Dimensionen des Geistes
Teil 1

Textmarken: Auf Herz und Nieren geprüft,    Fehler, die sich aus der makroskopischen Betrachungsweise ergeben,    Geist als Naturprinzip,    Wie entstehen Informationen?    Emergenz,    Die Ambivalenz der Materie,    Materie als Schalter,    Die Abhängigkeit des Geistes von der Materie,    Geist kein Objekt, sondern ein Prozess,    Materie als Steuerungselement in der Zelle,    Die Relexionsfähigkeit,    Die Gedankenwelt - nur temporär vorhanden und individuell verschieden,   freier Wille


Auf Herz und Nieren geprüft . . .

Wenn wir schon der Gefangene unseres eigenen Geistes sind, sollten wir uns wenigstens unsere Zelle ordentlich möblieren.

Sinngemäß nach einem Zitat des Schauspielers Sir Peter Ustinov, der zahlreiche Schulprojekte unterstützt hat.

Quelle: http://www.gidi.de/zitaten/zitaten4.htm hier stehen auch noch weitere Zitate von Sir Peter Ustinov

Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hielt man in religiösen Kreisen das Herz oder die Nieren für jenen Teil des Körpers, der die Empfindungen und damit die Gesinnung eines Menschen repräsentiert.

Die Bibel ist hier ein Dokument dieses Zeitgeistes.

Psalm 26:2 "Prüfe mich, Herr, und erprobe mich, erforsche meine Nieren und mein Herz."

Jeremia 20:12 "Und nun, Herr Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen."

Weisheit 1,6 Die Weisheit ist ein menschenfreundlicher Geist, doch läßt sie die Reden des Lästerers nicht straflos; denn Gott ist Zeuge seiner heimlichen Gedanken, untrüglich durchschaut er sein Herz und hört seine Worte.( Weisheit7,23; 1 Sam 16,7; Jer 17,9f; Sir 42,18 Kommentar der Einheitsübersetzung: "seiner heimlichen Gedanken", wörtlich: seiner Nieren. Die Nieren sind im semitischen Denken Sitz der innersten Empfindungen. Das Herz gilt als geistige Mitte, als Sitz der Gedanken und Willensentschlüsse.)

1.Johannes 3:19-20 "Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, dass wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge."

Apostelgeschichte 1,24 Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast. (Was folgt ist eine Entscheidung durch das Los.)

Offenbarung 2,23  Ihre Kinder werde ich (der Sohn Gottes) töten, der Tod wird sie treffen, und alle Gemeinden werden erkennen, daß ich es bin, der Herz und Nieren prüft, und ich werde jedem von euch vergelten, wie es seine Taten verdienen.
 

Die bayerischen Könige haben aus diesem Grund ihr Herz bis ins 20. Jahrhundert hinein im Wallfahrtsort Altötting in einem kostbaren Gefäß gesondert bestatten lassen. Die Herzen vieler Wittelsbacher, so z.B. des Kurfürsten Maximilian III. Josef befinden sich hier in der achteckigen Gnadenkapelle. 27 Herzurnen bayerischer Fürsten sind gegenüber dem altehrwürdigen Gnadenbild Mariens im Mittelschrein in zwei Bogennischen beigesetzt. Seit acht Jahrhunderten war es Brauch, die Herzen der verstorbenen Landesherren aus dem Leib zu nehmen und in silberne Urnen gebettet nach Altötting zu bringen, unter ihnen auch das Herz Ludwig II. Zwei Monate nach dem Tod des Monarchen, am 16. August 1886, wurde die 65 Zentimeter hohe neubarocke Urne mit dem Herz Ludwig II. auf dem Schienenweg vom Münchener Ostbahnhof zum Kapellenplatz in Altötting gebracht. Nach dem Gottesdienst verbrachte man das Gefäß, dessen Herzkapsel aus Zinn besteht, an seinen Platz in einer der Nischen, wo es heute noch steht und zu bewundern ist.

(Quelle: http://www.koenigludwigzwei.de/altoetting.html)

Die Menschen haben gefühlt, dass das Herz bei Erregung schneller schlägt und Angst zu Harndrang führt, also an die Nieren geht. Heute wissen wir, dass das Herz und die Nieren durch das vegetative Nervensystem gesteuert werden. Indirekt trägt auch die Gemütsverfassung, die in Nervenzentren des Gehirns gebildet wird, durch Ausschüttung von Neurotransmittern zur Erregung des Herzens bei (mehr dazu unter http://de.wikipedia.org/wiki/Herz). Die Menschen damals haben aus ihrem Gefühl heraus Symptome zur Ursache gemacht. Dies rührt daher, weil unsere Innenansicht aus der Interpretation von Nervensignalen gebildet wird, deren Herkunft nicht immer klar ist.

Dem Gehirn konnte man lange Zeit keine Funktion zuweisen. Nervenzellen kennt man erst etwa seit dem 19. Jahrhundert. In unserem Bewusstsein erscheinen sie nicht. Deshalb kommen Nervenzellen in den antiken Überlegungen zum Thema Geist nicht vor. Man wusste zwar, dass ein Mensch durch einen Schlag auf den Kopf sterben kann. Aber man wusste nicht warum.

Richter 9:52-54

Und Abimelech bahnte sich den Weg bis zum Turm und eröffnete den Kampf gegen ihn, und er ging weiter hinauf, nahe an den Turmeingang heran, um ihn mit Feuer zu verbrennen. Da warf eine gewisse Frau einen oberen Mühlstein auf Abimelechs Kopf und zerschmetterte seinen Schädel. Da rief er schnell den Burschen, der ihm die Waffen trug, und sprach zu ihm: "Ziehe dein Schwert und gib mir den Todesstoß, damit man nicht von mir sage: 'Ein Weib hat mich getötet'". Sogleich durchstach ihn sein Bursche , so dass er starb.

Auch die Intelligenz von Tieren wurde deshalb im alten Israel total überschätzt. Deshalb können sich auch göttliche Mächte der Tiere zur Übermittlung von Botschaften bedienen. Siehe die Schlange im Paradies oder den Esel in 4. Moses 22:28.

Ijob 38,36
Wer verlieh dem Ibis Weisheit, oder wer gab Einsicht dem Hahn?

Auch die stellvertretende Sühneleistung, wobei man Tiere als Blutopfer dargebrachte, war nur möglich, weil man Tiere als annähernd gleichwertige Partner betrachtete.

In christlicher Zeit wurde die Bedeutung des Menschen herausgestellt. Da galten dann Tiere als seelenlose Wesen, nur mit einem Instinkt ausgestattet, der es ihnen erlaubt nach einem Reiz-Reaktionsschema zu handeln. Gerade ältere katholischen Theologen sehen dies auch heute noch so (2004), denn wenn man Tieren einen Verstand und einen Charakter zubilligt, dann sind sie nicht nur willenlose Geschöpfe, sondern können bösartig sein und damit auch Sünden begehen. Das Sühneopfer, das mit dem Tod von Jesus dargebracht wurde, gilt jedoch nur für menschliche Sünden.

Die philosophischen Konzepte der Antike gehen alle von der makroskopischen Sicht der Natur aus. Es gibt aber eine makroskopische Betrachtungsweise und eine mikroskopische. Die Neurologie / Physik / Chemie liefern uns die mikroskopische Betrachtungsweise.

Beispiel: Ein Ziegelstein ist aus makroskopischer Sicht ein starres Gebilde. Aus makroskopischer Sicht liegt er ruhig da. Es ist keine Bewegung feststellbar. Mikroskopisch betrachtet gibt es die Wärmebewegung der Moleküle des Ziegelsteins, es gibt die Verdunstung von Wasser... Aber das wird makroskopisch nicht sichtbar, weil sich dies im statistischen Mittel aufhebt.

Das Bewusstsein ist nur ein kleiner Teilbereich unser geistigen / neuronalen Aktivität. In unserer makroskopischen Sicht ist dieser Teilbereich aber alles. Wenn wir jedoch das System von außen mikroskopisch betrachten, sehen wir eben, dass wir keine einzige Nervenzelle bewusst adressieren können. In unserem Bewusstsein / Innenansicht taucht sie nicht auf. Wir merken gar nicht, dass synchron zu unserem Denken Nervensignale im Gehirn ausgetauscht werden und wenn wir etwa mit Drogen oder elektrischen Sonden in diese Prozesse eingreifen, dann verändert sich unser Bewusstsein.

Die antiken philosophischen Konzepte zum Thema Geist definieren den Geist als materiell unabhängige, aber der Materie übergeordnete Kraft. Auch Jesus hat dies so verkündet.

Matthäus 10,28

Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.

Mit der Behauptung, der Geist sei das höhere Prinzip, ist die Ursache Wirkungsbeziehung festgelegt als eine Art Einbahnstraße. Konsequent weitergedacht ist es danach sinnlos nach einem chemischen Mittel zu suchen, das einen Menschen in Narkose versetzt. Hätte man dieses philosophische Konzept in der Naturwissenschaft nicht aufgegeben, wäre man nie zu praktischen Lösungen in der Neurologie gekommen. Wenn wir den Geist nicht mit der Materie gleich setzen, dann müssen wir wenigstens von einer Wechselwirkung des Geistes mit der Materie ausgehen, denn wie sollten sonst die Nervensignale von den Sinnesorganen in unserem Bewusstsein wirksam werden.

Wenn man den Geist als Naturprinzip betrachtet, er gehört ja zu unserer menschlichen Natur, dann ist auch nicht einzusehen, warum dieses Naturprinzip höher eingestuft werden soll. Das wäre so, wie wenn ich die Gravitation höher einstufen würde als die elektrische Ladung. Man hat hier bei der philosophischen Konzeption menschliche soziale Beziehungen, nämlich die hierarchische Ordnung menschlicher Gesellschaften,  auf Naturprinzipien übertragen.

 

Wie entstehen Informationen?

Der folgende Scherz zeigt wie interpretationsabhängig Information ist:

Der deutsche Bundeskanzler Schröder reist nach New York. Seine Berater warnen ihn vor den cleveren amerikanischen Journalisten. Schröder winkt nur selbstsicher ab.

Am Airport angekommen, stürzt sich sofort ein Pulk Journalisten auf ihn. Einer fragt:
"Werden sie hier Striptease-Bars besuchen?"

Schröder überlegt und meint süffisant:
"Gibt es hier Striptease-Bars?"

Am nächsten Tag im Hotel liest er die Schlagzeile:
"Erste Frage von Schröder nach Ankunft in N.Y: 'Gibt es hier Striptease-Bars?'"

Seit der Entschlüsselung des genetischen Kodes ist klar, dass diese Molekülkette aus nur vier unterschiedlichen Bausteinen wie ein Informationsspeicher genutzt wird, auch wenn nur ein kleiner Teil tatsächlich in dieser Weise genutzt wird, denn zwischen den einzelnen Genen ist jede Menge unsinniger Kode. Aber erst wenn diese Molekülkette gelesen / interpretiert wird, handelt es sich um eine Information. Diese Arbeit leisten Ribonukleinsäuren. Bis dahin ist die DNS nur ein Kettenmolekül und ein Buch nur bedrucktes Papier.

Ein anderes Beispiel für ein Information verarbeitendes System ist der Computer. Wer heute einen Computer im Schach schlagen will, muss schon ein guter Schachspieler sein. Computern kann man heute eine gewisse Intelligenz nicht mehr absprechen. Freilich ist diese Intelligenz noch auf wenige Spezialgebiete beschränkt.

Was sind die philosophischen Konsequenzen, die daraus gezogen werden müssen? Wie entstehen Informationen, wie entsteht der Stoff aus dem die Träume sind? Können Computer jemals ein eigenes Bewusstsein erlangen oder ist der Denkansatz der Informatiker nicht doch zu mechanistisch?

Mit Ausnahme unserer Gefühle besteht der Inhalt unserer Gedanken aus Worten, Bildern und anderen Informationen, die wir über unsere Sinnesorgane eingefangen haben. Wir interpretieren Lautfolgen als Worte und Sätze. Wir weisen diesen Lautfolgen also eine bestimmte Bedeutung zu. Diese Informationen lassen sich heute auf einem Computer speichern. Auch die zur Verarbeitung dieser Daten notwendige Logik lässt sich als Computerprogramm darstellen. Wie ist das möglich? Sind Informationen nicht immaterieller Natur?

Um diese immaterielle Natur der Information zu verstehen und um zu verstehen, wie diese immaterielle Welt mit der materiellen zusammenhängt, müssen wir erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass Materie nicht nur aus fester Substanz besteht, sondern dass Materie immaterielle Komponenten hat, ihre Eigenschaften.

Eine Eigenschaft entsteht, wenn Teile eines autonomen Systems zusammenwirken. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. So entstehen zum Beispiel die spezifischen Eigenschaften des Wassers durch die molekulare Verbindung der Atome Wasserstoff und Sauerstoff zu H2O. Die drei Atome agieren nun im Verbund. Dadurch ändert sich ihre Dynamik. In diesem Verbund haben sie andere chemische Eigenschaften, andere physikalische Eigenschaften. Wasser ist bei Zimmertemperatur flüssig, Wasserstoff und Sauerstoff, die nicht in diesem Verbund agieren sind gasförmig. Die immaterielle Komponente, die Eigenschaft, entsteht durch die neue Dynamik und durch die andere Form. Sie ist nur temporär vorhanden, solange diese Teile in diesem Verbund agieren. Dieses Entstehen der Eigenschaft bezeichnet man auch als Emergenz (vom englischen emerge = hervorkommen, auftauchen, sich abzeichnen).

Beim Entstehen der Informationseigenschaft ist dies ganz ähnlich. Nur stehen hier die Teile des Systems zueinander in einer logischen Beziehung, zum Beispiel in einer bestimmten Anordnung. Eine solche Struktur ist mit einem Bewertungssystem interpretierbar. Wird das Bewertungssystem darauf angesetzt, erhält es zum Beispiel diese Struktur als Reaktionspartner in einem chemischen Prozess, dann kommt es zu einer Reaktion. Es wird eine Aktion ausgeführt. Dies ermöglicht es dann einem größeren System unterschiedliche Aktionen auszuführen, in Abhängigkeit einer wenn ---> dann Beziehung.

Die Wirkung der Teile ist physikalischer Natur. Die Interpretation der Anordnung der Teile ist logischer Natur. Die Dynamik verbindet beides zu spezifischen Wirkungen / Bedeutungen / Eigenschaften.

Beispiel: Manche kennen vielleicht noch die Funktionsweise jener Geldsortierautomaten, die bei manchen Kaufhauskassen standen. Das Geld wurde in einen Trichter geworfen, in dem sich eine Scheibe mit kreisrunden Löchern drehte. Die Geldstücke fielen dann in eine schräg angebrachte Rille, in der der Reihe nach mehrere Schlitze angebracht waren. Zuerst der Schlitz für das kleinste Geldstück, dann für das nächst größere u.s.w. Komplizierter aufgebaute Automaten enthielten zusätzlich noch eine Sortierung nach Gewicht.

Nun wird natürlich jeder sagen: Das ist ein rein mechanischer Vorgang, der nichts mit Informationsverarbeitung zu tun hat.

Betrachten wir nun einen hochmodernen Sortierautomaten, bei dem die Größe und das Gewicht des Geldstücks in ein elektronisches Signal umgesetzt werden. Dieses Signal wird nun zur Steuerung des Automaten eingesetzt. Wenn nur die 5 Markstücke aussortiert werden sollen, so genügt es, dass der Automat feststellt, es war ein 5 Markstück oder es war kein 5 Markstück. Es genügt also eine Ja/Nein Entscheidung oder in der Fachsprache der Informatiker ein Bit, um die Information darzustellen. Bit, die Abkürzung für das englische "binary digit" (Binärzahl), hat per Konvention den Wert 0 oder 1. Der Wert selbst ist unwesentlich. Statt einer einzelnen 0 oder 1 kann hier auch eine längere Zahlenfolge stehen. Wesentlich ist nur welche Bedeutung später diesem Wert zugewiesen wird.

Was ist nun der Unterschied zu dem rein mechanischen Sortierautomaten. Bei dem zuerst betrachteten mechanischen Automaten ist es noch ein rein gesetzmäßiger leicht zu durchschauender Vorgang. Beim zweiten Automaten löst der Einwurf des Geldstücks einen komplexen Vorgang aus, der erst einmal zur Erzeugung eines Signals führt. Der Automat interpretiert also den Gegenstand, der ihm angeboten wird, und erzeugt ein Signal, dem dann bei der weiteren Verarbeitung des Signals eine bestimmte Bedeutung, ein Wert / eine Aktion zugewiesen wird. Dieser Wert dient dann zur Steuerung des Automaten. Der Gegenstand ist vom Automaten erst einmal durch ein Symbol, einen Wert, ersetzt worden. Obwohl der Automat über kein eigenes Bewusstsein verfügt, findet hier doch eine Informationsverarbeitung statt. Was wir hier sehen, sind die Grundzüge jeder Informationsverarbeitung.  Ein Input (Signal) erzeugt einen Output (Signal oder Aktion).

Die Information ergibt sich aus der Zuordnungsvorschrift, einer Folge von Ja/Nein Entscheidungen, die im Interpretationssystem erzeugt werden und schließlich in eine Aktion umgesetzt werden. Was bei dem Interpretationsvorgang geschieht, kann beliebig komplex sein, dies ist nicht mehr nur vom angebotenen Gegenstand abhängig, sondern in erster Linie vom Interpretationssystem. Das Interpretationssystem ist sozusagen eine black box, in der ein hoch komplexer Vorgang ablaufen kann oder ein ganz simpler. Das Ergebnis kann das gleiche sein.

Das Ganze läuft ab wie ein Rechenvorgang, der ebenfalls durchaus unterschiedlich gestaltet sein kann, und trotzdem zum selben Ergebnis führt. Ein Beispiel hierfür ist die Multiplikation zweier Zahlen.

Wir multiplizieren zwei Zahlen, so wie unten  dargestellt. Die alten Ägypter multiplizierten zwei Zahlen auf folgende Weise:

123 * 23

------------

246

0369

-----------

2829

123 *

246

492

984

1968

-------

2829

 

23

11

5

2

1

 

  

 

Rechts fortgesetzte Halbierung, links fortgesetzte Verdopplung. Wegstreichen des Summanden links, wenn rechts die Halbierung aufgeht. Quelle: Algorithmen, Strukturen, Maschinen, Prof. Bauer naturwissenschaftliche Rundschau Heft 2 / 1989

Aber was bewegt sich eigentlich in dieser black box. Der Gegenstand ist nur durch bewegte Elektronen ersetzt worden. Genau betrachtet, ist es immer noch ein rein mechanischer Vorgang. Betrachtet man bei dem mechanischen Sortierautomaten das sich bewegende Geldstück selbst als Signal und die Vorrichtung zum Sortieren als Interpretationssystem, so haben wir auch hier eine Informationsverarbeitung. Es hängt also nur von unserer Betrachtungsweise ab, ob es sich um eine Informationsverarbeitung handelt oder um einen rein mechanischen Vorgang. Die Materie erscheint hier ambivalent.

Die Voraussetzungen für diese Wechselspiel der Kräfte liegen in den Eigenschaften der Materie begründet. Materie, gleichgültig wie sie geformt ist, besitzt die Eigenschaft diffus einströmende Energie zu verändern und für eine Eigenbewegung zu nutzen. Materie besitzt also die Eigenschaft eines Schalters. Eine Vielzahl unterschiedlicher Schalter aneinander gereiht ergeben ein Bewertungssystem mit eigenen Eigenschaften. Jedes Bewertungssystem interpretiert Signale aus der Umwelt in der ihm eigenen Weise.

Das Interpretationssystem ist nur das Wegenetz für das Signal. Nur handelt es sich hierbei nicht immer um ein starres Wegenetz, sondern um Schleusen, die in Abhängigkeit von der Signalfolge und vom jeweils letzten Zustand des Interpretationssystems mal geöffnet und mal geschlossen werden. Ein Signal kann also auch das Interpretationssystem verändern. Es kann die Struktur des Interpretationssystems verändern. Auf diese Weise manifestieren sich Signale (Wissen) in der Struktur des Interpretationssystems.

Gleichzeitig wird das Signal durch das Interpretationssystem transformiert. Die Art des Signals und der augenblickliche Zustand des Interpretationssystems bestimmen den Weg und letztendlich auch das Ziel, das Ergebnis oder die Aktion.

Nun kann man einwenden, dass einige Schalter, die zufällig zu einem Bewertungssystem zusammengesetzt werden noch zu keiner sinnvollen Aktion führen. Es lässt sich jedoch zeigen, dass die Wiederholung eines beliebigen Bewertungssystems in jedem Fall zu einem rhythmischen Vorgang führt (siehe hierzu den Link Evolution und dort das Kapitel "Das Spiel mit der Wahrscheinlichkeit"). Und viele unserer lebenserhaltenden Funktionen, wie Atmung, Herzschlag, Schlafbedürfnis u.s.w., sind aus solchen rhythmischen Funktionen zusammengesetzt.

Es gibt mehrere Indizien dafür, dass unser Geist materiellen Einflüssen unterliegt. Wir können zum Beispiel unsere Gedanken im bewussten Zustand nicht stoppen. Wir können höchstens unsere Gedanken auf einen Punkt konzentrieren und sie um diesen Punkt kreisen lassen. Wir können eine Narkose nicht ignorieren - auch ein trainierter Yogi kann dies nicht mit Eigensuggestion erreichen, wenn er kurz vor der Narkose einen Dauerlauf gemacht hat -, ebenso können wir uns auch der Wirkung anderer Drogen nicht entziehen. Wir können höchstens durch Einnahme eines Gegenmittels die Wirkung dämpfen. Wir können nicht grenzenlos wach bleiben. Selbst wenn wir Aufputschmittel nehmen, führt dies irgendwann zum Zusammenbruch. Wir können uns unsere Träume nicht aussuchen. Träume werden überwiegend vom Tagesgeschehen bestimmt. Ich kann mich natürlich bis zu einem gewissen Grad von Informationen abschotten, dann werden sich auch meine Träume ändern (habe ich selbst schon erlebt, dauert allerdings bis die Wirkung eintritt ca 2 Jahre). Ein Schlaganfall oder Hirnverletzungen haben immer auch Einfluss auf unser Denken und Fühlen. Materie hat in diesen Fällen einen gestaltenden Einfluss auf unsere geistige Existenz. Sie formt die geistige Existenz.  Die Information wird also unserer geistigen Existenz nicht nur ausgelesen. Es liegt also der Schluss nahe, dass die Materie auch ursächlich am Zustandekommen dieser geistigen Existenz beteiligt ist.

Aber es wäre falsch Materie mit Geist gleichzusetzen. Den sichtbaren Teil der Materie kann man lokalisieren, greifen, verschieben. Ein Gedanke leuchtet dagegen nur temporär in unserem Bewusstsein auf, weil er in einem dynamischen Prozess gebildet wird. Man kann ihn also nicht wie ein Objekt behandeln, sondern man kann höchstens in den Prozess eingreifen (z. B. durch Verabreichung einer Narkose, durch Übermittlung von verbaler Information). Deshalb kann man auch Materie nicht mit Geist gleichsetzen, denn dann würde man Objekte mit der Wirkung eines dynamischen Prozesses gleichsetzen.

Betrachten wir, wie es dazu gekommen ist. Generell muss alles, was auf eine lebende Zelle einwirkt, sei es nun ein Lichtstrahl, der eine photochemische Reaktion auslöst oder irgend eine chemische Verbindung, die in die Zelle gelangt, irgendwie verarbeitet werden. Es gibt nun mehrere Möglichkeiten auf ein molekulares Signal zu reagieren.

  1. Es werden Abwehrmechanismen eingeleitet, die die chemische Verbindung gar nicht erst in die Zelle gelangen lassen oder sie chemisch neutralisieren. Jede Zelle besitzt ja eine hoch komplizierte Membran, die nur bestimmte chemische Verbindungen in die Zelle gelangen lässt.

  2. Die Zelle verwendet die chemische Verbindung als Nahrung. Wobei jedes Molekül, das in die Zelle gelangt, erst einmal das Risiko beinhaltet, dass es zerstörerisch wirken kann.

  3. Die chemische Verbindung wird zur Steuerung des Organismus oder seines Stoffwechsels verwendet. In diesem Fall wirkt die Verbindung wie ein Schalter, der eine Bewegungsaktion auslöst oder die Zelle veranlasst eine Signalsubstanz abzugeben, ein Schalter, der ein chemisches Programm aktiviert.

Die Zelle muss in jedem Fall eine Antwort auf ein Signal haben. Am besten eine Antwort, die sie selbst am Leben hält.

Das Signal ist also wie ein Sonnenstrahl, der, wenn er auf das Blatt einer Pflanze trifft, dort zu einer Photosynthese führt, wenn er jedoch von einem Gegenstand reflektiert wird und das menschliche Auge erreicht, dient er uns zum Erkennen unserer Umwelt.

Das Gehirn hat nun seinerseits das Problem qualitativ unterschiedliche Signale wie Lichtsignale, Schallschwingungen, chemische Signale zu strukturieren. Um sie nutzen zu können, baut das Gehirn eigene Welten auf, die Welt des Lichts, die Welt der Töne, die Welt des Geruchs . . .

Um diese Welten wiederum nutzbar zu machen, müssen sie in einer Welt zusammengeführt werden, einer Welt, die wir Bewusstsein nennen. Dazu haben sich Formen der Kommunikation zwischen den einzelnen Bewusstseinzentren entwickelt, die sich von unserer Alltagskommunikation fundmental unterscheiden. Unsere Fähigkeit über eine Sachverhalt nachdenken zu können, darüber zu reflektieren, beruht auf dieser Kommunikation der Bewusstseinszentren. Wir empfinden uns zwar als Individuum, als ein Ganzes, aber unser Bewusstsein ist nicht immer der aktive Teil des Gehirns. Wir können z. B. durch Lärm aufwachen. D. h. das Hörzentrum aktiviert in diesem Fall das Bewusstsein. Wir sind auch in der Lage mehrere Aktionen gleichzeitig auszuführen. Wir können lesen und gleichzeitig dabei reden und mit den Armen und dem Gesicht gestikulieren.

Die Welt, die in unserer Vorstellung, unserem Bewusstsein existiert, ist eine sich ständig wandelnde Welt mit immer neuen Bildern. Diese Gedankenwelt ändert sich mit unseren Gedanken. Sie ist daher auch eine Welt, die individuell verschieden ist und außerdem, wie oben gezeigt wurde, materiellen Einflüssen unterliegt. Das wird i. a. übersehen, wenn wir diese Welt verselbständigen in eine geistige Welt, in der dann sowohl wir als auch unsere Mitmenschen leben.

Woher kommt nun die Energie für diesen Prozess? Diese Repräsentation der Information als materielle Struktur erfordert immer auch einen Energieübertrag bei einem Informationsübertrag, denn bei einer Änderung der Struktur ändert sich der Energieinhalt des Materiesystems (physikalische Erhaltungssätze). Die winzige Energie eines Sonnenstrahls reicht aus, um in uns eine Kettenreaktion auszulösen. Sie reicht deshalb aus, weil unserer Organismus durch die aufgenommene Nahrung über eine stattliche Eigenenergie verfügt, die nun in Bewegung umgesetzt wird oder auch nicht.

Auf diese Weise kann man selbst der Amöbe oder sogar einem Molekülsystem eine gewisse Erkenntnisfähigkeit bescheinigen. Kritiker meinen deshalb auch, dass man in diesem Zusammenhang noch nicht von evolutionärer Erkenntnistheorie sprechen kann, sondern nur von evolutionärer Informationstheorie.  Dieser Einwand ist insoweit berechtigt, als diese Form der Erkenntnisgewinnung nur den Erkenntnisgewinn mit Hilfe logischer Funktionen beschreibt. Die von uns empfundenen unterschiedlichen Qualitäten wie Töne, Farben, Schmerz werden damit allein nicht erklärt. Sie lassen sich aber, wie später noch gezeigt wird, als Innenansicht von Emergenz-Erscheinungen erklären.

Sokrates ging über den Markt und sagte wie viele Dinge gibt es doch, die wir nicht brauchen.

Ein anderer Einwand rührt aus der eigenen Erfahrung. Unserer Empfindung nach sind wir ein unteilbares Individuum mit einem freien Willen. Aber wie frei sind wir wirklich, wenn wir die schwer messbaren Einflüsse des Unbewussten, der Werbung und des aufgenommenen Wissens berücksichtigen? Wenn wir wirklich frei und damit auch unberechenbar wären, wäre die Psychologie als Wissenschaft nicht möglich, denn Wissenschaft gibt es nur, wenn Regeln aufgestellt werden können und diese Regeln Vorhersagen erlauben, die sich zumindest statistisch verifizieren lassen.

Berechenbarkeit ist die Voraussetzung, um eine zwischenmenschliche Vertrauensbasis aufbauen zu können. Das Vertrauen in die Psychologie als Wissenschaft wird heute gerechtfertigt durch die Erfolge der Werbebranche.

Den Einfluss der Werbung auf uns selbst erkennen wir, wenn wir einmal alles streichen, was wir lediglich deshalb glauben, weil uns dies in unserer Kindheit eingetrichtert worden ist oder weil es andere glauben. Jeder religiöse Glaube wird durch Werbung verbreitet. Man wird hier aufgefordert etwas zu glauben, was nicht überprüfbar ist. Geködert mit dem Versprechen ewig zu leben. Haben Sie sich schon mal überlegt, dass sie mit diesem Verhalten möglicherweise das Gedankengut eines geschickten Betrügers noch weit über seinen Tod hinaus verbreiten? Den Einfluss der Werbung erkennen wir auch beim Einkaufen. Es gelingt einem nur selten, nur das einzukaufen, was auf dem Einkaufszettel steht. Es fällt einem im Supermarkt immer noch etwas ein, was man noch kaufen muss. Und die angeblich  günstigen Sonderangebote nimmt man dann auch noch mit.

Machen wir uns also nichts vor: Wir sind ein informations- und triebgesteuertes Lebewesen. Wir haben lediglich die Freiheit auswählen zu können, was wir lesen, mit wem wir reden und was wir davon annehmen. Alles, was wir annehmen wird unsere zukünftigen Entscheidungen beeinflussen. Wir müssen also anhand gewisser Wahrheitskriterien prüfen, was wir annehmen. Und da zeigt sich, dass religiös geprägte Menschen andere Wahrheitskriterien zugrunde legen als naturwissenschaftlich Geprägte. Ich bin auf die Schiene der Religionskritik gelangt, als ich mit Zeugen Jehovas diskutiert habe und sie ursprünglich von meinem damals evangelischen Glauben überzeugen wollte.

Durch kindliche Prägung stark religiös geprägte Menschen haben außerdem Angst vor den Konsequenzen, wenn sie die Kirche verlassen. Wenn sie ihren Glauben verlieren, so hat man sie gelehrt, dann verlieren sie ihr ewiges Leben. Das war auch für mich ein Hindernis. Aber für mich zählt Ehrlichkeit mehr als Autoritätsgläubigkeit. Und ich kann nun mal nicht erkennen, dass es einen Gott gibt. Mehr zum Thema freier Wille . . .


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