Dimensionen des Geistes

Teil 2


Textmarken: Die Sinnzuweisung,    Minimalvoraussetzungen für das Bewußtsein,    Die Fähigkeit zu unterscheiden - das Urteilsvermögen,    Die Entwicklung geistiger Fähigkeiten,    Denken in Kategorien, Unser genetisches Erbe,    Die Anpassung genetischer Programme,    Selbstorganisation,    Mit dem Partner kam die Sprache,    Die Synchronisation der Sprache,    Warum ist ein Ameisenstaat nicht so intelligent wie ein Mensch?


 

Die Sinnzuweisung

Das Interpretationssystem / das Gehirn ist es, das der Signalfolge der Nervenzellen eine bestimmte Bedeutung zuweist, einen Sinn verleiht. Nehmen wir als Signalfolge einen Satz, so ist die Interpretation dieses Satzes, die Sinnzuweisung für diesen Satz. Eine Sinnzuweisung, die durchaus unterschiedlich ausfallen kann. Nehmen wir die Formel x2 + y2 = r2. Jemand, der auf der Schule ein wenig Mathematik gelernt hat, erkennt die Formel als Formel für einen Kreis mit dem Radius r. Ein Kind, das eben Schreiben und Lesen gelernt hat, wird diese Formel bereits anders lesen. Es wird sie als x kleine 2 Kreuz y kleine 2 Doppelstrich r kleine 2 lesen. Ein Analphabet wird das Geschriebene vielleicht als magisches Symbol betrachten oder als sinnloses Gekritzel, dem er keinerlei Bedeutung zuweisen kann.

 

Minimalvoraussetzungen für Bewußtsein

Die spezifische Sinnzuweisung ist abhängig vom gespeicherten Wissen des Individuums, demnach abhängig von der Struktur des Individuums, der Beschaffenheit des Individuums, wie oben bereits gezeigt wurde.

Signale würden einem Bewertungssystem erst dann als Sinnzuweisung bewust werden, wenn es daran gehen könnte, die aus den eigenen Handlungen resultierenden Signale rückblickend zu bewerten und wenn es daraus die Schlußfolgerung ziehen könnte, daß es sich hierbei um eine Eigenleistung gehandelt hat.

Die minimalen Voraussetzungen für eine Maschine mit Bewusstsein sind ein Gedächtnis, in dem alles gespeichert werden kann, was um und auch teilweise, was in der Maschine vorgeht. Erst wenn das Bewertungssystem rückblickend diese Vorgänge bewertet, daraus Schlussfolgerungen zieht und somit die gespeicherten Informationen bewußt macht, entsteht Bewusstsein. Bewusstsein entsteht sozusagen aus einem Rückkopplungsprozess. Das Wesen erkennt sich selbst als Ursache im Gesamtsystem und kalkuliert seine Eigenbewegung mit ein. Über ein derartiges Minimalbewusstsein verfügen auch viele Tiere. Wenn Tiere ihr eigenes Handeln nicht erkennen würden, würden sie einen Fehler immer wiederholen. Jeder Lernvorgang setzt voraus, dass ich erkenne, dass ich selbst es bin, der sein Verhalten ändern muss und nicht die sich ebenfalls bewegende Umwelt. Das Einsammeln von Beute und Nahrung setzt voraus, dass Bewegungen koordiniert werden und Eigenbewegungen einkalkuliert werden.

Ohne unser Gedächtnis müssten wir jede Situation aufgrund eines Bildes, eines Tons, eines Geruchs, einer Tastempfindung neu bewerten. Aber jede Bewertung setzt Wissen voraus. Wir hätten dann nur die genetisch ererbten und durch Mutationen veränderten Verhaltensmuster zur Verfügung. Der Wissenserwerb würde sich im generationsweise voranschreitenden Wandel vollziehen. Anhand einer Momentaufnahme ist keine Dynamik erkennbar. Wenn uns jemand einen Ball zuwirft, würden wir anhand eines Einzelbildes nicht erkennen, dass sich der Ball auf uns zu bewegt, wir würden nicht einmal erkennen, dass er sich bewegt. Wir wüssten auch nicht, wer den Ball geworfen hat. Im Verhaltensprogramm wäre nur die Anweisung verdrahtet, dass ein frei schwebendes Objekt ab einer gewissen Größe und Form, das nahe über oder neben uns ist, eine Gefahr darstellt. Maßnahme ausweichen! Anhand des Geruchs, der Größe, der Form könnten wir noch feststellen, ob das Objekt uns freundlich oder feindlich gesinnt ist oder ob es vielleicht als Nahrung zu verwerten ist, ob es ein Partner ist. Das Verhaltensprogramm warnt uns auch davor uns selbst als Nahrungsquelle zu betrachten.

 

Die Fähigkeit zu unterscheiden - Das Urteilsvermögen

Betrachten wir noch einmal den Geldsortierautomaten. Wenn der Automat den angebotenen Gegenstand annimmt, nimmt er ihn entweder als Geldstück an oder er weist ihn ab, je nachdem, welche Folge von Ja / Nein Entscheidungen im Automaten abgelaufen ist. Um alle Geldstücke richtig unterscheiden zu können ist, eine gewisse Mindestanzahl von Ja/Nein Entscheidungen erforderlich. Wenn jede Ja/Nein Entscheidung tatsächlich von einer spezifischen Eigenschaft des Geldstücks abhängt (z. B. Gewicht, Größe, Form, Gravierung u. s. w.), dann steigt das Urteilsvermögen des Automaten mit der Zahl der Ja/Nein Entscheidungen. Andernfalls kann der Interpretationsprozeß verkürzt werden, ohne daß dies Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Automaten hat. Der Interpretationsprozeß enthält in diesem Fall Redundanzen.

Mit jeder Ja/Nein Entscheidung wird sozusagen eine Klassenzuordnung getroffen. Jede Meldung wird einer ganz bestimmten Kategorie zugeordnet.

 

Die Entwicklung geistiger Fähigkeiten

Wir müssen davon ausgehen, dass sich alle Lebewesen, die heute existieren, im Wettbewerb der Evolution qualifiziert haben. Warum haben nun aber eine ganze Reihe von Lebewesen nämlich die Pflanzen, die Bakterien, die Pilze ... kein Nervensystem entwickelt und trotzdem überlebt?

Würde einer Pflanze ein Nervensystem überhaupt etwas nützen? Eine Pflanze ist ortfest. Das heißt sie gewinnt ihre Nahrung zum einen aus dem Boden auf dem sie wächst und zum anderen durch die Photosynthese.  

Da Pflanzen während ihres Lebens ortsfest sind, haben sie im wesentlichen Anpassungsstrategien entwickelt. Anpassung gegen Kälte, gegen Trockenheit, gegen zu viel Feuchtigkeit, gegen Fressfeinde (durch Pflanzengifte), gegen Krankheitserreger, gegen Lichtmangel. Aber da sie ortsfest sind, genügt es wenn diese Strategien über das Wachstum realisiert werden. Eine Pflanze bewegt sich auch kaum. Es gibt da nur wenige Ausnahmen, wie etwa die Ausrichtung nach dem Licht, die Bewegung von Pflanzenranken, das reflexartige Schließen der Venus-Fliegenfalle oder die ebenfalls reflexartigen Bewegungen der Blätter von Mimosen. Dies kann über einen lokalen Flüssigkeitsaustausch realisiert werden. Die Nahrung, die Pflanzen zu sich nehmen ist i. a. auch nicht sehr energiereich. Ein Nervenzentrum würde zusätzlich Energie verbrauchen, aber kaum etwas nützen.

Bakterien haben einen Lebensraum, in dem sie zwar allen möglichen Gefahren ausgesetzt sind, aber sie überleben, durch ihre Genügsamkeit und ihre gewaltige Reproduktionsrate.

Tiere haben sich dagegen darauf spezialisiert bereits vorhandene Organismen als Nahrung zu nutzen, eine Nahrung, die weniger aufbereitet werden muss und zum Teil auch wesentlich energiereicher ist. Aber diese Nahrungsspezialisierung hat auch Nachteile, nämlich dann wenn diese Nahrung an einem Ort aufgebraucht ist. Wenn dieses Tier inmitten eines Algenteppichs schwimmt, den es als Nahrung verwertet, braucht es sich nicht weit und auch kaum Ziel gerichtet bewegen, um zum nächsten Algenblatt zu kommen. Um sich fortzubewegen genügt es in diesem Fall, wenn das Tier eine beliebige Bewegung wiederholt. Es entsteht dabei immer eine rhythmische Bewegung, bei einem kurzen Bewegungsablauf immer eine Art Schlangenlinie (siehe hierzu auf meiner Homepage das Java-Programm unter dem Link Evolution, Kapitel „Das Spiel mit der Wahrscheinlichkeit“)

Wenn es nun ein Hindernis trifft, dann könnte es warten bis es durch eine Bewegung im Wasser in eine andere Position kommt. Aber es könnte auch das Signal, das durch die Berührung entsteht, umsetzen in eine andere Bewegungsrichtung. Dafür braucht ein Bakterium noch kein Nervensystem, aber wir haben hier bereits die Grundzüge jeder Informationsverarbeitung.  Ein Input (Signal) erzeugt einen Output (Signal oder Aktion).

Fazit:

Die Entwicklung geistiger Fähigkeiten ist nicht zwingend, aber die intelligente Auswertung von Signalen aus der Umwelt kann eine von mehreren möglichen Überlebensstrategien sein. Sie ist einer der Wege, die ein Evolutionsprozess nehmen kann. Der Evolutionsprozess lotet die Möglichkeiten, die unterschiedlichen Nischen eines Lebensraums aus.

Wenn die Evolution das Ziel verfolgen würde, zum Beispiel eine nach menschlichen Kategorien ethisch gute Lebensform zu schaffen, dann würde es nur diese Lebensformen und deren Symbionten geben, die sich kontinuierlich weiterentwickelt würden. Das entspricht jedoch nicht der Realität.

 

Das Denken in Kategorien

Da das Denken in festen Kategorien schon relativ einfach realisiert werden kann, findet man es auch sehr häufig im Tierreich.

Erste Anzeichen für Entscheidungsprozesse finden sich schon bei Bakterien, die sich mit Flimmerhärchen oder Geißeln fortbewegen können. Erst mit dieser Fähigkeit wurde es auch notwendig Mechanismen zu entwickeln, die sicherstellen, daß sich das Bakterium nicht in eine lebensbedrohliche Situation begibt.

Wenn es sich trotzdem auf sein Verderben zubewegt, dann ist die Evolution dieses Wesens beendet. Es fällt dem Selektionsprozeß zum Opfer. Selektiert werden also nur jene Bakterien, die ein Ziel anvisieren, das überwiegend der Arterhaltung dient oder zumindest der Arterhaltung nicht entgegensteht.

Bereits 1880, also vor mehr als 100 Jahren hatte der deutsche Botaniker Wilhelm Pfeffer beobachtet, daß Bakterien sich von bestimmten chemischen Stoffen anlocken lassen. Diese Fähigkeit der Bakterien, auf bestimmte Stoffe zuzuschwimmen beziehungsweise sich von anderen Stoffen wegzubewegen wird als Chemotaxis bezeichnet. Die Chemotaxis wurde zwischen 1880 und 1921 intensiv untersucht, fiel dann aber fast in Vergessenheit. Erst 1960 befaßte sich der Forscher Julius Adler erneut mit der Chemotaxis. Er fand heraus, daß die meisten "anziehenden" Stoffe, etwa Zucker und Aminosäuren, Nährstoffcharakter für die Bakterien haben, "abweisende" Substanzen dagegen sind meist schädlich für die Mikroorganismen. Je mehr Stoffe Adler untersuchte, um so klarer wurde ihm jedoch, daß nicht alle positiven chemotaktischen Stoffe für die Bakterien nützlich und nicht alle negativen chemotaktischen Stoffe schädlich sind. Adler fand heraus, daß bestimmte in der Bakterienoberfläche verankerte Rezeptoren darüber entscheiden, ob ein Stoff eine anziehende Wirkung hat oder nicht. Bislang sind gut 20 verschiedene Chemosensoren bei dem Bakterium Escherichia Coli bekannt. Dieses Prinzip des Rezeptors, der in der Zelle eine Kettenreaktion auslöst, sodaß diese ein Signal abgibt, gilt auch für unsere Geruchs- und Geschmacksnerven.

Rezeptoren können die angebotenen Stoffe nur in zwei Kategorien einteilen. Nur bestimmte Merkmale einer Substanz führen zur Auslösung des Signals. Substanzen mit ähnlichen Merkmalen, die darüber hinaus noch weitere Eigenschaften besitzen führen genauso zur Auslösung des Signals. Eine Analyse, der angebotenen Substanz findet nicht statt und würde auch einen viel höheren Aufwand erfordern. Diese Art der Informationsgewinnung ist also zwangsläufig lückenhaft, ja sogar fehlerhaft.

Die starre Zuweisung zu bestimmten Gefühlen läßt vermuten, daß unser gesamtes sensorisches System, unsere Empfindung für Wärme, Kälte, Durst, Hunger, eine solche Zuordnung zu Kategorien ist. Anders als bei den übrigen Denkvorgängen sind wir hier nicht lernfähig. Gefühle, wie Hunger, Durst oder Präferenzen für ein bestimmtes Geschlecht können wir weder erlernen noch verlernen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch bei lernfähigen Nervenzellen die Lernfähigkeit in dem Maße abnimmt, wie wir erwachsen werden und sie nimmt noch einmal im Alter drastisch ab, wenn in den Wechseljahren die Proteinsynthese abnimmt. Vielleicht war diese Fähigkeit ursprünglich eine Antwort auf die Notwendigkeit zur Anpassung an einen sich ständig wandelnden Lebensraum.

Vielleicht ist es auch gut so, dass wir bestimmte Fähigkeiten nicht mehr verlernen können. Würden wir überlebenswichtige Funktionen wie Hunger oder Durst verlernen, wären wir als Art gefährdet. Andererseits können wir nur, wenn unsere genetischen Karten neu gemischt werden, d. h. im Generationenwechsel, andere sensorische Fähigkeiten entwickeln, und dies ist ein Mangel, der uns in einer zunehmend technisierten Welt zu schaffen macht. So erkennen wir zum Beispiel nur mit Hilfe von Meßgeräten die Gefährlichkeit von Autoabgasen oder die Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung. Hier wird auch deutlich, daß Gefühle kein absoluter Maßstab sind.

Trotzdem sind Gefühle im Laufe der Evolution für uns zu einem Maßstab vor allem für spezifisch menschliches Handeln geworden. Die Gewissensentscheidung oder die Heirat aus Liebe sind zwei Beispiele dafür. Unser ganzes ethisches Wertsystem beruht zu einem großen Teil auf dem gefühlsmäßigen Grundkonsens. Der Selbsterhaltungstrieb begründet den Anspruch auf Leben. Aber wie kommt dieses Phänomen des Selbsterhaltungstriebs, wie kommen Gefühle zustande?

Im Sinne der Evolution ist es sicher von Vorteil für ein Lebewesen, wenn es das tun will, was für das Überleben der Art vorteilhaft ist. Aber wie gelingt es den Lebewesen diese Eigenschaften zu erwerben?

Wie neue Eigenschaften zustande kommen kann man am besten bei chemischen Reaktionen beobachten. Bei der Entstehung neuer Moleküle entstehen auch deren Eigenschaften. Meist ist es die Struktur, aus der sich die neue Eigenschaft ergibt. Kettenmoleküle sorgen z. B. für die Dehnbarkeit einer Substanz. Lockere oder gar keine Verbindungen zwischen den Molekülen ergeben eine Substanz, die flüssig oder gar gasförmig ist. Die Eigenschaften einer Substanz lassen sich vorhersagen. Es sind Systemwirkungen. Hier spielt die Struktur, die Dynamik oder sonstige Eigenschaften der Moleküle eine Rolle. Jedes System hat neben seinen statischen Eigenschaften wie Gewicht und Größe noch eine Fülle anderer Eigenschaften. Je vielfältiger die Wechselwirkungen in einem System sind, um so mannigfaltiger sind die Eigenschaften des Systems. Man kann daher davon ausgehen, daß ein so komplexen System, wie unserer Gehirn, auch zahlreiche Eigenschaften hat. Im Zusammenhang mit dem Auftreten neuer Systemeigenschaften spricht man auch von Emergenz. Konrad Lorenz verwendet hier auch den Ausdruck Fulguration.

Man kann nun hier einwenden: Gefühle sind nicht materieller Natur. Die Beeinflußbarkeit unserer Gefühlswelt durch Psychopharmaka, durch körpereigene Hormone und durch Neurotransmitter sind aber eindeutige Hinweise auf die materiellen Ursachen unserer Gefühlswelt. Gefühle haben also einen ähnlichen Status wie andere nicht materielle Eigenschaften der Materie, etwa die Entfernung zwischen zwei Körpern.

 

Unser genetisches Erbe

Angeboren sind nicht nur unsere sensorischen Fähigkeiten (z. B. das Farbsehen) sondern auch eine ganze Reihe von Reflexen und Verhaltensweisen.

Gibt man einem Baby einen Finger, so klammert es sich daran fest. Streicht man dem Baby über den Handrücken, so öffnet sich die Hand. Hält man die Handfläche an den Mund des Babys, so beginnt es zu saugen. Mit der Zeit befreit sich allerdings das heranwachsende Kind von seinem reflexartigen Verhalten und ersetzt manches durch verstandesmäßige Kontrolle. Der heranwachsende Mensch passt sich weitgehend der Umwelt an. Diese Anpassung betrifft auch zum Teil den sensorischen Bereich.

 

Die Anpassung genetischer Programme

Die Anpassung genetisch festgelegter Programme findet in den ersten Lebensjahren statt. Wenn Kinder bis zu einem Alter von etwa 5 Jahren etwa wegen einer Augenentzündung ein Auge längere Zeit verbunden bekommen, so kann es passieren, daß sich die Sehfähigkeit auf diesem Auge erheblich vermindert. Diese partielle Erblindung ist nervlich bedingt. Verbindungen im Gehirn, die noch nicht gefestigt sind, aber auch nicht benützt werden, werden abgebaut. Ein späterer Aufbau ist dann oft nicht mehr möglich.

Eine solche kritische Phase in der das Sehsystem unter dem Einfluß von Umweltreizen zur vollen Funktionstüchtigkeit ausreift, gibt es auch bei anderen Säugetieren. Bei Katzen dauert die kritische Phase ca drei Monate bei Primaten etwa ein Jahr.

 

Selbstorganisation

Für uns alle scheint es selbstverständlich, daß wir die Dinge aufrecht stehend sehen und nicht auf dem Kopf stehend. Diese Sichtweise ist das Ergebnis eines Selbstorganisationsprozesses, was weitgehend unbekannt ist! Der Nachweis wurde schon Anfang der 50iger Jahre von den Forschern Erismann und Kohler an der Universität Insbruck erbracht. Sie setzten ihren Probanden Prismenbrillen auf. Damit sahen sie nun erst einmal die Welt auf dem Kopf stehen. Nach etwa ein bis zwei Wochen sahen diese Personen jedoch die Welt wieder normal. Das Sehzentrum hatte das Bild um 180 Grad gekippt. Ein Selbstorganisationsprozeß des Sehzentrums hatte dies bewirkt. Zu dieser Selbstorganisation kam es jedoch nur dann, wenn sich die Versuchspersonen in ihrer Umwelt bewegen konnten. Sie mußten Erfahrungen sammeln können. Möglicherweise ist an diesem Selbstorganisationsprozeß das Gleichgewichtszentrum beteiligt. Es könnte auch sein, daß das Sehzentrum in gewisser Weise vorstrukturiert ist.

 

Mit dem Partner kam die Sprache

Wenn viele Individuen auf engem Raum zusammenleben, so bringt dies erst einmal Nachteile, denn die Nahrung ist rasch aufgezehrt und muß entweder kontinuierlich erzeugt werden oder aus einem größeren Umkreis beschafft werden. Erst wenn diese Nachteile durch Vorteile ausgeglichen werden, können sich soziale Verbände entwickeln. 

Damit sich soziale Verbände entwickeln können, müssen auch Artgenossen einwandfrei erkannt werden. Dies ist vor allem bei Insekten nicht immer gegeben. 

Dumme Tiere mag mancher sagen. Aber wer sich einmal überlegt, wie Rassismus und Krieg zustande kommen, der erkennt, wie tierisch das Verhalten mancher unserer Artgenossen ist. Ein hohes Aggressionspotential finden wir  übrigens auch bei Affen. Nur etwa 50% der Affenmännchen erreichen das Erwachsenenalter. Die andere Hälfte stirbt an den Folgen von Gewalt. (Quelle Frans de Waal, Der gute Affe)

Wasserwanzen erkennen ihre Beute - kleine Insekten, die in’s Wasser gefallen sind - an der Frequenz und an der Amplitude der Oberflächenwellen des Wassers. Erwachsene Artgenossen, die sich auf dem Wasser bewegen, erzeugen ein anderes Frequenzspektrum. Wasserwanzenlarven dagegen erzeugen Schwimmwellen, welche den Beutewellen recht ähnlich sind. Die Larven fallen daher manchmal kanibalischen Angriffen ihrer älteren Artgenossen zum Opfer (Umschau 1979 Heft 8).

Der Vorteil sozialer Verbände liegt u. a. in der Arbeitsteilung. Damit aber eine solche Arbeitsteilung in Gang kommen kann bedarf es einer gemeinsamen Sprache.

Erste Ansätze Ansätze für eine Kommunikation mittels chemischer Signale finden sich schon bei Einzellern. Bestimmte Schleimpilze schließen sich bei Nahrungsmangel zusammen und bilden eine Art Organismus. Durch rythmisches Zusammenziehen ihrer Körper bewegen sie sich gemeinsam nach Art eines Wurms fort.

Auch im Ameisenbau dominiert die chemische Kommunikation. Die Ameisenkönigin sendet Duftstoffe aus, die wie Hormone wirken. Kundschafterameisen legen eine Duftspur, wenn sie eine Nahrungsquelle gefunden haben.

Einige Schmetterlingsarten erkennen ihren Geschlechtspartner u. a. an den von den Weibchen abgegebenen Duftmolekülen. Aber hier zeigen sich auch schon die Grenzen dieser Art von Nachrichtenübermittlung. Ein leichter Wind und die Orientierung geht verloren. Diese Art von Nachrichtenübermittlung ist störanfällig. Weiterer Nachteile sind die mangelnde Zielgenauigkeit und die Trägheit mit der sich die Signale ausbreiten. Trotzdem gibt es auch in unserem Organismus diese Art der Informationsübermittlung, etwa in der Form der Ausschüttung des Schwangerschaftshormons.

Bienen teilen ihren Artgenossen Futterquellen entweder in einem Rundtanz, einem Sicheltanz oder in einem sogenannten Schwänzeltanz mit. Diese Art der Kommunikation ist genetisch festgelegt. Sie ist jedoch keineswegs bei allen Bienen exakt gleich. Karl von Frisch, der die Bienensprache entdeckte, fand heraus, daß zwei Bienenarten, die österreichische und die italienische Biene (apis mellifera carnica und apis mellifera linguistica) sich zwar kreuzen lassen und friedlich zusammenleben können, daß sie aber verschiedene Dialekte sprechen. Die italienische Biene verwendet den Schwänzeltanz zur Angabe von Entfernungen über 40 Meter. Die österreichische Biene verwendet dagegen das selbe Signal für eine Entfernung von mindestens 90 Metern. Bei Kreuzungen der beiden Bienenarten wird entweder die italienische Sprache oder die österreichische vererbt.

Vögel warnen ihre Artgenossen durch spezielle Laute vor Feinden. Andere Laute dienen der Partnersuche. Zu ihrem Repertoire der Kommunikation gehören auch Gesten. Ein Repertoire, das zum großen Teil angeboren ist, aber auch zum Teil erlernt wird. Die Fähigkeit Laute nachzuahmen, findet sich bekanntlich bei Papageien und Kanarienvögeln.

Je komplexer der Organismus, desto zahlreicher seine Eigenschaften.

Schimpansen können sogar Symbole zu einfachen Sätzen mit "wenn --> dann" Bedingung zusammenstellen.

Gesten bilden auch die Grundlage unserer Kommunikation. Ein Partner, der ohne jede Körperbewegung spricht, erscheint uns roboterhaft, unberechenbar und gefährlich.

Über alle Kulturgrenzen hinweg wird Lachen als Ausdruck der Freude betrachtet. Viele dieser Verhaltensweisen sind genetisch bedingt.

 

Die Synchronisation der Sprache

Es taucht ja immer wieder die Frage auf, wie innerhalb einer Gruppe eine einheitliche Sprache entstehen kann. Gut beobachten läßt sich dies an Worten, die erst in diesem Jahrhundert entstanden sind. Das Wort "Radio" gibt es erst seit Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts. Es hat sich in Deutschland gegen Synonyme wie Detektor oder Audion - so hießen die ersten Radio-Empfänger - durchgesetzt. Hierbei spielte der Handel eine entscheidende Rolle. Die Produkte wurden unter bestimmten Namen angeboten, und Namen, die sich gut aussprechen ließen, setzten sich durch. Kam eine Neuentwicklung auf den Markt, so wurde sie auch neu benannt. Aus dem alten Radioempfänger wurde dann die HIFI-Stereoanlage.

 

Ameisen – Warum ist ein Ameisenstaat nicht so intelligent wie ein Mensch?

Fast hat man den Eindruck als wäre ein Organismus ähnlich aufgebaut wie ein Ameisenhaufen, nur dass die Individuen hier dicht gepackt und in einem viel engeren biochemischen Austausch stehen. Womit wir bei den Ameisen wären.

Man fragt sich ja manchmal, ob es bei Ameisen nicht auch so etwas wie ein Gruppenbewusstsein gibt. Dies ist jedenfalls eine der Thesen des in Ungnade gefallenen und erst in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der kath. Kirche zaghaft rehabilitierten jesuitischen Naturforschers und Philosophen Teilhard de Chardin.

Bei Ameisen hat die  einzelne Ameise ein Nervensystem. Sie kann sehen, sie kann riechen und sie kann auch in begrenztem Umfang Bewegungen ihrer Beine fühlen. Damit kann sie schon einen toten Artgenossen von einem lebenden Artgenossen unterscheiden.  Sie kann einer Duftspur folgen und sich auf diese Weise Ziel gerichtet bewegen und sie findet auch wieder zu ihrem Bau zurück. Sie kann manchmal auch erkennen, dass sie in Gefahr ist und mit Duftstoffen andere Ameisen vor dieser Gefahr warnen. Jede Zerstörung des Ameisenbaus wird erkannt und behoben. Die Kommunikation im Ameisenbau ist ähnlich der Kommunikation des Nervensystems. Das ganze Kommunikationssystem des Ameisenstaats beruht auf Duftstoffen so genannten Pheromonen, bei Nervenzellen auf Neurotransmittern. Vor allem im Ameisenbau orientiert sich die Ameise an Duftstoffen und wohl auch mit ihren Fühlern mit denen sie die Umgebung abtastet. Die Duftstoffe erfüllen hier eine ähnliche Funktion wie die Hormone in Organismus, sie wirken global.

Parallelen gibt es auch bei der Spezialisierung. Im Nervensystem gibt es unterschiedliche Zelltypen. Im Ameisenhaufen haben sich Individuen auf bestimmte Tätigkeiten spezialisiert. Abtransport der von der Königin gelegten Eier, Pflege der Larven, Nahrungsbeschaffung, Verteidigung.

Aber warum hat der Ameisenstaat nicht eine an den Menschen heranreichende Intelligenz?

Der Grund liegt aus meiner Sicht in der stärkeren Verknüpfung des Nervensystems. Eine Nervenzelle sendet ihr Signal an bis zu 10000 andere Nervenzellen. Und sie kann flexibler, schneller und Ziel gerichteter reagieren.  Wie viel die Nervenzelle selbst von dem Konzert der Signale versteht, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht hat sie, wie ein einzelnes Mitglied der Gesellschaft, nur eine Spezialbegabung, etwa die Fähigkeit den Zellen auf der obersten Ebene ein Farbsignal oder eine Wortbedeutung zu melden oder nur eine bestimmte Signalfolge abzuliefern, die bisher wohlwollend entgegengenommen wurde. Vielleicht ist sie nur eine Stimme in einem Orchester, das eben ein bestimmtes Lied spielt, wenn es dazu aufgefordert wird. Manche Nervenzellen geben ihr Signal normalerweise einfach in bestimmten Abständen von sich, wie z. B. jene Nervenzellen, die den Herzmuskel aktivieren. Der Rhythmus wird aber zusätzlich beeinflusst durch bestimmte Hormone wie das Adrenalin oder Endorphine beim Schlaf. Eine bestimmte Grundverschaltung des Gehirn ist vermutlich genetisch festgelegt und damit auch die Interpretation bestimmter Signale.  Jedenfalls sind wir in gewissen Bereichen, wie Hunger, Durst, Schmerz, Partnerwahl nicht lernfähig.

Die Lernfähigkeit bestimmter Teile des Nervensystems, jene Lernfähigkeit, die auf der Verarbeitung bereits vorhandenen Wissens aufsetzt, ist wohl einer der entscheidenden Vorteile des Nervensystems gegenüber dem Ameisenstaat. Ein Ameisenstaat ist in genetisch festgelegten Verhaltensweisen (Traditionen) verhaftet, die auf den Nahrungserwerb und die Pflege der Nachkommenschaft ausgerichtet sind. Es gibt keine Tradition des Wissenserwerbs für Werkzeuge oder Kunst. Keine Sprache, die zu langen Sätzen und Geschichten kombiniert werden kann. Auch kein in Büchern oder im Internet gespeichertes Wissen, auf das die einzelne Ameise zugreifen kann. Die Tradierung des Wissens erfolgt über genetische Anpassungsmechanismen.

Die einzelne Ameise ist selbst ein Organismus, der nicht ständig mit anderen Ameisen Kontakt pflegt und sie bewegt sich viel langsamer als ein Nervensignal, das auf den Fortsätzen der Nervenzelle auf elektrochemische Art weitergeleitet wird und nur zwischen den Nervenzellen über Neurotransmitter. Die Ameise muss sich auch um den Nahrungserwerb kümmern. Nur die Ameisenkönigin wird versorgt. Eine Nervenzelle wird dagegen über so genannte Glia-Zellen versorgt. Die Ameise hat aber im Gegensatz zur einzelnen Nervenzelle (nicht zum Nervensystem) mehrere Duftstoffe als Kommunikationsmittel zur Verfügung.  Z. B. hat die südamerikanische Ameisenart Gigantiops destruktor zwischen Ihren Kiefern fünf Drüsen, die mehr als 30 verschiedene Duftstoffe absondern [3]. Ob sie damit auch Signalfolgen absetzen kann oder nur eine einzelne Botschaft, darüber kann man wiederum nur spekulieren.

Trotzdem ist schon beachtlich, was Ameisenstaaten zustande gebracht haben. Es gibt verschiedene Ameisenarten, die Pilzgärten anlegen und pflegen (Blattschneiderameisen, Termiten). Es gibt Ameisen, die sich Blattläuse halten. Aber es gibt auch eine Ameisenart, die nicht nur auf Beutejagd geht, sondern eine abartige Vorliebe für alles Elektrische hat, die Feuerameise. Warum das so ist, weiß niemand genau. Manche Zoologen nehmen an, dass elektrische Geräte - aus der Sicht der Ameisen - ähnliche elektrische Spannungsmuster abstrahlen wie ihre Beutetiere, denn auch jeder Muskel gibt elektrische Impulse ab. Jedenfalls machen sich die "kleinen Elektriker" in manchen Haushalten emsig ans Werk. Sie durchbeißen Kabel, verursachen Kurzschlüsse und sind ständig auf der Suche nach neuen Spannungsquellen. Feuerameisen sind nicht nur die "stromverrücktesten" aller Tiere, sie überleben auf rätselhafte Weise auch noch die Mikrowelle, vielleicht wegen ihrer geringen Größe. Außerdem weichen sie blitzschnell und gezielt in kühlere Bereiche aus.

 (http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/31/0,1872,1021663,00.html)

Ist es nun berechtigt, von dem vielseitigen, wirkungsvollen und stark integrierten Verhalten der Blattschneiderameisen darauf zu schließen, dass sie bewusst über Baukonstruktion, Pilzgärtnerei und andere spezialisierte Tätigkeiten nachdenken? Welche Gedanken und Gefühle mögen die Ameisen haben, die eine so spezialisierte Landwirtschaft betreiben? Es wird allgemein angenommen, dass genetische Programmierung und nicht Lernen den größten Teil ihres Verhalten bestimmt.

Die Arbeiterinnen der Blattschneiderameisen sind winzige Geschöpfe, deren Zentralnervensystem einen Durchmesser von weniger als einem Millimeter hat. Selbst ein solches »Miniaturgehirn« besteht aus vielen Tausenden von Neuronen. Aber Ameisen müssen ja auch viele andere Dinge tun außer dem Sammeln von Blättern und der Arbeit an den Pilzgärten. Es stellt sich die Frage, ob die in einem solchen winzigen Zentralnervensystem gespeicherte, genetische Information all die detaillierten Bewegungen und Tätigkeiten vorschreiben kann, die eine solche Ameise ausführen muss? Ist es da nicht einleuchtender anzunehmen, dass ihre DNS die Entwicklung einfacher Verallgemeinerungen programmiert wie etwa »Suche nach saftigen grünen Blättern!« oder »Knabbere alle Pilzstückchen ab, die nicht richtig riechen!«, anstatt jede Beugung und Streckung aller sechs Extremitäten zu spezifizieren?


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