Müssen Naturwissenschaftler Atheisten sein?

Kommentar zu einer Diskussion


Ein Streitgespräch zwischen Prof. Dr. Bernulf  Kanitscheider (abgekürzt K) und Prof. Dr. Ulrich Lücke (abgekürzt L) in Spektrum der Wissenschaft (abgekürzt S) Dossier: Grenzen des Wissens 2/2002. Das Streitgespräch dokumentiert recht gut die gegensätzlichen Positionen von Atheisten und Theologen, wie sie in der Literatur immer wieder aufttauchen. Die kursiv gedruckten Anmerkungen zwischen den Zitaten des Streitgesprächs stammen vom Autor der Webseite. Sie sind kein Bestandteil des im Spektrum Verlag erschienenen Artikels.

S: Herr Professor Kanitscheider, Sie vertreten die Position, naturwissenschaftlich gebildete Menschen sollten konsequenterweise keine religiösen Agnostiker, sondern Atheisten sein. Was meinen Sie damit?

K: Glaube basiert auf der Annahme, dass es ein „höheres Wesen" gibt. Die Aussage „Gott existiert" ist aber wissenschaftlich nicht haltbar, wenn kein empirisches Moment zu ihrer Stützung angeführt werden kann. Naturwissenschaftler sollten ihre Aussagen also nicht auf die „Übernatur" ausweiten.

S: Herr Professor Lüke, was halten Sie von Herrn Kanitscheiders Unterscheidung von „Natur" und „Übernatur"? Ist das die zentrale Trennlinie, an der Religion und Wissenschaft aufeinander treffen?

L: Diese Gegenüberstellung, auch wenn sie in alten kirchlichen Dokumenten zu finden ist, hilft uns nicht. Wir wissen nicht, was Übernatur ist, ja, wir wissen nicht einmal, was eigentlich Natur genau ist. Folglich wird hier eine Scheingrenze gezogen, und der Bereich der „Übernatur" verkommt zu einem Reich der Skurrilitäten, während der andere mit Qualitäten wie „Wissenschaftlichkeit" und „philosophische Genauigkeit" konnotiert wird. Ich glaube, mit dieser Welteinteilung kommen wir nicht weiter.

Herr Lüke verweist hier darauf, dass Grenze zwischen wissenschaftlich begründeter Interpretation und wissenschaftlichem Glauben fließend ist. In jede naturwissenschaftliche Interpretation fließt auch das Vertrauen auf die naturwissenschaftliche Wissensbasis mit ein. Diese Wissensbasis kann nicht Punkt für Punkt von Neuem verifiziert werden. Naturwissenschaftliche Ergebnisse werden auch immer aus dem Blickwinkel des eigenen Weltbilds beurteilt. Andererseits wird die Existenz Gottes durch keinen nachprüfbaren Beleg gestützt.

Als Entität (englisch entity) bezeichnet man in der Philosophie eine irgendwie geartete physikalische oder metaphysische Größe.

K: In der Philosophie gibt es die Position des Naturalismus, wobei man zwischen einer starken und einer schwachen Spielart unterscheiden kann. Naturalismus besagt, wenn man das einmal so salopp formuliert: Es geht überall im Universum mit rechten Dingen zu. Es gibt also nicht so etwas wie unkörperliche spirituelle Wesen; es gibt keine Engel, keine Kobolde und keine Feen; die Welt ist materiell und kausal strukturiert. Sie ist auch komplex - man denke etwa an das Auftreten von Emergenzen -, aber es gibt keine geistigen, vom materiellen Träger abgehobenen Entitäten, und wir sind gehalten, die Welt nur unter Zugrundelegung der theoretisierbaren und beobachtbaren Phänomene zu verstehen. Das ist das, was man die Position des schwachen Naturalismus nennen könnte. Darüber hinaus gibt es aber auch den starken Naturalismus, der zusätzlich davon ausgeht, dass diese Welt, so wie wir sie eben feststellen, alles ist, was es gibt.

L: Der Naturalismus hat metaphysische Voraussetzungen, die er selber nicht reflektieren kann oder will. Sie wollen Ihren Naturalismus gern transzendenzresistent machen, aber die hinzugezogene Naturwissenschaft liefert schon infolge ihrer Ergebnisoffenheit nicht das dazu notwendige und hinreichende immanente Immunisierungsmaterial.

Herrn Kanitscheider schließt mit seinem Statement die Existenz von Geistern aus. Für ihn ist Geist eine materielle Fähigkeit, die in bestimmten materiellen Systemen als Emergenzerscheinung (Emergenz von engl. emerge = auftauchen, hervortreten) auftritt, sozusagen als spezielle Eigenschaft des Systems Gehirn. Die Erfahrungen von Menschen, die behaupten Geister gesehen zu haben, werden von der Neurologie i. a. als Halluzinationen gewertet. Derjenige, der als geistig normaler Mensch solche Erscheinungen hatte, wird sich damit nicht zufrieden geben. Die Neurologie geht jedoch davon aus, dass es auch beim geistig normalen Menschen in Extremsituationen (Hunger, Durst, Schlafentzug, Eigensuggestion, Drogen . . .) zu Halluzinationen kommen kann.

Herr Lüke lässt sich auf diese Diskussion nicht ein, sondern verweist auf die Reflexionsfähigkeit des menschlichen Geistes, die Fähigkeit über etwas nachzudenken. Diese Fähigkeit ist für ihn eine Fähigkeit, die ihn die prinzipiellen Grenzen menschlicher Vernunft erkennen lässt, ihn aber auch gleichzeitig erkennen lässt, dass die gesamte Wirklichkeit größer ist, und es damit Bereiche gibt, die außerhalb unserer verstandesmäßigen Möglichkeiten liegen. Der menschliche Geist kann damit sozusagen die Grenze seiner verstandesmäßigen Möglichkeiten überblicken / überschreiten, dieses Überschreiten wird als Transzendenz-Eigenschaft des menschlichen Geistes bezeichnet (lat. transzendere = überschreiten). Für Herrn Lüke ist dies eine Fähigkeit, die ihn auf die größere Gesamtheit der Wirklichkeit verweist und damit auf das, was er als Gott bezeichnet. Für einen Atheisten wie Herrn Kanitscheider ist die gesamte Wirklichkeit keine personale Größe und erst recht keine Größe, die mit Gebeten verehrt werden will.

K: Ich akzeptiere nicht, dass der Naturalismus eine metaphysische Position ist. Er verwendet nur so viel Ontologie wie unbedingt notwendig ist zum Verstehen des Gesetzesnetzes der Natur. In der Physik benötigen Sie Felder, Quantenfelder, klassische Felder. eine bestimmte Menge von Elementarteilchen und eine bestimmte metrische Struktur der Raumzeit. Das ist ein Sparprogramm und keine Metaphysik.

L: Von Ihrem Sparwillen bin ich überzeugt, gleichwohl kommen Sie an einer Ontologie, die sich Ihrem naturalistischen Positivismus entzieht, nicht vorbei. Auch in der Theologie kann man rationales Denken nicht weit genug treiben. Da teile ich eine Position, die Ihrer in gewisser Weise nahe kommt. Es ist ja keineswegs so, dass ich ab irgendeiner Grenze zu denken aufhören und Gott ins gerade noch nicht betretene Refugium der Unwissenheit transferieren müsste.
Der sowjetische Kosmonaut Gagarin hatte nach dem ersten bemannten Raumflug gesagt: Ich bin einmal um die Erde geflogen, Gott habe ich nicht gesehen. also gibt es ihn nicht. Aber diese Bestreitung Gottes auf dem Weg des Gagarinschen Trugschlusses liefern Sie hier gerade. Thomas von Aquin entgegnete schon solchem Denken, von Gott können wir nicht sagen, was er ist, sondern nur, was er nicht ist. Bei der Formulierung dessen, was er nicht ist, halte ich die Naturwissenschaften allerdings für hilfreich und notwendig.

K: Bei dieser thomistischen Bestimmung möchte ich sofort einhaken. Naturalisten monieren gerade das Fehlen positiver Begriffsbestimmungen in Bezug auf Gott.

L: Noch einmal: Gott ist kein Objekt X, dem ich definitorisch mit positiven Bestimmungen zu Leibe rücken kann. In Bezug auf ihn hat die Sprache keinen Beweis-, sondern nur einen Hinweischarakter. Die Theologiegeschichte kennt drei Versuche, von Gott zu sprechen. Es wird irgendein Attribut gewählt, das man mit einem Qualifikator ausstattet (via eminentiae) - man macht also etwa aus „gütig" „allgütig", aus „wissend" „allwissend" und so weiter -, oder man arbeitet mit negierenden Gegenüberstellungen zum Menschen (via negativa): Der Mensch ist endlich, Gott unendlich, der Mensch sterblich, Gott unsterblich.
Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, Analogien heranzuziehen. Wir sagen dann zum Beispiel: „Gott ist wie ein Vater" oder „Gott ist der Weg". Mit all dem wird Gott aber nicht definiert. Wer das erwartet, missversteht, was die Theologie leisten kann und zu leisten behauptet. Ich halte diese Versuche für legitim, weil sie existenzielle Erfahrungen, die Menschen zu allen Zeiten und in allen Völkern gemacht haben, ahnungs- und andeutungsweise zur Sprache bringen. Das wird Sie gewiss nicht zufrieden stellen, erfüllt aber die Forderung des 4. Laterankonzils von 1215, dem zufolge alle Aussagen über Gott ihm unähnlicher sind als ähnlich.

K: Damit sind Sie aber methodisch betrachtet - genau in der Situation, dass Sie die Existenz einer Entität behaupten, deren Begrifflichkeit Sie überhaupt nicht kennen. Und damit laufen Sie in sämtliche Gegenargumente, die vom logischen Empirismus und vom kritischen Rationalismus immer wieder gegenüber metaphysischen Termen vorgebracht wurden. Ihr Gottesbegriff ist ein Unbegriff, weil Sie die Anwendungsbedingungen nicht angeben können.

Hier beruft sich die Theologie auf menschliche Erfahrungen, die aber von der christlichen Theologie nur in der Weise gedeutet werden, dass Gott existiert. Man könnte sie auch anders deuten (siehe Glaubenserfahrungen und ihre Deutung). Die christlichen Kirchen legen jedoch diese Deutungsvariante als allgemein verbindlich fest.

L: Sie versuchen ständig, Gott in einem ihn umgreifenden Funktionskontext anzusiedeln, ihn auf eine pure Nutzenfunktion zu reduzieren. Eine solche, die den Gottesbegriff erschöpfend beschriebe, ist jedoch nicht angebbar. In dem Sinne ist Gott, gottlob, unnütz.

K: Er hat doch eine Erklärungsfunktion. Er muss irgendetwas in dieser Welt erklären, das man sonst nicht erklären kann.

L: Vielleicht erklärt er ja, dass es etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Dann wären wir in dem Bereich, dem die Kosmologen sich annähern. Genauso gut könnte man aber in der Biologie ansetzen. Wenn wir den Prozess der Hominisation rekapitulieren, stoßen wir schon bald nach dem Auftauchen der ersten Artefakte auf solche, die nicht anders als in einem religiösen Kontext verstehbar sind. Schon sehr frühe Hominiden haben ihr Dasein in einen bestimmten Sinnkontext eingeordnet, indem sie, zum Beispiel Homo sapiens neanderthalensis, bestimmte Bestattungsrituale pflegten.

K: Im Buch des Verhaltensforschers Edward O. Wilson „Die Einheit des Wissens" stehen wunderschöne Erklärungen für die Entstehung der religio, der Bindung an ein höheres Wesen. Das alles hatte einen klar aufweisbaren, adaptiven Wert: nämlich die Gruppe zusammenzubinden, ihr größere Schlagfertigkeit nach außen hin zu verleihen. Es ging einfach um eine Stärkung der sozialen Bindung zur Sicherung des Überlebens. Nur aus diesem Grund ist die Entstehung von Religionen ein so universelles Phänomen. Die Erklärung liefern damit Biologen und Sozialpsychologen: Die Entstehung der Religionen ging mit dem Überleben einher. Sie muss nicht auf eine wie auch immer geartete externe Wirkung zurückgeführt werden.

L: Dass die Entstehung der Religionen mit einem Überlebensvorteil einhergehen kann, bezweifle ich nicht; dass sie nur daraus zu erklären sei, bestreite ich allerdings. Bei der Argumentation können Sie den Schrei einer Martinsgans nicht mehr von der h-Moll-Messe unterscheiden, da beides einmal für die Gänsepopulation, einmal für Familie Bach einen Überlebensvorteil hatte.

Hier gibt Herr Kanitscheider eine Erklärungsmöglichkeit für die Entstehung von Religionen, die allerdings im Zusammenhang mit Glaubenserfahrungen nicht ganz befriedigt, denn Erfahrungen sind nur dann konsensfähig, wenn sie der andere auch macht. Göttliche Erscheinungen haben jedoch Seltenheitswert. 

Was eine Gesellschaft zusammenhält ist die gemeinsame Begründung ethischer Werte und damit ein allgemein verbindliches Rechtssystem. Wenn man dies als gottgegeben verkünden kann, dann beeindruckt dies sicher mehr, als wenn es von Menschenhand verfasst ist, aber es beeindruckt nur jene in dieser Weise, die an Gott glauben.

Die Menschen müssen also erst mal zu der Überzeugung gekommen sein, dass es höhere Mächte gibt, die auf ihr Leben Einfluss nehmen können. Diese höheren Mächte finden sich in der Natur. Es sind Naturgewalten wie Feuer, Wind oder die Wellenbewegung des Meeres, Flut und Ebbe. Ohne die natürlichen Zusammenhänge zu kennen, ist die einfachste Erklärung eine animistische Weltanschauung. Wegen ihrer ungeheueren Energie und ihrer Unberechenbarkeit betrachtete man die Naturgewalten als Wesen mit bestimmten Absichten und Wünschen. Reste dieser animistischen Weltanschauung finden sich auch in der Bibel wieder z. B. in Offenbarung 7,1 wo die Engel Gottes die vier Windgottheiten festhalten (mehr dazu siehe das Kapitel Gedanken zur Lebensenergie).

K: Derjenige, der einen höheren ontologischen Behauptungsanspruch vertritt, trägt immer auch die Last der Begründung oder die Stützungslast, um mit Karl Popper zu sprechen.

L: Ich kann die Beweislast ebenso gut auf Ihre Schultern hieven; denn ich halte nur etwas für möglich, Sie hingegen bestreiten es kategorisch. Aus Erfahrungen, die sich mit endlichen Objekten beschäftigen, und aus der Tatsache, dass alle Objekte, die Sie wahrnehmen, endlich sind, schließen Sie, dass es das, was eine andere Tradition „unendlich" genannt hat, nicht geben könne.

K: Ich schließe keineswegs aus, dass es Unendliches nicht geben kann. Zum Beispiel ist der Kosmos nach heutigem Wissen wahrscheinlich räumlich unendlich. Der Knackpunkt ist vielmehr methodischer Natur: Derjenige, der die Existenz von etwas propagiert, hat immer die Begründungslast, und nicht der andere die Widerlegungslast.

Nach katholischer Lehre beschäftigt sich die Naturwissenschaft mit endlichen Objekten, da solche Objekte wegen ihrer Veränderlichkeit zu den abhängigen Objekten gehören und nicht zu den notwendigen (ursprünglichen, absoluten) im theologischen Sprachgebrauch zu den kontingenten Objekten (lat. contingere = berühren, für wahr halten). Solche Objekte stehen nach theologischer Auffassung in einem größeren Gesamtzusammenhang und sind damit nach theologischer Auffassung durch diesen Gesamtzusammenhang bedingt. Wenn etwas bedingt ist, muss es aber durch etwas bedingt sein, man muss eine Bedingung angeben können.

Der Theologe setzt hier jedoch keine physikalische Bedingung ein, sondern Gott. Nach theologischer Auffassung gibt es keine sich gegenseitig bedingenden oder in sich ruhenden, ewigen, physikalischen Entitäten. Nach atheistischer naturwissenschaftlicher Auffassung leben wir in einem Raum-Zeit-Kontinuum, das mit Materie angefüllt, aber nicht ausgefüllt ist. Hinzu kommen unterschiedliche Felder, die von Materieteilchen ausgehen. Felder, die zum Teil begrenzt sind, wie wie ein Photon, zum Teil aber auch in Abhängigkeit von der Entfernung abnehmen (Gravitation). Felder, die sich addieren und Felder, die sich durch Überlagerung (Interferenz) auslöschen. Der Raum kann zwar unterschiedlich ausgefüllt sein, ist aber nicht zerstörbar. Materieteilchen können in Energie umgewandelt werden, gehen aber dadurch nicht verloren. Zeit ist eine Bezugsgröße, die an der Dynamik der Materie gemessen wird.

Wenn ich alle veränderlichen Objekte als kontingent definiere und für Gott diese Kontingenz ausschließe, dann schließe ich für Gott jede Dynamik - auch die geistige Dynamik - aus. Er ist dann auch nicht mehr handlungsfähig. Die Theologie schließt allerdings den Objektstatus für Gott aus, obwohl er als Person gedacht wird.

Wenn man allerdings der Urknall-Theorie folgt, dann dehnt sich der Raum aus, ist damit endlich, wenn er sich mit endlicher Geschwindigkeit ausbreitet. Herr Kanitscheider geht von einem unendlichen Raum aus. Aus naturwissenschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, ob ein unendlicher Raum beherrschbar ist oder ob es physikalische Grenzen gibt, die dies unmöglich machen. Nach theologischer Vorstellung existieren für Gott diese Grenzen nicht, da sie von ihm festgesetzt werden.

S: Ein Vorschlag zur Klärung der Fronten. Herr Lüke unterlegt Herrn Kanitscheider offenbar den Standpunkt des starken Naturalismus, wie er eingangs definiert wurde: Die Ereigniswelt sei alles. Daraus folgert er eine Beweislast auf der Gegenseite. Herr Kanitscheider aber nimmt wohl eher die Position des schwachen Naturalismus für sich in Anspruch. Herr Kanitscheider Sie schließen dabei aber nicht prinzipiell aus, dass es metaphysische Entitäten geben könnte, oder?

K: So ist es. Ich müsste ein Argument erhalten, das nicht nur auf eine illusionäre Funktionalität Gottes abzielt, sondern tatsächlich auf eine Ursache, ein Fundament in den Tatsachen. Wie schafft Herr Lüke den Sprung von der Existenz eines Transzendenz-Bewusstseins zur Existenz der Transzendenz?

L: So, wie sich im Laufe der Evolution der kognitive Apparat des Menschen herausgebildet hat in der Auseinandersetzung mit der Realität, auf die er sich bezieht, so entstand auch das Transzendenzbewusstsein des Menschen in Auseinandersetzung mit der Realität, die wir Transzendenz nennen.
Auch eine Taube brauchte in ihrer Evolution keine aerodynamischen Kenntnisse, und doch sind sie, ohne dass die Taube darum wüsste, aus ihrem Körperbau zu gewinnen. Das Transzendenzbewusstsein wäre dann der in der Hominisation mehr und mehr aufdämmernde Reflex jener Wirklichkeit, die wir zugegebenermaßen mehr erahnen als verstehen und die uns gleichwohl zutiefst prägen kann.

Die aerodynamische Form der Taube ist bedingt durch ihre Dynamik. Eine Taube bewegt sich im Medium Luft. Sie hat sich im Laufe von vielen Generationen an dieses Medium angepasst, so wie sich ein Fisch an das Medium Wasser angepasst hat. Ebenso könnte nach Meinung vieler Neurologen auch der Geist bedingt sein durch die Dynamik der Nervenzellen.

Herr Lüke versucht hier einen Bezug herzustellen zwischen der aerodynamischen Form der Taube und den aerodynamischen Gesetzen. Diese Gesetzmäßigkeiten sind geistig erfassbar und damit geistiger Natur. Im theologischen Beweisgang hat sich in diesem Vorgang der Geist in der Materie manifestiert, damit ist der Geist der Materie übergeordnet. Mit Gesetzen habe ich jedoch nur Bezugsgrößen gewonnen, mit denen ich eine Wirkung berechnen kann. Aber die eigentlichen Wirkmechanismen spielen sich in der Materie ab. Man vertauscht hier den kausalen Zusammenhang und macht Bezugsgrößen zu Wirkgrößen. Gesetzmäßigkeiten werden nicht verordnet, sondern ergeben sich aus dem Zusammenwirken der Teile des Systems.

Beispiel: Eine einfache Kugelmühle besteht im Prinzip aus zwei kreisförmigen Reibflächen. Durch ein Loch in der oberen Reibfläche fließen Steine einer bestimmten Größe ein. Die untere Reibfläche dreht sich. Über den Rand fallen alle Steine die kleiner oder gleich dem Abstand zwischen den Reibflächen sind. Steine, die größer sind werden geschliffen. Neben Bruchstücken entstehen dabei auch Kugeln.  Niemand würde hier auf die Idee kommen zu behaupten der menschliche Geist hätte sich etwa in den Kugeln der Kugelmühle manifestiert. Aber ähnlich läuft die theologische Argumentation. Die Zeichnung ist keine maßstabsgerechte Konstruktionszeichnung, sondern soll nur das Prinzip verdeutlichen. Andere Beispiele finden sich im Innenleben von Küchenmaschinen.

Die Analogie mit der Taube setzt voraus, dass auch die geistige Entwicklung ein Anpassungsprozess ist, was man durchaus annehmen kann. Die Evolution verfolgt allerdings kein Ziel und damit auch kein höchstes Ziel - wie etwa die Entwicklung der geistigen Natur des Menschen - , sondern ist ein Prozess, der die Nischen des gesamten Lebensraums auslotet (siehe den Link Evolution). Sobald eine dieser Nischen gefunden ist, beginnt ein Anpassungsprozess. Ich will damit nicht bestreiten, dass mit Intelligenz und weiteren Fähigkeiten ein Lebensraum verteidigt werden kann. Intelligenz allein beinhaltet aber noch nicht die Fähigkeit zur Umsetzung von Ideen.

Die kulturelle Entwicklung der Menschheit hat jedenfalls zu unterschiedlichen Religionen geführt. Dieses Argument wird jedoch von Herrn Lüke nicht akzeptiert. Er meint, dass der Transzendenzbegriff indirekt auch in der buddhistischen Religion enthalten ist, wie wir später noch sehen werden.

Für Herrn Lüke ist Geist eine Eigenschaft, die nicht materiell bedingt ist, also metaphysisch.

Obwohl die evangelische und die katholische Kirche offiziell die Evolutionstheorie anerkannt haben, wird der menschliche Geist nicht in einem evolutionärem Zusammenhang gesehen, wie ihn etwa die evolutionäre Erkenntnistheorie beschreibt. Verstand wird im allgemeinen nur dem Menschen zugeschrieben. Für Herrn Lüke ist das Gehirn nur ein materielles Medium, dessen sich der Geist bedient.

Aus neurologischer Sicht unterliegt der Geist jedoch materiellen Einflüssen. Eine Narkose oder einen Schlaganfall kann man nicht ignorieren. Materie hat in diesen Fällen einen gestaltenden Einfluss auf unsere geistige Existenz. Sie formt also die geistige Existenz. Die Information wird also von unserer geistigen Existenz nicht nur ausgelesen.

Im evolutionären Zusammenhang entwickelt sich Geist in Materiesystemen, die als rückgekoppeltes Bewertungssystem agieren. Damit manifestieren sich zuerst feste Handlungsabläufe im Individuum, später mit der Lernfähigkeit von neuronalen Netzen auch variable Handlungsabläufe. Wobei bemerkenswert ist, dass diese Lernfähigkeit mit dem Alter abnimmt. Sie diente also ursprünglich wohl nicht dem Denken als Selbstzweck, sondern der Anpassung von Handlungsabläufen.

Die Reflexionsfähigkeit des menschlichen Geistes ist darstellbar als Kommunikation unterschiedlicher Bewusstseinszentren, die so gemeinsam zu Schlussfolgerungen gelangen. Sie ist wie das Bewusstsein und der freie Wille ein Rückkopplungsphänomen (mehr dazu siehe das Kapitel Dimensionen des Geistes). Die Eigenaktivität des freien Willens kann man sich an einer Analogie veranschaulichen. Wenn ich ein Mikrofon habe und einen Lautsprecher, dann transformiert das Mikrofon eine Schallschwingung in ein elektrisches Signal, der Lautsprecher transformiert das elektrische Signal in eine Schallschwingung. Wenn ich nun die beiden Geräte rückkopple. Dann ertönt plötzliche eine Eigenfrequenz dieses Systems, ein Pfeifton. Es wird plötzlich eine Systemeigenschaft sichtbar. Das System wird aktiv, während es vorher im wesentlichen passiv war.

K: Aber ein gutes Gegenargument ist doch bereits den Inhalten der Religion zu entnehmen. Wenn Sie über die Funktionalität der Religionen hinausgehen, in den metaphysischen Bereich hinein, und die Annahme machen, alle Funktionalität werde verursacht durch ein dahinter stehendes höheres Wesen, dann kommen Sie doch schon in Konflikt mit all jenen Religionen, die gar keinen Gottesbegriff kennen, mit dem Buddhismus zum Beispiel. Die Inhalte der Religionen sind so verschieden, vom extremen Polytheismus über die christliche Trinität bis hin zu ganz abstrakten Formen. Denken Sie an den Konfuzianismus und den Taoismus! In vielen Religionen finden Sie eine höchste Idee vor, die sich kaum personalisieren lässt, und dennoch tut zum Beispiel der Buddhismus in punkto Funktionalität genauso seine Pflicht wie der Theismus.

L: Er erfüllt diese Pflicht völlig anders und geht ebenso wenig in einer rückstandslos erklärbaren Funktionalität auf wie die jüdisch-christlich-muslimische Religion.

K: Er lässt sich über die Adaptationsrolle genauso erklären wie die monotheistischen Religionen. Der Buddhismus ist aber eine atheistische Religion! Er kennt keine Transzendenz.

L: Natürlich können Sie (viel Vergnügen!) für jede Religion eine zugehörige Adaptationsstory erfinden, um das, was Sie daran ärgert, naturalistisch wegzuerklären. Der Buddhismus kennt ein Nirwana, ein Nichts, das sich streng gefasst - der Naturwissenschaft und dem Naturalismus entzieht.

K: Das ist keine Transzendenz. Das ist das Erlöschen der Personalität.

L: Nicht nur Ende, sondern Vollendung in einem Nichts, das als etwas Erstrebenswertes angesehen wird. Mit Transzendenz braucht man kein bestimmtes Gottesbild zu verbinden. Selbstverständlich hat der Buddhist eine Kategorie von Transzendenz. Ohne sie wären Wiedergeburts- und Nirwana-Lehre nicht verständlich.

K: Das Nirwana ist kein ontologisches Reich. Es hat keine Ähnlichkeit mit dem christlichen Paradies, mit dem Jenseits. Es ist das Erlöschen des Karma-Weges, das Auslöschen der Individualität, einfach das Nichts.

S: Gibt es für Theologie und Naturwissenschaften überhaupt eine gemeinsame methodische Grundlage, vor allem einen gemeinsamen Begriff von Wissenschaft? Herr Kanitscheider hatte ja bereits geäußert, die Theologie gehe von einer Unveränderbarkeit der Schrift aus, während in den Naturwissenschaften jede Aussage im Prinzip immer wieder zur Disposition stehe.

K: Ich sehe dort einen Gegensatz auf metatheoretischer Ebene, weil ja zumindest von der katholischen Theologie bestimmten Bereichen das Prinzip der Unfehlbarkeit zugesprochen wird, das heißt, es existieren bestimmte Basiselemente bzw. -texte, die sich vom methodologischen Standpunkt aus grundsätzlich unterscheiden gegenüber anderen. Die Theologie arbeitet zum Teil also mit einer Basis, die im Grunde nicht angegriffen werden kann. In den Wissenschaften sind auch die Basissätze dagegen prinzipiell revidierbar. Sogar in der Mathematik ist man nie absolut sicher, dass ein Beweis keinen Deduktionsfehler enthält.

S: Einen gemeinsamen Wissenschaftsbegriff kann es also nicht geben?

K: Das Prinzip der Unfehlbarkeit verhindert es. Von den Kirchenvätern ist ganz klar festgehalten worden, dass die Schrift einen anderen Wissensstatus hat als jegliche Erkenntnis über die Beschaffenheit der Welt.

L: Ich sehe die Dinge hier nicht ganz so einfach. In der jüdisch-christlichen Religion gab es einen jahrhundertelangen Prozess der Schriftensammlung. Sie können zwischen bestimmten Gottesvorstellungen, im Alten wie im Neuen Testament, auch Widersprüche finden. Kein Exeget sieht das als einen in sich geschlossenen Block an. Eine ganz andere Frage ist, wie ich mit den Schriften umgehe.

K: Das stimmt. Die Rekonstruktion dessen, was in einer sehr alten Schrift tatsächlich authentisch ist, die Einbeziehung des historischen Kontexts, die Findung der Bedeutung auf der semantischen Ebene, das alles ist ein Problem - auch bei der Auseinandersetzung mit Texten wie der Metaphysik des Aristoteles oder den Epen von Homer: Was war wirklich damit gemeint? Dieses Problem ist allen alten Texten gemein. Aber nehmen wir einmal das als authentisch Akzeptierte und untersuchen es auf die Geltung! Hier liegt ein fundamentaler Unterschied vor: In der Philosophie haben wir immer die Möglichkeit, einen Satz. etwa von Platon, als falsch zu erkennen und ihn daher einfach zu verwerfen. In der Theologie aber gilt das für die „offenbarten" Schriften nicht.

L: Die Wissenschaftlichkeit liegt in der Frage des methodischen Umgangs mit den verschiedenen Texten. Der Gegenstand ist in beiden Fällen vorgegeben, in der Theologie wie anderswo.

K: Sie weichen der Geltungsfrage aus. Es dreht sich schlicht um wahr oder falsch. Bei einer Aussage kann ich immer die Frage stellen, ob sie korrekt oder inkorrekt ist, ob sie in Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung mit dem Gegenstand etwas behauptet. Und da ist einfach meine Frage, ob Sie die Satzklasse der religiösen Basisaussagen zum Beispiel über die Auferstehung, die Erbsünde, die Doppelnatur Christi, die Trinität, alle diese grundlegenden Behauptungen, die ja sprachlich formuliert werden - ob Sie die in einem revidierbaren Sinne verstehen. Derart dass man etwa auch sagen könnte: Nein, .Auferstehung, da haben wir uns geirrt; oder: Dreifaltigkeit nein, Irrtum, es ist in Wahrheit eine Fünffaltigkeit. So etwas ist in der Philosophie immer möglich. Wie schon Aristoteles gesagt hat: „Ich liebe zwar Platon, meinen Lehrer, aber noch mehr die Wahrheit."

L: Darüber mögen Sie mit einem Dogmatiker oder Exegeten räsonieren. Ich bin für Philosophie zuständig. Aber die Wahrheitsfrage lässt sich mit der Gottesfrage verbinden. Ihr Naturalismus oder der von Ihnen erwähnte kritische Rationalismus müssen den Wahrheitsbegriff voraussetzen, um auch nur den kleinsten Denkschritt leisten zu können. Ob der Satz, es gebe die Wahrheit, wahr ist. können Sie nur unter Voraussetzung der Wahrheit entscheiden. Auf dieser Ebene würden Theologen den Gottesbegriff ansetzen, wenn sie sagen, Gott ist die Wahrheit. Er ist dann das, was ich nicht mehr mit den Alternativen „wahr" und „falsch" untersuchen kann, weil es diese Kriterien erst generiert.

K: Dieser Satz ist nicht verstehbar. Gott kann nicht die Wahrheit sein, weil die Wahrheit die Übereinstimmung eines Satzes mit einer Faktizität ist.

L: Das ist eine Definition von „Wahrheit", und Sie können diese Definition auch nur aus dem Grund aufstellen, weil Ihnen „Wahrheit" schon von vornherein als regulative Idee zur Verfügung steht.

Es ist eine Eigenart der christlichen Theologie, dass bestimmte Wörter als Transzendentalien, als Attribute Gottes, vereinnahmt werden. Dazu gehören die Wahrheit, der freie Wille und die Gerechtigkeit. Aus einem Wort, das einen realen Bezug hat, extrahiert man sozusagen die Bedeutung / die Eigenschaft als göttliches Attribut, denn schließlich sagt Jesus: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Johannes 14,6; Mt 11,27; Lk 10,22).

Aus philosophischer Sicht gibt es zu jedem dieser Begriffe die dazugehörigen Gegenbegriffe, wie Unwahrheit, Ungerechtigkeit, Tod. Nur zu Gott gibt es gemäß der Theologie keinen Gegenbegriff, lediglich im Volksglauben gibt es den Teufel als Gegenspieler.

Bei dem Begriff der Wahrheit ist die Darstellung als göttliches Attribut  insofern ein Problem, weil es zur Wahrheit auch den Begriff des Irrtums gibt. Und die von uns erkannte Wahrheit ist genau genommen nicht mehr als eine gut begründete Behauptung, die sich immer auch als Irrtum herausstellen kann.

Die Theologie behauptet, dass der Wahrheitsbegriff durch gedankliche Reflexion gewonnen wird, man diskutiert sozusagen mit Bruder Innerlich (siehe oben). Aber das gilt auch für die Unwahrheit.

Worte sind nur die Ablösung von Gesten durch Lautkombinationen. Jedes Kind lernt die ersten Begriffe der Muttersprache in Verbindung mit Gegenständen oder Verhaltensweisen seiner Umwelt, bzw. seiner Lehrmeister. In der Theologie wird der Entstehungsprozess der Sprache, die sich im Laufe der Evolution entwickelt hat und tradiert wurde, ignoriert.

Worte sind nur Bezugsgrößen und keine Wirkgrößen. Ihre Bedeutung gewinnen sie erst im Interpretationssystem. Das Wort Bank kann ich je nach Zusammenhang als Bank zum Sitzen oder als Geldinstitut interpretieren / verstehen. Und wenn ich etwas auf die lange Bank schiebe, dann verzögere ich den Beginn einer Arbeit.

Wenn ich etwas als wahr anerkenne, dann kann es sein, dass ich es als wahr anerkenne, weil es ein anderer als wahr anerkennt, oder ich erkenne es als wahr an weil ich es verifiziert habe oder weil es bestimmten Wahrheitskriterien genügt.

Die Bedeutung bestimmter Worte wird als als göttliches Attribut missbraucht, denn die Attribute sind ein Widerspruch zu der Aussage, dass wir über Gott keine Aussage machen können, außer dass es Hinweise dafür gibt, dass er existiert. Attribute charakterisieren die Gottheit und begrenzen sie gleichzeitig.

Zur Wahrheitsaussage gelange ich immer durch einen Vergleich mit der Wirklichkeit oder über Schlussfolgerungen. Es ist eine subjektive Entscheidung, die aufgrund der eigenen Wissensbasis erfolgt.

Auch ein Computer kann programmgesteuert etwas als wahr oder falsch klassifizieren. Wenn das Programm seine Struktur durch Wissenserwerb selbst verändert (z. B. als lernendes Schrifterkennungsprogramm), dann ist es auch nicht mehr der Programmierer, der die Entscheidung im Voraus geplant hat.

K: Zu behaupten, Gott sei die Wahrheit, ist eine logische Konfusion. „Wahr" kann nur ein Satz über Gott sein. Dies ist eine Sache der Logik. Würden Sie die Anwendbarkeit der normalen zweiwertigen aristotelischen Logik für theologische Schlüsselaussagen aufrecht halten? Die Auferstehung - fand sie statt, oder fand sie nicht statt?

L: Als Christ, Sie lechzen offenbar nach Bekenntnissen, sage ich, ich halte den Gedanken an Auferstehung für glaubwürdig, ohne Ihnen hier das Wie extemporieren zu können.

K: Also nehmen Sie tatsächlich den theologischen Kontext von der Logik aus? Theologie im Sinne des Sprechens von Gott, denn das heißt doch „Theologie", unterliegt in Ihren Augen nicht der aristotelischen Logik? Die Verteilung von Wahrheitswerten auf bestimmte Sätze als wahr/falsch, gilt sie für theologische Sätze nicht? Wenn Sie das akzeptieren, dann frage ich mich, was behauptet die Theologie eigentlich? Sie verliert dann ja ihren Aussagebereich, nämlich Gott. Ich frage Sie also noch einmal: Ist es eine logische Unmöglichkeit, etwas über Gott zu wissen, oder ist es nur praktisch unmöglich?

L: Es ist mit der Reichweite unserer Logik, die immer eine endliche und sprachlich vermittelte ist, unmöglich, ein umfassendes Wissen über Gott zu erreichen. Auf Ihrem Denkweg kann man vielleicht gottlos werden, aber nicht Gott loswerden.

K: Dann haben wir aber doch wenigstens ein Teilwissen. Worin besteht es?

L: Es äußert sich in einer Form existenzieller Erfahrung. Wittgenstein meinte: „Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit." Und „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."

Eine Behauptung, der die Evolutionstheorie widerspricht. Gemäß der Evolutionstheorie geht die chemische Evolution nahtlos in die biologische über. Leben gilt als chemischer Prozess und nicht als perpetuum mobile.

K: Die Flucht ins Mysterium löst nicht das Problem der Logik.

S: Eine letzte Frage: Herr Kanitscheider hat einmal geäußert, dass es „ehrlicher" für Naturwissenschaftler sei, wenn sie eine atheistische Position beziehen und keine agnostische, die ja heute sozusagen zum korrekten Ton unter Wissenschaftlern gehört. Wie denken Sie darüber, Herr Lüke?

L: Ich denke, man kann mit intellektueller Redlichkeit Theist, Agnostiker oder Atheist sein, weil jede dieser Positionen mit Grundentscheidungen zu tun hat, die mehr als nur ein intellektuelles Resümee sind. Nur die atheistische Position für intellektuell redlich zu erklären, ist eine besondere Form von Missionstätigkeit, die den andern nicht hinreichend ernst nimmt und ihrerseits mehr behauptet, als sie auf Grund ihrer eigenen Voraussetzungen darf.

K: Zur Erläuterung. Die Existenzhypothese Gottes ist eine Behauptung, für die zunächst einmal gar nichts spricht. Und in dieser Situation verhalte ich mich wie in allen vergleichbaren Fällen von Existenzbehauptungen. Solange nichts positiv für die Existenz spricht, bleibe ich negativ entschieden, und das bedeutet in Bezug auf die Gottesfrage, ich bin besser atheistisch eingestellt als agnostisch.

Wie will Herr Lüke zwischen Glauben und Aberglauben entscheiden? Er kann dies nur im Vertrauen auf seine Glaubensgrundlage, die Bibel, jenem Buch, das nach Meinung der großen christlichen Kirchen, Gottes Wort in Menschenwort ist, wobei die Kirchenleitung jeweils festlegt, was Gottes Wort ist. 

L: Ich möchte das Verhältnis von Wissenschaft und Religion mit einem Bild beschreiben, und zwar im Vergleich des Wissenschaftlers und seiner Methodologie mit einem Fischer, der im Meer fischt. Der Fischer kann die Größe seiner Netze und deren Maschengröße variieren, er kann die Auswurfweite, die Eintauchtiefe, die Zugfestigkeit und so weiter verändern und auf diese Weise immer wieder neue Fänge machen. Er findet Fische, die er zuvor nie zu Gesicht bekommen hat. Und doch ist alles, was er herausfischt, nicht das Meer. Was er herausfischt sind Lebewesen, die indirekt auf das Meer als Bedingung ihrer Existenzmöglichkeit verweisen. Und vielleicht geht ihm dabei auf, dass das auch für ihn selbst gilt.

K: Dieser poetischen Metapher liegt die supernaturalistische Annahme zu Grunde, dass alle konkreten Systeme des Universums („Fische") in einen umgreifenden Rahmen („Meer") eingebettet sind. Genau diese transzendente Einbettung ist aber das Fragliche der metaphysischen Diskussion. Aus der Sicht des wohlwollenden, aber kritischen Skeptikers spricht nichts für eine solche Vermutung.

Die Kommentare wurden nachträglich eingefügt, sind kein Bestandteil des im Spektrum Verlag erschienenen Artikels und stammen von Dietrich Spreter von Kreudenstein (studierte Physik und arbeitete lange Jahre als Programmierer für Verwaltungssoftware.)


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