Der Pfarrer von Arget

 


Textmarken: Stadtbummel in München,    Urlaub in Tirol,    In der Kelchs-Au, Von der Kraftalm zur Hohen Salve,    Bei der Mutter Gottes von Altötting,    Die Tante in Wildprechting


Stadtbummel in München

Nachmittags machte ich mich auf den Weg zum Hirmer, einem Bekleidungshaus für Herren. Ich konnte die schwarze Priesterkleidung nicht mehr sehen. Was ich brauchte, war eine bequeme Freizeitbekleidung. Überraschenderweise hatten meine Angehörigen dafür volles Verständnis. Vom Hirmer ging ich dann weiter zum Dom, in der neuen Freizeitbekleidung, versteht sich. Den Dom betrat ich durch das Hauptportal und blieb unter dem Chor beim Teufelstritt lange stehen. Langsam und fast feierlich schritt ich dann vor den Hochaltar mit der Priesterkleidung in der Hirmerschachtel. Alte Erinnerungen stiegen auf. Wie oft war ich doch diese Stufen zum Hochaltar hinaufgestiegen! Es gab kaum einen Sonntag, wo ich nicht als Ministrant dabei war. Vorne am Hochaltar des Domes hatte ich selber meine erste heilige Messe gefeiert. Es war ein großer Tag. Ein Bischof, der lange Jahre von chinesischen Kommunisten eingesperrt war, hielt mir die Primizpredigt. Die beiden Leviten waren Afrikaner und schwarz wie die Nacht. Der Dom war gerammelt voll, denn Neger waren damals noch eine Seltenheit in München. Dann kam der Mesner aus der Sakristei. Ich erkannte ihn sofort und hätte ihn auch gerne begrüßt. Am nächsten Tag hätten dann alle gewußt, daß ich in München wäre. Gerade das konnte ich mir nicht leisten.

Vom Dom ging ich zum „Bratwurstglöckl". Es war nicht mehr das Alte. Die Gassenschänke fehlte. Wie oft hatte ich doch von dort in einem offenen Maßkrug das Bier geholt. Mich zog es dann zur Weinstraße vor. Dort betrachtete ich den leeren Platz hinter dem Rathaus, wo ich früher einmal wohnte. Von der Landschaftsstraße war noch das Schild übrig geblieben. Wo früher die Haustüre mit dem Schild „Weinstr. 14" stand, war jetzt ein Blumenbeet. „Eigentlich müßte ein Denkmal dastehen", dachte ich mir und lachte still in mich hinein. Am Marienplatz wimmelte es von Menschen. Hoch oben, vom Kaffee Glockenspiel aus, konnte ich das bunte Treiben ungestört beobachten. Ich dachte nach, wie es war, damals, als ich noch bei der großen Fronleichnamsprozession dabei war, als Domministrant.

Es war immer das Gleiche: Die Fronleichnamsprozession begann für uns Buben mit einer großen Rauferei in der Sakristei. Wenn die verschiedenen Dienste eingeteilt waren, kamen in letzter Minute oftmals noch andere, die sich das ganze Jahr hindurch kaum sehen ließen. Angeblich waren sie vom Dompfarrer gebeten worden, an diesem Tage auszuhelfen. Wir schimpften sie „faule Säcke" und sagten, daß wir sie überhaupt nicht brauchten. Auf keinen Fall waren wir gewillt, uns von diesen Faulenzern den Dienst streitig machen zu lassen. Wir forderten sie auf, zu verschwinden. Damit aber begann gewöhnlich die Rauferei. Irgendetwas ging dabei immer kaputt. Oftmals waren es die kostbaren Prozessionsleuchter. Sie wurden dann im letzten Augenblick durch einfachere Leuchter ersetzt. Das Vortragekreuz ließ sich meistens mühelos gerade biegen. Anders war es mit dem Rauchfaß, wenn die Ketten gerissen waren, weil an jedem Ende ein anderer zerrte. Auf diese Weise kam das schöne Rauchfaß nur selten zur Geltung. Nicht ganz so begehrt war das Bereithalten der Bischofsmütze und des Bischofstabes. Der Nachteil war, daß diese Dinge dem Kardinal nicht persönlich überreicht wurden, sondern nur seinem Sekretär auszuhändigen waren. Ein solcher Dienst war unter unserer Würde. Beim Rauchfaß war das anders. Wer es trug, durfte immer unmittelbar vor dem Kardinal erscheinen, vor ihm feierlich niederknien und ihm dann das geöffnete Rauchfaß entgegenhalten. Man konnte dabei sogar einen ganz persönlichen Blick von ihm erhaschen, einen guten oder einen bösen, je nach der Güte der Glut im Rauchfaß. Ähnlich gut waren die Leuchterträger daran. Diese durften nämlich verschiedene Male Wasser über seine Finger gießen und zum Abtrocknen ein weißes Tüchlein bereit halten. Mit etwas Glück konnte man dem Kardinal dabei in die Augen schauen. Solche Dienste waren begehrt. Ganz besonders an einem Fronleichnamstag, wenn sogar der Ministerpräsident an den Stufen des Altars stehen blieb, um einem Domministranten nachzuschauen, wenn er die Stufen zum Altar hinaufstieg. Aber ohne Rauferei ging nichts. Alles mußte erkämpft werden, besonders an einem Fronleichnamstag. Am nächsten Tag gab es dann die Fotos zu sehen. Sie hingen an den Zeitungskiosken und in den Schaufenstern der einschlägigen Geschäfte. Wir hatten kein Geld, sie zu erwerben. Dafür zählten wir die Bilder, auf denen wir abgebildet waren. Wichtig war auch, welche Würdenträger neben dem jeweiligen Ministranten noch zu sehen waren. Diese erhöhten den Wert eines Bildes beträchtlich. Es war ein Zirkus sondersgleichen. Von Innerlichkeit keine Spur.

Ministranten sind Lausbuben. Man kann von ihnen nichts anderes erwarten. Das war schon immer die Meinung der Leute. Aber bei den hohen Herren ist es nicht anders. Sie sind schlimmer, als alle Ministranten zusammen. Sie bekämpfen sich bis aufs Blut und verdammen sich gegenseitig in die tiefste Hölle. So böse können keine Ministranten sein.

Ich vergaß den Kaffee vor mir auf dem Tischchen, als ich mir meine Gedanken machte. Ich fragte mich: „Warum mußte die Kirche schon von aller Anfang an der Macht zum Opfer fallen?"

Die Evangelien konnten hier wenig hilfreich sein. Als nämlich die Evangelien geschrieben wurden, war die Sache mit der Gewalt in der Kirche schon gelaufen. Gewalt war bereits eine feste Größe in jeder Gemeinde. Die Christen selbst verlangten von Anfang an eine feste Führung, eine straffe Ordnung und klare Gesetze für ihr persönliches Leben. Warum? Ich sann lange darüber nach. Die Antwort lag in einem gewissen Ausnahmezustand, in dem sich die junge Christenheit überall und ausnahmslos befand. Dieser Ausnahmezustand war nämlich ausgelöst durch die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft des auferstandenen Herrn auf den Wolken des Himmels. Für den Herrn bereit zu sein, war alles. Jeder wollte zu den Schafen gehören zu seiner Rechten und einziehen dürfen in sein ewiges Reich. Ausnahmslos waren sie alle der festen Überzeugung, daß der Herr jeden Augenblick kommen müßte.

Der Alltag der Christen wurde unwichtig. Wichtig war allein das „Öl in ihren Lampen." Wir würden heute sagen: Sie hatten Alarmstufe eins! In diesem religiösen Alarmzustand war es eine Selbstverständlichkeit „alles zu verkaufen", um den Erlös den Armen zu geben. Auch die Ehe wurde zur Nebensächlichkeit. Niemand wollte im Bett überrascht werden, wenn der Herr kommt. Die Ledigen sahen keinen Sinn mehr, sich nach einem Ehepartner umzusehen. Es wäre Zeitverschwendung gewesen. Wichtig war allein der Herr Jesus. Nach ihm hielten sie Ausschau. Je länger der Herr auf sein Kommen warten ließ, desto wichtiger wurden die Vorsteher in den Gemeinden. Ihre Aufgabe war es, die Gemeinden zusammenzuhalten und in aller Umsicht ihren Fortbestand zu sichern. Sie schafften dies auf geniale Weise: „Im Namen Jesu!" Darüber hinaus sorgten sie dafür, daß die vielen Wundergeschichten, die über Petrus und Paulus im Umlauf waren, auch im Umlauf blieben. Diese Wundergeschichten wurden nicht umsonst in die Heilige Schrift aufgenommen. In der Apostelgeschichte des Neuen Testaments sind sie nachzulesen. Danach heilte Petrus einen Mann, der von Geburt an gelähmt war. „Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi geh umher!" Weiter heißt es dort: „Durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder im Volk." Am meisten durch Petrus. Zu ihm trug man die Kranken auf die Straße, damit wenigstens der Schatten des Petrus auf sie fallen würde. Sogar von den Nachbarstädten kamen sie herbei. „Und alle wurden geheilt!" Bald darauf wurden die Apostel verhaftet und in das öffentliche Gefängnis geworfen. Selbstverständlich kam des Nachts ein Engel des Herrn. Er öffnete die Gefängnistore und führte sie heraus. Eines wurde klar: Die Apostel waren keine gewöhnlichen Menschen. Sie standen Gott näher, als alle übrigen Gläubigen. Besonderen Eindruck mußte die Geschichte über Hananias und seiner Frau Saphira auf die allzu leichtgläubigen Gemüter gemacht haben. Diese waren nicht bereit, den vollen Erlös aus dem Verkauf ihres Vermögens den Aposteln vor die Füße zu legen. Sie hielten einen Teil zurück, weil sie der Sache nicht ganz trauen konnten. Petrus stellte sie einzeln nacheinander zur Rede. Dann sagte er: „Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott!" Diese Geschichte endete wie viele andere Märchen: „Als Hananias diese Worte hörte, stürzte er zu Boden und starb. Und über alle, die es hörten, kam große Furcht." Nutznießer solcher Geschichten waren die Vorsteher der Gemeinden. Sie machten sich immer größer, während die einfachen Gläubigen in Ehrfurcht schön langsam erstarrten. Wer sich mit diesen Dingen beschäftigt, dem wird sehr bald klar: Den Vorstehern ging es nicht um Jesus, auch nicht um die Gemeinde, sondern um die Ausübung der Macht. Dazu brauchten sie Jesus und die Gemeinde. Ein altes Sprichwort sagt: Gelegenheit macht Diebe. Ich meine, sie macht auch Päpste und Prälaten.

Dann schlug es 18 Uhr vom Rathausturm, vom alten Peter und von den Frauentürmen. Ich sah hinüber auf das steile Dach des Domes hinter dem Donisl. Ich ließ diesen Augenblick auf mich wirken. Nach einem Luftangriff war ich selber einmal dabei, dieses gewaltige Dach mit neuen Ziegeln einzudecken. Es hielt nicht lange. Beim nächsten Fliegerangriff war der Dom eine armselige Ruine. Die hohen Säulen ragten wie abgebrochene Zündhölzer in den freien Himmel. Das mächtige Kreuz über den Stufen des Hochaltares lag zerschellt im Schutt des Gewölbes. Dann war es aus mit der Fronleichnamsprozession. Jetzt aber ist längst wieder alles beim Alten, als wäre nichts gewesen.

Auf meinem ersten Gang durch mein geliebtes München bog ich vor dem alten Rathaus in die Burgstraße ein und betrachtete die renovierten Fassaden der Häuser. Im Zerwirkgewölbe hielt ich inne. Die verschiedenen Düfte von Wildbret zogen mich in ihren Bann. Noch mehr aber zog es mich hinab in die unmittelbare Nähe des Hofbräuhauses. Dort gab es nämlich den ganzen Tag über brozelnden Schweinebraten. Er lag für alle Passanten sichtbar im Schaufenster. Man konnte auch schmackhaften Leberkäse haben, wenn das Geld zum Braten nicht reichte. Die Semmelknödel schwammen im kochenden Wasser daneben. Und in einer Glasschüssel wurde frischer Kartoffelsalat angeboten. Das war immer schon so. Wie oft stand ich doch als Bub vor diesem Schaufenster. Ich schluckte, weil mir das Wasser im Mund zusammengelaufen war. An jenem ersten Urlaubstag aber ging ich hinein. Ich ließ mir ein Stück von dem Schweinebraten abschneiden und sah dem Wirt dabei mit wahrer Freude zu. Dann bat ich um Kartoffelsalat und um einen Knödel. Darüber goß er reichlich Soße vom Schweinebraten. Dann reichte er mir den vollen Teller und wünschte mir guten Appetit. Es kam noch ein Glas Bier dazu und ein Jugendtraum ging in Erfüllung.

Gut gestärkt ging ich zum Max-Josephs-Platz weiter. Dort hoffte ich, das alte Steinpflaster wiederzusehen. Irgendwie schienen mir diese etwa faustgroßen Isarsteine wichtiger, als die stolze Residenz und die anschließende Staatsoper. Leider war der Platz eine einzige Baustelle. Vom Pflaster war nichts zu sehen. Als Buben waren wir oft barfuß über dieses Pflaster gelaufen. Es hatte viel Spaß gemacht. Dann dachte ich mir: „Wie wird es am Odeonsplatz ausschauen?" und ging weiter. Dort stieg ich die Freitreppe zur Feldherrnhalle hinauf und schaute hinunter zum Siegestor. Wieder kam mir die Fronleichnamsprozession in den Sinn. Diese nahm nämlich seinerzeit ihren Weg bis hinunter zum Siegestor. Auf der rechten Straßenseite ging es hinunter und auf der anderen Seite wieder herauf. Auf diese Weise konnten alle Teilnehmer erleben, wie mächtig die Prozession in Wirklichkeit war. Vor der Theatinerkirche war der vierte Altar aufgebaut. Dort waren wir Domministranten einmal ganz und gar aus der Rolle gefallen. Wir hatten nämlich dort vor dem Allerheiligsten auf dem Altar schrecklich gelacht. So gut es ging, versuchten wir das Lachen zu unterdrücken. Leider wollte es uns nicht gelingen. Kaum hatte sich der eine mit Mühe gerade beherrschen können, fing der andere wieder an zu lachen. So ging es reihum. Einer steckte den anderen an. Wir waren machtlos diesem Lachzwang ausgeliefert. Dabei war kaum etwas passiert. Eine der zahllosen Tauben auf dem Odeonsplatz ließ ein „Batzerl" fallen. Es traf mitten auf die Glatze eines Prälaten. Der Dreck explodierte so richtig auf seiner Glatze. Wir sahen es und mußten lachen. Wir mußten aber noch mehr lachen über die verdutzten Gesichter ringsherum. Ganz besonders aber lachten wir über die Abhilfe, die dem Betroffenen zuteil wurde. Es sah nämlich aus, als wollte man die Glatze mit Taubendreck polieren.

Hernach gab es ein fürchterliches Donnerwetter. Es kam nicht vom lieben Heiland in der Monstranz, sondern vom Palais des Kardinals. Wir Buben erlebten damals sehr eindringlich, wer sich dadurch tatsächlich beleidigt fühlte: Nicht Jesus, sondern Seine Eminenz! Uns wurde klar, Seine Eminenz, der Hochwürdigste Herr Kardinal, war der Höchste, der Allerhöchste, in der ganzen Fronleichnamsprozession. Jesus bot nur den bescheidenen Anlaß. Es war wie bei einer großen Jagd, zu der der Landesvater geladen hatte. Das Wild wurde erlegt und der Kurfürst gefeiert.

Darüber brauchen wir uns nicht wundern. Von aller Anfang an haben die Vorsteher den Glauben beherrscht. Diese Leute entwickelten ein untrügliches Gespür für alles, was ihren Einfluß stärken konnte in dieser Welt. Ebenso sicher sahen sie rot schon von weitem, wo immer ihre Autorität in Gefahr kam. Das war so über die Jahrhunderte, und es ist heute nicht anders. Immer gab es auch helle Köpfe, die diese Zustände gesehen und bemängelt hatten. So wurde auch das Verhalten des heiligen Paulus bereits öffentlich kritisiert. Der Apostel verteidigte sich, so gut er konnte: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein" (2 Kor 1,24). Auch für ihn gilt: Wer sich verteidigt, klagt sich an!

Paulus war einer der allerersten und gefürchtetsten Herren über den Glauben seiner Mitmenschen. Sein Auftreten in Korinth beweist es. Dort gab es den ersten Abendmahl streit von dem wir wissen. Die Gemeinde war zerstritten. Die einen feierten Jesus in einem feuchtfröhlichen Totengedenken. Sie tranken dabei auch über den Durst. Die anderen verharrten ernst und andächtig vor den Gaben von Brot und Wein. Sie glaubten bereits an die heilige Wandlung. Für sie war Jesus wahrhaftig gegenwärtig unter dem Anschein von Brot und Wein. Es ist klar, daß Paulus den Glauben dieser Gruppe als den einzig Richtigen herausstellte. Der anderen Gruppe las er die Leviten. Seine Stellung als Vorsteher ließ ihm keine andere Wahl. Angeblich.

Und er tat dies gehörig. Diesen leichtlebigen Christen gab er die Schuld, daß Jesus immer noch nicht auf den Wolken des Himmels erschienen wäre. Wegen dieser Leute müßte die ganze Menschheit immer noch unnötig Krankheit und selbst den Tod erleiden, (l Kor 11). Sie hätten sich versündigt am Leib und Blut des Herrn, weil sie nicht an die heilige Wandlung glaubten. Eine reine Gedächtnisfeier kam für Paulus nicht in Frage. Er wußte, so gut wie wir, daß jedes Gedächtnis nach und nach aus der Übung kommt und in Vergessenheit gerät. Die heilige Wandlung allein konnte der Gemeinde Dauer verleihen und sie vor dem Untergang bewahren. Seiner Stellung als Vorsteher wollte er Dauer verleihen. Dafür brauchte er die Gemeinde.

Auch der Kardinal wollte uns damals wegen unseres schlechten Benehmens gehörig die Leviten lesen. Der Sekretär sagte dem Oberministranten, daß wir vor dem Hochwürdigsten Herrn Kardinal zu erscheinen hätten. Wir konnten uns schon denken, warum. Bestürzt wandte sich der Oberministrant an unseren Dompfarrer. Dieser machte zwar ein ernstes Gesicht, sagte aber, wir sollten uns in der Sakristei bereithalten. Wir Buben waren sicher, daß er uns nicht allein lassen würde. Wenn nötig, würde er uns begleiten. Gott sei Dank, es kam nicht so weit. Wie schon so oft, hatte uns der Dompfarrer vor dem Hoch würdigsten Herrn Kardinal in Schutz genommen. Dieser Mann war nämlich immer auf unserer Seite, ganz gleich, was auch gewesen sein mag. Er hatte uns gern. Wir fühlten es. Der Dompfarrer grüßte uns Lausbuben nämlich immer zuerst und schon von weitem. Man sagte, die Zerstörung des Domes hätte ihm das Herz gebrochen. Vielleicht hatte aber auch die heilige Herrschaft des Hochwürdigsten Herrn Kardinals etwas nachgeholfen. Wer weiß!

Auf alle Fälle wollte ich das Palais des Kardinals sehen, wenigstens von außen. Es war von der Feldherrnhalle nur einen Katzensprung entfernt. Beim Hugendubel betrachtete ich noch die Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt. Dann ging ich vor zum Palais. Die Fassade war unauffällig, alles grau in grau. Das Tor war verschlossen. Niemand ging ein oder aus. Einen Augenblick war ich versucht zu läuten. „Was soll's?", fragte ich mich. Es hatte keinen Sinn. „Geh nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst", dachte ich mir und machte mich auf den Heimweg.

 

Urlaub in Tirol

Am folgenden Tag wurde ich bei meiner Schwester in Tirol erwartet. Es gab ein frohes Wiedersehen im stattlichen Haus der Wurzrainer-Familie.

Eine Doppeltüre gewährte Einlaß in einen geräumigen Hausgang, der hinten durch die Stalltüre abgeschlossen war. Auf der einen Seite führte je eine Türe zum Pf erde stall, dann zu einer Kammer und vorne in die große Wohnküche. Gegenüber ging es in die gute Stube. Dort stand ein großer Kachelofen hinter der Tür. Er war rund herum von einer Sitzbank umgeben. Dahinter befand sich die Schlafkammer der Wurzrainer-Großeltern. Diese war immer sorgfältig abgeschlossen, weil dort so manches aufbewahrt wurde, was in den Städten gewöhnlich in einem Stahlschrank verschlossen ist. Gegenüber dem Pferdestall kam dann noch eine Kammer, die etwas verkleinert worden war, damit für ein modernes WC der nötige Platz beschafft werden konnte. Früher gab es nur ein Plumpsklo in der Ecke des Stalles.

Zu diesem Tiroler Bauernhof an der Hohen Salve war ich also mit meinem Bruder unterwegs, als ich in Hopfgarten von der Hauptstraße abgebogen war, weil es den viel kürzeren Weg über Itter damals noch nicht gab.

In der Küche auf dem schwarzen Ledersofa mit der geschwungenen Rückenlehne in der Ecke stand ein Korb, in dem wir den Stammhalter fanden. Er war bereits gefüttert und frisch gewickelt und deshalb bei bester Laune. Er lachte uns mit seinen strahlenden Kinderaugen an und wurde bald darauf in das Schlafzimmer seiner Eltern gebracht, das im ersten Stock, gleich am Ende der Treppe, eingerichtet war.

Wir ließen uns am runden Tisch im Herrgottswinkel der Küche nieder. Vom Ofen in der Mitte des Raumes her roch es nach Kaiserschmarrn. Das ist schon seit Jahren meine Lieblingsspeise, die in Tirol zubereitet, für mich immer ein besonderes Etwas hat, das der Kaiserschmarrn im Flachland oder gar in der Großstadt nie erreichte. Sicherlich war das reine Einbildung, aber doch eine sehr liebenswerte, die mir niemand auszureden vermochte.

Angeregt durch ein Hochzeitsfoto, das in einem niedlichen Holzrahmen auf dem alten Küchenkasten stand, das neben dem Brautpaar auch den Erzbischof von Pretoria im vollen, bischöflichen Ornat zeigte, sagte einer: „Das war eine Hochzeit wie für einen Kaiser." Der Pfarrer war auch ganz überrascht, als er davon hörte. Er stellte fest: „Das ist die erste Trauung, die in dieser Kirche von einem Erzbischof gehalten wurde." Und meine Schwester fügte hinzu: „Vielleicht wird es auch die letzte Trauung gewesen sein, die bei uns von einem Erzbischof gehalten worden ist."

Anmerkung: Die Schwester von Willibald Glas heiratete am 29. Sept. 1962 in Itter, einem kleinen Dörflein am Fuß der Hohen Salve. Pfarrer Glas war, wie er mir in einer E-Mail mitteilte, nicht bei der Hochzeit. Er hätte die Fahrtkosten aus den Spendengeldern bezahlen müssen, die er für seine Missionsstation erhalten hatte. Der Erzbischof hatte von Father Brunner von der Hochzeit erfahren, als dieser bei einer Reise nach Deutschland die Verwandten von Willibald Glas besuchte. Für den Erzbischof war dies eine Gelegenheit Tirol kennen zu lernen und sich als Missionsbischof darzustellen. Der Schwester wurde damals erzählt ihr Bruder sei unabkömmlich in seiner Missionsstation.

Eigentlich sollte es damals eine ganz stille Hochzeit werden, weil im Sommer die Urgroßmutter gestorben war. Obwohl nach altem Brauch deswegen nicht getanzt wurde, so war die Trauer im Hause Wurzrainer schon längst wieder einer neuen Lebensfreude gewichen, wie dies der schönen Zeit der jungen Liebe immer schon eigen war.

Dem Erzbischof war das Brautstehlen eine erstaunliche Neuigkeit. Als er aufgefordert wurde, beim Suchen der Braut mitzumachen, war er sofort bereit. Zum Ärger der älteren Hochzeitsgäste wurde dieses Vorhaben eine Geländefahrt, bei der alle Gasthäuser bis hinein ins Zillertal angefahren werden mußten. Die Entführer der Braut hatten es nämlich niemanden gesagt, wo die Braut wieder gefunden werden konnte.

Für den Erzbischof wurde diese Fahrerei zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Bald saß er nämlich wie auf glühenden Kohlen und hielt voller Spannung den Atem an, wenn der Weg allzu eng wurde und der drohende Abgrund als unentrinnbares Schicksal entgegenzukommen schien.

Dann war er auch gleich wieder voller Begeisterung über die prächtig geschmückten Rinder, die gerade an jenem Samstag von den Almen in das Tal getrieben wurden. Er hatte davon viele gelungene Dias gemacht, die er in Pretoria mit großem Erfolg vorzeigen konnte.

Der Kaiserschmarrn war längst verzehrt und der Obstler, der zur leichteren Verdauung reichlich getrunken wurde, hatte die ganze Gesellschaft froh und munter gemacht.

Da wollte man wissen, ob der Erzbischof bei dieser halsbrecherischen Suchfahrt auch dann mitgemacht hätte, wenn er gewußt hätte, daß kurz vorher tatsächlich einer aus der Wurzrainer Familie mit den Eltern im Wagen den steilen Hang auf dem Weg von Itter nach Hopfgarten hinunterrollte. Wie durch ein Wunder war den Insassen damals nichts passiert. „Prost auf das Glück!" rief mein Schwager. Es war wie ein Kommando. Alle erhoben das Stamperl und leerten es in einem Schluck.

Es wurde viel gelacht an jenem Abend des Wiedersehens. Am meisten wohl über den „Weps" in der Stube und über das Wetterhäuschen draußen neben dem Eingang.

Es war ein Weps ganz besonderer Art. Er stach, aber nur in den Hintern und auch nur dann, wenn man das Pech hatte, zum ersten Mal in der Ecke zu sitzen.

Dieses Pech konnte man leicht haben, wenn man diese Einrichtung noch nicht kannte. Die anderen hatten ihn meist mühelos mit einem freundlichen „geh, sei so gut, ruck ein wenig!" genau dort hingebracht, wo der Weps einen stechen konnte. Und alle taten dann so scheinheilig, als wüßten sie nicht, was man in dieser Ecke zu erleiden hatte.

Anfänglich stach der Weps nur ein wenig. Das Opfer zuckte auch kaum zusammen. Nach einer Weile, und meistens mitten in einem allgemeinen Gelächter, stach dann der Weps wieder, aber eine Idee stärker als zuvor. Das konnte lange Zeit so dahingehen und alle warteten gespannt, wie der Betroffene reagieren würde. Meistens wurde diese Schikane wortlos ertragen, bis es dann nicht mehr ging.

Aber statt auf das Übel hinzuweisen und Abhilfe zu verlangen, flüchteten die Betroffenen meistens auf den Lokus, um dort in aller Ruhe die Kleider nach Wanzen zu untersuchen. In der Stube ging das fröhliche Treiben weiter, als wäre nichts geschehen. Wenn er dann wieder hereinkam, wurde er meist ganz ungeniert gefragt: „Hast jetzt deine Wanzen gefunden?"

Da konnte man nicht selten erleben, wie jemand puderrot wurde, als wäre er bei seiner Untersuchung auf dem ,Häuschen' beobachtet worden. Das alte Sprichwort: „Rauh, aber herzlich!" hatte sich wieder einmal bewahrheitet.

Dagegen war der Spaß mit dem Wetterhäuschen harmlos. Hier wurde niemand auf die Folter gespannt, und es brauchte sich auch niemand in der Tugend der Selbstbeherrschung zu bewähren. Es ging sehr schnell und schmerzlos.

Freilich war der Schrecken oft groß und das Gelächter der Umstehenden, wenn jemand wissen wollte, wie das Wetter werden würde und deshalb die Auskunft vom Wetterhäuschen beziehen wollte. Die Antwort kam dann in Form eines kleinen Wasserstrahles, sobald man an der Schnur des Wetterhäuschens gezogen hatte.

An schönen Tagen kamen viele müde Wanderer an der Jausenstation Wurzrainer vorbei, um einzukehren. Die ahnungslosen Gäste konnten der Anziehungskraft dieses Wetterhäuschens meistens nicht widerstehen. Dann gab es für alle Anwesenden herzliches Gelächter. Einer der Gäste meinte, man sollte das Wetterhäuschen gleich direkt an die Wasserleitung anschließen, dann könnte man sich das ständige Auffüllen ersparen.

Es gab kaum etwas, an das wir uns an jenem Abend des Wiedersehens nicht wieder gerne erinnert hätten. Die ganze Gesellschaft war lustig und froh. So wurde es Mitternacht und später, und die Heiterkeit wollte kein Ende nehmen.

Da fragte einer in bester Stimmung: „Pepi, habt ihr eigentlich den Geißbock noch?" „Ja, freilich haben wir den", sagte er und stand auf, um ihn zu holen. Plötzlich stand der Geißbock in der offenen Türe. Einen Augenblick war er verdutzt, weil er aus dem Schlaf gerissen worden war. Dann sprang er mit einem Satz an den Tisch und fraß den Leuten die brennenden Zigaretten aus den Händen. Andere hielten ihm einen halbvollen Krug hin, den er mit großer Gier ausschlürfte.

Wir schütteten ihm alle Reste in einen Eimer zusammen und der Geißbock stürzte sich darauf, als wäre er süchtig. Dabei verbreitete er einen so furchtbaren Gestank, als wäre er schnurstracks aus der Hölle gekommen.

Wir waren alle froh, als ihn Pepi wieder in den Stall zurückbrachte. Auch für uns war es höchste Zeit, endlich ins Bett zu gehen.

Ich hatte eine schwere Nacht. Beim Morgengrauen wurde ich wach und mußte erleben, wie das Bett, in dem ich lag, einer Rakete gleich in meinem Zimmer herumfuhr. Das war eine optische Täuschung. Trotzdem fiel es mir schwer, nicht an diese Täuschung zu glauben, denn das Bett war mit mir wirklich und wahrlich unterwegs. So schien es.

Es fuhr mit mir immer schneller und schneller im Kreis herum. Dabei bekam ich es mit der Angst zu tun und obendrein war mir entsetzlich schlecht. Plötzlich wußte ich nichts mehr und war ganz überrascht, daß ich wieder erwachte. Ich glaubte, ich würde sterben. Es war bereits hell im Zimmer, als ich erwachte und auch mein Bett stand wieder sicher, fest und unverrückbar in seiner Ecke.

Es war kaum zu glauben, daß es kurz vorher so sehr unterwegs war. Mein Bruder sagte mir, daß ich zum Frühstück kommen sollte. Ich gestand ihm, daß mein Kopf noch etwas schwer wäre und ließ mich entschuldigen. Etwas Erholung war mir wichtiger, als aller Kaffee der Welt. Ich konnte sogar noch ein wenig schlafen. War das eine Wohltat!

Damals rasierte ich mich noch mit einer Rasierklinge. Ich hatte mich gerade richtig eingeseift, als mich plötzlich eine kleine Schwäche überfiel. Ich legte mich, wie ich war, auf das Bett. Mein Bruder wollte mich holen, sah mich aber buchstäblich schneeweiß im Bett liegen. Er war schockiert. Ich stand aber gleich wieder auf und machte mich fertig.

Seit jener Nacht habe ich heiligen Respekt vor allen starken Getränken.

Nach dem Frühstück machte sich mein Bruder wieder auf den Weg nach München. Mein Ziel war die Kraftalm, an der Hohen Salve. Die Kraftalm erreichte ich nicht. Schon nach einer halben Stunde war ich völlig erschöpft. Ich war durchgeschwitzt. Der Atem ging schwer und das Herz klopfte mir bis zum Hals herauf. Die Beine schmerzten vom Muskelkater.

Die Fieberkrankheit hatte mich mehr geschwächt, als ich mir eingestehen wollte. Statt der erträumten Bergwanderung gab es kleine Spaziergänge. Diese führten mich in das nahe Hacha zum Schloß Itter und nach und nach auch bis nach Hopfgarten. Dazwischen gab es ausgiebige Zeiten der Ruhe in der Gästekammer unter dem Dach des Hauses. Das tat mir gut.

 

In der Kelchs-Au

Vom Balkon vor meiner Kammer sah ich in das Tal Kelchsau hinein. Wenn die Sonne hoch am Himmel stand, wurde der Bach zu einem Silberband. Glänzend und mit unzähligen Diamanten besetzt, lag es im Tal. Es war mein nächstes Ziel.

Dort befand sich eine Alm. Als junger Bursche hatte mein Schwager dort einige Sommer verbracht. Der kleine Wohnraum war rußgeschwärzt vom offenen Feuerplatz in der Mitte. An den Wänden standen blankgescheuerte Kannen und Töpfe in verschiedenen Größen. An der Wand hingen Pfannen griffbereit. In einer Ecke befand sich ein grober Tisch mit einfachen Sitzbänken. Einen Schritt daneben, gegen die Mitte zu, lehnte ein alter Baumstamm. Dahinter ging es in einen kleinen Vorratsraum. Den Baumstamm hinauf ging es zum gemeinsamen Schlafplatz. Dieser war mit vier Strohsäcken ausgestattet. An seinen Wänden hingen einige vergilbte Heiligenbildchen in uralten Holzrähmchen. Daneben hingen Bilder von schönen Frauen aus alten Illustrierten.

Zu dieser Alm zog es mich immer wieder hin. Manchmal blieb ich auch über Nacht. Dann gab es in der Frühe Mus, wenn die Kühe gemolken waren. Mittags aßen wir fetttriefenden Kaiserschmarrn und tranken Milch dazu. Abends kam Geräuchertes mit Bauernbrot und Rotwein auf den Tisch. Zwischen den Mahlzeiten wanderte ich den Bach entlang. Dort entdeckte ich Plätzchen von solcher Schönheit, daß ich am liebsten für immer dort geblieben wäre.

Zwischendurch nahm ich ein erfrischendes Bad. Dann lag ich in der Sonne oder im Schatten, wie es mir gerade paßte. Ich hatte Zeit. Dabei schaute ich den Wolken zu und ging meinen Gedanken nach. Immer mehr bedrängte mich die Frage: Was ist mir vom Glauben übrig geblieben? Nicht viel. Das war klar.

Jesus von Nazaret war ein Mensch, wie jeder andere auch. Er bekam den Titel „Sohn Gottes". Die Evangelien sind keine Berichte, sondern Dichtungen. Das war eine harte Erkenntnis, aber nicht zu ändern. Die Evangelisten wollten keine Geschichte schreiben, sondern Mitglieder werben, so viel sie nur konnten. Nur so sind derartige Übertreibungen zu verstehen, wie sie am Schluß des Johannesevangeliums zu lesen sind: „Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die Bücher nicht fassen, die man schreiben müßte." Das war eine unverblümte Einladung, froh und munter weiterzudichten, damit am Ende jeder Quadratzentimeter unserer Erde voll wäre von den Büchern über Jesus. Nun, ich habe nichts gegen religiöse Dichtung. Die Evangelien haben mit Sicherheit einen sehr hohen Stellenwert. Man sollte aber nicht so tun, als wollten sie über Jesus von Nazaret Bericht erstatten. Es handelt sich um Dichtung. Und darin liegt ihr Wert.

Besonders deutlich wird das auch im Vorwort zum Lukasevangelium. Dort heißt es: „Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat." Ich fragte mich: Wo sind sie denn geblieben, die vielen, die es angeblich unternommen haben sollen, einen Bericht abzufassen? Sie gibt es nicht. Wenn man diese Einleitung liest und auf sich wirken läßt, dann hat man den Eindruck, als hätte es seinerzeit zum guten Ton gehört, über Jesus zu schreiben. Von alledem keine Spur. Doch müßte etwas da sein. Die verschiedenen Gemeinden hätten schon aus ureigenstem Interesse dafür gesorgt, daß es erhalten geblieben wäre.

Dann fragte ich mich, was ich von der Kirche halte. Sie ist die älteste Versicherungsgesellschaft der westlichen Welt. Ich gestand mir dies ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Sogleich dachte ich an die Hauptverwaltung dieses Unternehmens mit seinem Sitz in Rom. Dann kamen mir die vielen Tochtergesellschaften in den Sinn, die sich fast über die ganze Welt erstrecken. Ich selber war bis vor kurzem noch damit beschäftigt, da und dort bescheidene Nebenstellen einzurichten. Ich tat dies unter großen persönlichen Opfern, und - wie man so schön sagt - zur größeren Ehre Gottes. Ob aber die Kirche Gott je zur Ehre gereichte, ist mehr als fraglich.

Ganz anders ist es mit den Leistungen der Kirche für den Menschen. Sie verspricht allen Sicherheit gegen den drohenden Zorn Gottes und gegen die ewige Verdammnis. Darüber hinaus besänftigt sie auch die schwersten Schuldgefühle und Gewissensängste und reinigt die befleckten Seelen. Diese Dienste werden von vielen Menschen erwartet. Ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt. Entscheidend ist, daß diese Dienste für notwendig erachtet werden. Insofern wirkt die Kirche tatsächlich zum Heil der Menschen.

Das Erfolgsgeheimnis der Kirche liegt aber nicht in der göttlichen Vorsehung begründet, die sie angeblich alle Gefahren immer sicher bestehen läßt. Das Geheimnis ihrer Größe liegt vielmehr in der Tatsache, daß sie jede Konkurrenz mit sicherem Instinkt erspürte und rücksichtslos auszuschalten verstand. Das geschah selbstverständlich auch nur zur Ehre Gottes. So hütete die Kirche ihr Monopol an der ewigen Glückseligkeit über Jahrhunderte.

Daneben bietet die Kirche allen Gläubigen absolute Sicherheit in Glaubensfragen. Sie tut dies, obwohl es im Glauben keine Sicherheit gibt. Auch dafür sind ihre Gläubigen dankbar. Ich bezweifle aber, ob die Kirche an dieser Dankbarkeit auch weiterhin ihre Freude haben wird. Viele sind dabei, ganz still und leise ihre Konsequenzen zu ziehen. Sie gehen ihre eigenen Wege. Diese sind deshalb nicht ungläubig geworden, dafür aber sehr viel selbständiger in allen Belangen des Glaubens.

Selbstverständlich dachte ich auch über das Priestertum nach. Letzten Endes kam ich zum Schluß, daß die Weihe im Tun liegt und nicht in der Handauflegung durch den Bischof. Wer das Priestertum ausübt mit Herz und Verstand, der ist geweiht.

In den Zentren der kirchlichen Verwaltung sitzen überall Angehörige der höheren und hohen Geistlichkeit. Sie bilden sich sehr viel ein auf ihre Titel. Diese beginnen unten beim einfachen Monsignori, dem Kaplan Seiner Heiligkeit und enden oben beim Titularerzbischof. Die einsamen Spitzen bilden die Kurienkardinäle. Von diesen Hochwürdigsten Herren übt keiner das Priesteramt aus. Statt für eine Gemeinde da zu sein und dieser beim Gottesdienst vorzustehen, haben sie sich an den Schreibtisch zurückgezogen. Diese Herren tragen die Insignien ihres Standes nur zum Schein. Sie leben in der Einbildung, als wären sie geweiht. Sie sind es nicht, selbst wenn ihnen der Papst persönlich die Hände aufgelegt hätte. Jesus kannte keine Titularapostel.

Angeblich erhält man in der Priesterweihe auch ein unauslöschliches Merkmal. Damit ist jeder Priester für alle Ewigkeit gezeichnet, ganz gleich, ob er im Himmel ist oder in der Hölle schmachtet. Es ist nichts leichter, als derartige Behauptungen aufzustellen. Zwar gilt allgemein, daß man nichts behaupten soll, was man nicht beweisen kann, aber nicht für die Kirche. Sie behauptet, definiert und verkündet für alle verbindlich, nur solche Tatsachen, die nicht zu beweisen sind. Sie tut es Kraft ihrer Unfehlbarkeit und wird nicht einmal rot dabei. Über dieses Stadium der Bescheidenheit ist die Kirche längst hinweg.

Da fiel mir der Rosenkranz ein. Es war ein Geschenk des Hochwürdigsten Herrn Kardinals. Jeder Domministrant bekam einen. Und zu jedem hatte er dieselben Worte gesagt: „Vom Heiligen Vater persönlich geweiht." Für uns wurde dieser Hinweis zum geflügelten Wort. Zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit pflegten wir zu sagen: „Vom Heiligen Vater persönlich geweiht." Noch am gleichen Tag wollte ich wissen, was es mit dieser besonderen Weihe durch den Heiligen Vater auf sich hatte. Schweren Herzens mußte ich damals feststellen: Die Weihe war für die Katz.

In der Zeit, als die Menschen noch von der Hand in den Mund lebten, gab es keine Priester. Es ging auch. Mit dem beginnenden Wohlstand kam dann auch das Priestertum. Bis dahin war jeder Familienvater der Priester für seine Angehörigen. Sie machten ihre Sache gut. Nach und nach waren die Menschen in der Lage, eigene Heiligtümer zu errichten. Die Stunde des Priestertums hatte geschlagen. Das war vor langer Zeit. Dann trat Jesus auf. Er tat seinen Dienst. Das war seine Weihe. Mit seinen Jüngern verfuhr er ebenso. Keinem von ihnen spendete er eine sakramentale Priesterweihe. Jesus sandte sie einfach aus. Zu zweit mußten sie gehen und ohne Geld. Das war ihre Weihe.

Dann dachte ich: „Gut, daß ich allein bin. Hören darf mich keiner. Gott sei Dank, daß die Kirche nicht allwissend ist, sonst ginge es mir schlecht." Dann nahm ich mir fest vor, mit keinem Menschen darüber zu sprechen. Ich mußte das alles für mich behalten, wenn ich als Priester überleben wollte. Es gab keine andere Wahl.

Kaum auszudenken, was wäre, wenn die Hochwürdigsten Herren spitzkriegen würden, was ich denke. Zuerst würden sie alle einmal aus den Wolken fallen. „Stell dir vor, was man sich von diesem Pfarrer Glas erzählt", würde es heißen. In Windeseile würde sich alles unter ihnen herumsprechen. Die Entrüstung wäre groß. Danach würden Sofortmaßnahmen ergriffen, wie nach einer Katastrophe. „Der Mann muß her!", würden sie rufen. Während nun die einen die Vorladung formulierten, würden andere über Sanktionen beschließen. „Nehmen wir an, er widerruft und distanziert sich." Das wäre den Prälaten sicherlich am liebsten. Mit einer Ermahnung zum Glaubensgehorsam und einen entsprechenden Vermerk im Personalakt wäre dann die Sache wieder abgetan. „Und wenn er nicht widerruft?" Das wäre dann die andere Möglichkeit. Worte, wie Amtsenthebung', ,Entlassung' aus dem kirchlichen Dienst, ,Laisierung' und ,Exkommunikation' würden dann zu hören sein. Zum Abschluß gäbe es noch eine Presseerklärung und der Fall wäre erledigt. „Ich auch", sagte ich halblaut für mich hin und machte mich auf den Heimweg.

Eine der traurigsten Errungenschaften der Kirche ist ihre sogenannte „Geistliche Gewalt". Diese ist ihr schon von Anfang an in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist ihr unauslöschliches Merkmal geworden. Für mich ist ihre geistliche Gewalt der untrügliche Beweis, daß die Kirche ein Unternehmen ist, wie jedes andere in der Welt. Von Heiligkeit keine Spur.

Jesus war gegen Gewalt, auch gegen geistliche Gewalt. Er legte auch keinem die Hände auf, um ihn zu besitzen oder abhängig zu machen. Seine Berührungen waren immer heilender Natur. Er hat keinen in seiner Existenz gefährdet oder gar vernichtet. Von der Kirche kann man das nicht sagen. Sie hat unzählige auf dem Gewissen. Da sind die zahllosen Einzelpersonen bis zum heutigen Tag. Dann bestimmte Gruppen. Ich denke an die Juden, an die Opfer von Glaubenskriegen, an die Opfer des kirchlichen Machtstrebens, und nicht zuletzt an die in Millionen gehenden Opfer von Hexenprozessen.

An den Sonntagen mischte ich mich unter die Urlauber. Es bot sich immer das gleiche Bild. Die Männer bevölkerten den Dorfplatz, rauchten ihre Zigaretten und unterhielten sich. Dazwischen schlängelten sich Kinder und Frauen auf ihrem Weg in die Kirche. Wenn der Mesner die Wandlung läutete, nahmen sie die Hüte ab und warteten, bis es vorbei war. Der eine oder andere warf einen Blick in Richtung Kirche. Dann machten die Männer weiter, wie gewohnt. Wenn dann die ersten Leute aus der Kirche kamen, gingen sie zum Wirt. Erstaunlich, daß sie so lange warteten. Sie wußten eben, was sich gehörte.

 

Von der Kraftalm zur hohen Salve

Vor meinem Abschied ging ich dann noch auf die Kraftalm. Sie bot ein Bild des Jammers. Statt der niedlichen Fenster und Türen starrten mir leere Löcher entgegen. Vor dem Haus türmte sich ein Schuttberg. Teile des alten Kachelofens wurden sichtbar. Ein Ofenrohr lag im Gras, der Küchenherd daneben. Teile zerschundener Hölzer bildeten einen zweiten Berg, Überreste von Fußbodenbrettern und von Zwischenwänden. An den Ecken war das Dach mit schweren Balken abgestützt. Auf einem Schild las ich: „Betreten verboten! Eltern haften für ihre Kinder." Der Besitzer rief mir entgegen: „Gell, da staunst!" Ich nickte. „Wenn Du wieder kommst, wird die Kraftalm neu dastehen."Dazu wünschte ich ihm gutes Gelingen.

Wie gemütlich war es doch in der alten Kraftalm gewesen! Wie herrlich die Stunden der Einkehr! Wir tranken Buttermilch, bestellten einen Schinkenteller oder Kaiserschmarrn. Wir saßen an blankgeschrubbten Tischen, umgeben von getäfelten Wänden. Es gab eine Vielzahl von alten Bildern und Tafeln mit lustigen Versen darauf. Im Herrgottswinkel stand unter dem Kreuz die Wetterkerze. Alles in allem ein Stück unserer geliebten Heimat. „Schade!", dachte ich.

Mit meinem Glauben sah es wesentlich schlechter aus, als mit der Kraftalm. Es war, als hätte ihn eines dieser mächtigen Baufahrzeuge über den Haufen geschoben. Wo früher einmal mein Glaube stand, war alles dem Erdboden gleich. Das ganze Glaubensbekenntnis war ein einziger Schuttberg geworden. Der Gottessohn lag in tausend Scherben und die Gottesmutter daneben. Die Heilige Schrift war ein verstaubter Bestseller zwischen Grimms Märchen und den Erzählungen von tausend und einer Nacht. Die Kirche hatte ihren göttlichen Glanz ganz und gar verloren. Es war ein Unternehmen für Feierlichkeiten von der Wiege bis zum Grab. Die Dogmen häuften sich wie Bauschutt zu einem nicht mehr zu übersehenden Berg. Es gab nirgends ein Schild: „Betreten verboten!" Es war nicht der Mühe wert.

Dieser Schuttberg konnte mir nicht gleichgültig sein. Er erhob sich mitten in meinem Leben. Was ich auch tat, er stand mir immer im Weg. Mit ihm legte ich mich schlafen, und mit ihm erwachte ich. Sogar in den Träumen war er bei mir.

Dann griff ich nach einem dieser zerbrochenen Reste, hielt ihn in der Hand und betrachtete diesen von allen Seiten. Er gefiel mir und wünschte die Teile wären wieder ganz. Daraufhin sah ich andere Trümmer und hob sie auf. Auch diese gefielen mir. Was ich so nebenbei begonnen hatte, wurde mir zur Aufgabe. Ich konnte nicht widerstehen.

Langsam kam auf diese Weise der zerbrochene Sohn Gottes wieder zum Vorschein. Er lag vor mir in all seinen Teilen. Er war mir lieb geworden. Nichts störte mich an ihm. Er durfte aus dem Vater hervorgehen vor aller Zeit und aus der Jungfrau geboren sein. Er konnte meinetwegen von den Toten auferstehen und in den Himmel auffahren. Selbst das Sitzen zur Rechten des Vaters gönnte ich ihm aus ganzem Herzen. Wenn er wollte, dann durfte er auch wiederkommen. Je eher, desto besser.

Vor meinen Augen war so der Sohn Gottes wieder auf die Welt gekommen. Noch einmal hatte er sich für mich ganz persönlich entäußert und war ein Mensch geworden. Er hielt ganz offensichtlich nicht daran fest, Gott gleich zu sein. Aus den Dogmen und den Lehrentscheidungen der Kirche ging er hervor, wie aus einem Grab. So wenig wie der Tod, haben auch die Dogmen keinerlei Gewalt mehr über ihn. Er hat diese ein für allemal besiegt, sie können ihn nicht mehr erreichen. Er lebt in einer anderen Welt.

Dieser neuentdeckte Sohn Gottes ist das Geheimnis aller Gläubigen, nicht nur der Kirche. Sein Andenken gilt es immer wieder zu feiern, so gut wir können. Es wird uns zum Heile sein, gleichgültig, wie dies auch geschehen mag. Ich atmete auf, denn ich hatte meinen Glauben wiedergefunden. Endlich sah ich wieder einen Sinn, als Priester an den Altar zu treten. Es störte mich nicht mehr im geringsten, daß das sakramentale Weihepriestertum letzten Endes nur ein Schnuller ist, den die fürsorgende Mutter Kirche benützt, um ihre Kleinkinder zu beruhigen. Priestertum ist Säuglingspflege. Die Mutter Kirche will es so.

Ihre Priester läßt die Mutter Kirche aus der Stunde des ersten Anfangs nicht hinaus. Für die Priester gibt es in der Kirche keine Entwicklung. Jedem Priester sagt sie ein für allemal: „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt" (Ps 2,7).

Seither leben die Priester nur im Bauch der Mutter Kirche. Die Mutter lebt für sie. Sie wacht und schläft für ihre Priester, sie redet und schweigt für sie, ja, sie tut alles für ihre Priester. Eine vorbildliche Mutter. Die Priester ihrerseits hängen ihr Leben lang an der Nabelschnur des absoluten Gehorsams. Nie sagen sie ein eigenes Wort, nie haben sie eine eigene Meinung. Keiner der Priester macht je einen eigenen Schnauferer, weder vorn noch hinten. Die Priester leben nicht, sie werden gelebt. Für den Priester gibt es keine Stunde der Geburt. Der Beginn seines eigenen Lebens bleibt ihm verwehrt. Ungeboren verweilt er im Schoß der Kirche. Ungeboren legt man ihn ins Priestergrab.

Schwärzer, trauriger und hoffnungsloser hätte ich das Leben eines Priesters nicht mehr zeichnen können. Es war eine grenzenlose Übertreibung. Die Wirklichkeit war und ist anders. Auch in der Kirche wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Es gibt Freiheit, erstaunlich viel Freiheit. Ich hatte diese Freiheit erlebt wie kaum ein anderer. Niemand hatte mich je gehindert in meiner Arbeit im Buschfeld. Ich konnte wahrhaftig schalten und walten, wie ich wollte. Ich wäre absolut ungerecht, wenn ich dies nicht anerkennen wollte. So gesehen, habe ich allen Grund, dankbar zu sein.

Ich war es auch. Endlich wußte ich wieder, wo ich hingehörte. Ich spürte wieder festen Boden unter meinen Füßen. Gott sei Dank, hing ich nicht mehr in der Luft. Das war gut so. Froh und zufrieden stieg ich dem Gipfel der Hohen Salve entgegen. Dort fand ich eine Bank im Schatten des Kirchleins. Vor mir lag das breite Band der Alpengipfel vom Großglockner bis zur Zugspitze, ein herrlicher Anblick. Ich konnte wieder atmen, froh und frei. Wie gut das tat! Es war schön, an die Zukunft zu denken.

Mein Besuch in Niederbayern war nun nicht mehr länger aufzuschieben. In Altötting wollte ich Halt machen. Unterwegs würde ich dann einen kurzen Blick auf das einstige Anwesen meiner Großeltern werfen und über Eggenfelden nach Wildprechting fahren.

Dort durfte ich einige Male die großen Ferien verbringen. Auch hatte ich dort zum ersten Mal mit der Sense gemäht. Es zischte so herrlich, als ich mit jedem Ausholen eine Hand breit tiefer in den Acker vordrang. Einmal mähte ich in ein Nest von Kreuzottern. Ich bemerkte es erst, als ich zum nächsten Schnitt ausholte. Eine Schlange hing an meiner Sense und vor mir raschelte es im Feld. Ich war damals von diesem Anblick so erschrocken, daß ich die Sense fallen ließ und einige Schritte zurücksprang. Vor Schlangen hatte ich heiligen Respekt.

An bestimmten Tagen durfte ich den Onkel begleiten, wenn er bei den Bauern der Umgebung die Eier aufkaufte, um sie dann am nächsten Tag auf den Markt zu bringen. Von den Bäuerinnen bekam ich dabei oftmals eine Nudel, die im schwimmenden Fett herausgebacken war. Mehr noch aber interessierten mich die einzelnen Höfe. Sie waren meist in einem Viereck angelegt und hatten eine richtige Einfahrt mit einem großen Tor. Wenn es geschlossen war, glichen diese stattlichen Höfe fast einer Burg. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten diese Höfe längst eine Zugbrücke bekommen und einen tiefen Wassergraben, wie bei einer echten Burg. Freilich hätten sie dann auf ihren lästigen Hofhund verzichten müssen. Überall bellten sie uns an und fletschten ihre Zähne. „Wenn ich Bauer wäre, gäbe es das nicht", versicherte ich dem Onkel. Schon eher gefiel mir das große Laufrad neben dem Brunnen. Wenn wir Glück hatten, dann war der Hund im Laufrad. Dort verging ihm das Bellen. Er trippelte dort vor sich hin, geduldig, wie ein Lamm.

Manchmal kam uns auch eine Gänseherde entgegen. Die Tiere reckten uns ihre langen Hälse entgegen und veranstalteten ein fürchterliches Geschrei. Alles für nichts und wieder nichts. Wenn ich darüber verwundert meinen Kopf schüttelte, sagte der Onkel: „Denk dir nichts. Die Menschen sind nicht besser."

„Der Onkel wäre nicht unrecht", dachte ich, „aber die Tante!" Früher hatte ich auch die Tante sehr gerne. Seitdem sie aber nur noch Sünden sieht und ständig vom drohenden Strafgericht Gottes redet, ist sie mir eine Plage. „Ein Besuch wird mich nicht gleich umbringen", sagte ich mir. Schließlich hatte ich schon schlimmeres überstanden.

Ich blieb noch eine geraume Weile sitzen und ließ die Bergwelt auf mich wirken. Es war sehr still um mich. Die Geräusche hatten ihre Aufdringlichkeit verloren. Ich mußte genau hinhören, um sie auszumachen. Es war, als gehörten sie zu einer anderen Welt. Dann machte ich mich auf den Heimweg. Das Erlebnis der Gipfelstunde nahm ich mit mir ins Tal hinab.

Es war mir klar: Innerlich würde ich auf dieser einsamen Höhe bleiben müssen. Es würde von jetzt an mein Schicksal sein. Freunde würde es wenige geben, denen ich mich voll und ganz eröffnen konnte. Darüber wurde ich nicht traurig. Man kann schließlich im Leben nicht alles haben.

Am nächsten Tag war ich wieder in München. Die Stadt stand im Trubel des Oktoberfestes. Mein Bruder sagte: „Das darfst Du Dir nicht entgehen lassen." So verbrachten wir einen Abend auf der Wiese. Wir bewunderten die bunten Leuchtreklamen und drängten uns durch die Bierzelte. Die Musikkapellen waren durch Lautsprecher verstärkt und die Gäste an den Tischen grölten um die Wette. Eine Rauchwolke staute sich unter dem Zeltdach. Überall waren Menschen, nichts als Menschen. Vor der großen Achterbahn blieben wir länger stehen. Wir betrachteten die Menschen beim Ein- und Aussteigen. Die einen waren noch voller Übermut, weil sie das Vergnügen noch vor sich hatten. Die anderen waren käsebleich und froh, weil sie es endlich hinter sich hatten. Ich erinnerte mich an das letzte Jahr im Gymnasium. Damals gingen wir mit einer jungen Lehrerin auf das Oktoberfest. Wir fuhren auch mit der Achterbahn. Beim Einsteigen sorgten wir dafür, daß jene Lehrerin mit dem Rücken zur Fahrtrichtung zum Sitzen kam. Wie erwartet wurde ihr furchtbar schlecht und sie mußte sich erbrechen. Sie tat dies in ihre Handtasche. In diesem Augenblick hatte sie uns beinahe etwas leid getan. Wir hatten uns revanchiert. Mehr wollten wir nicht.

 

Bei der Mutter Gottes von Altötting

Am nächsten Tag, gleich nach dem Frühstück, machten wir uns auf den Weg nach Niederbayern zur Tante Marie.

In Altötting fand ich auf dem Kapellplatz eine Parklücke. Für meine Mutter bedeutete dieses kleine Glück schon fast eine Gebetserhörung. Freudestrahlend verließ sie den Wagen und verschwand sofort in der Gnadenkapelle. Ich ließ mir Zeit und betrachtete eine Gruppe von Frauen. Jede trug ein Kreuz auf ihrer Schulter. Unbeirrt gingen sie ihren Weg um die Gnadenkapelle. Sie beteten:

„Jungfrau, Mutter Gottes mein!
Laß mich ganz Dein eigen sein!
Dein im Leben und im Tod,
Dein im Unglück, Angst und Not,
Dein im Kreuz und bittrem Leid,
Dein für Zeit und Ewigkeit!"

Vor einigen Monaten hätte mich dieses Gebet angewidert. Jetzt aber suchte ich diese Frauen mit den Kreuzen auf den Schultern zu verstehen. Sie hatten alle ein Anliegen auf dem Herzen. Sie waren in Not und suchten Hilfe.

„Mutter! auf dich hoff' und baue ich!
Mutter! zu dir ruf und seufze ich!
Mutter! du Gütigste! steh' mir bei!
Mutter! du Mächtigste! Schutz mir leih!"

Es war mir inzwischen vollkommen einerlei, ob dieses Vertrauen in die Mutter Jesu biblisch fundiert war oder nicht. Wichtig

war mir nur, daß diese Frauen in ihrer Not überhaupt zu irgend jemanden ein unerschütterliches Vertrauen besaßen. Das gab ihnen Kraft in ihrer Not. Mich störte es auch nicht mehr, daß sich evangelische Christen daran stoßen könnten. Ohne Groll konnte ich ihnen zuhören, als sie beteten:

„Du kannst mir ja helfen, 0 Mächtigste!
Du willst mir ja helfen, O Gütigste!
Du mußt mir ja helfen, O Teuerste!
Du wirst mir auch helfen, Barmherzigste!"

Diese Art der Marienfrömmigkeit war sicherlich ein Hindernis auf dem dornenreichen Weg zur Einheit der getrennten Christenheit. Aber was soll's! Fraglich ist nicht nur die Marienverehrung. Fraglich ist das ganze Christentum. Wenn nur mehr Christen den Mut hätten, sich das einzugestehen. In dieser Lage machte ich mir das Gebet der Frauen zu eigen. Ein Funke ihres Vertrauens war auch in mein Herz gesprungen, als sie fortfuhren:

„Wer hat je umsonst deine Hilf angefleht?
Wann hast du vergessen ein kindlich Gebet?
Drum ruf ich beharrlich im Kreuz und im Leid:
Maria hilft immer, sie hilft jederzeit.
Ich ruf voll Vertrauen in Leiden und Tod:
Maria hilft immer, in jeglicher Not.
So glaub' ich, und lebe und sterbe darauf:
Maria hilft mir in den Himmel hinauf."

Ich mußte an die Worte Jesu im Matthäusevangelium denken. „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen." (Mt 18, 3). Wahrhaftig, diese kreuztragenden Frauen waren tatsächlich wie die Kinder geworden. Dem Himmelreich waren sie bereits näher als mancher sehr gelehrte Theologe. Wahrscheinlich hatten sie keinen blauen Dunst von dem, was wir Christologie und Mariologie nennen. Sie hatten aber ein wahrhaft kindliches Vertrauen, und das half ihnen mehr, als alle Theologie in der Welt. Ich wollte, ich hätte mit ihnen tauschen können. Ich hätte ihnen gegeben, was sie wollten.

In der Gnadenkapelle kam ich gerade recht zu dem Gebet:

„Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, daß es von Ewigkeit nicht erhört wurde, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, deinen Beistand anrief, um deine Fürbitte flehte, von dir verlassen worden sei."

Das Gebet der großen Lüge! Es ist einfach nicht wahr, was in diesem Gebet behauptet wird. Ich wollte schon wieder gehen, um mich ungeniert ärgern zu können. Aus Rücksicht auf meine Mutter blieb ich dann doch noch in der Gnadenkapelle.

Danach stimmte jemand das Lied „Rosenkranzkönigin" an. Sogleich war die Kapelle erfüllt von diesem Gesang. Die Innigkeit, mit der es den Leuten aus dem Herzen kam, versöhnte mich wieder. Mein Groll war vergessen. „Ich will verstehen, nicht verurteilen", nahm ich mir erneut vor. Während des Liedes dachte ich an das vorige Gebet, das mich so sehr aus dem Häuschen gebracht hatte.

Die Tatsache war nicht zu übersehen. Alle Anwesenden waren der festen Überzeugung, daß Maria in jedem Falle helfen könnte, in jedem Falle helfen müßte und auch in jedem Falle helfen würde.

Wer Hilfe brauchte, müßte sich bei ihr nur entsprechend bemerkbar machen.

Ich war mitten unter diesen Leuten in der Gnadenkapelle. Trotzdem trennten uns Welten von einander. Ich wollte ihren Glauben bewundern, konnte sie aber schließlich nur noch bedauern. Auf diesen Glauben war ich gerne bereit, zu verzichten. Die Kinder dieser Welt sagen: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Sie fahren gut dabei. Auch in der Religion geht es nicht ganz ohne gesunden Menschenverstand. - Oder doch?

Ich sah mir die Leute an und überlegte, welche Sorgen und Nöte sie hierher getrieben haben könnten. Es war ihnen nichts anzusehen. Sie machten einen sehr zufriedenen Eindruck. Man konnte sich täuschen, denn die größte Not sitzt oftmals im Herzen. Trotzdem hätte ich von den Leuten so etwas ähnliches wie eine Fieberkurve gesehen, wo die Sorgen und Nöte ihres Lebens eingetragen gewesen wären. Daneben hätte ich dann auch noch mit einer anderen Farbe die Zahl ihrer täglichen Rosenkränze, die freiwilligen Opfer und ihre guten Werke schön säuberlich eingetragen. Es hätte sicherlich ein interessantes Bild ergeben. Wenn es stimmt, daß Maria immer hilft, dann müßte es auch auf der Fieberkurve des Glaubens zu sehen sein.

Leider konnte ich nicht glauben, daß Maria immer hilft. Die Menschen helfen sich selber. Sie bedienen sich nur der Gottesmutter. Durch ihre religiösen Übungen erzeugen sich die Gläubigen ständig neues Vertrauen und neue Hoffnung. Die Leute machen sich mit Hilfe Maria's selber neuen Mut. Dadurch halten sie sich über Wasser, in dem andere längst ertranken wären.

„Es ist gut, daß es diese Gnadenkapelle gibt", dachte ich. Die Leute kommen nicht umsonst. Sie kommen immer wieder und sie kommen gerne. Sie finden, was sie suchen: Seelenfrieden. Kein Wunder, daß sie frohen Herzens wieder von hier gehen können. Nur kommt die Hilfe nicht von oben, sondern von innen. Was macht das schon?

Für einen denkenden Menschen ist dieser Unterschied allerdings sehr beachtlich. Als wir wieder im Auto saßen, hätte ich gerne darüber gesprochen. Ich war mir aber nicht sicher, ob ich auch verstanden worden wäre. Ich wollte nichts riskieren und sagte nichts.

In Mitterskirchen wollten wir das alte Gemeindehäusl sehen, in dem ich so viele, glückliche Kindertage erleben durfte. Die Enttäuschung war groß, denn es war nicht mehr da. Sogar der Berg, auf dem es stand, war verschwunden. Statt dessen fanden wir ein modernes Rathaus vor, inmitten einer Grünfläche. Jahre später schrieb ich dem Bürgermeister und bat ihn um ein Foto vom alten Gemeindehäusl. Es gab keines davon. In seinen Augen handelte es sich nur um einen Schandfleck für die ganze Gemeinde, den man nicht früh genug vergessen konnte. Auch das war verständlich.

 

Die Tante in Wildprechting

Den Onkel hatte ich mit einer totalen Glatze in Erinnerung. Deshalb erkannte ich ihn nur an seiner Stimme. Eine rotblonde Perücke hatte ihn völlig verändert. Dann aber gab es ein herzhaftes Gelächter. „Gut siehst Du aus!" rief ich ihm zu und schüttelte seine Hand. „So jung habe ich Dich noch nie gesehen!", fügte ich hinzu. „Du sagst es!", schrie die Tante. Wir reichten uns die Hände in der Freude des Wiedersehens. „Sein ganzes Leben war er immer plattert. Es ist höchste Zeit, daß er endlich etwas auf sich schaut", meinte die Tante. Ich stimmte ihr zu, weil ich sah, daß sie dies hören wollte. Im Haus war schon alles gerichtet. Das Mittagessen konnte beginnen.

Hernach zeigten sie uns ihr neues Haus. Um es zu ermöglichen, hatten alle sehr viel mit eigenen Händen gemacht. Mit Recht waren sie sehr stolz darauf, und wir freuten uns mit ihnen.

Das alte Haus war noch aus Holz gewesen. Es hatte sehr niedrige Räume. Die Kammern des Obergeschosses waren so niedrig, daß ich als Bub mühelos die Decke erreichen konnte. Die Türen waren niedrige, kleine Schlupflöcher. Türklinken gab es keine im ganzen Haus. Eine einfache Drehvorrichtung aus globigem Holz tat den gleichen Dienst. Aus der kleinen Küche ging man direkt in den Stall. Dort stand ein alter gußeisener Brunnen. Hinter dem alten Wohnhaus war dann noch das Häuschen. Die Türe hatte eine herzförmige Öffnung in Augenhöhe. Diese diente dem jeweiligen Benutzer teils als Lüftung und teils als Ausblick. In meiner Erinnerung war dieses Haus sehr schön und gemütlich. Schade, daß es einem Neubau weichen mußte.

Eines schönen Tages kam eine neue Schlafzimmereinrichtung in dieses alte Bauernhaus. Es sollte eine Überraschung werden für den Onkel, wenn er von den Soldaten in den Urlaub käme. Mit Eifer schafften wir Kinder die alten Strohsäcke in den Stadel. Dann zerlegten wir die uralten Bettgestelle und schafften Platz für die neuen. Die Neuanschaffung war beachtlich. Die Kopfenden der neuen Bettstatt reichten fast bis zur Decke. Dann kam das Prunkstück für das Schlafgemach. Es war eine breite Bildtafel, sorgfältig eingerahmt und hinter Glas. Der gute Hirte war darauf zu sehen, mit dem verlorenen Schaf auf seinen Schultern. Aus einer Ecke des Bildes schickte die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen über Hirt und Herde und tauchte alles in süßen Frieden. Diese wunderschöne Tafel sollte über den Ehebetten angebracht werden. Leider war die Tafel zu groß oder die Wandfläche zu klein. Wie man diesen Umstand auch betrachten mochte, es war immer das gleiche Ergebnis. „Was doch so windige zehn Zentimeter ausmachen", meinte die Tante. Für Bett und Tafel war das Zimmer ganz einfach zu niedrig. Zu guter Letzt aber erhielt das Bild doch noch seinen vorgesehenen Ehrenplatz. Die Tante kam mit einer Säge und verkürzte die Beine der Betten. Als sie damit fertig war, betrachtete sie das Schlafzimmer und sagte zu uns: „Man muß sich nur zu helfen wissen."

Als sich der Krieg in die Länge zog, wurde der gesamte Viehbestand immer genauer von den Behörden erfaßt. Es war kaum mehr möglich, schwarz zu schlachten. „Das wäre gelacht", sagte die Tante. Dann verriet sie uns ihren Plan. In der hintersten Ecke des Stadels sollte ein Geheimstall erbaut werden. Die Ziegelsteine für das Mauerwerk lieferte der alte Backofen. Kalk und Sand waren vorhanden. Noch am selben Tag wurde das fetteste Schwein in dieses Versteck gebracht. Die Tante wußte, was sie wollte.

Auch ihr religiöses Leben überließ die Tante keinen Augenblick dem Zufall. Sie behielt es im Griff und hatte es ständig unter Kontrolle, wie alles andere in ihrem Leben. Auf diese Weise fühlte sie sich ungemein sicher. Sie hatte für alles vorgesorgt, ganz gleich, was auch kommen mag. Für den Alltag hatte sie den Rosenkranz. Er verhinderte für sie den ständig drohenden Weltuntergang. Für alles, was war, hatte sie die Beichte. Damit bewältigte sie die Vergangenheit. Mit den heiligen Messen sicherte sie sich und ihren Angehörigen einen Platz in der Ewigkeit.

Dazwischen konnte sie lachen, daß ihr die Augen tränten. So erzählte sie mit Vorliebe etwas schlüpfrige Witze, weil man schließlich nicht immer ernst sein könnte. Ein Pfarrer besuchte eine Frau, die schon sehr lange nicht mehr in die Kirche gekommen war. Er traf sie an, wie sie gerade eine Hose flickte. Der Pfarrer sagte zu ihr: „Liebe Frau! Es wäre besser, wenn Sie auch in ein Gebetbuch hineinschauen würden, statt die alte Hose zu flicken." „Aber Herr Pfarrer!", erwiderte die Frau. „Es steht in keinem Gebetbuch, was in der Hose steht."

Als das Gelächter abgeebbt war, meinte die Schwiegertochter der Tante: „Ich bin gespannt, wann der Pfarrer bei unserer Oma anklopft." „Der kommt ganz gewiß nicht!", entgegnete sie mit Sicherheit. „Dem Pfarrer habe ich ganz gehörig die Leviten gelesen." Wir sahen sie neugierig an. „Was diesem Herrn nicht alles einfällt!", rief sie aus. „Einen Tisch hat er auf einmal vor dem Hochaltar stehen. Die Messe will er MIT uns feiern. Das paßt mir nicht. Er soll die Messe FÜR uns feiern, wie er es gelernt hat. Er soll zum Altar hinschauen."

So kamen wir ganz zufällig über die Neuerungen im Gottesdienst zu sprechen. Die Tante lehnte sie alle ab in Bausch und Bogen. Zu allem sagte sie: „Das paßt mir nicht", oder: „Das mag ich nicht. Das ist meine persönliche Angelegenheit. Es ist MEIN Glaube, ICH muß ihn leben." Ich fragte sie: „Du wirst doch nicht glauben, daß sich die 2 000 Bischöfe in Rom nach Dir richten werden?" Daraufhin sah sie mich etwas von unten an, wie ein Stier, wenn er jemanden auf die Hörner nimmt. „In der Kirche geht es zu, wie bei den Russen", sagte sie dann. „Alles wird von den Oberen beschlossen und das Volk soll es machen." Dann wurde sie sehr erregt und rief mir entgegen: „Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie mein Glaube auszusehen hat! Darüber entscheide ich selber. Die hohen Herren in Rom können beschließen, was sie wollen. Annehmen werde ich nur, was ich für gut finde. Sonst nichts. Verstehst Du mich?"

Diese Frau hatte ihre eigene Meinung in diesen Dingen. Und sie verstand es auch, sie unmißverständlich zu vertreten. „Sag' mir doch, warum klappt denn nichts in den kommunistischen Ländern? Ich will es Dir sagen", fuhr sie fort. „Weil die oberen Zehntausend alles an sich gerissen haben, was den Leuten gehört. Die Leute haben nichts zu sagen. Wegen jedem Dreck müssen sie sich an die Behörde wenden. Der allmächtige Staat entscheidet. Was er sagt, ist immer richtig. Kein Wunder, wenn es ständig abwärts geht und ihnen die Menschen davonlaufen." Es wagte ihr niemand zu widersprechen. Mit dem Brustton der Überzeugung sagte sie: „In der Kirche ist es nicht viel anders." Ich zog die Konsequenz und sagte: „Dann bin ich also ein verkappter Funktionär für kirchliche Planwirtschaft." „So ist es!", rief die Tante. Dann fügte sie hinzu: „Bitte, sei mir nicht böse. Ich möchte Dich nicht beleidigen."

Während wir bei Kaffee und Kuchen saßen, wurde ich von allen Seiten mit Fragen konfrontiert. Ich wäre der Studierte, ich müßte es wissen. „Wie war es denn mit dem Glauben von Anfang an?" Ich wiederholte die Frage, um sicher zu sein, daß ich sie richtig verstanden hatte. „Glaube, von Anfang an?", sagte ich nachdenklich. „Das führt uns in die Zeit des alten Abraham."

Zu allererst und am eindringlichsten bemerkte Abraham Gott im eigenen Herzen. Dieser Mann verstand es, still zu werden und sich auf Gott einzustellen. Wenn er es tat, ließ sich Gott vernehmen. Er machte die Entdeckung seines Lebens. Er sagte sich: „Gott hat mich erwählt! Und das will was heißen! Mag kommen, was will. Abraham brauchte nicht mehr zu verzagen. Von da an gehörte Gott mitten in sein Leben. Abraham war nicht mehr auf sich selber angewiesen. Gott wurde seine Stärke. Er half ihm aus dem ständigen Hin-und-Her seiner Unentschlossenheit zum festen Entschluß. Gott ging mit ihm und Abraham wußte sich von ihm geführt."

„Ja, so sah es aus mit dem Glauben von Anfang an", sagte ich. „Heute werden die Menschen erzogen auf die Kirche zu hören, nicht auf Gott. Die Kirche will uns führen, ihr sollen wir uns anvertrauen. Im Anfang war das nicht so. Für Abraham gab es nur seinen Gott. Er allein war für ihn maßgebend. Seltsamerweise sieht es aber ganz danach aus, als wäre es nicht recht lange gut gegangen, so direkt von Du zu Du mit Gott zu verkehren. Später wurden nämlich Aaron und seine Söhne aus heiterem Himmel zum Priestertum verpflichtet. Sie wurden die Mittler für das Volk. Die Zeit des Anfangs war vorbei."

„Das stimmt", erinnerte sich die Tochter des Hauses. In der Religionsstunde hatte sie die priesterlichen Gewänder in das Heft gemalt. Sogar an die Bundeslade mit den zwei goldenen Engeln konnte sie sich erinnern. Es sieht tatsächlich so aus, als hätte Gott seine Nähe zu Abraham stillschweigend bereut und deshalb die Priester ins Leben gerufen. Das wäre sehr verständlich, denn die Herren dieser Welt leisten sich eine Vorzimmerdame für den gleichen Zweck. Es sieht aber nur so aus. Die Wirklichkeit ist anders.

Das Volk der Israeliten war zu keiner Zeit in Ägypten gewesen. Der grandiose Auszug hatte niemals stattgefunden. Die göttliche Feuersäule, der wunderbare Durchzug durchs Rote Meer und die Vernichtung der ägyptischen Streitmacht in den Meeresfluten, gibt es nur in den Gedanken dieses Volkes. Mit der vierzigjährigen Wüstenwanderung war es nicht anders. Das Manna, die eherne Schlange, die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, das goldene Kalb, ja sogar ihre Führer Mose und Aaron, gehören zur gedanklichen Wirklichkeit der Israeliten.

Der junge Bauer schüttelte den Kopf und meinte: „Sag' doch gleich, es ist alles erlogen und erstunken!" „Nein, so ist es nicht", entgegnete ich. Diese Geschichten haben ihren guten Grund.

Den herumziehenden Nomaden mußte ein Leben an den Ufern des Nils wie ein Stück Paradies erschienen sein. Es war deshalb sehr verständlich, daß sie gerne dort gelebt hätten, besonders in den Zeiten der Hungersnot. Einige von ihnen hatten es auch tatsächlich versucht, sich dort heimisch zu machen. Sie hatten aber kein Glück. Über kurz oder lang mußten sie das Land wieder verlassen. Das ging so über viele Generationen. Immer wieder suchten einzelne Nomadenfamilien auf eigene Faust ihr Glück in Ägypten. Das Ergebnis war immer das gleiche: Früher oder später wurden sie wieder verjagt. Ägypten war ein wunder Punkt im Selbstbewußtsein der Israeliten. Die Zeit heilte diese Wunde auf eine sehr einfache Weise. Sie verwandelte die Mißerfolge der Vorfahren in einen Triumph für das ganze Volk. Zeit heilt Wunden, sagen wir nicht ohne Grund. Wie leicht sind wir bereit, sogar die eigene Vergangenheit zu verklären. Für das Bewußtsein eines Volkes ist dies eine Selbstverständlichkeit. So wurde aus den trüben Erfahrungen einzelner Stammesgenossen ein Ruhmesblatt für das spätere Volk.

Ebenso einfach ist das Priestertum entstanden. Es ist eine Konsequenz der Seßhaftwerdung, wie die Einführung des Königtums in Israel. Das Volk schrie damals nach einem König. Es bekam seinen König. Aber auch der König hatte seine ganz besonderen Wünsche. Er wollte einen Tempel für seine Stadt. Das ging freilich nicht von heute auf morgen. Das Volk scheute die Steuern und die Frondienste, die der Tempelbau erfordern würde. Kurzum, es war dagegen. Dann aber wurde der Tempel doch gebaut. Was der König David nicht schaffte, das gelang dem König Salomon. Für den Tempel auf dem Zionsberg brauchte man dann auch eine eigene Priesterschaft. So entstand der Tempel und das Priestertum, weil die Menschen es wollten. Von göttlichen Befehlen kann keine Rede sein.

Trotzdem ging es nicht ohne Gott. Die Israeliten benötigten eine göttliche Anordnung für ihr Priestertum. Ein Priestertum, als eine rein menschliche Einrichtung, hätte keine besondere Würde, keine Heiligkeit, keine Autorität und vor allen Dingen auch keine göttliche Vollmacht. Das Priestertum mußte deswegen auf den ausdrücklichen Befehl Gottes zurückgeführt werden können.

Im Selbstbewußtsein des israelitischen Volkes geschah dies in den vierzig Jahren ihres einstigen Wüstenzuges. Damals bekleidete Mose seinen Bruder Aaron und dessen Söhne mit den priesterlichen Gewändern. Mose tat dies, weil Gott es so befohlen hatte. So bekam das Priestertum seinen göttlichen Ursprung in den Herzen der Menschen.

Keiner sagte ein Wort. Nach einer Weile resümierte der Jungbauer: „Eine bloße Einbildung soll das alles gewesen sein, was wir da über Moses in der Schule gelernt haben. Innere Wirklichkeit oder Einbildung. Wo liegt der Unterschied? Für mich gibt es da keinen Unterschied." Ich sah, daß ihm diese Gedanken zu schaffen machten. Dann sagte ich: „Es genügt nicht, nur das gelten zu lassen, was man mit den Händen greifen kann. Wirklichkeiten gibt es auch in uns. Ein Mensch, der glaubt, lebt von dieser inneren Wirklichkeit."

Im Stall schrien die Kühe. Es war das endgültige Zeichen für unseren Aufbruch. Drei Stunden später waren wir wieder in München.


Inhalt

Index

weiter