Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Vorgeschichte,    Grüß ihn schön,    Schwerer Anfang in München,    Das Pfarrerspiel,    Wie ich auf das Gymnasium kam,    Audienz bei Kardinal,    Die Schatzkammer im Dom,    Der Rosenkranz vom Heiligen Vater,    Der Hitlergruß in der Schule      


Vorgeschichte

Als Mädchen liebte meine Mutter einen Protestanten. Er war damals so ziemlich der Einzige weit und breit. Trotz aller Widerstände war sie fest entschlossen, ihn zu heiraten. Ein Protestant war damals noch ein echtes Ehehindernis für ein katholisches Mädchen, und nicht nur ein kleiner Schönheitsfehler, wie das heute der Fall ist.

Es hatte auch einige Zeit so ausgesehen, als könnte meine Mutter tatsächlich mit Erfolg gegen den Strom der Zeit schwimmen. Das änderte sich aber mit einem Schlag, als ich - gleichsam als Dritter im Bunde - mein Kommen angemeldet hatte.

Aus der Hochzeit wurde nichts. Aus diesem Grunde wurde ich nicht im sicheren Hafen der Ehe geboren, sondern in den einsamen Gewässern daneben. Einige Jahre später gab es dann doch eine Hochzeit. So wurde aus dem kleinen Willibald Braun der Willibald Glas.

Die Eltern gaben sich ihr Jawort vor dem festlich geschmückten Hochaltar des Münchner Liebfrauendomes. Sogar ein roter Teppich war ausgerollt und farbenprächtige Blumengebinde schmückten die Stufen zum Hochaltar. Meine Eltern trauten ihren Augen kaum vor solcher Pracht und Herrlichkeit.

Dieser Aufwand war natürlich nicht für sie gedacht gewesen. Sie hatten nur das Glück, gleich im Anschluß einer sehr noblen Hochzeit die ihrige zu feiern. Als ich dann viele Jahre später als Dombenefiziat nicht selten nach dem feierlichen Hochamt des Kardinals am gleichen Hochaltar eine stille Messe feiern durfte, dachte ich an die Trauung meiner Eltern. Wie sie, so hatte auch ich vom Glanz und Reichtum der Großen und Mächtigen gezehrt.

Meinen leiblichen Vater hatte ich nie persönlich kennengelernt. Lange Zeit wußte ich nichts von ihm. Später, als ich selber schon erwachsen war und ihn besuchen wollte, mußte ich erfahren, daß er auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr bei einem schweren Explosionsunglück ums Leben gekommen war.

Meine frühesten Erinnerungen kreisen um ein uraltes Holzhäuschen im niederbayerischen Mitterskirchen, wo ich bei der Großmutter eine wahrhaft selige Kindheit erleben durfte.

Meine Spielkameraden waren alle aus der Familie der Vierbeiner. Dazu gehörte eine graue Katze, die ich sehr gern mochte, weil sie alles mit sich machen ließ, was mir in den Sinn kam. Wenn es ihr zu viel wurde, sprang sie schnell davon, um nach kurzer Zeit wieder schmeichelnd für mich da zu sein.

Daneben gab es unter jenem Dach auch eine Anzahl Geißen. Zu meiner besonderen Freude kamen regelmäßig liebe, kleine Kitzen auf die Welt, die damals zu meinen innigsten Spielgefährten zählten.

Meine Großeltern mütterlicherseits waren Bauersleute. Ihr Anwesen hieß beim „Obermoar" in Winiham. Sie wurden dort allerdings hart vom Unglück verfolgt. Meine Mutter sprach oft davon, wie sie zusehen mußte, als ein Pferd nach dem anderen tot aus dem Stall gezogen wurde. Ohne Pferde standen die Pflüge still, mit dem Ackerbau war es aus.

Die Großeltern hätten Geld gebraucht, um neue Pferde zu kaufen. Sie bekamen keinerlei Hilfe. Diejenigen, die damals das Sagen hatten, waren für die Versteigerung des Anwesens, trotz des Bürgen, den der Großvater aus Oberhöcking besorgen konnte. Die Versteigerung war bereits in vollem Gange, als er mit ihm auf den Hof zurückgekommen war.

Von dieser Zeit an wurde der Großvater krank. Besonders verbittert war er über den damaligen Pfarrer. Ihm wird heute noch nachgesagt, daß er in der Angelegenheit meines Großvaters einen Meineid geschworen haben soll. Wie viel oder wie wenig an dieser Behauptung wahr ist, läßt sich heute nicht mehr nachprüfen.

Sicher ist jedoch, daß sich der Großvater in dieser Angelegenheit an den Bischof von Passau gewandt hatte. Meine Onkeln und Tanten erinnern sich noch recht gut, wie der Großvater im Schatten einer Petroleumlampe dieses Schreiben verfaßte. Er brachte einige Abende damit zu, bis es so weit gediehen war, daß es dem Hochwürdigsten Herrn Bischof gesandt werden konnte.

Leider ist dieses Schreiben nicht im Archiv des Bistums Passau aufbewahrt worden, sondern wahrscheinlich gleich in den Papierkorb gewandert. Vielleicht war auch der Vorwurf gegen den Pfarrer so ungeheuerlich, daß er von vornherein als unberechtigt angesehen wurde.

Wie dem auch gewesen sein mag, die Großeltern, mußten ihr Anwesen verlassen. Es war ein schwarzer Tag für die ganze Familie. Ihre neue Bleibe wurde das Gemeindehäuschen in Mitterskirchen.

Zu allem Unglück kam dann auch noch der Gendarm. Er sagte, daß er den Großvater mitnehmen müßte. Er hätte den Auftrag, ihn in die Irrenanstalt nach Mainkofen zu bringen. An Ort und Stelle mußte sich der Großvater von seiner Frau und den Kindern verabschieden. Es gab viele Tränen an jenem Tag.

Die Großmutter hatte es nun besonders schwer. Der Gendarm kam nun öfters ins Haus. Immer, wenn bei bestimmten Bauern etwas nicht gleich gefunden werden konnte, mußte der Gendarm bei der Großmutter suchen. Jedes Mal hatte er die Schränke zu öffnen und zu durchsuchen. Sogar die Strohsäcke mußte er herausnehmen und umdrehen. Er tat dies immer vergeblich und bald auch nur mit großem Widerwillen, bis er es schließlich ganz unterließ, um sich statt dessen mit Großmutter zu unterhalten.

Einmal brachte er auch eine Vorladung für das Amtsgericht. Leider gibt es über diese Verhandlung keine Aufzeichnungen mehr. Der Amtsgerichtsdirektor teilte mir auf meine Anfrage um, daß die Akten aus jener Zeit „längst vernichtet" wären. Die  Großmuttcr erzählte, was geschehen war.

Sie stand vor dem Richter und hörte ihm zu. Als sie antworten sollte, öffnete sie ihre Handtasche, griff nach dem Gebetbuch und nach dem Rosenkranz. Wortlos legte sie diese Dinge dem Richter auf den Tisch. Dann kniete sie sich im Gerichtssaal auf den Boden und flehte den Richter an: „Herr Richter, ich bitte Sie um eines: Erschießen Sie mich und meine Kinder, dann haben Sie Ihre Ruhe und wir sind erlöst."

Der Richter erklärte die Verhandlung als geschlossen. Dann bat er die Großmutter, in sein Haus zu kommen, wo sie eine Schachtel mit Wäsche und Lebensmittel für ihre Kinder überreicht bekam. Überglücklich kam sie von jener Verhandlung zurück. Von diesem Tage an blieb der Gendarm ganz aus.

Der Pfarrer von Hirschhorn mußte von der ganzen Angelegenheit erfahren haben. Auf sein Betreiben hin durfte die Großmutter mit ihren Kindern das Gemeindehäuschen in Mitterskirchen verlassen, um längere Zeit in Hirschhorn eine neue Bleibe zu finden.

Mit großer Dankbarkeit sprach die Großmutter von jenem Pfarrer, der sich so sehr für sie und ihre Kinder eingesetzt hatte. So lange sie in Hirschhorn waren, ging es ihnen nämlich sehr gut. Es gab auch ein kleines Nachspiel. Die beiden Nachbarpfarrer gingen sich von da an aus dem Weg. Es wollte keiner mehr etwas mit dem ändern zu tun haben.

Für die Großmutter kam dieser Ortswechsel noch aus einem anderen Grund wie gerufen.

Der Pfarrer hatte nämlich bemerkt, daß die Großmutter schwanger war. Nach seiner Meinung konnte das nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Er kam deshalb zu ihr in das Haus und stellte sie diesbezüglich zur Rede. Als er dann sagte, daß hier nur eine ehebrecherische Verbindung in Frage kommen könnte, wurde es der Großmutter zu bunt. Sie griff nach der Rußpfanne und ging auf den Pfarrer los. So schnell hatte dieser das Haus noch nie verlassen. Er kam auch nie wieder.

Die Großmutter blieb von dieser Zeit an auch dem Gottesdienst fern. Sie konnte den Pfarrer nicht mehr sehen. Statt dessen ging sie mit den Kindern zu einer kleinen Wallfahrtskapelle außerhalb Mitterskirchen, in der Nähe von Winiham. Dort betete sie zum gegeißelten Heiland. Nur der leidende Herr an der Martersäule konnte sie verstehen. Er hatte sie auch immer wieder getröstet.

Dann ging sie meistens noch ein wenig weiter, bis Winiham zu sehen war. Dort blieb sie lange stehen und schaute hinüber auf jenes Anwesen, das kurze Zeit vorher noch ihre Heimat war. Onkel Franz, der damals noch ein kleiner Bub war, konnte nicht begreifen, warum die Mutter Winiham sehen wollte und dabei immer weinen mußte.

Für Großmutter kam die Zeit der Niederkunft. Es war eine Totgeburt. Nachdem sie sich davon wieder erholt hatte, machte sie sich auf den Weg nach Mainkofen. Ihre Absicht war, mit dem Großvater heimzukommen.

Er wurde nicht entlassen. Dazu war die Anstaltsleitung angeblich nicht berechtigt. Es drückten aber alle ein Auge zu, als sie sich gemeinsam auf den Heimweg machten. Auch durfte er nicht in seinen eigenen Kleidern gehen, sondern mußte die Anstaltskleidung anlassen. Es wurde aber ausgemacht, daß er seine eigenen Sachen nachgeschickt bekommen würde, sobald die Anstaltskleider eingetroffen wären.

Es war noch hell am Tag, als sich die Großeltern Mitterskirchen näherten. Die Großmutter ging durch den Ort, als wäre sie allein. Der Großvater aber ließ sich etwas Zeit und machte einen großen Bogen um die Ortschaft, damit er von niemanden gesehen wurde. Es war bereits dunkel, als er daheim eintrat. Diesmal waren es Freudentränen, die vergossen wurden.

Die Anstaltskleidung wurde am nächsten Tag gleich gewaschen, geflickt und fein säuberlich gebügelt, dann endlich verpackt und abgeschickt. Es dauerte nicht lange, und ein anderes Paket kam zurück. In ihm fanden sie nicht nur alle Habseligkeiten des Großvaters, sondern auch einen Briefumschlag mit Bargeld. Es war sein Lohn.

Fast zehn Jahre lebte Großvater noch. Er kränkelte aber zusehends. Die schwere Arbeit beim Dampfdreschen konnte er bald nicht mehr verrichten. Er wurde bettlägerig, und die Großmutter pflegte ihn mit viel Liebe und Geduld.

Eines Tages sagte dann der Großvater: „Mutter, bring mir den Wandkalender." Großmutter wunderte sich und war gespannt, was er zu sagen hatte. Er drehte den Kalender hin und her und studierte ihn genau. Dann suchte er den Spalt für den Monat Juni. Dabei hielt er den Kalender weit von sich und deutete mit dem Finger auf das Herz-Jesu-Fest. „An diesem Tag werd' ich erlöst", sagte er zur Großmutter. „Der Heiland war heute Nacht bei mir. Er hat mir einen Brief gebracht. Ich habe ihn gelesen und unterschrieben."

Die Großmutter sagte dies den Kindern und durch die Kinder erfuhren davon auch die Nachbarn. Bald darauf wußte es auch der Pfarrer. Die Neugierde war groß. Der Großvater aber starb, wie er es vorhergesagt hatte, am Herz-Jesu-Fest des Jahres 1925.

Vorher wurde der Großvater vom Kaplan versehen. Hernach kam er wieder und fragte, ob der Pfarrer selber noch kommen dürfte. Er würde beim Großvater um Verzeihung bitten. Der Großvater aber sagte: „Was Ehrabschneidung und Beleidigung angehe, ist ihm verziehen. Was aber das Anwesen betrifft, so ist das nicht mehr meine Sache. Es ist jetzt die Sache meiner Frau und ihrer zehn Kinder."

Es war eine große Beerdigung. Seinem Wunsch gemäß läuteten alle Glocken während des Leichenzuges vom Gemeindehäuschen bis zum Friedhof.

Was ich abschließend noch berichten möchte, klingt wie ein Märchen. Ich habe es oft und oft gehört, immer, wenn über den Großvater gesprochen wurde im Kreise unserer Familie. Danach kam eines Tages ein fürchterliches Unwetter, und zu allem Unglück von der ganz verkehrten Seite.

Es blitzte und donnerte und alle hatten Angst und fragten sich, was das wohl zu bedeuten hätte. Dabei war der Pfarrer verstorben. Daraufhin soll die Kunde durch das Dorf gegangen sein: „Den alten Pfarrer hat der Teufel geholt."

Ich selber möchte aber gleich hinzufügen: „Herr, laß ihn ruhen in Frieden."

 

„Grüß ihn schön"

Meine Großmutter war sehr erpicht, daß ich immer schön Gelobt sei Jesus Christus sagen würde, obwohl der liebe Heiland nie dabei war, wenn der Pfarrer kam. Die Großmutter meinte zwar, der liebe Heiland sei trotzdem da, beim Pfarrer innen drinnen, und daß ich ihn nur deshalb nicht sehen könnte.

Da gab es so manche unerfreuliche Auseinandersetzung mit der Großmutter, besonders wenn ich mir erlaubte, sie selber mit diesen Worten zu grüßen. „Gelobt sei Jesus Christus!, sagt man nur zum Herrn Pfarrer", wehrte sie ab. Mir wollte das nicht einleuchten, weil der liebe Jesus doch in allen Menschen ist, die ihn lieben.

Bald darauf ist meine Großmutter aus allen Wolken gefallen. Wir waren gerade auf dem Weg zur Kirche, wo das Kripperl noch aufgestellt war, das ich immer gerne anschauen wollte. Da kam der Pfarrer des Weges und Großmutter ermahnte mich: „Jetzt grüß schön, wie sich das gehört." Ich ging hin und stellte mich vor ihm auf und sagte: „Pfarrer, a Mark aussa!" Das war nämlich genau das, was mir mein Onkel Alois geraten hatte, als ich diesbezüglich wieder einmal von der Großmutter bedrängt wurde.

Einen Augenblick war er überrascht, dann aber lachte er herzlich, griff in seine Tasche und überreichte mir ein Zehnerl. „Da hast deine Mark", sagte er. „Geh' zum Kramer und kaufe dir eine Brez'n."

Die Großmutter sagte: „Hochwürden, bitte, bitte, entschuldigen Sie tausendmal. Nein, nein, unfaßbar, wie einem die Kinder blamieren." Der Pfarrer machte eine kleine Handbewegung, als wollte er sagen: „Liebe Frau, machen Sie sich keine Sorgen. Es ist nicht der Rede wert", und ging seines Weges.

Die Großmutter ging mit mir zum Kramer, und ich bekam meine Brez'n, weil man schließlich alles tun muß, was der Pfarrer sagt. Daheim bekam ich dann noch eine Tracht Prügel dazu. Davon hatte Hochwürden allerdings nichts gesagt.. Von da an war es ganz aus mit dem besonderen Gruß für den Pfarrer. Ich ging ihm aus dem Weg, wo ich nur konnte.

 

Schwerer Anfang in München

Zwei Tage vor meinem ersten Schultag mußte ich nach München.

An jenem Tag verfinsterte sich für mich der Himmel. Die schöne Zeit bei meiner Großmutter war vorbei. Man schrieb das Jahr 1933.

Die Mutter versuchte mir das Leben in der Stadt schmackhaft zu machen. Sie versicherte mir: „Dein kleiner Bruder und dein Schwesterchen freuen sich auf dich. Der Papa hat dir zwei Pferde und einen Leiterwagen gekauft. Auch er will, daß du endlich nach München kommst." Ich aber konnte diesen Worten nichts Gutes abgewinnen. Auch verspürte ich nicht das geringste Verlangen nach meinen Angehörigen in der Stadt. „Bedenke doch", hieß es dann, „bald kommen die Ferien. Dann darfst du wieder bei der Großmutter sein." Aber kein noch so gutes Wort vermochte in mir Freude zu wecken. Auf München und auf meine Familie hätte ich am liebsten verzichtet. Ich aber mußte Mitterskirchen verlassen. Da half kein Weh und Ach.

Das Leben in der Landeshauptstadt bedrückte mich. Die Mutter ging nämlich meistens in die Arbeit, sobald ich von der Schule nach Hause gekommen war. Ich mußte dann auf die kleinen Geschwister aufpassen und als der größere Bruder immer der Gescheitere sein. Das war bitter. Obendrein durfte ich mir keine Unzufriedenheit anmerken lassen. Die Eltern hätten es nicht geduldet. Nachts aber, wenn alle schliefen, überfiel mich das Heimweh. Ich sehnte mich nach der Großmutter, nach der altvertrauten Hütte, nach den Ziegen im Stall und nach dem Bach vor dem Haus. Meine einzige Hoffnung war das Wiedersehen.

Als dann aber die ersten lang ersehnten Ferien gekommen waren, durfte ich nicht zur Großmutter nach Niederbayern. Der Vater meinte, es wäre besser so. Mir aber brach es fast das Herz.

So verbrachte ich die Ferien mit meinen kleinen Geschwistern in den engen Gassen hinter dem Rathaus, wo damals noch vierstöckige Häuser standen. Dann und wann durfte ich allein auf die Straße. Sogleich lief ich in den Englischen Garten. Die Bäume und Sträucher inmitten der grünen Wiesen zogen mich an. Am meisten aber freute ich mich auf den Bach mit den vielen Fischen und dem zutraulichen Federvieh.

Zu meiner Überraschung entdeckte ich auch eine frischgemähte Wiese. Das Gras lag noch in langen Zeilen auf der Erde. Ich überlegte hin und her. Schließlich durchsuchte ich die Abfallkörbe nach brauchbaren Tüten und füllte diese mit dem frischen Gras. Daheim legte ich es wie eine Kostbarkeit auf das Fensterbrett, in der Hoffnung, daß es die Sonne allmählich dörren würde. Ich wendete es immer und immer wieder. Dabei vergaß ich die Stadt. Die Heuernte bei der Großmutter hatte mich in ihren Bann gezogen. Plötzlich verwandelte sich der Holzboden unserer Dachwohnung zur Wiese. Der Küchentisch wurde zum heiß ersehnten Haus meiner Großmutter. Und ich ging endlich wieder bei ihr ein und aus. Dieses Spiel mit dem Gras und dem Heu machte mich überglücklich. Es war das erste Mal, daß ich in München Freude empfand. Die Großstadt fing an, erträglich zu werden.

Einige Jahre früher hatte es bereits meine Mutter nach München verschlagen. Zuvor hatte sie sich schon als Schulkind bei den umliegenden Bauern das Brot verdient. Als aber die Großeltern in das Armenhaus mußten, konnte sie es in der Gegend nicht mehr aushaken. Dieses Unglück lastete wie eine Schande auf ihr. Deshalb suchte sie sich eine Arbeit, wo niemand davon wußte.

Auf diese Weise kam meine Mutter zuerst nach Rott am Inn. Dort erlebte sie ihre erste große Liebe. Dabei wurde sie schwanger und als die Zeit gekommen war, brachte sie mich auf die Welt. Meine Geburt war für die Eltern Grund genug, allen Ernstes an das Heiraten zu denken. Deshalb gingen sie zum Pfarrer und brachten ihr Anliegen vor. Meine Taufe bereitete keine Schwierigkeiten. Anders war es mit der Trauung meiner Eltern. Diese wurde ihnen verwehrt. Das Ehehindernis der Konfessionsverschiedenheit stand ihnen im Weg. Der Bräutigam war evangelisch, die Braut katholisch. Dieser Umstand war damals noch ein echtes Ehehindernis. Praktisch wurden die beiden geschieden, noch bevor sie geheiratet hatten.

Meine Mutter brachte dieses Unglück an den Rand der Verzweiflung. Sie pflegte Selbstmordgedanken und wollte mit mir ins Wasser gehen. Gott sei Dank kam alles anders! Die Großmutter ließ ihr wissen, daß sie und ich herzlich willkommen wären. Als ich dann in ihren Armen lag, soll sie gesagt haben: „Schickt Gott ein Haserl, dann schickt er auch ein Graserl." So wurde alles wieder gut. Jahrzehnte später, als ich selber schon erwachsen war, ging mir auf, warum meine Mutter jenes rührselige Lied „Mariechen saß weinend im Garten", so gerne sang. Es hatte ihr eigenes Schicksal zum Inhalt.

Wenige Tage später wagte sich dann meine Mutter ganz allein nach München. Sie war entschlossen, die erstbeste Arbeitsstelle anzunehmen. Hauptsache, sie hatte ein Dach über dem Kopf. Der Lohn war äußerst spärlich. Durch eisernes Sparen brachte sie aber im Laufe der Zeit doch etwas Geld auf die Seite. Im folgenden Jahr lernte sie einen Fuhrmann kennen, der ebenso entschlossen sparte wie sie. Auch ihn hatte es völlig mittellos nach München verschlagen. Die beiden verstanden sich. Sie wurden Freunde und nach und nach ein Liebespaar. Entschlossen und zielbewußt steuerten sie einer gemeinsamen Zukunft entgegen.

Nach langem Suchen fanden sie eine Wohnung, die für sie erschwinglich war. Diese bestand aus zwei kleinen Zimmern in einem Dachgeschoß hinter dem Rathaus. Dort aßen sie ihre Mahlzeiten anfänglich auf dem Fensterbrett. Für die Nacht stand ihnen in der ersten Zeit auch nur eine einzige Matratze zur Verfügung. Langsam fügte sich aber eines zum anderen. Schließlich waren sie stolz auf ihr eigenes kleines Reich in der Weinstraße 14.

Am 19. Mai 1931 heirateten sie im Dom zu Unserer Lieben Frau. Dies geschah im Anschluß an eine Nobelhochzeit. Kaum hatte jenes Brautpaar den Dom verlassen, kamen meine Eltern an die Reihe. Auf einem roten Teppich und zwischen kunstvollen Blumengebinden folgten sie dem Geistlichen vor den Hochaltar. Der Organist nahm sich Zeit und spielte auch für sie. Meine Eltern hatten eine Traumhochzeit und obendrein noch gratis. Eine Stunde später gingen beide wieder ihrer gewohnten Arbeit nach. Sie konnten es sich nicht leisten, einen ganzen Arbeitstag zu verlieren. So sehr waren sie auf jeden Pfennig angewiesen.

Bald darauf erreichte der Vater sein Traumziel. Er wurde Bierführer in einer Münchener Brauerei. Die größten Stunden schlugen ihm während des Oktoberfestes. Er saß auf dem festlich geschmückten Wagen, die Zügel des stattlichen Sechsergespannes fest in den Händen. Selbstbewußt und stolz fuhr er dahin. Die Mutter war glücklich, weil sie uns alle ernähren und bekleiden konnte. Vieles nähte sie mit eigener Hand. Was abgetragen war, erneuerte sie so geschickt, daß es wie neu aussah. Den Nachbarn blieb das nicht verborgen. Oftmals riefen sie uns zu sich. Dann bestaunten sie die Nähkünste der Mutter. Wir Kinder waren dann sehr stolz auf sie.

Langsam aber sicher wurde ich ein Stadtkind. Ich hatte meine Freude, wenn ich mit meinen beiden Geschwistern mitten in der Großstadt Schlitten fahren konnte. Wenn es viel geschneit hatte, fuhren wir zwischen den Frauentürmen über die Stufen des Hauptportals. Noch besser ging es bei der Feldherrnhalle. Und wenn die Stufen vor unseren Augen geräumt wurden, blieb uns immer noch der Abhang vor dem Armeemuseum. So ersparten wir uns den langen Weg zu den Abhängen rund um den Friedensengel.

Zwischendurch verwandelten wir auch die Dachterrasse zum Spielplatz. Kindern war der Zutritt verboten. Wir schlichen aber trotzdem besonders gerne hinauf, wenn gerade keine Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Dann war es Zeit für ein „Fangsterl". Es wurde ausgezählt: „Ene-mene-mu und drauß bist du!" Dann begann die wilde Jagd um den Kamin. Nur wer in der Dachrinne stand, durfte nicht mehr gefangen werden. Wir schlüpften deshalb gerne durch das Geländer der Dachterrasse. Es bestand ohnehin nur aus senkrecht angebrachten Winkeleisen, die mit Eisenstäben kreuzweise miteinander verbunden waren.

Einmal hielt sich meine Schwester nicht an die Abmachung. Sie verfolgte den Sohn unserer Nachbarn in der Dachrinne. Dabei verlor der Bub das Gleichgewicht und stürzte vom fünften Stock in die Tiefe. Dann hörten wir einen durchdringenden Schrei. Er kam von einer Frau, die im Hof saß und gerade ihren Kaffee trank. Ihr war er in den Schoß gefallen. Beide kamen ins Krankenhaus. Die Frau litt an einem schweren Schock. Der Bub aber war zum Abendessen wieder daheim. Damals versprachen wir Kinder hoch und heilig, nie wieder auf das Dach zu steigen.

 

Das Pfarrerspiel

Als ich in das Alter eines Kommunionkindes hineinzuwachsen begann, spielten wir Kinder von Herzen gern „Pfarrer". Es war aber nicht die Person des Pfarrers, die uns in ihren Bann gezogen hatte, sondern eher der spielerische Umgang mit dem heiligen Sakrament.

Wenn wir uns dabei vor den Ohren und Augen der Erwachsenen sicher wußten, wagten wir so manches, was eben nur unter Kindern möglich war.

Wer auch immer gerade der Pfarrer sein durfte, spielte gerne die heilige Wandlung. Dabei neigte er sich über Brot und Wein auf dem Fensterbrett und hauchte geheimnisvolle Laute darüber. Wenn er dann eine feierliche Kniebeuge gemacht hatte und nacheinander das heilige Brot und den Kelch erhob, sollten wir uns bekreuzigen und „Jesus dir leb ich" beten.

Viel lieber aber sagten wir: „Jesu, Jesu komm, pack den Karli an den Ohr'n!" Das war dann der Auftakt zu einer kleinen Rauferei mit dem Spielverderber. Dann wurde die Kommunion ausgeteilt.

Wenn sich der Pfarrer zu uns herumgedreht hatte, mußte er „Ecce Agnus Dei" sagen, und wir sollten darauf antworten: „0, Herr, ich bin nicht würdig". Meistens zeigte einer von den Kindern die Zähne und ließ diese hörbar klappern. Sogleich wurde das fällige Gebet entsprechend umfunktioniert: „O, Herr, paß auf, der Roman möcht dich beißen!" Aus der Kommunion wurde nichts, aber es war trotzdem schön.

Es ist erstaunlich, wie sehr wir alle von der Gegenwart des Herrn im Brot fasziniert waren. Als ich dann später als Ministrant bei der Messe dienen durfte, gab es mir oftmals einen Ruck, wenn ich hören mußte, wie der Priester die große Hostie brach. Nicht selten dachte ich mir: „Muß das sein? Er bricht das Brot, das Jesus ist."

Und ich hatte das ungute Gefühl, als würde dem Herrn dabei das Genick gebrochen, unblutig und sehr sorgfältig, feierlich mit Daumen und Zeigefinger, nur weil es das Meßbuch so vorschrieb.

Ich sagte mir: „Ja, die Geistlichen sind schon eine seltsame Rasse. Sie alle gehen mit dem Herrn Jesus, dem sie angeblich dienen wollen, wahrhaftig nicht zimperlich um. Nach der Messe sperren sie den Herrn in einen Panzerschrank, der alles andere, nur kein wohnlicher Tabernakel ist, als ob sie den Herrn in Schutzhaft nehmen dürften."

Und wehe, wenn jemand beim Zähneputzen einen Tropfen Wasser verschluckt hatte, oder gar mit seiner Fingerspitze dem Marmeladenglas auf dem Frühstückstisch etwas zu nahe gekommen war! Er durfte Jesus nicht empfangen, als ob sie bestimmen könnten, bei wem er zu Gast sein wollte. Ehrfurcht wurde das genannt: „Ehrfurcht vor wem?", fragte ich.

Bei einem Pontifikalamt war es klar, wem diese Ehre gebührte. Der Kardinal hielt einem jeden bei der heiligen Kommunion zuerst seinen Ring hin zum ehrfürchtigen Kuß, und erst dann bekam man Jesus im heiligen Brot, gleichsam als persönliches Geschenk seiner Eminenz.

Die Leute sagten dann: „Stell dir vor, der Kardinal hat mir die Kommunion gereicht!"

Klar, daß Jesus im bescheidenen Brot vor einem Kardinal und seinem kostbaren Ring ganz unwichtig werden mußte.

In meiner Jugendzeit habe ich den Ring des Kardinals oftmals geküßt. Es ging nicht anders. Als Domministrant hatte man eben seine Verpflichtungen und man wußte, was sich gehörte.

An einem denkwürdigen Gründonnerstag wurde dies freilich anders. Der Kardinal war gerade dabei, zwölf alten Herren die Füße zu waschen. Wie gebannt und in tiefer Ergriffenheit beobachtete ich aus nächster Nähe, wie er sich eine Schürze anlegen ließ, und sich vor jedem Einzelnen hinkniete, um etwas Wasser über den hochgehaltenen Fuß zu gießen.

Für mich wurde in diesem Augenblick das Herrenwort lebendig: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tut, wie ich euch getan habe." Mitten in diese Gedanken vertieft, stieß mich der Sekretär des Kardinals und flüsterte mir zu: „Jetzt wäscht er denen wieder die Füße, und hernach mir den Kopf."

In mir ist damals etwas zerbrochen, oder vielleicht sind mir auch nur die Augen aufgegangen.

 

Wie ich auf das Gymnasium kam

Die großen Ferien waren vorbei, und wir warteten aufeinander auf dem Weg zur Schule. Der Edgar von der Konditorei wartete unter seiner Wohnung zu Beginn der Sendlinger Straße. Einige Hausnummern weiter stand der Roman vor einem langen, dunklen Hausgang, und noch etwas weiter, dem Sendlinger-Tor-Platz zu, wartete der Karli an der Ecke zur Hackenstraße. So gingen wir schon seit Jahr und Tag unserer Schule entgegen: Der Blumenschule, einer Volksschule in München.

An jenem ersten Schultag des neuen Schuljahres - man schrieb das Jahr 1938! - kam es allerdings anders als erwartet.

Der Edgar, der Karli und der Roman ließen die Blumenschule links liegen und wollten einfach geradeaus weitergehen. Ich fragte sie deshalb, was sie heute am ersten Schultag bereits im Sinn hätten, und warum sie nicht in die Schule gehen wollten. Da erfuhr ich, daß sie von jetzt an auf das Gymnasium gehen würden.

Ich wußte nicht, was das war, dachte mir aber, daß es etwas Besonderes sein müßte, sonst würden sie gewiß nicht hingehen. Kurz entschlossen fragte ich, ob ich mitgehen könnte. Sie hatten nichts dagegen, und so gingen wir alle an der Blumenschule vorbei, überquerten den Sendlinger-Tor-Platz und gingen die lange Nußbaumstraße hinauf, bis wir endlich vor dem riesigen Bau und vor einem mächtigen Eingang angelangt waren. Es war das „Königliche Theresiengymnasium" in München.

Ich ging mit Roman in das Klassenzimmer l A. Die beiden anderen hatten ihre Plätze nebenan in der Klasse l B. Ich setzte mich hinten in eine Bank, weil der Roman sagte, daß sie bei der Aufnahmeprüfung noch frei gewesen wäre. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich also auch von einer Aufnahmeprüfung.

Dann läutete es. Ein älterer Herr trat in das Klassenzimmer. Es war Professor Probst. Sein gütiges Aussehen, seine ruhige Stimme und sein freundliches Wesen machten mir Mut. Er schlug die Schülerliste auf und verlas die Namen der Schüler der Reihe nach. Als er fragte, ob er auch alle Namen verlesen hätte, sagte der Roman gleich, daß ich auch noch da wäre. Er fragte nach meinem Namen und schrieb ihn zu den anderen in der Liste. Ich war froh, daß er weiter nichts wissen wollte.

Dann ging er zur Tafel und schrieb das Wort „agricola" in die erste Zeile. So hatte der Unterricht begonnen in der 1. Klasse A des Theresiengymnasiums in München.

Zwischendurch dachte ich auch an Oberlehrer Kanzler von der Blumenschule und überlegte, ob er auch, wie Professor Probst, mit dem Verlesen der Schülerliste anfangen würde. Daheim sagte ich natürlich nichts, daß ich auf das Gymnasium ging.

Am dritten Schultag gab es dann die erste Überraschung. Professor Probst händigte mir gleich zu Beginn des Unterrichts einige Blätter aus und sagte, ich solle diese Rechenaufgaben durchlesen und dann das Ergebnis hinschreiben. Auf einem anderen Blatt mußte ich eine größere Zahl durch eine kleinere teilen und daneben eine Zahl mit einer anderen vervielfältigen. Genau das hatten wir auch bei Oberlehrer Kanzler bereits gemacht.

Ganz anders war es mit der letzten Aufgabe. Diese brachte mich in arge Verlegenheit. „Auf dem Schulweg" stand als Überschrift auf dem Blatt, und ich sollte schreiben, was mir dabei einfällt, [ch kann mich nicht mehr erinnern, ob ich damals einen roten Kopf bekommen hatte, oder ob ich ganz blaß geworden war, wie auf frischer Tat ertappt. Jedenfalls mußte der gute, alte Herr gemerkt haben, daß etwas nicht stimmt. „Schreib' einfach, was dir einfällt", sagte er. Aber gerade das konnte ich nicht.

Ich dachte an die Sendlinger Straße, an den kleinen Laden neben der Asamkirche, an den Schaukasten mit den vielen bunten Bleisoldaten. Wie hatten wir doch diese Figuren bewundert! Die Soldaten Friedrichs des Großen, die Franzosen und die Österreicher, die einen hoch zu Roß, die anderen mit Säbel und Gewehr, wieder andere hinter kleinen Kanonen stehend, und welche mit Pauken und Trompeten. Alle standen sie da in Reih und Glied, ein Stockwerk über dem anderen in diesem Schaukasten an der Wand.

Wenn wir sie dann lange genug bewundert hatten, schauten wir uns vorsichtig um. Dann schlug einer von uns mit dem Fuß von unten gegen den an der Wand hängenden Schaukasten. Im nächsten Augenblick war von der militärischen Ordnung nichts mehr zu sehen. Alle lagen sie kreuz und quer durcheinander, alle waren gefallen, ob Freund oder Feind. Wir allein fühlten uns in diesem Augenblick als die wirklichen Sieger. Aber nur für einen Augenblick, denn dann mußten wir laufen, so schnell wir konnten, sonst hätte es sein können, daß uns der Ladenbesitzer erwischte. An all das mußte ich denken. Es war mir jedoch klar, daß ich das nicht schreiben konnte.

Wie oft sind doch diese Soldaten durch uns auf solche Art gefallen! Professor Probst aber durfte davon unter keinen Umständen erfahren. Ich hatte Angst, das Gymnasium auf der Stelle für immer verlassen zu müssen. So suchte ich in Gedanken nach einer Geschichte, die ich ohne Gefahr schreiben konnte.

Obwohl mein Schulweg eigentlich nicht über den Domplatz führte, so schrieb ich doch, daß ich auf dem Schulweg täglich über den Frauenplatz müßte, und daß mir dabei schon lange ein alter Mann aufgefallen sei, der sich dort herumzudrücken pflegte. Ich wollte wissen, was dieser Mann im Schilde führte, denn er hatte immer einen leeren Sack in der Hand. Dabei sah er sich des öfteren nach allen Seiten um, als wollte er allein sein. Dieser Mann hatte dann mit etwas Futter die Tauben angelockt, mit dem Sack nach ihnen geschlagen und sie dann in den Sack gesteckt. Das war meine Schulweggeschichte, wie ich sie für eine Aufnahmeprüfung gebrauchen konnte.

Dem Professor hatte diese Geschichte gefallen. Er hatte sie der ganzen Klasse vorgelesen und dabei herzhaft geschmunzelt, weil ich der Meinung war, daß jener alte Mann sicherlich oft nicht gewußt hat, wie er seinen Hunger stillen sollte und nur deshalb die Tauben gefangen hatte. Obendrein meinte ich damals, daß es „absolut wurst wäre, ob ein paar Tauben mehr oder weniger auf den Frauenplatz herunterscheißen würden".

Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung war ich nun fast schon ein Gymnasiast. Es fehlte nur noch die Bezahlung der Aufnahmegebühr und das Übertrittszeugnis von der Blumenschule.

Für die Aufnahmegebühr mußte mein Sparschwein herhalten. Ich nahm es kurzerhand mit in die Schule. Eigentlich wollte ich die Aufnahmegebühr noch vor dem Beginn des Unterrichts bei Fräulein Schramm im Sekretariat bezahlen. Ich stand schon vor dem Sekretariat, das Sparschwein fest in der Hand und wartete, bis ich an die Reihe kam.

Jedesmal, wenn vor mir die Türe aufging, warf ich einen neugierigen Blick hinein und entdeckte, daß die Sekretärin so viele Sachen auf ihrem Schreibtisch hatte, daß ich dort unmöglich mein Sparschwein „schlachten" konnte. So zog ich wieder ab und ging in das Klassenzimmer mit der Absicht, mein Sparschwein während der großen Pause auf dem Fensterbrett im Lokus zu „schlachten".

Es kam aber ganz anders. Plötzlich klopfte es an der Tür. Der Hausmeister verlas meinen Namen und sagte, daß ich sofort auf das Sekretariat müßte, die Aufnahmegebühr sei noch nicht bezahlt.

Auf dem Weg dorthin verschwand ich schnell im Lokus, knallte das Sparschweinchen auf das Fensterbrett und sortierte, so schnell es ging, die Münzen aus den Scherben. Dann klopfte ich an die Tür des Sekretariats. „Die Aufnahmegebühr", sagte ich und legte eine ganze Hand voll Münzen auf den Schreibtisch. Fräulein Schramm schob ihren Papierkram zur Seite und machte Platz für meine Ersparnisse.

Fast hätte es gereicht. Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wie viele Häuflein von Zehnerin, Fünferin und Zweiringe ich damals zusammenbrachte, wie viele „Fuchzgerln" dabei waren und ob auch ganze Markstücke darunter waren. Das war ja auch ganz unwichtig. Wichtig war für mich damals nur, daß Fräulein Schramm selber nach ihrer eigenen Handtasche griff, ihren Geldbeutel herausholte und ohne ein Wort zu sagen, den fehlenden Betrag hinzulegte und mir dann sagte: „Jetzt stimmt's!"

Somit war die Aufnahmegebühr entrichtet, und ich war aufgenommen in die Schülerzahl des „Königlichen Theresiengymnasiums" in München. Aber meine Eltern wußten immer noch nicht, daß ich schon fast eine Woche auf das Gymnasium ging.

Die Mutter erfuhr davon zuerst, natürlich nicht von mir. Mein Bestreben war es ja, diese kleine Veränderung in meinem Schulalltag so lange als möglich geheim zu halten. Je länger ich im Gymnasium sein würde, desto geringer war die Gefahr, daß ich wieder in die Volksschule zurück mußte.

„Bub, was hast du da gemacht! Denk doch, was das kostet. Jeden Monat soll es bezahlt werden." Die Sorge meiner Mutter wurde - Gott sei Dank! - bald zerstreut. Es hatte nämlich nicht nur meine Mutter davon erfahren, sondern auch unser Pfarrer. Er hatte damals meine Mutter zu sich gebeten und ihr gesagt, daß er für das Schulgeld aufkommen würde. Das war unser lieber Dompfarrer, Thomas Stadler.

Nun durfte es auch der Vater erfahren. Er war Fuhrmann, wortkarg und streng. Den Geruch von Pferden trug er mit sich herum wie andere eine Alkoholfahne. Er sagte sehr wenig, aber was er sagte, habe ich seither nie wieder vergessen: „Sitzen bleiben gibt's nicht. Verstehst mich?" Und ob ich ihn verstand!

 

Audienz beim Kardinal

Zweimal im Jahr durften wir zur Audienz in das Palais des Kardinals. Das war zu Weihnachten und zu Ostern.

Wenn wir dort angekommen waren, durfte nicht mehr gesprochen werden. Der Ministrantenkaplan musterte jeden noch ein letztes Mal und drückte die Glocke am Tor. Der Pförtner trat in Erscheinung, verneigte sich kaum erkennbar vor dem Ministrantenkaplan und bat mit einer stummen Geste, einzutreten. Wir folgten ihm und warteten im großen Treppenhaus des Palais.

Aus dem Pförtnerstübchen drang die Mitteilung an den Sekretär, gedämpft und weltentrückt: „Die Ministranten." Nach einiger Zeit kam der Sekretär die große, steinerne Treppe herunter im Talar, feierlich, wie im Hochamt. Unten reichte er dem Kaplan die Hand und führte ihn feierlich und schweigend die Treppe hinauf, wir hinterdrein.

Oben öffnete er eine Tür, winkte uns herein und flüsterte: „Halbkreis!" Wir nahmen die gewünschte Aufstellung an und warteten. Ohne den Kopf viel zu bewegen, schauten wir uns um, so gut wir konnten. Es gab aber nur eine Wendeltreppe zu sehen, die uns sehr neugierig machte. Auf einem Tischchen in der Ecke gab es dann noch ein zierliches Krippchen zu sehen, oder den auferstandenen Heiland mit einer Zierkerze, dem jeweiligen Feste entsprechend. In der Mitte aber war die große, barocke Doppeltür, auf die wir starrten. Wir atmeten. Mehr taten wir nicht.

Nach einer geraumen Weile öffnete sich die eine Hälfte der Doppeltüre und der Hochwürdigste Herr Kardinal trat in Erscheinung in seinem roten Talar, mit dem funkelnden Brustkreuz und dem breiten Zingulum, die Hände am Brustkreuz, einen kostbaren Ring am Finger.

Der Kaplan trat vor den Kardinal, machte eine Kniebeuge, küßte seinen Ring und erhob sich wieder. Er tat dies stellvertretend für seine ganze Ministrantenschar. Dann wandte er sich zu uns, holte eine Stimmgabel aus der Tasche, gab den Ton an, und wir sangen ein Kirchenlied. Hernach war wieder große Stille. „Ministrant sein heißt, dem Herrn dienen. Seid euch dieser hohen und würdevollen Aufgabe bewußt und verrichtet euren Dienst mit Ehrfurcht."

Das war die ewig gleiche Rede des Herrn Kardinals an seine Ministranten. Dann nahm er, wie gewohnt, einen Rosenkranz, den ihm der Sekretär gereicht hatte und blickte zum Oberministranten, worauf dieser wortlos vortrat. Er kniete vor dem Kardinal nieder, erledigte den obligatorischen Ringkuß, um dann, wie immer, den sprichwörtlichen Rosenkranz entgegenzunehmen, wobei seine Eminenz betont langsam und würdevoll sagte: „Vom Heiligen Vater persönlich geweiht."

Dann kam der Nächste an die Reihe, um ganz genau dasselbe zu tun, zu hören und zu bekommen, wie sein Vorgänger, bis alle Ministranten durch waren mit dem Vortreten, der Kniebeuge, dem Ringkuß, dem Aufstehen, der Verneigung und dem Rosenkranz „vom Heiligen Vater persönlich geweiht". Wir dankten mit dem Schlußlied, er gab den Segen und entzog sich unseren Blicken.

Der Sekretär begleitete den Domkaplan wieder die steinerne Treppe hinunter. Drunten gab es wieder einen Händedruck für den Kaplan. Am geöffneten Tor stand der Pförtner. Er verneigte sich kaum erkennbar vor unserem Kaplan. Wir folgten, und die Türe war wieder verschlossen. Die Audienz war aus und die Gaudi begann.

„Wer möchte so ein Sekretär werden?" „Meinst du, ich spinn?", war die Antwort. Dann ging es spöttisch weiter: „Wollen Eminenz mit oder ohne Brustkreuz, wenn Eminenz müssen?" Da lachten wir alle und der Kaplan sagte: „Still, so redet man nicht!", wohl wissend, daß seine Ermahnung nach allem was war, wenig Erfolg haben würde. So machte er sich eilig auf den Weg und ließ uns allein. Und das war gut so.

„Die Wendeltreppe wäre ich gerne hinaufgestiegen", erinnerte sich einer. „Warum bist du dann nicht hinauf?" wurde er zur Rede gestellt. „Meinst du, ich weiß nicht, was sich gehört?" „Feigling, du hast dich nicht getraut!", sagten die anderen. „Ach, jetzt regt euch nur nicht auf!", beschwichtigte ein anderer und fuhr fort: „Das ist doch ganz klar, wozu solche Wendeltreppen eingebaut sind!" „Ja, das ist der Weg für die Dienerschaft zum Schlaf gemach des Hochwürdigsten Herrn!" „Ob er eine Klingel hat neben seinem Bett?", wollte einer wissen. „Selbstverständlich, was sonst!" war die einhellige Meinung.

„Wenn Eminenz geruht zu Bett zu gehen, bedient er sich dieser Glocke. - Ja, dann kommt der Diener und sagt: „Wünschen Eminenz den Talar auszuziehen? Wünschen Eminenz ein brokatenes Nachthemd Wünschen Eminenz eine goldene Wärmflasche Wünschen Eminenz eine lebendige Wärmflasche?" Ja, so ging es weiter und weiter und unsere Phantasie brannte mit uns durch. Die Sätze: „Wünschen Eminenz ...", hatten es uns angetan.

 

Die Schatzkammer im Dom

So kamen wir zurück zum Dom. Da meinte einer: „Vielleicht ist die Schatzkammer offen. Kommt, wir schauen!" Wir schlichen uns durch die Sakristei, durchquerten die Chorkapelle und hatten Glück - die Schatzkammer war offen.

Mit dem bloßen Anschauen dieser alten Kostbarkeiten wollten wir uns nicht begnügen. Wir fingen bei den Mitren an. Das waren alte, goldbestickte und nicht selten mit Perlen und Steinen geschmückte Bischofsmützen, die wir aus ihren samtenen Futteralen an das Tageslicht holten. Wir probierten sie, eine nach der anderen und waren erst zufrieden, wenn jeder eine passende gefunden hatte Dann verneigten wir uns gegenseitig und machten das Segenskreuz, wie es der Kardinal beim feierlichen Ein- und Auszug über die wartenden Menschen machte.

Dann kam plötzlich einer auf den Gedanken, ein Pontifikalamt zu halten. Wir hatten ja alles, was wir benötigten, in reicher Auswahl: Echte Bischofsgewänder, Brustkreuze an goldenen Ketten, sogar rot bestickte Schuhe entdeckten wir in einigen Schachteln. In anderen Schränken hingen die Gewänder der Prälaten mit dem weißen Hermelinüberwurf und der roten Schleppe. Diese wurde zwar niemals nachgetragen, wie beim Kardinal, sondern gerafft über den rechten Arm gelegt.

Wer von uns Ministranten seine Eminenz machen wollte, der mußte zuerst beweisen, daß er seine rechte Augenbraue auch tatsächlich so hoch hinaufziehen konnte, wie das beim Kardinal in Wirklichkeit immer der Fall war. Er mußte so verharren können, ohne sein Gesicht zu verziehen oder steif und unnatürlich zu wirken.

Besonders schwer war es auch, den Sekretär des Kardinals nachzuahmen. Es genügte uns nicht, nur seine Gewänder zu tragen, sondern er mußte in allen Bewegungen getreulich nachgeahmt werden. So mußte derjenige sich die Nase am Ärmel wischen, dann gedankenverloren in der Nase bohren und die Hand ungeniert am Hintern haben.

Wer dann den Prälat Hartig machte, der durfte nicht einfach gehen oder feierlich schreiten, nein, ganz im Gegenteil. Er mußte „daherwatscheln" wie eine überreife Kirchweihgans. Seine Körperfülle und Unbeholfenheit waren eine kontrastreiche, lebendige Kulisse, die den Kardinal noch erhabener und würdevoller erscheinen ließ, als er ohnehin schon war.

Ganz anders war es mit einem sehr jungen Prälaten, dem wir gerne Rollschuhe geschenkt hätten. Dieser Herr war eigentlich wie ein Hauch, so ganz und gar ohne jegliche Erdenschwere. Ein Wunder, daß seine Füße überhaupt den Boden berührten. Und er war schnell. Im feierlichen Pontifikalamt hatte er es gerade deshalb niemals leicht. Wer ihn spielen wollte, mußte eher ein Geist sein als ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er mußte das Evangelium mit dünner Stimme hauchen. Dabei mußte sein Körper ständig hin- und herwiegen, wie ein Luftballon am Schnürchen.

Dann überraschte uns der Mesner und machte unserem frohen Treiben ein schnelles Ende. Es war ohnehin höchste Zeit heimzugehen.

 

Der Rosenkranz vom Heiligen Vater

Auf dem Heimweg spielte ich mit dem Rosenkranz in der Tasche, von dem der Kardinal immer so eindringlich sagte: „Vom Heiligen Vater persönlich ,geweiht'." Ich überlegte mir, wem ich damit eine Freude machen könnte. Dann aber dachte ich mir, daß ich ihn selber behalten sollte. Schließlich war der Rosenkranz ein persönliches Geschenk vom Kardinal für mich ganz allein und nicht für irgendeinen Onkel oder sonst einen.

Dann sagte ich mir: „Jetzt möchte ich schon sehen, ob dieser Rosenkranz besser ist als ein gewöhnlicher. Von ihm müßte doch eine besondere Kraft ausgehen. Irgendetwas müßte sich tun. Wenn ich diesen Rosenkranz in der Tasche habe, sollte das tägliche Holz- und Kohlenschleppen nicht mehr so schwer sein!" Vom Keller bis hinauf in den vierten Stock war schließlich ein langer und beschwerlicher Weg.

„Schmarrn!" dachte ich dann wieder. „Der Rosenkranz, vom Heiligen Vater persönlich ,geweiht', kann da auch nicht helfen. Die Kohlen werden deshalb auch nicht leichter, nur weil ich diesen besonderen Rosenkranz in der Tasche habe." Dann überlegte ich mir: „Die Weihe kann doch nicht ganz umsonst sein. Sie muß doch etwas ganz Besonderes auf sich haben. Der Kardinal sagt doch nicht umsonst: ,Vom Heiligen Vater persönlich geweiht!'."

Dann ging mir ein Licht auf. „Jetzt weiß ich es!" dachte ich mir. „Die Kohlen werden zwar um kein Gramm leichter, und der Weg hinauf in den vierten Stock auch nicht kürzer!" - „Das wäre ja ein glattes Wunder!" - Nein, so etwas kann man von einem Rosenkranz nicht erwarten, auch wenn er vom Heiligen Vater persönlich geweiht ist. Es ist einfach so: Von jetzt an werde ich die Kohlen immer gerne holen wollen. Mit dem Gedanken „diese Scheiß Kohlen!" wird es jetzt aus sein. Ich war gespannt, ob der Rosenkranz nun tatsächlich verhindern würde, daß ich immer „Scheiß Kohlen" sagte.

Lange brauchte ich nicht zu warten. Als ich am nächsten Tag wieder Kohlen schleppen mußte, machte ich sicher, daß ich den Rosenkranz wirklich in der Tasche hatte. Es half. - Es half wirklich, und ich war erstaunt. Ich sagte kein einziges Mal „Scheiß Kohlen". Ich dachte es nur. Es ließ sich nicht vermeiden.

Nach getaner Arbeit dachte ich darüber nach und stellte fest, daß es vor Gott ziemlich einerlei wäre, ob ich den anstößigen Ausdruck sagen oder denken würde. Der Umstand, daß der Rosenkranz vom Heiligen Vater persönlich geweiht worden war, verlieh ihm allen Anschein nach keine zusätzliche Qualität. Das war enttäuschend.

Aber es mußte doch etwas geben, was man auf diese besondere Weihe des Heiligen Vaters zurückführen konnte. „Ich kriege das schon raus!" dachte ich mir. „Ich muß nur lange genug suchen!"

Und dann überlegte ich: „Wenn ich aber nichts finden kann, was auf die besondere Weihe schließen ließe, ja dann ...!"- Ich wagte es nicht, auf Anhieb diesen Gedanken zu Ende zu denken. - „Ja, dann wäre die Weihe durch den Heiligen Vater wirklich nur für die Katz gewesen!"

Da kam mir ein erlösender Gedanke. Es könnte doch sein, daß die besondere Weihe durch den Heiligen Vater nur für das Beten des Rosenkranzes gilt. Also ging ich noch am gleichen Tag um fünf Uhr in den Dom zum Rosenkranzgebet. Ich war der einzige Bub, sonst waren es nur alte Leute.

Anfänglich ging es recht gut. Nach und nach aber ertappte ich mich immer öfter, daß meine Gedanken ganz woanders waren als beim Beten des Rosenkranzes. Zu allem Unglück war ich dann viel früher fertig mit dem Gesätzchen als die übrigen Leute, die noch einige ,Gegrüßt seist du Maria' zu beten hatten bis zum erlösenden ,Ehre sei'.

So hielt ich den Rosenkranz in meinen Händen und dachte mir: „Vom Heiligen Vater persönlich geweiht - daß ich nicht lache! Das will ein Papst sein und kann keinen Rosenkranz weihen!"

Nach den Feiertagen kam die Großmutter zu Besuch. Ich schenkte ihr den Rosenkranz und betonte extra: „Vom Heiligen Vater persönlich geweiht!" Und dann: „Brauchst ja nicht meinen, daß das was bedeutet!"

 

Der Hitlergruß in der Schule

Zu Beginn des Unterrichts wurde damals nicht nur das Schulgebet, sondern sogar der Guten-Morgen-Gruß durch das ,Heil-Hit-ler' ersetzt.

Je nachdem, wie lautstark oder verlegen eine Lehrkraft dieser Vorschrift nachkam, für uns Schüler war dies immer ein untrüglicher Gradmesser seiner Einstellung zum Hitlerreich.

Absolut einmalig und unerreichbar war in dieser Hinsicht unser geschätzter Biologieprofessor, Dr. Loeweneck, der von uns Schülern, je nach Stimmung und Laune, manchmal auch ,Löwenschreck' oder auch ,Löwendreck' genannt wurde.

Pünktlich mit dem Erklingen der Schulglocke öffnete er die Tür zum Klassenzimmer und stellte sich mit gebieterischem Blick auf die Schwelle des Klassenzimmers, was bei uns Schülern sofort jede Unterhaltung schlagartig verstummen ließ.

Eigentlich hätte er jetzt bereits sein ,Heil-Hitler' sagen können, was dann von uns Schülern ebenso prompt erwidert worden wäre. Es geschah nichts dergleichen. Statt dessen trat er einen Schritt vorwärts, ließ zugleich hinter sich die Türe ins Schloß knallen und schrie, einem Feldwebel gleich, jede der drei Silben deutlich von einander abgehoben: „Vor - der - mann!" Dann hob er lässig seine Rechte, aber keineswegs, um jetzt endlich sein ,Heil-Hitler' loszuwerden, sondern ganz und gar einem Schauspieler gleich, der in diesem Augenblick keinen geringeren als Adolf Hitler zu spielen sich vorgenommen hatte.

So stand er also vor uns: Seine Rechte zum Gruß erhoben, seine Linke an einem unsichtbaren Koppelschloß. Und viel erhabener als es Hitler selber vermocht hätte, schritt er nun zwischen Türe und vorderem Fenster unseres Klassenzimmers die Front der Schüler ab. Vor dem Fenster machte er dann eine Kehrtwendung, wie sie kein Unteroffizier hätte besser machen können, streckte sich noch etwas und warf den Kopf noch weiter zurück, als wäre jetzt endlich der entscheidende Augenblick für den allmorgendlichen Heil-Hitler-Gruß gekommen.

Das ganze Klassenzimmer war geladen mit der Vorahnung dieses Grußes - aber er kam nicht. Statt dessen stand er da. gespannt bis ins Letzte. Für die einen wie Hitler in der Fülle seiner Macht, überheblich und anmaßend mit dem Erdball in der Hosentasche - für die anderen wie einer der wenigen, die sich in der Nazizeit in aller Öffentlichkeit nur noch an das Hirn langen konnten, ohnmächtig und sprachlos, aber doch entschlossen, seine eigene Überzeugung auf diese höchst merkwürdige Weise zu bekunden.

In diesem Augenblick schrie er dann voller Bitterkeit: „Setzen!" und machte dabei eine Handbewegung, als fegte er den Heil-Hitler-Gruß hinweg. Somit konnte der Unterricht beginnen.


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