Gottesbeweise - Wege oder Irrwege zu Gott


Teil 7

Textmarken: Das anthropische Prinzip,    Die philosophische Diskussion des antropischen Prinzips


Das anthropische Prinzip - Eine Feinabstimmung der Natur auf den Menschen?

Der Ausdruck anthropisches Prinzip (von griechisch anthropos »Mensch«) wurde erstmals 1973 von Brandon Carter während der Feierlichkeiten zu Kopernikus 500. Geburtstag vorgeschlagen, wie um auszurufen, dass letztlich die Menschheit eine besondere Stellung im Universum einnehme und dass alle kosmischen Parameter, die die Erde betreffen (Naturkonstanten, Umlaufbahn, Wasser, Luft . . .), auf menschliches Leben ausgerichtet sind.

Einem breiteren Publikum stellte Brandon Carter seine Ideen zum anthropischen Prinzip 1974 in einer Publikation der Internationale Astronomische Union (IAU) vor. Später, im Jahr 1983, behauptete er, dass das Prinzip in seiner ursprünglichen Form lediglich dazu dienen sollte, Astrophysiker und Kosmologen vor möglichen Fehlern bei der Interpretation von astronomischen und kosmologischen Daten zu warnen, falls biologische Randbedingungen des Beobachters nicht miteinbezogen würden.

 1983 schloss er darüber hinaus eine Warnung ein, dass genau das Umgekehrte auch für Evolutionsbiologen gelte; Carter behauptete, dass bei der Interpretation der Evolutionsgeschichte gleichfalls astrophysikalische Beschränkungen des Prozesses zu beachten seien. Dies im Hinterkopf schloss Carter, dass die Evolutionskette aufgrund des zur Verfügung gestandenen Zeitintervalls vermutlich höchstens ein oder zwei hochgradig unwahrscheinliche Glieder enthalten könne.

1986 wurde das kontroverse Buch The Anthropic Cosmological Principle von John Barrow and Frank Tipler veröffentlicht. Darin ebnete Barrow, ein Kosmologe , dem, was er anthropisches Prinzip nannte, den Weg, um eine Form des Umgangs mit den schier unglaublichen Zufällen zu finden, die zu unserer Gegenwart in einem Universum führten, das perfekt auf unsere Existenz eingestellt scheint. Alles vom genauen Energiezustand des Elektrons bis hin zur Ausprägung der schwachen  Kern-Wechselwirkung scheint maßgeschneidert, um unsere Existenz zuzulassen. Wir scheinen in einem Universum zu leben, das von einer Reihe unabhängiger Variablen abhängt, bei denen eine winzige Veränderung ausreichte, es unbewohnbar für jedwede Form von Leben zu machen. 

Nicht nur, dass der Mensch in das Universum hineinpasst. Das Universum passt auch zum Menschen. Man stelle sich ein Universum vor, in dem sich irgendeine der grundlegenden dimensionslosen physikalischen Konstanten in die eine oder andere Richtung um wenige Prozent verändern würde, in einem solchen Universum hätte der Mensch nie ins Dasein kommen können. Das ist der Dreh- und Angelpunkt des anthropischen Prinzips. Gemäß diesem Prinzip liegt dem gesamten Mechanismus und dem Aufbau der Welt ein die Existenz von Leben ermöglichender Faktor zugrunde.
(John Barrow und Frank Tipler, The Anthropic Cosmological Principle, Seite 7).

Die beiden hauptsächlichen Versionen des Prinzips, wie es von Barrow und Tipler formuliert wurde, lauten:

  • schwaches anthropisches Prinzip (Weak Anthropic Principle, WAP): »Die beobachteten Werte aller physikalischen und kosmologischen Größen sind nicht gleich wahrscheinlich, aber sie nehmen Werte an, die beschränkt sind durch die Erfordernisse für die Existenz von Orten, an denen Kohlenstoff basiertes Leben evolvieren kann, und durch die Erfordernis, dass das Universum bereits alt genug sein muss, dass dieser Vorgang bereits eingetreten ist.«

  • starkes anthropisches Prinzip (Strong Anthropic Principle, SAP): »Das Universum muss so beschaffen sein, dass in ihm die Entwicklung von Leben in einem gewissen Stadium seiner Geschichte ermöglicht wird.«

  • Verfechter der Hypothese des Intelligent Design (d. h. intelligente Planung hinter dem Universum) sehen sich bestätigt durch das anthropische Prinzip. Das Universum, das wir beobachten, muss für die Entwicklung intelligenten Lebens geeignet sein, denn andernfalls könnten wir nicht hier sein, es beobachten und dafür den Schöpfer loben. Das anthropische Prinzip ist also nichts anderes als eine moderne Form eines Gottesbeweises.

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Anthropisches_Prinzip

     

    Die philosophische Diskussion des anthropischen Prinzips

    Die Vordenker des anthropischen Prinzips gehen davon aus, dass die Naturkonstanten und physikalischen Regeln ideal eingestellt sind und dass die Welt nur in dieser physikalischen Anordnung funktioniert. Des weiteren wird vorausgesetzt, dass die Naturkonstanten und die physikalischen Regeln voneinander unabhängig sind. Geht man aber davon aus, dass es sich um ein Parametersystem mit Variablen handelt, wo ein Parameter durch die Veränderung anderer Parameter kompensiert werden kann, dann ist Leben mit vielen Parameterwerten möglich, so wie auch die Zahl 7 als Summe von 4 und 3 oder als Summe von 6 und 1 darstellbar ist.

    In der Darstellung des anthropischen Prinzips wird immer wieder darauf verwiesen wie viele Parameter exakt eingestellt sind und zusammenpassen, etwa, dass die Erde gerade auf einer Umlaufbahn um die Sonne ist, die zumindest in gewissen Breitengraden optimale Temperaturen für das Leben gewährleistet. Daraus wird dann konstruiert wie unwahrscheinlich es ist, dass dies alles zufällig so zustande gekommen ist. In Wirklichkeit kennt man aber nur vier Grundkräfte, die Gravitation, die elektromagnetische Wechselwirkung und zwei Kernkräfte, die starke und die schwache Wechselwirkung. Wenn man annimmt, dass wir in einem unendlichen Universum leben, das seit unendlich langer Zeit existiert, dann konnte es in dieser unendlich langen Zeit auch zur Ausprägung der verschiedensten Sternenkonstellationen kommen und damit wird dann das Wahrscheinlichkeitsargument hinfällig. In einer unendlichen Welt ist eben auch vieles möglich. Wenn ich unendlich lang würfle, dann kann ich jede endliche Zahlenkombination würfeln. Daher sind die Vertreter des anthropischen Prinzips auch gewöhnlich Anhänger der Urknall-Theorie, denn die beschreibt ein endliches Universum.

    Jene die das anthropische Prinzip als Gottesbeweis betrachten sollten folgendes bedenken:

    • Wenn diese Welt optimal für den Menschen geschaffen ist, dann kann es im Jenseits nur eine gleich gute oder schlechtere Welt geben, oder eine völlig anders geartete, anders strukturierte Welt. In einer völlig anders gearteten Welt wären aber auch wir nicht mehr die Selben.

    • Wenn eine kleine Abweichung der Naturkonstanten bereits das Leben auf dieser Welt unmöglich macht, dann kann es auch keinen Eingriff Gottes in Form eines Wunders geben, bei dem Naturgesetze vorübergehend außer Kraft gesetzt werden. Möglich sind dann nur Wunder, wo Gott als zusätzliche Kraft wirkt.

    • Wenn die jenseitige Welt besser ist als die Welt, in der wir leben, dann müssten wir Gott der Tierquälerei bezichtigen, denn er lässt es zu, dass sich Tiere vom Fleisch anderer Tiere ernähren.

    • Die auf der jüdischen Überlieferung vom Sündenfall basierenden Religionen erklären die Mängel dieser Welt mit einem Gesetzesverstoß der ersten Menschen. Aber es ist nicht einzusehen, dass alle heute lebenden Menschen für einen Fehltritt büßen müssen, den ihre Vorfahren vor Jahrtausenden begangen haben (Sippenhaft statt Individualrecht).

    • Wozu die gigantische Größe des Universums, wenn es nur den Menschen hervorbringen sollte? Zudem ist der allergrößte Teil des Universums unbewohnbar.

    Ist diese Welt überhaupt die beste aller vorstellbaren Welten? Ein Problem unseres Planeten Erde sind die begrenzten Resourcen. Wäre die Welt als unendlich großer Teppich ausgebreitet, versehen mit Bergen und Seen, und die Naturphänomene  entsprechend ausgerichtet, dann hätten wir zum Beispiel keine Probleme ein passendes Grundstück für unser Eigenheim zu finden.

    Der Planet Erde hält für unsere Nahrungsgrundlage, die Pflanzen, keineswegs die optimalen Bedingungen bereit. Pflanzen gedeihen bei höherer Kohlendioxyd-Konzentration besser.

    Die Bedingungen auf unserem Planeten haben auch Lebensformen ermöglicht, die unsere Existenz bedrohen, Insekten, die unsere Ernten vernichten, gefährliche Krankheitserreger, giftige Pflanzen, Mörder, Diebe, Betrüger . . . Neben den lebensfördernden Bedingungen gibt es auch eine Reihe lebensbedrohender Bedingungen, Bedingungen, die zu Unfällen führen, mutagene Substanzen, die zu Schädigungen des Erbguts führen, radioaktive Strahlung, giftige Substanzen, Erdbeben, Flutkatastrophen, Meteoriteneinschläge, Klimakatastrophen . . . Wenn diese Welt also als Schöpfung Gottes betrachtet wird, dann hat Gott eine unvollkommene Welt geschaffen.

    Im Übrigen ist nirgends die Aktivität Gottes erkennbar. Die Planeten bewegen sich alle hübsch auf ihren Bahnen. Wenn ein Meteorit auf die Erde zusteuert, dann dann wirft ihn keine höhere Macht aus der Bahn, siehe den Arizona Krater, siehe das Nördlinger Ries. Überhaupt scheint ja Gott nie in einem Labor Wunder zu wirken. Seltsam! Wo er doch angeblich allgegenwärtig ist. Wenn man annimmt, dass Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen hat - die Länge eines Tages hat er selbst im Kapitel Genesis definiert - dann wundert es einen, dass ihm seit etlichen Millionen Jahren nichts mehr eingefallen ist.


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