Schon mal nachgedacht über den Sündenfall?

Textmarken: Was ist Sünde?,    Welche Sünden sind gesühnt,    Sippenhaft statt Individualrecht,    Die Vererbbarkeit der Sünde, aber auch der Pluspunkte bei Gott,    Der Opfergedanke,    Entsühnt durch den Glauben oder durch die Werke,     Der dreieinige Gott,    Präexistenz von Jesus,    Das animistische Weltbild des alten Israel,    Der Gott des Moses, weder allwissend noch allmächtig,    Aspekte zum Sündenfall,    Die zwei Überlieferungen,    Die Konsequenzen für den christlichen Glauben,    Besitzen wir die Gabe der Erkenntnis von Gut und Böse?


Eine Fabel mit zentraler Bedeutung für den christlichen Glauben, denn Sünde und Erlösung von den Sünden gehören im christlichen Glauben zusammen.

Was ist Sünde?

Gemälde von Titian

Sünde kommt von absondern, es ist eine Absonderung von Gott und seinen Geboten. Als Sünden werden jene Verfehlungen bezeichnet, die durch die Absonderung von Gott, durch die Missachtung seiner Gebote entstanden sind. Wir bewerten unsere Taten rückblickend oder im Vorgriff auf unser Handeln gemäß ethischer Normen und eigener Kriterien. Aber zur Sünde wird dieses gedachte Handeln erst mit der Tat, sofern sie als Sünde bewertet wird. Sünde ist demnach bewertete / gedachte Vergangenheit. Sünde ist also ein Gedankengebilde! Und ein Gedankengebilde verschwindet, wenn es in Vergessenheit gerät. Allerdings wirkt eine Verfehlung, sofern sie mit einem Schaden verbunden ist, in die Gegenwart hinein. Sünde ist also nicht nur und nicht in jedem Fall ein Gedankengebilde.

Sünde kann noch auf eine weitere Art verschwinden, nämlich wenn sie verziehen wird. Verziehen werden unsere Taten unserer Erfahrung nach, wenn wir unser Verhalten glaubhaft ändern, ein gesetzestreues Leben führen, soweit als möglich Schadenersatz leisten, wenn ein Schaden entstanden ist, uns entschuldigen . . . Dazu müssen wir aber nicht unbedingt Christen sein.

 

Welche Sünden sind gesühnt?

Nach christlichem Glauben hat sich Gottes Sohn für die Sünden der ganzen Menschheit geopfert.  Die Sünden der Vergangenheit bis hin zum Tod von Jesus sind damit verschwunden (gesühnt).

Hebräer 9,15
Und darum ist er der Mittler eines neuen Bundes; sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten.

Aber sind damit auch die Sünden, die in unserer Zeit begangen wurden, verschwunden?

Paulus meint, wer nun sündigt, der wird nach christlichem Glauben erst am Tag der Auferstehung gerichtet.

Hebräer 10,26-28
Denn wenn wir vorsätzlich sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, gibt es für diese Sünden kein Opfer mehr, sondern nur die Erwartung des furchtbaren Gerichts und ein wütendes Feuer, das die Gegner verzehren wird. Wer das Gesetz des Mose verwirft, muss ohne Erbarmen auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin sterben.

Hier stellt sich die Frage, ob man auch aus Versehen (nicht vorsätzlich) sündigen kann. Ob also ein Fehler als Sünde zählt.  Tatsache ist, dass wir nicht unfehlbar sind und daher zwangläufig Fehler begehen. D. h. dies liegt in unserer Natur. Nach christlichem Glauben sind wir von Gott geschaffen. Er ist also letztlich derjenige, der dafür verantwortlich ist. Die weltliche Gerichtsbarkeit unterscheidet, wenn jemand zu Tode gekommen ist, zwischen Tod durch Unfall, fahrlässiger Tötung und Mord.

Für Paulus ist auch das Gesetzbuch des Moses die Richtschnur für sein Handeln. Dieses Gesetz widerspricht jedoch unserer Rechtsordnung, z. B. ist Sklaverei erlaubt, Frauen sind nicht gleichberechtigt u. s. w. Zum Nachweis der Bibelstellen siehe Gottesbeweise Teil 4.

 

Sippenhaft statt Individualrecht

In viel stärkerem Maße als heute wurde in biblischer Zeit auch das Umfeld des Täters für eine Tat verantwortlich gemacht. Heute bezeichnen wir dies als Schädigung durch das Milieu des Täters, aber es wird im Unterschied zur Antike kaum im Strafmaß berücksichtigt. 

Nur ein Beispiel: In Richter 19 wird die Vergewaltigung und Ermordung einer Frau geschildert, die mit ihrem Mann auf der Durchreise durch das Stammesgebiet des Stammes Benjamin war. Täter waren einige Jugendliche. Dies hatte ein Strafgericht über den ganzen Stamm Benjamin zur Folge. Einen Krieg, bei dem ein großer Teil der männlichen Stammesmitglieder ums Leben kam. 

Dieses Rechtsverständnis, wonach auch die Gruppe, in der sich der Täter aufhält, für eine Tat verantwortlich gemacht wird, findet sich auch in den Evangelien. In Lukas 10:10-15 zum Beispiel verflucht Jesus mehrere Städte. Aus diesem Rechtsverständnis heraus wird uns auch klar, warum sich zumindest Teile der Verwandtschaft jenes Jesus von Nazareth bemächtigen wollten (Markus 3:19-21). Auch in der Offenbarung bezieht sich die Strafe immer auf Gruppen. Und selbst heute noch versprechen die christlichen Kirchen mit dem Bekenntnis zu ihrem Glauben, der natürlich nur durch die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen dokumentiert wird, die ewige Glückseligkeit. 

 

Die Vererbbarkeit der Sünde, aber auch der Pluspunkte bei Gott

Nach unserem heutigen Verständnis lässt sich Schuld nicht vererben, daher sprechen heute manche Theologen nicht mehr von der Erbsünde, sondern von der Ursünde. Mit Ursünde ist jener Anteil der Schuld gemeint, den wir alle auf uns laden, wenn durch gesellschaftliche Prozesse, an denen wir beteiligt sind, Unrecht geschieht (siehe Karl Rahner, Grundkurs der Glaubens).

Nach altem israelitischen Rechtsverständnis (Sippenhaft statt Individualrecht, siehe oben ) haftet auch die ganze Nachkommenschaft. Deshalb lastet  nach israelitischen / christlichem Glauben auch auf allen Nachkommen der ersten Menschen der Fluch der Verbannung aus dem Paradies als Folge der ersten Gesetzesübertretung. 

2. Mose 20, 4-6

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis [Abbild] machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,  aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

5.Mose 7,9

So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, . . .

Vergebung kann es nach israelitischer / christlicher Überzeugung erst nach der Strafe geben.  

4. Mose 14,18 

»Der HERR ist geduldig und von großer Barmherzigkeit und vergibt Missetat und Übertretung, aber er lässt niemand ungestraft, sondern sucht heim die Missetat der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. (siehe auch die Verfluchung Kanaans als Strafe für Noahs Sohn Ham 1. Mose 9:20-27)

Dahinter steht die menschliche Erfahrung, wonach das Leben aus Geben und Nehmen besteht, wonach man für einen Schaden haftet und nur derjenige Vergebung erlangt, der bereit ist den Schaden zu beheben. Bei nicht behebbaren Schäden wurde Gleiches mit Gleichem vergolten. Auge um Auge, Zahn um Zahn (3. Mose 24:20).  Da dies immer schon so war, war es gottgegeben. Und so hatte man sich, dieser Logik folgend, nicht nur vor den Richtern dieser Gesellschaft verantworten, sondern zusätzlich vor den Göttern.

 

Der Opfergedanke

Nach antikem Gottesverständnis kann die Gottheit durch ein Opfer besänftigt werden (siehe Die wunderbaren Geschäfte des Herrn Moses Teil 4). Opfer, die gleichzeitig schon seit jeher bis heute die Geschäftsgrundlage der Priester waren.

Bis heute hoffen die Gläubigen dadurch Einfluss auf die Naturgewalten und die Unwägbarkeiten des Lebens nehmen zu können. Erst mal durch ein Gebet. Man trägt seine Anliegen vor und hofft, dass sie gehört werden. Wenn dies nicht hilft durch ein Opfer. Man hat ja gelernt: Wer etwas haben will, muss etwas geben. Der Logik dieses Glaubens folgend wird bei einem erneuten Fehlschlag das Opfer erhöht und so kam es in allen Glaubenskulturen, die dieser Logik folgten, zu einer Eskalation bis hin zum Menschenopfer (mehr...). Die christliche Glaubenskultur durchlebte diese Phase ihrer Entwicklungsgeschichte in der Inquisition.  

Aus dieser Logik heraus ist auch der Opfertod jenes Jesus von Nazareth für die Sünden der Menschheit zu verstehen.

Leiden und Sterben bewirken nach jüdischer Auffassung Sühne. Erlaubt ist nach dieser Auffassung auch die stellvertretende Sühne durch ein Tieropfer oder bei besonders schwerer Schuld durch ein Menschenopfer. Dieser Glaubensauffassung folgt auch Paulus in

Römer 3,25

Ihn (Jesus) hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben. (siehe auch Leviticus 16,12-15)

Galater3,13

Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt. (5. Mose (Deuteronomium) 21,23)

Hebräer 9,11-14 (Das einmalige Opfer Christi)
Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der künftigen Güter; und durch das erhabenere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Welt ist, ist er ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt. Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh die Unreinen, die damit besprengt werden, so heiligt, dass sie leiblich rein werden, wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen.

Der Opfertod in der Nachfolge von Jesus wird auch heute noch in der katholischen Kirche gewürdigt. Märtyrer werden als Heilige verehrt. Denn in Matthäus 10,39 steht:

Matthäus 10,39 (Matthäus 16,25, Lukas 17,33)
Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

Es werden allerdings auch besondere Leistungen mit der Heiligsprechung gewürdigt. Der Märtyrertod ist nicht die Bedingung zur Heiligsprechung.

 

Entsühnt durch den Glauben oder durch die Werke

Römer 3,28

Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes.

Dieser Glaubensauffassung, dass der Mensch allein durch den Glauben gerecht wird, wie dies in Römer 3,28 angedeutet wird, widerspricht scheinbar Jakobus.

Jakobus 2,24

Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein. (siehe auch den Apostelstreit in Apostelgeschichte 11,1-18)

Abraham zeigt seine Bereitschaft den eigenen Sohn Isaak zu opfern. Glücklicherweise sieht er den armen Widder als Ersatzopfer.

Die Geschichte mit Jona oder auch jene Geschichte, wo Abraham bereit ist seinen Sohn Isaak zu opfern, wird oft so gedeutet, dass hier Gott gar nicht wollte, dass sich ein Mensch opfert. Vor allem bei Abraham stellt sich aber dann die Frage, warum jener Gott einen derart grausamen Treuebeweis fordert. Diese Forderung des Gottes Israels war eine psychische Grausamkeit. In der theologischen Diskussion wird dann gewöhnlich darauf verwiesen, dass der biblische Autor vielleicht auf die Möglichkeit der Begnadigung verweisen wollte.

Doch stehen die Aussagen des Jakobusbriefs nicht in wirklichem Gegensatz zur Lehre des Paulus. Paulus spricht von »Werken des Gesetzes«, Jakobus aber meint die Taten der Nächstenliebe, aber auch des bedingungslosen Gehorsams und nennt in diesem Zusammenhang auch Abrahams Gehorsam als er bereit war seinen Sohn Isaak zu opfern. Beides gehört auch für Paulus zum rechten Glauben (vgl. Gal 5,6)Beide fordern demnach neben der gläubigen Hingabe auch eine gewisse Opferbereitschaft. Der Opfergedanke lebt also auch hier fort.

Heute sind es Geldopfer, die von jedem gläubigen Christen erbeten werden. Begründet u. a. durch Markus 12, 41-44, jener Geschichte wo Jesus auf eine arme Witwe aufmerksam wird, die ihren Lebensunterhalt in den Opferstock wirft, und wo er seine Jünger auf das vorbildliche Verhalten dieser Witwe aufmerksam macht.

Zu denken gibt einem in jedem Fall, dass jener Gott das wertvollste, das er nach Meinung der Theologen geschaffen hat, nämlich menschliches und tierisches Leben, als Opfergabe vernichten lässt.

Die Opfergaben dienten und dienen natürlich nicht nur der Sühne, sondern sind seit jeher die Lebensgrundlage der Priester und deshalb werden die Opfergaben von den Priestern auch gefordert. Bei den Tieropfern im alten Israel wurde nämlich i. a. nicht das Fleisch geopfert, sondern das Fett, das Blut und die Knochen des Tieres (siehe 2. Mose 29:32-33, siehe auch unter dem Link Bibelkritik Moses Teil 4, "Der hungrige Gott des Moses")

 

Jesus als Selbstoffenbarung der Liebe Gottes

oder der "dreieinige Gott"

Jesus wird im neuen Testament als einer der Gottessöhne geschildert. Dazu gehört auch, dass er immer schon existierte. Daher wird im Johannesevangelium auch von einer Präexistenz von Jesus gesprochen. »Ehe Abraham wurde, bin ich« (Johannes 8,58). Er war im Anfang »bei Gott« und ist das schöpferische Wort, durch das alle Dinge geschaffen sind (Johannes 1,1-3). So konnte Jesus von einer Herrlichkeit sprechen, die er bei dem Vater hatte, »ehe die Welt war« (Johannes 17,5), und »ehe der Grund der Welt gelegt war« (Johannes 17,24).

Auch für Paulus stand es fest, dass Jesus in seinem vorweltlichen Sein »in göttlicher Gestalt« war (Phil2,6), und er war eine eigene Persönlichkeit, so wie andere Gottessöhne.

Philipper 2:6

Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,

Hebräer 1:3

er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt;

Das war noch im Einklang mit der Gottesvorstellung im alten Israel, nach der es zwar mehrere Götter gab, aber nur einer verehrt werden durfte.

Es passt jedoch nicht mehr zu dem moderneren Eingott-Glauben, wie er in der Philosophie des Aristoteles und im Islam propagiert wurde. Also schuf die Theologie den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und heiliger Geist. Wobei man den Begriff Person so verstand, dass dies die drei Rollen sind, die bei Gott erkennbar werden (gemäß dem lateinischen Ursprung des Wortes Person  von personare = durchtönen).

Um aber auch noch aus der Drohbotschaft eine Frohbotschaft zu machen, konnte man den strafenden, rächenden, blutleckenden Gott des alten Testament nicht mehr brauchen. Man brauchte einen lieben, barmherzigen Gott. Hier stand insbesondere das Sühneopfer von Jesus im Weg. Denn Gott hätte ja ähnlich wie bei Abrahams Sohn Isaak auf das Opfer verzichten können und schon das alte Testament kennt nicht nur die Sühne durch ein blutiges Opfer.

Jesaja 6,6-7

Da flog einer der Seraphim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.

Psalm 51,9

Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee.

Die christlichen Kirchen gingen früher davon aus, dass nur das Opfer eines sündlosen Lebewesens Gott völlig versöhnen konnte. Pflanzen können keine Sünden begehen. Sie wären daher ebenfalls als vollkommenes Sündopfer zu gebrauchen. Somit hätte Jesus nicht sterben müssen.

Also machte man aus dem Sühneopfer eine Liebesgabe Gottes an die Menschen. Nur - an diesem Geschenk klebt für meinen Geschmack zu viel Blut an der Verpackung. Der unsterbliche Gott wird Mensch, stirbt eines unnatürlichen Todes. Aber von wem wird er nun auferweckt? Da braucht man plötzlich doch mindestens zwei Personen oder eine Person, die mehrere Leben hat, denn sonst wäre ja Jesus nicht gestorben, sondern es wäre nur seine, nach christlicher Vorstellung vom Körper unabhängige Seele kurzzeitig aus dem Körper geschlüpft. Was hat er dann gemacht? Er hat die Wohnungen für seine Jünger renovieren lassen .

Johannes 14,2

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?

Nach der Offenbarung des Johannes sind es übrigens nicht nur drei (Dreieinigkeit), sondern sogar sieben Leben, die Gott hat (Offenbarung 4, 2-6).

Der philosophische Gedanke des Monotheismus sieht Gott als erste Ursache aller Ursache-Wirkungsketten, wobei Gott nur durch seinen Geist in dieser Welt wirkt. Alles andere ist seiner Naturgesetzlichkeit unterworfen. Die Bibel beschreibt jedoch göttliche Wesen wie Engel und Dämonen, die Wunder oder Unheil  bewirken können. Der christliche Glaube ist demnach kein Monotheismus. Aus physikalischer Sicht ist es fraglich, ob sich alles auf eine Ursache zurückführen lässt, denn man kennt wenigstens vier unterschiedliche Naturkräfte (2 Kernkräfte, die Gravitation und die elektrische Wechselwirkung).

Und vor allem ist in dieser Geschichte vom Sühneopfer des Jesus von Nazareth der dreieinige Gott derjenige, der das Sühneopfer bringt und gleichzeitig derjenige, der es huldvoll und gnädig entgegen nimmt. Erschien uns der Vatergott, der seinen eigenen Sohn krepieren lässt, schon pervers, so wirkt dieser Gott schizophren, wenn man vom Monotheismus ausgeht. Der Gedanke des Monotheismus ist ein Gedanke, der ursprünglich aus der Philosophie kommt. Er passt daher auch nicht zur gedanklichen Konzeption des Christentums mit göttlichen Wesen wie Engeln und Dämonen, sondern ist eine Reaktion auf die griechische Philosophie, die in der Zeit der Scholastik (11. und 12. Jahrhundert) wieder auflebte.

 

Das animistische Weltbild des alten Israel

Die Komplexität natürlicher Vorgänge, die durch Überlagerung vieler makroskopischer und mikroskopischer Vorgänge zustande kommt, verdeckt die einfachen Gesetzmäßigkeiten, die natürlichen Vorgängen zugrunde liegen, Gesetzmäßigkeiten, die aus den Eigenschaften der Materie resultieren. So ist man, ohne jedes naturwissenschaftliche Wissen, nur allzu leicht geneigt, der Natur ein menschliches Verhalten anzudichten. Ein wenig Phantasie, ein paar Vermutungen - so entstehen dann religiöse Erklärungen.

Die Geschichte vom Sündenfall fügt sich voll ein in das Naturverständnis der Israeliten. Und so ist es in dieser Geschichte einem Tier (der Schlange) unter dem Einfluss der Götter  möglich zu sprechen. Ein redendes Tier gibt es übrigens auch noch in 4. Moses 22:28. Es handelt sich dabei um einen redenden Esel. - Sie meinen, so einen kennen sie auch. Aber Vorsicht! Hier handelt es sich um einen Esel mit der Stimme Gottes. 

Das israelitische Weltbild ist bis in die christlichen Zeiten hinein, geprägt von einer animistischen Weltanschauung, also einer Weltanschauung, wo Naturkräfte durch Dämonen verkörpert sind. So berichtet die Offenbarung z. B. von von vier Winddämonen, die von den Engeln des Schöpfergottes in Zaum gehalten werden (Offenbarung 7:1). Im Markusevangelium (Markus 4:39-41) gebietet Jesus dem Meer und dem Wind sich zu legen. Dem Meer und dem Wind deshalb, weil die Israeliten keinen Zusammenhang sahen zwischen der Wellenbewegung des Meeres und dem Wind (mehr...).

Gemäß dem alten Testament liegt der Garten Eden (das Paradies) in einem Teil der Erde, und der Zugang wird durch einen Engel bewacht. Im Neuen Testament ist das Paradies im Himmel, also in einem für Menschen unzugänglichen Teil. Eine Bewachung erübrigt sich daher.

 

Der Gott des Moses, weder allwissend noch allmächtig

Recht menschliche Züge hat hier auch noch jener Gott. Gott ist in 1. Mose noch nicht allwissend.  

Der Gott der Bibel ist durch seine menschlichen Eigenschaften wesensmäßig begrenzt. Die Theologie unserer Zeit definiert dagegen Gott als transzendent und immanent zugleich, das menschliche Begriffsvermögen übersteigend u.s.w. Aber gleichzeitig bleibt dieser Gott doch für die Gläubigen als Person ansprechbar, sonst wäre ja jedes Gebet und jeder Gottesdienst sinnlos.

1. Moses 3:8-9

Später hörten sie die Stimme Jahwe Gottes, der um die Tageszeit der Brise im Garten wandelte, und der Mensch und seine Frau versteckten sich nun vor dem Angesicht Jahwes inmitten der Bäume des Gartens. Und Jahwe Gott rief den Menschen wiederholt und sprach zu ihm: "Wo bist du?" Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?
 

1. Mose 18:20 

Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob's nicht so sei, damit ich's wisse.

Wie ein orientalischer Herrscher hat Gott Dienstboten, die ihn informieren. In der katholischen Tradition lebt dieser Gedanke fort in der Form von Schutzheiligen. Dazu passt auch die Forderung jenes Gottes ihn anzubeten, die Forderung nach einer primitiven Demutsbezeugung. In gebeugter Haltung oder auf Knien hat man sich jenem Gott zu nähern.

Wie viele Tiere Gott wohl dafür geschlachtet hat? An Tierschutz dachte damals niemand. In zahlreichen Wundern werden Tiere getötet (2. Mose 8:9; 2. Mose 7:21; Matthäus 8:28-34, 9:1; Offenbarung 16:3). Auch von einem Einsatz von Tieren bei der Kriegsführung  berichtet die Bibel (Richter 15:4). Hier wird der heutige Wertewandel sichtbar.

Im Gegenzug kümmert sich dann jener Gott persönlich um seine Geschöpfe, in der Schöpfungslegende um Adam und Eva. 

1. Moses 3:21

Und Jahwe Gott ging daran, für Adam und für seine Frau lange Gewänder aus Fell zu machen und sie zu bekleiden.

Auf den ersten Blick hat die Erkenntnis der Nacktheit (1. Mose 3:7) nichts mit der Erkenntnis von Gut und Böse zu tun. Verständlich wird dies durch eine Stelle in

2. Mose 20:26

Und du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufgehen, damit nicht deine Schamteile über ihm aufgedeckt werden (siehe auch 3. Moses 18:6-17).

Vor der Gottheit durfte man sich also nicht nackt präsentieren. Aussprüche wie "Leck mich... " gelten ja auch heute noch als Beleidigung.

Neben der Allwissenheit fehlt jenem Gott auch ein anderes Attribut: Die Allmacht. In den folgenden Versen der Legende vom Sündenfall scheint es jedenfalls so, als hätte jener Weltenherrscher Angst bekommen, dass ihm seine Schöpfung ebenbürtig wird.

1. Moses 3:22-23

Und Jahwe Gott sprach dann: "Siehe, der Mensch ist im Erkennen von Gut und Böse wie einer von uns geworden, und nun, dass er seine Hand nicht ausstrecke und tatsächlich auch Frucht vom Baum des Lebens nehme und esse und auf unabsehbare Zeit lebe - ." Darauf tat ihn Jahwe Gott aus dem Garten Eden hinaus, damit er den Erdboden bebaue, von dem er genommen worden war.

Häufig wird behauptet Adam und Eva wären erst durch die Vertreibung aus dem Paradies zu sterblichen Menschen geworden. Dann wäre jedoch der Baum des Lebens überflüssig gewesen (siehe die oben genannte Stelle in 1. Mose 3:22-23).

Es ist der Rat der Götter, der beschließt, die Menschen nicht in ihren Kreis aufzunehmen, nachdem einer aus ihren Reihen den Menschen verraten hat, welche Geistesgabe in den Früchten dieses Baumes schlummerte, die Erkenntnis von Gut und Böse. Mit diesem Wissen ausgestattet konnten Menschen Göttern gleich zu Richtern werden, über Leben und Tod entscheiden. Hätten Adam und Eva nun auch noch vom Baum des Lebens gegessen, so wären sie den Göttern gleich unsterblich gewesen.  

Der Schöpfer, der hier geschildert wird, hat Angst, die uralte menschliche Angst, die Kontrolle über die eigene Schöpfung zu verlieren und von ihr beherrscht zu werden, deshalb jagt er die Menschen aus seinem Reich.

Dieser Schöpfergott steht offenbar nicht über den Dingen, die er geschaffen hat. Der Gott der Bibel, sowie seine Engel und die Dämonen, ist ein Gott mit allen menschlichen geistigen Eigenschaften wie Zorn, Liebe, Eifer u.s.w., nur etwas mächtiger. Ein göttlicher Übermensch in der Gestalt eines gewalttätigen orientalischen Herrschers, nicht mehr! 

Dieser Gott will nicht die Gemeinschaft mit Menschen.

Psalm 49,8-11

Loskaufen kann doch keiner den andern noch an Gott für ihn ein Sühnegeld zahlen - für das Leben ist jeder Kaufpreis zu hoch; für immer muss man davon abstehn - damit ER auf ewig weiterlebt und niemals das Grab schaut. Denn man sieht: Weise sterben; genauso gehen Tor und Narr zugrunde, sie müssen andern ihren Reichtum lassen.

Anmerkung: In dem wohl später entstandenen 4. Buch Mose wird diese Distanz für Moses aufgehoben.

4. Mose 12:6-9

 . . . Mit ihm (Moses) rede ich von Mund zu Mund, von Angesicht zu Angesicht, nicht in Rätseln. Er darf die Gestalt des Herrn sehen.  . . .

Wenn er die Gemeinschaft mit den Menschen hätte haben wollen, hätte er sie nach der Legende vom Sündenfall schon damals haben können. Wer hätte ihn daran hindern können? In den Büchern Moses wird daher auch nirgends den Menschen ein ewiges Leben in Gemeinschaft mit Gott versprochen. Es bleibt hier immer eine unüberbrückbare Distanz.

2. Mose 33:20 

Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

In der Offenbarung hört sich das freilich anders an. Offenbarung 21:3-4 stammt aber auch nicht vom gleichen Autor. 

 

Die verschiedenen Aspekte der Geschichte vom Sündenfall

Ein großer Teil des Buches Hiob wurde in Versform verfasst. Hier handelt es sich daher eindeutig um eine Dichtung.

Den Menschen der damaligen Zeit war sicher aufgefallen, dass der heranwachsende Mensch immer mehr Erkenntnisse gewinnt. Der Zeitpunkt, zu dem er erwachsen ist und mit seinen Fähigkeiten seine Lehrmeister übertrifft, fällt zusammen mit dem Wendepunkt in seinem Leben. Er verlässt die Geborgenheit des Elternhauses, er muss selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommen und er beginnt zu altern. - Ein Stoff, der sich für ein Drama eignet! Solche Geschichten wurden an den Lagerfeuern erzählt. Die Geschichte vom Sündenfall ist ein Drama, das dann, ähnlich wie das Drama von Hiob, religiöse Bedeutung erlangte, als es in den Priesterschriften festgehalten wurde.  Es ist nicht die einzige Legende, die hier festgehalten wird. In Richter  9,7-15 erzählt Jotam die Legende vom Dornbusch als dem König der Bäume.

Die Vermutung, dass es sich um ein Geschichte handelt, wird u. a. dadurch gestützt, dass die Biographie Adams fehlt. Zu anderen Personen, die in der Geschichte Israels eine wesentliche Rolle gespielt haben, findet man in der Bibel ausführliche Biographien (z. B. über Abraham, Jakob und Moses). Über das immerhin 930 Jahre währende Lebens Adams ist außer dem Drama zum Sündenfall nichts bekannt. Obwohl er doch Gott angeblich leibhaftig erlebt hat, fehlt eine Beschreibung jenes Gottes, der zur Tageszeit der Brise im Garten wandelte (1. Moses 3:8-9).

Es gehört zur Tragik der Geschichte des Sündenfalls, dass es den ersten Menschen verboten war die Früchte eines Baumes zu genießen, die ihnen überhaupt erst das Verständnis für Recht und Unrecht ermöglicht hätten. Der Mensch haftet also auch für Taten, die er aus Dummheit oder durch ein Versehen begangen hat. Die Todesstrafe für ein derart geringfügiges Vergehen erscheint jedoch ungerecht und nicht angemessen, angesichts des kindlichen Gemüts der ersten Menschen. Und völlig ungerecht ist es aus unserem heutigen Rechtsverständnis diese Todesstrafe auch für alle Nachkommen zu verhängen.

Die Geschichte vom Sündenfall hat aber noch weitere Aspekte. Hier tritt eine fremde Macht auf, die uns verführt. Wir alle fühlen uns  ja bei schwierigen Entscheidungen hin und her gerissen und religiöse Menschen sehen in dieser Fähigkeit des Gehirns zum inneren Dialog fremde Mächte am Werk. Die Autorin Gabriele Kuby beschreibt dies sehr schön in ihrem Buch "Mein Weg zu Maria".

". . . ich kenne diesen Drachen in mir und merke, wie er anfängt, seine Nüstern zu blähen. Ich will ihm das Feld nicht mehr überlassen. Er tritt im Namen der Wahrheit auf, möchte schnauben und Feuer spucken. In Wirklichkeit ist er ein Verführer, der meine Schwäche ausnutzt, die Welt nicht so ertragen zu können, wie sie ist. Er besitzt kein hörendes Herz, kein Sensorium zur Wahrnehmung des anderen, und durch seinen dicken Panzer kann die Stimme Gottes nicht dringen. Auf diesem Drachen sitzen die Menschen, die Religionskriege führen, Hexen verbrennen und sich von ihrem Nächsten entzweien, weil er einen anderen Glauben hat. Das Herz des anderen erreiche ich niemals auf diesem Drachen. Wenn ich den anderen nicht verändern will, schaffe ich ihm die Möglichkeit, sich zu verändern, weil ich, indem ich seine Freiheit achte, in der Liebe bleibe."

Diese Form der Schuldverlagerung auf fremde Mächte findet sich auch in der Geschichte vom Sündenfall. Da verlagert Adam die Schuld auf Eva, sie gab ihm die Frucht dieses Baumes, und Eva behauptet von der Schlange (dem Teufel) verführt worden zu sein (Genesis 3,12-13). Es ist eine Form der Aufarbeitung der Schuld. Man weiß, dass man einen Fehler gemacht hat, aber man will es nicht gewesen sein. Am liebsten würde man das Rad der Geschichte zurück drehen.

Dem Gedanken Fehler als Chance für einen Lernprozess zu sehen (Baum der Erkenntnis) wird der Gehorsam gegenüber Autoritäten entgegen gesetzt. Es gehört zum Erwachsen werden, dass wir eigene Wege gehen, aber wir müssen auch von Anfang an unsere Grenzen kennen. Eigene Wege zu gehen, kann gefährlich sein. Fehler können tödlich sein.

Parallelen hat diese Geschichte in den Heldensagen etwa in der griechischen Achilles-Sage oder der deutschen Siegfried-Sage. In beiden Heldensagen hat der Held nur eine einzige verwundbare Stelle, eine einzige Schwäche, bei Achilles, die Ferse, bei Siegfried eine Stelle am Rücken. Beide Helden werden sterblich, wenn sie hier verwundet werden. Ähnlich wie Adam und Eva, die nur durch einen einzigen Fehltritt vom Baum des Lebens getrennt wurden. Erkennbar sind aber auch Parallelen zur Prometheus-Sage, jenem Titanen der griechischen Götter und Heldensagen, der den Menschen das Feuer brachte und der dafür ebenso bestraft wird, wie jener Gottessohn, der in Gestalt einer Schlange eines der Geheimnisse der Götter verrät - das Geheimnis der Erkenntnis von Gut und Böse. Mit diesem Wissen ausgestattet konnten Menschen Göttern gleich zu Richtern werden, über Leben und Tod entscheiden (Genesis 3,5 . . .  ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse).
.

 

Die zwei Überlieferungen

Siehe "Schöpfung und Sündenfall", Prof. Dr. Ernst Haag, "Antwort des Glaubens" Nr. 3, herausgegeben mit Genehmigung des erzbischöflichen Ordinariats Freiburg.

In theologischen Veröffentlichungen zur Schöpfungsgeschichte wird immerhin zugegeben, dass die jetzige Form der Schöpfungsgeschichte (Genesis 1 - 11) durch Zusammenfügung zweier verschiedener Überlieferungen durch den Endredaktor des Pentateuch (der fünf Bücher Moses) entstanden ist. Bei einem Vergleich von 1. Moses 1:27 mit 1. Moses 2:7 sieht man dies sofort. Ab 1. Moses 2:5 beginnt die zweite Überlieferung der Schöpfung.

Ein weiteres Anzeichen dafür, dass hier zwei Überlieferungen zusammengefügt wurden, sind die unterschiedlichen Erklärungen, die für die Herkunft des Lebens gegeben werden. In Genesis 2,7 und Genesis 6, 3 wird der Lebensgeist als Leihgabe des Schöpfergottes betrachtet.  

1. Mose 2:7

Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.

1. Mose 6:3

Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen. 

Im Gegensatz dazu gibt es in Genesis 3,22 jenen Baum des Lebens, dessen Früchte Leben spenden

Dieser Widerspruch im Buch Genesis ist nur dadurch zu erklären, dass es zwei unterschiedliche Gottesvorstellungen gab, hinter denen zwei unterschiedliche Erfahrungen standen. Einmal die Erfahrung, dass pflanzliches Leben Erde und Wasser benötigt und dass pflanzliche Nahrung die Basis für tierisches Leben ist. Zum anderen die Erfahrung, dass zum menschlichen Leben der Verstand gehört und dass dieser Geist mit dem Tod verschwindet.

Das Buch Genesis versucht eine Koexistenz  beider Gottesvorstellungen zu erreichen. Solche Integrationsbemühungen hat es zu allen Zeiten gegeben. (Ökumene; es führen viele Wege nach Rom).

 

Die Konsequenzen für den christlichen Glauben

Wenn man nun die Geschichte vom Sündenfall als Legende ansieht, so hat dies Konsequenzen für den christlichen Glauben, denn diese Geschichte ist, wie bereits eingangs erwähnt, einer der Pfeiler in dem Gedankengebäude des christlichen Glaubens. Die christliche Religion baut auf einen Erlöser. Paulus bezieht sich mehrmals auf Adam und den Sündenfall und der Evangelist Lukas führt den Stammbaum von Jesus bis auf Adam zurück (Lukas 3:38).

1. Korinther 15:21-22

Denn da der Tod durch einen Menschen gekommen ist, kommt auch die Auferstehung der Toten durch einen Menschen. Denn so, wie in Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht. (Siehe auch Römer 5:12-21).

Timotheus 2:9-15

Ebenso möchte ich, dass sich die Frauen in wohlgeordnetem Kleide mit Bescheidenheit und gesundem Sinn schmücken, nicht mit besonderem Flechten der Haare und mit Gold oder Perlen oder sehr kostspieligem Gewand, sondern in einer Weise, wie es sich Frauen ziemt, die Gott zu verehren bekennen, nämlich durch gute Werke. Eine Frau lerne in Stille mit aller Unterwürfigkeit. Ich erlaube einer Frau nicht zu lehren oder Gewalt über einen Mann auszuüben, sondern sie sei in der Stille. Denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva. Auch wurde Adam nicht betrogen, aber die Frau wurde gründlich betrogen und geriet in Übertretung. Doch wird sie durch Kindergebären in Sicherheit bleiben, vorausgesetzt, dass sie in Glauben und Liebe und Heiligung mit gesundem Sinn verharrt.

Römer 6:22-23

Jetzt hingegen, da ihr von der Sünde frei gemacht, aber Sklaven für Gott geworden seid, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit und als Endergebnis ewiges Leben. Denn der Lohn, den die Sünde zahlt, ist der Tod, die Gabe aber, die Gott gibt, ist ewiges Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Der Apostel Paulus hat offenbar die Geschichte von Adam und Eva wörtlich genommen. Dies steht jenen theologischen Auslegungen entgegen, die Adam als Symbolfigur betrachten (adamah = Ackerboden - Wortspiel mit adam = Mensch - der von Erde gemachte, Eva = Leben) und behaupten, Evolutionslehre und Bibel lassen sich miteinander vereinbaren.

Für den Israeliten der damaligen Zeit war es ganz selbstverständlich, dass Geistesgaben, wie die Erkenntnis von Gut und Böse, auf Bäumen wachsen. Bekannt war u. a. die berauschende Wirkung des Weines (1. Mose 9:24). Die Heilkraft vieler Pflanzen. Hoch im Kurs standen auch Liebesdrogen. Nur ein Beispiel, in 1. Mose 30:14 erkauft sich Lea mit der Pflanze Mandragoren die Liebe Jakobs. Da solche Pflanzen auf den Geist wirken, war es nach dem damaligen Naturverständnis nur logisch sie als göttlich einzustufen. So erhielt die Nahrung bei den Israeliten eine magische Bedeutung (siehe 3. Moses 11). 

In der christlichen Glaubenslehre hat die Nahrung ihre magische Bedeutung weitgehend verloren. Geistesgaben werden hier nur noch vom Schöpfer verliehen (Markus 16:17-18; Apostelgeschichte 2:1-4,2:43). Der Nahrung kommt allenfalls noch beim Abendmahl eine magische Bedeutung zu.

Jesus und sein Apostel Paulus sahen die Ursachen für Krankheit und Tod ausschließlich im geistig religiösen Bereich (siehe Markus 7:15, Matthäus 12:43-45, Markus 5:25-34). 

Man fragt sich auch, warum Gott die Menschen auch heute noch sterben lässt. Wo Jesus doch in den Evangelien sagt: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. (Matthäus 28,18) Man fragt sich, warum er eine Welt geschaffen hat, in der das ökologische Gleichgewicht durch Mord und Totschlag aufrecht erhalten wird. Man fragt sich, warum die friedlichsten Lebewesen auf diesem Planeten, die Pflanzen, allen Tieren als Nahrung zu dienen haben. Nur, weil die ersten Menschen die Geistesgabe der Erkenntnis von Gut und Böse vom Baum gepflückt haben? 

 

Besitzen wir die Gabe der Erkenntnis von Gut und Böse?

Besitzen wir denn wirklich die Gabe der Erkenntnis von Gut und Böse in vollem Umfang? Die folgenden Beispiele zeigen, wie schwierig es ist, eine Tat als gut oder böse einzustufen.

• Wer ist schuld, wenn nach Fußballspielen oder Großdemonstrationen emotional aufgeheizte Menschen Geschäfte oder Autos demolieren. Wer ist hier schuld, wenn Menschen verletzt werden? Der Veranstalter oder der Einzelne? Die Rechtssprechung fällt hier sehr unterschiedliche Urteile. Schuld ist nicht immer eindeutig zuzuordnen. Eine Schuld-Verlagerung ist fast immer möglich.

• Wir können die Welt durch die Anwendung der Naturgesetze verändern. Wir müssen sie sogar verändern, wenn wir nicht untätig sein wollen. Verändern heißt aber, die bisherige Ordnung zerstören. Ist das als gut oder als böse einzustufen?

Der Eingriff in große Systeme - z. B. der Umbau eines Hauses, eine Gesetzesänderung in einem Staat, die Ausrottung von "Schädlingen" in der Natur, ein chirurgischer Eingriff bei einem Menschen - erfordert große Sachkenntnis, um langfristig die Wirkung abschätzen zu können. Eine optimale (gute) Lösung ist oft nicht möglich oder nicht realisierbar. Ein Irrtum ist nicht auszuschließen.

• Bis heute lehren verschiedene christliche Kirchen, dass Menschen, die Gesetze übertreten, sich von Gott abgewandt haben und unter dem Einfluss des Bösen stehen. Aber wer unter dem Einfluss überirdischer Mächte steht, ist diesen Mächten ausgeliefert. Ist solch ein Mensch überhaupt für seine Taten verantwortlich? Im Mittelalter wurde die Verurteilung dieser Menschen folgerichtig damit begründet, dass man sie im Jenseits einer schnelleren Heilung zuführen wollte.

• In der Bibel wird die Herren-Knecht-Ordnung als etwas völlig normales betrachtet. Das Wort Mitbestimmung taucht hier nicht auf. Frauen sind rechtlich benachteiligt. Sogar die Sklaverei ist gesetzlich geschützt (siehe 2. Moses 21). Wer hier meint, dass es sich dabei um die Regelung eines ganz normalen Arbeitsverhältnisses gehandelt hat, der lese 2. Moses 21:20-21, 3. Moses 22:10-11.

• Von einigen Patriarchen, die in der Bibel erwähnt werden, ist bekannt, dass sie mehrere Frauen hatten (Abraham, David, Salomo). Heute wird dies als Polygamie bestraft. Welche Rechtsnorm gilt?

Gut und Böse sind emotional geladene Begriffe und Emotionen führen uns eher zur Rache als zum Recht. Um zu einer objektiveren Betrachtungsweise zu kommen, müssen wir Sachverhalte nach anderen Kriterien bewerten. Eine Möglichkeit ist, sich zu fragen, ob eine Tat sinnvoll (d. h. motiviert, zielgerichtet) oder sinnlos (d. h. unmotiviert, zufällig) war, ob jemand mehr zum Nutzen oder mehr zum Schaden anderer gewirkt hat. Dies würde einer objektiven Beurteilung von Sachverhalten näher kommen.

Bei einer Gerichtsverhandlung geht es heute nicht mehr darum, ob eine Tat gut oder böse war, sondern es wird nach dem Motiv der Tat gefragt, es wird gefragt, ob die Tat geplant oder im Affekt begangen wurde, und es wird gefragt, welche Rechtsnormen missachtet wurden. Der Sühnegedanke der jüdisch-christlichen Ethik findet sich aber nach wie vor in unserem Strafgesetzbuch. Die Gefängnisse sind Strafanstalten, auch wenn sich hier langsam ein humaner Strafvollzug durchsetzt. Der Sinn der Verurteilung ist die abschreckende Wirkung der Strafe, nicht der Schutz der Gesellschaft vor Triebtätern. Man unterscheidet nicht zwischen Triebtätern und milieugeschädigten Menschen. Zugegeben, die Psychologie liefert hier noch keine eindeutigen Kriterien.

Wem nützt die Strafe? Sie stillt das Rachebedürfnis des Geschädigten und befriedigt damit die niederen menschlichen Instinkte.

Eine Tat kann man nicht ungeschehen machen. Die Vergangenheit kann man nicht ändern, aber die Zukunft können wir gestalten.

Durch die Schaffung überregionaler Gerichtshöfe und die Vereinheitlichung ethischer Normen wird heute versucht zu einem gemeinsamen Rechtssystem zu kommen. Eine der Voraussetzungen für eine friedlichere Welt, in der nicht mehr Staaten wegen der Vergehen Einzelner in Sippenhaft genommen werden. Möglich wurde dies durch einen interkulturellen Dialog, der sich durch Urlaubsreisen, Studienaufenthalte und wirtschaftliche Verflechtungen ergibt. Dieser fruchtbare  Dialog gedeiht allerdings nur in einem Klima der Toleranz und der gegenseitigen Achtung. Ein Prozess, der schon immer eine Bedrohung für die Propagandisten des Glaubens war, denn dort, wo sich jemand selbst seine Meinung bildet, verlieren der Tradition verpflichtete Propagandisten ihre Autorität. Folglich wird seit jeher versucht die Mitglieder mit der Peitsche der Psychologie von äußeren Einflüssen abzuschotten (siehe Apostelgeschichte 19:9). Dazu gehören dann auch gelegentlich Bücherverbrennungen wie in Apostelgeschichte 19:19. Aber dort wo Bücher verbrannt werden, werden bekanntlich bald auch Menschen verbrannt. Wer zu solchen Methoden greift, hat die schlechteren Argumente.


Inhalt

Index

weiter