"Gottesbeweise" - Wege oder Irrwege zu Gott
Teil 6

Textmarken: Der Fehlschluss von der Wirkung auf die Ursache,    Ursache und Wirkung zugleich,    Die Kausalität - eine Hilfskonstruktion,    Zur Natur der Materie,    Das Rätsel der Bewegung,    Wenn und Aber,    Das angeblich furchtbare Vielleicht,    Ansichten und Einsichten zur Gottesfrage


Der Fehlschluss

von der Wirkung auf die Ursache

Der Schluß vom Endzustand (Wirkung) auf die Ursache ist nur dann zulässig, wenn man das tatsächliche Geschehen wenigstens bruchstückhaft kennt, z. B. den Ablauf einer chemischen Reaktion. Ist dies nicht der Fall, so ergibt sich im allgemeinen eine unendliche Vielfalt für das, was geschehen sein könnte.

Beispiel: Die Zahl 7 findet man als Endergebnis einer Rechnung vor. Sie kann zustande gekommen sein durch Addition der Zahlen 3 und 4. Aber auch 2 und 5 ergeben 7.

Ein anderes Beispiel: Nehmen wir an, Sie kommen nach einem Autounfall zur Unfallstelle und sehen folgende Situation: Zwei Autos sind in einen Unfall verwickelt. Das eine Auto steht in Fahrtrichtung auf der falschen Seite. Ein Frontalzusammenstoß! Wie kam es zu dem Unfall. Im ersten Moment wird man sagen: Der Fahrer des Wagens, der auf der falschen Seite steht, hat den Unfall verursacht. Aber es kann sich doch folgendes abgespielt haben: Der Fahrer dieses Wagens hat den anderen Wagen gesehen, der frontal auf ihn zusteuerte. Er machte ein Ausweichmanöver auf die andere Straßenseite. In diesem Moment machte der andere Wagen ebenfalls ein Ausweichmanöver und so kam es zum Zusammenstoß.

Nun kann man bei diesem Beispiel noch annehmen, dass der freie Wille der beteiligten Personen dieses Ergebnis nicht kalkulierbar macht. Aber nehmen wir zwei Home-Computer gleicher Bauweise und laden sie beide mit dem selben Schachprogramm. Schachprogramme enthalten einen Zufallszahlengenerator als kreatives Element. So ein Schachcomputer ist zwar ein überschaubares Materie-System, aber ich kann hier nicht vom Endergebnis auf den Verlauf der Schachpartie schließen.

Das gleiche Problem tritt bei langfristigen, über Jahrtausende hinweg   rückwärts gerichteten Wettervorhersagen auf.  Ich kann zwar sagen, dass es in Island im Winter kalt ist und vor zwei Jahren war es dort sicherlich auch kalt. Aber wir wissen auch, dass es auf Island Kohle-Vorkommen gibt und können daraus schließen, dass es vor langer Zeit dort nicht so kalt war wie heute. Das wissen wir aber nur aufgrund der Indizien. Dort wo diese Indizien aus irgendwelchen andren Gründen fehlen oder nicht gefunden werden, kann man eine langfristige rückwärts gerichtete Vorhersage nicht machen. Bei allen Kosmologien ist dies ein zentrales Problem.

 

Ursache und Wirkung zugleich

Stellen Sie sich zwei Magnete vor, die sich gegenseitig anziehen. Hier sind beide Magneten aktiv und passiv zugleich, also Ursache und Wirkung zugleich. Man spricht hier auch nicht mehr von einer Ursache-Wirkungsbeziehung, sondern von einer Wechselwirkung oder einer Systemwirkung. Ursache und Wirkung müssen nicht unbedingt auf einen Anfang verweisen. Möglich sind auch Ursache-Wirkungscyclen, möglich sind fließende Übergänge wie sie die Evolutionstheorie für die Entstehung der Arten lehrt.

 

- Die Kausalität -

Eine Hilfskonstruktion unserer Denkweise

Der Gedanke der Kausalität setzt voraus, daß wir einen Vorgang als Folge von Ereignissen beschreiben können. Die Ereignispunkte setzen wir im allgemeinen, wenn sich Zustandsänderungen ergeben. Wenn wir uns in einen Zug setzen, so werten wir dies als Ereignis. Wenn uns etwas aus der Hand fällt, so ist dies ein Ereignis. Unser Gehirn rekonstruiert aus solchen Einzelbildern den kontinuierlichen Ablauf des Geschehens. Wie ungenau eine solche Auflösung eines kontinuierlichen Vorgangs ist, merken wir erst, wenn wir aus diesen Einzelbildern einen Film machen. Die Dynamik des Vorgangs entspricht dann nicht mehr der Realität. Eine Filmkamera setzt die Ereignispunkte in Abständen, die unser Wahrnehmungsvermögen übersteigen. Eine derartige Aufzeichnung würde die Kapazität unseres Gehirns überschreiten. Tatsächlich ist aber auch diese Art der Aufzeichnung lückenhaft, denn ein Gegenstand der zu Boden fällt, fällt er nicht ruckweise zu Boden, sondern kontinuierlich. Um den Vorgang exakt zu beschreiben müssen wir die Ereignispunkte unendlich dicht setzen. Aber wo beginnt dann ein Ereignis und wo endet es? Exakt beschreiben können wir kontinuierliche Vorgänge nur dort, wo es uns gelingt, den Vorgang mit Hilfe einer Formel zu beschreiben. Eine solche Funktion beschreibt zwar auch ein Abhängigkeitsverhältnis, aber Ursache und Wirkung sind hier nicht mehr zwei diskrete Vorgänge. Mit Funktionen sind auch Wechselwirkungen darstellbar, etwa zwei sich gegenseitig anziehende Magnete. Ursache und Wirkung überlagern sich hier.

Es hat sich im Laufe der Evolution als vorteilhaft erwiesen nur Zustandsänderungen zu registrieren und dies auch nur in einem groben Zeitraster.

 

Zur Natur der Materie

Außerdem gehen wir davon aus, daß diese Welt aus lauter einzelnen Dingen besteht. Erst diese Art der Strukturierung, die unser Wahrnehmungssystem durchführt, ermöglicht es uns, Vorgänge zu analysieren und das Ergebnis als Planungsgrundlage zu verwenden.

Tatsächlich bestehen die Dinge aber wiederum aus kleineren Einheiten, den Molekülen, die wiederum selbst aus Atomen bestehen, die wiederum selbst aus Neutronen, Protonen und Elektronen bestehen u.s.w. Das Ende dieser Kette kennen wir nicht.

Die Bewegung der Galaxien wird heute mit der von Hubble entdeckten Rotverschiebung des Licht-Spektrums begründet. Diese Rotverschiebung wird mit dem Doppler-Effekt erklärt. Es ist aber andererseits keineswegs sicher, daß das Licht seine Frequenz über Jahrmillionen hinweg konstant beibehält und sich ohne Energieverlust fortbewegt. Solche Langzeitmessungen sind im Labor gar nicht möglich. Das Gegenargument, dass der Raum leer ist, muss nicht zutreffen, denn der uns leer erscheinende Raum hat Eigenschaften - er ist somit kein Nichts. Auch die Annahme konstanter Naturkonstanten, eines der Axiome moderner Physik, ist keineswegs gesichert.

Die Teilchen sind zwar, was ihre Masse anbetrifft, räumlich begrenzt. Aber jedes dieser Teilchen wirkt zumindest durch die Gravitation nach außen. Diese Wirkung nimmt zwar in Abhängigkeit von der Entfernung von dem Teilchen ab, aber ob sie jemals verschwindet, weiß man nicht. Die geordnete Struktur einer Galaxie ist ein Hinweis darauf, daß die Gravitation hier wirksam ist. Die ungeordnete Verteilung der Galaxien im Weltraum ist möglicherweise ein Hinweis auf die begrenzte Wirksamkeit der Gravitation. Es kann aber auch durchaus sein, daß die Eigenbewegung der Galaxien stärker ist als das Gravitationsfeld. Wie dem auch sei - ein Materieteilchen ist nur in einem Teilbereich seines Wesens abgrenzbar. Der Raum wird durch die sich überlagernden Kraftfelder mehrfach belegt, während durch die Materie nur eine einfache Belegung des Raumes möglich ist.

Wir gehen immer davon aus, daß das Materieteilchen das aktive Element ist, dem das Kraftfeld folgt. Was aber, wenn es umgekehrt ist, wenn das Kraftfeld das aktive Element ist, dem das Materieteilchen zu folgen hat? Der Bewegungsablauf würde sich nicht ändern. Die Unendlichkeit eines Kraftfeldes würde die endlichen Massepunkte verschieben. Wir gehen bei der Berechnung immer von den Massepunkten aus und berechnen die Kräfte. Aber die Kräfte sind nur die andere Seite der Gleichung. Das einzige Indiz, daß es wahrscheinlich richtig ist, von Massepunkten als dem aktiven Element auszugehen, ist das hohe Energieäquivalent der Materie, wie es etwa in der Sonne oder in einem Atomreaktor sichtbar wird.

Vielleicht ist Materie so etwas wie zusammengeballte Energie, entstanden aus verketteten Photonen (Lichtteilchen). Vor einigen Jahren habe ich ein Computerexperiment zum Thema Chaos und Ordnung gemacht, das diesen Gedanken nahe legt. Ich habe Striche von leicht unterschiedlicher  Länge und unterschiedlicher Richtung aneinander gereiht und diesen String dann wiederholt (Richtung und Länge durch Zufallszahlengenerator ermittelt). Wenn man dieses Experiment mit wenigen Strichen in einem String (etwa 10) macht, erhält man Wellenlinien (siehe Graphik). Wenn man sehr viele Linien (mehr als 1000 Linien bei kurzer Strichlänge) zu einem String zusammenfasst, dann erhält man komplexe kugelförmige Gebilde, die aneinandergereiht sich langsam bewegen. Grob betrachtet entstehen so Massepunkte. Vielleicht ist diese Vorstellung ein brauchbares Modell für die Darstellung der Materie. Siehe hierzu das Java-Applet.

Nach wie vor ist es auch ein Rätsel wie Bewegung im Detail funktioniert, ob der Körper an einem Ort verschwindet und an einem anderen wieder auftaucht, ob er sich kontinuierlich fortbewegt durch Massenverlagerung, Masse im molekularen Bereich gezogen oder geschoben wird, ob sie sich durch eine Veränderung der Raumkrümmung bewegt, wie dies die Relativitätstheorie für eine der vier bekannten Grundkräfte, nämlich die Gravitation, behauptet, ist soweit ich weiß bis jetzt nicht ganz klar. Ich kann mir jedenfalls ein gekrümmtes Nichts (Raum, Abstand) nicht vorstellen. Ich meine, dass auch der leere Raum zu seiner Existenz Eigenschaften hat. Er ermöglicht zum Beispiel die Überlagerung von Energie-Feldern, die Verlagerung von Materie.

 

Wenn und aber . . .

Ein Schöpfer, wenn es ihn gibt, braucht nicht zu planen. Er kann sofort die Zielsituation ansteuern (schaffen). Das Festhalten an der Zielsituation würde allerdings bedeuten, daß die Dynamik in diesem System aufhört.

Jeder weiß, dass vor dem Wissen der Wissenserwerb steht. Aber wie hat Gott sein Wissen erworben, wenn da Nichts war außer ihm selbst?

Wenn die Welt nur durch einen Gedanken Gottes entstanden ist, dann kann sie auch durch einen Gedanken verschwinden.

Wenn bei Gott tausend Jahre wie ein Tag sind (2. Petrus 3,8), wie langsam muss dann der Gläubige beim Gebet reden?

Wenn Gott allmächtig ist, dann kann er auch einen Stein schaffen, den er selbst nicht mehr tragen kann.

Wenn Gott alles kann, kann er sich auch irren? Kann er alles vergessen?.

Wenn Gott allwissend ist, dann weiß er auch wie er selbst entscheiden wird.

Wenn Gott alles kann, dann kann er auch seine Meinung ändern.

Wenn Gottes Existenz gedanklich nicht fassbar ist, außerhalb unseres Vorstellungsvermögens, wie können wir dann behaupten, dass er existiert?

Wenn Gott allwissend ist, dann weiß er auch, was ich tun werde. Aber, wenn er dies weiß, dann steht dies bereits fest und ich besitze keine Entscheidungsfreiheit. Und wenn ich keine Entscheidungsfreiheit besitze, dann kann mich niemand für das, was ich tue zur Rechenschaft ziehen. Das trifft natürlich auf eine rein naturgesetzlich geregelte Welt (ohne Unendlichkeitsphänomene) ebenfalls zu. Auch in einer rein naturgesetzlich geregelten Welt besitze ich keine Entscheidungsfreiheit. Die Gesellschaft wird sich allerdings von solchen philosophischen Überlegungen zur Verantwortlichkeit nicht beeindrucken lassen. Sie wird sich in jedem Fall vor Individuen (Verbrecher, Triebtätern) schützen, die für sie auf Grund ihrer Veranlagung (Struktur) gefährlich sind.

Wenn diese Seinswelt von einem Schöpfer geschaffen und von diesem in Gang gesetzt worden ist, wer hat dann diesen Schöpfer geschaffen und in Gang gesetzt? Warum muß ein wie auch immer geartetes Wesen am Anfang der Geschichte stehen? Warum muß es für die Welt einen Anfang geben, aber nicht für Gott?

Wenn die Welt erst seit einiger Zeit existiert, was tat Gott die Ewigkeit davor? (Ludwig Feuerbach "Das Wesen des Christentums")

Selbst wenn die Welt, die wir erkennen nur ein Teilbereich der Welt ist, so kann man daraus noch nicht schließen, daß im anderen Teil Gott ist. Es hat sich in der Vergangenheit schon als falsch erwiesen, die weißen Flecken auf der Landkarte unseres Wissens mit den Mitteln der Religion zu tilgen, denn die Religion verlagert die Probleme nur ins metaphysische.

Wenn dieses Phantasiegebilde, genannt Gott, real ist, wie viele andere Phantasiegebilde sind dann ebenfalls real (und nicht nur in unserer Vorstellung) vorhanden.

 

Das furchtbare Vielleicht?

Einer der Aufklärer, ein sehr gelehrter Mann, der von Rabbi Levi Jizchak (1740-1809) gehört hatte, suchte ihn auf, um auch mit ihm, wie er es gewohnt war zu disputieren und seine rückständigen Beweisgründe für die Wahrheit seines Glaubens zuschanden zu machen. Als er die Stube des Zaddiks ( wörtlich: Gerechter; im Chassidismus, einer jüdischen mystischen Bewegung, ein Mann mit außerordentlicher religiöser Begabung) betrat, sah er ihn mit einem Buch in der Hand in begeistertem Nachdenken auf und ab gehen. Des Ankömmlings achtete er nicht. Schließlich blieb er stehen, sah ihn flüchtig an und sagte: "Vielleicht ist es wahr." Der Gelehrte nahm vergebens all sein Selbstgefühl zusammen - ihm schlotterten die Knie, so furchtbar war der Zaddik anzusehen, so furchtbar sein schlichter Spruch zu hören. Rabbi Levi Jizchak aber wandte sich ihm nun völlig zu und sprach ihn gelassen an: "Mein Sohn, die Großen der Thora, mit denen du gestritten hast, haben ihre Worte an dich verschwendet, du hast als du gingst darüber gelacht. Sie haben dir Gott und sein Reich nicht auf den Tisch legen können, und auch ich kann es nicht. Aber mein Sohn bedenke, vielleicht ist es wahr." Der Aufklärer bot seine innerste Kraft zur Entgegnung auf; aber dieses furchtbare "Vielleicht", das ihm von Mal zu Mal entgegenscholl, brach seinen Widerstand. (Quelle: Martin Buber, Gesammelte Werke Band 3, Seite 348)

Nun - haben Sie auch Angst? Angst davor, die Wahrheit zu sagen, so wie Sie diese Wahrheit erkennen. Wer wird uns denn dafür bestrafen, daß wir die Wahrheit gesagt haben, so wie wir sie erkennen und nicht das, was andere von uns verlangen? Wenn wir nämlich das als Wahrheit verkünden, was andere von uns verlangen, dann verhalten wir uns ähnlich wie ein Maffiosi, der dazu aufgefordert wird, einem anderen Maffiosi ein Alibi zu geben. Wenn wir das nachplappern, was andere uns vorbeten, dann laufen wir Gefahr einem Betrüger auf den Leim zu gehen. Wir haben dann gegen unseren Geist / gegen unsere Vernunft gehandelt, also haben wir gelogen.

Nur wenn wir die Dinge so sehen, wie sie sind, und nicht so wie sie einige sehen wollen, wenn wir uns den Problemen stellen, werden wir auch Menschheitsprobleme, wie das Problem unserer kurzen Lebensdauer, in Angriff nehmen und auch irgendwann lösen.

Johannes Kepler

*27. Dezember 1571 in Weil der Stadt; † 15. November 1630 in Regensburg

Der wissenschaftliche Fortschritt wurde immer von jenen Menschen begründet, die sich in ihrem Denken nicht der herrschenden Meinung angepaßt haben. So schreibt Johannes Kepler in seiner Astronomia nova: "Die Astronomie enthüllt uns die Ursachen der Dinge; die Bibel, welche Höheres lehrt, bedient sich, um verstanden zu werden, der Ausdrucksweise der Menschen und benutzt dazu Naturerscheinungen nach ihrer äußeren Gestalt." Und weiter heißt es: "Heilig ist zwar Laktanz, der die Kugelgestalt der Erde leugnete, heilig ist Augustinus, der die Kugelgestalt zugab, aber Antipoden leugnete, heilig ist das Officium unserer Tage, das die Kleinheit der Erde zugibt, aber ihre Bewegung leugnet - heiliger ist mir die Wahrheit. - Wer zu einfältig ist die Astronomie zu verstehen, oder zu kleinmütig, um ohne Angst für seine Frömmigkeit dem Kopernikus zu glauben, dem gebe ich den guten Rat, die Schule der Astronomen zu verlassen und sich seinen Geschäften zu widmen." (Quelle: Wer ist das eigentlich - Gott, Kösel Verlag 1969). Siehe hierzu auch das Kapitel zu Pascals Wette.

 

Ansichten und Einsichten zur Gottesfrage

Dazu eine kleine Geschichte zitiert aus einer E-Mail von Willibald Glas (Pfarrer im Ruhestand) verknüpft mit einer Geschichte aus den Erzählungen der Chassidim.

Es ging um einen runden Geburtstag. Dem Jubilar wurde dabei ein kleines Heft mit Bildern überreicht, und als er es sah, sagte er spontan: „Das bin ja ich!“ Mir fiel auf, dass er mehrmals wiederholte „ Das bin ja ich.“ Scheinbar war er überrascht, dass er es jedes Mal war, er und kein anderer. Es waren die Bilder aus seinem langen Leben, die für ihn aus der ganzen Verwandtschaft und aus dem Freundeskreis zusammengetragen und liebevoll aufbereitet wurden. Dann wurde darüber geredet, wie man sich im Laufe eines langen Lebens tatsächlich verändert und trotzdem derselbe bleibt, und wie jedes Bild wahr und echt ist, obwohl es einen ganz anderen Inhalt hat.

Einige hätten gewisse Bilder lieber nicht in die Sammlung aufgenommen, sondern nur die eigenen Bilder und von denen auch nur das Neueste. Schließlich sagten sie sich: „Das ist er, wie er leibt und lebt, und wie wir ihn erfahren haben.“ Kurz und gut, der alte Herr hatte sich gefreut, und alle waren froh, dass er ihnen nichts krumm genommen, sondern alles wirklich gut aufgenommen hat.

Ist nicht Gott auch so ein „alter Herr"?

Aber wo wohnt dieser alte Herr? Mit dieser Frage überraschte der Kozker Rabbi einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren. Sie lachten über ihn: "Wie redet Ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!" Er aber beantwortete die eigene Frage: "Gott wohnt, wo man ihn einlässt."

Die Religionen liefern uns nur Bilder. Es sind Bilder, die uns nicht immer gefallen, die aber zum Wesen und zur Geschichte der Gottesfrage gehören. Die menschenähnlichen Bilder legen nahe, dass diese Bilder aus unserer Weltanschauung stammen. Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, sagt Ludwig Feuerbach. Es sind Bilder, die wir diskutieren können, die wir widerlegen können. Aber haben wir damit die Existenz einer höheren Macht widerlegt oder haben wir diese höhere Macht nur besser kennen gelernt? Gibt es diese höhere Macht überhaupt oder haben wir in unserem Streben nach Macht und Anerkennung die Macht idealisiert und schließlich in einem Gott verabsolutiert?

Die Frage, ob es ein übergeordnetes Bewusstsein gibt, ist nur schwer zu beantworten und hängt davon ab, was wir unter Bewusstsein verstehen. 

Angenommen wir bauen einen Computer, der den so genannten Turing-Test besteht (benannt nach dem englischen Mathematiker Alan Turing * 23. Juni 1912 in London; † 7. Juni 1954 in Wilmslow). Der Test sieht so aus, dass ein Computer getrennt durch eine Stellwand Fragen eines Menschen beantwortet und der Mensch soll anhand der Antworten entscheiden, ob ein Mensch oder eine Maschine geantwortet hat. In Spezial-Disziplinen, wie etwa dem Schachspiel, besteht der Computer diesen Test bereits heute. Wir wissen aber, dass der Computer eine rein materielle Struktur ist. 

Aus meiner Sicht kann man aus Materie Strukturen aufbauen, die Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen. Mehr dazu siehe "Dimensionen des Geistes"..

Aber der Computer ist nicht die einzige materielle Struktur, die intelligente Leistungen vollbringt. Schon Hoimar von Ditfurth hat in seinen Büchern und Vorträgen darauf hingewiesen, dass auch unser Immunsystem intelligente Leistungen vollbringt, ohne dass hier ein Bewusstsein in unserem Sinn gebildet wird. Auch der Evolutionsprozess führt zur Bildung hoch komplexer Strukturen und erscheint daher als Leistung eines intelligenten Wesen, allerdings mit charakteristischen Unterschieden. Sowohl beim Immunsystem, als auch bei der Evolution spielt der Zufall eine Rolle. Es werden Millionen von Versuchen gemacht, bis ein Treffer gelandet wird. Ein weitere Unterschied ist, dass die Entstehungsgeschichte mitgeschleppt wird und immer wieder von neuem in Grundzügen wiederholt wird. Wir alle sind aus einem Einzeller zu einem Menschen herangewachsen und nicht nach einem Plan zusammengebaut worden, sondern der Plan wird laufend modifiziert, indem Gene an und abgeschaltet werden in Abhängigkeit von der Größe des Zellhaufens, der Größe der gebildeten Organe . . . Da werden unterschiedliche Zelltypen gebildet. Da wird alles reguliert durch den Stoffwechsel der einzelnen Zellen in Verbindung mit dem menschlichen Genom. Die Stoffwechselprodukte werden als Information verarbeitet. Und da sieht man dann, dass Materie ambivalent ist. Sie kann von der Zelle als Nahrung oder als Information zur Steuerung genutzt werden. Aber auch Nahrung schaltet Gene an, denn sie muss ja verarbeitet werden. Man spricht da heute von den epigenetischen Effekten der Nahrung. Das Genom ist nur ein Normierungsfaktor, der im Laufe der Evolution ständig angepasst und erweitert wurde.  Näheres dazu siehe "Der genetische Code".

Aus unserer Sicht sind wir ein unabhängiges Wesen, das einen eigenen Willen besitzt und aus Handlungsoptionen eine Handlung auswählt. Aus neurologischer Sicht steht die Handlung, die wir auswählen fest, bevor sie uns bewusst wird. Auch wenn wir es nicht wahr haben wollen: Wir entscheiden unbewusst aufgrund der Strukturen in unserem Gehirn, aufgrund unseres Wissen, aufgrund unseres Gemütszustands, aufgrund unserer Veranlagung. Da läuft alles gemäß den naturgesetzlichen Regeln ab.

Rätselhaft ist aber, wie jene Welt, die unser Bewusstsein darstellt, aus den Signalen der Nervenzellen gebildet wird.

Es ist eine temporäre Welt, die da aufgebaut wird, aus dem, was wir sehen, denken und fühlen. Eine Welt, wo Dinge verschwinden, wenn sie in Vergessenheit geraten. Eine Welt, die sich ändert, wenn sich unsere Ansichten ändern, wir neue Erkenntnisse gewinnen. Eine eigene Welt, die auch nur in Teilen ähnlich der unserer Mitmenschen ist. Unterschiede gibt es u. a. bei den sexuellen Präferenzen. Bei dem, was wir als schön oder als hässlich empfinden. Das Farbempfinden hängt zum Beispiel von den Signalen ab, die das Auge an das Gehirn weiterleitet, aber auch von jenem Zellverbund, der diese Signale verarbeitet und an andere Stellen im Gehirn weiterleitet. Es stellt sich dar als das Ergebnis eines Interpretationsprozesses. Aber in unserem Bewusstsein stellt sich die elektromagnetische Natur des Lichts als Farbe dar. Der Verband aus Nervenzellen, der unserem Bewusstsein diese Farbe vorspiegelt, weiß nichts von der elektromagnetischen Natur des Licht. Er erhält nur Nervensignale von anderen Zentren des Nervensystems, die er gemäß den im Evolutionsprozess bewährten Regeln verarbeitet.

Aristoteles verwendet diesen Satz allerdings in einem anderen Sinn als der dialektische Materialismus. Er geht vom Ganzen als Ursache aus und vertritt ein teleologisches Ursachenkonzept, in dem es vier verschiedene Ursachen gibt, die causa formalis (Formursache), causa materials (Materialursache), causa efficiens (Wirkursache und die causa finalis (Zweckursache).

Wie erklärt man die Existenz dieser Welt? Ein Lösungsansatz ist das Phänomen der Emergenz, jener Erscheinung, der die Erkenntnis zugrunde liegt, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile (Aristoteles 384 – 322 v. Chr.). Einer Erkenntnis, auf der der dialektische Materialismus aufbaut.

Die generelle Frage ist aber: Wie definiert man Bewusstsein? Ist es das Wissen eine autonome Einheit zu sein oder haben auch Völker eine Art Identität. Ein Gedanke, den u. a. der bis in die neunziger Jahre von der katholischen Kirche geächtete französische Jesuit Teilhard de Chardin (* 1. Mai 1881 - † 10. April 1955) vertreten hat. Teilhard de Chardin glaubte, dass diese Entwicklung der Gesellschaft, der Natur, des Kosmos in einer Christogenese am Punkt Omega enden würde.

Der Gedanke, dass es auch ein Gruppenbewusstsein geben könnte, klingt aber auch schon in den Worten von Jesus und Paulus an.

Matthäus 18,20
Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Römer 12,4-5
Denn wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder denselben Dienst leisten, (1 Kor 12,12.27f; Eph 1,23) so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören.

Gibt es ein Gruppenbewusstsein wie bei einem Ameisenstaat? Wenn man dies mit ja beantwortet, dann sind generell auch Netzwerke, wie jene Menschen, die über das Internet verbunden sind,  in der Lage eine Art Bewusstsein zu bilden, womit wir wieder bei unserem Gehirn sind, das ja auch nur ein Netzwerk aus Nervenzellen ist. Aber auch die Natur ist ein Netzwerk im weitesten Sinn, in dem wir als aktive Mitspieler sozusagen eine der Schaltstellen sind. Wenn man nun generell das größere Ganze als eine entscheidungsfähige Einheit sieht, dann kann man dies als Gott definieren. Jede Mitwirkung an diesem größeren Ganzen ist dann eine Art Gottesdienst, denn wir sind es die an diesem Gruppenbewusstsein mitwirken, es gestalten. Wir sind ein Teil jenes größeren Ganzen. Unser Nervennetzwerk wäre dann, wie es der Autor der Genesis sagt, ein Abbild jenes größeren Ganzen (Genesis 1,27).

Aber wir sollten uns auch darüber klar sein, dass es sich beim Gruppenbewusstsein nicht mehr um ein menschliches Bewusstsein handelt, sondern allenfalls um das Bewusstsein von Systemen. Uns war bis vor etwa ein, zwei Jahrhunderten noch nicht einmal bewusst, dass es Nervenzellen sind, die unser Bewusstsein formen und viele glauben dies auch heute noch nicht. Die wesentlichen Veränderungen auf Zellebene bahnen sich im Millisekundenbereich an. Da werden kurze Signalfolgen bewertet und meist mehrmals von ganzen Gruppen von Nervenzellen durchgekaut. Es kann dabei zu Fehlinterpretationen kommen. Es wird ein dynamisches, elektromagnetisches Feld aufgebaut. Ob das das Bewusstsein ist?

Auf menschlicher Ebene läuft die Kommunikation über die gemeinsame Sprache und über Gesten, was nicht immer eindeutig ist. Über das Netzwerk kommt es zu einer kulturellen Evolution. Die Vernetzung der Gesellschaft über das Internet bringt da eine zusätzliche Qualität in das bisher eher dumpfe Volksbewusstsein, das von Politikern, Klerikern und Wirtschaftsunternehmen gesteuert wird. Durch die stärkere Vernetzung beschleunigen sich die Kommunikationsvorgänge und das wiederum beschleunigt in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft die kulturelle Evolution. Es ist ein Wettbewerb der Ideen. Die kulturelle Evolution ist langfristig gesehen unseren Wünschen und unserem Überleben verpflichtet. Das sind die Motive, die uns antreiben. Sie beschert einzelnen gelegentlich paradiesische Zustände. Sie kann aber auch in unserer kurzen Lebensspanne für uns zum Horrortrip werden. Die eigene geistige Freiheit und die eigene geistige Weiterentwicklung hängen davon ab, wie offen wir mit Informationen umgehen. Nach meiner Erfahrung können wir einer Manipulation durch frühkindliche Prägung nur entgehen, wenn wir uns jeder Kritik an der eigenen Überzeugung stellen. Wenn wir der berechtigten Kritik dadurch zu entgehen versuchen, dass wir uns erst gar nicht mit ihr beschäftigen, bleiben wir ein Leben lang der Sklave eines Propagandisten und leben mit einem frommen Selbstbetrug. Die Religionen, insbesondere die christliche Religion, rufen dazu auf, die Wahrheit zu sagen und nicht alles nachzuplappern (Ihr sollt nicht plappern wie die Heiden (Mt 6,7)). Ist es nicht die Wahrheit, die uns freimacht (Joh 8, 32)? Aber die Art, wie sie mit Kritik umgehen, zeigt meist, dass sie nicht der Wahrheit, sondern dem Glauben verpflichtet sind. "Denn wir wandeln durch den Glauben und nicht durch Schauen", sagt Paulus in 2. Korinther 5:7. Joh.20,29 . . . Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Der Idealtypus des Gläubigen nach dem Wunsch der Propagandisten ist demnach ein geistiger "Blindgänger".

Auf der Ebene der biologischen Evolution sind es Auswahlkriterien, genetische Veränderungen, durch die sich das System weiterentwickelt. Es sind einfache Mechanismen, die das System steuern. Der Evolutionsprozess füllt die Nischen in dem sich ständig ändernden Lebensraum. Die Kommunikation spielt nur bei der Partnerwahl  (Wahl des Sexualpartners, Wahl des Symbionten) eine Rolle.  Auf genetischer Ebene läuft bei der Vereinigung von Ei- und Samenzelle auch eine Art Kommunikation ab. Ansonsten beherrschen fressen und gefressen werden das System.

Auf kosmischer Ebene einer Galaxie sind es Gravitationsfelder und elektromagnetische Felder, die das Geschehen bestimmen. Hier wird das Signal mit dem Quadrat des Abstands schwächer, aber jeder Teilnehmer des Netzwerks wird einbezogen. Bis das Signal sich durch das Netzwerk fortbewegt vergehen zehntausende von Jahren. Ist dieses Netzwerk lernfähig? Was sollte es lernen?

Die Intelligenz eines Netzwerks hängt im wesentlichen davon ab, ob und auf welche Weise Wissen akkumuliert wird, wie weit es im Netzwerk für alle Teilnehmer verfügbar ist, wie umfangreich die Signalfolgen sind, die der einzelne Teilnehmer verarbeiten kann, wie weit ein Problem in einzelne Problembereiche gesplittet werden kann, wie arbeitsteilig das Netzwerk arbeitet, wie rasch Informationen umgesetzt werden . . .

Das größere Netzwerk ist nicht zwangläufig das intelligentere.

Ob es darüber hinaus physikalisch eine wirksame Verbindung gibt, die alles umfasst, wissen wir nicht.

Aber vielleicht gilt ja der Satz Hegels: Die Wahrheit ist das Ganze - Sein und Werden.


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