"Gottesbeweise" - Wege oder Irrwege zu Gott
Teil 5

Textmarken: Die Transzendenzerfahrung - ein Gottesbeweis?,    Die Ordnung und Komplexität in der Natur,    Das Henne-Ei-Problem 


Die Tranzendenzerfahrung - ein Gottesbeweis?

"Nicht unser Fleisch ist nach dem Bilde Gottes, sondern unsere Seele, welche frei ist und überallhin ungebunden schweift, welche an die entferntesten Orte uns versetzt, die Abwesenden sieht, in einem Nu das Universum überschaut." (Kirchenvater Ambrosius sinngemäß zitiert von Ludwig Feuerbach in "Das Wesen des Christentums", Seite 415). Indem wir den Begriff der Unendlichkeit denken überschreiten (transzendieren) wir gedanklich die Grenzen der Endlichkeit. Nach scholastischer Vorstellung kann dies aber nur ein Wesen, das etwas göttliches in sich trägt, die unsterbliche Seele.

Die antiken philosophischen Konzepte zum Thema Geist definieren den Geist als materiell unabhängige, aber der Materie übergeordnete Kraft. Auch Jesus hat dies so verkündet.

Matthäus 10,28

Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.

Mit der Behauptung, der Geist sei das höhere Prinzip, ist auch die Ursache Wirkungsbeziehung festgelegt als eine Art Einbahnstraße. Tatsächlich beobachtet man aber eine Wechselwirkung, denn wie sollten sonst die Nervensignale von den Sinnesorganen in unserem Bewusstsein wirksam werden. Man hat hier bei der philosophischen Konzeption menschliche soziale Beziehungen (die königliche Herrschaft) auf Naturprinzipien übertragen.

Konsequent weitergedacht ist es danach sinnlos nach einem chemischen Mittel zu suchen, das einen Menschen in Narkose versetzt. Hätte man dieses philosophische Konzept in der Naturwissenschaft nicht aufgegeben, wäre man nie zu praktischen Lösungen in der Neurologie gekommen.

Aber nehmen wir trotzdem einmal an, es würde ein Gedankenwesen wie Gott geben und unsere Seele wäre sozusagen eine Miniausgabe dieses Gedankenwesens. Wie schnell kann ein solches hypothetisches Wesen überhaupt zu einer Meinung kommen, zum Ergebnis eines Denkprozesses? Denkprozesse benötigen Zeit! Je mehr Informationen bei einer Entscheidung berücksichtigt werden, desto mehr Zeit wird benötigt, um diese Informationen zu werten und einzuordnen, wobei aus Schlußfolgerungen wiederum neue Informationen entstehen. Bei unendlich vielen Informationen ist die Zeit, die man benötigt notwendigerweise auch unendlich. Ein solcher Gott würde also nie zu einer Entscheidung gelangen. Er wäre nicht handlungsfähig. Würde er handeln bevor er alle Informationen und Schlußfolgerungen bedacht hat, würde er genauso wie jeder Mensch Fehler begehen.

Ich betrachte geistige Fähigkeiten als System-Eigenschaften des Gehirns (mehr dazu unter Dimensionen des Geistes Teil 1). Und ich sehe daher keinen Grund, warum eine System-Eigenschaft höher einzustufen ist als eine andere. Das wäre so, wie wenn ich die Gravitation höher einstufen würde als die elektrische Ladung.

Da Geist im Gehirn entsteht, kann man geistige Phänomene auch nicht aus der Physik ausklammern, denn Physik beschreibt natürliche Vorgänge und ist darüber hinaus bemüht dafür Regeln zu finden. Aus psysikalischer Sicht gibt es nur die Natur. Nur die Religion definiert die Übernatur und sieht in Wundern einen Beweis für unnatürliche Vorgänge (weil momentan unerklärlich). Die Behauptung, etwas sei prinzipiell nicht erklärbar, setzt voraus, dass wir alles wissen, was wir wissen können. Die Grenzen des Wissens sind aber fließend. Mehr zum Thema Geist siehe das Kapitel Dimensionen des Geistes.

 

Die Ordnung und Komplexität in der Natur

Wenn wir ein Haus sehen, so erkennen wir hier eine gewisse Ordnung und eine gewisse Funktionalität, die uns auf einen oder mehrere Baumeister schließen läßt.

Nun liegt der Analogieschluß nahe, daß dies auf alle komplexen und doch regelmäßigen und funktionalen (sinnvollen) Gebilde zutrifft, die wir in unserer Umgebung erkennen. Wer so argumentiert, der muß annehmen , daß ein Regentropfen genauso von göttlicher Hand geformt wird wie eine Seifenblase, und der muß annehmen, daß bei Rückkopplungsphänomenen - jenem Pfeifen, das manchmal bei elektrischen Systemen (Mikrofon, Lautsprecher) auftritt, vielleicht die Stimme Gottes zu hören ist.

Nur läßt sich in all diesen Fällen zeigen, daß die Eigenschaften der Materieteilchen bereits ausreichen, um die Materie in dieser oder jener Weise zu ordnen. Dies gilt auch für die äußerst komplexe Struktur lebender Organismen. Es würde hier zu weit führen dies ausführlich zu begründen. Die Argumente hierzu kann man in den Büchern von Manfred Eigen und in der umfangreichen Literatur zur Evolutionstheorie finden (siehe den Link Evolution). Es bedarf also keines göttlichen Gesetzgebers. Es bedarf keines unbewegten Bewegers. Materie besitzt einen Energieinhalt und ist dadurch handlungsfähig und infolge ihrer Dynamik ordnet sie sich selbst.

Man kann sich dies in einem kleinen Versuch selbst veranschaulichen. Man füllt dazu eine Dose zu drei Vierteln mit Schrauben oder Streichhölzern. Man kann nun den Inhalt der Dose noch einmal verdichten, wenn man die Dose leicht durch Anheben und Absenken schüttelt. Dieses Rütteln erzeugt kein Chaos, sondern vermehrt die Ordnung in diesem System. Ein anderes Beispiel für Selbstorganisation ist der Tropfen Milch, der sich in einer Tasse heißen Tees gleichmäßig verteilt oder der Rauch eines Zigarettenrauchers, der sich gleichmäßig im Raum verteilt.

Ein Materiesystem ändert i.a. lediglich seine Funktion, wenn sich durch äußere Einwirkungen oder innere Abläufe seine Zustandsparameter (Energieinhalt, Struktur, u.s.w.) ändern. Für bestimmte Zwecke kann es unbrauchbar werden, aber es wird, soweit wir das heute wissen, nicht funktionsunfähig, denn das würde bedeuten, daß es alle seine Eigenschaften verliert. Damit würde es auch nicht mehr meßbar sein. Es würde verschwinden.

 

Das Henne-Ei Problem

Bei vielen Arten ist zur Zeugung der nächsten Generation ein männlicher und ein weiblicher Partner erforderlich. Es stellt sich also die Frage wie es zu dieser getrenntgeschechtlichen Entwicklung kam und wie sie mit der Evolutionstheorie vereinbar ist.

Erste Vorformen der Sexualität gibt es bereits bei Bakterien in Form der Konjugation. Der Vorteil für Bakterien besteht in einem Austausch der Erbinformation, genauer gesagt des Zellkerns. Die Erbinformation ist in der Bakterienzelle zweifach vorhanden, einmal im Zellkern und einmal im Zellkörper als Reaktionsprodukt der Gene. Zellkern und Zellkörper stehen in Wechselwirkung. Änderungen in einem der beiden Teilsysteme haben evtl. Rückwirkungen auf das andere Teilsystem. Hier findet sozusagen eine Kommunikation auf molekularer Ebene statt. Resistenzfaktoren können auf diese Weise übernommen werden.

Sexualität dient der Weiterentwicklung, aber auch der Erhaltung einer Art. Dies erklärt natürlich noch nicht, wie es zu einer getrenntgeschlechtlichen Entwicklung kam. Ausgangspunkt für eine getrenntgeschlechtliche Entwicklung waren wohl Tierarten, die sowohl als Zwitter als auch getrenntgeschlechtlich vorkommen. Eine solche Tierart sind die Schnecken, eine rd. 8500 Arten umfassende Klasse von Weichtieren. 

Einen Hinweis darauf, wie es zur getrenntgeschlechtlichen Entwicklung kam, findet man bei Alligatoren. Aus Alligatoreneiern, die bei einer Nesttemperatur von bis zu 30 Grad Celsius ausgebrütet werden, schlüpfen nur weibliche Alligatoren, wogegen aus Eiern, die bei einer Nesttemperatur von mindestens 34 Grad Celsius ausgebrütet werden, nur männliche Alligatoren ausschlüpfen. Die irreversible Prägung des Geschlechts erfolgt zwischen der zweiten und dritten Lebenswoche. (Bild der Wissenschaft 9/1982). Es scheint also so zu sein, daß das Gen, das die geschlechtliche Entwicklung steuert, in einem gewissen Stadium der Evolution temperaturempfindlich war. Bei den Alligatoren, die in diesem Stadium der Evolution verharrten, ist es heute noch temperaturempfindlich.


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