Jahresbericht 1990/1991

von Dr. Walter Friedberger

Leiter des Instituts der katholischen theologischen Fortbildung in Freising

 


Hinweis: In der Internetfassung des Jahresberichts sind die Träger des Instituts der theologischen Fortbildung, sowie die Referenten und die Kurspläne nicht aufgeführt. Insbesondere im Reflexionsteil erhält man einen Einblick in die Probleme, die Priester heute haben. 

 

Textmarken: Kursberichte, Reflexionsteil


Liebe Schwestern und Brüder,

1969 wurde die überdiözesane Priesterfortbildung Freising begründet. Seit 22 Jahren können Tausende von Priestern und Laienseelsorgern in unser Institut. Wir sind nicht mehr in strengen und engeren Sinn Priesterfortbildung, die Gruppe der Priester aber bildet immer noch ein beträchtliches Element in der Fortbildung.

Mit diesem Jahresbericht reflektiere ich, was uns in diesen vielen Jahren hier auf den Donberg immer bewegt hat. Wie geht es den Priestern, und was kann für sie getan werden? Diese Überlegungen sind nicht Ausdruck einer Strategie mitleidiger Barmherzigkeit mit diesen oft so gerupften Berufsstand, sondern eine Zusammenschau der Möglichkeiten, daß das Priestertum Zukunft gewinnt und Priestersein nöglich bleibt.

Mit diesem Bericht lege ich gleichzeitig meinen letzten Jahresbericht vor. Ab 1. September 1991 wird ein anderer die Geschicke der Freisinger Fortbildung in die Hand nehmen. Ich habe das fast 22 Jahre getan und mit viel Freude besorgt. Dank allen, die mir dabei die Treue gehalten haben.

Dr. Walter Friedberger 1. August 1991

Wir wollen nicht jeden einzelnen Kurs rekapitulieren, durchleuchten und reflektieren, sondern einiges Interessante aus den Kursen hervorheben und zusammenfassen.

Bericht über den Vierwochenkurs November 1990

Der Vierwochenkurs im Herbst ist der einzige mehrwöchige Kurs, an dem eine Gruppe (5-6 Leute) teilnimmt, die die Möglichkeit einer länger dauernden theologisch-pastoralen Fortbildung wahrnimmt. Auch diesmal waren es 5 Priester (4 Pfarrer, l Kaplan), die vier Wochen in Freising waren. Ansonsten setzt dieser Kurs sich jede Woche neu zusammen durch hinzukommende Teilnehmer/-innen, weil die Wochen auch einzeln belegt werden können. Dies gibt dem Vierwochenkurs einen zwiespältigen Charakter.

Die Teilnehmer am gesamten Vierwochenkurs im November beurteilten die Abwechslung der Themen (25 Jahre Konzil, Johannesevangelium, das geistliche Gespräch, Homiletikkurs) als sehr positiv. Auch der Aufenthalt im Kardinal-Döpfner-Haus wurde positiv bewertet. Daß am Sonntag nicht immer Gelegenheit zum Mittag- und Abendessen bestand, wurde nicht als störend empfunden.

Zur Beurteilung der einzelnen Wochen

Die 1. Woche "25 Jahre nach dem Konzil" hat nicht ganz den Erwartungen entsprochen. Der mehrfache Referentenwechsel (4 Referenten) hat eine intensivere Beschäftigung mit dem Konzil in seiner wegweisenden Funktion für heute eher blockiert. Die Tatsache, daß es mit einer Ausnahme nicht möglich war, Referenten zu engagieren, die das Konzil selbst erlebt hatten, hat die Attraktivität der Woche vermindert.

Referent und Thema der 2. Woche fanden allgemein positive Zustimmung.

Das Thema der 3. Woche entsprach nicht ganz dem tatsächlichen Ablauf, bei dem es mehr um Ziel, Inhalt und Methode des geistlichen Gesprächs, unter vor allem theoretischen Gesichtspunkten ging und weniger um das "zur Sprache bringen der eigenen Glaubenserfahrung" (Oberthema des Kurses).

Da wo dies letzte ermöglicht wurde, z.B. im Bibliodrama, erwiesen sich bei den Teilnehmern ziemliche Blockaden, was nachher zu wenig aufgearbeitet werden konnte. Es wurde angeregt, für die Teilnehmer an dieser Woche einen Aufbaukurs zur praktischen Einübung des geistlichen Gesprächs anzubieten. Die Homiletische Werkwoche, die als Grundkurs ausgeschrieben war. lies den Wunsch laut werden, mehr bei den Erfahrungen der Teilnehmer anzuknüpfen und auch eigene Predigten z besprechen. Weiterhin sollte mehr Möglichkeit zur Verarbeitung

Bericht über den 3. Fortbildungskurs der Diözese Vorarlberg vom 7. bis 11. Januar 1991

Der 1. Teil des Kurses mit Prof. Schreiner, der für Prof. Deissler eingesprungen war, erwies sich vor allem im nachhinhein als eine gute Einführung in die Theologie des Alten Testamentes. Obwohl die Teilnehmer sich mit der Art der Vermittlung schwer taten, bot der Referent inhaltlich die Möglichkeit, sich mit den Grundkenntnissen der modernen Exegese vertraut zu machen. Für manche Teilnehmer war dieser Kursabschnitt eine echte Bereicherung im Vergleich zu dem, was ihnen aus ihrer Ausbildung als Exegese geblieben war.

Der Referent hatte zu jeder Einheit einen Bibeltext mit Fragen vorbereitet, aber nur nach der 1. Einheit kam es zu Gesprächen in Gruppen. Es bestand offenkundiges Bedürfnis für das direkte Gespräch mit dem Referenten.

Der 2. Teil des Kurses mit Pfarrer Heinz Geist aus Würzburg, zum Thema "Priester werden - Priester sein" entsprach ganz der Erwartungen der Teilnehmer. Der Referent gab gute Impulse zum Thema "gemeinsames und besonders Priestertum", die anschließend in Gruppen verarbeitet wurden.

Das zweite Referat ging über die priesterliche Spiritualität. Die Ausführungen dazu waren sehr existentiell und konkret.

In der Kursauswertung wurde der Wunsch geäußert, daß die Teilnehmer mehr bei der Vorbereitung und Themenauswahl einbezogen würden. Obwohl die Möglichkeit bestanden hat, ein Thema für den 2. Teil des Kurses vorzuschlagen, war dies nicht wahrgenommen worden. Aber offensichtlich wollte «an mehr: mit repräsentativ ausgewählten Teilnehmern vorher Thema, Behandlung und Ablauf vorbesprechen. Auch sollte »ehr Platz für eigene Fragen der Teilnehmer eingeräumt werden.

Vereinbart wurde, daß einige der anwesenden Teilnehmer sich mit dem Kursleiter Dr. Fink und dem Generalvikar am 26. Januar 1991 für eine Kursreflexion treffen.

Bericht über den Fortbildungskurs der Erzdiözese Wien vom 27. Januar bis 2. Februar 1991

Der Kurs hat dazu beigetragen, daß ein Bewußtsein der Verantwortung für die Schöpfung bei den Teilnehmern/-innen geweckt wurde. Am wenigsten aber haben dazu die bibeltheologischen Überlegungen beigetragen. Obwohl das inhaltlich Gesagte von manchem Teilnehmer positiv beurteilt wurde.

Der 2. Teil mit Dr. Irrgang zum Thema "Darf der Mensch alles, was er kann?" wurde allgemein positiv aufgenommen, weil der theologische Ausgangspunkt enger bei den Fragen und Erfahrungen der Teilnehmer anschloß.

Der 3. Teil des Kurses mit dem Thema "Verantwortung für die Schöpfung konkret" brachte eine Menge an Information (Prof. Wohlmeyer) und an konkreten Anregungen zur Umsetzung in die Pastorale Praxis (Dobmeier).

Die Teilnehmer brachten kein ausgeprägtes Problembewußtsein mit. Daher wurde der Einstieg in diese Woche mit den schöpfungstheologischen Überlegungen als nicht richtig empfunden. Es wäre besser gewesen, zuerst zu informieren und dann nach dem Warum der Verantwortung der Christen zu fragen. Abschließend hätte dann die Frage nach den konkreten Möglichkeiten der Umsetzung behandelt werden können.

Erstaunlich war, wie viele Anregungen und Denksanstöße trotzden mitgenommen wurden: Studientag im Dekanat, ständige Spalte in der Kirchenzeitung, Umweltkandidaten bei der nächsten PGR-Wahl, ein interdiözesaner Hirtenbrief und ein von allen unterschriebener Brief an den Erzbischof von Wien, mit der Bitte, für die Erzdiözese einen bischöfllichen Beauftragten für Umweltfragen zu ernennen.

Grundkurs für ausländische Seelsorger vom 10. bis 14. Juni 1991

Wir veranstalten in Freising Kurse für Ausländer, die in deutschen Diözesen Seelsorgestellen übernehmen. Dazu bieten wir Grundkurse und Aufbaukurse.

Im Grundkurs geht es um:

Einführung in Seelsorge, Leitung und Verwaltung einer
Pfarrei

das theologische Konzept der Pfarrei und Gemeindeleitung

Bearbeitung eines Detailkatalogs von Fragen der Gemeindeleitung

Leitung und Kooperation der Pfarrei

Fragen der Pfarramtsverwaltung

die Rolle des Seelsorgers in der Pfarrei

Es soll erreicht werden, daß die Seelsorge, die aus einer anderen theologisch-pastoralen Welt kommen, Kontakt mit der hiesigen Seelsorge und Kirchenwelt aufnehmen.

Bei den Aufbaukursen geht es um:

Liturgie - Kirchenjahr - Sakramentenkatechese und Sakramentenfeier - Schulkatechese - Moraltheologie und Bußpraxis - Homiletik.

Die Diözesen werden jeweils von den Kursen verständigt und eingeladen, die ausländischen Priester abzuordnen. Das Ziel ist, daß nach einem Grundkurs 3 Aufbaukurse absolviert werden.

Die Teilnehmergruppe vom 10. bis 14. Juni 1991 setzte sich zusammen aus: Polen, Jugoslawen, deutschstämmigen Rumänen und Indern.

Zum Kursverlauf folgende Beobachtung:

1. Die Lernvoraussetzungen: Die meisten Teilnehmer konnten deutsch gut verstehen und Inhalte aufnehmen und verarbeiten, zwei waren dabei, deren Deutschkenntnisse (noch) unbefriedigend waren. Empfehlung an die Diözesen: Sprachförderung betreiben. Wir wollen unsererseits in einem der nächsten Aufbaukurse zum Thema "Homiletik" darauf besonders Wert legen.

Erkennbar war bei den Teilnehmern der ernsthafte Wille, sich auf die Kursarbeit einzustellen und in allen Dimensionen zu lernen.

Sehr unterschiedlich waren die theologischen Voraussetzungen. Bei allen besteht ein hoher Nachholbedarf und das Bedürfnis nach theologischen Kurskorrekturen.

Der Kursverlauf selbst!

Als Kursleiter vermittelte ich relativ viel durch Referate. Ich schöpfte dabei stark aus der Praxis, um den Teilnehmern Begegnung mit der deutschen Pastoral zu vermitteln.

Ein roter Faden war dabei die Gemeindetheologie, im besonderen die Communiopastoral und die Rolle des Priesters.

Von seiten der Teilnehmer bestand in diesem, wie auch in früheren Kursen eine starke Nachfrage nach Pfarramtsverwaltung, rechtlichen Vorgängen in der Seelsorge, Sakramentenspendung und typischen Konflikten, die es rund um die Sakramente in jeder Pfarrei gibt.

Weil das Bedürfnis, Genauers über Pfarramtsführung zu erfahren so groß ist, zogen wir die Konsequenzen und bieten für den Herbst einen Aufbaukurs an.

Die Partizipation an den Lernprozessen war erkennbar positiv, im Dialog dominierten offenbar die theologisch Fortgeschrittenen und besonders Sprachfähigen. Ein größerer Teil hielt sich stark zurück. Für die Gespräche über wichtige Einzelfragen stand Msgr. Mangold zur Verfügung. Aus seiner reichen Pastoralerfahrung konnte er den Teilnehmern eine Fülle von Antworten und Auskünften geben.

Er besorgte auch die äußere Kursbegleitung, vielfältige Einzelberatung und die Liturgiegestaltung. Es fällt auf, daß bei solchen Kursen fast alle Teilnehmer konzelebrieren wollen.

Stimmung und Reaktionen waren gut. Insgesamt erwies sich dieser Kurs als unentbehrlich.

Dr. Walter Friedberger .

Bericht über den Kurs "Kirche - Kunst - Verkündigung" vom 24. bis 28. Juni 1991

Zum fünften Mal wurde dieser Kurs in unserem Programm angeboten und er fand auch diesmal wieder ein großes Interesse. Offensichtlich spüren viele Seelsorger und Seelsorgerinnen, daß die Kunst - und besonders die bildende Kunst - eine wichtige, aber bislang zu wenig beachtete Rolle in der Verkündigung spielen konnte.

Das Thema dieses Kurses lautet: "Bilder schauen - Bilder deuten - Bilder sprechen lassen". Ziel des Kurses war es, das Lesen der Bildersparche der Kunst einzuüben, diese Sprache deuten zu lernen und durch die Bilder einen Zugang z_ur Bildhaftigkeit der Bibel zu finden.

Der Hauptreferent Dr. Peter Steiner vom Freisinger Diözesanmuseum verstand auch diesmal wieder, aufgrund seines profunden kunsthistorischen Wissens in Verbindung mit einem feinen Gespür für die theologische Relevanz der Kunstsprache und mit einer routinierten Didaktik, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen für das Zueinander von Kirche, Kunst und pastoraler Aufgaben zu sensibilisieren.

Als zweiter Referent wirkt Pfarrer Josef Brandner mit. Er gab Hilfen, um die Bildersprache, unter anderem der Bestiensäule und des Altarbil1ä'es""von"RTib"ens im Freisinger Dom, mit den Wortbildern der Bibel (Psalmen, Apokalypse, Propheten) in Beziehung zu setzen.

Sehr aufschlußreich war die Exkursion zum Museum für moderne Kunst, wo Dr. Steiner anhand unter anderem von Bildern von Kandinski versuchte, daß Verhältnis zwischen Kirche und der sogenannten autonomen Kunst zu verdeutlichen.

In einem ganztägigen Rundgang durch die Alte Pinakothek konnten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen das Lesen der Symbolsprache der europäischen Malerei vom 15. bis 18. Jahrhundert (Rogier v. d. Weyden, Michael Pacher, Dürer, Rubens, Rembrandt) einüben.

Schließlich bot eine Führung in der ehemaligen Abteikirche von Fürstenfeldbruck Gelegenheit, dem Zusammenhang eines Bildprogrammes im Kirchenraum nachzuspüren.

Besonders dieser 5. Kurs machte einmal mehr deutlich, «eiche Möglichkeiten eine verantwortete Einbeziehung der Kunst in die Verkündigung bietet für eine ganzheitliche Vermittlung der Botschaft des Evangeliums.

100 Jahre Rerum novarum -

100 Jahre Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Süddeutschlands

Fortbildungswoche zur Katholischen Soziallehre und Sozialbewegungen in der Herausforderung durch die soziale Fragen der Gegenwart in Freising als Auftaktveranstaltung zum 100-jährigen Jubiläum der KAB Süddeutschlands

Freising, 4. März 1991

Grünes Licht für die Katholische Arbeitnehmerbewegung wurde von Leo XIII. vor 100 Jahren in der ersten Sozialenzyklika RERUM NOVARUM gegeben. Der Papst bestätigte erst kurz vor ihrer Veröffentlichung handschriftlich in einer Korrekturanmerkung ausdrücklich das Recht auf Vereinigung und Organisation der Arbeitnehmer gegenüber der wachsenden Konzentration des Kapitals. Angesicht der sozialen Konsequenzen der Industriellen Revolution setzte er seine ganze Hoffnung auf die Laienbeteiligung der Katholischen Arbeitervereine. "Die katholische Arbeiterbewegung war eine Lieblingsidee Leo XIII.", erläuterte Dr. Johannes Schasching SJ, Professor für Katholische Soziallehre an der Gregoriana, anhand seiner Forschungen in einem Referat über die Katholische Soziallehre seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bei der Fortbildungswoche für Seelsorger und kirchliche Mitarbeiter im Kardinal-Döpfner-Haus, die durch den Leiter der Theologischen Fortbildung Freising, Dr. Halter Friedberger, in Zusammenarbeit mit der KAB Süddeutschlands organisiert wurde.

In dieser Woche beschäftigten sich 65 Priester und Laien aus dem südlichen Teil der Bundesrepublik mit der Katholischen Soziallehre und Sozialbewegungen "in der Herausforderung durch die sozialen fragen der Gegenwart". Diese Veranstaltung bildete den Auftakt zu einer ganzen Reihe, mit der der Süddeutsche Verband der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) über das ganze "Jahr der Soziallehre der Kirche" hinweg sein einhundertstes Gründungs Jubiläum begeht. Damit feiern in diesem Jahr die Soziallehre der Kirche (100 Rerum novarum) und deren Umsetzung in der Sozialbewegung (100 Jahre KAB-Süddeutschlands) ein gemeinsames Jubiläum. Mit dieser Auftaktveranstaltung erfüllte die KAB-Süddeutschlands in Freising mit vielen qualifizierten Referenten auch den päpstlichen Wunsch die Soziallehre der Kirche zu vertiefen, zu studieren, weiterzuverbreiten und umzusetzen, in der Kirche und in der Gesellschaft. Wie erfolgreich diese Aufgabe bewältigt werden kann, zeigten die durchwegs positiven Reaktionen der zahlreichen Seelsorger, die bisher noch wenig im Kontakt zur KAB standen. Als besonders beeindruckend werteten die Teilnehmer die Ausführungen Prof. Schaschings zu den Grundthemen der Soziallehre der Kirche, die das "Projekt Gottes mit den Menschen" in drei Kernpunkten zusammenfassten. Das Recht auf die Erdengüter, deren Kostbarstes die menschliche Arbeit sei, stehe dabei an erster Stelle.

Unmittelbar daneben gehöre das Grundprinzip "Solidarität", das in stetigem Kampf den Mechanismen der modernen Gesellschaft abgerungen werden müsse. Der Lohnkampf, aber auch Steuererhöhungen seien Beispiele dafür, erklärte Schasching.

Das dritte Grundthema der Soziallehre ist nach seinen Ausführungen, das mutige JA zum Sozialstaat, zur Notwendigkeit der zweiten Umverteilung, zum Orientierungsrahmen des Staates. Daß die KAB in den Fragen, die durch die Katholische Soziallehre aufgeworfen werden, an der Spitze marschiert, wurde den Teilnehmern einmal mehr durch das Referat von Weihbischof Ernst Gutting, Speyer bestätigt. "Verbände sind Strukturen der Kirche in der Gesellschaft und Gesellschaft in der Kirche", dabei sollte die KAB eine der wichtigsten Lebensadern in der Kirche sein, forderte Bischof Gutting. In der Arbeit der KAB seien die Menschen in der Arbeitswelt Teil der Heilssendung der Kirche selbst, die Gläubigen seien in dei KAB Subjekt der Pastoral selbst. In einer Zeit, in der Zahl und Gewicht der Priester zurückgedrängt werde, so erklärte dei Weihbischof müßte die KAB als kirchliche Laienbewegung ihre Rolle als Gewissen in der Kirche und in der Gesellschaft ausfüllen.

In die konkrete alltägliche Praxis der Arbeitswelt und des sozialen Lebens, in der die Grundfragen der Katholischen Soziallehre umgesetzt werden sollen, wurden die Seelsorger durch den Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit, Heinrich Franke, den Vorsitzenden des DGB Bayerns Fritz Schösser und Dipl.Ing. Franz Köhne, Vorstandsmitglieder der BMW AG München eingeführt.

Heinrich Franke analysierte Strukturen und Hintergründe, sowi« die Aktivitäten seiner Behörde im Umgang mit dem Dauerproblem Arbeitslosigkeit. Insbesondere für die neuen Bundesländer forderte Franke mehr Kompetenzen für eine aktive Beschäftigungspolitik. "Ich bin ein Bundesgenosse für ein solches Konzept der Beschäftigungspolitik" , betonte Franke aul Anfragen aus den Reihen der KAB, hinsichtlich seiner Haltung gegenüber den Grundthesen des Weidener Modell der KAB, durch einen Stabilitätspakt zur Vollbeschäftigung zu gelangen. Für das "Beitrittsgebiet" kündigte Franke an, daß zu erwarten sei, daß der zum 30. Juni auslaufende Kündigungsschutz bis 31. Dezember diesen Jahres verlängert werde. Die Bedeutung der Gewerkschaften vor dem Hintergrund einer neuen qualifizierten Untersuchung des DGB Bayern über Werthaltungen in der Arbeitnehmerschaft, stand im Zentrum des Referats von Fritz Schösser. Anlaß für diese Untersuchung, zu der allerdings keine Vergleichsdaten aus früheren Jahren vorliegen, war die Erkenntnis, daß die Gewerkschaften in der Bundesrepublik Gefahr laufen zu Versicherungsgemeinschaften für Stammbelegschaften zu werden und Strukturveränderungen in der Gesellschaft aus ihrem Blickwinkel geraten. Nach Auffassung

Schössers ist für die Gewerkschaften weiterhin der Grundstock ihrer Arbeit die kollektive Interessenvertretung der Arbeitnehmer, darüber hinaus müßten die Gewerkschaftern jedoch die Weiterentwicklung des Sozialstaates aktiv mitgestalten. Die soziale Marktwirtschaft dürfe nicht nur kritisiert, sondern müsse erst einmal verstärkt eingefordert werden.

Für die Arbeitgeberseite stellte Dipl.Ing. Franz Köhne von der BMW AG die Thematik "Der Mensch und die Wirtschaft" aus dem Blickwinkel des eigenen Unternehmens dar. Die Gestaltung des Globus dürfe nicht den Politikern Überlassen bleiben, "das müssen Ingenieure tun", so formulierte Köhne das technologische Credo moderner Unternehmensphilosophie. Gerade für Theologen faszinierend, so die Resonanz der Teilnehmer auf die Ausführung Köhnes über die technologische Machbarkeit auch unmittelbar sozialer Belange wie z.B. die Arbeitsplatzsouveränitat.

In seinem anschließenden Vortrag zeigte Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ, Frankfurt, demgegenüber, wie die Industriegesellschaft derzeit ihr Humankapital aussortiere nach Rand- und Stammbelegschaften, alt und jung etc. Trotz des ausdrücklichen Bekenntnisses "Kapitalismus ohne Alternative", sieht Prof. Hengsbach als Herausforderunggen der Katholischen Soziallehre den wachsenden Nord-Süd-Konflikt, die Konkursmasse des Ostblocks und die ungelöste Frage des Entscheidungsmonopols der Kapitaleigentümer. Aus diesen Herausforderungen entwickelte Hengsbach den Zuhörern ein Programm eines demokratischen Kapitalismus mit drei ethischen Perspektiven: die Ehrfurcht vor dem Leben, die Würde der Person und die gleichberechtigte Anteilnahme aller. Die Krise der Industriegesellschaft fordere zu einem menschengerechten, ökologisch sinnvollem Eine-Welt-Kapitalismus heraus. Im Umbau der Industriegesellschaft, konkret bei der Umformung der Entscheidungsstrukturen, die auch Eigentumsstrukturen seien, müsse die Katholische Soziallehre ihren 100-jährigen Kampf gegen die dauernde Schieflage der gesellschaftlichen Machtverhältnisse fortführen. Die Erkenntnis, daß die Soziallehre der Kirche ihren Ausgangspunkt bei den konkreten Erfahrungen der Menschen in der Arbeitswelt selbst hat und durch sie permanent herausgefordert wird, sollte nach Auffassung des Leiters der Fortbildungswoche Konrad Seidl, Verbandspräses der KAB-Süddeutschlands, wie bei dieser Tagung, im Mittelpunkt aller Diskussionen um die Katholische Soziallehre stehen. Die KAB mit ihrer Aufgabe, die Soziallehre der Kirche umzusetzen, mache in ihrer Arbeit die Präsenz Gottes für die Menschen durch diese selbst erfahrbar und sinnfällig. Damit leiste die Süddeutsche KAB seit 100 Jahren einen wichtigen Dienst mit der Kirche und mit der Arbeitnehmerschaft zugleich. Nach 100 Jahren Katholische Soziallehre und Katholische Arbeitnehmer-Bewegung wäre im Jahr der Soziallehre der Kirche, nach der Einschätzung des Verbandspräses Seidl, die Zeit reif "für einen neuen Aufbruch und eine neue Gründerzeit" als überfällige Antwort auf die neuen Herausforderungen durch die Krise der Industriegesell­schaft.

REFLEXIONSTEIL

Im folgenden wird wie in früheren Jahresberichten ein Schwerpunkt eines Kirchenlebens und der Fortbildungsarbeit dargestellt. Diesmal ist es das Thema "Was braucht der Priester?". Bei diesen Überlegungen steht wenig im Vordergrund, wie dem einzelnen Priester geholfen werden könnte - auch diese Frage bewegt uns in Freising sehr stark und muß Arbeitsstoff für die ganze Kirche sein - als viel mehr das Suchen nach den Bedingungen und Möglichkeiten des katholischen PriestertümT"* für" die Kirche der Zukunft. Vergleiche zu alle» Folgenden 2 Kor 4,7 - 15.

WAS BRAUCHT DER PRIESTER?

Ich habe in Freising viele Priester getroffen. Meistens waren es kraftvolle Männer mit zäher Arbeitsfreude, Kirchenbindung und Lebensnähe. Fast alle drückte der Schuh - und zwar fast immer an den gleichen Stellen. Wundgerieben haben sich viele an der Erfahrung, daß sie nicht schaffen, was sie könnten und sollten - wundgerieben haben sich fast alle an ihrer Kirche, die ihnen anscheinend oder scheinbar das Handeln erschwert - wundgerieben haben sich fast alle am Eindruck, daß ihr Dienst weniger oder wenig gefragt ist.

Wir waren vor 3 Jahren mit dem Münchner Priesterrat zu einer Klausurtagung in Michaelbeuren. Unsere gemeinsame Frage war, was können wir für die Priester tun? Es kamen gute, wenn auch nicht genügend Ergebnisse. Davon will ich berichten. Meine Absicht ist aufzulösen und zu ordnen, wie die Situation der Priester ist und was man für sie tun könnte.

Dafür schicke ich folgende Notiz voraus. Die meisten Priester sind weder Krautscheuchen, noch Waschlappen, noch Jammerer. Sie wollen kein Mitleid, sondern Arbeitsbedingungen, in denen sie anerkannten Dienst leisten und eigenes Leben gewinnen.

Wer sind die Adressaten, denen man die folgenden Wünsche und Gedanken vorträgt? Zurecht natürlich die Kirchenleitungen. Sie haben vieles in der Hand, aber um Gottes Willen nicht alles. Und man sollte aufhören, den Bischöfen ständig Schuldscheine vorzulegen. Freilich sind sie wegen ihres Ranges, ihrer Macht und größeren Potenz die wichtigsten Adressaten unserer Überlegungen.

Zweitwichtig sind die Theologen. Das sogenannte Priesterproblem ist weitgehend ein theologisch­wissenschaftliches. In der Amtstheologie und Gemeindentheologie, der Communio Ekklesiologie und Communio-Pastoral hat sich enorm viel getan. Zwischen 1970 und 1991 geschah ein für die Mehrzahl verwirrender Umbruch, vor allem im Blick auf die Theologie des Priesteramtes. Nicht alle haben das positiv integrieren können. Viele wurden hin und her geschüttelt. Als Josef Finkenzeller Anfang der 70er Jahre in Freising über die Sakramente und das Amt referierte, sagten viele Teilnehmen "Jetzt hat er uns den Christbaum abgeräumt." Das Meiste von damals ist nicht mehr kontrovers, vielfach aber auch nicht aufgearbeitet. So richtig gebeutelt hat die Priester die Drewermann-Diskussion. Es traf sie hart, als morbide Zeitgenossen beschrieben zu werden.

Ein anderer Adressat, an den sich die Priester wenden können oder sollen, ist ihre kirchen-soziale Umwelt, das Gottesvolk der Gemeinden, Pfarrverbände und Dekanate. Sie alle sind für sie indirekt oder direkt Partner, mit denen sie aufbauend oder abbauend leben. Ein vierter Adressat sind die Mitpriester, Dekane, Nachbarn und pastoralen Mitarbeiter.

Schließlich sind die entscheidenden Adressaten die Priester selbst. In schwierig gewordener Umwelt kommt es auf sie an, daß sie ihr Leben nicht verschleppen, sondern positiv verstehen, nicht genießerisch oder träge ausschöpfen, sondern vital-dynamisch ihren Dienst tun. Priester brauchen vor allem eigenen Lebenswillen aus authentischen Lebensressourcen. Diese ein Leben lang offen zu halten und sich durch nichts zuschütten zu lassen, ist ihre eigentliche Spiritualität.

Eine gewisse Dramatik hat die Fragestellung,"was braucht der Priester" an sich, weil es doch auch die Möglichkeit der umfassenden Erkrankung eines ganzen Berufsstandes und einer ganzen Leitungsschicht der Kirche•'""durch Übermüdung, Resignation, Defätismus und Zukunftsarmut geben kann. Man sollte also sorgfältig mit der Frage umgehen und auch nicht das Alibi suchen, die Priester müßten nur in Glaube, Frömmigkeit und Geistvertrauen fest verwurzelt sein und dazu regelmäßig exhortiert werden. Morbide ist die Priesterschaft nicht, aber allzu stämmig sind ihre Gehwerkzeuge auch wieder nicht. Aus vielfältigen Erfahrungen und Reflexionen habe ich folgende Impulse gesammelt und geordnet.

1. Ausgangssituation

Man spricht in doppelter Weise von der Priesternot. Einmal so, daß man damit den Priestermangel meint Zum zweiten, daß die Priester menschlich und beruflich in Not geraten. Das eine bedingt und schaukelt das andere auf. In dem Maß, als die Priester immer weniger werden, geraten sie auf mehrfache Weise unter existentiellen, psychischen und physischen Druck.

Sie werden durch Vervielfachung der Zumutungen überfordert und erleiden negative Streßsituationen. Sie können nicht mehr schaffen, was sie eigentlich möchten und sollten, und werden deshalb frustriert, machen sich Vorwürfe oder suchen Ausflüchte und Auswege. Die Fakten sind bekannt. Sie reichen von Selbstzerfleischung bis Arbeitsverweigerung, Vernachlässigungen und Faulheiten.

Die Mangelsituation bewirkt den Chilloneffekt. Seelsorger drehen sich im Kreise, graben sich immer tiefer ein und merken bald nicht mehr, daß sie im Kreis treten. Die Folge ist eine theologisch-irrationale Verfestigung und ein Handeln wie im Blindflug.

Es stellen sich psychosomatische Schädigungen ein, die sich hauptsächlich als Depressionen, Heurosen und Phobien äußern.

Das Amt deprimiert die Ausübenden, weil sie nicht genügend sicher sind, wie weit die Sache stimmt, die sie vertreten. Sie müssen ständig von Absolutheiten und Sachverhalten sprechen, deren wissenschaftliche Garantierung nicht mehr funktioniert. Es gibt angekratzte bis stark ramponierte Identität.

Wer als Priester Dienst tut, steht in einem Gefüge einer groß angelegten und radikal strukturierten Gehorsamsorganisation, gleichzeitig inmitten einer demokratisierten Umwelt mit hohem Autonomieanspruch.

Die Priester erleben sich als zum Teil fragwürdige Agenten einer früheren Kultur in einer modernen Welt mit einem relativ schlechten Image in den Medien. (Die "angekränkelten Berufsneurotiker").

Ihre Situation ist markiert von geringen Zukunftsperspektiven auf der einen Seite und einer fortschreitenden Sozialisolierung, gleichzeitig aber von hoher Anerkennung, Würdigung und Beliebtheit. Nicht alle erleben die dramatische Spannung bis zum Zerreißen. Sie arbeiten und leben daran vorbei, ohne das alles gänzlich ernst zu nehmen. Aber gänzlich bleiben sie davon nicht unberührt. Nicht nur der alte Nimbus bröckelt, sondern auch das berufliche Selbstbewußtsein wird dünn und trägt auf die Dauer nicht mehr.

Symptom für diese pathologischen Zustände ist die verbreitete Lamentation, von der manche sageni Ein guter Berufsstand jammert sich zu Tode.

So weit zur Situationsnotierung. Das Positive Priestersein in der Leistungsgesellschaft, der vorhandene Berufsstolz, das Bewußtsein und der Handlungswille wurden nicht beschrieben. Sicher sind sie da und möbeln von der und jener Seite her den Berufsstand auf.

Man darf annehmen, daß sich in den höchsten Etagen des Klerus, zumal bei den Bischöfen und Theologieprofessoren, die selbe Lebensproblematik vorfindet, und verdichtet auftritt. Man darf annehmen, daß Persönlichkeiten mit so expressiven Rollen sich über ihre eigene Situation und die der anderen am meisten Gedanken machen.

Nun versucht man auf vielfältige Weise, dem Klerus unter die Arme zu greifen, daß es ihm wieder besser geht und er als "glückliche Truppe Gottes" attraktiv im Licht der Medienscheinwerfer dasteht. Man will natürlich auch das Andere: Daß die Priester nicht nur gut und fruchtbar arbeiten, sondern auch Leben haben und durch ihren Beruf Leben in Fülle haben (Joh 10,10).

Man macht sich in den Diözesen jede . Menge Kopfzerbrechen, womit den Priestern existentiell, psychisch und physisch geholfen wäre. Das Nachsinnen darüber, etwa vor einiger Zeit bei einer Klausurtagung im Münchner Priesterrat, ist profund und redlich. Nun geben sich mit der Sache nicht nur Priesterräte ab, sondern viele, die es gut meinen und denken, sie hätten dafür Rezepte. Man muß das alles, damit nicht falsche Arzneien verabreicht werden, unter die Lupe nehmen. Ich will das, so gut ich aus eigener Erfahrung und den Erfahrungen in der Fortbildung beurteilen kann, tun.

II. Womit den Priestern nicht geholfen ist,

"SIE SOLLEN BETEN UND ZUR RUHE KOMMEN."

Der Ratschlag ist kerngesund. Wer richtig betet, kommt zur Ruhe in Gott und geht anders mit seinem Beruf und tJen Berufsproblemen um als der Rastlose. Ich würde das jedem Mitbruder raten, weil solche Rollenausübung ohne ständige Gemeinsamkeit mit Gott zu einem bloßen Handeln des Menschen wird. Priesterliches Handeln aber sollte im Priester zu einem göttlichen Handeln werden.

Das Ungesunde an diesem Ratschlag ist die Ablenkung von anderen Problemen und Lösungsnotwendigkeiten. Die priesterlichen Lebenssorgen lassen sich nicht mit diesem Rezept lösen: Du mußt wieder mehr beten, oder mit dem Vorwurf: Das alles kommt nur daher, daß du zu wenig betest.

Man nehme nur einmal das Zölibatsproblem. Bei vielen Priestern liegt es vor, sei es als zermürbender Druck auf die ganze Person oder als Befreiung durchs Tun. Wer in solcher Situation ist, braucht selbstverständlich das Gebet und je mehr er sich darin übt, um so mehr Kräfte wachsen ihm zu, um mit sexuellen Situationen gut umzugehen.

Aber lösen kann er sie damit nicht. Sie stecken in seiner Personstruktur und in den Motivationskreisen seiner Umwelt.

Damit er mit solcher Situation zurecht kommt, braucht es allerhand mehr als nur den Ratschlag: Du mußt wieder fromm sein.

"DU MUSST DIE GEMEINSCHAFT SUCHEN."

Auch das ist ein vernünftiger Vorschlag. Wer sich absondert, kommt auf vielfältige Weise in's Schleudern. Er verliert leichter die befreiende und erlösende Unbekümmertheit, die das eigentümliche einer sinnstiftenden Gemeinschaft unter Seelsorgern und anderen Leuten sein könnte.

Man wird also jedem sagen: Geh' unter Leute, wo es Dir gut geht und suche die beruflichen Gemeinschaften, in denen Du als einzelner aufgehoben und bestärkt bist. Nur muß man hier schon einbremsen und sagen: Viele Seelsorger gehen ja nicht mehr dorthin, weil sie bereits kopfscheu oder aggressiv geworden sind, und sich mit Klima und Inhalt ihrer beruflichen Gemeinschaft nicht mehr anfreunden können. Es gibt viele Priester, die wurden aus irgendwelchen Gründen Außenseiter. Der schwierigste Grund ist:  Man kann mit der Sache selbst nicht mehr genügend anfangen.

Es ist also solchen Priestern nicht ganz geholfen, wenn man um sie wirbt oder an sie appelliert, sie sollten kommen und wie Brüder unter Brüdern leben.

Was fehlt, ist die Haushaltsgemeinschaft. Viele haben nur noch einen Solo-Haushalt und leben nach Dienstschluß in einer lebensleeren Wohnung. Was sie brauchen, wäre Haushaltsfamilie.

"ÜBERLASS' DEINEN DIENST DER GÖTTLICHEN VORSEHUNG."

Ein wirklich schöner Rat, der von Grund auf helfen könnte. Man macht das, was man kann, und sagt: "Lieber Gott, den Rest und das Gelingen des Meinigen besorge bitte Du." Theologisch vollkommen richtig, auch psycho-hygienisch brauchbar. Man nehme einen Pfarrer im Pfarrverband oder einen im Nebenamt oder einen x-beliebigen in einer größeren Pfarrei.

Sein spezifischer Druck ist, daß er vieles tut, daß er vieles unerledigt läßt und notwendig einen Haufen Verpflichtungen nur flüchtig erfüllt.

Nun sagt man ihnen gut väterlich: "Herr Kollege, tun Sie, was Ihnen möglich ist, und den Rest lassen Sie."

Das Interessante an diesem Vorgehen ist, daß von Seiten der Diözesanleitungen und der übergeordneten Institutionen eine Unmenge guter Ideen kommen, die dem Rollenbündel der Seelsorge fein säuberlich hinzugeschrieben werden: Taufgespräche möglichst einzeln in der Wohnung der Taufeltern, Trauungsgespräche, Gemeindekatechese, Mitarbeiterbetreuung und, und, und... Der Katalog vor Seelsorgeraufgaben und Möglichkeiten ist fantastisch, faszinierend und Mörderisch. Wer aber, mit seinem Beruf positiv liiert, Möglichkeiten sieht, fühlt sich auch verpflichtet, sie zu erfüllen. Damit entsteht ein Rollendruck, den man nicht ohne weiteres ausräumen kann mit der Bemerkung: Tu, wozu Du Zeit hast, setz' Prioritäten und laß' den lieben Gott einen lieben Mann sein. Er sorgt für die Blumen auf dem Feld und wird auch Deinen pfarrlichen Acker bestellen.

Die Pression für den Seelsorger kommt nicht nur aus seinem eigenen Inneren, sondern von seinen Rollenpartnern. Irgendwie sagen sie ihm sehr deutlich, daß anderswo mehr zusammengeht ... und daß man doch auf seinen Besuch im Krankenhaus gewartet habe ... Weil er nicht alles tun kann, was man erwartet, bekommt er vielfältige Sanktionen zu spüren.

Das ist die Situation. Ich schränke also die Empfehlung, man möge sich durch Prioritäten und Gesundschlampferei retten, erheblich ein, weil ich weiß, daß sich die meisten lieber (einen Schuß Faule gibt es natürlich) zu Tode rackern, um die Pflicht zu erfüllen.

'VON DIR MUSS ETWAS AUSSTRAHLEN."

Ich höre sie oft, diese herzige Redeweise, daß der Priester dann okay sei, wenn er ein homo religiosus ist und wenn von ihm das Geistige hervorbricht, daß er die Menschen berührt, und sie durch ihn zu eigener Geistigkeit entzündet werden. Wer würde ein. solches Desiderat nicht unterschreiben, ist doch das Selbstverständlichste von der Welt, um mit Edith Stein zu sprechen, daß der Priester wie ein Schaufenster Gottes ist, durch Gnade zu den Menschen scheint. Priester wie das das Licht der Gnade zu den Menschen scheint.

Man vergißt in dieser Redeweise allzu schnell, daß man das weder organisieren noch kommandieren kann. Macht man daraus eine Art Rollengebot, unterwirft man den Priester einer Zumutung, mit der er moralisch einfach nicht mehr zurecht kommen kann. Wer sich, wenn die Sache Überhaupt einen Sinn haben soll, fragt: Strahlt von mir etwas auf andere Mensche aus, muß notwendiger Weise die Folgerung ziehen: Ich muß also etwas tun, daß ich auf die Menschen ausstrahle. Es ist fast absurd, so zu denken und zu folgern. Aber was soll sonst gemeint sein?

Das Ausstrahlen ist das Geschenk der eigenen Naturbegabung und einer spezifischen Gottverbundenheit. Das aber ist nicht immer eine nahtlose Synthese, sondern hat oft den Charakter eines harten Ringens und demütigen Aushaltens ungelöster Spannungen. Wenn ich als Priester also etwas ausstrahlen soll, dann muß es auch Dieses sein: Das Kreuz mit Gott und dem Beruf. Genau an dieser Stelle hapert es mit den vielen gut gemeinten Ratschlägen von Leuten mit spiritueller Kompetenz. Sie reden zu viel vom "Kelch des Geistes" und nicht genug von der Echtheit der Lebensäußerung. Man muß wirklich fragen, ob es dem Priester überhaupt erlaubt ist, echt zu leben, oder ob ihm nicht doch von allen Seiten her eingetrichtert wird, daß er wie eine Hülse sein soll, durch die die Wahrheit zu den Menschen leuchtet, und daß er nur als solcher ein guter Priester ist, ein nützlicher Knecht Gottes.

Das alles ist sehr problematisch. Was die Priester brauchten, wären Hilfen zum echten Leben, so, daß sie sichtbar machen dürfen, was in ihnen steckt und wer sie sind. Alles Andere kann zu einer Schablone und Doppelrolle führen, die nur theologische Ideologen durchstehen können.

'DU MUSST DIR FÜR DICH SELBER ZEIT NEHMEN.

Manche tun das ganz konsequent und schöpfen ihren Urlaub auch in den unmöglichsten Jahreszeiten bis zum letzten Tropfen aus. Die meisten machen es anders: Um die Pflicht zu erfüllen, und wie man so schön sagt, für die Menschen da zu sein, arbeiten sie mehr oder weniger rund um die Uhr. Vielleicht ist das Übertrieben gesagt. Aber wie soll denn das aussehen: Sich Zeit nehmen. Einen völlig freien Tag in der Woche? Schon damit steht es schlecht, weil es partout nicht gelingen will, sich regelmäßig einen bestimmten Tag frei zu schaufeln. Die Kasualien kommen in die Quere.

Oder mit der täglichen, für Lektüre reservierten Zeit. Wann denn? Die meisten Abende sind belegt mit diesem schauerlichen System von Sitzungen und Bildungsveranstaltungen. Gewiß notwendig. Und das wäre einer der Punkte, die sozusagen Rettung brächten: Daß die Priester die Mehrzahl der Abende frei haben. Dann wäre Bildung "und *L^ße"nskültur möglich. Wo aber ist das der Fall? Und die Redeweise: Herr Pfarrer, Sie müssen ja nicht überall dabei sein, lassen Sie sich vertreten, ist nicht falsch, aber irreal.

Der Pfarrer ist nun einmal der Gemeindeleiter, den man bei bestimmten Veranstaltungen braucht oder über den man zetert, wenn er nicht dabe ist. "Immerhin hätte man erwarten können, daß wenigstens der Pfarrer aufkreuzt".

Auch in Freising rate ich zum richtigen Umgang mit der Zeit. Warne vor Zeitfallen und mahne die Zeitplanung an. Aber die Wirklichkeit überrollt immer wieder diese gut gemeinten Ansätze.

"DU MUSST DIR FÜR DIE MENSCHEN ZEIT NEHMEN."

Völlig aussichtslos, daß ein Pfarrer sich für alle Zeit nehmen kann. Das aber erzeugt bei vielen einen seelischen Druck. Oft genug hat man Begegnungen, in denen man spürti Hier ist ein Mensch, der könnte Dich brauchen, und Du könntest ihm helfen. Du mußtest aber oft und lang an seiner Seite bleiben.

Nur geht das nicht, weil der Tag so viele undispensable Pflichtaufgaben enthält, daß die Spielräume einfach zu eng sind. Also weint man innerlich und läßt den Menschen allein - auch deshalb, weil man keine andere Begleitperson entdeckt hat.

Der Rat, sich Zeit zu nehmen für sich selber, ist goldrichtig und irgendwann muß man die Quadratur des Kreises auch lösen.

Die Lösung könnte heißen: Rollensouveränität. Der Priester soll also lernen und Mut entwickeln, i» Rahmen seiner Persönlichkeitsbedürfnisse die beruflichen Pflichten unterzubringen.

Unselig wäre die frühere Redeweise vom "Priester, der kein Privatleben kennen darf". Der also noch im Nachthemd in seiner Rolle bleibt, wenn er den Talar ausgezogen hat. Auch hier ist etwas Richtiges dran. Es wäre verheerend, wollte einer sagen, von 7.00 bis 20.00 Uhr bin ich Priester und die andere Zeit keiner.

Darum geht es nicht. Vielmehr handelt es sich um die tägliche Arbeitseinteilung in Dienstzeit und Privatzeit. Den Priestern wäre sehr viel geholfen, wenn sie ihren Alltag so organisieren könnten, daß ihnen einige Privatzeit relativ ungestört verbleibt: zum Lesen, zur Geselligkeit, zum Sport usw.

"DU BIST PRIESTER AUF EWIG".

Wenn ein '-Priester in der Diözese Passau nach Vollendung des 65. Lebensjahres nicht mehr in die Schule gehen möchte, muß er um Befreiung nachsuchen, weil ihm sonst das Gehalt gekürzt wird.

Mit 70 Jahren darf er um die Gnade der Emeritierung ansuchen. Sie wird in der Regel gewährt, freilich in der Erwartung, daß er die Gnade nicht annimmt, sondern noch für Jahre im Geschirr bleibt. Es scheint, daß man noch gar nicht begriffen hat, wie belastend für die Priester diese Art des kirchlichen Umgangs mit dem Ruhestand ist. Während all überall darüber laut gesprochen wird, daß der Mensch in den Ruhestand gehen soll, solange er noch einigermaßen gesund ist, praktiziert die Kirche das Gegenteil.

Den Priestern ist so nicht geholfen, wenn sie nie ganz genau wissen: Wann darf ich aufhören? Denn tatsächlich ist ja die berufliche Situation nicht mehr die gleiche wie früher, wo das Pfarrerdasein in kleineren Pfarreien nicht weit weg war vom Ruhestand. Man muß mit Sicherheit annehmen, daß viele Pfarrer darunter leiden, daß sie nicht wie verbeamtete Religionslehrer und Universitätsprofessoren zum vernünftigen Zeitpunkt mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen dürfen. Die meisten sagen es nicht, daß sie mit Sehnsucht auf den Zeitpunkt warten, wo sie von der Letztverantwortung eines Gemeindeleiters befreit werden.

Den Priestern wäre geholfen, wenn ihre Lebensarbeitszeit mit offiziellen Rollen und Pflichten auf 65 verkürzt würde und sie dann freibleibend jede Menge und viele Jahre weiterarbeiten können. Zum Privatisieren hat sich ohnedies keiner weihen lassen.

"DU MUSST WAS FÜR DEINE GESUNDHEIT TUN.

Wie soll man diesen gut gemeinten Rat eigentlich verstehen? An der Oberfläche ist die Mahnung, weniger zu rauchen, an die frische Luft zu gehen, Vorsorgeuntersuchungen zu machen, auf Kur zu gehen, klar.

Man muß sich jedoch Rechenschaft geben, daß Priester,die sehr gesundheitsbewußt leben, in der Regel weniger arbeiten, weil sie für die Gesundheit viel Zeit brauchen.

Als ich Kaplan wurde, hat mir ein älterer Kollege auch gesagt, ich sollte nicht so viel arbeiten, sondern jetzt schon an meine Gesundheit denken. Das hat mich damals geärgert, weil ich den Eros hatte, daran eben nicht zu denken, sondern bis zum Rande des Möglichen zu arbeiten.

Der bloße Rat: Tue etwas für Deine Gesundheit, dient kaum jemand. Denn es müssen dafür Möglichkeiten eingeräumt werden und das wiederum ist eine Frage vor allem der Zeit, freilich auch der Hinführung zu einem gesundheitsgemäßen Leben, dessen Früchte nicht Hypochonder sind, sondern stabile Menschen.

Das größere Problem aber sind die vielen kranken Priester, die manchmal bis zum Zerreißen leiden und arbeiten und sich dahinfretten.

Das ist weitgehend Sache der Ärzte, aber die Frage, wie kranke Priester in ihrer Krankheit und Arbeitslast aufgehoben und geborgen werden, ist eine andere.

Geholfen wäre ihnen mit einer aufmerksamen Assistenz der Mitbrüder und Vorgesetzten bei Krankheitsbelastungen. Ich kann mir vorstellen, daß Diözesanleitungen, Seelsorger und Dekane besonders darauf achten, wie es den Seelsorgern in Situationen der Krankheit und des Gebrechens ergeht.

'DU BIST BERUFEN, DER DIENER ALLER ZU SEIN.

Dazu sind alle Menschen durch die Taufe berufen, besonders ausdrücklich aber die Geweihten samt Papst, dem Servus servorum dei. Man rät ihm - nicht zu unrecht - für alle Menschen da zu sein und allen die Menschenfreundlichkeit Gottes zu signalisieren.

Wer das konsequent durchzuhalten versucht, gerät in das eigenartige Dilemma, daß er sich oft wie ein Fußabstreifer vorkommt.

Er soll die Rolle des Diakons verkörpern und allen dienen, niemand vergrämen und zu niemand hart sein. Diese an sich wunderbare Maxime, wie ein Diener für alle da zu sein, ist der schwierigste Part im Leben eines Seelsorgers. Er soll nicht zornig werden; er soll nicht streiten; er soll nicht hart anfassen; er soll sich nicht ärgern; er soll nicht ungeduldig werden; er soll keinem Unrecht tun; er soll mit jedem, auch dem Dreckigsten, großmütig verfahren ... Welcher Mensch steht das eigentlich durch?

Müßte das Rollenbild eines Priesters nicht dadurch vervollständigt werden, daß man auch von seinen höchst menschlichen Recht spricht, als Mensch auch Ecken und Kanten zu haben, und eben auch klar macht, daß der Reifezustand eines Priesters nicht die totale Ausgewogenheit sein muß, sondern die menschliche und menschenfreundliche Originalität. Wer als Priester ständig das Gefühl hat, nicht nur der Diener, sondern auch der Depp aller anderen zu sein, muß unausweichlich an Persönlichkeitssubstanz abbauen.

"AUS DER KRAFT DES MESSOPFERS LEBEN.

In letzter Zeit liest man diesen Ratschlag, der früher sehr häufig war, wieder öfter.

Priester sollten für jeden Tag, der vor ihnen liegt, Kraft und Wegweisung vom Altar beziehen. Der Ratschlag ist gut. Man muß sich das so vorstellen, daß man die Riten der Heiligen Messe bewußt vollzieht und sich während der Meßfeier oder in der Meditation danach auf den Tag und das Kommende einstellt. Man kann nur jedem Zelebranten raten, diese Möglichkeiten auszuschöpfen.

Fraglich ist dieser Ratschlag deshalb, weil häufig die werktägliche Meßfeier unter Zeitdruck geschieht und selbst, wenn genug Entspanntheit und Konzentration für das Geschehen möglich ist, kann man nicht ohne weiteres jeden Tag von der Messe her in den Alltag hineingehen. Die Messe ist kein Automatismus, der Leben erleichtert und ermöglicht, selbst wenn man sie noch so andächtig feiert.

Richtig ist, daß sie wie eine Quelle ist, zu der man geht, aus der man wenigstens für Augenblicke die Nähe Gottes schöpft und Zuversicht für den kommenden Tag entnimmt. Das eigentlich braucht als Geschenk des religiösen Fundus der Priester: Quellen zur Lebenssicherheit und Lebensfreude. Die Messe bietet dafür nur begrenzt Hilfen. Dennoch: Sie ist eine gute Quelle für den Tag, wenn man sie richtig nützt.

III. Was brauchen die Priester?

Das klingt so fürsorglich, wie die Gebete bei einer Primiz: Was können wir tun, daß es dem jungen Herrn gut geht. So gequält ist dieser Berufsstand auch wieder nicht, und viele Menschen haben es sehr viel härter als die Priester. Der Anlaß zu dieser etwas seltsamen Fragestellung und These von "Priester in Not" ist das Priesterproblem selbst! Warun interessieren sich so wenige für diesen Beruf?

Weiter: Wenn nämlich das Interesse nicht stärker wird, stirbt - ceteris paribus - die traditionelle Seelsorge. Dann verkümmert das Priestertum zu einet musealen Restgröße.

Lebens- und Handlungsmöglichkeiten für den Priester sind die Zukunftschancen der Kirche.

Daß strukturelle Veränderungen, wie Aufhebung des Zölibats und Zugang der Frauen zum Priestertum unaufschiebbar sind, ist inzwischen eingesehen.

Daran aber liegt es nicht allein. Wichtig ist auch die Optimierung der Priesterrolle. Nicht primär -aber auch - damit es ihm eher gelingt, im Beruf sein Leben zu gewinnen, noch Mehr drum, daß sein Beruf Leuchtkraft unter den Menschen gewinnt.

Ich habe soeben im Passauer Bistumsblatt und in der Passauer Neuen Presse seitenlange Berichte über Primizen und Priester-Jubiläen gelesen. Danach scheint es, als seien Priester in der Gesellschaft die attraktiven Figuren und Rollen.

Das ist auch nicht ganz falsch. Aber sie spiegeln nicht die ganze Realität der öffentlichen Einschätzung und Funktion wieder.

Was brauchen die Priester, damit die Kirche Zukunft hat? Und damit die Menschen etwas von der Kirche haben?

Insgesamt den Eindruck einer unentbehrlichen, hilfreichen und glaubwürdigen Berufsgruppe, in der jene, die sich ihr anschließen, Leben in Fülle haben. (Joh 10,10)

Priester brauchen einen zähen Optimismus zum Anpacken und weiterbauen) was sie nicht brauchen, ist Stimmung des Konkursverwalters.

Hilfe dazu könnten ihnen ihre Oberen dadurch bringen, daß sie nicht nur zögerlich Erbe verwalten, sondern die nötigen Schritte für eine Kirche mit Zukunft tun. Nur für "sinnvolle" Kirche setzt man das eigene Leben ein.

"Den Priester" - den Priester gibt es nicht. Es gibt in Deutschland, Österreich, Südtirol und Schweiz dreißigtausend Männer, die zu Priestern geweiht wurden.

Ein Teil davon ist mit Elan im ersten Berufsstadium ein Teil ist alt, gesund und im Ruhestand - i.R.:

in Reichweite

ein Teil ist mittendrin und hat viel zu tun

einige sind mittendrin und machen sich wenig an

einzelne zählen die Jahre, bis sie "aufhören können"

viele sind im Frieden mit der Kirche, viele im Hader

ein Teil schöpft gesundheitlich aus dem vollen

viele sind somatisch und psychisch angeschlagen

ein Teil lebt den Zölibat störungsfrei

ein Teil rauft sich damit ab oder lebt daran vorbei

manche haben "Leichen im Keller"

ein Teil trinkt zu viel und verliert den Führerschein

einige sind verbittert und ziehen sich zurück

viele scheren sich nicht um großkirchliche Ärgerlichkeiten, sondern bauen fröhlich am Werk der communio

viele lesen, studieren und denken ein Teil ruht sich auf der Erst-Dogmatik aus

die meisten sind offen - tolerant - kommunikativ einige sind fundamentalistisch, engstirnig und aggressiv

viele machten Fortbildung

andere halten nichts davon

die einen schätzen die kirchliche Autorität die anderen pfeifen darauf.

Die Priesterschaften der Diözesen sind nicht homogen. Sie sind gut menschlich. Das Neue ist, daß frühere Einheitlichkeit rissig geworden ist. Ein Nachteil? Wohl nicht. Ein gesunder Pluralismus gehört zur communio.

Wie ist die Stimmung der Priester? Dank der Weiheethik und Spiritualität zäh - positiv. Die Hypomone ist ihre gute Tugend: Drunterbleiben. Ein Motiv hilft besonders weiter: Im Dienst Gottes für die Menschen das Mögliche tun. Und dazu sieht jeder Priester eine Menge realer Möglichkeiten.

Daß nicht wenige zwischendrin an das Aufgeben und Aussteigen denken, ist naheliegend. So einfach aber ist das für den gelernten Theologen und Priester nicht.

Er braucht Entlastung von unnötigen Sorgen, damit ei sich dem Eigentlichen widmen kann.

Als ich "adsum" sagte, dachte ich, daß ich nun ganz für die Menschen als "Knecht Gottes" (Wetter) dasein dürfte. Das war als Kaplan. Als Pfarrer habe ich gemerkt, daß viel Kopfzerbrechen entsteht, wie ich den "Laden" finanziere. Das war früher einfacher. Es gab nicht die Umlagen für Kindergarten, Dorfhelferinnen und Sozialstation! Es gab nicht die Ausgaben für Heizungskontrolle, Blitzschutzanlagen, Feuerlöscher, Tankprüfung usw. Personalkosten, Heizöl.

Die Leute, die am Sonntag mitfinanzieren, werden immer weniger. Glücklich die Münchner Pfarrer. Die Diözese steht für den Haushaltsplan gerade.

Es ist absurd, daß man sich wegen des Geldes so viele Sorgen machen muß.

Oft sagt man, die Pfarrer sollten sich einen tüchtigen Kirchenpfleger suchen, damit sie frei werden für die Seelsorge. Den letzten beißen aber doch die Hunde, das ist der Pfarrer, wenn das Geld nicht reicht.

Schlicht und einfach: Wir brauchen mehr Geld für die Pfarrarbeit. Oft rät man uns, wir sollten die Ehrenamtlichen einsetzen. Aber dadurch wird die Sache nicht billiger, denn bestimmte Leistungen muß man bezahlen: Chorregent - Organist - Kirchenreinigung -Heimputz.

Besonders hart haben es die kleinen Pfarreien »it einem Kirchenbesucherschnitt von 200-300. Ich bin so ein Pfarrer. Und nun komme ich in die Rolle des Bettlers. Das ist nicht gut. Es verdirbt die Transparenz. "Dem Pfarrer geht es nur um das Geld".

Priestern, die meistens Pfarrer sind, ist geholfen, wenn man sie auf gut subsidiäre Weise von Finanzsorgen entlastet, soweit dies möglich ist, und ihnen das Odium der Geldsorge abnimmt.

Der Priester braucht viel Zeit, und damit er sie gewinnt, braucht er bezahlte Mitarbeiter.

Pfarrseelsorge und Pfarrverwaltung sind anspruchsvolle Organisationen. Jedem Pfarrer wird frühzeitig gesagt, er solle sich um die Organisation kümmern, dann spart er sich Reibungen und gewinnt Zeit. Das ist gut.

Schaltstelle dafür ist das Pfarrbüro. Die wichtigsten Mitarbeiter sind die Pfarrsekretärinnen. Sie können mit dem PC umgehen, verstehen die EDV-Listen, führen korrekt die Matrikelbücher, schreiben Texte, empfangen Leute, führen Kalender, sichern Termine, betreuen die Pfarrbücherei, verfassen Protokolle, verwalten das Geld

Hochqualifizierte Mitarbeiterinnen. Hat man sie als Pfarrer, ist man viele Sorgen los.

Man bekommt sie, wenn man sie anständig bezahlt. Das andere ist der Falli Pfarrsekretärinnen werden unterbezahlt! BAT VIII. Aufstieg bei Bewährung nach sieben Jahren in BAT VII. Es scheint, daß man an der falschen Stelle spart.

Das muß geändert werden - um der Lohn- und Leistungsgerechtigkeit willen, und um der Priester willen, deren wichtigste Mitarbeiter sie sind.

Pfarrsekretärinnen werden nach pro Kopf Quoten zugeteilt. Das ist verständlich. Irgendein Bemessungssystem muß man ja haben. Bei vielen Gesprächen mit Pfarrverbandsleitern hörte ich Klagen, daß die Stundenquote zu schlecht sei.

Fazit: Es braucht zur Entlastung der Priester Pfarrsekretärinnen »it größerer Arbeitszeit und besserer Bezahlung.

DER PRIESTER BRAUCHT MITARBEITER

Seine Berufsrolle heißt an sich "Dienen". Seine Berufswirklichkeit ist folgende: Er lebt in einen Netz von Abhängigkeiten. Damit eine Pfarrei funktioniert, braucht sie eine Menge von verläßlichen und dauerhaften Mitarbeitern. Her das Organogramn einer Durchschnittspfarrei anschaut, ist überrascht bis schockiert von der Fülle der Funktionäre, die notwendig sind: Organist - Totengräber - Firmhelfer -Caritas-sammler - Gruppenleiter - Kirchenchorsänger -Büchereileiterin - Pfarrsekretärin.

Große Pfarreien haben es leichter» die wichtigsten Funktionen sind durch Hauptamtliche besetzt. Kleinere Pfarreien haben zur Not eine Pfarrsekretärin in Teilzeitarbeit. Die sogenannte Letztverantwortung des Pfarrers besteht darin, daß ihm die Last auferlegt wird, für alle Funktionen rechtzeitig geeignete Leute zu besorgen. Gelingt ihm das nicht, heißt es rasch, er sei kein guter Pfarrer.

Ganz ehrlich: Mich selbst kostet es viele Stunden Schlaf, wenn ich daran denke, daß der Totengräber nicht mehr mitzieht, daß die Mesnerin steinalt ist, daß die Dirigentin des Kirchenchores vielleicht weggekauft wird von Leuten, die sie besser beschäftigen können, und daß der Organist krank wird. Außerdem habe ich gehört, daß Vereinsvorsitzende anfangen, müde zu werden.

Aber man möchte allzu gern, daß das Pfarrleben floriert. Damit es nicht anders herum kommt, muß der Pfarrer bitten und betteln gehen. Dabei wird allenthalben die Vision von der künftigen Kirche ausgebreitet: Eine Kirche, die kraftvoll lebt, weil viele mitarbeiten und gut zusammenarbeiten. Das ist richtig und wichtig.

Entfaltung und Erhaltung der Mitarbeit ist die große Last der leitenden Seelsorger. Sie werden von einer Fülle von Menschen abhängig und unterliegen einem stets anhaltenden Erfolgszwang. Das alles potenziert sich in Pfarrverbänden und ist im Kern, auch in kleineren Pfarreien, genauso dringlich wie in großen. Was dann, wenn wichtigste Leute fehlen? Einiges kann der Seelsorger tun. Vieles nicht. Wie ist ihm zu helfen, damit er nicht dadurch frustriert, daß seine Seelsorge gefährliche Lücken bekommt. Einiges natürlich liegt bei ihm selber. Wenn er Mitarbeiterführung gelernt und praktiziert hat, entgeht er manchen Konflikten und Defiziten. Einiges könnte von außen her abgedeckt werdeni durch bezahlte Helfer und wiederum wäre den Priestern gedient, wenn der Erwartungsdruck von oben, von außen und von innen gemindert würde. Und man sollte nicht allzu forsch auf den pastoralen Markt sagen: Uns ist alles Möglich durch die Erweckung der vielen Charismen zur Mitarbeit.

Die wichtigste Bemerkung am Ende: So oder so - die Kirche braucht diese Mitarbeit und der Priester braucht den Entschluß und den Willen, kooperative Seelsorge zu praktizieren. Will er es ehrlich, und tut er es richtig, hat er am Ende doch das, was er bitter notwendig braucht: Gleichgesinnte und Freunde, die mit ihm am gleichen Strang und in die gleiche Richtung ziehen.

DER PRIESTER BRAUCHT LEBENSSICHERHEIT.

Priester reden nicht über ihr Sparkonto. Aus geistlichen Gründen spielt das private Geld keine Rolle. Denkt man. Sorget nicht ängstlich ..., denn, wenn ihr krank und alt werdet, sorgt für euch die Emeritenanstalt. Und das Presbyterium ist eine Gemeinschaft, die wie ein gutes Netz niemand fallen läßt. Dafür steht der Bischof gerade.

Das ist ein ehrlicher Ansatz, aber er genügt nicht mehr den Existenzbedürfnissen der Priester. Die Welt, in der er lebt und arbeitet, ist unruhig und von Unwägbarkeiten gezeichnet. Das Bedürfnis nach Sicherungen ist auch in diesem Stand verständlicherweise - gestiegen. Viel Sicherheit bringt Freiheit und "Herrsein". Das muß nan den Priestern"~zuBilligen. DagVgen steht nicht die Idee, daß er "Sklave Christi" ist. (Wetter 1991)

Langfristig haben sie zu wenig materielle Gewißheit und Sicherheit. Das sollte man durch folgendes ändern i

1. An die Stelle der Emeritenanstalt sollten alle Priester in die Angestelltenversicherung aufgenommen werden.Das vermindert ihre Abhängigkeit von der Kirche in kritischen Lebenslagen und vermehrt ihre Rechtssicherheit.

2. Priester sollen das Recht haben, in den bezahlten Ruhestand nach den Normen der Angestelltenversicherung, zu gehen, und nicht von Entscheidungen des Priesterrates über das Ruhestandsalter abhängig sein.

    3. Priester sollten frühzeitig eine Lebensversicherung abschließen. Sie gibt Spielraum im Alter - auch für das Verschenken.

4. Priester sollten in genügender Weise für ihre Hausfrauen sorgen, vor allem dadurch, daß sie zu gegebener Zeit Haus oder Wohnung bereit haben.

Ist das Verrat an der spirituellen Existenz? Führt das zur Verbeamtung des Priesterstandes? Ist das schwächliches Sicherungsdenken wider aller Hoffnung und gläubiges Vertrauen und gegen das Zeugnis vor "Ungewißheit und Wagnis"?

Gewiß nicht. Sicherung, zumal im Alter, entspricht einem Grundbedürfnis des Menschen, und es ist legitim, um der Lebensentfaltung willen sich zu sichern, ohne in Geiz, Habsucht und Angst zu verfallen.

DER PRIESTER BRAUCHT IDENTITÄT.

Ohne Zustimmung zu sich selber und Zustimmung der Mitwelt läßt sich nicht gut leben. In der Gegenwart ist die Situation so:

In der großen Medien-Öffentlichkeit sehen Priester aus, als seien sie und ihre "Ware" nicht mehr wichtig.

daß sie selber Produkte von Fehlentwicklungen sind,

und besser auf die Therapeutencouch als an den Altar gehören,

Sie erleben eine Mutter - Großkirche, die Verdruß macht, und ständig in negativen Schlagzeilen ist.

Sie verkündigen eine Kirche, die scheinbar das Leben nicht liebt, und den Menschen nicht sucht,

wie sie selber vorgibt: "Alle Wege der Kirche führen zum Menschen" (Johannes Paul II, 1978).

Sie arbeiten Tag für Tag und erleben sich oft als Fußabstreifer und Narren für andere.

Gewiß erleben sie auch das andere: Zustimmung, Hochachtung, Berufssicherheit, Kirchenfaszination. Sie vergessen auch nicht, daß sie Zeichen des Widerspruchs sind, und ihre Identität mehr von innen als von außen beziehen müssen. Recht hat, wer sagt! Priester brauchen Rollensouveränität und geringe Abhängigkeit vom Applaus ihrer Mitwelt. Und dennoch kommen sie allein damit nicht durch Leben und Beruf. Und außerdem ist der desintegrierte Priester kein dauerhafter Segen für seine Mitmenschen und Kirche.

Was kann man tun, daß Priester innere und äußere Identität gewinnen?

- Ehre erweisen und Anerkennung zollen. Priester sind zurecht sensibel für Hervorhebungen und Zurücksetzungen. Sie registrieren Ehranhäufungen hier und Vernachlässigungen dort. Warum hört man nicht endlich auf mit Titeleien und Orden?

- Auf Zurückgesetzte achten. Bischöfe haben viel Arbeit. Das weiß und anerkennt jeder. Wäre aber nicht doch eine gewisse Beschäftigungsunschichtung drin, um der Priorität willen:

- Communio mit den Priestern halten. Sie besuchen. Ihnen schreiben. Aufmerksamkeiten erweisen.

    - Gemeinden und Pfarrgemeinderäte inspirieren, damit sie richtig mit ihren Priestern umgehen. Vom Umgang der Priester mit den Laien redet man viel - und gut. Warum weniger das Umgekehrte: Umgang der Gemeinde mit ihren Priestern, die oft zum überleben das ausdrückliche Ja der Gemeinde brauchen. Ich weiß nicht, wieviele - aber ich fürchte eine Menge Priester geht kaputt, weil ihnen von der Gemeinde, von der Jugend, in der Schule die Zustimmung entzogen wird. - Eine Großkirche gestalten, auf die Priester stolz sein können und von deren Identität sie selbst leben können wie andere auch.

Das Image einer absterbenden Institution, für die . niemand mehr sein Leben drangibt, vermeiden, und der Kirche durch einen neuen Priesterstand zukunftsträchtige Vitalität.

Den Priestern selbst helfen, zu unterscheiden, worin ihr Erfolg liegt, und ihre Unentbehrlichkeit sehen zu lernen.

Bischöfe, Dekane, Gemeinden, Theologen können helfen.

Das Entscheidende ist das ständige Ringen des [Priesters um seine eigene Identität. Eine Hilfe dazu "ist Lektüre, Studium und Fortbildung. Durch verschiedene Formen der Persönlichkeitbildung (TZI, Praxisbegleitung, Leiten in der Kirche) könnten die Priester an sich selbst herangeführt werden, damit sie Identität gewinnen und für andere Wegbegleiter sein können.

Die Verbindung Priesterum und Zölibat lösen und den Priestern eine Lebensform ermöglichen, in der Klarheit und Durchsichtigkeit möglich ist.

DER PRIESTER BRAUCHT FREIHEIT.

Wie viel? Möglichst viel. Denn/zum Menschen gehört die Freiheit wie zum Knochen das Mark. Davon soll und darf der Priester keine Ausnahme machen, schon garnicht dazu gedrängt werden aus spirituellen Rollenvorstellungen, sich menschlich zu entmündigen und zum Berufssklaven werden.

Die hohe Würde der Priester besteht in der Freiheit.

Diese Freiheit realisieren sie in einem Höchstmaß an Verantwortung und einem Mindestmaß an Direktiven und Steuerung. Was der Priester ganz allgemein in seinem Berufs- und Arbeitsfeld braucht, ist der partnerschaftliche Bezug zu seinem Vorgesetzten und die subsidiäre Leitungsstruktur seiner Kirche. Alles andere entspricht nicht seiner Identität und seinem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.

Sind Priester frei? Wird ihre Kompetenz von der übergeordneten Kirche zu stark beschnitten? Sind sielediglich Exekutivorgane des Bischofs und des Papstes? Haben sie tatsächlich zu wenig Spielraum für eigene pastorale Entscheidungen?

Wenn ich sage, der Priester braucht zum guten Leben und Wirken viel Freiheit, dann schließe ich den Gedanken an: die Bischöfe sind vollverantwortlich für die Freiheit der Priester.

Das ist eine gewichtige Aussage. Ich glaube, daß diese Frage nur selten bedacht und gestellt wird. Sie muß mit aller Kraft und Virulenz in die Leitungssorgen der Kirchenoberen eingehen, so, daß daraus ein Führungsstil wird. Anders formuliert: In der Kirche gut führen, zumal als Bischof oder Seminarregens, bedeutet, andere Menschen ermächtigen zu eigener Kompetenz und Handlungsfähigkeit. Das wäre in der Communio-Ekklesiologie der entscheidende Schritt. Communio zwischen Papst, Bischöfen und /Priestern müßte vor allem der ständige Versuch sein,  Mitarbeiter zu einem Optimum an Freiheit in Kompetenz und Selbstbestimmung zu ermächtigen.

Viele Priester machen es anders. Sie lieben straffe Führung und verläßlich-homogene Direktiven. Das hat auch seinen Sinn, weil jeder in seinem Dienst schlitzende Orientierungen braucht, Spielregeln der gemeinsamen Arbeit, auf die er sich zur rechten Zeit, etwa in der Sakramentenpastoral, berufen kann. Priester brauchen nämlich auch Rückendeckung bei komplizierten Entscheidungen wie etwa kirchliche Beerdigung eines Ausgetretenen.

Manche lieben das so sehr und fühlen sich dabei so wohl, daß sie zu unangenehmen Bürokraten werden, die aufhören, selbst zu verantworten und sich nur noch auf den Paragraphen berufen.

Kirche hat also insgesamt eine undispensible Verantwortung dafür, daß sich die Mitarbeiter auf allen Ebenen, die Priester eingeschlossen, in Freiheit und zur Freiheit entfalten. Wie kann man das möglich machen? Aus dem ganzen Pensum eines solchen partnerschaftlichen Dienstes lege ich einige
Möglichkeiten vor.

1. Die Diözesanleitungen sollten ihre Priester ganz bewußt animieren zu Selbstverantwortung. So machte -es Kardinal Döpfner 1975 als er  das Problem der Zulassung geschiedener Wiederverheirateter in die pastorale Klugheit der Priester verwies. Er löste damit nicht das Problem. Es besteht weiterhin fort, aber ermutigte dazu, Spielraum zu suchen.

    2. Die Kirchenleitungen sollten in ihren öffentlichen Stellungnahmen die Grenzen nicht zu eng ziehen. Zugegeben, das ist sehr schwierig, weil manche Priester mit Sinn und Zweck der Freiheit nicht umgehen können und die Zuordnung  von Freiheit und kirchlichem Gemeinwohl nicht bedenken. Es gibt Fälle, wo Correctio fraterna notwendig ist.

3. Die große Kunst der Kirchenleitungen, angebahnt und ermöglicht mit Hilfe der Theologen, ist der innerkirchliche Pluralismus. Er besagt die wl'ssens"cti'äftllc; he" ~ Möglichkeit theologischer Alternativen und im entsprechenden Rahmen das Recht, alternativ zu denken und zu handeln. Damit hier nicht zerstörerrisehe "Grenzüberschreitungen vorkommen, braucht es die ordnende Einheit. Am besten kommt sie zustande, wenn Priester durch Studium, Fortbildung und gewissenhafte Pastoral ihre eigenen Grenzen im Konsens mit der Kirche erkennen.

An sich haben die Pfarrer viel Freiheit. Man kann den Kirchenoberen in der Regel nicht vorwerfen, daß sie deren Selbstbestimmung zu stark einengen. Aber es gibt einige innerkirchliche Problemfelder, wo die Priester anstoßen, anecken, sich wund reiben, mit den Zähnen knirschen und die Achsel zucken. Ich will nicht apodiktisch sagen: Das läßt sich ohne weiteres ändern, wenn nur das Lehramt aufhört, stur zu sein. Dafür sind die Erfahrungen zu komplex und empfindlich. Wir könnten aber als Priester sehr wohl brauchen.

a) die Erlaubnis zur Interko»Munion

Vielfach wird sie ohnedies praktiziert, aber es ist eben auch nicht das Richtigste, wenn Priester sagem "über diese Vorschriften bin ich längst hinweg. Ich praktiziere den vorauseilenden Gehorsam."

b) ökumenische Gottesdienste a» Sonntagvoraittag.

Mär sollte den Kampf dagegen nicht unbedingt so lange führen, bis es anders nicht mehr geht. Kirche ist gut beraten, wenn sie sich frühzeitig zurücknimmt.

c) Die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten.

Die pastorale Situation ist heillos. Viele Pfarrer gehen über die Normen hinweg und lösen die Konflikte souveränabweichend.

Dennoch sind sie im Inneren und äußeren zerquält. Was sie wünschen, ist eine verlässliche und durchführbare Lösung, nicht über Hintertürchen, sondern durch die Gewissenskompetenz der Eheleute. ''Nicht die Kirche sollte von außen her definieren, wann jemand sakramentenfähig und seine Partnerbeziehungen legitim sind, sondern die Betroffenen selbst.

d) Die Empfängnisverhütung und Geburtenkontrolle

Die meisten Pfarrer leben mit der Königssteiner Erklärung und weigern sich, dahinter zurückzufallen. Sie nehmen sich die Freiheit, darauf im Beichtstuhl keinen Bezug mehr zu nehmen, Sie predigen nicht mehr darüber, weil sie denken und sagen, das sei Angelegenheit der Partner. Priester kommen in die Enge und Verängstigung, wenn ihnen allzu massiv eingeschärft wird, sie sollten so oder so reden und fragen und lossprechen.

e) Die Fragen der Sexualmoral von Paaren ohne kirchliche Trauung.

Die Priester schwimmen in der Beurteilung des Erlaubten und Nicht-Erlaubten und weichen insgesamt der Situation aus. Dem meisten wäre gedient mit brauchbaren moraltheologischen Überlegungen, nicht nur zu dem, was sündhaft ist, sondern wie man solche Menschen in der Communio halten und begleiten kann.

f) Sakramentale Beichte und Bußfeier

Viele Pfarrer praktizieren hervorragende Bußfeiern mit bestem Anklang und Erfolg. Sie nehmen sich die Freiheit, zu sagen: Du kannst Dich verlassen, daß Sündenvergebung geschieht, wenn Du Reue hast.

Dann lesen sie tags darauf in den Kirchenblättern, Bußfeiern seinen kein oder ein schlechter Ersatz für die Beichte. Die Irritierten lesen und sagen: "Herr Pfarrer, wie ist das nun?"

Priester brauchen eine klare Anerkennung der Bußfeiern ohne publizistische Vorbehalte und Verunsicherung. Sie spüren, daß man jetzt die Bußfeiern kaputt redet und die sakramentale Beichte sowieso ausläuft.

g) Priesteramt für die Frauen.

Irgendwann wird die Kirche die Zäsur vornehmen und für die Frauen das Tor zum Priestertum öffnen. Die Frage ist nur, wie lange das noch ausstehen wird.

Der ganzen Kirche und ihren Priestern wäre geholfen, wenn möglichst rasch der erste Schritt getan würde: Die Öffnung des Diakonats für die Frauen.

Den Priestern ist nicht gedient, wenn die Diskussion darüber als unerwünscht erklärt und unterdrückt wird. Solche Fragen darf man ebenso wenig tabuisieren wie das Problem des Zölibats.

Zur Freiheit des Priesters gehört es eben auch, daß ihm nicht verwehrt wird, über wichtige Fragen zu diskutieren und dazu ungerügt Meinung zu bilden und Vorschläge zu machen.

h) Zölibat

Für viele Priester wird der Pflichtzölibat immer unbegreiflicher. Gewiß sind sie angetreten mit Bejahung dieser Institution. Viele von ihnen haben im Laufe der Jahre aber auch gespürt, wie sehr Leben, Sexualität und Ehe mit der Freiheit zu tun haben. Das Ja zum Zölibat wird für sie zunehmend schwerer, weil die Argumente für den Pflichtzölibat immer brüchiger und die Meinungen der Öffentlichkeit immer negativer werden.

i) Fragen des Tendenzschutzes für die Kirche

Pfarrer haben in der Regel mit vielen Mitarbeitern zu tun, zumal im Kindergartenbereich. Sie erleben dabei die bekannten Zwänge mit all den unerfreulichen Folgeni Bei nicht-kirchlicher Zweitehe erfolgt fristlose Kündigung des Mitarbeiters. Der Pfarrer leidet mit und wird zusätzlich von der Öffentlichkeit dafür moralisch geprügelt. Wenn es nach ihm ginge, würde er anders handeln, aber das kirchliche Tarifrecht steht im Weg.

Ich notiere diese Sorgenfelder eines jeden Priesters mit der Bitte, die Priester mittendrin in ihrem Ringen um den guten Weg ernst zu nehmen und die Sache nicht abzuwiegeln. Wie können etwa Bischöfe und Generalvikare das ernst nehmen? Jedenfalls dadurch, daß sie partnerschaftlich und offen mit ihren Priestern über dies alles reden und das Gottes Volk und seine Priester animieren, von unten nach oben zu berichten, Wünsche zu äußern und Meinungen zu geben. Deshalb notiere ich an dieser Stellei Priester brauchen mehr Kommunikation von unten nach oben. Wir haben zu viel Einbahnkommunikation von oben nach unten.

 

DER PRIESTER BRAUCHT COHMUNIOi BEZIEHUNGEN UND HEIMAT.

Sehr viele Priester sind innerlich stabil, beziehungstark und lebensfreundlichs. Sie sind integriert in die Kirchenheimat und ihre seelsorgliche Umwelt. Sie haben Freunde und leiden nicht an Einsamkeit. Sie sind zukunftsgestimmt und ausgewogen. Sie gehen gerne mit Menschen um und lieben die Geselligkeit. Sie verankern ihr Leben in der Gnade und teilen ihr Leben anderen mit. Das Bild vom kaputten und mißglückten Menschen, der wegen frühkindlicher Verklemmungen Priester wurde, ist nicht wahr, ist verletztend und ungerecht. Dennoch:

(Wieviele?) Priester sind auch vereinsamt

- alt

- krank

- hilflos

- aggressiv neurotisch und menschenscheu

- alkoholabhängig

- zölibatsgestört

- kirchenfeindlich

Leben aber heißt: "Leben in Beziehungen", "arbeiten in Beziehungen". Zum Leben und Arbeiten braucht der Priester Heimat und Beziehungen - communio, weil sonst sein Leben und Arbeiten nicht genug gelingt.

Es ist nun gang und gäbe, den Priestern zu sagen, sie sollten zum Presbyterium stehen, und sich, um den Bischof als zentrierende Mitte der communio geschart, Schaffenskraft und Lebensfreude holen.

Richtig daran ist, daß der Anschluß an die geistlichen Nachbarn und Dekanatskapitel hilfreich ist. Richtig wäre auch, daß für die Beziehungswelt der Priester die communo mit dem Bischof gut wäre. Aber gibt es sie? Wollen und können sie die Bischöfe erreichen? Schön wäre es. Traum von der Communio-Kirche.

Wie für seine Freiheit ist der Priester auch für seine Beziehungen erstverantwortlich. Also käme es in der Ausbildung und Fortbildung darauf hinaus, ihm dazu zu helfen, daß er sich beziehungswillig und -fähig macht.

Weil aber viele aus irgendwelchen Gründen Störungen haben, die sie von sich aus nicht mehr beheben können, brauchen sie Jemand, der auf sie zugeht. Das schöne Bild von der "Gemeinde wie ein Netz" ist hier anzuwenden. Diözese wie ein Netz, das diskret und respektvoll auf die Priester achtet und sich ihnen befreiend zuwendet. Ist das der Fall?

Werden kranke und alte Priester genug beachtet? Wendet man sich positiv den Außenseitern zu? Wie geht das Presbyterium mit den "Abgefallenen" um?

Die wichtigste Form aller Zuwendung ist die Bejahung: "Wir freuen uns mit dem Herrgott, daß es dich gibt." - Alle latente und unterschwellige Bestrafung der "Abweichler" wirkt zentrifugal.

Es gibt bei den Priestern soziale und kirchliche Heimatlosigkeit. Sie eskaliert dann, wenn der Priester in seinem Arbeitsbereich frustriert ist, oder seine Berufshoffnungen enttäuscht werden.

Die Folge ist häufig eine fluchtartige Quasibeheimatung im Alkohol und Sexualbeziehungen, Ehebruch, aber auch echten und qualitätsvollen LiebensbeZiehungen.

Priester brauchen wie alle anderen Menschen Beziehungen und Heimat.

Was ist zu tun, solange Priester keine eigene Ehe und Familie haben können? Sicher das Wichtigste von allem!

- Ein lebensfreundlicher Haushalt. Pfarrhaus, das wie eine Heimat ist, in dem man gerne lebt, und in das »an freudig zurückkehrt.

- Ein sympathische Hausfrau, die nicht nur versorgt, sondern in der möglichen Weise Lebenspartnerin und Gefährtin ist. Eine der Voraussetzungen dafür ist die angemessene Bezahlung. Jetzt ist sie (fortschrittlich genannt) ungenügend und ungerecht.

- Sicherheit und Geborgenheit im Alter und in der Krankheit durch Wohnrecht, eigene Wohnung und Pflegeplatz. Manche Priester wissen nicht wohin, wenn sie aus dem aktiven Dienst ausscheiden.

Eine solidarische Verwandtschaft, von der er erfährt, daß er auf sie rechnen kann, wenn Störungen auftreten.

Viele Freunde, die ihn annehmen, wenn er daneben tappt, und "auffällt".

Eine Gemeinde mit Menschen, unter denen er wie mit Freunden leben kann.

Pfarrliche Gemeinschaft, Gruppen und Gasthäuser, in denen er nicht ein Fremder, sondern zu Hause ist.

Eine Kirche mit Bischöfen und Papst, die seine geistige Heimat ist, weil er sich mit ihr identifizieren kann.

Eine Kirche, die ihm gerecht wird, auch wenn er anders lebt, als erwünscht. Es ist nicht recht, generell Laisierungen und kirchliche Beschäftigung zu verweigern. Und es ist nicht recht, den Ausstieg aus dem Priestertum zu desavouieren und Verrat zu nennen.

Menschen, Klassen und Gruppen einer Pfarrei, die ihn auch dann annehmen, wenn er nicht oder nicht mehr das Volle bringt, und ihn nicht dadurch entwürdigen und bedrücken, daß sie ständig von "besseren Pfarrern" reden.

Menschen, die verzeihen und nicht nachtragen, wenn der Priester Fehler macht. Der Priester braucht nicht Handkuß und unbesehenen Amtsrespekt von früher. Er braucht aber Kulanz und Toleranz bei Ungenügen und Fehlleistungen, weil auch für ihn gilt, daß man es nicht allen recht machen kann.

Menschen in der Pfarrei, die gemeinsam "einer des anderen Last" tragen. Priester lassen jetzt viele Lücken offen, weil sie anfangen, zu seltenen Exemplaren zu werden. Bedauerlich, daß man ohne Rücksicht darauf - aus prinzipiellen Gründen - die Laienhomilie in der Messe untersagt hat.

DER PRIESTER BRAUCHT SINNERFAHRUNG.

Priester müssen weitgehend davon absehen, zu sagen: Der Sinn meines Berufes ist mein Lebensglück. Ihre Antwort ist ihnen vorgeschrieben "Der Sinn »einer Arbeit und Opfer ist der Glaube der Menschen an Gott und ihr Lebensheil durch den Glauben". Dazu gehört selbstverständlich implizitt Der Sinn meines Berufes ist die Sorge um das Wohl der Menschen hie et nunc. Hierbei gibt es Sinnstörungen, die zur eigentlichen Not im Priesterberuf führen können. Sie lassen sich auf folgende Nenner bringen:

- Ist die Kirche, und bin ich als Priester wirklich notwendig für das Heil der Menschen?

- Bin ich bei den Menschen gefragt als ein

- unentbehrlicher Diener ihres Lebens, oder muß ich mich ständig aufschwatzen und aufdrängen?

Ist das wahr, was ich verkündige, über Ursünde und Tod, Auferstehung und Heil, Sakramente und Notwendigkeit der Kirche? Muß man wirklich beichten? Muß man jeden Sonntag zur Kirche gehen? Muß man unbedingt schwere Sünden in der Beichte sagen?

Ist die Lehre von der Erlösung und den Instrumenten der Rettung wahr?

Wenn dabei viele Fragezeichen und alternative Antworten nach vorne kommen, ist das kein Unheil, sondern ein befreiender Abschied vom monolithischen Denken hin zur Rationalität. Sinnerfahrung im Leben des Priesters ist eine Frage der Wahrheit. Die andere ist die Erfahrung des Alltagslebens. Priester haben an sich keine Not, Tag für Tag zu erleben, daß sie für andere Menschen und ihre Lebenswelt wichtig und schätzenswert sind. Oft brauchen sie Erfahrungshilfen, um ihre Alltagsbedeutung zu erkennen und zu verinnerlichen.

Das hat mit beruflichen Erfolgserwartungen und Kriterien zu tun. Wer sich als Priester mit Chirurgen oder Architekten vergleicht, wird an sich selber zweifeln. Wer als Priester seinen beruflichen Erfolg nach dem Beifall der Masse und seinem Platz in der gesellschaftlichen Prestigepyramide sucht, wird frustriert.

Er braucht die Gewißheit, daß sein Handeln eine berufsspezifische Langzeitwirkung hat, und der Erfolg oft erst nach Jahrzehnten sichtbar wird.

Er braucht Unterscheidungsvermögen für das, was Menschen wirklich hilft. Er soll nichts" von menschlichen Gütern und Diensten gering achten. Er soll aber seine eigenen Dienste für den Glauben, die Hoffnung und die Beziehungen der Menschen nicht unterschätzen.

Er braucht die richtigen Akzente und Wertungen, um im Mißerfolg den Kopf nicht hängen zu lassen, und an sich zu zweifeln. Die Katastrophenmeldungen kommen mit schöner Regelmäßigkeit auf den Tisch: Kirchenaustritte - Taufverzicht - Ende des Beichtens Verzicht auf kirchliche Trauung - Schwund der Kirchenbesucherziffer.

Priester brauchen in der Trauer darüber zugleich Perspektiven, um sich selber von Vorwürfen freizuhalten, und den Sinn des "Verfalls" zu erkennen - und gleichzeitig der Resignation zu widerstehen.

Dr. Walter Friedberger


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