dingen, sie hätten sich überzeugen können, daß Maria tatsächlich eine unberührte Jungfrau war und auch immer blieb. Von Anfang an hätten wenigstens die engsten Angehörigen schon einmal an Jesus als Sohn Gottes geglaubt. Im ältesten Evangelium kommt aber klar zum Ausdruck, daß gerade die engsten Angehörigen nicht an Jesus als den Sohn Gottes glaubten. Sie machten sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen, denn sie sagten: „Er ist von Sinnen!" (Mk 3,21). Im Johannesevangelium steht der Satz: „Auch seine Brüder glaubten nämlich nicht an ihn" (Jo 7, 5).

Was wurde im Laufe der Zeit nicht alles geschrieben über diese „Brüder Jesu!" Das Ergebnis war immer dasselbe. Jesus hatte keine leiblichen Brüder. Es konnte sich nur um Geschwisterkinder gehandelt haben, vielleicht auch nur um Volksgenossen im weitesten Sinne. Das Naheliegende wurde aber immer von vorneherein ausgeschlossen. Brüder Jesu paßten nicht zum Sohn Gottes. Basta!

In seiner Heimat wurde Jesus als einer von den Ihrigen gehalten. Nicht einmal als Prophet wollten sie ihn gelten lassen: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab" (Mk 6, 3).

Wir müssen uns fragen: „Warum wollten ihn seine eigenen Landsleute nicht als Prophet gelten lassen?" Offensichtlich fehlte ihm das, was einen Menschen zum Propheten machte. Das war die Ekstase, die ihn vor aller Augen als einen „anderen Menschen" hätte erscheinen lassen. Er war auch nicht mit einer heiligen Stätte des Landes verbunden und konnte keinen anerkannten Propheten seinen Meister nennen. Letzten Endes aber wurde Jesus als Prophet abgelehnt, weil die Zeit der Propheten ein für allemal vorbei war. Der letzte Prophet hieß Malachias. Er verkündete das Erscheinen Gottes zum Weltgericht: „Bevor aber der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare Tag, seht, da sende ich zu euch den Propheten Elija" (Malachias 3, 23). Es gab eine ganze Reihe von Leuten, die diesen Jesus von Nazaret für den vom Tode zurückgekommenen Elija hielten. Nicht nur das.

„Als aber Herodes von ihm hörte, sagte er: Johannes, den ich enthaupten ließ, ist auferstanden" (Mk 6, 16). Das Auftreten Jesu war also von Anfang an mit wilden Gerüchten verbunden. Sein gewaltsamer Tod am Kreuz war wie geschaffen für neue Gerüchte. Er, der schon zu seinen Lebzeiten als einer vom Tode Erstandener betrachtet wurde, konnte nach seinem Tod nicht begraben bleiben. Er mußte auferstehen, wenigstens in der Einbildung der Leute.

Das war eine von den Fragen, die mir ständig auf den Nägeln brannte. Wie gerne hätte ich doch darüber geredet. Ich litt darunter, weil es nicht möglich war.

Nun stand zu allererst ein längerer Erholungsurlaub auf dem Programm. Im augenblicklichen Zustand hätte ich keine neue Aufgabe übernehmen können.


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