Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Auf der schwarzen Liste,    Beim Reichsarbeitsdienst,    Bei der Infantrie,    In Gefangenschaft


Auf der schwarzen Liste

Als im Juli 1943 alles über Stalingrad redete und bangte, weil in vielen Familien ein Vater, Bruder oder Sohn dort einem unvorstellbaren, grauenhaften Schicksal entgegenging, wurde ein bestimmter Teil unserer Klasse, von dem die Hitlerjugendleitung damals glaubte, daß er es besonders nötig hätte, in das Wehrertüchtigungslager Königsdorf einberufen. Wir durften noch schnell die Schulsachen heimtragen und den Eltern wissen lassen, daß wir in drei Wochen wieder zurückkommen würden. Dort hatte ich Gelegenheit mit dem Reichsjugendleiter Baldur von Schirach eine persönliche Bekanntschaft zu machen. Und das kam so:

Die verlorene Schlacht um Stalingrad hatte dem Glauben an den Endsieg, wo er noch vorhanden war, einen schweren Schlag versetzt. Baldur von Schirach wollte nun bei uns Jugendlichen retten, was vielleicht in dieser Hinsicht bei uns noch zu retten war. Dazu stellte er für uns folgende überraschende These auf: „Es gibt keinen Gott, weil sonst unsere Armee in Stalingrad nicht besiegt werden könnte!"

Mit unermüdlicher Beredsamkeit hatte er versucht, diese NS-Wahrheit bei uns im Lager an den Mann zu bringen. Statt dem üblichen Kommando: „Achtung! - Wir beschließen diesen Abend mit einem dreifachen Sieg-Heil auf unseren Führer!", zog er es vor, sich seines Erfolges bei uns Pimpfen noch persönlich zu vergewissern und schloß seine Ausführungen mit den Worten: „Ist das klar? - Hat noch jemand eine Frage? - Los, meldet euch!"

Diese Gelegenheit konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, und so fragte ich, ob man Gott unbedingt leugnen müßte, um die Niederlage von Stalingrad begreifen zu können?

Ich wollte wissen, ob die polnischen Hilfsarbeiter in unseren Fabriken ebenfalls damit angefangen hätten, sich gegenseitig einzureden, daß es keinen Gott geben könnte, seit ihr Land von unseren Truppen überrannt und sie selbst aus ihrer Heimat verschleppt worden waren? Da war plötzlich Leben im Saal.

Es wurde gegrinst und gekichert, und je verlegener der Reichsjugendleiter vor uns stand, desto mehr kam ich in Fahrt. Es war ein herrliches Gefühl, diesem Herrn mit all seiner Macht widersprechen zu können. Es dauerte nicht lange, und schon zupfte mich einer an der Uniform und flüsterte mir zu: „Der Sturmführer sagt, du sollst sofort aufhören!" - Sturmführer hin oder her, in diesem Augenblick war er mir wurst.

Jetzt mußte ich reden. Jetzt oder nie! Als ich noch auf das Beispiel Frankreichs zu sprechen kommen wollte, das ein ähnliches Schicksal erlitten hatte, und deren Soldaten jetzt als Knechte auf unseren Bauernhöfen zu arbeiten hatten, und wissen wollte, ob die Leute in Frankreich deshalb auch auf die fixe Idee gekommen wären, dafür Gott selber die Schuld geben zu müssen, ja mehr noch, Gott deshalb abschaffen zu müssen, wurde ich mitten im Satz unterbrochen.

Es war mir eine Genugtuung, damit wenigstens noch angefangen zu haben. Auf den Stuben wurde darüber hernach noch weitergeredet, mehr als es der Lagerleitung lieb war.

Sofort kam mir damals unser Jugendkaplan am Dom zu „Unserer Lieben Frau", Gottfried Simmerding, in den Sinn, der von uns Buben einfach „der Simmerl" genannt wurde. Ob er mit mir wohl zufrieden gewesen wäre, wenn er mich hier gehört hätte?

Als ich dann kaum acht Tage später einen Tag Sonderurlaub bekam und ganz unverhofft vor ihm stand, hätte ich ihm gerne erzählt, was im Lager los war. Ich wagte es nicht. Vielleicht hätte er es doch nicht ganz glauben können, und ich wäre dann in seinen Augen auch nur ein Angeber gewesen.

Fast das ganze Lager stand damals spontan auf meiner Seite. Nach dem Befehl: „Auf die Stuben, weggetreten!", war an jenem Abend wiederholt das Wort „Kasernengeist" zu hören. Ich ahnte sofort, daß es nichts Gutes bedeuten könnte, und daß er nur zu mir allein kommen würde. So sorgte ich mich vor, so gut ich konnte.

Nun gehörte zu unserer Stubeneinrichtung ein Hocker mit einem wackeligen Bein. So oft es ging, zogen wir unbemerkt dieses Bein heraus und warteten ab, bis sich einer auf diesen defekten Hocker setzte. Im nächsten Augenblick lag er dann auf dem Rücken, was für die übrigen ein Mordsgelächter abgab.

Mit diesem Hockerbein legte ich mich schlafen, das ganz heimlich, still und leise für mich plötzlich zur Waffe geworden war, genauer gesagt, zu einem recht handlichen Prügel, der sich überaus hart anfühlte in meiner Hand. Ich drückte ihn immer wieder an meine Seite und mir war dabei, als ginge eine Kraft von ihm aus, als wollte er mir Mut machen: „Brauchst keine Angst haben. Ich bin doch stärker als der Kasernengeist."

Um Mitternacht hörte ich leise Schritte auf dem Gang unserer Baracke. Ich dachte an den Kasernengeist und sprang aus dem Bett, den Prügel fest in der Hand. Schon öffnete sich leise die Tür. Im Dunkeln tasteten sich einige Gestalten voran, bis sie vor meinem Bett zu stehen kamen. Ich erwartete sie in der Ecke.

Wer zu mir kommen wollte, mußte an der engen Stelle zwischen dem Doppeldeckerbett und dem Spind hindurch, und zwar nacheinander und einzeln, ganz so, wie ich es mir in den bangen Stunden des Wartens ausgemalt hatte. Dann ging alles sehr schnell.

Als der Erste nahe genug vor mir stand, erhob ich den Prügel nur ein einziges Mal. Es gab einen harten Schlag, von dem die übrigen Stubengenossen plötzlich hellwach waren. Sie waren der Meinung, er hätte mir gegolten, und ich wäre es gewesen, der da lautlos niedergesunken war, kurz regungslos auf dem Boden lag und dann hastig und unbeholfen aus der Stube geschleppt wurde. Ich aber atmete auf. Für diese Nacht war der Kasernengeist gebannt.

Die folgenden Tage hatte ich kaum eine ruhige Minute. Sobald die anderen dienstfrei hatten oder allgemein Ruhe im Lager war, begann für mich eine schreckliche Zeit.

Einer der SS-Leute - meistens war es ein gewisser ,Schottenhamel', dessen Angehörige in München nicht weit vom Hauptbahnhof ein gleichnamiges Hotel betrieben - holte mich dann aus der Stube und begann mit mir ein Verhör. Ich sollte dabei zur „Vernunft" gebracht werden und einsehen, daß ich mich als Deutscher ganz unmöglich benommen hätte.

Diesen Gefallen tat ich weder ihm, noch irgend einem anderen dieser fanatischen SS-Leute, die sich gegenseitig abwechselten, wenn ihnen die Sache mit mir zu dumm war, oder zu aussichtslos erschien, oder, wenn sie ganz einfach am Ende ihres Wortschatzes waren und nicht mehr wußten, was sie sonst noch an Argumenten vorbringen könnten.

Zwischendurch, wenn sie selber kurz vor der Einsicht standen, daß sie mir eigentlich recht geben müßten, kam es dann regelmäßig zu einem Wutausbruch: „Wir machen draußen weiter! Frische Luft wird dich zur Besinnung bringen!"

Mit solchen oder ähnlichen Worten begann dann für mich das Strafexerzieren, gleichsam als praktischer Teil jedes einzelnen Verhörs. Bei dieser Gelegenheit waren jene SS-Leute wieder ganz in ihrem Element.

Sie bellten und schrien ihre Befehle so laut sie nur konnten, indem sie mich vorwärts und zurück, von links und von rechts, durch jeden Dreck laufen oder kriechen ließen, den sie in der Umgebung des Lagers gewahr werden konnten.

Am unangenehmsten war das „Tarnen" des Gesichts mit halbgetrockneten Kuhfladen, oder, wenn gerade ein ahnungsloser Bauer seine Wiese odelte und ich hinter dem Odelfaß nachkriechen mußte. Wie war ich doch froh, als diese Schikanen ganz plötzlich eingestellt wurden und alle im Lager so taten, als wäre nie etwas gewesen.

Wir hatten uns nach den langen Sommerferien kaum in die Klasse 6 A gewöhnt, als uns der Einberufungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst ereilte. Schweren Herzens nahmen wir Abschied von unserem geliebten Theresiengymnasium in München.

 

Beim Reichsarbeitsdienst

An die Zeit des Reichsarbeitsdienstes, kurz RAD, denken viele nur mit Schrecken. Welche Schikanen dort an der Tagesordnung waren, kann man sich heute kaum vorstellen. Ein Bauernbursche, der das große Glück hatte, tagtäglich mit einem Pferdefuhrwerk außerhalb des Lagers unterwegs sein zu dürfen, erhängte sich noch kurz vor Ende seiner RAD-Zeit. Er war den Schikanen nicht gewachsen.

Mein großes Glück war, daß ich nicht aus der Geborgenheit des Elternhauses zum RAD eingezogen wurde, wie jener Bauernbursche, sondern vorher eine einschlägige Ausbildung als Luftwaffenhelfer absolvieren mußte. So wurde ich mit den Gepflogenheiten der Offiziere und Unteroffiziere bestens vertraut. Am meisten aber lernte ich von den Mannschaftsdienstgraden den Gefreiten, Obergefreiten, Hauptgefreiten und der Stabsgefreiten.

Diese altgedienten Soldaten konnten stur sein wie die Ochsen, die keinen einzigen Schritt machen ohne Hü und Hott. Sie hatten aber auch einen gesunden Hausverstand, wenn es darum ging, Unerträgliches erträglich zu machen. Sie waren alles andere, nur nicht blöd und dumm, auch wenn sie tausendmal mit „Sie Dummkopf!", oder mit „Sie Blödmann!" angeschrien wurden. Sie waren nicht nur das Rückgrat der Armee, sondern oftmals der Kopf, die Hände und die Füße dazu. Unter ihrem Einfluß lernten wir Luftwaffenhelfer, das aufgezwungene Soldatenleben sogar auf Kosten mancher Vorgesetzter zu genießen.

Dazu gab es viele Gelegenheiten. Man durfte sie nur nicht ungenützt vorbeigehen lassen, sondern mußte immer auf der Lauer sein. Es war auch kein Anlaß zu unbedeutend, wenn es galt, als „Schütze Arsch im letzten Glied" wieder einmal auf seine Rechnung zu kommen.

So ließ beispielsweise der Unteroffizier vom Dienst zum Kochgeschirrappell antreten mit dem Ziel, die Kochgeschirre der ganzen Kompanie auf ihre Sauberkeit zu überprüfen . Ein Fähnrich, der kurz vorher zu unserer Einheit versetzt worden war, erinnerte sich dabei an sein eigenes Kochgeschirr und suchte einen Dummen, der es ihm reinigen würde. Ich hatte das Pech, ihm gerade in diesem Augenblick zu begegnen. „Bringen Sie dieses Kochgeschirr zum Appell!" befahl er mir. Ich brachte es auch, aber so, wie es war, mit Dreck und Speck!

Wie unflätig wurde ich doch wegen dieses Kochgeschirrs angeschrien! Ich ertrug es mit innerer Genugtuung, denn ich wußte, früher oder später würde der wahre Sachverhalt an das Licht kommen. Und die Ausdrücke vom „Schwein" bis zur „Wildsau", vom „Kochgeschirr" bis zum „Scheißpott", würden auf sie selber zurückfallen. Ich aber hatte das Lachen, ein stilles, leises Lachen, das von Herzen kam.

Der Einberufungsbefehl zum RAD konnte mich nicht mehr erschrecken. Es war beruhigend zu wissen, daß viele ehemalige Luftwaffenhelfer mit mir in das Reichsarbeitsdienstlager bei Brannenburg am Inn einrücken würden.

Dort stellten wir alle fest, daß beim RAD zwei Dinge als Mittel für immerwährende Schikanen von Bedeutung waren: Der Spaten und der Hocker. Dabei war der Spaten kein gewöhnliches Werkzeug, sondern ein Symbol, das in der Sonne erstrahlen mußte als Stolz der ganzen Einheit, wenn wir mit dem Spaten über der Schulter in gleichem Schritt und Tritt ausmarschierten. Zum Graben hatten wir ihn nie benützt, dafür aber zum Exerzieren. Es gab ein reichhaltiges Ritual mit dem Spaten, das ständig eingeübt und vervollkommnet werden mußte. Außerhalb der Baracke drehte sich, kurz gesagt, alles um den Spaten, wie sich innerhalb der Baracke alles um den Hocker drehte.

Uns RAD-Männern waren die knappen Freizeiten wichtiger und wertvoller als alles andere. Aber gerade da mußten viele Lagerarbeiten verrichtet werden, vom Kartoffelschälen bis zum Abortreinigen. Und jeder, der irgendwie auch nur im Geringsten mit dem Spaten oder mit seinem Hocker aufgefallen war, mußte für diese Arbeiten herhalten. Es herrschte immer Angst und Bangen. Aber nicht für mich.

Für die Spaten waren an den Barackenwänden eigene Halterungen angebracht, wo diese der Reihe nach mit dem Spatenblatt nach oben fein säuberlich abgestellt werden mußten. Fehlten nun irgendwo Arbeitskräfte, so brauchte einer der Vormänner nur eine Anzahl von Spaten zu beanstanden und ihre Besitzer zu den anstehenden Arbeiten abzukommandieren.

So einfach war das, und vor solchen Überraschungen war man nie sicher. Im Lager herrschte deshalb sogar in der spärlichen Freizeit noch Angst und Bangen.

Kurz entschlossen schraubte ich die Halterung für meinen Spaten ab und ließ meinen Spaten in dem handbreiten Hohlraum

über der Stubendecke verschwinden. Daß ein Spaten fehlte, ist nie aufgefallen, weil sie nie gezählt wurden.

Die Vorgesetzten hielten ein Auskneifen für unmöglich; sie waren alle felsenfest überzeugt, allen RAD-Männern von Anfang an das Fürchten gelehrt zu haben.

Wenn diese hohen Herren erst gewußt hätten, wie ich den allabendlichen Schikanen mit dem Hockerbau zu entkommen wußte, sie wären aus allen Wolken gefallen.

Ab 22.00 Uhr herrschte laut Lagerordnung strenge Nachtruhe. In Wirklichkeit aber herrschte oftmals bis Mitternacht Angst und Schrecken auf den Stuben. Das kam so:

Obwohl jeder RAD-Mann einen eigenen, schmalen Kleiderschrank neben seinem Bett hatte, durfte dieser Spind nicht zur Ablage seiner Bekleidung benutzt werden. Vom ersten Tag an mußte jeder neben seinem Bett den „Hocker bauen".

Die gesamte Bekleidung mußte schön säuberlich gefaltet und dann auf den Hocker „gebaut" werden, und zwar so, daß sie genauestens auf den Hocker paße.

Sie durfte weder über den Hockerrand hinausstehen oder gar herabhängen, ebensowenig war es statthaft, daß die gefalteten Bekleidungsstücke noch einen bescheidenen Rand der Hockeroberfläche unbedeckt ließen. Beim allabendlichen „Hockerbau" ging es um nichts Geringeres als um echte, deutsche Präzisionsarbeit! Jeder nicht beanstandete Hocker hätte mit Sicherheit das Gütezeichen „Made in Germany" verdient.

Nun waren wir gerade in dieser Hinsicht keine Fachkräfte, sondern windige Anfänger. Die unausweichliche Folge war, daß bis Mitternacht kaum jemand an Schlaf zu denken wagte. Immer wieder wurden die Hocker umgeworfen. Auf diese Weise mußte die Stubenabnahme x-mal wiederholt werden, bis es dem diensthabenden Vorgesetzten selber zu dumm wurde. Erst dann konnte das Licht ausgeschaltet werden. Zu dieser späten Stunde waren wir alle schon so geschafft, daß wir trotz des Ärgers und trotz aller Wut über diese Schikanen schnell in tiefen Schlaf versanken.

Ich war fest entschlossen, dieses Theater auf keinen Fall mitzumachen. Kurz entschlossen trug ich meinen Hocker in den Waschraum, wo er dringend benötigt wurde, und verstaute meine Kleidungsstücke, so wie ich diese auszog, nacheinander in meinem Spind. Dann sperrte ich diesen ab und legte mich schlafen. So brauchte ich keine Angst zu haben, daß mein Hocker jemals umgeworfen werden würde - und das tat gut.

Für solche Gemeinheiten revanchierten wir uns, so gut wir konnten. Die Singstunde war dafür besonders geeignet. Sie fand im Speisesaal statt. Die Vormänner übten mit uns Texte und Melodien von Liedern, die wir längst auswendig kannten. Wir ließen uns aber dennoch alles auf's Neue beibringen und stellten uns dabei so dumm, daß wir unsere helle Freude daran hatten. Entweder, wir wußten nicht mehr weiter, oder wir ließen eine Zeile aus, oder kamen gar in ein ganz anderes Lied. Die Vormänner tobten. Sie versuchten es bald mit Güte und bald mit Strenge. In unsere Köpfe wollte nichts hinein, so sehr wir uns auch nach außen hin anstrengten. Wir waren überglücklich, wenn diese Herren Ausbilder vor unseren Reihen auf- und abgingen und uns die bittersten Vorwürfe machten: „So was

Blödes wie ihr haben wir im ganzen Leben noch nicht gesehen!"

Unsere größte Stunde aber kam mit der Morgendämmerung am Tage der Abreise. Wir waren wieder Zivilisten, und hockten zum erstenmal vergnügt in den Baracken mit der Fahrkarte und dem Entlassungsschein in der Tasche. In diesen letzten Stunden des Wartens auf den ersten Zug am Morgen waren unsere Gedanken ganz auf Rache eingestellt.

Zuerst begnügten wir uns mit bloßen Wünschen, was wir diesen sauberen Herren alles antun würden, wenn wir dazu in der Lage wären. Dann aber überlegten wir, was wir tatsächlich machen könnten.

Das machte uns richtig Spaß. Je länger wir beisammensaßen, desto konkreter wurden unsere Pläne. Dann stand es fest: Um 3.00 Uhr früh wurde gleichzeitig jedes Zimmer der Führerbaracke gestürmt. Es war genau festgelegt, wer sich jeweils auf den Kopf des schlafenden RAD-Bonzen stürzen würde, wer ihm die Decke vom Bett ziehen würde und wer ihm das Nachthemd vom Leibe reißen mußte.

An den Strohsäcken in unseren Stuben fanden wir heraus, welcher Stock für den Rücken dieser Herren am geeignetsten war. Es machte uns richtig Spaß, den Waldrand nach geeigneten Schlagstöcken abzusuchen. Wir hatten für jeden Herrn auch eine eigene Büchse mit Lederfett bereit, mit dem der Rücken nach der Stockanwendung von oben bis unten eingerieben wurde. Es war ein gelungenes Unternehmen, und wir hatten keine Angst, daß diese Herren uns noch von der Abreise abhalten könnten.

Es gab im ganzen Lager an jenem Morgen keinen Tropfen warmes Wasser, um sich waschen zu können, wenn sie es nicht vorgezogen hatten, lieber regungslos in den Betten liegen zu bleiben, bis die ärgsten Schmerzen vorüber waren.

Wir aber stürmten den Zug in Brannenburg und sangen mit heller Begeisterung „Es zittern die morschen Knochen" und fuhren in der Nähe des Lagers vorbei.

Daheim wartete der Gestellungsbefehl zur Wehrmacht des Dritten Reiches auf mich. Die Kriegsmaschine lief auf vollen Touren.

 

Bei der Infanterie

Es begann in den Ruinen der Türkenkaserne. Meine erste Aufgabe war es, nach einem Fliegerangriff wenigstens eine einzige Toilette für die Offiziere in Ordnung zu bringen. Vergeblich.

So wurde die einstige Reithalle, deren Mauern ebenfalls bis auf die Fensterhöhe zerstört waren, zur Gemeinschaftstoilette in der Kaserne. Ein Dachbalken in Sitzhöhe angebracht, war nun das ,Häuschen' für alle. Zu den Stoßzeiten saßen dort Soldaten der verschiedensten Dienstgrade. Wer Papier hatte, teilte es mit dem Nebenmann. Jeden zweiten Tag wurde der Balken einen halben Meter nach vorne gerückt.

Die Zeit verging mit Holzmachen und Wache schieben. Zum Schlafen war kaum Gelegenheit. Angeblich war auf dem Kasernengelände ein großes Munitionslager, das streng bewacht werden sollte. Es konnte jedoch niemand sagen, wo es war. Auf jeden Fall mußte es bewacht werden, ob es nun existierte oder nicht.

Zu diesem Zweck war das ganze Kasernengelände zu begehen, einschließlich der Schuttberge auf allen Seiten. Dabei entdeckte ich einen Luftschutzbunker, dessen Eingang fast verschüttet war. Dieser war ausgestattet mit einem Bett, und das war mehr, als ich zu hoffen wagte. Es war eine angenehme Zuflucht in den bitterkalten Winternächten.

Gerne gestattete ich mir dort ein Nickerchen mit Stahlhelm und in voller Ausrüstung, das Gewehr fest in der Hand. Einmal aber schlief ich fest ein, ich verschlief sogar die Zeit meiner Ablösung. Das war Wachvergehen. Dafür gab es keine Entschuldigung. Das war klar.

Plötzlich schreckte ich auf, sprang auf, schlich mich lautlos aus dem Bunker und stand wieder in der stockfinsteren Nacht. Es war totenstill. Dann hörte ich Schritte, sie kamen näher. Ich schrie: „Halt, wer da!" Es war der wachhabende Offizier vom Dienst. „Wo waren Sie?" schrie er mich an. „Auf Wache, Herr Leutnant! Kreuz und quer im Kasernengelände!" Er nahm es mir ab. Es war mein Glück.

Am Neckar gingen wir zum erstenmal in Stellung, vorbei an einer zerstörten Artilleriestellung, die Mannschaft tot neben den Geschützen. Auf der Straße lagen Pferde mit aufgeblähten Bäuchen zwischen Fahrzeugteilen. Es war Krieg mit all seinen Schrecken.

Um Mitternacht war gewöhnlich Essensausgabe, wozu ein guter Teil der Kompanie für kurze Zeit zusammenkam. Als Treffpunkt war auch einmal eine Kiesgrube bestimmt worden, kurz hinter der Front. Ein amerikanischer Spähtrupp mußte dies bemerkt haben, weil diese Kiesgrube plötzlich mit schweren Geschützen beschossen wurde. Es gab kaum ein Entrinnen. Ich hörte das Schreien der Verwundeten. Es war herzzerreißend. Unsere Aufgabe war es, den Vormarsch der Amerikaner aufzuhalten, so gut es ging. Zu diesem Zweck mußten wir uns jeden Tag neu eingraben, um in den Erdlöchern den Beschuß der Amerikaner über uns ergehen zu lassen. Das war keine Kleinigkeit. Sie schossen nämlich der Reihe nach auf jeden einzelnen Landser. Sie taten es mit allen Geschützen. Einmal - dann kam der Nächste an die Reihe. Da bebte die Erde und jeder Landser mit ihr.

Danach rückten die Amis vor. Für uns war es dann höchste Zeit, unsere Löcher zu verlassen, und von Deckung zu Deckung springend, aus dem todbringenden Blickfeld der Amis zu kommen. Für die Amerikaner war dies fast wie eine Hasenjagd.

Auf dem Rückweg hatten wir uns aus den Kellern und Speisekammern der verlassenen Anwesen geholt, was wir zum Leben brauchten. Einmal kam ich dabei über ein Faß Most. Ich trank davon, so viel ich konnte und bekam davon schrecklich Bauchweh.

Ich saß neben dem Misthaufen und krümmte mich vor Schmerzen. Da hörte ich: „Schnell, schnell, die Amerikaner!" Die anderen machten sich mühelos aus dem Staub, ich nur noch mit letzter Kraft.

Manchmal war es schwer, beim Rückzug den Anschluß an die eigene Truppe wieder zu finden. Einmal hatte ich die Orientierung verloren. Wo ich auch hin wollte, überall waren Amerikaner. So blieb ich im Wald, kroch in ein Dickicht, um auf die Dunkelheit zu warten.

Ich öffnete meine Gasmaskenbüchse, die ich immer mit Verpflegung gefüllt hatte, und machte eine wohlverdiente Brotzeit. Dann schlief ich ein. Es mußte schon um Mitternacht gewesen sein, als ich wieder erwachte, um mich gleich auf die Suche nach meiner Einheit zu machen.

Ich hatte schon eine gute Strecke zurücklegen können und näherte mich einer Anhöhe mit einem Gehöft, vor dem eine Wache postiert war. „Endlich geschafft!" dachte ich mir und näherte mich dem Gehöft. Gerade, bevor ich mich bemerkbar machen wollte, schob sich der Mond aus den Wolken und ich sah, es war ein Amerikaner. Ich blieb in Deckung und wartete, l )er Posten stand sehr gelangweilt da, dann schlenderte er in meine Richtung. Mir klopfte das Herz - aber er sah mich nicht. Ich hätte ihn am Fuß fassen können, so nahe war er. Er verschwand. Ich schlich mich am Gehöft vorbei und kam tatsächlich wieder gut zur eigenen Einheit.

Einige Tage später waren wir in einer noch viel schlimmeren Lage. Es gab keine Fahrzeuge mehr. Granatwerfer samt Munitionskästen mußten nun von uns selbst mit der eigenen Ausrüstung geschleppt werden. Wir waren keine Soldaten mehr, sondern Lasttiere, die schonungslos an einer endlosen Hecke entlanggetrieben wurden. Die Schnaufpausen wurden immer häufiger und bald ging es überhaupt nicht mehr.

Wir lagen völlig erschöpft inmitten dieser Sachen und rührten uns nicht mehr. Da halfen keine Befehle, kein Schreien und Fluchen. Wir waren am Ende. Plötzlich erschallten Befehle. Wir bauten die Granatwerfer zusammen. Richtungsangaben und Zahlen wurden geschrien und automatisch weitergegeben. Dann krachte es. Wir schossen wie Wahnsinnige, denn wir hattcn nur den Wunsch, unsere Munition loszuwerden. Und Schießen war dazu die einzige Möglichkeit.

Unser nächstes Ziel war ein Wald in ziemlicher Entfernung. Ich traf dort keinen mehr von meinem Haufen. Amerikanische Panzer tauchten auf. Sie schossen, bis die Rohre glühten. Es krachte und explodierte überall, sogar über dem Boden. Danach kamen Sanitätsfahrzeuge der Amerikaner. Es wurde geholfen, wo noch zu helfen war.

Damit war der Krieg für mich zu Ende. Ich wollte meine Uniform gegen irgendeine Zivilkleidung eintauschen und bei einem Bauern um Arbeit und Unterkunft bitten. Es kam aber anders.

Weil ich von der naheliegenden Straße, die voller Militärfahrzeuge war, gut eingesehen werden konnte, mußte ich auf jenem Schlachtfeld liegen bleiben bis zum Einbruch der Dunkelheit.

Im Wald traf ich dann einige Männer vom Volkssturm mit Panzerfäusten. Zu allem Unglück begegneten wir dann noch einem Sturmführer der Waffen-SS, der uns sofort unter seinen Befehl gestellt hatte.

Wir marschierten schon einige Stunden, teils im Schutze des Waldes, dann wieder hinter Hecken, immer ziemlich dicht an der Straße. Dann begannen die alten Herren vom Volkssturm zu ermüden, und ich gab ihnen ein Zeichen, sich still und leise von ihren Panzerfäusten zu erleichtern. Der Sturmführer ging immer voraus und merkte nichts.

An einer bestimmten Stelle hielt er plötzlich inne und wollte die Panzerfäuste. Er wurde wütend, als er sah, was geschehen war. „Ihr werdet alle hängen, das verspreche ich euch!" flüsterte er in maßloser Erregung. Einer der Männer sagte dann, daß sie die Panzerfäuste nur auf meinen Rat hin zurückgelassen hätten.

Der SS-Offizier hielt mir seine Pistole an die Brust und sagte mit unterdrückter Stimme: „Ihr Glück, daß die Amis da sind! Wenn wir drüben sind, werde ich Sie erschießen. Führerbefehl!" Dann wurde ich entwaffnet. Er verlangte mein Soldbuch, und ich gab es ihm ohne zu zögern. „Noch sind wir nicht drüben", dachte ich.

Während die Amis in Gruppen beisammensaßen und ihre Verpflegung aßen, mußten die Männer nach und nach die Straße überqueren. Ich mußte neben dem Sturmführer zum Straßenrand kriechen.

„Los, auf!" flüsterte er. Ich sprang mit ihm auf, aber nicht um auf die andere Straßenseite zu gelangen, wie der Sturmführer. Ich suchte Deckung an der Seite des nächsten Panzers und kroch wieder zurück in den Straßengraben und gelangte unbemerkt in den Wald, aus dem wir gekommen waren.

Ich kannte den einschlägigen Führerbefehl. Er war uns oft vcnug eingeschärft worden, und ich dachte an die Soldaten, die mit gefesselten Händen, nicht selten mit hohen Auszeichnungen um der Brust, und einem Strick um den Hals an Bäumen hingen.

Es gelang mir nicht mehr ein Dorf oder wenigstens ein einzelnes Gehöft zu erreichen. Die Besatzung eines Ami-Jeeps entdeckte mich auf freiem Feld und nahm mich gefangen.

Ein neues Kapitel in meinem Leben hatte begonnen.

 

In Gefangenschaft

Für mich war das erste Lager in der Nähe von Pforzheim, zwischen einer Straße und einer Bahnlinie. X-tausende von Landsern wurden dorthin gebracht und unter freiem Himmel eingesperrt.

Es gab täglich einen kleinen Keks für drei Personen, dazu einen Schluck Wasser. Das war verdammt wenig. Der Hunger tat weh. Nach einigen Tagen hörte der Magen auf zu knurren, dafür wurde mir eher schwarz vor den Augen. Manche versuchten, diese spärliche Verpflegung durch alte Kartoffeln zu bereichern, die da und dort noch vom vergangenen Jahr auf den Feldern zu finden waren. Sie alle erkrankten an unaufhörlichem Durchfall. Geschwächt wie sie waren, fielen sie nacheinander in die Latrinengrube.

Jeden Morgen kam ein Raupenfahrzeug mit einer großen Schaufel und schob Erdreich in die Grube. Dann wurde daneben eine neue Latrine ausgehoben. Auch diese wurde wieder zum Massengrab wie am Tag zuvor.

Wir arbeiteten schon einige Monate als „Prisoner of War" in den Rheinauen bei Mannheim, ohne Aussicht, ein Lebenszeichen nach Hause schicken zu können. Immer wieder wurden wir auf bestimmte, gesetzlich vorgeschriebene Formulare vertröstet, die zwar längst bestellt waren, aber noch nicht eingetroffen wären.

Da sann ich auf Abhilfe, und es klappte. Ich versah ein einfaches Stück Papier mit meinem Namen als Absender und bat, dieses Stückchen Papier an das Dompfarramt im München weiterleiten zu wollen.

Auf die Rückseite schrieb ich, daß ich den Krieg gesund überstanden hätte, und wo ich in Gefangenschaft war.

Dicses Stückchen Papier faltete ich ganz klein zusammen und legte es hinter den Kilometerstein am Sammelplatz. Auf dem Heimweg in das Lager, wo viele Landser nur nach möglichen Zigarettenkippen spähten, hielt ich Ausschau nach Zivilisten. In der Ferne sah ich einen Buben. „Hinter dem Kilometerstein liegt etwas für deine Mutter. Bitte, bring es ihr." Der Bub wartete, bis wir vorbeimarschiert waren. Dann ging er zurück und besorgte meinen Zettel.

Es waren kaum acht Tage vergangen, und ich hatte Nachricht von daheim. Ich erfuhr, daß mein Vater bereits daheim war, und daß die Großmutter in den letzten Kriegstagen verstorben war.

Mein Unternehmen machte Schule. In kurzer Zeit hatten alle Mitgefangenen, die in der amerikanischen Besatzungszone lebten, Post von daheim.

Die in den übrigen Besatzungszonen lebenden Landser drängten nun immer wieder auf die versprochenen Formblätter für die Post von Kriegsgefangenen. Immer deutlicher wurde dem Captain zu verstehen gegeben, daß seine Worte nichts als pure Ausreden wären.

Um sein Gesicht zu wahren, ließ er bekanntgeben, daß ein Besuchszeit errichtet werden würde, und daß bereits in der

nächsten Woche am Samstagnachmittag zwischen 14.00 und 16.00 Uhr alle Gefangenen die gewünschten Besuche erhalten könnten.

Schon Stunden vor der angegebenen Besuchszeit versammelten sich die ersten Angehörigen vor dem Eingang zum Lager. Der Captain konnte sein Erstaunen nicht verbergen. Immer wieder ließ er die Leute fragen, ob sie auch sicher seien, daß ihre Angehörigen hier im Lager wären.

Eine Bauersfrau, die ihren Mann im Lager hatte, brachte in einer Schachtel Zivilkleidung mit und sagte, daß sie ohne ihren Mann nicht heimgehen würde. Wir überlegten, wie wir helfen könnten.

Kurz entschlossen standen wir dicht gedrängt um diese beiden herum, während er seine Bekleidung wechselte. Die Uniform kam in die Schachtel, und um 16.00 Uhr verließ er mit den übrigen Besuchern das Lager. Seit dieser Stunde war Thema Nummer eins nicht mehr das Essen, sondern, wie wir aus dem Lager entkommen könnten. Wir wurden sehr erfinderisch.

Nun kamen fast täglich Lastautos der Amerikaner, um die verschiedensten Sachen abzuholen, die hier in rauhen Mengen vorrätig waren. Unsere Aufgabe war es, diese Fahrzeuge zu beladen. Dabei versuchten wir, an den meist farbigen amerikanischen Fahrern unsere Englischkenntnisse auszuprobieren. Ganz unauffällig fragten wir dann auch dazwischen: „You from Nürnberg?", worauf er prompt sagte, woher er tatsächlich kam.

Sofort ging die Nachricht im ganzen Lager von Mund zu Mund. Wenn einer mitfahren wollte, wurde das Fahrzeug so beladen, daß auch für den blinden Passagier noch gut Platz war. Auf diese Weise kam so mancher Landser mühelos nach Hause.

Der Lager-Captain ließ meistens zur Abschreckung melden, daß der Gefangene so und so da oder dort erwischt worden wäre, und daß er vor das amerikanische Kriegsgericht gestellt werden würde. Manchmal schreckte er auch sogar davor nicht zurück, uns den Tod eines Mitgefangenen zu melden. Meistens aber bekamen wir nach einigen Tagen Nachricht, daß der Betreffende gut daheim angekommen war.

Im Spätherbst, als bereits dichter Nebel über den Rheinauen lag, gelang einer ganzen Arbeitsgruppe die Flucht in die Freiheit.

Dieses Unternehmen wurde sorgfältig vorbereitet. Es begann damit, daß die Arbeiter des Pionierparks nach und nach mit jenen Gefangenen ersetzt wurden, die zusammen in einem Schlauchboot ausbrechen wollten. Dann waren sie alle bestrebt, durch besondere Freundlichkeiten das Vertrauen der Wachsoldaten zu gewinnen.

Dies gelang ihnen nicht zuletzt durch die Errichtung eines „Wachlokales". Die Wachmannschaft wußte dies zu schätzen. Mit Bedacht wurde dieses Häuschen auch mit einem Öfchen ausgestattet. Kein Wunder,. daß sich die Wachmannschaft immer häufiger darin aufzuhalten pflegte.

Eines Tages war es dann soweit. Es herrschte dichter Nebel. Die Arbeitsgruppe marschierte mit ihren Posten zum Pionierpark, dort wurden die Posten in ein Gespräch verwickelt, dabei jeder der Posten unauffällig umringt. Auf ein Zeichen hin wurden ihnen dann die Gewehre abgenommen, die Posten in das Postenhäuschen gesperrt und das Schlauchboot in den Rhein gelassen.

Wir horchten angestrengt an jenem Morgen, konnten aber nichts hören. Mittags kam diese Arbeitsgruppe nicht zum Essen, was den übrigen Posten nicht auffiel. Erst am Abend begannen sie, sich Gedanken zu machen. Schließlich schickten sie nach dem Pionierpark, um sie alle zu holen. Die Posten kamen allein. Sie erzählten, was geschehen war. Es war seltsam! Einesteils freuten wir uns über den gelungenen Ausbruch, dann aber taten uns auch die Posten wieder leid, denen der Prozeß gemacht werden sollte.

Kein Wunder, daß diese Bewachungskompanie abgezogen wurde. Dafür bekamen wir Neger, die uns wieder sehr gut gesonnen waren. Am Heiligen Abend waren noch einige kleinere Arbeiten zu verrichten. Ich mußte irgendwo einen kleinen Wassergraben freimachen, was gleich erledigt war. Dann blieb mir mit meiner Bewachung nichts übrig, als geduldig auf den Rücktransport in das Lager zu warten.

Kurz vor Feierabend holte der Neger zwei dicke Zigarren aus der Tasche. Er gab mir eine und schrie plötzlich ganz aufgeregt: „Christmas! - Christmas! - You smoke cigar!" Dann brachte er seine Zigarre zum Brennen. Er bot mir auch eine an.

Ich war Nichtraucher. „I not smoke", sagte ich. Er aber ließ das nicht gelten, sondern schrie: „Happy Christmas! - - Happy Christmas! You smoke cigar!" Ich lehnte ab, wehrte mich und bedankte mich zugleich, so gut ich konnte. Der Neger hatte dafür kein Verständnis. Er wurde wütend, als hätte ich ihm weiß Gott was angetan. Schließlich riß er sein Gewehr von der Schulter und brachte es gegen mich in Anschlag: „You smoke cigar! It's Christmas ! - You understand! - You bloody bastard !"

So stand er nun da, das Gewehr im Anschlag, und ich rauchte, so gut ich konnte. Erst als ich nur noch einen kurzen Stummel hatte, wagte ich es, diesen wegzuwerfen. „Is Christmas! You understand, Christmas!"

Im Lager wurde mir furchtbar schlecht. Ich verlor das Bewußtsein und kam erst nach Weihnachten wieder zu mir. Ich hatte eine ernste Nikotinvergiftung.

Im Sommer 1946 erfaßte uns alle eine ungeheure Ungeduld. „Endlich heim! - Nichts als heim!" Es war zum Verrücktwerdcn. Täglich gab es neue Gerüchte über eine baldige Entlassung, und täglich wurden wir wieder enttäuscht.

Ein Nürnberger, der wie ich seinen 18. Geburtstag in Gefangenschaft mit einer Extraportion Verpflegung „feierte", sagte mir: „Jetzt haue ich ab. Mag sein, was will!"

Einige Tage später hatten wir eine lange Reihe von Armeefahrzeugen fahrbereit zu machen. Da hieß es, Autobatterien schleppen, beim Einbauen behilflich sein, Benzin, Wasser und Luftdruck überprüfen.

Am darauf folgenden Tag kamen Amerikaner, um diese Fahrzeuge abzuholen. Sie machten eine Probefahrt im Lager. Der Nürnberger war auch dabei. Er saß am Steuer eines Jeeps, eine Amimütze auf dem Kopf, wie ein waschechter Amerikaner. Ich traute meinen Augen kaum, als er als Letzter dieser Wagenkolonne aus dem Lager fuhr.

Beim Abendappell erfuhren wir bereits, daß sein Vorhaben schief gegangen war. Er bekam Schwierigkeiten mit dem Jeep. Als man ihm helfen wollte, wurde er entdeckt und gleich wieder festgenommen.

Der Lager-Captain versicherte uns, daß er sich wegen des Diebstahls von amerikanischem Eigentum vor einem Militärgericht zu verantworten hätte. Zwei Jahre Zwangsarbeit in einem Bergwerk wären ihm sicher.

Zu unserer großen Freude kam er einige Tage später zu uns in das Lager. Er hatte einen gültigen Entlassungsschein in der Tasche. Bei der Verhandlung wurde er gefragt, warum er den Jeep gestohlen hätte.

Er sagte, daß dies die einzige Möglichkeit war, endlich aus diesem Lager zu kommen. Der Richter hatte Verständnis für ihn und ließ ihm einen Entlassungsschein ausstellen.

Acht Tage später wurde auch ich entlassen. Es war höchste Zeit.


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