"Gottesbeweise" - Wege oder Irrwege zu Gott
Teil 3

Textmarken: Der ontologische Gottesbeweis,    Die Behauptung: Gott ist die Wahrheit, Gotteserkenntnis mit Gefühl oder mit Verstand?


Der ontologische Gottesbeweis

Schneller als Gedanken

Lehrer: "Nun sagt mal, Kinder, welche Dinge sind denn die schnellsten?"

1. Kind: "Unser Auto."

2. Kind: "Ein Schnellzug."

3. Kind: "Eine Rakete."

4. Kind: "Ein Gedanke. Ich kann in Gedanken nach Amerika gehen. Nichts ist schneller als ein Gedanke."

Der Lehrer will das Kind für die kluge Antwort loben, da meldet sich Fritzchen:
"Gedanke! Larifari. Mein Vater ist schneller. Als ich gestern Abend an der Schlafzimmertuer gehorcht habe, höre ich ihn zu meiner Mutter sagen: "Jetzt bin ich aber schneller gekommen, als ich gedacht habe!"

Von einem ontologischen Gottesbeweis spricht man ganz allgemein dann, wenn von einem bloßen Begriff Gottes ausgehend versucht wird die Existenz Gottes zu beweisen.

Anselm von Canterbury (gestorben 1109) hat diesen Beweis in einer Zeit formuliert als die katholische Kirche sich mit dem Erbe der griechischen Philosophie auseinandersetzen musste und nun versucht hat ihren Glauben mit Logik zu begründen. Glaubensgrundlage Anselms ist Römer 1:20, wonach die wunderbare Schöpfung nur durch einen Schöpfer in’s Dasein gekommen sein kann (nur ja nicht an Alternativen denken). Also "muß" Gott groß sein, allumfassend sein, das Größte überhaupt und so formuliert er folgenden Satz: "Wir glauben, daß Du etwas bist, über dem nichts Größeres gedacht werden kann." In einem weiteren Schritt versucht Anselm dann zu zeigen, daß Gott nicht nur tatsächlich existiert, sondern daß er notwendig existiert. Anselm argumentiert, daß von etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, gar nicht gedacht werden kann, es existiere nicht, weil dann das worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, nicht mehr das wäre, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, was einen Widerspruch darstellt. So gewinnt Anselm als Ergebnis der Denkbemühung die Einsicht: "So wahrhaft wirklich existiert etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, daß es als nicht existierend auch nicht einmal gedacht werden kann. Anselm "weiß" aber auch, daß Gott größer ist, als alles was gedacht werden kann. Was denkt der Mensch also, wenn er Gott mit dem Denken nicht erfassen kann? Wäre Gott nur ein Größtes in einer Vielzahl von Objekten, wäre er nur eines unter vielen. Aber das ist nach theologischer Definition nicht Gott. Zwischen dem größten Seienden und dem Grund dafür, daß überhaupt Sein ist, liegt eine absolute Differenz. Man denkt hier zur Natur die Übernatur hinzu, die natürlich die Natur umfasst. Die Grenzen des Denkbaren (Grenzen des Seins?) müssen also erreicht und überschritten werden. So gelangt man zum Transzendenzgedanken. Mehr dazu siehe Gottesbeweise Teil 5.

Thomas von Aquin hat hier wohl auch das Jesus-Zitat "Ich bin der Weg , die Wahrheit und das Leben" (Johannes 14:6) im Sinn.

Einen ähnlichen Gottesbeweis, wo es auch darum geht über die Analyse von Begriffen zu Gott zu gelangen, liefert Thomas von Aquin im vierten seiner fünf Wege zu Gott. Er übernimmt hier eine Argumentation des Aristoteles. Ausgehend von dem Gedanken, daß auch Wahrheit Ursachen hat in Menschen, die diese Wahrheit überliefern, ausgehend auch davon, daß sich Wahrheiten aus Axiomen ableiten lassen, schreibt Aristoteles in seiner Methaphysik zum Thema "Philosophie als Wissenschaft von der Wahrheit": Demnach ist auch das im höchsten Grade Wahre für das Spätere die Ursache des Wahrseins. Deshalb müssen auch die Prinzipien des ewig Seienden, die im höchsten Grade wahren sein. Lt. Aristoteles nimmt die Wahrheit ab, je weiter wir von dieser absoluten Wahrheit entfernt sind. "Die Vertreter der handelnden Wissenschaft überlegen, wie sich etwas verhält, sie betrachten nicht die Ursache an sich, sondern das Bezügliche und das Jetzt", schreibt Aristoteles. "Wir aber wissen um das Wahre nicht ohne die Ursache." Er weist damit der Philosophie den höchsten Rang unter den Wissenschaften zu. Thomas von Aquin setzt außer der Wahrheit noch andere Attribute der Vollkommenheit in diesen Gedankengang ein und kommt so zu seinem vierten Weg.

Hier wird angenommen, dass die Wahrheit selbst noch einmal eine Ursache hat, also ähnlich wie alles andere Sein geschaffen wurde. Dann muss aber das Gegenteil der Wahrheit, nämlich der Irrtum ebenfalls von einem Schöpfer geschaffen worden sein. Nur das passt nicht in die Ideologie eines Thomas von Aquin. Hier ist Gott nur die höchste Wahrheit, die Wahrheit ansich und nicht gleichzeitig auch der höchste Irrtum.

"Der vierte Weg wird den Stufungen entnommen, die man in den Dingen entdeckt. Man findet nämlich in den Dingen etliches mehr oder weniger gut und wahr und edel, und so geht es auch mit anderem derart. Aber mehr und weniger werden von Verschiedenem gesagt, je nachdem es auf verschiedene Weise sich einem nähert, das es am meisten ist: wie mehr warm ist, was näher auf das anrückt, was am meisten warm ist. Es gibt also etwas, welches das Wahrste und das beste und das Adeligste und folglich das am meisten Seiende ist; denn das, was am meisten wahr ist, ist am meisten seiend, wie es in der 2. Methaph. (Did. 1,1 n 5) heißt. Was aber in einer Gattung im höchsten Grade das Solche heißt, ist die Ursache von allem, was dieser Gattung angehört; gerade wie das Feuer, das am meisten warm ist, die Ursache alles Warmen ist, so heißt es im nämlichen Buch. Es gibt also etwas, das allen Seienden die Ursache des Seins und der Gutheit und jeglicher Vollkommenheit ist: und das nennen wir Gott."

Thomas von Aquin hat offenbar für das Sein eine Rangordnung vorausgesetzt. Wer an Macht denkt, denkt eben auch an eine Rangordnung. Menschlich verständlich! Aber eine Rangordnung charakterisiert nur die Beziehung zwischen Lebewesen. Es ist ein subjektiver Maßstab. Wer die Vorgänge in der Natur physikalisch exakt beschreiben will, verwendet dazu Begriffe wie Stabilität, Funktionalität, Komplexität, Gravitation, Energieinhalt, Volumen u.s.w. Das sind oft Größen, die in keinem Abhängigkeitsverhältnis stehen.

Zudem gibt es keine Steigerungsform der Wahrheit. Eine Geschichte kann zwar Wahrheiten und Unwahrheiten enthalten, viele Wahrheiten und wenige Wahrheiten, aber ansonsten sind wahr und unwahr diskrete, sich gegenseitig ausschließende Begriffe.

Die Wahrheit ist auch nicht etwas, das man bis zur gemeinsamen Ursache aller Wahrheiten zurückverfolgen kann. Eine Wahrheit bezieht sich ja auf einen Sachverhalt, den wir mit unserem Wissen und unserem Verstand beurteilen. Die Quelle unserer Wahrheit ist also unser Denkvermögen. Wir entscheiden, ob dieser Sachverhalt real (wahr) oder fiktiv (falsch, nur in unserer Phantasie existierend) ist und kommen hier gelegentlich zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Warum? Wo sind die Fehlerquellen in unserem Denkprozess. Sie sind begründet

  1. in der Arbeitsweise unseres Nervensystems, unseres Gehirns. Unserer Gehirn arbeitet nicht rein logisch, sondern biologisch. Bei allen Vorgängen im Gehirn sind Zellen beteiligt, die gemäß ihres biologischen Zustands mal so mal anders reagieren. Ausgeglichen wird diese biologische Fehlerquelle dadurch, dass eine Nervenzelle i.a. nicht ein einzelnes Signal weitergibt, sondern erst dann reagiert, wenn sie mehrere Signale erreichen und im Gehirn sind es Gruppen von Nervenzellen, die ihre Information als Gemeinschaftsentscheidung weitergeben. Die Eingangsinformation, die aus einer Fülle von Signalen besteht wird verdichtet zu symbolischen Werten, wie Worten oder Bildern. Das, was wir als Wahrheit bezeichnen ist das Ergebnis eines komplexen Interpretationsprozesses. Sehr kleine Gegenstände können wir nur mit technischen Hilfsmitteln sichtbar machen, aber auch das endet, wenn wir Messgrenzen erreichen. Gleiches gilt für sehr große Gegenstände wie etwa unsere Galaxie, die Milchstraße. Wir sehen nur einen Teil des Universums.

  2. in dem verwendeten Wissen. Nur das Wenigste können wir selbst überprüfen. Meist belassen wir es bei einer groben Plausibilitätskontrolle. Wenn wir im Erdkundeunterricht hören, dass es Frankreich gibt und ein Schulkollege von seinen Erlebnissen in Paris erzählt, dann glauben wir, dass es Frankreich gibt. Ähnlich überprüfen wir auch Sinnesinformationen. Wenn wir einen Gegenstand in unserer näheren Umgebung sehen, dann können wir ihn anfassen und haben damit eine weitere Bestätigung, dass er existiert und nicht nur eine optische Täuschung ist. Wenn es aber um naturwissenschaftliches Neuland geht, um scheinbar logische Schlussfolgerungen, um unbegründete Mehrheitsentscheidungen, Extrapolation empirisch gewonnener Zusammenhänge, die wir als "Naturgesetze" bezeichnen, über den Gültigkeitsbereich hinaus, wo es um Letztbegründungen geht oder um überlieferte Glaubensvorstellungen, sind wir häufig in der Versuchung unserer Weltbild mit Vermutungen abzurunden, Vermutungen zur Wahrheit zu erklären.

Was wir sehen, sehen wir also immer durch die Brille unseres Nervensystems.

Wenn wir unser Denkvermögen als Teil eines göttlichen Denkvermögens betrachten, dann beinhaltet dies die völlig unbegründete Behauptung, dass dieses Denkvermögen ohne die materielle Basis des Gehirns funktioniert. Und es stellt sich doch dann auch die Frage wieso wir zu gegensätzlichen Meinungen kommen können.

Ebenso wie bei der Wahrheit gibt es auch keine Steigerungsform des Seins, denn Sein ist entweder oder es ist nichts. Ein mehr an Sein ist noch kein höheres Sein. Wenn wir die Existenz Gottes als ursachenlos definieren. Warum dann nicht die Existenz der Materie oder die Existenz des Raumes?  Warum muss es genau ein einziges anbetungswürdiges Wesen sein, warum nicht mehrere?

 

 

Gotteserkenntnis mit Gefühl oder mit Verstand?

"Gott können wir nicht mit dem Verstand begreifen, sondern nur gefühlsmäßig erahnen". Ein Argument, an dem allerdings jeder zweifelt, der die Unvollkommenheit seiner Sinne erkennt. Unsere eigenen Sinne sind weniger zuverlässig als Meßgeräte. Wir können z. B. die Giftigkeit von Autoabgasen nicht erkennen. Giftige Substanzen sind häufig völlig geschmacklos. Wir unterliegen optischen Täuschungen. Wir unterliegen Suggestionen. Wir können uns irren.

Selbst die katholische Kirche spricht von einem irrenden Gewissen.

Gefühle liefern nur sehr undifferenzierte Aussagen. Dies zeigt sich allein schon an den wenigen Worten, mit denen wir unsere gesamte Gefühlswelt beschreiben können. Außerdem verändern auch frei erfundene Geschichten unsere Gefühlswelt in dem Maße, wie wir uns mit dem Geschehen identifizieren. Gefühle sind suggestiv beeinflußbar. Sie folgen dem Erkenntnisprozeß und gehen diesem nicht voraus, wie manchmal behauptet wird. Als göttlich kann man sie daher nicht einstufen, da sie keine letzte Ursache darstellen.

Andererseits können Gefühle unseren Verstand blockieren. Man denke nur an das Sprichwort: Liebe macht blind!

Es existiert also eine wechselseitige Abhängigkeit von Verstand und Gefühl. Durch Gefühl und Verstand werden Orientierungsmarken abgesteckt. Erst beides zusammen ermöglicht die ganze Bandbreite unseres Handelns mit all’ den Widersprüchen.

Die von Mensch zu Mensch unterschiedlichen intellektuellen Fähigkeiten, u. a. die begrenzte Lernfähigkeit, die begrenzte Palette unserer Gefühle, deuten auf die Endlichkeit des menschlichen Geistes hin.


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