Nietzsches Interpretation des Buches Genesis


Nietzsche hat hier 1. Moses 3:22-23 im Sinn:

Und Jahwe Gott sprach dann: "Siehe, der Mensch ist im Erkennen von Gut und Böse wie einer von uns geworden, und nun, dass er seine Hand nicht ausstrecke und  tatsächlich auch Frucht vom Baum des Lebens nehme und esse und auf unabsehbare Zeit lebe - ." Darauf tat ihn Jahwe Gott aus dem Garten Eden hinaus, damit  er den Erdboden bebaue, von dem er genommen worden war.

Hat man eigentlich die berühmte Geschichte verstanden, die am Anfang der Bibel steht, - von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft? ... Man hat sie nicht verstanden. Dies Priesterbuch par excellence beginnt, wie billig, mit der großen inneren Schwierigkeit des Priesters: er hat nur Eine große Gefahr, folglich hat »Gott« nur Eine große Gefahr.

Der alte Gott, ganz »Geist«, ganz Hoherpriester, ganz Vollkommenheit, lustwandelt in seinem Garten: nur dass er sich langweilt. Gegen die Langeweile kämpfen Götter selbst vergebens. Was tut er? Er erfindet den Menschen, - der Mensch ist unterhaltend ... Aber siehe da, auch der Mensch langweilt sich. Das Erbarmen Gottes mit der einzigen Not, die alle Paradiese an sich haben, kennt keine Grenzen: er schuf alsbald noch andre Tiere. Erster Fehlgriff Gottes: der Mensch fand die Tiere nicht unterhaltend, - er herrschte über sie, er wollte nicht einmal »Tier« sein. - Folglich schuf Gott das Weib. 

Die Schlange ist bei den Griechen gleichzeitig das Symbol der Medizin. In vorchristlichen Religionen spielte die Kräutermedizin eine große Rolle. Dieses Wissen wurde vor allem von Frauen überliefert. Nach Jesus verunreinigt den Menschen nicht das, was er zu sich nimmt, sondern das, was er mit Wort und Tat von sich gibt (Markus 7:1-15). Damit verwirft Jesus den kümmerlichen Kern jüdischer Medizin, der in den Reinheitsgeboten enthalten ist. Frauen, die die Zauberkraft der Kräutermedizin anwendeten, wurden deshalb von den christlichen Kirchen, allen voran von der katholischen Kirche, als Hexen verfolgt. Die katholische Kirche will heute natürlich nicht an dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte erinnert werden und baut deshalb Frauen wie Hildegard von Bingen als große Heilige auf. 

Und in der Tat, mit der Langenweile hatte es nun ein Ende, - aber auch mit anderem noch! Das Weib war der zweite Fehlgriff Gottes. - »Das Weib ist seinem Wesen nach Schlange, Hera« - das weiß jeder Priester: »vom Weib kommt jedes Unheil in der Welt« - das weiß ebenfalls jeder Priester. »Folglich kommt von ihm auch die Wissenschaft« . . . Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baume der Erkenntnis kosten. - Was war geschehn?

Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein größter Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich, - es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! - Moral-. die Wissenschaft ist das Verbotene an sich, - sie allein ist verboten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde. Dies allein ist Moral. - »Du sollst nicht erkennen«: - der Rest folgt daraus. - Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein.

Wie wehrt man sich gegen die Wissenschaft? Das wurde für lange sein Hauptproblem. Antwort: fort mit dem Menschen aus dem Paradiese! Das Glück, der Müßiggang bringt auf Gedanken, - alle Gedanken sind schlechte Gedanken ... Der Mensch soll nicht denken. - Und der »Priester an sich« erfindet die Not, den Tod, die Lebensgefahr der Schwangerschaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal, die Krankheit vor allem, - lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft! Die Not erlaubt dem Menschen nicht zu denken ... 

Eine Anspielung auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11:4-9) und auf die Geschichte der Sintflut (ab 1. Mose 7:1).

Und trotzdem! Entsetzlich! Das Werk der Erkenntnis türmt sich auf, himmelstürmend, götterandämmernd, - was tun! - Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker, er macht, dass die Menschen sich gegenseitig vernichten (- die Priester haben immer den Krieg nötig gehabt...). Der Krieg, unter anderem ein großer Störenfried der Wissenschaft! - Unglaublich! Die Erkenntnis, die Emanzipation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. - Und ein letzter Entschluss kommt dem alten Gotte: »der Mensch ward wissenschaftlich - es hilft nichts, man muss ihn ersäufen!« ...

»Glaube« heißt Nicht- wissen-wollen was wahr ist.

Nietzsche an anderer Stelle in dem Buch "Der Antichrist"

Man hat mich verstanden. Der Anfang der Bibel enthält die ganze Psychologie des Priesters. - Der Priester kennt nur eine große Gefahr: das ist die Wissenschaft, - der gesunde Begriff von Ursache und Wirkung. Aber die Wissenschaft gedeiht im ganzen nur unter glücklichen Verhältnissen, - man muss Zeit, man muss Geist überflüssig haben, um zu »erkennen« ... »Folglich muss man den Menschen unglücklich machen«, - dies war zu jeder Zeit die Logik des Priesters. - Man errät bereits, was, dieser Logik gemäß, damit erst in die Welt gekommen ist: - die »Sünde« ... Der Schuld- und Strafbegriff, die ganze »sittliche Weltordnung« ist erfunden gegen die Wissenschaft, gegen die Ablösung des Menschen vom Priester . . . Der Mensch soll nicht hinaus, er soll in sich hinein sehn; er soll nicht klug und vorsichtig, als Lernender, in die Dinge sehn, er soll überhaupt gar nicht sehn: er soll leiden... Und er soll so leiden, dass er jederzeit den Priester nötig hat. - Weg mit den Ärzten! Man hat einen Heiland nötig. - Der Schuld- und Straf-Begriff, eingerechnet die Lehre von der »Gnade«, von der »Erlösung«, von der »Vergebung« - Lügen durch und durch und ohne jede psychologische Realität - sind erfunden, um den Ursachen-Sinn des Menschen zu zerstören: sie sind das Attentat gegen den Begriff Ursache und Wirkung! - Und nicht ein Attentat mit der Faust, mit dem Messer, mit der Ehrlichkeit in Hass und Liebe! Sondern aus den feigsten, listigsten, niedrigsten Instinkten heraus! Ein PriesterAttentat! Ein Parasiten-Attentat! Ein Vampyrismus bleicher unterirdischer Blutsauger! ... 

Siehe hierzu im Index "Feuer vor dem Altar" und unter Inhalt "Die wunderbaren Geschäfte des Herrn Moses Teil 3" das Kapitel mit dem Totschläger gegen Seuchen, sowie im Index "Donnergetöse oder Engelsgesang" und  "Naturkräfte". 

Wenn die natürlichen Folgen einer Tat nicht mehr »natürlich« sind, sondern durch Begriffsgespenster des Aberglaubens, durch »Gott«, durch »Geister«, durch »Seelen« bewirkt gedacht werden, als bloß »moralische« Konsequenzen, als Lohn, Strafe, Wink, Erziehungsmittel, so ist die Voraussetzung zur Erkenntnis zerstört, - so hat man das größte Verbrechen an der Menschheit begangen. Die Sünde, nochmals gesagt, diese Selbstschändungs-Form des Menschen par excellence, ist erfunden, um Wissenschaft, um Kultur, um jede Erhöhung und Vornehmheit des Menschen unmöglich zu machen; der Priester herrscht durch die Erfindung der Sünde.

Quelle: Nietzsche "Der Antichrist". Die Anmerkungen am Rand wurden zum besseren Verständnis nachträglich eingefügt (nicht von Nietzsche).


Inhalt

Index

weiter