Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Urlaub auf Gran Canaria,    Der Sandsturm,    Der gute Handel,    Im Restaurant,    Seine Majestät König Zölibat,    Vor dem Basar am Strand,    Dünen und Dornen,    Der Geist auf Gran Canaria


Urlaub auf Gran Canaria

„Wollen Sie die Zeitung haben?", fragte mich mein Strandnachbar. „Nein, danke!", antwortete ich. „Im Urlaub lese ich nur, was mir gefällt." Das Lesen von Zeitungen und Illustrierten aller Art war für viele eine Hauptbeschäftigung in den Urlaubstagen. Ich beschäftigte mich lieber mit Papier und Kugelschreiber.

„Schreiben Sie beruflich, wenn ich fragen darf?", wollte er wissen. „Oh nein!", sagte ich. „Es macht mir Spaß, die Leute zu beobachten." Der Mann neben mir sah mich erstaunt an und meinte: „Hier gibt es doch nichts zu sehen. Hier ist doch überhaupt nichts los. Was kann man da schon schreiben?" Ich mußte lachen.

Dann fragte ich ihn: „Erinnern Sie sich an die Leute links von mir?" „Sie meinen die Münchner, die gestern abgeflogen sind?" „Ja", sagte ich. Dann ließ ich ihm wissen: „Über diese Familie habe ich eine Geschichte geschrieben." Er fand dies höchst ungewöhnlich. Dann sagte er: „Es waren nette Leute. Kein Zweifel. Das ist aber schon alles, was ich über sie schreiben könnte."

Nach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf und fragte: „Sind Sie mit diesen Leuten bekannt?" „Nein", sagte ich und fuhr fort: „Diese Leute werden von meiner Geschichte nie etwas erfahren." Der Mann sah mich einen Augenblick an, als wollte er sagen: „Wie kann man nur!" Statt dessen sagte er: „Sie machen mich neugierig."

Tags darauf bekam er die folgende Geschichte zu hören: Das Kind war am liebsten im Wasser, genau dort, wo es sich zur letzten Woge wölbte. Der Kleine ließ sich heben und mitnehmen, wenn die Woge brach. Dann wiederum versuchte er, der nassen Gewalt standzuhalten. Dabei stemmte er seine Beine mit aller Gewalt in den Sand. Er sah dem Wasser nach, wenn es sich als weißer Schaum im Sand verlief.

Für das Kind war das immer wieder schön. Dann rannte es voll Freude den Eltern zu. Die Mutter hielt ihm das Badetuch hin. Sie sagte: „Kind, Du warst lange im Wasser."

Nach einer Weile lag es ruhig neben den Eltern, in ein Quizheft vertieft. Plötzlich rief es: „Zahl der göttlichen Personen!" Es fügte hinzu: „Ein Wort mit vier Buchstaben." Die Mutter sah es wohlwollend an und schwieg. Nach einer Weile sagte das Kind: „Die Eins paßt". Die Mutter gab ihm zu bedenken: „Personen bedeutet eine Mehrzahl. Die Eins kann es nicht sein. Du brauchst eine größere Zahl."

Das Kind dachte nach. Dann rief es: „Die Neun paßt in die Spalte." Einen Augenblick später fügte es hinzu: „Die Fünf paßt auch." Der Knabe wurde ungeduldig. Er flehte: „Mama, sag doch, welche Zahl stimmt für die göttlichen Personen?" „Laß mal sehen", sagte die Mutter. Dann warf sie einen flüchtigen Blick in das Quizheft und empfahl dem Kind: „Probiere doch die zweite Spalte waagrecht." Das Kind las: „Name für ein Gotteshaus." Gleich darauf rief es: „Kirche!" und malte die Buchstaben in die Kästchen.

Nach einer Weile sagte das Kind: „Die richtige Zahl hat ein R." Es begann halblaut vor sich hinzuzählen. Dann rief es stolz:

„Drei göttliche Personen!" Die Mutter nickte. Der Vater blickte über die Zeitung und fragte: „Woher hat er das Heft?" - „Die Oma hat es ihm gekauft", antwortete die Mutter. „Du weißt doch, die Oma hat immer Angst, unser Thomas weiß nicht genug in Religion." Der Vater legte die Zeitung beiseite. Nachdenklich betrachtete er seinen Sohn.

Nach einiger Zeit rief das Kind: „Fertig!" Es fügte hinzu: „Bis auf die göttlichen Personen habe ich alles gewußt." Der Vater wandte sich zu seinem Sohn und sagte: „Du hast alles gewußt. Jede Zahl war richtig." Das Kind schüttelte den Kopf und antwortete: „Nur die Drei ist richtig." Der Vater sagte: „Die Drei ist die richtige Zahl bei den Christen. Bei den Juden ist es die Eins. Für die alten Römer und Germanen paßten wahrscheinlich die Zahlen Sieben und Neun. Bei den primitiven Naturvölkern wäre die richtige Zahl vielleicht die Hundert oder mehr. In den Religionen des fernen Ostens ist die richtige Zahl für die göttlichen Personen die Null. Diese Menschen kennen keine einzige göttliche Person." - „Seltsam", sagte das Kind.

Die Mutter sagte: „Eine Tasse Kaffee wäre jetzt nicht zu verachten." Das Kind schlug vor: „Gehen wir ins Cafe Mozart. Dort sind die Torten am höchsten." Die Familie fand einen freien Tisch auf der Terrasse. „Schau, Papa!", sagte das Kind. Dort steht: „Frühstück von neun bis siebzehn Uhr." Das Kind fand dies witzig.

Vor ihnen holte ein Neger schwarze Holzelefanten aus der Tasche. Er stellte sie der Größe nach auf das Pflaster. Zu den Passanten sagte er: „Guter Preis! Alle Elefanten 3000 Peseten!" Sie lehnten dankend ab.

Weiter vorne standen Menschen, dicht gedrängt. Der Bub rannte hin, um zu sehen, was los war. Ein Mann hatte einen hübsch gekleideten Affen auf dem Arm. Das Tier schaute sehr treuherzig drein. Es umarmte jeden der nahe kam. Ein Mann knipste. Am nächsten Tag würden die Bilder zu haben sein.

Inzwischen brachte der Kellner Kaffee und Kuchen. Auf seinem Tablett trug er ebenso noch heiße Würstchen und dampfendes Sauerkraut. „In Salzburg wäre das unmöglich", bemerkte die Frau. „Gran Canaria ist nicht Salzburg", antwortete der Mann und griff nach der Kuchengabel. Der Bub nahm den Plastikhalm aus dem Mund und verschwand.

Jetzt sagte die Mutter: „Das mit den göttlichen Personen hättest Du nicht sagen sollen." „Warum nicht?", fragte der Vater. „Das Kind hat es recht gut aufgenommen."

Dann gab er zu bedenken: „Je früher es davon erfährt, desto besser. Es ist eben nicht alles so einfach, wie es die Kirche hinstellt." Die Frau schwieg dazu. Dann sagte der Mann: „Diese Sache erinnert mich an eine höchst merkwürdige Geschichte." Die Frau legte die Kuchengabel beiseite und horchte auf. Der Mann fuhr fort: „Da kam ein Bauer an einem Teich vorbei. Die Frösche schrien unentwegt: ak, ak, ak! Der Bauer blieb stehen und schrie: sieben, sieben, sieben! Die Frösche aber kümmerten sich nicht um den Bauern. Sie schrien immer nur: ak, ak, ak. Die Frau schmunzelte. Der Mann erzählte weiter: „Nicht acht, sondern sieben, rief der Bauer den Fröschen zu. Weil sie nicht aufhörten ak, ak, ak zu rufen, warf ihnen der Bauer die sieben Taler in den Teich. Zählt sie doch selber! rief er ihnen zu. Es sind nur sieben und keine acht." „Das hast Du aus einem Märchen", sagte die Frau. Der Mann nickte.

Nach einer Weile sagte der Mann: „Im Grunde gibt sich die Kirche, wie der Bauer mit den Fröschen. Die drei göttlichen Personen existieren doch nur in der Einbildung der Kirche, wie die Zahl acht in der Einbildung jenes Bauern. Das ist alles."

„Du glaubst ja gar nichts mehr", sagte die Frau. Der Mann lachte: „Keine Angst!", sagte er. „Ich glaube mehr, als Du denkst." Dann fügte er hinzu: „Ich kann nur nicht glauben, daß Gott mit uns Christen eine Ausnahme macht. Gott ist allen Menschen gleich nahe und gleich fern." Es klang einleuchtend.

Das Kind kam freudestrahlend zurück. Es berichtete: „Da vorne haben sie einen großen Fisch im Schaufenster. Er hat eine Brille auf und eine dicke Zigarre im Maul. Das müßt ihr sehen. Ihr lacht euch schief." - „Einen Augenblick!", rief der Vater. „Wir müssen erst zahlen." Dann machten sie sich auf den Weg, den seltsamen Fisch zu sehen.

Das war also meine Geschichte. Ich machte mein Heft zu und steckte es in die Joppentasche. Der Mann sagte: „Sehr schön." Die Frau: „Ich meine, ich höre meinen Mann in dieser Geschichte reden." Sie sah ihn an. „Na und!", rief er und fuhr fort: „Es ist doch wirklich nicht alles so einfach, wie es die Kirche hinstellt."

Dann wandte er sich an mich: „ Können Sie sich vorstellen, daß Gott mit uns eine Ausnahme macht, nur weil wir Christen sind?" Wir sprachen lange darüber.

 

Der Sandsturm

Am folgenden Tag war mehr los, als mir lieb war.

Der Wind stürzte plötzlich von den Bergen. Was herumlag, nahm er mit. Kleidungsstücke, Badetücher und Handtaschen wirbelten durch die Luft, sie verschwanden im Meer.

„Das Kind!", rief die Mutter. Der Vater sprang auf. Er holte es in seine schützenden Arme. Die Mutter raffte alles zusammen. Prall gefüllt hielt sie die Tasche gegen den Sturm.

„Meine Augen", jammerte das Kinde. „Mache sie zu", befahl der Vater. Dann nahm er ein Badetuch und umwickelte damit den Kopf des Kindes. „Halte es fest!", schrie der Vater im Sturm.

Die Mutter band sich ein Kopftuch vor das Gesicht. Es war aus bunter Seide, Goldfäden zierten es. Der Vater half sich mit dem Hemd. Unter seinem Kinn knüpfte er die Ärmel zu einem festen Knoten. „Gehen wir!", rief er.

„Ich sehe nichts!", jammerte das Kind. „Ich führe Dich", tröstete der Vater. Er nahm das Kind bei der Hand. Nach einigen Schritten schrie er zur Frau hinüber: „Nimm Du das Kind! Ich trage die Tasche." Der Sturm hatte ihnen nichts genommen.

Andere waren viel schlechter daran. Von denen, die im Wasser überrascht wurden, hatten einige noch eine Badehose am Leibe. Die übrigen hatten nur noch ihr nacktes Leben und ein goldenes Kettchen um den Bauch.

Im Sturm kamen sie nur sehr schwer voran. Die Sanddünen von Playa des Ingles waren wild geworden. Nach einer Stunde erreichten sie das Appartement. Sie atmeten auf.

Es kam kein Wasser aus dem Hahn. Auch die Brause blieb trocken. Kein Wunder! Alle Hotelgäste standen auf einmal unter der Dusche. Ein jeder wollte sich vom Sand befreien. Irgendwo schlug eine Tür zu. Glasscherben klirrten hinterher. Der Vater eilte zur Balkontüre. Er drehte den Schlüssel um und sagte: „Jetzt kann der Wind daran rütteln, wie er will."

Ein Plastikbehälter war noch halbvoll mit Trinkwasser. Die Mutter machte Tee für die Familie. Als er fertig war, sagte sie: „Den haben wir uns redlich verdient." Das Kind war eingeschlafen. Dann sagte sie: „Daß es so schnell gehen kann, hätte ich nicht gedacht." Der Mann sah sie eine Weile an. Dann sagte er: „Stell Dir vor, wenn der Wind von der anderen Seite gekommen wäre. Wir wären alle ertrunken." Ein Schauer ergriff die Frau. Die Ruhe tat ihnen gut.

Es verging einige Zeit, jeder in Gedanken vertieft. Dann sagte der Mann: „Du hast nie gefragt, warum ich im Flugzeug auf einmal so sauer war." - „Du warst sauer?", fragte die Frau zurück. „Ich war der Meinung, Du hättest nur Angst gehabt." Der Mann lachte: „Ich hatte die Angst vor dem Fliegen ganz vergessen. Aus lauter Ärger", fügte er hinzu.

Die Frau schüttelte den Kopf. „Es war doch nichts", sagte sie. Sie hatte recht, es war wirklich nichts vorgefallen. „Was hat Dich denn aus dem Häuschen gebracht?", wollte sie wissen. „Ein Märchen", sagte der Mann. Die Frau sah ihn ungläubig an. „Wirklich!", rief der Mann. „Es war ein Märchen."

„Ein Märchen ist doch nichts zum Ärgern", meinte die Frau. „Entweder es gefällt einem, oder es gefällt einem nicht." Sie fuhr fort: „Ärgern, wirklich richtig ärgern könnte ich mich über ein Märchen niemals im Leben." Der Mann erwiderte: „Das sagst Du so einfach."

„Was hat Dich denn an dem Märchen so geärgert?", fragte die Frau. „Die grenzenlose Dummheit", war seine Antwort. Er fuhr fort: „Soviel Dummheit auf einmal! Das war nicht mehr zu ertragen." Für die Frau war das unbegreiflich.

Nach einer Weile fragte die Frau: „Und jetzt?" Der Mann schüttelte den Kopf und sagte: „Du wirst es nicht für möglich halten. Jetzt sind wir schon über eine Woche hier und noch immer muß ich an dieses Märchen denken." Für die Frau war dies höchst merkwürdig. „Der Ärger ist doch hoffentlich vorbei", sagte sie. Der Mann nickte. „Stell Dir vor", fuhr er fort, „jetzt habe ich dieses Märchen lieb gewonnen. Es ist ein echter Schatz, eine wirkliche Kostbarkeit. Das Märchen hat es mir angetan."

„Du wirst doch nicht kindisch werden in Deinen alten Tagen", entgegnete die Frau. Sie machte sich Sorgen um ihren Mann. Er sagte: „Wenn Du willst, lese ich es Dir vor." - „Gerne!", rief die Frau und machte es sich behaglich auf dem Bett.

Der Mann griff nach einem kleinen Büchlein. Es hatte den Titel: Kinder und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm. Sie fand es seltsam, daß ihr Mann damit in den Urlaub fuhr. Dann begann er mit dem Märchen.

 

Der gute Handel

Ein Bauer hatte seine Kuh auf den Markt getrieben und für sieben Taler verkauft. Auf dem Heimweg mußte er an einem Teich vorbei. Da hörte er schon von weitem, wie die Frösche riefen: „Ak, ak, ak!" „Ja", sprach er für sich: „Die schreien auch ins Haberfeld hinein. Sieben sind es, die ich erlöst habe, keine acht." Als er zum Wasser herankam, rief er ihnen zu: „Dummes Vieh, das ihr seid! Wißt ihr es nicht besser? Sieben Taler sind es und keine acht." Die Frösche aber blieben bei ihrem: „Ak, ak, ak." „Nun, wenn ihr es nicht glauben wollt, ich kann es euch vorzählen." Er holte das Geld aus der Tasche und zählte die sieben Taler ab, immer vierundzwanzig Groschen auf einen. Die Frösche scherten sich aber nicht an seiner Rechnung. Sie riefen abermals: „Ak, ak, ak!" „Ei!", rief der Bauer ganz böse. „Wollt ihr es besser wissen als ich, so zählt es selber" und warf ihnen das Geld ins Wasser hinein. Er blieb stehen und wollte warten, bis sie fertig wären und ihm das Seinige wieder brächten. Die Frösche beharrten aber auf ihrem Sinn. Sie schrien immerfort: „Ak, ak, ak!" Sie warfen auch das Geld nicht mehr heraus. Er wartete noch eine gute Weile, bis der Abend anbrach und er nach Hause mußte. Da schimpfte er die Frösche aus und rief: „Ihr Wasserpatscher! Ihr Dickköpfe! Ihr Klotzaugen! Ein großes Maul habt ihr und schreien könnt ihr, daß einem die Ohren weh tun, aber sieben Taler könnt ihr nicht zählen. Meint ihr, ich wollte dastehen, bis ihr fertig wäret?" Damit ging er fort. Die Frösche aber riefen: „Ak, ak, ak" hinter ihm her. Ganz verdrießlich ging er heim.

Über eine Zeit erhandelte er sich wieder eine Kuh. Er schlachtete sie und machte die Rechnung. Wenn er das Fleisch gut verkaufte, könnte er so viel lösen, als die beiden Kühe wert wären.

Das Fell hätte er obendrein. Als er nun mit dem Fleisch in die Stadt kam, war vor dem Tor ein ganzes Rudel Hunde zusammengelaufen. Ein großes Windhund sprang um das Fleisch, schnupperte und bellte: „Was, was, was!" Er bellte immer zu: „Was, was, was!" Da sprach der Bauer zu ihm: „Ja, ich merke wohl, Du sagst: ,Was, was, was', weil Du etwas von dem Fleisch verlangst."

„Ich würde schön dastehen, wenn ich es Dir geben wollte." Der Hund antwortete nichts, als: „Was, was, was!" - „Nun", sprach der Bauer, „wenn Du dabei beharrst, so will ich es Dir lassen. Ich kenne Dich wohl und weiß, bei wem Du dienst. Aber das sag ich Dir: In drei Tagen muß ich mein Geld haben, sonst geht es Dir schlimm. Du kannst es mir hinausbringen." Darauf lud er das Fleisch ab und kehrte wieder um. Die Hunde machten sich darüber her und bellten laut: „Was, was, was!" Der Bauer hörte es von weiten. Er sprach zu sich: „Horch. Jetzt verlangen sie alle was, aber der große muß mir einstehen."

Als drei Tage herum waren, dachte der Bauer: „Heute abend hast Du Dein Geld in der Tasche." Er war ganz vergnügt. Es wollte aber niemand kommen und ihn auszahlen. „Es ist kein Verlaß mehr auf jemand", sprach er. Endlich riß ihm die Geduld. Er ging zum Fleischer in die Stadt und forderte sein Geld. Der Fleischer meinte, es wäre ein Spaß, aber der Bauer sagte: „Spaß beiseite! Ich will mein Geld! Hat der große Hund Euch nicht das Fleisch von der ganzen Kuh heimgebracht? Vor drei Tagen habe ich es ihm überlassen." Da wurde der Fleischer zornig. Er griff nach einem Besenstiel und jagte ihn hinaus. „Wart!" sprach der Bauer. „Es gibt noch Gerechtigkeit in der Welt." Dann ging er in das königliche Schloß, um seine Sache vorzutragen. Bald stand er vor dem König und der Königstochter. Als er seine Verbeugungen gemacht hatte, wie sich das gehörte, fragte der König, was ihm widerfahren wäre. „Ach", jammerte er, „die Frösche und die Hunde haben mir das Meinige genommen. Der Metzger hat mich dafür mit dem Stock bezahlt." Dann erzählte er ganz genau, wie es zugegangen war. Darüber fing die Königstochter laut zu lachen an. Der König aber sprach zu ihm: „In diesem Falle kann ich Dir nicht recht geben. Du sollst aber meine Tochter zur Frau haben. Ihr Lebtag hat sie noch nicht gelacht. Ich habe sie nämlich dem versprochen, der sie zum Lachen bringt. Ja, Du kannst Gott für Dein Glück danken." „Oh weh", antwortete der Bauer. „Ich will Deine Königstochter nicht. Ich habe daheim nur eine einzige Frau, und die ist mir schon zu viel. Wenn ich nach Hause komme, so ist mir nicht anders, als ob in jedem Winkel eine stände." Da wurde der König zornig. Er sprach: „Du bist ein Grobian." „Ach, Herr König!", sprach der Bauer. „Was könnt Ihr von einem Ochsen anderes erwarten, als Rindfleisch!" „Warte!", erwiderte der König. „Du sollst einen anderen Lohn haben. Pack Dich fort und komme in drei Tagen. Fünfhundert sollen Dir vollgezählt werden."

Als der Bauer aus dem Schloß des Königs kam, sprach die Schildwache: „Du hast die Königstochter zum Lachen gebracht. Du bist jetzt ein gemachter Mann." „Ja, das meine ich", antwortete der Bauer. „Stell Dir vor: Fünfhundert werden mir ausbezahlt!" „Hör", sprach der Soldat „gib mir doch auch etwas davon. Was willst Du mit all dem Geld anfangen!" „Weil Du es bist", sprach der Bauer, „so sollst Du zweihundert haben. Melde Dich in drei Tagen beim König und lasse es Dir aufzählen." Ein Jude stand in der Nähe und hörte das Gespräch. Er kam auf der Stelle, hielt den Bauern beim Rock und sprach: „Gotteswunder! Was seid Ihr für ein Glückskind. Ich will es Euch wechseln in kleine Münzen. Mit den Talern könnt Ihr doch nichts anfangen."

„Gut!", rief der Bauer. „Dreihundert kannst Du noch haben. Am besten, Du gibst sie mir gleich in Münzen. Heute in drei Tagen wirst Du beim König dafür bezahlt werden." Der Jude freute sich über dieses Geschäft. Er brachte die Summe in schlechten Groschen, wo drei so viel wert waren, als zwei gute. Nach drei Tagen erschien der Bauer vor dem König. Da sprach der König zu seinen Dienern, zieht ihm den Rock aus. Er soll seine fünfhundert bekommen." „Ach", sagte der Bauer, „sie gehören mir nicht mehr. Zweihundert habe ich an die Schildwache verschenkt. Dreihundert hat mir der Jude eingewechselt. Von Rechts wegen gehört mir gar nichts mehr." Als er das sagte, kamen der Soldat und der Jude herein und verlangten das Ihrige. „Gut", sagte der König. Dann bekam jeder in harten Schlägen das Seinige zugemessen. Der Soldat ertrug es geduldig. Er wußte bereits, wie es schmeckte. Der Jude aber schrie jämmerlich: „Au weh! Sind das die harten Taler?" Der König mußte über den Bauern lachen. Da aller Zorn verschwunden war, sprach er: „Weil Du Deinen Lohn schon verloren hast, bevor er Dir zuteil wurde, so will ich Dir einen Ersatz geben. Geh' in meine Schatzkammer und hole Dir Geld, soviel Du willst."

Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen. Er füllte sich alle Taschen, bis sie ganz voll waren. Dann ging er in das Wirtshaus und begann, sein Geld zu zählen. Der Jude war dem Bauern nachgeschlichen und hörte, wie er zu sich selber brummte: „Nun hat mich der Spitzbub von König doch noch hinters Licht geführt! Hätte er mir nicht selber das Geld geben können, so wüßte ich, was ich hätte. Wie kann ich wissen, ob das richtig war, was ich auf gut Glück eingesteckt habe." „Bei Gott!" sprach der Jude bei sich. „Dieser Bauer spricht despektierlich von unserem Herrn König. Den zeige ich an, dann bekomme ich eine Belohnung und er wird bestraft." Als der König von den Reden des Bauern hörte, geriet er in Zorn. Er ließ den Juden gehen, um den Bauer herbeizuholen. „Ihr sollt gleich zum Herrn König kommen, wie ihr geht und steht", sagte der Jude zum Bauern. „Ich weiß besser, was sich schickt", sagte der Bauer. „Erst lasse ich mir einen neuen Rock machen. Meinst Du, ein Mann, der so viel Geld in der Tasche hat, sollte in einem alten Lumpenrock zum König kommen?" Der Jude konnte den Bauern nicht dazu bringen, so zum König zu gehen. Ebenso fürchtete er, der Zorn des Königs könnte verrauchen. Dann würde der Bauer um seine Strafe kommen und er um seinen Lohn. Deshalb sagte der Jude: „Ich will Euch für kurze Zeit meinen schönen Rock leihen aus bloßer Freundschaft. Was tut der Mensch nicht alles aus Liebe." Der Bauer ließ sich das gefallen. Er zog den Rock des Juden an. Dann gingen sie zusammen zum König. Der König hielt dem Bauern die bösen Reden vor, die der Jude ihm hinterbracht hatte. „Ach", sagte der Bauer „was ein Jude sagt, ist immer gelogen. Ihm kommt kein wahres Wort aus dem Mund. Der Kerl da ist imstande und behauptet, ich hätte seinen Rock an." „Was sagst Du da?", schrie der Jude. „Ist der Rock nicht mein? Habe ich Dir ihn nicht aus bloßer Freundschaft geborgt, damit Du vor den Herrn König treten konntest?" Wie der König das hörte, sprach er: „Einen hat der Jude gewiß betrogen, mich oder den Bauern." Dann ließ ihm der König noch einiges in harten Talern nachzählen. Der Bauer aber ging in dem guten Rock und mit all dem Geld in den Taschen heim in sein Haus. Er sprach: „Diesmal habe ich es getroffen."

 

Im Restaurant

Das Restaurant war eine fensterlose Öffnung, nicht größer als eine Doppelgarage. An der Rückwand in der Mitte war eine offene Feuerstelle. Holz glühte unter dem Rost.

Rechts davon auf engstem Raum arbeitete der Koch. Links davon, hinter einem notdürftigen Sichtschutz, wurde abgespült. Ein Weinfaß stand auf einem Hocker. Der Rest des Raumes war für die Gäste. Dort erwartete mich ein Ehepaar. Ich setzte mich zu ihnen und bestellte ein Glas Rotwein vom Faß. Dann studierte ich die Speisekarte.

„An was denkst Du?" fragte die Frau ihren Mann. Er lachte und meinte: „Einmal darfst Du raten." Sie fuhr fort: „Ich denke bereits an frische Krabben in brutzelndem Öl und jede Menge Knoblauch." Die Frau schluckte genüßlich bei diesen Worten.

Dann sah sie ihn an und sagte: „Wie ich Dich kenne, hast Du schon wieder das Märchen im Sinn." „Wie könnte es anders sein?", entgegnete der Mann. „Denke doch an Dein Pfeffersteak. Es tut Dir gut."

Ich war noch immer mit der Speisekarte beschäftigt, als der Mann sagte: „Mir ist, als hätte ich die Entdeckung meines Lebens gemacht." Die Frau war erstaunt. „Du redest wie Columbus nach der Entdeckung Amerikas", meinte die Frau. „Ja", so fühle ich mich!", antwortete der Mann. „Gut!", rief die Frau. „Das müssen wir feiern." Die Frau griff zum Glas. „Auf meinen Mann, den unverhofften Entdecker!" Ihr Mann erhob das Glas mit den Worten: „Auf meine Frau! Die treue Gefährtin meiner Abenteuer."

Wir ließen die Gläser klingen. Ein vielversprechender Abend hatte begonnen.

Der Rotwein hatte die Frau gesprächig gemacht. „Erzähle doch von Deiner neuen Entdeckung", bat sie ihren Mann. Er winkte ab. „Ich kann nur melden: Land in Sicht! Mehr nicht." „Dann nichts wie hin!" rief die Frau und lachte.

Ein Mann platzte herein. „Alfredo!" rief er. Der Koch blickte auf. „Ich habe Haifisch für Dich!" Nun stand er vor dem Koch: „Mensch, Alfredo! Siebzig Kilo! So ein Kerl."

Dann fuhr er fort: „Umsonst! Verstehst Du? Für Dich!" Dann wollte er wissen, wohin er den Hai legen dürfte.

Der Koch lehnte ab. „Nix Haifisch", sagte er energisch. Dann arbeitete er weiter, ohne sich um den Mann zu kümmern. Der Mann verlangte ein Glas Rotwein und setzte sich zu uns an den Tisch. Wir erfuhren von seiner Heimat im Schwarzwald. Er hatte sich mit der kleinen Belegschaft seines Betriebes ebenfalls im CARMEN eingemietet. „Sie bekommen also jeden Morgen ein Säckchen mit frischen Semmeln an die Tür gehängt", wollte er wissen. Wir waren damit zufrieden.

„Ich sage Ihnen, das ist ein alter Hut", begann er wieder. „Vergessen Sie die Semmeln. Gehen Sie doch über die Straße ins DUNEMAR. Dort können Sie alles haben, was das Herz begehrt. Fix und fertig, sage ich Ihnen.

Sie können essen, bis Ihnen der Bauch platzt, alles schönstens hergerichtet. Käse, Schinken, Eier, Kaffee, Tee, was Sie haben wollen." Er fügte hinzu: „Jede Menge, und wenn Sie fertig sind, gehen Sie. Die Kellner kommen und räumen ab. Wirklich, Sie brauchen keinen Finger zu rühren. Das nenne ich Frühstück. Und was das Schönste ist, alles umsonst. Folgen Sie meinem Rat. Sie werden es nicht bereuen." Dann machte ihm seine Tochter bittere Vorwürfe. „Wir sitzen im Auto, warten geduldig, bis Du kommst. Aber nein! Du trinkst schon wieder. Und den Haifisch haben wir immer noch im Auto." Er wandte sich dem Mädchen zu. „Ich bin schon gegangen", sagte er. Dann stand er auf und ging ohne zu zahlen. Wir hatten ihn los.

Die Frau sah ihm einen Augenblick nach. Dann sagte sie: „Wenn dieser Mann die Leute daheim auch so bescheißt, dann gute Nacht, schöne Gegend."Sie fügte hinzu: „Der ist schlimmer, als der Bauer im Märchen." Der Mann entgegnete ihr: „Du wirst doch nicht behaupten wollen, der Märchenbauer ist ein Betrüger?" - „Und ob!" behauptete die Frau. „Wer gegen besseren Wissens eine falsche Behauptung in die Welt setzt, ist ein Betrüger. Das hat der Bauer getan. Er hat doch behauptet, der schöne Rock würde ihm gehören."

Der Mann wandte sich zu mir: „Könnten Sie uns die Stelle mit dem Rock vorlesen?" „Gerne", sagte ich. Wir waren alle gleichermaßen gespannt. Dann las ich: „Was ein Jude sagt, ist immer erlogen. Dem geht kein wahres Wort aus dem Munde. Der Kerl da ist imstand und behauptet, ich hätte seinen Rock an."

„Hut ab vor dem Bauern!" rief der Mann. „Der Bauer wird mir immer sympathischer. Er ist endlich erwachsen. Er läßt sich nicht mehr verschaukeln. Sogar der Jude ist machtlos gegen ihn. Aus dem dummen Bäuerlein, das sich mit Fröschen und Hunden herumstreitet, ist plötzlich ein Mann geworden. Das gefällt mir an dem Bauern." Dann griff er zum Glas und rief: „Prost auf den Bauern!" Wir freuten uns mit ihm.

„Mir ist der Streit mit den Fröschen wichtiger", begann die Frau. Der Mann horchte auf. „Das läppische Theater am Teich wiederholt sich doch Tag für Tag." Der Mann widersprach ihr: „Du übertreibst aber gewaltig." „Aber nein!", rief die Frau.„Es ist schlimmer, als Du denkst." Sie fuhr fort: „Betrachte doch nur die verschiedenen Kirchen in der Welt. Es ist ein Jammer. Sie führen sich auf, wie am Teich. Die einen schreien: ,Ak, ak, ak' und die anderen: ,Sieben, sieben, sieben'. Sie tun furchtbar wichtig und merken nicht, wie lächerlich sie sich machen."

„Wozu dieses Märchen nicht alles herhalten muß", sagte der Mann. Die Frau antwortete lachend: „Dafür ist es ein Märchen geworden." Sie fuhr fort: „Es wäre kein Märchen, wenn es nicht für alles herzuhalten hätte." Ihr Mann nickte nachdenklich. „Vielleicht hast Du recht", sagte er.

„Da ist noch etwas", sagte der Mann. „Der Bauer sollte doch die Königstochter bekommen. Und was antwortet er? Ich will sie nicht." „Ein seltsamer Bauer", meinte die Frau. Ihr Mann fuhr fort: „So redet kein Bauer. Nein!" rief er, „so redet höchstens ein Pfarrer, oder ein Bischof, oder ein Papst, aber kein Bauer." Die Frau gab ihm recht.

Diese Hochwürdigen Herren verachten die Frau", begann er wieder. „Sie wollen von ihr nichts wissen. Am liebsten würden sie alle Frauen abschaffen. Sie können der Frau nicht Herr werden. Das ist ihr Kreuz." „Ein unnötiges Kreuz", fügte sie hinzu.

Dann sagte er: „So mancher Pfarrer jammert: Ich habe daheim nur eine einzige Frau." - „Ja", fuhr er fort. „Daheim, im eigenen Herzen hat jeder Pfarrer eine Frau. Das ist so, weil er ein Mann ist. Statt die Frau dankbar anzunehmen, stöhnt er: Die ist mir schon zu viel."

„Das ist die Erziehung", erklärte die Frau. „Der Verzicht auf eine Frau macht jeden Pfarrer zu einem ganz besonderen Menschen. Er kann herabschauen auf die übrigen Menschen und sagen: ,Herr, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie diese Verheirateten.'"

Der Mann schlug die Augen auf und faltete die Hände: „Herr", flüsterte er, „ich schlafe ganz allein in meinem Bett. Meine Priesterhände streicheln keine zarte Haut." „Du hättest ein Schauspieler werden sollen", meinte die Frau. „So ist es doch!" rief der Mann.

Er fuhr fort: „Allein, wie diese geistlichen Herren nun einmal leben, so müssen sie sich doch immer wieder eingestehen: Mir ist, als ob in jedem Winkel eine stünde. Die Rache der Natur!" rief er.

„Diese Armen!", entgegnete die Frau. Ihr Mann schüttelte den Kopf. „Recht geschieht ihnen", sagte er. „Warum sind sie so dumm."

Der Kellner brachte die Speisen. Das Warten hatte sich gelohnt. „Laß Dir Zeit!", rief die Frau. „Du verbrennst Dir den Mund." Ihr Mann legte das Besteck wieder beiseite.

Nach einer Weile meinte er zu seiner Frau: „Zum Glück lebt in jedem Pfarrer auch ein König." „Wie soll ich das verstehen?", fragte die Frau. „Nun", begann er wieder, „der König wird zornig, weil seine Tochter verschmäht wird. Dann schimpft er den Bauern einen Grobian und denkt sogar insgeheim an Rache."

„Früher oder später wird jeder Pfarrer zornig", fuhr er fort. „Dann muß er seinen Zorn besänftigen. Entweder er resigniert vor sich selber und sagt von sich: Ach, Herr König! Was könnt ihr von einem Ochsen anderes erwarten als Rindfleisch. Er gesteht sich stillschweigend ein, daß er in der Kirche zum Ochsen wurde und daß sich sein jugendlicher Idealismus als Rindfleisch entpuppt hat."

Er fuhr fort: „Die Andern haben die Königstochter angenommen. Sie leben mit einer Frau. Zölibatsgesetz hin oder her." „Recht haben sie", antwortete die Frau. „Und wenn sie nicht gestorben sind", - „Genau!", unterbrach sie der Mann: „Komm, essen wir, sonst wird es kalt." Als Nachtisch gab es dann noch ein anderes Märchen.

 

Seine Majestät König Zölibat

Nach dem Märchen DER TREUE JOHANNES von den Brüdern Grimm. Dazu möchte ich vorausschicken, um was es geht. Ein todkranker König hatte sich in den Kopf gesetzt, seinem Sohn all das aufzuzwingen, wovon er selber zu tiefst überzeugt war. Er glaubte, es wäre seine Pflicht gewesen.

Weil er nun sein Ende kommen sah, nahm er seinen Diener in die Pflicht. Dieser sollte dafür sorgen, daß auch der junge König so leben würde, wie der alte gelebt hatte. Ein Konflikt wurde unausweichlich. Der junge König setzte sich durch. Der Diener betrachtete sich frei von seinen früheren Versprechungen und verhalf seinem neuen Herrn zum Glück. Als ich dieses Märchen las, kam mir unwillkürlich so manches aus unserer katholischen Kirche in den Sinn. Und jetzt die Geschichte: Es war einmal ein alter, kranker König. Alle Untertanen nannten ihn: Seine Majestät, König Zölibat. Er dachte bei sich: „Es wird wohl das Totenbett sein, auf dem ich liege." Da sprach er von seinem Krankenbett: „Laßt mir den getreuen Johannes kommen." Er hieß so, weil er seiner Majestät, dem alten König Zölibat, sein Leben lang treu gedient hatte.

Als der Diener nun vor dem Bett stand, sprach seine Majestät König Zölibat: „Getreuester Johannes, ich fühle, daß mein Ende herannaht und da habe ich keine andere Sorge als um meinen Sohn. Er ist noch in jungen Jahren, wo er sich nicht immer zu raten weiß. Wenn Du mir nicht versprichst, ihn zu unterrichten in allem, was er wissen muß, und sein Pflegevater zu sein, so kann ich meine Augen nicht in Ruhe schließen."

Da antwortete der getreue Johannes: „Ich will ihn nicht verlassen und ihm in Treue dienen, wenn es auch mein Leben kostet." Da sagte seine Majestät, der alte König Zölibat: „So sterbe ich getrost in Frieden."

Dann sprach er weiter: „Nach meinem Tod sollst Du ihm das ganze Schloß zeigen, alle Kammern, Säle und Gewölbe und alle Schätze, die darin liegen. Aber die letzte Kammer in dem langen Gange sollst Du ihm nicht zeigen. Dort ist das Bild der Königstochter vom goldenen Dach verschlossen. Wenn er dieses Bild erblickt, wird seine Liebe entbrennen. Mein Sohn wird in eine tiefe Ohnmacht versinken. Von da an werden viele Gefahren auf ihn warten. Davor sollst Du ihn behüten."

Seine Majestät, der große König Zölibat, wollte nämlich, daß ein König nicht lieben, sondern nur regieren und herrschen sollte. Damit hätte ein richtiger König sein Leben lang mehr als genug zu tun. Es wäre nicht gut für das Königreich, wenn er wie gewöhnliche Untertanen lebte.

Da gab der getreue Diener dem alten König die Hand und versprach, den Königssohn von allen Gefahren zu bewahren. So wurde Seine Majestät, der alte König Zölibat, still im Herzen. Er legte sein Haupt auf das Kissen und starb.

Als Seine Majestät, der alte König Zölibat, zu Grabe getragen war, da erzählte der treue Johannes dem jungen König, was er seinem Vater, Seiner Majestät, dem alten König Zölibat, versprochen hatte. Dann sagte er zum jungen König: „Ich will Dir treu sein, und sollte es mein Leben kosten."

Als die Zeit der Trauer über den Tod Seiner Majestät König Zölibat vorüber war, da sprach der treue Johannes zum jungen König: „Es ist nun Zeit, daß Du Dein Erbe siehst. Ich will Dir Dein väterliches Schloß zeigen." Da führte er ihn überall herum, auf und ab, und ließ ihn Reichtümer und prächtige Kammern sehen. Nur die Kammer mit dem gefährlichen Bild öffnete er nicht.

Das Bild war so gestellt, daß man es sofort sehen mußte, wenn die Tür aufging. Es war so herrlich, daß man meinte, es leibte und lebte und es gäbe nichts Lieblicheres und Schöneres auf der ganzen Welt.

Der junge König merkte wohl, daß der getreue Johannes immer an einer Türe vorüberging. Er sprach: „Warum schließt Du mir diese Türe niemals auf?" „Es ist etwas darin", antwortete er, „vor dem Du erschrickst." Da antwortete der junge König: „Ich habe das ganze Schloß gesehen, so will ich auch wissen, was darin verborgen ist." Er hatte im Sinn, die Türe mit Gewalt zu öffnen.

Der getreue Johannes hielt ihn zurück und sagte: „Ich habe es Deinem Vater, Seiner Majestät, dem alten König Zölibat, vor seinem Tod versprochen, daß Du nicht sehen sollst, was in dieser Kammer steht. Es könnte Dir und mir zu großem Unglück ausschlagen." „Ach nein", antwortete der junge König, „wenn ich nicht hineinkomme, so ist es mein sicheres Verderben. Ich werde Tag und Nacht keine Ruhe haben, bis ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Jetzt gehe ich nicht von der Stelle, bis Du aufgeschlossen hast."

Da sah der getreue Johannes, daß es nicht mehr zu ändern war. Mit schwerem Herzen und vielem Seufzen suchte er aus dem Bund den großen Schlüssel heraus. Als er die Türe geöffnet hatte, trat er zuerst hinein. Er wollte das Bild bedecken, daß es der junge König nicht sehen könnte. Was half das? Der junge König stellte sich auf die Fußspitzen und blickte ihm über die Schulter. So sah er das Bildnis der Jungfrau, das so herrlich war und von Gold und Edelsteinen glänzte.

Da fiel der junge König ohnmächtig zur Erde nieder. Der getreue Johannes hob ihn auf, trug ihn in sein Bett und dachte voller Sorgen: „Das Unglück ist geschehen! Herr Gott! Was wird daraus werden?" Dann stärkte er ihn mit Wein, bis er wieder zu sich selber kam.

Sein erstes Wort war: „Wer ist die Schöne auf dem Bild?" „Das ist die Königstochter vom goldenen Dache", antwortete der treue Johannes. Da sprach der junge König weiter: „Meine Liebe zu ihr ist riesengroß. Wenn alle Blätter an den Bäumen Zungen wären, sie könnten es nicht aussagen. Mein Leben setze ich daran, sie zu erlangen. Du bist mein getreuester Johannes! Du mußt mir beistehen, sie zu bekommen."

Von diesem Tage an waren der junge König und der getreue Johannes unzertrennliche Freunde. Ihre Augen strahlten in demselben Blau. Die Stimme der beiden war von einem wunderbaren Gleichklang. Ein Fremder vermochte sie nicht zu unterscheiden.

Der treue Diener besann sich lange, wie die Sache anzufangen wäre. Es war nämlich schwer, vor das Angesicht dieser Königstochter zu kommen. Als er einen Plan ausgedacht hatte, sprach er zum König: „Alles, was die Königstochter um sich hat, ist von lauterem Gold, sogar Tische und Stühle, Schüsseln, Becher und alles Hausgerät. Bedenke wohl, in Deinem Schatz liegen fünf Tonnen reinen Goldes. Laß es von den Goldschmieden des Reiches verarbeiten. Sie sollen allerhand Vögel und wunderbare Tiere machen. Das wird ihr gefallen. Dann wollen wir damit hinfahren und unser Glück versuchen.

Der König ließ nun alle Goldschmiede des Landes herbeiholen. Sie mußten Tag und Nacht arbeiten, bis die herrlichsten Dinge fertig waren. Als alles auf ein Schiff geladen war, zog der getreue Johannes Kaufmannskleider an. Der König mußte ein Gleiches tun, um sich ganz unkenntlich zu machen. So fuhren sie über das Meer. Sie fuhren so lange, bis sie zu der Stadt kamen, worin die Königstochter vom goldenen Dache wohnte.

Die ganze Zeit war dem jungen König seltsam zumute. Sein blondes Haar wehte im Wind. Er merkte wohl, daß seinem Haupte die Krone fehlte. „Was soll es!", dachte er bei sich. „Mein Königreich gebe ich für sie."

Der getreue Johannes hieß den König auf dem Schiff zurückzubleiben und auf ihn zu warten. „Vielleicht", sprach er, „bringe ich die Königstochter mit. Sorgt dafür, daß alles in Ordnung ist. Laßt die Goldgefäße aufstellen und das ganze Schiff ausschmücken." Darauf suchte er sich in seinem Schürzchen allerlei von den Goldtierchen zusammen, stieg an Land und ging gerade nach dem königlichen Schloß.

So kam der getreue Johannes in den Schloßhof der schönen Königin. Am Brunnen stand ein Mädchen. Es hatte zwei goldene Eimer und schöpfte damit. Als es das blinkende Wasser forttragen wollte und sich umdrehte, sah es den fremden Mann und fragte, wer er wäre.

Da antwortete er: „Ich bin ein Kaufmann." Dann öffnete er seine Schürze und ließ es hineinschauen. „Ei! was ist das für ein schönes Goldzeug!", rief es und betrachtete eines nach dem ändern. Dann sprach das Mädchen: „Das muß die Königstochter sehen. Sie hat so große Freude an Goldsachen, daß sie Euch alles abkauft." Es nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinauf, denn es war die Kammerjungfer.

Als die Königstochter die Ware sah, war sie ganz vergnügt und sprach: „Es ist so schön gearbeitet, daß ich Dir alles abkaufen will." Aber der getreue Johannes sprach: „Ich bin nur der Diener von einem reichen Kaufmann. Was ich hier habe, ist nichts gegen das, was mein Herr auf seinem Schiff stehen hat. Es ist das Künstlerischste und Köstlichste, was je in Gold ist gearbeitet worden."

Die schöne Königstochter wollte alles heraufgebracht haben. Da sprach der getreue Johannes: „Dazu gehören viele Tage, so groß ist die Menge. Ihr Schloß hat nicht Säle genug, um alles aufstellen zu können." Da ward ihre Neugierde und Lust immer mehr angeregt. Schließlich sagte sie: „Führe mich hin zu dem Schiff. Ich will selber hingehen und Deines Herren Schätze betrachten." Ganz freudig in seinem Herzen führte sie der getreue Johannes zu dem Schiffe hin.

Der junge König sah, daß ihre Schönheit noch viel größer war, als das Bildnis sie dargestellt hatte. Er meinte, das Herz würde ihm zerspringen. Nun stieg sie auf das Schiff. Der junge König hieß sie herzlich willkommen und führte sie in die inneren Räume des Schiffes.

Der getreue Johannes aber blieb zurück bei dem Steuermann und hieß das Schiff abstoßen: „Spannt alle Segel auf, daß es fliegt wie ein Vogel in der Luft." Der König zeigte ihr drinnen das goldene Geschirr, jedes einzeln, jede Schüssel, jeden Becher und alle Näpfe. Dann bewunderte sie die goldenen Vögel und alle die wunderbaren Tiere. So gingen viele Stunden herum, während sie alles besah. In ihrer Freude merkte sie nicht, daß das Schiff dahinfuhr.

Nachdem nun die schöne Königstochter das letzte Stück betrachtet hatte, dankte sie dem Kaufmann und wollte wieder heim. Als sie aber auf das Deck des Schiffes kam, sah sie, daß es fern vom Lande auf hohem Meere ging und mit vollen Segeln davoneilte.

„Ach", rief sie erschrocken, „ich bin betrogen! Ich bin entführt! Lieber wollt ich sterben, als in der Gewalt eines Kaufmanns sein!" Da faßte sie der König bei der Hand und sprach: „Ein Kaufmann bin ich nicht. Ich bin ein König, nicht geringer an Geburt, als Du. Aus übergroßer Liebe habe ich Dich mit dieser List entführt. Das erste Mal, als ich Dein Bildnis gesehen habe, bin ich ohnmächtig zur Erde gesunken."

Als die schöne Königstochter vom goldenen Dache das hörte, ward sie wieder getröstet. Das Herz neigte sich ihm zu und gerne willigte sie ein, seine Gemahlin zu werden.

„Hier möchte ich die Geschichte unterbrechen. Sie ist sehr gut ausgegangen," sagte ich und fuhr fort:

„In unserer katholischen Kirche sind wir leider noch lange nicht so weit. Wer weiß, ob wir jemals so weit kommen werden! Die alten Diener der Kirche können sich nämlich nicht umstellen.

Sie fühlen sich zu einem endlosen Kampf verpflichtet. Sie kämpfen bis auf den letzten Mann." Damit verabschiedeten wir uns und wünschten uns gegenseitig eine gute Nacht.

 

Vor dem Basar am Strand

Für die Frauen war der Weg zum Strand voller Probleme. Der Weg führte nämlich durch einen langen Basar. Wer an den vielen kleinen Cafes gut vorbeigekommen war, war deshalb noch lange nicht am Strand. Schließlich gab es da noch eine Vielzahl von kleinen Läden.

Für die Frauen waren die vielen bunten Badetücher ein echtes Hindernis auf ihrem Weg. Vielleicht waren welche darunter, die sie am Vortag noch nicht gesehen hatten. Es könnte ja sein. Um sicher zu sein, wurden diese dann der Reihe nach von neuem begutachtet. Neckisch und frech, wie verschiedene Aufdrucke auch waren, zum Kaufen waren sie nichts. Das Gewebe war zu schlecht. Nach und nach stellten die kauflustigen Damen dann doch fest, daß das eigene mitgebrachte Badetuch noch am besten war.

Einige Schritte weiter gab es für die Damen eine Unmenge Sonnenbrillen zu probieren. Diese sollten die Damen noch flotter erscheinen lassen. So gingen sie ans Werk, die verschiedenen Brillen zu probieren, bald auf der Nase, dann wieder auf der Stirn oder im Haar. Dabei schauten sie unentwegt in den Spiegel. Es war guter Rat teuer. Schließlich versuchten sie ihr Glück bei den Hüten.

Da gab es waschbare Strandhüte aus weißem Leinen. Diese waren mit und ohne Aufdruck zu haben. Ein Sonnenhut mit dem Aufdruck GRAN CANARIA würde sich auch am Starnberger See recht gut machen. Die Leute wußten sofort, daß man zu den Weitgereisten gehörte. Zu allem Unglück machte der Strandhut einen Schatten auf der Stirne. Das durfte nicht sein. Schließlich wollte man im ganzen Gesicht gleichmäßig gebräunt nach Hause kommen. Mit dem Strandhut war auch kein Geschäft zu machen.

Zum Glück hingen die großen, bunten Seidenschals gleich daneben. Aber auch hier ging es nicht ohne Probleme ab.

Die Damen mußten sich klar werden, für welches Kleid ein neuer Schal gekauft werden sollte. Das war nicht einfach. Man studierte hin und her. Eigentlich war es nicht irgend ein bestimmter Schal, sondern die bunte Fülle, die immer wieder aufs Neue faszinierte. So gesehen, hätten sich die unschlüssigen Damen am liebsten mit dem ganzen Gestell voller Seidenschals bekleidet. Schade, daß das nicht Mode war.

Ziemlich erschöpft erreichten sie dann nach und nach den Schriftenstand. Dort überflog man die Schlagzeilen der Tageszeitungen von gestern und beschäftigte sich eingehend mit den Illustrierten. Das Angebot war weltweit. Als die Entscheidung gefällt war und der Kauf endlich getätigt, kam auch für die Damen die Zeit für ein zweites Frühstück.

Ich saß mit einigen Gästen auf der Sonnenterrasse. Wir betrachteten die Damen im Basar. Es fehlte nicht an einschlägigen Kommentaren. Dabei kamen wir uns näher. Es entwickelte sich eine typische Urlaubsbekanntschaft.

Der Kaffee stand noch nicht auf dem Tisch, als diese Urlaubsbekanntschaft in ein kritisches Stadium trat. „Sagen Sie", fragte einer der Bekannten, „was sind Sie eigentlich von Beruf?" „Pfarrer!", antwortete ich. „Was!" rief er. „Das hätte ich nicht gedacht." Dann war es still am Tisch. Es war, als müßten sie diese Neuigkeit erst verarbeiten.

Dann gestand mir einer: „Wenn Sie wüßten, was ich für einen Ärger habe gegen alles, was Kirche heißt." Er fuhr fort: „Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts anderes sagen kann." Ich war ihm deshalb nicht böse. „Was ärgert Sie so?", fragte ich. Es war, als hätte ich mit dieser Frage in ein Wespennest gestochen.

„Es geht mir gewaltig gegen den Strich, daß die biblischen Geschichten als göttliche Offenbarungen ausgegeben werden. Auch sie haben ihre Wurzeln in der Menschheit und nicht in Gott. So weit ich sehen kann, sind sie in der Seele entstanden. Damit meine ich jene geheimnisvolle Innenwelt, die wir nie ganz zu ergründen vermögen. Daß dort auch Gott seinen Platz hat, ist selbstverständlich." Er fühlte sich verstanden. Dann erklärte er uns: „Alles, was aus der Seele kommt, ist Offenbarung. Sie ist an keine Kirche gebunden. Offenbarung geschieht überall, wo Menschen sind. Ich wage zu behaupten: Offenbarungsträger ist die Menschheit in der Gesamtheit." Ich entgegnete: „Die Schriftgelehrten werden damit nicht einverstanden sein." „Ach, hören Sie auf mit den Exegeten. Sie sind doch nichts anderes, als die Schoßhunde der Mutter Kirche."

Sein Nachbar pflichtete ihm bei. „Als gehorsame Hunde der Kirche nagen sie an den Knochen, die ihnen die Kirche in den Zwinger wirft. Da lobe ich mir einen Mann wie Carl Gustav Jung. Alle Exegeten zusammen können ihm nicht das Wasser reichen." Ich war mir darüber nicht so sicher. „Ich kann nur hoffen", fuhr er fort, „daß das Heer der Alttestamentler und der Neutestamentler doch noch einmal aus dem engen Zwinger der Kirche ausbrechen. Zusammen mit den Psychologen könnten sie gute Arbeit leisten." Darüber waren wir uns alle einig. Der Mann zu meiner Linken sagte: „Mir geht es auf die Nerven, daß die Kirche immer nur wachsen will. Sie merkt nicht, daß sie längst abnehmen sollte. Sie bildet sich immer noch ein, heilsnotwendig zu sein." Wir horchten auf. Dann sagte er: „Ich kann mich immer weniger damit abfinden, daß die Kirche von Gott höchst persönlich gegründet worden sein soll." - „Das würde ich nicht so tragisch nehmen", beruhigte ihn ein anderer. Dieser gab dann zu bedenken: „Ich finde es viel schlimmer, daß die Kirche über unser ewiges Schicksal entscheiden will. Sie kann uns angeblich für immer in die Hölle schicken, je nach Belieben. Das nenne ich den Gipfel der Anmaßung."

Mein Gegenüber sagte: „Ich kann die Höllendrohungen Jesu nicht mehr hören." Er zitierte Jesus: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Satan und seine Engel bereitet ist." Dann fragte er: „Wer glaubt denn heute noch an die Hölle? Kein Mensch", sagte er. „Seither wirkt diese Höllendrohung lächerlich und Jesus unglaubwürdig." Er fuhr fort: „Man kann heutzutage keine Höllendrohungen loslassen, ohne sich lächerlich zu machen. Die Zeiten haben sich geändert."

Sein Nachbar entgegnete: „Hier hätte der Papst eine echte Aufgabe." „Ach, der Papst!", gab dieser zu bedenken. „Der tut sich leicht. Er bestimmt einfach, was wahr ist und was falsch ist. Über seine angebliche Unfehlbarkeit lachen ja die Hühner. Wenn er nur einmal einsehen würde, daß auch er keinen absolut gültigen Maßstab in der Tasche hat." Er fügte hinzu: „Es gibt keinen absoluten Maßstab in der Welt. Auch Jesus ist es nicht. Er ist richtungweisend, ganz gewiß, aber mehr nicht." Es waren gewagte Worte.

Dann brach der Letzte sein Schweigen: „Ich finde die Sprüche über den Heiligen Geist so absurd", sagte er. „Was wird doch über ihn nicht alles verzapft! Dabei wird ganz übersehen, daß es nur darum gehen kann, sich auf die Seite Jesu zu stellen. Es ist in Ordnung, wenn man in den Predigten versucht, die Leute für Jesus zu begeistern. Aber daß dieser Geist Jesu als eigenständige Person existieren soll, das ist doch reiner Theologenschmarrn. Hier wird entschieden zu dick aufgetragen. Mir kommt dann alles lächerlich vor."

So hatten sie plötzlich auf mich eingeredet. Ich sah sie alle in der Runde an und fragte: „Könnten Sie ebenso spontan auch etwas Gutes sagen?" - „Etwas Gutes? O ja! Unsere Feste!" Die Übrigen stimmten zu. „Weihnachten möchte doch keiner missen." Ein anderer erwähnte die Martinsgans und den Leonhardiritt. „Das alles möchte ich nicht missen. Ich freue mich jedes Jahr darauf."

Mein Gegenüber sagte: „Das muß man ihr lassen: Die Kirche gibt uns die schönsten Feste." Er fuhr fort: „Sagt doch selber, was wäre eine Hochzeit ohne die Kirche?" Dann erzählte er weiter: „Ich bin jedesmal aufs Neue beeindruckt, wenn ich ein Brautpaar vor dem Altar knien sehe. Wie es da still wird in der Kirche und wie jeder hinhört, wenn sie ihr Eheversprechen machen." Er konnte sich genau an die Worte erinnern: „Ich nehme dich in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und in Krankheit, bis der Tod uns scheidet."

Mein Nachbar fing an zu singen: „So nimm denn meine Hände und führe mich." Er konnte auch noch die zweite Zeile: „Bis an mein Ende ganz väterlich." Da kam eine der Frauen von ihrem Einkaufsbummel zurück. Sie fragte scherzhaft: „Wer heiratet

hier?" „Wir haben uns nur über die Kirche unterhalten", erzählte ihr der Mann. Dann sagte er zu seiner Frau: „Stell Dir vor, dieser Herr ist Pfarrer." Ich nickte zustimmend. „Herr Pfarrer", sagte die Frau. Ich winkte ab. „Sagen Sie: Herr Nachbar. Es wäre mir lieber."

 

Dünen und Dornen

Von den Urlaubern hatten viele Vollpension. Sie mußten täglich heim, wenn die Sonne am wärmsten schien. Einige kamen erst wieder an den Strand, wenn sie bereits schief am Himmel stand. Auf diese Weise kamen diese Leute wenig ins Wasser.

Ich nützte die Zeit, so gut es ging. Wenn es mir im Wasser zu kalt wurde, packte ich mich in den heißen Dünensand. Dort kam ich mir vor, wie Brot im Backofen. Dabei beobachtete ich ein altes Flugzeug, das in regelmäßigen Abständen wiederkehrte. Es sah aus wie eine alte Griffelschachtel aus längst vergangener Zeit, mit einem Lineal quer darüber.

In weiten Kreisen quälte es sich in die Höhe, bis es kaum mehr zu sehen war. Dann wurden plötzlich eine Reihe von winzigen Punkten sichtbar, die schnell größer wurden. Es waren Fallschirmspringer. Diese ließen sich wagemutig durch die Lüfte fallen. Erst im letzten Augenblick öffneten sie ihre Fallschirme. Eine andere Gruppe konnte nicht langsam genug zur Erde gleiten. Dann gab es welche, die tanzten und schaukelten unter dem blauen Himmel, wie Akrobaten unter dem Zirkuszelt. Ein farbenprächtiges Schauspiel.

Als die Schatten schon länger wurden, kam der Wind auf. Er verstärkte sich zu einer scharfen Brise. Die Zeit der Surfbrettfahrer war gekommen. Ich saß im Windschatten eines Dünenhanges und bewunderte ihr Können. Es war erstaunlich.

„Ja, der Herr Nachbar!" grüßte mich ein bekannter Urlauber. Er befand sich mit seiner Frau bereits auf dem Heimweg. Ich grüßte zurück. Dann empfahl er seiner Frau: „Geh' schon voraus. Bis Du mit Deinen Haaren fertig bist, bin ich auch daheim." Er setzte sich neben mich in den Dünensand. Vor uns flitzten die Surfer über das Wasser. Sie machten Luftsprünge mit ihrem Gefährt. Nur selten stürzte dabei einer ins Wasser. Man sagte, es wären die Besten aus aller Herren Länder.

Ganz unvermittelt gestand mir der Bekannte: „Schade, daß wir gestern so schnell auseinandergegangen sind." Ich nickte. „Es war doch recht interessant", sagte ich. Mein Bekannter war nicht zufrieden. „Ich wäre noch so gerne auf das Gleichnis vom Sämann eingegangen", sagte er.

Nach einer Weile begann er: „Da heißt es doch: Ein Sämann ging aus, um zu säen. Ein Teil fiel auf felsigen Boden." Ich war gespannt, was jetzt kommen würde. „Die Grundstruktur der Kirche ist dieser felsige Boden." Dann fuhr er fort: „In dieser Kirche, wie sie nun einmal ist, kann sich der Glaube nicht mehr entfalten. Die hierarchische Verfassung ist ein für allemal überholt."

Es tat ihm gut, daß ich ihn weiterreden ließ. „Das ging, so lange die Menschen in Herrscher und Untertanen aufgeteilt waren. Seit sich diese Untertanen zu Mitmenschen gemausert haben, ist die hierarchische Struktur ein Hindernis für den Glauben. Der Same geht zwar noch auf. Er wird aber von der Sonne versengt. Es fehlt das nötige Erdreich für die Wurzeln. Der Vatikan mit seinen Außenstellen rund um die Welt versengt alles, was da an Glaube aufgegangen ist." Er seufzte.

„Ja, diese autoritäre und hierarchische Struktur macht den Glauben kaputt." Ich sah ihn eine Weile nachdenklich an. Dann entgegnete ich: „Ohne Autorität und Vollmacht geht es nicht. Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bad ausschütten." Mein Nachbar schüttelte heftig den Kopf.

„Es gibt kein Kind mehr, das gebadet werden soll." Dann fuhr er fort: „Glauben Sie mir, die Gläubigen sind keine Kinder mehr. Sie lassen sich nicht mehr baden. Sie lassen sich nichts mehr aufzwingen. Die Leute wollen sich ihre Kirche selber machen." Ich lachte und meinte: „Sie glauben also an eine Kirche zum Selbermachen."

„So dumm ist das gar nicht", sagte er. „Wie stellen Sie sich das vor?", fragte ich. „Wir könnten so manches von den Vereinen lernen", begann er. „Denken Sie nur an den Trachten verein." Dann erzählte der Nachbar: „Bei uns war dieser Verein für lange Zeit buchstäblich ausgestorben." Ich dachte unwillkürlich an die Kirche. Wenn es so weiter geht, würde auch sie bei uns bald ausgestorben sein.

Er fuhr fort: „Inzwischen hat der Trachtenverein die meisten Mitglieder. Die Sache war höchst einfach. Eines Tages sagte einer beim Wirt: ,Es ist eigentlich schade, daß wir keinen Trachtenverein haben.' Die anderen stimmten zu: Jammerschade!' Dann kam einer auf den Gedanken: ,Wir könnten eigentlich einen Trachtenverein gründen.' Sie taten es aus dem Nichts heraus. Es war eine Neuschöpfung."

Ich gab ihm zu bedenken: „Die Kirche ist kein Trachtenverein." Er lachte und meinte: „Da bin ich nicht sicher." Dann sagte er: „Auf jeden Fall ist die Kirche auch nur das, was die Leute aus ihr machen." Ich fragte zurück: „Guter Mann, haben Sie nicht gelernt: Unsere heilige Mutter Kirche ist göttlichen Ursprungs?" Er nickte. "Ich habe darüber hinaus noch etwas dazu gelernt." Ich wartete, dann fuhr er fort: „Ich habe gelernt, daß alles Menschen werk ist, was auf Erden gelehrt wird." Er sagte es ohne Überheblichkeit, fast bescheiden. „Die Menschen waren immer schon sehr erfinderisch. Gott sei Dank!" sagte er.

Nach einer Weile fuhr er fort: „Jetzt sind wir an der Reihe. Jetzt müssen wir uns etwas einfallen lassen. Wenn wir eine Kirche wollen, brauchen wir sie nur zu gründen. Wir können sie so göttlich machen, wie wir wollen. Es liegt an uns. Was ein Pfarrer macht, läßt sich schnell erlernen. Geeignete Leute gibt es genug. Mit etwas Aufklärung lassen sich die noch bestehenden Hindernisse schnell beseitigen. Neue Gemeinden könnten wie Pilze aus dem Boden wachsen." Dann fuhr er fort: „Ich sehe nicht schwarz für das Christentum. Ich kann es nur nicht erwarten, bis die Kirchen endlich zusammenkrachen."

„Das Priestertum ist eine göttliche Einrichtung", entgegnete ich. „Die Leute wollen den geweihten Priester. Daran geht kein Weg vorbei." Er widersprach mir. „Göttliche Einrichtung!" rief er. Er sah mich an und sagte: „Glauben Sie mir, alles, was da für göttlich, heilig und unantastbar gehalten wird, ist letzten Endes nichts anderes als eine Schutzeinrichtung der Kirche. Sie verteidigt damit nur ihr Gottesdienstmonopol und ihre Macht, ihren Einfluß auf die Massen und ihren Besitz. Das ist ja der Grund, warum sich die Kirche selber als das göttliche Ursakrament bezeichnet." Mein Bekannter machte eine Pause. „Selbstbehauptung!" rief er. „Nichts anderes!"

„Wenn das die Leute erst einmal kapiert haben", begann er wieder, „ist es mit der Macht und Herrlichkeit der Hochwürdigsten Herrn endgültig vorbei. Dann gibt es keinen Papst und keinen Kardinal, keinen Erzbischof und nicht einmal mehr einen Kaplan von Gottes Gnaden. Jeder wird dann das sein, wozu ihn die Mitmenschen, und nicht Gott, gemacht haben." Ich hätte ihm eigentlich böse sein sollen. Ich konnte mich aber nicht entrüsten. „Warum auch?", dachte ich mir. „Wer weiß, vielleicht hat er recht."

Wir saßen längere Zeit still im Sand, jeder in Gedanken versunken. Dann sagte der Bekannte: „Ich möchte noch einmal auf das Gleichnis vom Sämann zurückkommen." Ich hatte nichts dagegen. „Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen. Die Dornen wachsen und ersticken die Saat." Ich nickte zustimmend und sagte: „Jesus meinte damit ganz allgemein die Sorgen dieser Welt und den trügerischen Reichtum." Dann fügte ich hinzu: „Er meinte ganz gewiß nicht die Kirche." „Klar", sagte der Bekannte. Er fuhr fort: „In der Zwischenzeit sind fast zweitausend Jahre vergangen. Heute würde Jesus diese Worte mit Sicherheit auf die Verhältnisse der Kirche anwenden. Ich erinnere Sie nur an das neue kirchliche Gesetzbuch. Das sind doch die Dornen, die im Laufe der Zeit gewachsen sind und alles ersticken." Ich konnte ihm nicht widersprechen.

„Ja, das Herz dieser Kirchenmanager ist hart geworden. Ihre Augen halten sie verschlossen, damit sie nicht sehen. Ihre Herzen haben diese Leute mit Gesetzen zugemauert, damit sie nicht zur Einsicht kommen." Gerne hätte ich ihm widersprochen. Ich konnte aber nur betreten schweigen. Nach einer Weile begann er wieder: „Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören." Es waren die Worte Jesu. „Glauben Sie mir, wer sieht, was wirklich los ist, der kann nicht mehr so tun, als hätte er nichts gesehen." „Wem sagen Sie das!", unterbrach ich ihn.

Mein Bekannter fuhr fort: „Der Konflikt mit der Kirche wird unausweichlich. Ich muß sie verlassen. Mir bleibt keine andere Wahl."

Ich meinte dazu: „Warum soll es uns heutzutage besser gehen, als den einfachen Fischern vom See Genezareth? Sie haben ihren hohen Priestern, den Pharisäern und Schriftgelehrten mit einem Schlag den Gehorsam aufgekündigt. Das waren keine Autoritäten mehr. Diese Herren konnten sagen, was sie wollten. Die Fischer hörten nur noch auf Jesus. Er allein war für sie maßgebend."

„Genau!" rief mein Bekannter. „Bei diesen Leuten ist der Same auf guten Boden gefallen. Er brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach." Dann fügte er hinzu: „Es wird jeder zum guten Boden, so bald er sich auf Jesus einstellt und die anderen sausen läßt."

Wieder saßen wir still nebeneinander im Dünensand, bis mein Bekannter sagte: „Ich sollte schon längst aus der Kirche austreten und kann nicht." Dann erfuhr ich, daß er als Religionslehrer an einer höheren Schule tätig war. Sein Kirchenaustritt würde ihn arbeitslos und brotlos machen. „Was soll ich nur tun?", fragte er mich. Ich tröstete ihn. „Es geht mir um kein Haar besser." Dann ging er.

 

Der Geist auf Gran Canaria

Der Mann an der Theke sprach etwas deutsch. Ich sagte zu ihm: „Ihr Restaurant heißt FAIKAN. Das ist ein seltsamer Name. Wissen Sie etwas darüber?" „Ja", sagte der Kellner. „Faikan war der oberste Priester bei den Ureinwohnern der Insel, den Guanchen." Dann erzählte er mir: „Als die Spanier kamen, wollte sich der Faikan nicht taufen lassen. Die Spanier schlugen ihm deshalb den Kopf ab. Auch mit seinen Anhängern machten sie kurzen Prozeß." Dabei stellte er den Rotwein auf den Tisch und wünschte mir guten Appetit.

Ich betrachtete den Rotwein im Glas. Mir war, als wäre es mit Blut gefüllt. Also auch hier Glaubensboten mit dem Schwert. Auch hier ruchloses Morden im Namen Gottes!

Daran war nichts zu ändern. Ich mußte mich damit abfinden. Je schneller, desto besser. Ich darf die Vergangenheit nicht mit unseren Maßstäben messen. Immer wieder der gleiche Fehler! Dann dachte ich mir: „Warum eigentlich nicht? Der Heilige Geist ist doch immer derselbe. Er ändert sich nicht."

Dann fragte ich mich: „Wo war denn der Heilige Geist bei der Christianisierung dieser Insel? Es heißt doch, er wäre bei uns bis ans Ende der Welt." Ich suchte nach einer Erklärung: „Vielleicht war alles nur ein kleiner Betriebsunfall in der Kirche Gottes. Es gab dafür keine Entschuldigung. Dieses Morden gehört zu einer endlosen Kette von höchst bedauerlichen Vorfällen. Es geht alles zu Lasten des Heiligen Geistes." Das bedrückte mich.

Ich dachte an die Firmung. In Gedanken sah ich, wie der Bischof den Jugendlichen die Hand auflegte und ihnen die Stirn salbte. Durch diese Handlung kam der Heilige Geist in ihre Herzen. „Alles leere Gesten", sagte ich mir. „Der Bischof kann den Firmlingen tausendmal die Hände auflegen und ihre Stirn salben. Den Heiligen Geist bekommen sie deshalb noch lange nicht." Weiter dachte ich mir: „Wenn schon bei der Firmung nichts geschehen ist, warum sollte dann bei der Taufe etwas geschehen sein? Ich dachte an die Priesterweihe. Sollte der Heilige Geist hier eine Ausnahme gemacht haben?" Dabei legt der Bischof den Weihekandidaten sogar seine beiden Hände auf das Haupt."

Betroffen stellte ich fest: „Der Heilige Geist hat mich nicht verändert. Ich dachte an meine Mitbrüder. Auch sie blieben, wie sie waren. Dann gab es die vielen, die aus dem Priestertum ausgeschieden sind. Weltweit gesehen, sollen fast hunderttausend Priester ihrem Beruf untreu geworden sein. Der Heilige Geist konnte sie nicht einmal im Amt halten." Meine Zweifel waren berechtigt.

Dann dachte ich an die Bischöfe: Auch sie sind vom Heiligen Geist verlassen. Sie können weder Kirchenaustritte verhindern, noch Priesterberufe erbitten. Im Gegenteil! Die Bischöfe müssen sogar zusehen, wie immer mehr Menschen dem sonntäglichen Gottesdienst fernbleiben. Das Heer der ungetauften Kinder wird immer größer. Der Heilige Geist läßt allem seinen Lauf. Sogar die Bischöfe mit ihrem „heißen Draht zum Himmel" können den Heiligen Geist nicht erflehen.

Mit Wehmut dachte ich an die Diener Gottes in der Zeit des alten Bundes. Für einen Augenblick hatten mich die Wundergeschichten der Bibel verführt. Dann aber besann ich mich: Gott hatte damals nicht mehr geholfen, als heute. Weder die Baalspriester, noch der Prophet Elija konnten das Feuer vom Himmel erbeten. Niedergeschlagenheit machte sich breit in mir.

Dann kam mein Bekannter mit seiner Frau. Als sie Platz genommen hatten, sagte seine Frau: „Mein Mann ist ja so dankbar, daß er gestern mit ihnen sprechen konnte. Es hat ihm richtig gut getan." Sie fügte hinzu: „Sie können sich kaum vorstellen, wie sehr mein Mann unter der Kirche leidet. Er möchte alles recht machen und kann es nicht." Ich entgegnete: „Wer kann das schon?" Dann fügte ich hinzu: „Ich lebe wie auf einem Schachbrett, immer in Bewegung."

„Wie meinen Sie das?", fragte mein Bekannter. Ich erzählte, was ich über Faikan gehört hatte. Dann gab ich zu bedenken: „Wenn es stimmt, daß er und seine Anhänger bei der Christianisierung ermordet worden sind, dann spricht das gegen den Heiligen Geist. Der Heilige Geist erweist sich nicht als Kraft Gottes, sondern lediglich als Mythos."

Weiter gab ich zu bedenken: „Wenn ich mich damit nicht abfinden will, muß ich mich bewegen. Ich brauche einen neuen Standpunkt, wie auf einem Schachbrett. Ich muß selber dafür sorgen, daß der Heilige Geist in meinem Leben erfahrbar wird. Wir müssen uns um den Heiligen Geist bemühen, wie ein Pianist um sein Konzert. Wenn nicht, bleibt er nichts als Hirngespinst."

„Ich sehe das so", sagte die Frau, „das ist wie mit der Milch. Wir müssen sie trinken, sonst wird sie sauer. Was wir nicht trinken, müssen wir verarbeiten zu Butter oder Sahne. Auf keinen Fall dürfen wir den Heiligen Geist einfrieren. Das tun die Dogmen." „Ein guter Vergleich", sagte ich. „Glauben Sie mir", fuhr sie fort, „wir müssen den Heiligen Geist herausholen aus den Gefriertruhen der Dogmen und Katechismen. Das ist unsere Aufgabe."

„Es ist das Ende der Kirche", sagte der Mann. Ich stimmte ihm zu. Die Frau wehrte ab. „Es ist der Anfang einer neuen Christenheit", sagte sie. „Und überhaupt, wir dürfen nicht vergessen: Der Heilige Geist ist nicht für die Kirche da." Ihr Mann stöhnte. Er wandte sich zu mir: „Es ist mir unerklärlich, wie meine Frau zur großen Missio gekommen ist." Die Frau lachte. „Er gönnt sie mir nicht", sagte sie. „Am liebsten würde er mir die große Missio wieder nehmen." - „Ach, Du mit Deinen ausgefallenen Gedanken", sagte der Mann. „Manchmal meine ich, Du redest nur zum Spaß."

Zu mir gewandt sagte sie: „Ich kann den Glauben nicht so tierisch ernst nehmen, wie mein Mann. Ich gehe damit eher spielerisch um." Es sah ganz danach aus. Dann nahm ich sie etwas in die Zange. „Sie haben gesagt: Der Heilige Geist ist nicht für die Kirche da. Wie meinen Sie das?"

Nach einer Weile sagte sie: „Der Heilige Geist ist für die Menschen da." Dann fuhr sie fort: „Er befähigt uns so zu reden, wie Jesus." Ihr Mann wollte sie in die Enge treiben. Er fragte: „Und wie würde sich das anhören?"

Sie begann ganz leise: „Euch ist gesagt worden, in Gott sind drei Personen. Ich aber sage Euch: Ihr wißt nicht, wovon ihr redet." Ich hörte schweigend zu. Dann sagte sie: „Euch ist gesagt worden: Der Menschensohn wird wiederkommen. Ich aber sage euch: Ihr wartet vergeblich." Sie sah ihren Mann an und fragte: „Zufrieden?" Der Mann schwieg. „In unserer Zeit wie Jesus reden, das hört sich so an", begann sie wieder. „Euch ist gesagt worden: Wer auch nur ein Jota vom Gesetz verändert, der wird der Geringste sein im Himmelreich. Ich aber sage euch: Wer auch das letzte Jota noch verändert, der ist der Größte im Himmelreich."

„Du bist verrückt", sagte ihr Mann. Die Frau wiederholte: „Verrückt! Warum auch nicht!" Sie fuhr fort: „Verrückt, wie ich nun einmal bin, sage ich dies." Sie räusperte sich, dann sagte sie: „Euch ist gesagt worden, ihr sollt die Kirche hören. Ich aber sage euch, die Kirche muß EUCH hören. Jeden Schrei muß sie hören. Öl und Wein muß sie in jede Wunde gießen. Wenn nicht, dann schüttelt den Staub von euren Füßen zum Zeichen gegen sie."

Der Mann schüttelte den Kopf und sagte zu mir: „Habe ich nicht gesagt, sie ist verrückt." Die Frau strahlte über ihr ganzes Gesicht. „Mir ist, als säße ich beim Schwager vorne, hoch auf dem gelben Wagen." Darauf sagte der Mann fast flehentlich: „Glaube mir, ich verstehe Dich wirklich nicht mehr."

„Ach, Goldschatz!", rief die Frau. Dann sagte sie: „Bedenke doch! Ich kann doch nicht erwarten, daß feurige Pferde mit einem feurigen Wagen kommen und mich mitnehmen." Sie sah ihn liebevoll an und fuhr fort: „Ich bin schon ganz selig, wenn ich auf einem gelben Wagen mitfahren darf." Sie verstanden sich wieder. „Hauptsache, es geht fort. Nichts soll mich noch an die Kirche erinnern."

Der Mann sagte: „Jetzt müssen wir erst einmal heim. - Wie schnell doch die Zeit vergeht!" Ich nickte zustimmend. Dann sagte ich: „Besuchen Sie mich doch! Ich würde mich freuen, Sie wiederzusehen."

Schließlich kam auch für mich das Ende des Urlaubs. Auf dem Heimflug dachte ich an einige Klosterfrauen, die in ihrer Not zu mir gekommen waren. Das Leben in der engen Ordensgemeinschaft war ihnen unerträglich geworden. „Ich gehöre nicht in das Kloster", hatte eine festgestellt. „Ich mache mir und allen anderen das Leben zur Hölle." Im Laufe einer langen und schmerzvollen Geschichte war sie zu dieser Einsicht gekommen.

Ich hatte ihr geraten, das Kloster zu verlassen. „Mit Ihrer Ausbildung bekommen Sie überall eine gute Anstellung." Sie dachte an ihre Verwandtschaft. „Meine Angehörigen würden sehr enttäuscht sein." Bei ihrer Mutter würde sie sich nicht mehr blicken lassen können. Wer weiß, ob sie diesen Schlag überleben würde? Ich sah hier nicht so schwarz. „Erzählen Sie doch allen daheim, wie unerträglich für Sie dieses Klosterleben geworden ist. Sagen Sie ganz offen, daß Sie das Kloster verlassen wollen. Ihre Familie wird das verstehen. Sie können doch nicht verlangen, daß Sie ein ganzes Leben lang unglücklich sind." Das leuchtete ihr ein.

Wahrscheinlich würde sie mich sehr vermissen. „Nun, ich bin ja nicht aus der Welt. Meine Adresse ist leicht zu erfragen." Damit war dieses Problem gelöst. Dagegen war das Problem einer Ordensoberin viel schwieriger. Sie liebte eine jüngere Ordensschwester ihres Hauses. Zusammen hatten sie unvergeßliche Stunden voller Zärtlichkeit und Liebe erlebt. Ebenso sehr aber litten sie auch unter den Qualen eines schlechten Gewissens.

„Helfen Sie mir, diese sündhafte Beziehung zu beenden. Selbst auf die Gefahr hin, daß ich daran zugrunde gehe!" Die Oberin untermauerte ihre Entschlossenheit mit dem Bibelspruch: „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden" (Mt 5, 29 und 18, 9).

Ich bewunderte ihre Entschlossenheit, fragte dann aber vorsichtig nach, ob diese Beziehung in sich selber schlecht und verwerflich wäre, oder ob diese eher aus unverständlicher Leibfeindlichkeit mit einem Verbot belegt worden wäre? Ganz bewußt hatte ich diese Frage offen gelassen. Ich konnte ihr die Antwort nicht abnehmen. Sie mußte sich selber durchringen. Dabei konnte ich ihr nur zur Seite stehen.

Besorgt fragte ich mich, an welchen Seelsorger sie nach meinem Weggang geraten würde? Ganz sicher würde jene Ordensfrau bald wieder zur Beichte kommen. Vielleicht würde sie wieder von ganz vorne anfangen und versuchen, den neuen Beichtvater vom Beichtgeheimnis zu entpflichten. Nicht auszudenken, wenn der neue Beichtvater dieser Bitte nachkommen würde. Bald darauf würde dann der gewünschte Brief ankommen. Die darin gemachten Andeutungen würde sie dann der jüngeren Ordensfrau wissen lassen und sagen: „Liebe Schwester, unsere Beziehung ist offenkundig. Es ist allerhöchste Zeit für eine Trennung."

Die Oberin erblickte in diesem Vorgehen ihren einzigen Ausweg. Ich hatte ihr diesen Wunsch nicht erfüllt. Unter den gegebenen Umständen sah ich keine Notwendigkeit für diese so schmerzliche und gewaltsame Trennung.

Tags darauf erhielt ich einen Anruf vom Generalvikar. Da wäre die kleine Pfarrei Sankt Michael, in Arget, bei Sauerlach. Wenn diese meinen Vorstellungen entspricht, könnte ich sie haben. Damit war meine Zeit als Dombenefiziat nun endgültig vorbei. Mein ganzes Denken kreiste um die neue Pfarrei, im Landkreis der Landeshauptstadt München.

Gute Freunde hatten mir dringend geraten, dort mit einer ordentlichen Priesterkleidung zu erscheinen. Die Landbevölkerung hätte für meine Kordhosen und Pullis kein Verständnis. Es gab darüber ein langes Hin-und-Her. Schließlich stellte ich unmißverständlich fest: „Die Leute müssen mich nehmen, wie ich nun einmal bin. Wenn sie dazu nicht bereit sind, sollten sie es sagen. Dann gehe ich wieder und zwar ohne mit der Wimper zu zucken."

Aus grundsätzlichen Erwägungen kam für mich das Tragen einer Priesterkleidung nicht in Frage. Damit hätte ich mich zu einem Vertreter der Amtskirche gemacht und zu einem „Hochwürden" obendrein. Zu allem Unglück hätte ich die Leute in der irrigen Meinung bestärkt, Jesus hätte eine Kirche gewollt, oder gar eine Kirche gegründet. Tatsache ist: Jesus war ein entschiedener Gegner der damaligen Kirche. Er hatte auch nichts übrig für die Priesterschaft. Die Priester waren für ihn nur jene selbstherrlichen Gesellen, die den einfachen Leuten das Leben schwer machten.

Selbstverständlich mußte ich mir dann auch die Frage gefallen lassen, warum ich meinen Priesterberuf nicht schon längst an den Nagel gehängt und aus der Kirche ausgetreten wäre? Schließlich wäre es im höchsten Maße inkonsequent, wenn ich einerseits an den Grandfesten der Kirche zu rütteln wagte, andererseits aber von derselben Kirche Monat für Monat mein Gehalt einschieben würde.

Meine Antwort war klar: Das Geld der Kirche ist das Geld der Leute. Nicht der Bischof bezahlt mich, sondern die Gläubigen! Der Bischof tut nur so, als wäre es sein Geld, mit dem er schalten und walten könnte wie er will. Gerade weil ich mich für die Gläubigen entschieden habe, darf ich die Unterstützung durch die Gläubigen annehmen. Und was das Verbleiben im Priesteramt und in der Kirche betrifft, so kann ich nur wiederholen: Meine Aufgabe liegt dort, wo die Gläubigen leiden. In der Kirche! Weil ich ihnen wirklich helfen will, muß ich mich an den Ort ihrer Leiden einfinden. Nur in der Kirche kann ich den unter ihrer Exkommunikation leidenden Gläubigen die gewünschten Sakramente spenden.

Nur als Priester kann ich den unter unnötigen Schuldgefühlen leidenden Gläubigen Erlösung verschaffen. Nur als Priester kann ich die Menschen von den Fesseln der Kirche nach und nach befreien. Wegen dieser Aufgabe an den Gläubigen ist mein Platz nicht irgendwo weit vom Schuß, sondern inmitten der Kirche.


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