Briefwechsel mit einem Pharisäer - Teil 2

München, den 26.05.93

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schwarz!

Von Ihrer Antwort war ich schon ein wenig enttäuscht, zumal Sie ja eine ausführliche Antwort angekündigt hatten. Und nun war die Antwort nicht viel länger als die Ankündigung.

Ihnen erscheint durch Gott vieles plausibler und persönlich dynamischer, schreiben Sie, führen dies aber nicht näher aus. Die Argumente zu den Gottesbeweisen sind Ihnen fast alle bekannt, aber sie ziehen andere Schlußfolgerungen. Wie sieht ihre Argumentation aus? Welche Fehler sehen Sie in meinen Schlußfolgerungen? Wo bin ich bei historischen Betrachtungen zu oberflächlich gewesen? Alles Fragen die offen geblieben sind.

Für mich ist Gott eine einfache Antwort jener, die glauben alles beantworten zu können. Eine plausible Antwort ist die Evolutionstheorie und diese scheinen Sie ja zumindest nicht in Frage zu stellen. Nur, daß die Evolution durchaus ohne Gott auskommt. Der Biologe Richard Dawkins liefert dafür sehr einleuchtende Gründe in seinen beiden Büchern "das egoistische Gen" und "der blinde Uhrmacher", die ich Ihnen als Lektüre nur empfehlen kann. Die moderne Evolutionstheorie geht davon aus, daß der biologischen Evolution eine chemische Evolution vorausging (siehe u. a. Manfred Eigen "Stufen zum Leben"). Nur die Schöpfung der Materie läßt die Evolutionstheorie offen, weil dies kein Thema der Evolutionstheorie ist. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Materie war schon immer da, oder sie ist bei einem Urknall oder einem Schöpfungsakt entstanden. Ich gehe davon aus, daß die Materie immer schon da war und habe dies auch in dem Kapitel "Gottesbeweise - Wege oder Irrwege zu Gott" begründet.

Anmerkung:

Manchmal hört man auch den folgenden Satz:

» Die nüchterne Welt der nachprüfbaren Fakten und klaren Aussagen ist vielleicht auf Anhieb verstehbarer, aber doch wohl um einiges ärmer. «

Auch dies stimmt natürlich nicht! Je mehr man weiß, desto mehr sieht man. Dem emotionalen Wert schadet dies nicht. Man lernt nur die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und sieht sie dann viel genauer. Den ästhetischen Wert behalten die Dinge trotzdem. Wer eine unbekannte Stadt besucht, wird nur wenige der Sehenswürdigkeiten zufällig finden. Aber wenn er weiß, wo es etwas zu sehen gibt, dann wird er dies sehen und noch einiges mehr. Auch wenn man eine Kirche betrachtet wird man die Bilder besser verstehen, wenn man weiß, von wem sie gemalt sind, wer dargestellt wurde und welche Symbolik darin verborgen ist.

"Die Alternative zu Gott sei ein teilnahmsloses, kaltes Weltall", schreiben Sie. Dies möchte ich nicht so stehen lassen. Erstens gibt es in dieser Welt auch die Sonne, an deren Wärme wir uns freuen können, es gibt gerade jetzt die duftenden Blumen und Sträucher und es gibt unsere zahlreichen Partner in der Evolution, Tiere und Mitmenschen. Freilich gibt es auch die dunklen Weiten des Alls. Die Realität ist eben nicht so, wie wir sie gerne hätten. Ich meine aber auch: Wer die Realität so annimmt, wie sie ist, der wird auch das Beste daraus machen. Wir sind ja dieser Realität nicht ganz ausgeliefert. Wir sind in der Lage zu planen, wir sind in der Lage unsere Umwelt zu verändern und wir können uns auch selbst verändern. Diese Möglichkeit eröffnet uns die Gentechnologie. Und warum sollten wir es also nicht eines Tages schaffen den Alterungsprozeß in einen Optimierungsprozeß umzuwandeln? Ich bin da optimistisch.

Die Bibel beschreibt dagegen eine Welt, in der die großen Ereignisse bereits feststehen, wenn man den Horrorvisionen der Offenbarung des Johannes Glauben schenkt. Auch die Propheten des alten Testament haben solche Horrorvisionen verbreitet. Dem Schicksal ist man hier ausgeliefert, wenn - ja wenn man nicht bei der richtigen Partei ist. Sippenhaft?! Ist das göttliche Gerechtigkeit, oder ist das nicht doch der Zeitgeist, das Rechtssystem einer Gesellschaft, die aus Großfamilien bestand, die nur lose verbunden waren zu einem Staat? Heute werden natürlich solche Stellen von verschiedenen Kirchen großzügig ausgelegt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Selbst die Evolutionstheorie versucht man ja mit solchen Kunststückchen, die schon fast an Betrug grenzen, mit der Schöpfungsgeschichte in Einklang zu bringen.

Die Ursachen von Leid und Krankheit sind heute zum großen Teil nachweisbar organischer und damit materieller Natur. Selbst viele "seelische" Störungen lassen sich medikamentös behandeln. Der Geist steht hier nicht über den Dingen, sondern es ist wohl eher umgekehrt. Geisteskrankheiten haben ihre Ursache in organischen Defekten, häufig nachweisbar im Computertomogramm oder in abnormalen Konzentrationen bestimmter Steuersubstanzen. Der Sündenfall (ihre Worte "die gefallene Schöpfung") ist, meiner Ansicht nach, ein morscher Eckpfeiler der jüdisch-christlichen Glaubenslehre. Ich habe dies im Anhang ausführlich begründet.

Wie ich Ihrer Antwort entnehme, glauben Sie immer noch an jenen Jesus aus Nazareth. Ich halte ihn inzwischen für einen Scharlatan und ich habe gute Gründe dafür (siehe Anhang).

Die Hoffnung auf eine etwas ausführlichere Antwort habe ich noch nicht ganz aufgegeben. Ich würde mich jedenfalls freuen wieder etwas von Ihnen zu hören.

Mit freundlichen Grüßen

von Spreter

 


Regensburg, 15. Juni 1993

Sehr geehrter Herr von Spreter,

vielen Dank für Ihren Brief vom 26. Mai und die Beilagen. Alles habe ich durchgelesen, ich werde es noch einmal mit einer Antwort versuchen.

Soweit ich Sie verstehe, versuchen Sie, ehrlich zu sein. Dazu gehört es nach Ihrer Ansicht auch, daß man sich für ein Entweder-Oder entscheidet. Im Leben ist allerdings nicht alles so klar und eindeutig, vieles besteht aus einem Gemisch von Wünschenswertem und Nichtwünschenswertem, von Gutem und Nichtgutem. Schön wäre es, wenn Gott eine einfache Antwort jener wäre, die glauben, alles beantworten zu können, wie Sie schreiben. Nun gibt es sicher einen naiv-kindlichen Glauben, in dem Gott die Antwort für all das ist, was man nicht weiß. Allerdings bemerken viele, daß trotz eines tiefen Vertrauens auf Gott immer noch vieles rätselhaft und für uns unbeantwortbar erscheint. Auch ein Naturwissenschaftler lebt ja nicht mehr im naiven Glauben des 19. Jahrhunderts, daß wir bald alle Geheimnisse der Natur enträtselt haben werden. Natürlich kann man eine Evolutionstheorie aufstellen, die durchaus ohne Gott auskommt. Andererseits kann man mit gleichem Recht behaupten, daß Gott nur ganz selten unmittelbar, meist jedoch vermittelt wirkt. Evolution und Gottes Wirken schließen sich nicht aus, denn die Evolution ist ein anderer Ausdruck für Gottes Schöpfungstätigkeit. Nachdem sich die Theologie lange Zeit in diesem Jahrhundert von der Naturerkenntnis losgeseilt hatte, zu meinem Dafürhalten zu Unrecht, kommen jetzt immer mehr Naturwissenschaftler darauf, Gott und seine Schöpfung aus der Natur beweisen zu wollen. So schrieb mein Assistent eine interessante Dissertation über das Gottesverständnis in der modernen theoretischen Physik. Ich gestehe Ihnen gerne zu, daß man die Natur weitgehend entzaubert hat. Wenn man die Ursachen von Leid und Krankheit heute zum großen Teil in organischer und damit materieller Natur sucht, so bedeutet das durchaus einen Erkenntnisfortschritt. Andererseits kehrt man heute wieder zu einer ganzheitlichen Medizin zurück, denn man hat gemerkt, daß Reduktion und monokausale Erklärung auch keine Allheilmittel sind. Genauso wie das Gebet sachgerechte medizinische Behandlung nicht ersetzen kann, ist medizinische Behandlung auch kein Allheilmittel.

Sie haben ganz recht, daß ich immer noch an diesen Jesus aus Nazareth glaube. Mit Interesse habe ich Ihre Ausführungen gelesen. Erstaunt bin ich, daß Sie sich in der Bibel relativ gut auskennen. Traurig stimmt mich nur, mit welcher hartnäckigen "Freude," Sie vermeintliche oder tatsächliche Widersprüche aufdecken, um festzustellen, daß an der christlichen Botschaft doch kaum etwas dran sein kann. Manchmal spielt Ihnen Ihre Argumentationsweise aber selbst einen Streich. So sprechen Sie z.B. auf Seite 32 vom Zerreißen der Kleider beim Verhör Jesu durch den Hohenpriester. Dazu nur die Anmerkung eines Neutestamentlers: "Auch hier handeln Kaiphas und alle Senatoren genau vorschriftsmäßig, siehe 2 Kön l8,37; Sanhedrin 7,5; Sanhedrin 60a; j Sanhedrin 7,25a; Moed Katan 25b; Sifre Levitikus 24,1l. Aber auch hier berichtet nur Markus ganz korrekt, Matthäus übertreibt. Denn die Vorschrift erlaubte nur das Zerreißen der Unterkleider. Sogar die Stelle und Länge des Einrisses war festgelegt. Das war schon mit Rücksicht auf Levitikus 10,6 und 21,6 erforderlich." Vom innersynoptischen Vergleich her ist es verständlich, daß bei Matthäus eine Ausschmückung der Markus- Stelle erfolgte.

Ich kann mich natürlich nicht mit einer Stelle nach der anderen auseinandersetzen, denn Ihre Argumentationsart erfordert das auch nicht, versuchen Sie doch immer, den biblischen Bericht ad absurdum zu führen. Natürlich gelingt Ihnen das, wobei Sie dies nicht verwundern dürfte. Man kann das bei jedem Schriftstück machen. Die Frage ist nur, ob man das Schriftstück von seiner Intention her verstehen will und sich damit auch in seinen Denkprozeß hineinbegibt, oder ob man es von einer ihm fernen Plattform her abschießt. Wenn Sie etwa auf Seite 2 Ihres Traktats zur Erbsünde fragen: "Wieviel Tiere Gott wohl dafür geschlachtet hat?", als er Adam und Eva mit Gewändern aus Fell bekleidete, so hätten Sie bei dem biblischen Autor nur Unverständnis erregt. Seine Intention war nicht, aufzuzeigen, wie unmöglich sich Gott benommen hatte. Dazu bestand für ihn auch kein Anlaß. Er wollte vielmehr aussagen, daß zwar die Unmittelbarkeit zu Gott unwiderruflich für den Menschen verloren war. Die Menschen standen vor den verschlossenen Toren des Paradieses. Gleichzeitig wollte er aber aufzeigen, daß selbst in dieser Situation Gott den Menschen nicht völlig verließ, sondern ihn gleichsam auch dann noch mit der für das Überleben notwendigen Kleidung ausstattete. Ich finde es eigentlich schade, daß Sie die Bibel mit solchen Augen lesen, die mehr auf das Mißverstehen als auf das Verstehen ausgerichtet sind. Dahinter muß wohl, wenn ich einmal so spekulieren darf, eine tiefe Verletzung stehen. Oder vielleicht wehren Sie sich auch dagegen, diesem Gott und seinem menschlichen Antlitz, Jesus Christus, den ihnen gebührenden Platz in Ihrem Leben zukommen zu lassen.

Natürlich muß man nicht gottgläubig sein und natürlich muß man nicht Christ werden. Eine Notwendigkeit dafür kann Ihnen niemand aufzeigen. Fraglich ist es allerdings, ob lhre Alternative besser aussieht. Ich jedenfalls möchte nicht damit tauschen. Ich bin auch froh darüber, daß die Eckdaten der Zukunft bereits feststehen. Damit gehe ich nicht mehr dem Ungewissen entgegen, obwohl auch ich nicht weiß, was der nächste Tag im Detail für mich bringen mag. Doch weiß ich, ganz gleich was mir begegnet, daß ich von Gott gehalten und geleitet werde. Solches Vertrauen beseitigt nicht Rätsel und Ungereimtheiten, es macht sie allerdings ertragbarer.

Sicher habe ich Ihnen wieder nicht das gesagt, was Sie von mir erwarteten. Vielleicht erwarten Sie einfach zuviel, einerseits in der Hoffnung, daß man es nicht erfüllen kann und auf der anderen Seite doch wiederum hoffend, daß so etwas gelingen möge.

Nun möchte ich aber schließen, um nicht noch mehr midnight oil zu verbrennen.

Mit freundlichen Grüßen und allen guten Wünschen verbleibe ich

Ihr

Hans Schwarz


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