DIE WEIHNACHTSGESCHICHTEN DER BIBEL:

FIKTIONEN, FAKTEN, FANTASIEN

 

von Prof. Dr. Gerd Lüdemann (Theologe Homepage: http://www.gwdg.de/~gluedem/ )

(Vortrag auf Einladung des Bundes für Geistesfreiheit am 12. Dezember 2003 in München)


Textmarken: Das unterschiedliche Glaubensbekenntnis,    Die Macht der Liturgie,    Jesus - Sohn der Maria,    Laut Celsus Sohn des Soldaten Panthera,    Panthera eine Fehlübersetzung?    Die Weihnachtsgeschichte bei Matthäus, Vergleich Matthäus - Lukas,    Die Weihnachtsgeschichte bei Lukas,    Die Jungfrauengeburt - eine alte Idee neu verpackt?    Maria zur Stummheit verdammt,    Das Waffenarsenal der Christologie,    Befreiungstheologie und Herrschaft Christi,    Das Grab war voll, die Krippe leer


Das unterschiedliche Glaubensbekenntnis  - Ein kirchliches Verwirrspiel

Mit der Rezitation des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bekennen jeden Sonntag die meisten Christen auf der ganzen Welt, dass Jesus von der Jungfrau Maria geboren worden sei. In der römisch-katholischen Tradition spielt die Mutter Jesu sowohl in der Frömmigkeit als auch in der Lehre eine wichtige Rolle. So gibt es vier Glaubensartikel, die für Katholiken über Maria bindend sind. Diese sind: 1. die göttliche Mutterschaft, 2. die immer währende Jungfrauenschaft, 3. die unbefleckte Empfängnis und 4. die leibliche Himmelfahrt der Maria.

Für Martin Luther und die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, auf die bis heute alle evangelischen Geistlichen beim Eintritt ins Pfarramt verpflichtet werden, sind nur die ersten beiden Artikel bindend - Marias göttliche Mutterschaft und ihre auch biologisch zu verstehende, immer währende Jungfrauenschaft -, nicht aber die unbefleckte Empfängnis Marias durch ihre Mutter Anna und die leibhafte Himmelfahrt Marias.

 

Die Macht der Liturgie und die Konsequenzen

Nun stellen die meisten modernen Protestanten und zunehmend auch einzelne Katholiken die Historizität der Jungfrauengeburt in Abrede und verstehen sie im übertragenen Sinne. Zieht man demgegenüber die offiziellen Äußerungen der deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland heran, so stellt sich die Lage etwas anders dar. Auf römisch-katholischer Seite verlor Eugen Drewermann wegen seines symbolischen Verständnisses der Jungfrauengeburt seine Lehrbefugnis und in den Gliedkirchen der EKD ist in offiziellen Ausführungen zu Maria die Ungeschichtlichkeit der Jungfrauengeburt niemals ein Thema. Das ergab eine Überprüfung der Verlautbarungen evangelischer Bischöfe zum Weihnachtsfest. Dieser Eindruck verstärkt sich deswegen, weil Liturgie und Lieder nicht nur zum Weihnachtsfest die Jungfräulichkeit der Maria als Faktum betonen. Mögen dem nachdenklichen Zeitgenossen aus dem Religionsunterricht auch noch so viele Argumente dagegen bekannt sein, so werden diese im Gottesdienstes doch sofort wieder eingeschränkt, wenn nicht aufgehoben.

Daher seien im folgenden zur Jungfräulichkeit der Maria einige Beispiele aus dem neuen Evangelischen Gesangbuch (= EG, 1994) für verschiedene Zeiten und Anlässe des Kirchenjahres angeführt. Sie veranschaulichen, was Menschen im Gottesdienst erleben. Zweifellos werden sie die dort gemachten Aussagen zur Jungfrauengeburt wörtlich verstehen - und die Geistlichen schweigen sich in der Predigt über den historischen Sachverhalt aus.

Advent

EG 4,1 (Martin Luther, 1524):

Nun komm, der Heiden Heiland,

der Jungfrauen Kind erkannt,

daß sich wunder alle Welt,

Gott solch Geburt ihm bestellt.

 

EG 12,3 (Heinrich Held, 1658):

Zions Hilf und Abrams Lohn,

Jakobs Heil, der Jungfrau Sohn,

der wohl zweigestammte Held,

hat sich treulich eingestellt.

Weihnachten

EG 23,1 (Martin Luther, 1524):

Gelobet seist du, Jesu Christ,

daß du Mensch geboren bist von einer Jungfrau, das ist wahr;

des freuet sich der Engel Schar.

Kyrieleis.

 

EG 24,2 (Martin Luther, 1535):

Euch ist ein Kindlein heut geborn

von einer Jungfrau auserkorn,

ein Kindelein so zart und fein,

das soll eu'r Freud und Wonne sein.

 

EG, Nordelbischer Liederteil 541,1-3 (Vf. unbekannt; 1525/29):

1. Der Tag, der ist so freudenreich aller Kreature;

denn Gottes Sohn vom Himmelreich über die Nature

von einer Jungfrau ist geborn.

Maria, du bist auserkorn,

daß du Mutter wärest. Was geschah so wundergleich?

Gottes Sohn vom Himmelreich,

der ist Mensch geboren.

 

2. Ein Kindelein so löbelich,

ist uns geboren heute

von einer Jungfrau säuberlich,

zu Trost uns armen Leuten.

Wär uns das Kindlein nicht geborn,

so wärn wir all zumal verlorn;

das Heil ist unser aller.

Ei du süßer Jesu Christ,

daß du Mensch geboren bist!

Behüt uns vor der Hölle.

 

3. Groß Wunderding sich bald begab,

wie uns die Schrift tut melden:

ein Engel kam vom Himmel herab

zu'n Hirten auf das Felde.

Ein großes Licht sie da umfing,

der Engel Gottes zu ihn' ging,

verkündt ihn' neue Märe,

daß zu Bethlehem in der Stadt

ein zart Jungfrau geboren hat

den Heiland aller Welte.

Passion

EG 76,1 (Sebald Heyden, um 1530):

O Mensch, bewein dein Sünde groß,

darum Christus seins Vaters Schoß

äußert und kam auf Erden;

von einer Jungfrau rein und zart

für uns er hier geboren ward,

er wollt der Mittler werden.

Den Toten er das Leben gab

und tat dabei all Krankheit ab,

bis sich die Zeit herdrange,

daß er für uns geopfert würd,

trüg unsrer Sünden schwere Bürd

wohl an dem Kreuze lange.

Liturgische Gesänge (Te Deum)

Aus EG 191 (Martin Luther, 1529):

Du König der Ehren, Jesu Christ,

Gott Vaters ewger Sohn du bist;

der Jungfrau Leib nicht hast verschmäht,

zu erlösen das menschlich Geschlecht.

Taufe und Konfirmation

EG 203,1 (Johannes Freder, um 1555):

Ach lieber Herre Jesu Christ,

der du ein Kindlein worden bist,

von einer Jungfrau rein geborn,

daß wir nicht möchten sein verlorn.

Rechtfertigung und Zuversicht

EG 341,6 (Martin Luther, 1523):

Der Sohn dem Vater g’horsam ward,

er kam zu mir auf Erden

von einer Jungfrau rein und zart;

er sollt mein Bruder werden.

Gar heimlich führt er sein Gewalt,

er ging in meiner armen G’stalt,

den Teufel wollt er fangen.

 

Welche Fakten im Umkreis der Geburt Jesu ergeben sich nach abstreifen der Fiktionen und Fantasien?

Im Folgenden behandle ich die ältesten Dokumente aus dem Umkreis der Geburt Jesu in ihrer allgemein anerkannten chronologischen Reihenfolge und beginne mit dem gegen 70 n. Chr. geschriebenen Markusevangelium.

Der Text Mk 6,1-6 berichtet von der Ablehnung Jesu in seiner Vaterstadt. Als Argument gegen Jesus sticht die Bemerkung heraus, er sei der Sohn der Maria. Sie entstammt einer Überlieferung, die in der allerersten, bald von der Kontroverse um die Vollmacht Jesu geprägten Zeit geläufig war. Der Satz „Sohn der Maria“ ist um so ungewöhnlicher, als ein jüdischer Mann normalerweise mit dem Namen seines Vaters verbunden wurde, selbst dann, wenn der Vater schon gestorben war. Man vgl. die Namen von einigen bekannten rabbinischen Lehrern: Johanan ben Zakkai, Akiba ben Joseph, Chanania ben Dosa. Einen wesentlichen Grund für die Annahme, „Sohn der Maria“ sei polemisch gemeint, liefern die drei Evangelisten, Matthäus, Lukas und Johannes, denen das Markusevangelium vorlag und die unabhängig voneinander „Sohn der Maria“ in „Sohn des Handwerkers“ bzw. „Sohn des Joseph“ ändern.

Als historisch ist zu erschließen, dass die Bezeichnung Jesu als „Sohn der Maria“ bereits in seinem Heimatort gegen ihn geäußert wurde. Die Wendung mag man als Verhöhnung bezeichnen, die den Finger auf einen wunden Punkt der Abstammung Jesu legt. Wenn die aufgebrachten Leute seines Heimatortes ihren Landsmann Jesus als „Sohn der Maria“ bezeichnen, so ist das ein arges Schimpfwort. Jesus wird verächtlich nach seiner Mutter und nicht nach seinem Vater, wie es üblich war, benannt. Der Vorwurf bringt also zum Ausdruck: Dieser Bursche, der uns da Predigten halten will, hat keinen richtigen Vater; er ist ein Bastard.

Anders gesagt, der Vater Jesu wird an dieser Stelle nicht genannt, weil Zweifel darüber bestehen, wer sein wirklicher Vater ist. Wäre Jesus ein leiblicher Sohn Josephs gewesen, hätte der Ausdruck „Sohn der Maria“ niemals Eingang in einen frühchristlichen Text gefunden. Die Wendung „Sohn der Maria“ ist so schockierend, dass nur Markus den Mut hat, sie zu wiederholen.

 

Die antichristlichen jüdischen Traditionen von der Geburt Jesu

Die Frage stellt sich: Lassen sich die obigen Ausführungen zu Jesus als dem Sohn der Maria durch jüdische Quellen weiter absichern?

Die Toledot Jeschu, eine Sammlung volkstümlich-romanhafter Erzählungen über Jesus, berichten in aller Ausführlichkeit von der Verführung der jungen Maria. Doch scheiden sie aus chronologischen Gründen aus, denn sie stammen aus dem Mittelalter. Ebenso wenig kommen die rabbinischen Quellen der tannaitischen Zeit (bis 220 n. Chr.) in Frage, denn sie erwähnen an keiner Stelle Maria und Jesus. Eindeutige jüdische Kritik findet sich in der ältesten erhaltenen heidnischen Schrift gegen die Christen vor 178 n. Chr.

Dank der Schrift des Kirchenvaters Origenes (gest. ca. 251 n. Chr.) „Gegen Kelsos“ (Gegen Celsus) sind Auszüge aus einem antichristlichen Werk erhalten geblieben, das der gebildete Heide Kelsos ungefähr im Jahre 178 n. Chr. abgefasst hatte. Im Rahmen der erhaltenen Stücke bezieht sich Kelsos wiederholt auf die Aussagen eines jüdischen Gewährsmannes. In Kap. 1,28-38 begegnet die Behauptung, die Jungfrauengeburt sei von Jesus selbst erdichtet worden. In Wahrheit sei er ärmlicher Herkunft gewesen und entstamme einer ehebrecherischen Beziehung seiner Mutter, einer Handarbeiterin, zu dem Soldaten Panthera (Pandera). Sie sei darauf vom Ehemann, einem Handwerker, verstoßen worden und habe, ehrlos umherirrend, Jesus irgendwo im geheimen zur Welt gebracht. Dieser sei später nach Ägypten gegangen, um dort als Tagelöhner zu arbeiten, habe dort mit magischen Kräften umzugehen gelernt und sei schließlich, stolz auf seine Fähigkeiten, in die Heimat zurückgekehrt, wo er sich öffentlich als Gott ausgegeben habe.

Zur besseren Orientierung seien die entscheidenden Passagen hier in deutscher Übersetzung geboten:

1,28: „Hierauf lässt Kelsos einen Juden auftreten, der sich mit Jesus selbst unterredet und ihn, wie er meint, wegen vieler Dinge zur Rechenschaft zieht. Zuerst wirft er ihm vor, ‚dass er sich fälschlich als den Sohn einer Jungfrau ausgegeben habe’, er schmäht ihn aber auch, ‚dass er aus einem jüdischen Dorf und von einer einheimischen armen Handarbeiterin stamme’. Er sagt dann, ‚diese sei von ihrem Manne, der seines Zeichens ein Zimmermann gewesen, verstoßen worden, als des Ehebruchs schuldig’. Weiter bringt er vor, ‚von ihrem Manne verstoßen und unstet und ehrlos umherirrend, hätte sie den Jesus heimlich geboren. Dieser habe aus Armut sich nach Ägypten als Tagelöhner verdungen und dort sich an einigen Zauberkräften versucht, auf welche die Ägypter stolz seien; er sei denn auch zurückgekehrt und habe sich viel auf diese Kräfte eingebildet und sich ihretwegen öffentlich als Gott erklärt’.“

1,32: „Doch wir wollen uns nun wieder zu den Worten zurückwenden, die Kelsos den Juden sagen lässt, zu der Behauptung nämlich, ‚die Mutter Jesu sei von dem Zimmermann, mit dem sie verlobt war, verstoßen worden, weil sie des Ehebruchs überführt worden sei und von einem Soldaten namens Panthera geboren habe’. Wir wollen sehen, ob nicht die Fabeldichter ins Blinde hinein ‚den Ehebruch der Jungfrau mit Panthera’ und ‚die Vertreibung durch den Zimmermann’, dies alles erfunden haben, um so die wunderbare Empfängnis vom Heiligen Geiste zu beseitigen.“

Der „Jude“ des Kelsos vereinigt offenbar die wesentlichen Argumente, die von der jüdischen Seite im 2. Jahrhundert gegen die übernatürliche Geburt Jesu erhoben wurden. Ob sie in das 1. Jahrhundert zurückreichen, ist auf der Grundlage der Schrift des Kelsos allein kaum zu entscheiden.

 

Pornographische Interpretation der Jungfrauengeburt durch Juden?

Indes bleibt der Vorschlag beachtlich, die jüdische Behauptung der illegitimen Geburt Jesu sei eher eine nahe liegende Reaktion auf die christliche These der Jungfrauengeburt und der Name des angeblichen Vaters Jesu, Panthera, eine Entstellung bzw. Karikierung des Begriffs parthenos, des griechischen Wortes für „Jungfrau“. Jesus, der Sohn der parthenos, sei eben Sohn des Panthera.

Im Gegenzug stellt sich sofort die Frage, wer eine solche Anspielung hätte verstehen können, um so mehr, als Panthera ein bekannter griechischer Eigenname war, der auf lateinischen Inschriften der frühen römischen Kaiserzeit erscheint, und zwar besonders als Zuname römischer Soldaten. Außerdem heißt Jesus in den christlichen Quellen der ersten beiden Jahrhunderte niemals „Sohn der Jungfrau“. Wie soll dann aber der Name „Panthera“ Karikatur eines Titels sein, der damals gar nicht vorkam? Ferner wäre der Vorgang nur im griechischsprachigen Judentum denkbar, da „Jungfrau“ (statt: „junge Frau“) eine Fehlübersetzung aus dem Hebräischen ist. Schließlich war die Lehre von der Jungfrauengeburt Jesu in der frühen Zeit nicht weit verbreitet, am wenigsten in Galiläa. Wann und wo soll sie also entstanden sein? All dies spricht gegen die Herleitung des Namens Panthera aus parthenos und damit gegen die These, die jüdische Behauptung der Vaterschaft Pantheras sei erst eine feindliche Reaktion auf die christliche Lehre von der Jungfrauengeburt.

Nun muss man sicher die Vaterschaft Pantheras mit großer Skepsis betrachten, nicht aber die jüdische Kritik an einer illegitimen Geburt Jesu, da diese bereits hinter der Verhöhnung Jesu als des Sohns der Maria steht. Durch sie wird erst recht deutlich, warum spätere Christen die Lehre der Geistzeugung Jesu und der Jungfrauengeburt überhaupt ausgebildet haben. Teilweise war sie die Reaktion auf die verleumderisch gemeinte, aber historisch richtige Nachricht, dass Jesus außerhalb einer Ehe gezeugt bzw. geboren wurde. Natürlich waren auch andere Aspekte bei der Ausbildung der Lehre von der Geistzeugung und Jungfrauengeburt im Spiel. Darüber später mehr.

 

Die Weihnachtsgeschichte im Matthäusevangelium

Der Stammbaum Mt 1,1-17 besteht aus einer Reihe eintöniger, kurzer Hauptsätze und nennt wider alle Regel vier Frauen: Thamar, Rahab, Ruth und „die (Frau) des Uria“ (V. 3.5a.b.6b). Alle vier Frauen sind Nichtjüdinnen und dienen als Hinweis darauf, dass der Messias Israels auch den Heiden das Heil bringt, wie es am Endes des Matthäusevangeliums ausgeführt werden wird (Kapitel 28,19f). Sodann ergeben sich zwei weitere Gemeinsamkeiten unter den vier Frauen, wenn man sie mit der fünften Frau, Maria, vergleicht.

Erstens: Ihr Handeln könnte für jüdisches Empfinden anstößig sein: Thamars Kinder wurden in Blutschande geboren (Gen 38); Rahab war eine Hure (Jos 2,1); Ruth bekam ihren zweiten Ehemann nur durch sexuelle Aufreizung (Ruth 3,4.7-9.12-13); und Bathsebas Beziehung zu David begann mit einem Ehebruch (2Sam 11). Die Tatsache, dass Mt nicht von Bathseba, sondern von „der (Frau) des Uria“ spricht, bringt wohl gerade dies zum Ausdruck, dass er nicht an Davids spätere Ehefrau, sondern an den Akt des Ehebruchs denkt.

Zweitens: Alle vier sind im Sinne des Textes Heldinnen und durch ihre männlichen Partner Juda, Salmon, Boas und David Ahnfrauen des Messias geworden. Joseph, der Mann der fünften Frau, Maria, unterliegt anfangs (1,18f) dem gleichen Missverständnis, das sich auch bei den unbefangenen Lesern der Erzählungen über die anderen vier Frauen hätte einstellen können. Die Offenbarung eines Engels (1,20) führt ihn jedoch zum richtigen Verständnis. Diese Interpretation des Textes lässt sich gut dem Befund zuordnen, dass Juden von der illegitimen Geburt Jesu durch Maria erzählt haben (vgl. oben zu Mk 6,3). Mt klärt diesen Makel der Maria unter Rückgriff auf die anderen Frauen des Stammbaumes, an denen auch nur scheinbar ein Makel haftete.

Jesus Christus ist das Ziel des Stammbaums. Der Ausdruck „Jesus, der da heißt Christus“ erscheint in der Leidensgeschichte wörtlich im Mund des Pilatus (27,17), der Jesus trotz erbitterter jüdischer Opposition freigeben will, weil er von seiner Unschuld überzeugt ist. Indem Mt das Schema des Stammbaums durchbricht, das lakonisch einen Erzeuger nach dem anderen aufführt, und unter Gebrauch desselben Verbs im Passiv das Gezeugtwerden Jesu aus Maria aussagt, schließt er Joseph als dessen Vater aus. Damit bereitet er die Leserschaft auf die folgende Erzählung der Zeugung Jesu aus dem Geist Gottes sowie seiner Geburt aus der Jungfrau Maria vor. Zugleich lässt der Text erkennen, dass Mt der auf Jesus liegende Verdacht der Illegitimität bekannt ist.

Mt 1,18-25, der Bericht von der Ankündigung der Geburt Jesu, soll den heiligen Geist als Erzeuger Jesu erweisen, während der Stammbaum Mt 1,1-17 Joseph als Erzeuger erwarten ließ. Mt löst diese Schwierigkeit durch die Feststellung, Jesus sei aus Maria (und nicht durch Joseph) gezeugt worden. Obwohl Joseph nicht der Vater ist, nimmt er die schwangere Braut in sein Haus und legitimiert ihren Sohn, indem er selber ihm den Namen gibt (1,20f.24f). So ist Jesus in den Familienverband der Davididen hineinadoptiert worden. Ein Widerspruch zwischen Stammbaum und Geburtsgeschichte besteht so nicht mehr.

Die Bemerkung in V. 18b, Maria sei schwanger „aus heiligem Geist“, nimmt die Belehrung vorweg, die Joseph erst später in V. 20 durch den Engel zuteil wird. Der Vorausverweis auf die Zeugung durch den heiligen Geist setzt bei der Leserschaft Informationen voraus. Er soll unter Verstärkung von V. 18a noch einmal den jüdischen Anwurf entkräften, Jesus sei vorehelich gezeugt worden. Damit weiß der Leser also schon, was Joseph erst in V. 20 erfährt: Jesus ist durch den heiligen Geist gezeugt worden.

Es fällt auf, dass die Empfängnis Jesu gar nicht direkt erzählt wird, sondern nur ihre Folgen. Auch dies ist ein weiterer Anhaltspunkt für den Verdacht: Mt beantwortet Angriffe, die auf die fragwürdige Herkunft Jesu als eines vorehelichen und/oder in „Unzucht“ erzeugten Kindes anspielen.

In V. 19 tritt Joseph, der mit Maria Verlobte und damit rechtlich Verheiratete, in den Mittelpunkt des Geschehens. Die Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit, während der das Brautpaar noch keinen Geschlechtsverkehr haben sollte, betrug damals in der Regel sechs bis zwölf Monate. So lange wohnte die zwischen 12 und 14 Jahre junge Braut noch im Haus ihrer Eltern, galt aber bereits als Ehefrau des Mannes und konnte daher theoretisch auch Witwe werden. Joseph muss Maria wegen ihrer Schwangerschaft des Ehebruchs verdächtigen und will sie deshalb entlassen, d.h. sich von ihr scheiden lassen.

Das Erfüllungszitat in V. 22-23, dem zufolge das neugeborene Kind „Immanuel“ genannt werden soll, deutet „dies alles“ als Erfüllung prophetischer Weissagung, ja, als Wort, das der Herr selbst durch den Propheten (Jes 7,14) gesagt hat. Dabei liegt die griechische Übersetzung des Alten Testaments (= Septuaginta) zugrunde, die das hebräische Wort für „junge Frau“ irrtümlich mit „Jungfrau“ übersetzt. Die Übersetzung von Immanuel als „Gott mit uns“ weist auf die Zusage des Auferstandenen in Kap. 28,20, dass er mit den Jüngern sei „alle Tage bis an der Welt Ende“.

V. 24 erzählt die Ausführung des in V. 20 Aufgetragenen: Joseph nimmt seine Frau zu sich. Er entlässt sie also nicht, wie er es nach V. 19 zunächst geplant hatte. Dass Joseph V. 25 zufolge mit Maria bis zur Geburt des Kindes keinen Geschlechtsverkehr hat, stellt klar: Hier war wirklich kein Mann im Spiele. Dieser Vers hat noch nicht die spätere kirchliche Sicht im Blick, auch nach der Geburt Jesu habe Joseph mit Maria nicht geschlafen.

Fragen wir nach dem geschichtlichen Wert der Erzählung im Matthäusevangelium, so sprechen vorläufig folgende Gründe gegen die Unhistorizität der Zeugung Jesu aus dem heiligen Geist und seiner Geburt aus der Jungfrau Maria.

a) Der heilige Geist ist im Hebräischen weiblich und nicht sächlich wie im Griechischen. Die Voraussetzungen einer Zeugung durch den Geist sind daher brüchig.

b) Geistzeugung und Jungfrauengeburt Jesu sind im Neuen Testament nur selten und zudem ausschließlich in späten Traditionsschichten bezeugt.

c) Wollte man die Jungfrauengeburt für historisch halten, müsste man doch wohl annehmen, Maria habe von ihren intimen Erfahrungen berichtet. Dagegen spricht jedoch, was die älteste Überlieferung über die Familie Jesu berichtet. Diese, einschließlich die Mutter Maria, meinte, Jesus sei verrückt und wollte ihn daher „ergreifen“.

Als historisches Faktum hinter Mt 1,18-25 schält sich hingegen ein feindliches Gerücht heraus, das von nichtchristlichen Juden über die illegitime Geburt Jesu verbreitet wurde. Das ist der eigentliche Kern der Geschichte des Mt. Dann aber ist auch klar, dass die Zeugung Jesu von einem Unbekannten eine weitere historische Einzelinformation ist. Diese Zeugung Jesu durch einen Unbekannten dürfte auch daraus folgen, dass Jesus in der ältesten Tradition, die in Mk 6,3 erhalten ist, „Sohn der Maria“ heißt. Sie wird von der durch Kelsos aufbewahrten jüdischen Polemik bestätigt, die Maria der Unzucht zeiht. Vgl. ähnlich Joh 8,4: (Die Juden zu Jesus:) „Wir sind nicht aus der Unzucht geboren.“

Im Evangelium nach Matthäus folgt auf den gerade untersuchten Abschnitt über die Ankündigung der Geburt Jesu die Erzählung von den Magiern aus dem Osten und dem Kindermord des Herodes in Mt 2,1-23. Sie ist von ihm weder abhängig noch setzt sie ihn voraus und ist selbst uneinheitlich. Denn die Verbindung der Geschichte von den Magiern mit der vom Kindermord ist sicher sekundär und entspringt einer ungeschichtlichen Verknüpfung, die in der Dogmatik wurzelt. Mt zeichnet eine heilige Vergangenheit, die unter dem Gedanken der Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen steht. Die Geburt in Bethlehem, der Aufenthalt in Ägypten, der Gang nach Nazareth - all dies wird mit Zitaten aus dem Alten Testament belegt (V. 6, V. 15, V. 18, V. 23), die heute anerkanntermaßen als echte Prophezeiungen aufgegeben sind. Und selbst dort, wo Mt zwecks Betonung der Rettung des Jesuskindes die Rache des Herodes braucht, zögert er nicht, im Alten Testament nach einer angeblich darauf abzielenden Weissagung zu suchen. All dies ist - das sei vorweg betont - reine Erfindung, die durch die Ausmalung eines entsetzlichen Kindermordes nur noch schlimmer wird.

Schauplatz der ersten drei Unterabschnitte der Magiererzählung ist Jerusalem; die letzten beiden spielen in Bethlehem. Zusammengehalten werden die einzelnen Teile erstens durch die zweimalige Wanderschaft und die Ankunft der Magier (V. 1.9), zweitens durch das Motiv des Sternes (V. 2.9f), drittens durch den Gegensatz König Herodes/König der Juden (V. 1f) und viertens durch den Kontrast zwischen Herodes und den Magiern, deren (in V. 11 ausgeführte) Absicht, den neuen König anbeten zu wollen (V. 2), Herodes heuchlerisch aufnimmt (V. 8).

Eine detaillierte Auslegung des Gesamttextes, die ich hier nicht leisten kann, würde dessen starke Bearbeitung durch Mt ergeben. - Beispielsweise fügt er auch die Magier in den Text ein, weil sie Heiden sind (sie fragen nach dem Geburtsort nicht des Königs von Israel, sondern des Königs der Juden), und stellt damit von vornherein klar, dass das Evangelium am Ende zu den Heiden gelangen wird. - Daher fällt es schwer, eine fest umrissene Vorlage herauszuschälen. Man kann lediglich Motive und Vorbilder herauszuarbeiten, auf deren Grundlage Mt die Geschichte verfasst haben mag.

Von einem wundersamen Stern bei der Geburt und beim Regierungsantritt Mithradates’ VI., des Großen (ca. 132-63 v.Chr.), berichtet ein römischer Geschichtsschreiber, der in der Zeit des Kaisers Augustus (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) wirkte:

Seine künftige Größe hatten sogar himmlische Wunderzeichen vorher verkündet. Es leuchtete nämlich sowohl in dem Jahre, da er geboren wurde, als auch in dem, da er zuerst zu regieren anfing, während des doppelten Zeitraums ein Schweifstern siebzig Tage lang so, dass der ganze Himmel aufzulodern schien. Denn nicht nur hatte er mit der Größe von sich den vierten Teil des Himmels eingenommen, sondern auch durch den von ihm ausgehenden blitzenden Schimmer den Glanz der Sonne übertroffen; und so oft er auf- und unterging, brachte er damit eine Zeit von vier Stunden zu (Justinus, Epitome aus Pompeius Trogus 37,2).

Die Geschichte von Herodes, der den neugeborenen König umbringen will, hat ebenfalls eine große Anzahl von Parallelen. Das Motiv findet sich sowohl in der alttestamentlichen Moses-Sage (Ex 2) als auch bei vielen griechischen und römischen Autoren und ist oft mit dem eines Kindermordes verbunden. Vgl. dazu auch den Kaiserbiographen Sueton (geb. um 70 n.Chr.), Augustus 94:

Julius Marathus berichtet, dass wenige Monate, bevor er (sc. Augustus) geboren wurde, ein Vorzeichen in Rom öffentlich geschah, durch welches angekündigt wurde, die Natur sei schwanger mit einem König für das römische Volk. Der Senat habe darauf voller Schrecken beschlossen, dass kein in jenem Jahr geborenes Kind aufgezogen werden solle. Die schwangere Frauen besaßen, hätten, weil jeder die Hoffnung auf sich bezog, dafür gesorgt, dass der Senatsbeschluss nicht in die Staatskasse überbracht wurde (d.h. keine Gesetzeskraft erlangte).“

Angesichts der Gestaltung des Textes durch Mt und der angeführten Motivparallelen ist der historische Ertrag für Mt 2 gleich Null.

 

Vergleich der Geburtsgeschichten bei Matthäus und Lukas

Ebenso trägt die Tatsache, dass neben Mt auch Lk eine Geburtsgeschichte erzählt, zur historischen Glaubwürdigkeit der Erzählung des Mt nichts bei. Im Gegenteil: Aufgrund der Unvereinbarkeit beider Berichte wird ihr historischer Wert noch geringer:

a) Nicht einmal in der Datierung der Geburt Jesu stimmen Mt und Lk überein: Bei Mt soll die Geburt Jesu noch zu Lebzeiten Herodes des Großen (gest. 4 v. Chr.) erfolgt sein, bei Lk hingegen kurz nach einer von Kaiser Augustus angeordneten Steuerschätzung zur Zeit der syrischen Statthalterschaft des Quirinius (ab 6 n. Chr.). Von einem reichsweiten Zensus unter Augustus ist allerdings aus nichtchristlichen Quellen nichts bekannt. Der erste Zensus in Judäa, nicht im ganzen Römischen Reich, ist 6/7 n. Chr. ausgeschrieben worden.

b) Bei Mt wohnen die Eltern in Bethlehem, und erst nach der Rückkehr aus Ägypten siedeln sie nach Nazareth um. Lk dagegen lässt die Eltern vor der Geburt Jesu von ihrem Wohnort Nazareth nach Bethlehem ziehen.

c) Von Magiern aus dem Morgenland, einem Wunderstern, einer Flucht nach Ägypten und einem Kindermord des Herodes berichtet Lk nichts; umgekehrt weiß Mt nichts von einer Verkündigung der Geburt an die Hirten usw.

Ein letzter ebenso verzweifelter wie abwegiger Versuch, beide Erzählungen zu harmonisieren, wäre die Annahme, beide wollten dasselbe nur auf verschiedene Weise darstellen oder das von Mt Berichtete setze die lk Geschichte als früher Vorgefallenes voraus (bzw. umgekehrt). Vielmehr liegen zwei gleich unhistorische Erzählungen vor.

 

Die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium

Mit der Aussage zur Schätzung in V. 1-5 stellt der Autor die Geburtsgeschichte Lk 2,1-20 in den Zusammenhang der Weltgeschichte. Die durch den Zensus erforderliche Reise des Joseph in seinen Heimatort ermöglicht es ihm außerdem, die Überlieferung vom Wohnort der Eltern in Nazareth mit der vom Geburtsort des Kindes in Bethlehem zu verbinden. Indem der Vf. Maria als Josephs Verlobte bezeichnet, stellt er eine Verbindung der Geschichte zu Lk 1,26-38 her. Vom Kontext her muss aber Maria bereits die Ehefrau des Joseph sein. Denn als Verlobte würde sie noch zum Haus ihres eigenen Vaters zählen und weder mitreisen können noch dürfen.

Lk hat eine Erzählung von der Verkündigung der Geburt an die Hirten aufgenommen und sie mit einer neuen Einleitung (V. 1-5) versehen. Deutlich ist, dass auf der vorredaktionellen Ebene diese Erzählung nicht die Fortsetzung von 1,26-38 („Die Ankündigung der Geburt Jesu“) gewesen sein kann. Denn sie verrät nichts von einer wunderbaren Empfängnis, und Maria erfährt offensichtlich erst durch den Besuch der Hirten, was es mit ihrem Kind auf sich hat. Die Schwierigkeit, die beiden traditionellen Geschichten zu verknüpfen, lag in folgendem: Während in der Erzählung von der Ankündigung der Jungfrauengeburt Joseph nicht vorkam, handelte die Hirtengeschichte von einem gewöhnlichen Ehepaar. Lk hat das Problem gelöst, indem er in der ersten Geschichte die Jungfrau und in der zweiten die Ehefrau zur Verlobten machte (vgl. bereits zu 1,34-35).

Der Grundstock von V. (6-7.)8-20 ist eine ursprünglich selbständige Erzählung darüber, wie den Hirten die Geburt des Messias offenbart wird. Es handelt sich um eine Verkündigungserzählung, deren Anfang durch die redaktionelle Vorschaltung des Zensusmotivs überdeckt wurde und nicht mehr rekonstruierbar ist.

Die Begriffe „verkündigen“ (V. 10) und „Retter“ (V. 11) sprechen für eine Entstehung der Legende im hellenistischen Christentum. Auch das Motiv der Verkündigung der Geburt an die Hirten weist in diese Richtung. Denn im Judentum wurden Hirten keineswegs als besonders fromm angesehen; ihr Beruf wurde vielmehr geradezu verachtet. Man hatte sie in Verdacht, es mit Mein und Dein nicht zu genau zu nehmen. Darum blieben sie auch von der Zeugenaussage vor Gericht ausgeschlossen.

Dagegen nehmen Hirten in orientalischen und vor allem griechischen Sagen eine herausgehobene Stellung ein. Hier übt der Hirt einen der Gott wohlgefälligen Berufe aus und erinnert an die Urzeit, in der Götter noch mit Menschen verkehrten. In seinem beschaulichen Dasein gilt er als besonders befähigt, göttliche Stimmen zu vernehmen. Die Erwartung, dass der Messias aus Bethlehem, der Heimatstadt Davids (1Sam 17,12; 20,6), kommen werde, ist im Judentum verbreitet.

Der historische Ertrag der lk Kindheitsgeschichte bezüglich der Geburt Jesu ist praktisch gleich Null (vgl. oben zu Mt 2,1-23). Allerdings mag die Notiz (V. 7) zutreffen, dass Jesus Marias erstes Kind war. Erst so wird die unverdächtige Notiz Mk 3,21 verständlich, dass die Familie Jesu ihn ergreifen wollte, weil er von Sinnen sei. Als Ältester hatte er die Pflicht, die Familie nach dem Tod des Vaters zu ernähren.

 

Verschiedene Wurzeln der Jungfrauengeburt

Im Vorangehenden hatten wir gesehen, dass Christen durch die Geburt Jesu aus einer Jungfrau die als Verleumdung gemeinte Version der vorehelichen, illegitimen Geburt Jesu beantworteten. An dieser Stelle will ich die oben aufgeschobene Frage klären, wie dies religionsgeschichtlich möglich war, und werde dies unter der Überschrift „Gottessohnschaft - Geistzeugung - Jungfrauengeburt tun.

Christen griffen dabei auf Vorstellungen zurück, die in der religiösen Umwelt schon lange zuvor ausgebildet worden waren. Begünstigt wurde die Übertragung dieser Vorstellungen auf Jesus insbesondere durch das Bekenntnis, Jesus sei der Sohn Gottes. Als solcher wurde Jesus bereits in der Urgemeinde bezeichnet: Gemäß der Röm 1,3f zugrunde liegenden judenchristlichen Tradition erfolgte seine Einsetzung zum Gottessohn durch die Auferstehung. In diesem Sinn wird die Gottessohnschaft Jesu auch in einer alten Formel verstanden, die Lukas in Apg 13,32f wiedergibt: "Und wir verkündigen euch die Verheißung, die an die Väter ergangen ist, dass Gott sie uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesus auferweckte; wie denn im zweiten Psalm geschrieben steht: 'Du bist mein lieber Sohn, heute habe ich dich gezeugt' (Ps 2,7)." Im MkEv ist dagegen eine Überlieferung enthalten, welche die Gottessohnschaft Jesu gewissermaßen vorverlegt: Jesus wird hier bereits im Zusammenhang mit der Taufe zum Sohn Gottes (Mk 1,11).

Eben diese Bezeichnung "Gottessohn" war nun aber auch in der hellenistischen Welt geläufig - freilich mit einem ganz anderen Bedeutungsinhalt. Was darunter verstanden wurde, wenn z.B. Herakles, Pythagoras, Platon, diverse Pharaonen, Alexander der Große, Ptolemäus, Scipio Africanus Maior und Kaiser Augustus als Gottessöhne bezeichnet wurden, zeigt sich an der damit hauptsächlich verbundenen Vorstellung: Der Gottessohn ist durch einen Gott gezeugt.

Zwar wurde diese Zeugung meist in einem massiv-gegenständlichen Sinn verstanden; es gibt aber auch Belege für eine Deutung der Gottessohnschaft in einem sublimeren, vergeistigten Sinn. So schreibt Plutarch (ca. 50-120 n. Chr.):

(3) Auch lehrt die Vernunft, dass die Gottheit nicht an Pferden oder Vögeln, sondern an Menschen ihre Lust und Freude hat, sich zum Umgang mit vorzüglich Guten neigt und die Freundschaft eines tugendhaften und frommen Mannes nicht verachtet und verschmäht. Aber dass ein Gott und höherer Geist auch mit menschlichem Körper und seiner Jugendblüte Gemeinschaft und ein Wohlgefallen daran haben könne, dies ist schon schwer zu glauben. (4) Und doch scheinen die Ägypter nicht unklug zu unterscheiden, es sei nicht unmöglich, dass sich einer Frau ein göttlicher Geist nähere und ein paar Anfänge des Werdens hineinlege, bei einem Mann aber sei die Vereinigung und Vermischung mit einem göttlichen Wesen undenkbar (Numa 4,3f).

Ebenso wenig wie die Geistzeugung ist die Geburt aus der Jungfrau eine genuin christliche Vorstellung. In Ägypten sind in christlicher Zeit zwei Feste bezeugt, welche die Geburt eines Götterkindes durch eine Jungfrau verherrlichen: a) Ein Fest des Aion, das in der Nacht vom 5. zum 6. Januar in Alexandria gefeiert wurde, hatte seinen Höhepunkt in dem Umzug eines Götterbildes. Auf die Frage nach dem Sinn der Feier antworten die Wissenden: "Zu dieser Stunde, heute, hat die Kore, das ist die Jungfrau, den Aion geboren" (Epiphanius, Haer 51,22,10). b) Am 25. Dezember beging man ein Fest zur Wintersonnenwende, bei dem die Feiernden riefen: "Die Jungfrau hat geboren, es nimmt zu das Licht!"

Dass auch dem hellenistischen Judentum derartige Vorstellungen nicht fremd waren, belegt Philo von Alexandrien (ca. 15 v.Chr.-45/50 n. Chr.), indem er in seiner allegorischen Auslegung der Ehen Abrahams, Jakobs, Isaaks und Moses die Frauen Sara, Lea, Rebekka und Zippora als Tugenden deutet:

(43) Der Unterricht in der Geheimlehre muss nun also beginnen. Der Mann kommt mit der Frau, der männliche Mensch mit dem weiblichen, zusammen und pflegt, indem er der Natur folgt, Verkehr zur Erzeugung von Kindern. Die Tugenden, die viele vollkommene Dinge hervorbringen, dürfen nicht einem sterblichen Manne anheim fallen; wenn sie aber nicht von einem andern den Samen empfangen haben, werden sie von selbst niemals schwanger werden. (44) Wer anders ist es nun, der in ihnen das Gute sät, als der Vater aller Dinge, der ungeschaffene und alles erschaffende Gott? Gott also gibt den Samen, die eigenartige Frucht aber, die er mit dem Samen hervorbringt, ist ein Geschenk; denn Gott erzeugt nichts für sich, da er vollkommen bedürfnislos ist, sondern alles für den, der es zu empfangen nötig hat.

(45) Für das Gesagte kann ich als vollwertigen Zeugen den hochheiligen Moses anführen: er lässt nämlich die Sara dann schwanger werden, als Gott in ihrer Vereinsamung auf sie schaut; gebären aber lässt er sie nicht dem, der auf sie geschaut hat, sondern dem, der Weisheit zu erlangen eifrig bestrebt ist, dessen Name Abraham ist.

(46) Noch deutlicher lehrt er es uns bei der Lea, indem er sagt, dass Gott ihren Mutterschoß öffnete (Gen 29,31) - den Mutterschoß zu öffnen ist doch aber Sache des Mannes -; sie aber empfing und gebar, nicht der Gottheit - denn diese ist sich allein genug und vollkommen ausreichend -, sondern dem die mühevolle Sorge um das Gute auf sich nehmenden Jakob. Also empfängt die Tugend zwar von dem (göttlichen) Urheber den göttlichen Samen, sie gebiert aber einem ihrer Liebhaber, der vor allen Freiern von ihr vorgezogen wird.

(47) Ebenso wird, nachdem der allweise Isaak Gott angefleht hatte, Rebekka, die beharrende Tugend, von dem Angeflehten schwanger (Gen 25,21). Ohne Flehen und Bitten nimmt Moses die geflügelte und hochstrebende Tugend, Zippora, und findet sie schwanger, keinesfalls von einem Sterblichen (Ex 2,22) ...

(49) ... Er aber (sc. der Prophet Jeremia) ... verkündet einen Spruch im Namen Gottes, der sich an die ganz friedliche Tugend wendet mit den Worten: 'Hast du mich nicht Haus genannt und Vater und Mann deiner Jungfräulichkeit?" (Jer 3,4). Ganz deutlich lehrt er uns hiermit, dass Gott sowohl ein Haus ist, nämlich die unkörperliche Stätte unkörperlicher Ideen, als auch Vater aller Dinge, der sie ja geschaffen hat, und endlich Mann der Weisheit, der den Samen der Glückseligkeit für das sterbliche Geschlecht in die gute und jungfräuliche Erde versenkt. (50) Denn mit der unbefleckten, unberührten, reinen Natur, dieser wahrhaften Jungfrau, zu verkehren ziemt sich allein Gott, und zwar ganz anders als uns; denn bei den Menschen macht die Vereinigung zum Zwecke der Kinderzeugung die Jungfrau zum Weibe; wenn aber Gott mit der Seele zu verkehren begonnen hat, erklärt er die, die zuvor schon Weib war, wieder zur Jungfrau, da er die unedlen und unmännlichen Begierden, durch die sie ein Weib wurde, aus ihr wegschafft und dafür die edlen und unbefleckten Tugenden in sie einführt. So verkehrt er mit Sara nicht eher, als bis sie alle Eigenschaften des Weibes verloren hat (Gen 18,11) und wieder zum Rang einer reinen Jungfrau zurückgekehrt ist" (Über die Cherubim 43-50).

Ertrag: Die Vorstellung, dass Jesus vom heiligen Geist gezeugt und von einer Jungfrau geboren worden sei, geht auf die Umdeutung zurück, die der Titel "Gottessohn" in dem Moment erfuhr, ja, erfahren musste, als das hellenistische Judenchristentum den Gottessohn Jesus in einer hellenistischen Umwelt heimisch machte. Die Gottessohnschaft war aufgrund derselben Terminologie eine ideale Verständigungshilfe zwischen Judenchristen und Hellenisten - obwohl jeweils etwas ganz Verschiedenes damit gemeint war. Während man andere Titel, welche die Bedeutsamkeit Jesu aussagten, nicht mehr verstand und entweder fortließ ("Menschensohn" findet sich in den paulinischen Gemeinden nicht mehr) oder umbildete (der Titel "Messias" wird in der griechischen Form "Christus" zum Eigennamen), bekam die Bezeichnung "Sohn Gottes" einen völlig neuen Inhalt: "Sohn Gottes" wird nun nicht mehr als Titel Jesu, sondern als eine Aussage über seine naturhafte Beschaffenheit verstanden, d.h. in einem physischen Sinn ausgelegt. Von der Legende wurde er dann mit einer Jungfrau in Verbindung gebracht, die allein als Gottes würdig galt.

Im Prozess der Neuinterpretation des Gottessohnschaft dürfte es eine große Rolle gespielt haben, dass schon im Hellenismus die gegenüber einer massiv-gegenständlichen Vorstellung der göttlichen Zeugung mildere Annahme einer Zeugung durch den Geist entwickelt worden war. Dieser Mittelweg musste für hellenistische Judenchristen besonders attraktiv sein. Denn der körperliche Umgang Gottes mit einer menschlichen Frau war für sie undenkbar. Die Annahme, es sei Gottes "Geist", der Jesus gezeugt habe, bildete dagegen einen geeigneten Anknüpfungspunkt, um Jesus auf eine Stufe mit anderen großen Männern zu stellen, deren Zeugung ebenfalls auf Gott zurückgeführt wurde.

Die Lehre von der Jungfrauengeburt hat demnach eine „hohe“ Christologie zur Voraussetzung. Insofern sind Aussagen zu Maria eng verzahnt mit der Dogmatik des auferstandenen Gottessohnes und Weltenherrn Jesus Christus.

 

Maria - zur Stummheit verdammt

Aber die Trümmer der Geschichte sprechen eine andere Sprache: Die ganz unheilige, nämlich voreheliche, wohl gewaltsame Zeugung Jesu zog sogleich den Vorwurf seitens des späteren Adoptivvaters Joseph nach sich, Maria habe Jesus in Unzucht empfangen, wohingegen die Notsituation der jungen Frau Maria zu ihrem völligen Verstummen führte. Sie erzählt nichts, ja, darf gar nichts von ihrer Schwangerschaft berichten. Vielmehr wird ihre Gebärmutter fortan - in Reaktion auf die feindliche pornographische Unterstellung - zum Ort einer Zeugung ohne Sexualität gemacht. Die Gynäkologie dient hier der Theologie zur Legitimation der göttlichen Herkunft und Herrschaft Jesu.

 

Das Waffenarsenal der Christologie

Wir sagten: Die Lehre von der Jungfrauengeburt ist in der Christologie begründet. Nun beklagen Protestanten vielfach, dass die Verehrung der Maria ausgerechnet in der heutigen Zeit ausufert. Man scheint der Meinung zu sein: Christologie ist von der Bibel her geboten, Hochschätzung der Maria dagegen nicht bzw. nur in verhaltener Weise. Doch ist das alles Stückwerk, wenn historisches Wissen überhaupt Konsequenzen haben soll. Wer die Springflut der Mariologie beklagt, sollte damit gleichzeitig sein eigenes christologisches Waffenarsenal abrüsten. Denn welches Verhältnis besteht zwischen dem Mann aus Nazareth und dem Weltenherrscher, zu dem ihn erst die späteren Gemeinden gemacht haben und als der er in der Kirche auch heute bekannt wird? Trotz der sich verändernden gesellschaftlichen Situationen über die Jahrhunderte hinweg ist doch der alte Machtanspruch des Christentums auf eine Anteilhabe an dieser Weltherrschaft noch heute anzutreffen. Dies geschieht in der schlichten Rezitation von Glaubensformeln, welche die Herrschaft Christi über Tod und Leben bekennen, und in der geltenden Grundordnung der EKD, wo es heißt: „Grundlage der Evangelischen Kirche in Deutschland ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments gegeben ist. Indem sie diese Grundlage anerkennt, bekennt sich die Evangelische Kirche in Deutschland zu dem Einen Herrn der einen heiligen allgemeinen und apostolischen Kirche.“

Konnte dieser eigene Machtanspruch im Römischen Reich und durch das Mittelalter hindurch noch dazu dienen, die weltliche Herrschaft zu legitimieren, falls diese sich kirchenfreundlich verhielt, steht dieser Anspruch heute vor einem schweren Problem: der demokratischen statt der religiösen Legitimation von Herrschaft, der funktionalen Differenzierung innerhalb unserer modernen Gesellschaften und dem Ende des christlichen Monopols auf dem religiösen Markt.

Zwar plädieren die Kirchen heute für die sich zeichenhaft, aber nicht unbedingt politisch verwirklichende Nächstenliebe, halten aber - ohne das ausdrücklich zu sagen - an der Idee der Teilhabe an der Herrschaft Christi fest. Immerhin, soziales Handeln wird als missionarisches Handeln ausgewiesen. Das ist sicherlich besser als eine Mission mit Feuer und Schwert. Es instrumentalisiert aber ethisches Handeln für den höheren christlichen Zweck der Durchsetzung der Herrschaft Christi, und diese wird als solche nirgends thematisiert.

 

Befreiungstheologie und Herrschaft Christi

Klarer haben sich über diese Verbindung von Ethik und Herrschaft die Befreiungstheologinnen und -theologen, aber auch der Ökumenische Rat der Kirchen geäußert. Nächstenliebe tritt in den Ländern der sog. Dritten Welt in befreiungstheologischem Gewande auf. Ganze Kirchen stellen sich dort auf die Seite der Unterdrückten und geraten in den militanten Terror und die Verfolgungen der ausgebeuteten Länder hinein. Die mutige Praxis von Befreiungstheologen schafft einen Schutzraum und eine Handlungsoption für die Ärmsten der Armen und ergreift für ihre Notsituation Partei. Trotzdem hat diese Theologie ihren theologischen Machtanspruch an der Wurzel nicht revidiert. Es muss trotz des großen Engagements dieser Theologen die Frage erlaubt sein, ob sich auf der strukturell-theologischen Ebene auch dort nur wieder ein ungebrochener alter Herrschaftsanspruch in neuem Gewande präsentiert. Wird wiederum nur die politische Macht, diesmal die der Unterdrückten, religiös legitimiert? Die Rede Karl Barths von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus als Herr hat leider auch die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Herrschaftsanspruch eher behindert als gefördert.

 

Das Grab war voll und die Krippe leer

Jesu Elendsgrab war voll, und seine Herrlichkeitskrippe war leer - so mag das Gesamtfazit meiner Ausführungen zu den Weihnachtsgeschichten der Bibel lauten. Die heilige Nacht konnte - trotz der Schönfärberei der Bibel - nach der oben gezeichneten Vorgeschichte nur unheilig für Maria sein. Die stille Nacht war grausam, laut und schwer. Sie vermochte daher nicht den Schmerz zu lindern, welcher der jungen Frau durch diese im wahrsten Sinn des Wortes aufgezwungene Schwangerschaft zugefügt worden war. Die Krippe eines von einer Jungfrau geborenen Gottessohnes, dem Huldigung dargebracht wurde, hatte hier überhaupt keinen Platz, auch wenn Bibelverse, fromme Gesänge und dogmatische Leerformeln es tausendfach anders sagen. Der historische Jesus selbst bleibt die gewaltigste Macht gegen die Kirche, welche ihn bis heute als den von einer Jungfrau geborenen Gottessohn zu ihrem Grund macht. Nicht um dessen willen, was er war, sondern um dessen willen, was er nicht war, ist Jesus der Mittelpunkt der Kirche.

Nun besteht die Ironie dieses Vorgangs religiöser Selbsttäuschung darin, dass die Bibel selbst die Mittel für seine Aufdeckung bereitstellt. Denn die Kirche musste ein Interesse daran haben, Weltenherrn und Wanderprediger als ein und dieselbe Person dingfest zu machen. Ohne diese begriffliche Fixierung und historische Verankerung des mythischen Christus keine Autorität und Macht für die Kirche auf dieser Erde! Daher bewahrte sie in ihren Reihen auch die Traditionen vom historischen Jesus und nahm sie - dogmatisch geschönt - in den Kanon heiliger Schriften auf. Das gereichte ihr in der Neuzeit unter den Gebildeten zur Schande, weil man erkannte: Jesus hat diese Kirche nicht gewollt. Er hat ihr gar nicht die Binde- und Lösegewalt zugeschrieben, die ihre Vertreter bis heute für sich beanspruchen.

Seitdem reißen die Versuche nicht ab, doch noch zwischen historischem Wissen und lieb gewonnenem Glauben zu vermitteln.

Der eine besteht darin, die heilsnotwendigen Lehren zu unterteilen in solche, die man wörtlich nehmen soll, und andere, die man besser bildlich versteht. „So kommen etwa das Heilshandeln Gottes und der Erlösungstod Christi ins Töpfchen der Fakten, die Jungfrauengeburt und der Teufel ins Kröpfchen der Metaphern“ (Christoph Türcke). Doch ist das nichts anderes als eine Immunisierungsstrategie. Längst hat die historische Kritik hat auch die harten Fakten als Fiktionen entlarvt.

Der andere Versuch besteht darin zu erklären, es komme nicht darauf an, ob ein Wort von Jesus stamme oder nicht. Doch lässt ein solches Vorgehen die notwendige Ernsthaftigkeit vermissen. Wem alles gleich gültig ist, der erklärt in Wirklichkeit für gleichgültig, was Jesus einst wirklich gesagt und getan hat. Er nimmt Abschied von Jesus.

Ein anderer Versuch will den historisch widerlegten Glauben offensichtlich als „Religion light“ vermitteln. Der evangelische Kirchentag im Jahre 2001 liefert dafür ein Beispiel. Seine Losung: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31, Vers 9) soll angeblich Freiheit verheißen und zugleich Hoffnung auf Orientierung zu Beginn des 3. Jahrtausends ausdrücken. Doch treiben die Veranstalter mit diesem Text aus Psalm 31 als Losung nur Schindluder. „Weiter Raum“ heißt dort nämlich Rettung vor den Feinden, und ihnen wünscht der Beter folgendes: „die Gottlosen sollen zuschanden werden und hinabfahren zu den Toten und schweigen“ (Vers 18). Das ist etwas anderes, als was die Losung des Kirchentags suggeriert. Jesus fände in dieser Mischung von „Religion light“ und Ahnungslosigkeit keinen Raum.

Ein weiterer Vermittlungsversuch und zugleich ein Weg, das Image der Kirche aufzuputzen, wird vielerorts unter der Überschrift „Kirche mit Zukunft“ beschritten. Hier geht es aber nicht um die Nachfolge Jesu als des Rebellen, sondern darum, eine flexible und effektive Organisation zu schaffen. Man will so aus der defensiven Haltung herauskommen, ein neues Wir-Gefühl erzeugen und gegen den Trend wachsen. Also Orientierung an der Mitgliederzahl statt am Priestertum aller Gläubigen. Die „Kirche der Zukunft“ beschwört ihren eigenen Auftrag, ihre eigene Botschaft, die dann an der Durchsetzungskraft des Evangeliums orientiert ist. Zu deutsch: Der auferstandene Herr sendet seine Kirche in die Welt. Der nachdenkliche Mensch sieht sich düpiert, sobald er erkennt, dass alte Inhalte angeboten werden, diesmal nur in neuen Kleidern.

Man wird zur Umbildung des Menschen Jesus zum himmlischen, von einer Jungfrau geborenen Gottessohn sagen müssen: Im Christentum vor der Aufklärung geschah sie infolge einer Selbsttäuschung. Im modernen Christentum grenzt dasselbe Manöver an Betrug, weil die Funktionäre wissen, was sie wider bessere Einsicht tun. Die Sache ist aber ernster, als sie vielleicht ahnen. Da für die christliche Kirche schlechthin aller Halt in Fiktionen liegt, muss der Mensch im Augenblick ihrer Aufdeckung in ein solches Nichts sinken, wie er es noch nie erlebt hat. Als Verteidiger dieser auf Wahn und Fantasie beruhenden Scheinwelt machen sich kirchliche Theologen gerade auch zur Weihnachtszeit mitschuldig an einer Krise des Nihilismus, der den Westen seit dem 19. Jahrhundert ergriffen und Nietzsche zu dem prophetischen Ausspruch getrieben hat: Gott ist tot.


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