Die Schöpfungsgeschichte nach Mark Twain

Satans siebenter Brief


Noah und seine Familie wurden errettet – wenn man das als Vorteil bezeichnen kann. Ich füge das "wenn" hinzu, da es nie einen intelligenten Sechzigjährigen gegeben hat, der zustimmen würde, sein Leben noch einmal von Anfang an zu beginnen. Seines oder das von irgendwem anderen. Ja, die Familie wurde errettet, aber es ging ihnen nicht gut, denn sie waren voller Mikroben. Bis zu den Augenbrauen, gesättigt und übersättigt mit ihnen, gebläht wie ein Ballon. Es war eine widerliche Situation, aber es ging nicht anders, denn es mussten genug Mikroben errettet werden, um die zukünftigen Generationen der Menschheit mit zerstörerischen Krankheiten zu versorgen, und es standen an Bord nur acht Personen als Krankheitserregerhotel zur Verfügung. Die Mikroben waren der bei weitem wichtigste Teil der Fracht der Arche und der Teil um den sich der Schöpfer am meisten sorgte und in den er am stärksten vernarrt war. Sie sollten gute Ernährung und angenehme Unterkünfte haben. Es waren Erreger von Typhus, der Cholera, der krankhaften Angst vor Wasser, des Kaumuskelkrampfs, der Auszehrung, der Pest und einige hundert andere edle, besonders wertvolle Schöpfungen, mit Gold ausgezeichnete Ordensträger der Liebe Gottes zu den Menschen, gesegneten Gaben, des in seine Kinder vernarrten Vaters – alle diese mussten gut situiert untergebracht und großzügig versorgt werden; sie fanden sich in den erlesensten Plätzen, die die Innereien der Familie zu bieten hatten; in der Lunge, im Herz, im Gehirn, in den Nieren, im Blut, in den Gedärmen. Ganz besonders in den Gedärmen. Der Dickdarm war ihr Lieblingsaufenthaltsort. Dort versammelten sich unzählige Milliarden, arbeiteten und aßen und und schwärmten aus und sangen Lobes und Dankeshymnen, so dass man in der Nacht, wenn es still war ihr sanftes Murmeln hören konnte. Der Dickdarm war praktisch ihr Himmel. Sie stopften ihn voll; sie machten ihn hart wie ein Stück einer Gasleitung. Sie waren stolz darauf. Ihr Haupthymnus wies zufrieden darauf hin:

“Verstopfung, oh Verstopfung,
das lustige Lied stimmt an,
bis Windung der menschlichen Eingeweide
den Namen ihres Schöpfers preist.“

Die Arche hielt zahlreiche und die unterschiedlichsten Unannehmlichkeiten bereit. Die Familie musste direkt neben den Tieren leben und ihren Gestank und ihr sich zu donnergleichem Lärm addiertes Brüllen und Kreischen ertragen; zusätzlich zu diesen unannehmbaren Bedingungen, war es Ort der Versuchung für Damen: Wo sie auch hinblickten, sahen sie Tausende von Tieren sich vervielfältigen und sich vermehren. Und dann gab es da noch die Fliegen. Sie schwirrten überall herum verfolgten die Familie den ganzen Tag. Sie waren die ersten Tiere, die sich bei Tagesanbruch ans Werk machten und die letzten, die sich am Abend zur Ruhe betteten. Aber sie durften nicht getötet noch verletzt werden, sie waren sakrosankt, von göttlicher Herkunft, sie waren die Schoßtierchen des Schöpfers, seine Lieblinge.

Nach und nach wurden die Tiere hier und da über die Erde verteilt – verstreut: Die Tiger nach Indien, die Löwen und Elefanten zu den leeren Einöden und verschwiegenen Plätzen im Dschungel, die Vögel in den grenzenlosen Raum der Lüfte, die Insekten auf die verschiedenen Klimazonen nach ihrer Natur und ihren Bedürfnissen. Aber was geschah mit der Fliege? Sie hat keine Nationalität, in jedem Klima ist sie zu Hause, der ganze Globus ist ihr Heim, alles was atmet ist ihr Opfer, und sie ist ihnen eine rechte Plage und ein Ärger.

Für die Menschen ist sie eine göttlicher Botschafter, ein generalbevöllmächtigter Abgesandter, der spezielle Repräsentant des Allmächtigen. Sie sucht ihn in der Wiege heim, hängt sich traubenweise an seine Augenwinkel, schwirrt herum und stört und wütet, raubt ihm den Schlaf und der Mutter die Kraft in den langen Nachtwache die sie damit verbringt, ihr Kind vor dieser Pest zu schützen. Die Fliege greift den Kranken zu Hause an, Im Krankenhaus, sogar auf seinem Sterbebett bei seinem letzten Atemzug. Belästigt ihn während des Essens, nachdem sie vorher Patienten, die an abscheulichen und tödlichen Krankheiten leiden aufgesucht hat; watet in deren Wunden, benetzt ihre Füße mit Millionen todbringender Keimen, kommt dann an den Tisch der Gesunden und streicht dieses Zeug auf die Butter und hinterlässt einen Haufen Exkremente voller Typhusbazillen auf den Butter-Keksen. Die Hausfliege zerstört mehr Menschen die Gesundheit und bringt mehr um als alle anderen Unheilsboten und Todesagenten Gottes zusammen.

Shem war voller Hakenwürmern. Es ist wundervoll, welche eingehenden und umfassenden Gedanken sich der Schöpfer zu dem großen Werk, den Menschen das Leben zu vergällen, gemacht hat. Wie ich sagte, entwarf er einen speziellen Angreifer für jedes noch so kleine Detail der Physiologie, ohne auch nur ein Einziges zu übersehen, und wahrlich, so ist es. Viel Arme müssen barfuß laufen, weil sie sich keine Schuhe leisten können. Der Schöpfer erkannte die günstige Gelegenheit. Ich muss nebenbei noch bemerken, dass sein Auge immerzu auf den Armen ruht. Neun Zehntel seiner Krankheitserfindungen waren den Armen zugedacht und sie erhalten sie auch. Die Wohlhabenden bekommen nur was übrig bleibt. Ich sage das nicht nur so achtlos dahin; der weitaus überwiegende Teil der Ansteckungserkrankungen sind speziell dafür entworfen, die Armen zu befallen. Man kann das daran erkennen, dass einer der nobelsten und gebräuchlichsten Namen, den die Kanzel dem Schöpfer gibt, “Der Freund der Armen“ ist. Unter keinen Umständen hört man von der Kanzel je ein Kompliment an den Schöpfer, das der Wahrheit entspricht. Der Armen unversöhnlichster und nie müde werdender Feind ist ihr Vater im Himmel. Der Armen einziger wirklicher Freund ist der Mitmensch. Er sorgt sich um sie, er erbarmt sich ihrer und er zeigt das durch Taten. Er tut viel um ihr Leid zu erleichtern und in jedem solchen Fall wird der Vater im Himmel dafür gelobt.

Genauso auch bei Krankheiten. Wenn die Wissenschaft eine Krankheit, die im Auftrage Gottes tätig war, ausrottet, wird das Gott zugeschrieben und alle Kanzeln brechen in Entzückung aus, werben dankbar für ihn und weisen darauf hin, wie wohlwollend er ist! Ja, er hat das bewirkt! Möglicherweise hat er tausend Jahre gewartet, bevor er es getan hat. Das spielt keine Rolle, die Kanzeln sagen, er hat die ganze Zeit darauf verwendet darüber nachzudenken. Wenn aufgebrachte Menschen sich erheben und eine lange Tyrannei hinwegfegen und eine Nation befreien, ist das erste, was die hocherfreuten Kanzeln tun es als Gottes Werk auszugeben und die Leute aufzufordern, auf die Knie zu fallen und ihn dafür mit Dank zu überschütten. Und die Kanzeln verkünden mit bewegten Herzen voller Bewunderung: “Mögen die Tyrannen einsehen, dass das Auge, das nie schläft sie sieht und dass der Herr unser Gott nicht immer geduldig sein wird, sondern an einem festgesetzten Tage die Stürme seines Zorns freisetzen wird.“

Sie vergessen zu erwähnen, dass er der langsamste Beweger im Universum ist, dass sein Auge, das nie schläft, das aber genau so gut schlafen könnte, da es ein Jahrhundert braucht, um zu erkennen, was jedes andere Auge in einer Woche sieht, dass es in der ganzen Geschichte keinen Fall gibt, in dem er als Erster eine edle Tat ersonnen hat, sondern dass er immer drauf kam ein klein wenig nachdem sie schon einem anderen eingefallen war, der sie auch ausgeführt hat. Danach erscheint er auf der Bildfläche und heimst den Gewinn ein.

Nun gut, vor sechstausend Jahren war also Shem voller Hackenwürmer. Diese sind mikroskopisch klein und für das menschliche Auge unsichtbar. Alle besonders tödlichen Krankheitserreger des Schöpfers sind unsichtbar. Das ist eine geniale Idee. Tausende von Jahren hat das die Menschen davon abgehalten, die Wurzeln dieser Übel zu erfassen und hat verhindert, sie zu überwinden. Erst in allerletzter Zeit hatte die Wissenschaft erfolgreich einige dieser Heimtücken aufgedeckt.

Der letzte dieser segensreichen Triumphe der Wissenschaft ist die Entdeckung und Identifikation dieses hinterhältigen Attentäters, der den Namen Hackenwurm trägt. Seine spezielle Beute ist der barfüßige Arme. Er liegt in warmen Regionen und sandigen Plätzen auf der Lauer und gräbt sich in ihren ungeschützten Fuß.

Der Hackenwurm wurde vor zwei oder drei Jahren von einem Arzt entdeckt, der dessen Opfer lange Zeit sorgfältig untersucht hat. Die Krankheit, die der Hackenwurm verursacht, hat ihr böses Werk an diesen und jenen Orten auf Erden verrichtet, seit Shem am Ararat gelandet ist, aber man hat nie und nimmer vermutet, dass es eine Krankheit ist. Man meinte, die Leute, die sie hatten, seine nur faul und sie wurden verachtet und verspotten anstatt, dass man Mitleid mit ihnen hatte. Der Hackenwurm ist eine besonders schleichende und heimtückische Erfindung und hat sein heimliches Zerstörungswerk über Generationen hinweg verrichtet, aber der Arzt und seine Helfer werden ihn jetzt ausrotten.

Gott steckt dahinter. Er hat sechstausend Jahre darüber nachgedacht und sich zu einem Entschluss durch gerungen. Es war seine Idee den Hackenwurm auszurotten. Er hätte es fast getan, bevor Dr. Charles Wardell Stiles es tat. Aber Gott kommt gerade rechtzeitig um die Anerkennung einzustreichen. So, wie er es immer tut.

Es wird eine Million Dollar kosten. Er war wahrscheinlich gerade dabei die Summe bei zusteuern als ein Mensch ihm zuvor kam – wie üblich. Hr. Rockefeller. Er stellt die Million zur Verfügung, aber der Dank geht woanders hin – wie üblich. Die heutige Morgenzeitung berichtet über das Wirken des Hackenwurms:

Der Hackenwum vermindert die Vitalität der Infizierten oft so sehr, dass ihre physische und mentale Entwicklung verzögert wird, sie werden empfänglicher für andere Erkrankungen, können weniger effektiv arbeiten, und in den Regionen, in denen dieses Leiden am häufigsten vorkommt, steigt die Todesrate durch Auszehrung, Lungenentzündung, Typhus und Malaria. Es hat sich gezeigt, dass die verminderte Vitalität großer Teile der Bevölkerung, die lange auf die Malaria und das Klima zurückgeführt wurden und die schwere Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung hat, in Wirklichkeit in einigen Gegenden auf diesen Parasiten zurückzuführen ist. Die Krankheit beschränkt sich nicht auf eine Klasse; sie fordert sowohl von hoch Intelligenten und Wohlhabenden, als auch weniger glücklichen ihren Tribut an Leid und Tod. Nach vorsichtigen Schätzungen sind ca zwei Millionen Einheimische von diesem Parasiten befallen. Die Krankheit ist verbreiteter und ernster für Kindern im Schulalter, als für andere Personen.

so weit verbreitet und ernst wie die Infektion ist, so gibt es doch viel versprechende Ausblicke. Die Krankheit kann leicht festgestellt werden, sofort und effektiv behandelt werden und durch geeignete sanitäre Maßnahmen erfolgreich verhindert werden, (mit Gottes Hilfe).

Die armen, kleinen Kinder sind unter der Obhut des Auges, das nie schläft, wie ihr seht. In vergangenen Zeiten hatten sie dieses Krankheits-Glück. Sie und die “Armen des Herrn“ - wie die sarkastische Redensart lautet – waren nie in der Lage der Aufmerksamkeit dieses Auges zu entgehen.

Richtig, die Armen, die einfachen Leute, die Unwissenden – das sind diejenigen, die es sich einfangen. Beispielsweise die afrikanische Schlafkrankheit. Diese grässliche Grausamkeit hat als Opfer die Rasse der unwissenden und nichts Böses tuenden Schwarzen, die Gott in der weit entfernten Wildnis angesiedelt hat und auf die er sein väterliches Auge richtete – dasjenige, dass nie schläft, wenn die Möglichkeit besteht, Betrübnis für jemanden aus zubrüten. Schon vor der Sintflut hat er sich um diese Leute gekümmert. Das erwählte Mittel war eine Fliege, eine Verwandte der Tsetsefliege; die Tsetsefliege hat das Zambesiland unter sich, sticht Vieh und Pferde zu Tode und macht die Region damit für Menschen unbewohnbar. Die schreckliche Verwandte der Tsetsefliege lädt eine Mikrobe ab, welche die Schlafkrankheit auslöst. Ham war voller solcher Mikroben und als die Reise zu Ende war, lud er sie in Afrika ab und die Verwüstung begann, ohne das sich etwas gebessert hätte, bis 6000 Jahre vergangen waren, die Wissenschaft in das Mysterium einzudringen begann und die Ursache der Krankheit heraus knobelte. Die gläubigen Nationen danken jetzt Gott und preisen ihn dafür, seinen armen Schwarzen zu Hilfe gekommen zu sein. Die Kanzeln verkünden der Dank gebührt ihm, da die Wissenschaftler ihre Inspiration von ihm bekommen haben. Er ist sicherlich ein sonderbares Wesen. Er begeht ein furchtbares Verbrechen, begeht 6000 Jahre lang weitere Verbrechen und schon steht ihm Lob dafür zu, weil er jemand anderem suggeriert hat, wie man dieser Krankheit die Schärfe nehmen kann. Man nennt ihn geduldig und er muss sicher sehr geduldig sein, denn sonst hätte er die Kanzel schon vor langer Zeit in der Versenkung verschwinden lassen für die grauenvollen Lobreden, die sie ihm hält.

Die Wissenschaft weiß folgendes über die Schlafkrankheit, mitunter auch Negerlethargie genannt:

Sie ist charakterisiert durch in Schüben immer wieder auftretende Schlafperioden. Die Krankheit dauert von vier Monaten bis zur vier Jahren und ist immer tödlich. Zunächst macht das Opfer einen matten, schwachen, blassen und dümmlichen Eindruck. Die Augenlider schwellen an, auf der Haut bildet sich Ausschlag. Er schläft während des Redens, beim Essen oder unter der Arbeit ein. Bei fortgeschrittener Krankheit muss er gefüttert werden, was nur mit Schwierigkeiten möglich ist und er leidet unter Auszehrung. Auf die Unmöglichkeit der Nahrungsaufnahme und das Entstehen von Wunden durch Bettlägrigkeit folgen Krämpfe und der Tod. Einige Patienten werden wahnsinnig.

Er, den die Kirche und die Leute Unseren Vater im Himmel nennen, hat die Fliege erfunden und ausgeschickt, um das erbärmliche Siechtum, den Trübsinn und das Elend, den körperlichen und geistigen Verfall über einen armen Wilden zu bringen, der dem Großen Verbrecher kein Leid getan hat. Es gibt keinen Mensch auf der Welt, der kein Mitleid für den armen schwarzen Leidenden empfindet, nicht einen, der ihn nicht gesund machen würde, wenn er es könnte. Um die eine Person zu finden, die kein Mitleid hat, muss man sich in den Himmel begeben; um die ein Person zu finden, die ihn heilen könnte und nicht dazu überredet werden kann, muss man sich zum gleichen Ort begeben. Es gibt nur einen Vater, der grausam genug ist, sein Kind mit dieser schrecklichen Krankheit zu schlagen – nur einen. In alle Ewigkeit wird man keinen anderen finden. Wollt ihr vorwurfsvolle Entrüstung formuliert mit poetischer Herzenswärme hören? Hier ist eine, direkt aus dem Mund eines Sklaven:

Was Unmenschliches der Mensch dem Menschen antut,
lässt zahllos Menschen trauern

Ich werde euch eine nette Geschichte mit einem Hauch Pathos erzählen. Ein Mann wurde religiös und fragte den Priester, was er tun solle, um sich seinem neuen Stand würdig zu erweisen. Der Priester sagte “Ahme deinen Vater im Himmel nach, lerne zu sein wie er.“ Der Mann studierte die Bibel gewissenhaft, eingehend und mit Verständnis und begann mit Gebeten um himmlische Leitung seine Nachahmung gemäß Vorschrift. Mit einem Trick brachte er seine Frau dazu die Treppe hinunter zu fallen, wobei sie sich ihr Rückgrad brach und lebenslang gelähmt blieb, er spielte seinen Bruder einem Betrüger in die Hände, der ihm alles abnahm und ihn ins Armenhaus brachte; er impfte einen Sohn mit Hakenwürmern, einen mit der Schlafkrankheit, einen mit Gonorrhöe; er versorgte eine Tochter mit Scharlach, so dass sie von Jugend an taub, blind und verblödet war und nachdem er einem Strolch geholfen hatte, die noch verbleibende Tochter zu verführen, warf er sie aus dem Haus und sie starb ihn verfluchend in einem Bordell. Dann erstattete er dem Priester Bericht, der sagte, das sei nicht die Art, seinen Vater im Himmel nachzuahmen. Der Konvertit fragte, was er falsch gemacht habe, aber der Priester wechselte das Thema und fragte, wie das Wetter bei ihm sei.


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